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Full text of "Historisch-kritische Untersuchungen zur dritten Dekade des Livius..."

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M^' 




HISTOBISCH-KEITISCHE UNTEBSTJCHUMEN 



ZUR 



DRITTEN DEKADE DES LIVIÜS 



VON 



Br. hebmann HES8ELBABTH. 



MIT EINER KARTE. 

/ ^ Or TH-- \ 

I UNIVERSITY 

HALLE A. S., 
VERLAG DER BÜCHHANDLUNG DES WAISENHAUSES. 

1889. 



sPßfc/cas 






Inhalt. 

Seite 

Einleitung v — xix 

Erster Abschnitt: Die Vorgeschichte des Krieges imd 

Hannibals Zug bis zur Trebia 1 — 159 

Zweiter Abschnitt: Der Krieg in Afrika 160 — 268 

Dritter Abschnitt: Der Hannibalische Krieg von der Trebia 

bis Cannae 269 — 366 

Vierter Abschnitt: Der Krieg in Spanien 367 — 460 

Fünfter Abschnitt: Der Krieg nach der Schlacht von Cannae 
auf dem italischen, sicilischen, makedonisch -grie- 
chischen Schauplatz 461 — 586 

Sechster Abschnitt: Die Tradition in ihren erkennbaren 

Umbildungsstufen 587 — 693 

Exkurs: "Ober die Schlacht am Trasumennus .... 694 — 702 

Nach Weisung 703 — 704 



l!(r;fy 



Einleitung. 



Wer an die dritte Dekade des Livius mit der Hoffnung 
heranträte, eine durchdachte und innerlich verarbeitete, wenn 
auch vielleicht von beschränktem Standpunkt aufgefafste Dar- 
stellung des gröfsten nationalen Krieges der Römer zu finden, 
würde sich sehr enttäuscht sehen. Livius weifs z. B. bei den 
zum Ausbruch des Krieges führenden Verhandlungen einge- 
standenermafsen nicht aus noch eia, und seine Nachrichten 
über diesen oder jenen Kriegsschauplatz lassen sich nur allzu- 
oft gar nicht zu einem Bilde vereinigen. Überall finden wir 
Abschnitte von ganz verschiedener Herkunft und ungleichem 
Wert mosaikartig aneinandergereiht oder niu' oberflächlich ver- 
bunden. Überall Widersprüche, Ecken und Kanten; zuweilen 
doppelte Berichte über dieselben Thatsachen, viel häufiger 
natfirlich klaffende Lücken. 

Es fehlte Livius offenbar an einer rationellen Methode, 
und der Mangel ist in der dritten und den folgenden Dekaden 
besonders fühlbar. Denn dafs ihm hier neben mangelhaften 
und arg entstellten Quellen offenbar auch vortreffliches Material 
zu geböte stand, macht seine Unfähigkeit zu wählen und 
zu vereinigen nur noch offenkundiger, den Gesamteindruck 
noch ungenügender. Hilflos gegenüber dem bimten Material, 
hat Livius mir ein Flickwerk zu liefern vermocht, nicht unähn- 
lich jenen Kiichenbauten, zu welchen die Hände verschiedener 
Geschlechter in verschiedenen Stilarten ihr Teil beigetragen 



VI Einleitung. 

Aber wie den Kunsthistoriker ein so zusammengeflickter 
Bau oft mehr interessiert als der schönste, nach einem Plan 
und in einem Gufs erstandene gotische Dom, so sind die 
bezeichneten Mängel des Livianischen "Werkes gerade das, 
was den Geschichtsforscher immer wieder anlockt, was ihm 
eine Aufgabe stellt, welche im Falle des Gelingens reiche 
Ausbeute verheifst. 

In der That, wer den Schlüssel zur Entstehung der 
dritten Dekade fände, würde abgesehen von der richtigeren 
Würdigung des Schriftstellers zweierlei erzielen. Er würde 
einerseits eine genauere "Wertbestimmung der aus der 
dritten Dekade so reichlich strömenden Nachrichten 
ermöglichen und die Geschichte jenes denkwürdigen Krieges 
erheblich fördern, anderseits durch teilweise Rekonstruk- 
tion der verlorenen Quellen unsre Kenntnis der älteren 
römischen Geschichtsschreibung bereichem. 

Wie wünschenswert letzteres wäre, wie mangelhaft unser 
oft genug auf Ciceros unzuverlässige Angaben beschränktes 
Wissen von der älteren historischen Literatur ist, braucht kaum 
bemerkt zu werden. Aber auch die Geschichte unsers Zeit- 
raums selbst liegt im Argen. Wo Polybios fehlt, tappen wir 
im Dunkeln, und selbst wo er und Livius sich gegenüber- 
stehen, schwanken unsre ersten Darsteller nur allzuoft, offen- 
bar weil die Mittel fehlen, der breiten, so bestimmt auf- 
tretenden Tradition bei Livius auf den Grund zu sehen. So 
Avenn Mommsen die saguntinische Klausel, welche nach den 
römischen Quellen im Hasdrubalischen Vertrag stand, mit dem 
bestimmt verneinenden Zeugnis des Polybios zu vereinbaren 
trachtet, oder wenn Ihne und K. L Neumann gar den Polybia- 
nischen Bericht über Hannibals Zug auf Rom gegen den Livia- 
nischen verwerfen. Bei der Schlacht von Baecula nehmen neuer- 



Einleittmir. VII 



dings die meisten Gelehrten, gestützt auf Appian, eine Fälschung 
im Interesse Scipios bei Polybios an und wollen Hasdrubal 
Gisgos Sohn an die Stelle des Barkiden setzen. Es dürfte 
ohne Beispiel sein, dafs über eine Epoche, für welche das 
Material so umfangreich ist, imd aus welcher es vortreffliche 
zeitgenössische Berichte von beiden Parteien gegeben hat, eine 
solche Unsicherheit herrscht. 

Der Preis ist also hoch, vielleicht der höchste, welcher 
Quellenforschungen winkt, und viele Hände haben nach ihm 
gegriffen oder wenigstens Ajinäherung8vei*suche von diesem 
oder jenem Punkte aus gemacht. 

Die überreiche, grofsenteils in zahllose Dissertationen 
und Programme zersplitterte Literatur einigermafsen voll- 
standig aufzuführen, wäre mühselig, sie im einzelnen zu 
würdigen, kaum möglich. Neuere Schriften von gröf serer 
Bedeutung hoffe ich nicht übersehen zu haben und wird man 
citiert finden, desgleichen viele Einzeluntersuchungen auch 
älteren Datums, da solche eben ihres speziellen Inhaltes wegen 
länger Wert behalten, während manche allgemeinere Auf- 
sätze, an sich lesenswert, jetzt überholt und entbehrlich sind. 
Polemisiert habe ich nur, wo entgegenstehende Ansichten 
den Schein für sich hatten, oder wo es zur besseren Ent- 
wicklung meiner Meinung förderlich schien. Bessermachen 
ist gerade auf diesem Boden die beste Widerlegung. 

Wie aber zur Zeit die QueUenfrage im grofsen und ganzen 
in der dritten Dekade liegt, wiU ich, nach einem Blick auf 
die Nachbargebiete, in Kürze angeben. In der ersten Dekade 
ist trotz mancher schönen Untersuchung über die Entstehung 
und allmähliche Ausbildung dieser oder jener Erzählung den- 
noch das Verfahren des Livius noch nicht aufgeklärt. 
Zudem war es dem anfangs soviel einfacheren Stoff gegenübe 



Vni Einleitung. 



auch offenbar ein anderes als in den späteren Teilen seines 
Werkes. Für die vierte und fünfte Dekade hingegen hat Nis- 
sen^) die Frage, welche Quellen und wie sie livius benützte, 
zum einen Teil glücklich gelöst. Er hat die griechische 
Quelle. Polybios, von den römischen mit scharfem Blick 
geschieden und sich damit nach jeder Richtung bleibende Ver- 
dienste errungen, obgleich ich das Urteil über die Arbeitsweise 
des Livius etwas anders gefafst sehen möchte. Dag^en ist 
er über eine allgemeine Charakteristik der annalistischen 
Partieen nicht hinaus gekommen. Er sprach zwar die Hoff- 
nung aus, dafs genauere Forschungen viel weiter führen wür- 
den, meinte aber doch, eine Scheidimg im einzelnen werde 
schwierig und wohl geradezu unmöglich sein, eben weil die 
Annalisten (hier wohl nur Valerius Antias und Claudi\is) sich 
zum Verwechseln ähnlich sähen. Jene Hof&iung hat sich denn 
auch nicht erfüllt; nur an zwei Stellen ist es Mommsen^) 
gelungen, die Arbeit der Annalisten, besonders des Antias, 
genauer aufzudecken und zu chai-akterisieren. Unger^) hat 
freilich eine Verteilung der Gesamtmasse vorgenommen, indem 
er mit Benützung der wenigen vorhandenen Anhaltspunkte 
allerlei Charakteristika a\ifgestellt hat; allein seine Ergebnisse 
sind keineswegs überzeugend, vgl. unten S. 667 Anm. 3. 

Günstiger nun als irgendwo Hegen die Bedingungen für 
die Quellenforschung in der dritten Dekade. Hier fallen 
sofort die Abschnitte ins Auge, welche sich mit Polybios 

1) Krit. Unters, über die Quellen der 4. und 5. Dekade des 
Livius. Berlin Weidmann 1863. 

2) Der Scipionenprozeüs, und: Der Friede mit Antiochos, jetzt 
zusammen in den Forschungen Bd. H. 

3) Die röm. Quellen des Livius in der 4. und 5. Dekade. Philol. 
Supplbd. m 1877. 



Einleitung. IX 

fast vollständig decken. Ein Teil dieser Abschnitte trägt 
den Stempel karthagischen Ursprungs an der Stirn. Andre 
Partieen stehen dem grofsen Scipio offenbar nahe. Kurz ein 
grofser Teil der Livianischen Erzählungen weist deutliche 
Merkmale seiner Abkunft auf. Wir haben femer Polybios 
für den Anfang vollständig, späterhin in grofsen Bruchstücken 
zur Vffligleichung, von Coelius verhältnismäCsig zahlreiche Frag- 
mente, welche ihn als einen in mancher Hinsicht originellen 
Schriftsteller erkennen lassen. Endlich bieten die Quellen 
zweiten und dritten Banges gerade hier ein ziemlich reiches 
und, was die Hauptsache ist, zum guten Teil selbständiges 
Material, das, wenn auch vorläufig nicht bestimmbar, doch mit 
livius verglichen manche Stützpunkte zu bieten verspricht 

Und dennoch hat bis heutigentages noch nicht einmal 
die Kardinalfrage, ob Polybios von Anfang der Dekade an 
benutzt sei, eine allgemein anerkannte Lösung gefunden! 
Während vom 24sten Buche an die Benutzung für die 
sicilischen, griechischen, spanischen^) Ereignisse eigentlich 
nicht mehr bestritten werden kann, stehen sich in betreff des 
21 und 22sten Buches noch immer die beiden am eingehend- 
sten von C. Peter 2) und C. Böttcher s) begründeten Ansichten 
g^enüber, von denen die eine Livius' Übereinstimmung mit 



1) Seit die Echtheit der im Puteanus fehlenden Kapitel durch 
die Analecta Liviana von Studemund und Mommsen erwiesen und 
die handschriftliche ÜberUeferung der zweiten Hälfte der Dekade 
durch die kritische Ausgabe von Luchs Berlin 1879 nach allen Seiten 
klargestellt worden, ist die Benutzung der Polybianischen Beschrei- 
bung Neukarthagos Liv. XXYI 42 über allen Zweifel erhaben. 

2) Livius und Polybios. Halle Buchhdlg. d. Waisenh. 1863. 

3) Eni Unters, üb. d. Qu. des Livius im 21. und 22. Buche. 
Fleckeisens Jbb. Supplbd. V 1869. 



Kiiileitunir. 



Polybios auf direkte Abhängigkeit zurückführt, die andre auf 
Abhängigkeit von Coelius, welcher aus denselben Ui-quellen 
wie Polybios (vornehmlich aus Silenos) geschöpft habe. 

Dazwischen steht die zwar in der Literatur wenig i) ver- 
tretene, aber sehr naheliegende und, wie mir bekannt, von 
manchen Gelehrten geteilte Ansicht, dafs Coelius auch aus 
Polybios geschöpft haben möchte. Ein andrer vermitteln- 
der Yorschlag Hirschf eiders, Benutzung eines Polybianischen 
Auszuges durch Livius anzunehmen, hat nirgend Anklang 
gefunden. 

Ist die Quellenfrage betreffs der Historiker zweiten und 
dritten Ranges beantwortet und von dieser Seite unsre Frage 
gefördert worden? — Bekanntlich werden die für die ältere 
Geschichte hochbedeutsame Eponymenliste und die vortreff- 
lichen kurzen Nachrichten in Diodors ersten beiden Dekaden 
nach Niebuhrs Yoi^ang von Mommsen auf Fabius Pictor 
ziu-ückgeführt, und in seinem, übrigens viel bestrittenen, 
Aufsatz: Fabius und Diodor,*) hat er sich für die Ausdehnung 
dieser Annahme auf alle Diodorischen Nachrichten römischen 
Ursprungs bis zu Ende des zweiten punischen Krieges aus- 
gesprochen. Diese Ausdehnung dient freilich dazu, den Satz 
plausibler zu machen. Erfordert wird sie aber nicht, und 
noch weniger ist sie irgendwie bewiesen. Aus dem ersten 
punischen Kriege kann von den umfangreichen Fragmenten 
(5 Oktavseiten bei Dindorf) keines mit Bestimmtheit auch nur 
auf eine römische Quelle überhaupt zurückgeführt werden. In 
dem Fragment XXY. 13 über den grofsen Gallierkrieg finden 



1) Kessler: Secondum quos auct liv. res a Scipione m^. in 
Afr. gestas narraverit. Diss. Kiel 1877. 

2) Hermes Xm. S. 305 ff. 



Einleitunfir. XI 



wir freilich Angaben, die auf Pictors „klassische" Schilderung 
zurückgehen. Aber was will das sagen? Mufs etwa auch 
Livius in der zweiten Dekade, weil aus ihm (durch Orosius 
und EutFopius) solche Angaben sogar mit Berufung auf Fabius 
erhalten sind, aus Fabius selbst geschöpft haben? 

Auch Appians Quelle glaubte man längst in Fabius 
Pictor gefunden zu haben. Erwiesen ist aber durch die älte- 
ren Untersuchungen nichts weiter, als dafs Appian im Hanni- 
balischen Kriege der annalistischen Tradition folgt. ^) Auf 
Pictor riet man, ebenfalls nach Niebuhrs Vorgang, weil er in 
griechischer Sprache geschrieben, und weil er Annib. 27 er- 
wähnt wird. Aber schon Wölfflin und Friedersdorff in den 
später anzuführenden Untersuchungen, obwohl sie mit der her- 
gebrachten Meinung nicht brachen, hatten doch immer wieder 
grofse Bedenken; und in neuerer Zeit scheint man immer mehr 
die Unmöglichkeit erkannt zu haben, auf diesen vortrefflichen 
zeitgenössischen Berichterstatter Entstellungen zurückzuführen, 
wie wir sie beispielsweise über den Hasdrubalischen Yertrag 
bei Appian finden. Man beachte auch, dafs Niebuhr von Pictor 
eigentlich ein sehr ungünstiges Urteil hatte, und dafs ihm als 
die Urquelle für den Hannibaüschen Krieg einschliefslich der 
Nachrichten karthagischen Ursprungs jener Cincius AHmentus 
galt, qui captum se ab Hannibale scribit. 

Über die Erkenntnis, dafs Pictor nicht Appians Quelle 
sein könne, ist man seither nicht hinausgekommen. Denn 



1) S. besonders Buchholz: D. Quell, des Appian und Bio Cassius 
für d. Gesch. d. 2. pun. Krieges. Progr. Pyritz 1872. C. Peter 
hatte Appian und Die, was zwar bequem aber ganz unhaltbar war, 
aus den „fabulierenden griechischen Schriftsteilem Silenos, Sosylos, 
Chaireas^^ abgeleitet; und so noch H. Peter, nur mit Wegiassung 
des ersten Namens. 



XII Einleitung:. 

die Beziehungen zur gens Sempronia, welche man*) hat finden 
wollen, sind sehr schwach. Anderseits ist selbst der rein 
annalistische Charakter Appians unsicher geworden seit der, in 
der Hauptsache sogar von L. Ranke anerkannten, Entdeckung 
Kellers, 2) dafs in der Libyke die Hauschronik der numidischen 
Königsfamilie stecke, und dafs Appians Quelle Juba sei. 

Ich halte freilich von dieser Entdeckung ebensowenig 
als von der zu fast unbestrittener Geltung gelangten Hypo- 
these von Soltau,8) dafs Plutarchs Fabius und Marcellus aus 
Juba geschöpft seien. Übrigens hat man sich nicht darum 
gekümmert,^) dafs Plutarch mit der Annibaike, in der gerade 
eine Hauptbeweisstelle für Juba gefunden wird, in hellem 
Widerspruch steht und also beide Hypothesen unmöglich 
richtig sein können. 

Dafs inDio Cassius Coelius stecke, hat für die Anfänge 
des Krieges Posner, '^) für den afrikanischen Schauplatz Zie- 
linski^ nachgewiesen. Das ist wichtig. Aber wenn Posner 
der Böttcherschen Ansicht über Livius beipflichtete, so erhebt 
sich die Frage wiederum, wieso beides sich zusammenreimt. 



1) Vollmer: Die Quellen der 3. Dekade des Livius. Progr. 
Düren 1881. 

2) Der 2. pun. Krieg und seine Quellen. Marburg 1875. 

3) De fontib. Plutarchi in secundo belle Pun. eoarrando. Diss. 
Bonn 1870. 

4) VoUgraff: Greek writers of roman history, Leyden v. d. 
Hoock 1880, welcher die verschiedenen Hypothesen über Appian und 
Plutarch nur zu sanguinisch zu einem Gebäude vereinigt hat, läfet 
den Marcellus auffalligerweise ganz aus dem Spiel. Aber auch der 
Fabius stimmt ja mit Appian ganz und gar nicht! 

5) Quib. auctorib. in belle Hannibalico enarrando usus sit Dio 
Cassius. Diss. Bonn 1874. 

6) Die letzten Jahre des 2. pim. Krieges. Leipzig Teubner 1880. 



Einleitung!:. xm 

und auch Zielinski hat einen ähnlichen Fehler, aufser ande- 
ren, gemacht, indem er seinen Satz auf Appian ausdehnte. 

Von den Schriftstellern dritten Ranges sollte, als Böttcher 
den Coelius „entdeckt'^ hatte, bald dieser bald jener aus ihm 
geschöpft haben. Ernsthafter war die Frage, welche Mommsen 
in der Abhandhmg über den Scipionenprozefs aufwarf — und 
ihre Bejahung hätte eine gute Aussicht eröffnet — ob nicht 
alles Nichilivianische in der Schrift De vir. ill. auf Antias 
zurückgehe. Allein zahlreiche neuere Untersuchungen*) über 
dies Buch und über die vielfach verwandte Kompendienliteratur 
haben zu anderen Ergebnissen geführt, welche recht interessant 
sind. Zunächst ist Livius, auch die Bearbeitung, auf welche 
die Periochae, Eutropius, Orosius u. s. w. zurückgehen, von 
dem Verfasser schwerlich benutzt, hingegen erstens Viten, 
wahrscheinlich des Nepos, zweitens aber ein Geschichts- 
buch, welchem grofsenteils dieselben Annalisten 
wie Livius vorlagen. Und aus dem nämlichen Geschichts- 
buch haben Ampelius, , Florus*) und Eutropius geschöpft, 



1) Zur Orientierung vgl. den vortrefFlichen Jahresbericht über 
Eutropius von Eussner, Philol. XLV S. 509 flF., dazu jetzt noch die 
wichtigen Arbeiten von Rosenhaner: Symbolae ad quaest. de fontib. 
libri de vir. ill. Gratulationsschiift für Würzburg, Kempten 1882 
und der Bericht im Philol. Anz. Separatheft I S. 733 — 759, sowie 
Vinkesteyn, de fontib. übri de vir. ill. Leyden Brill 1886. Letzterer 
will von Benutzung von Viten nichts wissen, weil Rosenhauers Be- 
weise nicht zwingend seien. Aber überzeugend sind sie gewife. 

2) Für Morus und Ampehus muis m. E. noch ein Mittelglied 
angenommen werden, schon eine Art Kompendium, da der Schema- 
tismus (bellonim genera quattuor: gentilo, sociale, servile, civile; 
beUi species, belli causa) bei beiden vorkommt. Zieht man dabin auch 
die fünf Verfassungsphasen Ampel. 29, so ist eine Spur davon selbst 
I)e vir. iU. 21: Populus Romanus, cum soditiosos magistratus 
ferre non posset, decem viros legibus scribendis creavit. 



XrV Einleitunjä:. 



letztere beiden neben livius und zwar jener mehr, dieser 
weniger. Insofern hat aber auch Mommsens Frage, wie 
mir scheint, das Eichtige getroffen, als jenes verlorene Ge- 
schichtsbuch sich wohl je langer je mehr, wie im wesent- 
lichen ja auch livius, an Antias angeschlossen hatte. 

Soviel w^ird man aus dieser Skizze entnehmen, dafs der 
Bau von Grund auf neu begonnen werden müfste, und dafs es 
endlich an der Zeit wäre, die ganze Dekade und alle daneben 
hei^ehenden Darstellungen in betracht zu ziehen. Yermutungen 
über die Quelle des einen Schriftstellers müfsten, was so oft 
versäumt worden ist, möglichst an den andern erprobt werden. 

Aber ist nicht vielleicht das ganze Unternehmen 
doch im wesentlichen aussichtslos? Viele haben es auf- 
gegeben, und wer es durchzuführen verheifst, thut wohl die 
Hilfsmittel, auf welche er vertraut, den Weg, welchen er ein- 
zuschlagen gedenkt, im voraus anzudeuten. Zunächst die Po- 
lybiosfrage mufs lösbar sein und stünde nur in dem m. E. 
glücklicherweise nicht zutreffenden Italic mifslicher, dafs die 
Benutzimg indirekt wäre. Die Frage ist denn auch im Streit 
der Meinungen gefördert worden, und die Wage neigt sich 
immer mehr zum Vorteil der Peterschen Partei, welche an- 
fangs durch Böttchers Schrift stark ins Gedränge gekommen 
war. So habe ich Gelegenheit genommen auf verschiedene 
Fälle hinzuweisen, wo schon Weifsenbom in den neueren 
Auflagen die Benutzung anerkannt hatte. Auch Mommsen, der 
übrigens in seinen Vorlesungen von jeher betont hatte, 
dafs der Auszug aus der lacinischen Tafel Liv. XXI 21 auf 
irgend eine Weise von Polybios selbst herstammen müsse, und 
(in privater Mitteilung) auch beim Poübergang Benutzung des 
Polybios zugegeben hatte, hat sich neuerdings von Zielinski 
überzeugen lassen und den afrikanischen Krieg in seinem Auf- 



Einloitang. XV 

satz über Zama preisgegeben. Das Beste, was über die Quel- 
lenfrage im Anfang der Dekade geschrieben ist, ist Wölfflins 
Untersuchung.^) Er suchte der Sache von einer neuen Seite 
beizukommen durch den Nachweis, dafs Coelius die Ereig- 
nisse wesentlich von Polybios und von der Wahrheit 
abweichend dargestellt habe und nicht den Polybios 
ähnlichen Stücken des Livius, sondern den abweichenden zu 
gründe liege. Im einzelnen hat Wölfflin einige Fehlgriffe ge- 
than und ist besonders darin zu weit gegangen, dafs er dem 
Coelius auch zur Last gelegt hat, was blofs Verwirrung des 
Livius ist. Aber sein Weg ist gut. Bei scharfer Beleuchtung 
des Cölianischen wird das Polybianische bei Livius vielfach 
von selbst kenntlich werden. Es werden sich femer im Laufe 
der Untersuchungen manche Kennzeichen für Polybios ergeben, 
davon eines besonders scharf, nämlich die sich eine ganze 
Zeit hindurch fortsetzende Verrückung der Polybia- 
nischen Abschnitte um ein Jahr. Somit mache ich mich 
anheischig die Polybiosfrage vollständig zu lösen. 

Was die rein römischen Partieen betrifft, so ist also zu- 
nächst der Cölianische Anteil in manclien Teilen bestimmbar. 
Ein Hilfsmittel, allerdings kein unbedingtes, da er keineswegs 
Coelius allein wiedergiebt, ist dabei Dio Cassius. Plutarch 
dagegen, dessen Fabius nach Soltau ja den (durch Juba ver- 
mittelten) Coelius darstellen sollte, hat nur irregeführt und 
wird sich vielmehr ganz überwiegend aus Livius und Polybios 
zusammengearbeitet zeigen. Von der Ansicht Heynachers,^) 

1) Antiochos von Syrakus und Coelius Antipater. Winterthur 
1872. Weiter führte die Sache sein Schüler Lutterbacher: De fontib. 
libr. 21 et 22 Titi Livii, Diss. Strafsburg 1875. Für den afrikanischen 
Krieg gelangte zu ähnlichen Ergebnissen Zielinski. 

2) Über die Stellung des Siüus Italiens unter den Quellen zum 
2. pun. Krieg. Progr. Ihlfeld 1877. 



XVI Einleitung. 

dafs Silius Italicus ein selbstSJidiger Wert zukomme, ist man 
wohl mittlerweile schon allgemein i) zurückgekommen; ich 
berücksichtige den Dichter grundsätzlich nicht 

Es kommt uns aber femer von ungeahnter Seite eine 
unschätzbare Hilfe. Von Yalerius Antias, dem offenbar, wie 
schon Vollmer hervorhob, ein sehr wesentlicher Anteil an 
der dritten Dekade gebührt, ist nicht nur einiges aus der 
Nebenquelle der obengenannten Kompendien erhalten, sondern 
nach meiner Überzeugimg haben Diodor und Appian, an 
denen man jedenfalls für unsem Zeitraum aufs deutlichste 
die Quellengemeinschaft sieht, direkt aus ihm geschöpft. 
Die Beweise für diese zunächst wenig glaublich scheinende 
Hypothese mufs natürlich die Untersuchung bringen. Eine 
Zusammenstellung der Hauptmomente für diese, sowie die 
übrigen Grundzüge meiner Analyse findet man im letzten 
Abschnitt. Bewährt sich aber der Satz, so haben wir den 
grofsen Yorteil, dafs ein weiterer Hauptbestandteil der dritten 
Dekade bestimmbar ist. 

So hoffe ich die Quellenfrage, an der sich so viele ver- 
sucht, in der Hauptsache erledigt zu haben, mag auch 
manches im einzelnen nachzuholen oder zu ändern sein. 
Viele, ermüdet durch die vergeblichen Anläufe, würden mit 
weniger zufrieden gewesen sein; ich habe den Wunsch gehört, 
dafs ich mich auf die Polybiosfrage beschränken möchte, oder 
dafs überhaupt nur einmal das unbedingt Sichere zusammen- 
gestellt würde. Aber ich habe schon angedeutet, wie hier alle 



1) SchHchtoisen: De fide hist. Silii Italici. Diss. KöDigsb. 1881; 
Kerer: Die Abhäügigk. des Sihus von livins. Progr. Botzen 1881; 
und besonders Bauer: Das Verhältn. der Punica des Sihus Italicus 
zur 3. Dekade des Livius. Diss. Erlangen 1883. 



Einleitung. XVn 



Fragen zusammenhangen, und was heilst hier ganz sicher? 
Oder wie anders kann man zur gröfstmöglichen Evidenz ge- 
langen als durch Umfassung des Materials? Livius' Verhalten 
zu Polyhios z. B. konnte nur dann ganz aufgeklärt werden, wenn 
ich es — wie das freilich eben erst die neugewonnenen Anhalts- 
pimkte ermöglichten — in aUen Teilen verfolgte. Insbesondre 
aber meine Yermutung über Appians Quelle mufste vollstän- 
dig entwickelt und in allen ihren Konsequenzen erprobt werden. 

So wichtig es mir aber war, meine abweichenden, neuen 
Ansichten ins rechte Licht zu setzen, Advokatenarbeit woUte 
ich nicht liefern, imd oberster Grundsatz war mir, beides das 
Für und Wider anzuführen und so das Nachprüfen nicht 
zu erschweren, sondern zu erleichtern. So hoflfe ich, 
wird mein Buch auch Gegnern xmd Skeptikern erwünscht sein, 
da es die für den gegenwärtigen Stand der Forschung wesent- 
lichen Hilfsmittel aus der ganzen dritten Dekade und den 
parallelen Quellen zurechtlegt. Es ist geschrieben auch für 
diejenigen, welche diesen Streitfragen noch nicht näher ge- 
treten sind und doch um des Verständnisses des Livius willen 
einen Einblick zu gewinnen wünschen. Es bildet gewisser- 
mafsen einen queUenkritischen Kommentar zu Livius. 

Auch die wichtigeren Streitfragen und Rätsel der Ge- 
schichte des zweiten punischen Krieges habe ich, da die Be- 
urteilung der Quellen in dieselben eingreift, kurz zu behan- 
deln Anlafs gehabt. Eine zusanmienhangende Revision dieses 
Geschichtsabschnittes dürfte erst ratsam sein, wenn sich die 
Meinungen über mein Buch ausgesprochen haben. Hingegen 
habe ich schon jetzt im letzten Abschnitt den Versuch einer 
Entwicklungsgeschichte der Tradition bis auf Livius gegeben. 

Wenn ich aus den oben angeführten Gründen mich zu 
einer Teilung und Vereinzelung der Arbeit nicht verstehen 

2 



XVni Einleitung. 



konnte, so habe ich dagegen fünf Proben (1. Der Hasdruba- 
lische Vertrag , 2. Der Beginn des Feldzugs von 217 v. Chr., 
3. Die Gefangenen von der Schlacht bei Gannae, 4. Der 
Untergang des P. und Cn. Scipio, 5. Die Friedensverhand- 
lungen von 203 V. Chr.) vor nunmehr sieben Jahren ver- 
öffentlicht, i) Meine Absicht dabei war, Fühlung mit andern 
Ansichten zu gewinnen, Einwürfe und Bedenken hervorzu- 
locken. Es ist mir das nicht in dem Mafse gelungen, wie 
ich gewünscht. Von Anzeigen ist mir nur eine in die Sache 
eingehende bekannt geworden, die von Vollmer in der Philo- 
logischen Rundschau, 2) sodann von Abhandlungen, welche jene 
Themata neuerdings erörtert hätten, nur die drei über die Sa- 
guntinische Frage von Meltzer, Faltin, Egelhaaf, von welchen 
aber blofs die letztere auf den mir wichtigsten Punkt, nämlich 
das Vorkommen derselben Fälschung bei Livius und 
Appian und die auf Antias führende Spur, eingeht 
und mir allerdings vollständig recht giebt. Vollmers Wunsch, 
dafs einige der von ihm gemachten Ausstellungen meinen Bei- 
fall finden möchten, ist im allgemeinen nicht erfüllt worden. 
Für den Vorbehalt, welchen er in dem eben bezeichneten 
Punkte macht, möglich sei es doch auch, dafs Appian aus 
einem früheren Annalisten geschöpft habe, und für seinen zu 

1) Historisch -kritische Untersuchungen im Bereiche der dritten 
Dekade des Livius. Progr. Lippstadt 1882. 

2) n. S. 1622. Allgemeine Beurteilungen konnten bei dem 
fragmentarischen Charakter des Programms nicht wohl anders als 
ausweichend und reserviert sein oder nur den Charakter der Arbeit 
bezeichnen. So erwartet Schiller: Bursians Jahresber. 1882 S. 500 
nach den Proben „eine sorgfältige, freihch von Subjektivität ebenso- 
wenig, wie die andern Arbeiten dieser Art, freie Untersuchung", und 
lobt der Rezensent in der Berüner Philologischen "Wochenschrift 
1884 S. 329 die „eindringende umsichtige Forschung." 



Einloitiinjr. XIX 



Probe 3 wiederholten Vorschlag, einen Sempronier (Asellio 
oder Tuditanus) als Appians QueUe anzunehmen, finde ich 
nirgends Stützen. Seine Einwürfe gegen 2 und 5 griffen 
über die in diesen Nummern analysierten Stücke hinaus; und 
ich kann nur die Hoffnung aussprechen, dafs Vollmer mm- 
mehr durch die vollständige DarsteUimg sich überzeugen läfst; 
ebenso bei 4 von der Benutzimg des Polybios. 

Von gröfserem Nutzen als die öffentliche Diskussion über 
meine Proben war mir der mündliche imd schriftliche Mei- 
nungsaustausch mit einer Eeihe von Gelehrten, zu welchem 
mir jene Anlafe gaben. Insbesondre schulde ich Dank Herrn 
Professor Mommsen und Herrn Professor Seeck; jener hat 
in den früheren, dieser in den letzten Stadien meiner Arbeit 
durch kritische Bemerkungen mich auf manche Schwierigkeiten 
aufmerksam gemacht imd vor gewissen Irrwegen bewahrt. 

Lippstadt, im März 1889. 

Der Verfasser. 



Berichti^ungren. 

S.82 Z. 25: Periocha, statt: Epitome. 
S.319 Z. 1: Akt m, statt: Akt IL 

S. 447 Z. 10: Der Zusatz stammt wohl aus der Beispiel- 
sammlung S. 597 Anm. 



'^ \ 3 R >\ A,> 
Ör i'r. 



UNlViiRSiTY ) 



^'J'- 



Erster Absehnitt. 



Die Vorgeschichte des Krieges und Hannibals Zug 
bis zur Trebia. 

Der Gang der Untersuchung nötigt mich, in diesem 
Abschnitt die chronologische Folge zu verlassen und zunächst 
Hannibals Zug vorweg zu behandeln. Die Übersicht am 
Schlufs des Abschnitts wird die Ordnung herstellen. 

Liv. XXI 21,9 — 22,4 findet sich das berühmte Truppen- 
verzeichnis, um es kurz so zu nennen, von dem in der 
Einleitung schon die Rede war. Böttcher hat zwar den 
Nachweis versucht, dafs dasselbe originale Abweichungen 
gegen Pol. in 33 enthielte. Allein es sind in Wahrheit 
nur kleine Irrungen des Livius oder kleine Differenzen in 
der handschriftlichen Überlieferung der Zahlen.*) Aufserdem 
hat Livius die gewöhnliche Reihenfolge Fufsvolk, Reiterei, 
Elefanten, Flotte hergestellt und die Metagonien, d. h. die 
westaMkanischen punischen Seestädte, mit denen er nichts 
anzufangen wufste, einfach civitates genannt. Sonst stimmt 
der Livianische Text bis in die minutiösesten Details mit 
dem Polybianischen. 



1) Die der Balearen ist bei Polybios ganz ausgefaUen. Freilich 
nach 0. Neumann: Zeitalter der punischen Kriege, herausgegeben 
und ergänzt von G. Faltin, Breslau W. Köbner 1883, S. 268 hat 
Polybios selbst sie „übersehen"! 

Uesselbarth, histor. -krit. Untersuch. 1 



Erster Abschnitt. 



Nun kann aber angesichts des bestimmten Zeugnisses 
des Polybios, dafs er das Verzeichnis auf der Lacinischen 
Tafel gefunden habe, kein Zweifel sein, dafs kein Schrift- 
steller vor ihm es gehabt hat. Wenn Böttcher dennoch 
annimmt, schon Silenos habe es gehabt, natürlich nicht von 
der Tafel, sondern von Hannibal selbst, so bezichtigt er 
damit Polybios einer Flunkerei, die niemand verborgen blei- 
ben konnte, welchem Silenos zur Hand war. Man lese nur 
§ 17: ov XPV ^^ ^avp,dZeiv trjv axpißeiav rrj<s ava- 
ypoL(pri<5y si toiavtxi xexp'^^B^a Ttepl rdov VTcldvvißov xat 
^Ißrfpiav TtSTtpayfxivcav, ot^ ^oXi^ av ;jfpf;tfazro rig 
avtog Hex^iptKcog rag xata /lipog TCpaSeig^ ovdh 
TtpoxaxaytyooÖXEty, ei TteTToir/xa/xev TCapaTcXtföiov roig 
aBfiOTciöroots ipevSo/xiroig tcdv övyypatpioov, (18) rfßisig 
yap evpoyteg im Aaxivio) rffv ypaq^f^v ravrrfv .... 
Polybios entschuldigt sich wegen der aUzu speziellen und 
unabgerundeten Ziffern damit, dafs es eine urkundliche An- 
führung sei. Und er hat Recht, in ein Buch würde selbst 
ein persönlich Beteiligter schwerlich so detaillierte Ziffem- 
reihen aufgenommen haben. 

Nur durch zwei Auswege läfst sich angesichts dieser 
Stelle die Behauptung, dafs in der dritten Dekade oder in den 
ersten Büchern derselben Polybios nicht benutzt sei, aufrecht 
halten. Entweder müfste diese Entlehnung ganz vereinzelt 
und eine nachträgliche Einschaltung sein, oder man nimmt 
eine indirekte Ableitung (durch Coelius) an. Ad I dürfte 
unsere Erörterung über Livius im Schlufsabschnitt darthun, 
dafs solche Nachträge beispiellos bei Livius sind. Und bald 
genug werden auch weitere Spuren von Polybios sich ein- 
stellen. Ad n ist zuzugeben, dals die ganze Umgebung des 
Abschnittes auf Coelius hinweist, und wird dennoch eine ein- 



Trappenvetzeichnis n. Anfbrucli Haimibals. 



gehende Untersuchung zeigen, dafs eine Zurückführung 
der gesamten Kapitel auf diesen Schriftsteller nicht 
möglich ist 

Dafs c. 21 Hannibal Winterquartiere in Neukarthago 
bezieht, dafs er für den ganzen Winter die Spanier beurlaubt, 
dies beides konnte Livius auch bei Polybios finden. Aber 
bei dieser Gelegenheit läfst er Hannibal eine Ansprache 
halten, welche von sonstigen Livianischen Keden (auch Hanni- 
bals) durch Kürze und Schwung sehr absticht und auch inhalt- 
lich recht bemerkenswert ist. Kein Wort von dem bevor- 
stehenden Kriege mit Rom. Vielmehr sagt Hannibal, da 
ganz Spanien imterworfen sei, müsse man nunmehr Beute 
und Ruhm in fremden Ländern suchen. Zu einem bellum 
ingentis gloriae praedaeque im nächsten Frühjahr ladet er sie 
ein. Er ignoriert also die bestehende Yerwickelung der beiden 
grofsen Mächte. Und nicht als karthagischer Feldherr, son- 
dern nur als ihr Oberhaupt spricht er zu den Truppen, als 
ein Condottiere, der mit überlegener Einsicht dem Heere 
verschafft, was es sucht, Ruhm und besonders Beute. SoUte 
vielleicht gar die Anrede socii in dem Sinne: Genossen (vgl. 
Verg. Aen. I 198, auch Caesars: commilitones) gefafst werden 
müssen? So fafst in der That von den Herausgebern Wölff- 
lin den Ausdruck. Im staatsrechtlichen Sinne liefse derselbe 
sich wohl -so erklären. Livius denkt sich irrigerweise oft 
Karthager unter den Tnippen, und im Gegensatz zu diesen 
können dann nach römischer Analogie aUe übrigen socii 
heifsen. YgL c. 44, 2; 45, 6. Nachdem im Frühjahr die 
Spanier wieder eingetroffen, hält Hannibal eine allgemeine 
Musterung ab und macht eine Reise nach Gades zu reli- 
giösen YeiTichtungen in dem berühmten Herkulestempel, von 
welcher Polybios schweigt Mit indo (sodann) angeknüpft. 



Elster Abschnitt. 



kommt nun das Verzeichnis der Truppen und ihre umständ- 
liche Hin- und Herschiebung, wovon wir ausgingen. 

C. 22, 5: Hannibals Rückkehr von Gades und Aufbruch 
zum Ebro. Dabei stofsen wir auf die Angabe des Weges 
und auf den berühmten Traum. C. 23 die Unterwerfung^) 
von Nordspanien wesentlich wie bei Polybios, jedoch wieder 
mit einer Besonderheit am Schlufs. Während Polybios kurz 
bemerkt, dafs Hannibal 10000 Spanier vor den Pyrenäen 
nach Haus zurückgesandt habe, um sie, das übrige Heer 
und Spanien selbst bei guter Laune zu erhalten, so weifs 
Livius Genaueres: Als der Marsch in die Pyrenäen begann 
und das Gerücht bestimmter auftrat (postquam . . . traduci 
exercitiis est coeptus rumorque per barbaros*) manavit 
certior de hello Romano), dafs der Kriegszug Rom gelte, 
gingen 3000 Karpetaner auf imd davon. Da schickte Hanni- 
bal über 7000 Mann, welche ebenfalls unzuverlässig waren, 
ihnen nach, indem er vorgab, auch die Karpetaner seien von 
ihm ziu'ückbeordert Von den folgenden Verhandlungen mit 
gallischen Häuptlingen und überhaupt den Details des 
Marsches bis hinter Ruscino schweigt Polybios ganz. 

In dieser ganzen Partie, sowohl c. 21, 1 — 9 als c. 22, 5 
bis c. 24, treffen wir also Schritt für Schritt sachliche Ein- 
zelheiten, die bei Polybios fehlen, aber offenbar auf eine vor- 



1) Dafs Hannibal tripertito den Ebro überschreitet, ist gewifs 
Zuthat des Livius, sei es aus blofser Liebhaberei für militärische 
Kunstausdi'ücke (Wölfflin), sei es auf Grund eines Rückschlusses 
aus der Dreizahl der bekämpften Völker (Föhlisch, üb. d. Benutzung 
des Pol. im 21. u. 22. Buche des liv. Progr. Pforzheim 1884). 

2) Dieser Ausdruck für Hannibals Heer ist gewählt, um das 
Erschrecken der Leute bei Nennung des römischen Namens auszu- 
malen. 



Tnippoiivcr/oichnis u. Aufbruch Hannibals. 



zügliche Urquelle, ebendieselbe welche Polybios benutzte, 
zurückzuführen sind. Dies ist heutzutage wohl allgemein 
anerkannt. Auch Wölfflin hat diesen Abschnitt nicht für 
Polybios in Anspruch genommen, Luterbacher ihn ausdrück- 
lich als Cölianisch anerkannt. Nebenbei aber, was weniger 
beachtet ist, durchzieht diese Partie eine eigentümliche, nicht 
authentische Auffassung von Hannibals Persönlichkeit und 
Stellung zu seinen Truppen, welche wir als die römisch- 
nationale bezeichnen können. Die in der That staunens- 
werte Thatsache, dafs die spanische Armee sich durch 
ihren Führer zu einem derartigen Unternehmen hinreifsen 
liefs, wollte auch den nachlebenden Römern nicht in den 
Kopf. Man suchte und fand natürlich für die unbegreifliche 
und unbequeme einfache Wahrheit einen Ersatz, der, obwohl 
künstlich genug, doch Beifall fand. In Ennius' Annalen mag 
die römische Yeröion, dafs die Einwilligung der spanischen 
Armee erschlichen gewesen sei, zuerst vorgetragen gewesen 
sein. Jedenfalls finden wir sie hier bei Livius mit aller Konse- 
quenz durchgeführt. Die offene Erklärung Hannibals vor dem 
Aufbruch an seine Truppen ist gestrichen. Noch in den 
Pyrenäen ist diesen nichts Weiteres in Aussicht gestellt als 
im vorigen Herbst, ein bellum ingentis praedae gloriaeque. 
Nicht nur Hannibals Plan, in Italien, nicht in Spanien den 
Feldzug zu eröffnen, sondern überhaupt der Krieg mit 
Rom ist ihnen nach Livius' Worten unbekannt geblieben. 
Ich bemerke, dafs auch Appian. Iber. 13 Hannibal, nach- 
dem er von der Kriegserklänmg benachrichtigt und zum Be- 
ginn der Feindseligkeiten ermächtigt ist, sich rüstet rrfv ^hv 
Xpeiav ovx vnodetycvv^ ig de rffv ^ItaXiav iTCivodöv 
i^ßaXBiv. — Können wir sagen, welches jene Urquelle, 
welches die unmittelbare römische Quelle des Livius ist? 



6 



Erster Abschnitt. 



Wir haben' über den Traum die unschätzbare Stelle 
Cic. de divin. I 24, 49, welche den Bericht des Coelius^) 
anführt und ausdrücklich bezeugt, dafs Silenos des Coelius 
Gewährsmann war. Der grundlegenden Wichtigkeit halber 
sei die Stelle hier neben Livius und Zonaras gerückt, obwohl 
ich Neues nach den vielfachen Untersuchungen darüber nicht 
zu sagen habe. 



Liv. XXI 22, 6: 
. . ad Iberum ducii 
ibi fama est in quietc 
Visum ab eo iuvenem 
divina specie, qui se ab 
lovo diceret ducem io 
Jtaliam Hannibali mis- 
suin, proinde sequere- 
tur, neque usquam a 
se deflecteret oculos-. 
pavidum primo nus- 
quam circumspicientem 
aut i*cspicientom socu- 
tum, 



deindo oura ingenii hu- 
mani, com, quidnam id 
esset, quod rospicere 



Zonar. VIII 22 Schluss, 
P. 408 D: 
r« d'Avvißa ^rjpia 
TtoXXa Hoi äyvGoöta 
tbv'lßrjpa dtaßalvovu 
Tcpoxa^Tfyjjöaro xa\ 
oifft^ oveipov l(pdv7j' 
iSo^€ ydp nore rovs 
^eovs iy ixxXrföla 
xa^Tf/iivovs: ßieta- 
Ttiiiipaö^ai xe av- 
tov xalörparevöat 
Ott TaxtöTaeisT^v 
'IxaXiav TCpo^xd- 
^at, xal Xaßelv 
TCap'' avTGöv xrjs 
odov TJyejjLOva xal 
dßiExadxpsitxl vn' 
avxov xEXevö^rj' 
vai ixEd^at, 



fXExaöxpatpijyai ö^ xa\ 
idEtv ;c£t//o3ya jue- 
yav x^povvxa xal 



ac. de divin. I 24, 49: 
Hoc item in Sileni, 
quem Coeüus sequitur, 
Graeca historia est (is 
autem diligentissume 
res Hannibalis perse- 
cutus est): Hannibalem, 
cum cepissctSaguntum, 
Visum esse in somnis a 
love in deorum con- 
cilium vocari, quo 
cum venisset, lo- 
vem imporavisse, 
ut Italiae bellum 
inferret, ducemque 
ei unum e concilio 
datum, quo illum 
u t e u 1 m cum exercitu 
progredi coepisse. tum 
ei ducem illum prae- 
cepisse, ne respi- 
ceret, 

iUum autem id diutius 
facere non potuisse ela- 
tumque cupiditato ro- 



1) Histor. Rom. Fragm. ed. H. Peter. Bd. 1. Teubner 1871, 
ohne Apparat 1883, fr. 11. 



Trappenverzeichnis u. Aurbrach Hannibals. 



vetitus esset, agitaret 
animo, temporäre ocu- 
lis nequivisse. tum 
vidisse post sese ser- 
pentem mira ma- 
gnitudine cum in- 
genti arborum ac 
virgultorum stra- 
ge ferri ac post in- 
sequi cum fragore caeli 
nimbum. 

tum, quae moles ea, 
quidvo prodigii esset 
quaerentom, audisse 
vastitatem Italiae esse, 
pergeret porro ire nee 
ultra inquireret sineret- 
que fata in occulto esse. 



öpdxorTa avToo 
inaxoXov^ovvta 
dpLTJxocvov 



xal ^avjLtdöat ipi- 
ö^ai te TÖv dya)- 
yov ti tavra eley 
Hoü xov elTtetv : go 'Av- 
vißa, ravra 6v/z7top- 
BTjöoyrd öoi rifv 'Ira- 
Xlav ipxetoct. 



spexisse. tum visam 
beluam vastam et im- 
manom, circxmipUcatam 
serpontibus, quacunque 
incederet, omnia ai*- 
busta, virgulta, tecta 
perveiiere. 



et eum admiratum 
quaesisse de deo, 
quodnam illud esset tele 
monstrum. et deum re- 
spondisse , vastitatem 
esse Italiae, praece- 
pisseque ut pergeret 
protinus, quid retro at- 
que a tergo fieret, no 
laboraret. 



An dem Verhalten des Livius ist interessant, wenn 
auch nicht für unsem nächsten Zweck, dafs er statt Juppiter 
selbst einen „angeblichen" Boten desselben die Weisung zum 
Zug nach Italien geben läfst. Dafs ebenso wie Livius, auch 
Dio Cassius, von dem für diese Zeit Zonaras lediglich ein 
Auszug ist, Coelius sehr nahe steht, liegt auf der Hand, 
und stichhaltige Gründe für Benutzung des Süenos selbst 
oder einer griechischen Quelle überhaupt sind nicht bei- 
gebracht worden. Die Verschlechterung am Schlufs rührt 
daher, dafs jemand — wohl kein anderer als eben Dio — an 
der Personifikation: der Drache ist die Verwüstung Italiens, 
Anstois nahm. Die Wetterwolke hat Cicero ausgelassen. 



8 Erster Abschnitt. 



Diese Cicerostelle ist der Ausgangspunkt für alle neue- 
ren Ansichten über die Quellen geworden. Nicht nur der 
Traum, sondern auch die übrigen guten Informatio- 
nen über Hannibals Aufbruch stammen aus Silenos, 
und wir haben in unserer Partie die freie Verarbei- 
tung derselben durch Coelius vor uns. Nur von einer 
Seite her ist die Bündigkeit der Folgerung bedroht Sieglin*) 
hat, ohne im übrigen die herrschende Meinung über die Quel- 
len stürzen zu wollen, den Traum Hannibals aus einer itali- 
schen Yolkssage herleiten zu müssen geglaubt und deshalb 
Ciceros Zeugnis angefochten. Wie in gewissen Märchen 
jemand einer Reihe von Versuchungen ausgesetzt wird, und 
weil er die letzte nicht besteht, auch nicht das höchste ihm 
Zugedachte erhält, so sei nach der Sage dem Punier des- 
halb nicht der voUe Sieg, sondern nur die Verwüstung 
Italiens beschieden gewesen, weil er gegen das Verbot^) 
sich umgesehen. Die Folge dieser Auffassung wäre, dafs 
Coelius für den Traum nicht Silenos, sondern eine 
italische Sage verwendet hätte. Ich fürchte, dafs 
nicht viele einer so unsicheren Parallele zuliebe eine be- 
stimmte Angabe Ciceros mit Sieglin umzustofsen geneigt 
sein werden. In der Weisung, nicht hinter sich zu schauen, 
die nachher wiederholt wird in der Form, nicht zu fragen 
nach dem, was nachkomme, sehe ich nur den Ausdruck 



1) Die Pragm. des Coelius Antipater, Leipzig Toubner 1879, S. 63. 

2) Sieglin 8 Ausgangspimkt ist, dafs er die Strafe für die Über- 
tretung vermilsi Ich meine, in dem fürchterlichen Anblick hegt 
für Hannibal die Strafe oder wenigstens die Lehre, dafs es ihm 
nicht gut sei, im Buche der Zukunft zu lesen. Was Sieglin neben- 
her zu gunsten seiner Ansicht anführt, übergehe ich als nicht von 
Belang. 



Truppenverzeichnis u. Aufbruch Hannibals. 



einer fatalistischon Überzeugung, die einem Hannibal nicht 
übel steht. Warum auch sollte er nicht an Träume geglaubt 
haben? Dio Cass. fr. 54, 3 wird seine Kenntnis der Bin- 
geweideschau gerühmt. Ich halte deshalb den Traum auch 
nicht mit Wölfflin für erfunden zur Ermuntenmg der Sol- 
daten, für welchen Zweck er wohl weniger bescheiden ge- 
lautet haben würde. 

Sollte nun also die gewissermafsen eingeklemmte, auf 
irgend eine Weise auf Polybios selbst zurückgehende Stelle 
über Hannibals Streitkräfte nicht das Schicksal ihrer Um- 
gebung teilen? Dann würde Livius nur einer Quelle, Coelius, 
gefolgt sein, dieser selbst aber hätte Silcnos und Polybios 
nebeneinander benutzt So nahe es zu liegen scheint, ich 
stelle es bestimmt in Abrede, und das aus zwei Gründen. 

Erstens ist die Truppenliste mit merkwürdigem Un- 
geschick an der allerungeoignetsten Stelle eingeflickt. Wir 
lassen uns Hannibals Wallfahrt nach Gades gefallen, sei sie 
nun in schlichtem Glauben oder um des Eindnicks auf das 
Heer willen unternommen worden; aber ein Widersinn ist 
es, dafs er dort die gewaltige Yerschiebung und Neufor- 
mierung der Armee vorgenommen habe. Böttcher wiU denn 
auch diesen Unsinn nicht Coelius zurechnen, sondern nimmt 
an,^) Livius habe die „kleine Flüchtigkeit" begangen, ent- 
g^en seiner Quelle Hannibals Kückreise bis hinter jene 
Malsr^eln auszusetzen. Eine sonderbare Annahme zumal 
im Munde jemandes, der Livius nicht für fähig hält, bei 
einer Aufzählung der Waffengattungen die Reihenfolge zu 
wechseln! Würde damit nur gründlich geholfen! Aber 



1) S. 377, allerdings nicht ohne Herzklopfen: „Die Annahme 
. . . hat wohl an und für sich nichts Unwahrscheinhches." 



1 Erster Abschnitt. 



jenes Hin- und Herwerfen der Truppen hat sicher auch 
nicht, wie Böttcher nun in einer langen Anmerkung glaub- 
lich machen will, nach der Heise im Frühlingsanfang sich 
abgespielt, sondern sicher während des Winters, wie Polybios 
denn auch ausdrücklich bemerkt c. 34: livvißats de navta 
Tcpovotf^relg Ttepl rrfg a6<pa\£ia<s tdov re xata jdtßvtfv 
TCpayfiatcDv xal rcov iv *Ißr/pifi, XoiTtbv ixapadoxei . . 
und c. 35: ^EnvteXiöats de ra npoeiptfjjLiva xata trfv 
Ttapaxei/xaöiav. Es versteht sich dabei von selbst, dafs die 
15000 nach Afrika abgehenden Spanier eben nicht mit beur- 
laubt waren, was bei ihnen auch keinen Zweck gehabt hätte. 

Bleibt es demnach dabei, dafs die Polybianische Truppen- 
liste höchst ungeschickt eingerückt ist, so fragt sich's, sol- 
len wir einen solchen Mifsgriff dem Coelius Belbst, der uns 
überall als ein selbstbewufster und selbständiger Kopf ent- 
gegentritt, zutrauen? Ich denke, das deutet mehr auf den 
kurzsichtigen, seine litterarischen Hilfsmittel niemals beherr- 
schenden Livius hin. Bei Vereinigung mehrerer Quellen sind 
ihm solche Fehler oft untergelaufen. Hat aber Livius die 
Liste in den Cölianischen Text und zwar etwas verspätet ein- 
geschoben, so hat Coelius davon eben nichts gehabt, die Liste 
nicht benutzt; ein Ergebnis, welches auch sonst z. B. im Hin- 
blick auf Liv. XXI 38, s. unten, wahrscheinlich ist 

Zweitens aber kann man, wenn man die abweichenden 
Linien der Cölianischen und der Polybianischen Darstellung 
nur recht scharf auseinander hält, Livius auch in der Cölia- 
nischen Partie bei recht unpassenden Reminiszenzen aus 
Polybios ertappen. 

Nach Pol. m 34, 3 war Hannibal vor seinem Aufbruch 
aus Neukarthago von der kürzlich (Ttpog^dtcog) im Rat 
von Karthago gefallenen Entscheidung unterrichtet und hat, 



TnippenveiTeichnis a. Aufbrach Hannibals. 11 

iTtapBelg rtp ^v^<p Hai niöXBVooy rff tcor noXitdov ivvoi^y 
hauptsächlich durch die Mitteilung, dafs seine und seiner 
Offiziere Auslieferung von Kern verlangt worden sei, das 
Heer für den Zug nach Italien gewonnen. Bei Coelius fanden 
wir statt dieser Darlegung an die Armee nur eine Ansprache 
im Herbst; im übrigen waren bei ihm Hannibals Truppen, 
wie wir sahen, noch beim Pyrenäenübergang über das eigent- 
liche Ziel des Zuges im ungewissen. Nun leitet aber Livius 
jene Cölianische Ansprache im Herbste folgendermafsen 
ein: Hannfbal Sagunto capto Carthaginem Novam in hibema 
concesserat ibique auditis, quae Romae quaeque Cartha- 
gine acta decretaque forent, seque non ducem solum 
sed etiam causam esse belli, partitis divenditisque reliquiis 
praedae nihil ultra differendum ratus Hispani generis 
milites convocat. Wie kommt Livius dazu, gegen alle Quel- 
len schon im Herbst die Nachricht von der Kriegserklärung 
bei Hannibal eintreffen zu lassen? Nur so, dafs er sich der 
schönen eben angeführten Stelle aus Polybios erinnerte und 
jene Umstände von der Polybianischen Rede im Frühjahr 
auf die Cölianische im Herbst ohne weiteres übertrug. Ein 
Nachklang jener packenden Stelle ist auch: nihil ultra diffe- 
rendum ratus, wonach man doch wohl etwas anderes als 
eine Äfassenbeurlaubimg erwartet, i) In diesen kleinen, aber 
bezeichnenden Zügen finde ich ebensowohl als in der Art 
und Weise, wie das Tnippenverzeichnis eingeschoben ist, 
den sicheren Beweis, dafs es Livius selbst ist, der neben 
Coelius auch Polybios herangezogen hat. Es ist eben 
keine Durchdringung Polybianischer und nichtpolybianischer 

1) Der klaffende Abstand zwischen dieser Einleitung und der 
Rede ist zugleich der beste Beweis, dafs die letztere nicht von 
Livius frei erfunden ist. 



12 Erster Abschnitt. 



Elemente, sondern eine fast mechanische Yermengung, wie 
von Wasser nnd Öl. 

Bevor ich in der Analyse fortfahre, mufs ich zur Frage 
nach dem Zeitpunkt der Kriegserklärung noch einige Bemer- 
kungen machen. Dafs sie wirklich vor Hannibals Aufbruch 
fällt, ist imzweifelhaft Auch Coelius wird das nicht geän- 
dert haben. Zwar mufste er dann dem Leser zumuten, zu 
glauben, in Neukarthago und auf dem Marsche sei den Sol- 
daten die Kriegserklärung verheimlicht worden. Doch das 
mutet uns in der oben angeführten Stelle auch^Appian zu. 
Und selbst Fabius Pictor ging nicht soweit, Hannibal ohne Er- 
mächtigung von Hause auch den Ebro überschreiten zu lassen, 
wälirend er in Bezug auf die Eroberung Sagimts allerdings die 
Eigenmächtigkeit Hannibals behauptete, worüber später mehr. 

Dafs die Chronologie des Polybios hier vollständig in 
Ordnung ist, können wir sogar noch nachweisen. Wenn näm- 
lich nach dem bei Livius, aus was immer für einer Quelle, 
erhaltenen glaubwürdigen i) Bericht c. 19, 6 — c. 20 die römi- 
schen Gesandten nach abgegebener Kriegserklärung noch das 
nördliche Spanien bereisen, und anfangs nicht ohne Anklang 
sogar südlich des Ebro zu finden, so mufs Hannibal sicher 
noch fem gewesen sein. Damit stimmt denn auch, dafs die 
Gesandten, nach feineren Erlebnissen unter den Galliern und 



1) Was z. B. über die freundliche Stimmung der Bai-gusier 
gesagt wird, findet von anderer Seite (Pol. HI 35, 4) überraschende 
Bestätigung. Neumann erkennt dies an, verwirft aber dennoch den 
Bericht, weil den Römern ja die Möglichkeit eines Angriffs auf 
Italien zu Lande überhaupt nicht in den Sinn gekommen wäre. 
Diese Anschauung ist sehr verbreitet, hat aber, wie wir in der zwei- 
ten Hälfte dieses Abschnitts finden werden, viel gegen sich und in 
Polybios keine Grundlage. 



Zeitpunkt der KrießserklBmiig. 13 

in Massilia nach Born zurückkehrend, nur erst das bestimmte 
Gerücht vorfinden, Hannibal habe den Ebro überschritten, 
während die sichere Meldung erst später, c. 25, durch Boten 
aus Massilia eintrifft 

Nur ein Bedenken gegen die Ansetzung der bekannten 
Szene im karthagischen Eate vor dem Aufbruch Hannibals 
wäre zu beseitigen. Müssen nicht die Pol. ÜT 6 bekämpften 
Svioi tGÖv ötryyeypacpotGov ta^ xat^ Jivvißav TtpdSetts, 
welche aufser dem Fall Sagunts auch noch die Über- 
schreitung des Ebro als Ursache des Krieges nannten, 
die Dinge anders geordnet haben? Mochten sie — in erster 
Linie ist gewifs Silenos, wenn nicht gar allein, gemeint — 
den B^rifF ahia noch so flach fassen, sie konnten, sollte 
man meinen, nicht die Ursache auf die formelle Erklärung 
des Krieges folgen lassen". Die Äufserung über die Ur- 
sachen des Krieges würde, wie in ihrem ersten Teile flach, 
80 im zweiten absimi genannt werden müssen. Mich wun- 
dert, dafs diesen Unterschied meines Wissens von den Neue- 
ren keiner 1) hervorgehoben hat. Von Polybios wundert mich 
das nicht. Er beti-achtet realistisch nicht die Kriegserklärung, 
sondern den Angriff auf Sagunt als Beginn, zälilt auch, wie 
sich später befinden wird, 219 v. Chr. = 535 d. St. als 
erstes Kriegsjahr; daher ihm beide Hälften jener Äufserung 
des Silenos gleichermafsen widersinnig vorkommen und 



1) Jetzt Faltin: Über den Urspr. des zweiten pun. Kr. Progr. 
Neuruppin 1887, welcher der Annahme einer so „schweren Gedanken- 
losigkeit" jener Schriftsteller durch die mir nicht besser dünkende 
Annahme zu entgehen sucht, Polybios habe jene mifsverstanden, 
und man habe statt „Verletzung der Ebrogrenze durch die Kar- 
thager" immer „Forderung der Ebrogrenze durch die Pömer" zu 
denken. 



14 Erster Abschnitt. 



ebenso widersinnig, als wenn jemand Alexanders des Grofsen 
Übergang nach Asien als Ursache des Perserkrieges bezeich- 
nen wollte. 

Indessen es giebt doch eine einfachere Annahme, als 
dafs Silenos die Szene im karthagischen Eate um Monate 
später berichtet hätte. "Wie wenn er sie gar nicht so erzählt, 
ihr nicht die Bedeutung einer formellen Kriegserklärung bei- 
gelegt hat? Die handgreifliche Form, in welcher der Fabius 
den Karthagern die Wahl zwischen Krieg und Frieden gestellt 
haben soU, den Hinweis auf den sinus^) der Toga, seine 
„Rocktasche", werden wir ja wohl als römische Verschöne- 
rung fallen lassen müssen. Die Stelle Pol. III 33 (aus wel- 
cher Diodor hier sichtlich geschöpft hat) ist sehr wahrschein- 
lich aus Pictor. Man bemerkt auch einen Widerspruch der 
Worte äXXo fjAv ovdhv elnoVy b dl Ttpeößvtato^ . . mit 
c. 21, wonach die Gesandtschaft vielmehr erklärt, sich auf 
keine Erörterung mehr einlassen zu können, und das Ultima- 
tum wiederholt. Mit der Form fallt ja nun nicht die Ankün- 
digung des Krieges überhaupt. Immerhin ist dieser Abschlufs 
der Szene aufgebauscht und ist ja auch nur ein Nachspiel zu 
der Hauptsache. Hauptsache war, dafe Karthago sich offen 
mit seinem Feldherm solidarisch erklärt hatte. Und ich 
kann mir sehr wohl denken, dafs Silenos diese Thatsache 
und deren Eindruck auf die Armee in Spanien ganz wie 
Polybios erzählte, ohne der Erwiderung und formellen Kriegs- 
erklärung durch die römische Gesandtschaft Erwähnung zu 
thun. Nach seiner Auffassung war das Signal zum Kampfe 



1) Dafs er bei livius erst einen Bausch macht: sinu ex toga 
facto, und dann fallen läüst: sinu iterum efhiso, scheint mir eine zum 
Zweck der Dramatisierung gemachte Änderung. 



Ereigniase an der Rhone. 15 



nicht von dem Fablus gegeben, sondern Hannibal gab es 
durch Überschreitung des Ebro. Das bringt der Traum 
so recht zur Anschauung. 

Nachdem wir also erkannt, wie Livius in den bisher 
betrachteten Kapiteln Polybios und Coelius kombiniert hat, 
fahren wir in der Vergleichung der Berichte fort. Pol. HI 41 
==Liv. XXI 26, 3 — 5: Die Konsuln, durch den Keltenauf- 
stand lange aufgehalten, segeln V7to tffv copaiav ab. Scipio 
gelangt in fünf Tagen von Pisae zur Rhonemündung und 
landet die Truppen, axovcov ^t£V vTtepßdXXeiv fjSri xa 
IIvpTfyaia tov jivvißav opr/, aber überzeugt, derselbe sei 
noch weit entfernt. Als jedoch Hannibals Erscheinen an der 
Rhone gemeldet wird, schickt Scipio, der das nicht recht 
glauben will, eine Rekognoszierung aus, indes er selbst 
Kri^^srat hält, wo man schlagen solle, und die Truppen 
von« der Fahrt ausruhen läfst 

Die Zeitangabe ist von Sieglin in seiner Dissertation^) 
angefochten worden, in welcher er den von WölfFlin aus- 
gesprochenen Gedanken, Coelius habe die Belagerung von 
Sagunt ins Jahr 218 v. Chr. gesetzt, in der Weise aufge- 
nommen hat, dafs dies die richtige Ansetzung sei. 'D.pa{a, 
meint er, könne „in dieser Yerbindung" nur das Frühjahr 
bedeuten. Natürlich sei aber die Angabe mit Rücksicht auf 
das Folgende unhaltbar, und Polybios wolle nur eine klaf- 
fende Lücke in seiner falschen Chronologie verdecken. Diese 
Auffassung des an sich ja sehr dehnbaren Begriffs „reife 
Jahreszeit" ist von ünger^) genugsam widerlegt worden. 



1) Die Chronologie der Belagenmg voa Sagunt, Leipzig 1878. 

2) Der röm. Kalender 218—215 und 63—45 v. Chr. Fleck- 
eisens Ibb. 1884, S. 545 S. 



16 Erster Abschnitt. 



Polybios meint den Hochsommer, was damit stimmt, dafs 
Hannibal Ende Oktober in Italien ankommt und von seinem 
Eintreffen an der Bhone bis dahin 37 Tage — vielleicht 
eine kurze Rast bei den Allobrogen ungerechnet — gezählt 
werden. Übrigens würde es nicht allzuviel Schwierigkeiten 
machen, ein längeres Verweilen Scipios an der Rhonemün- 
dung, ehe Hannibals Annäherung gemeldet wurde, zu ver- 
muten. Eigentlich ist es nur das Ausruhen von der See- 
fahrt, was auf das Gegenteil schliefsen läfst, aber als irrige 
Motivierung für den Aufenthalt gelten könnte. 

Bei der Gelegenheit bemerke ich noch gegen Sieglin,^ 
dafs nach Polybios' Worten Scipio von dem Pyrenäenüber- 
gang keineswegs erst bei seiner Landung gehört zu haben 
braucht; dies kann ebensogut in Pisae geschehen sein. 
Die Folgerung, dafs Hannibal von den Pyrenäen bis zur 
Rhone „fast seinen eigenen Boten gebildet" habe und „nur 
einige Tage länger unterwegs gewesen sei, als man bei einer 
gewöhnlichen Reise zu sein pflegt", ist also ebenso hin- 
fallig, als es die Gründe sind, mit welchen Sieglin vorher 
die TtoXXol xal iieyakoi aydaveg Hannibals zwischen Ebro 
und Pyrenäen behufs Kürzung beseitigen will. 

C. 42: Hannibal rüstet sich, fast vier Tagemärsche vom 
Meere entfernt, zum Übergang, indem er die Anwohner auf 
alle Weise sich geneigt macht, ihnen die reichlich vorhan- 
denen Nachen und Kähne abhandelt und innerhalb zweier 
Tage noch Nachen dazu anfertigen lälst. Inzwischen aber hat 
sich jenseits in feindlicher Absicht eine Monge „Barbaren"^) 



1) So nennt sie Polybios siebenmal bis auf den letzten Satz: 
öwenXlxEXo röts ßapßdpois' ol 6^ KeXroi . . . Ich möchte KeXtoI 
streichen, wiewohl Polybios ja den Wechsel im Ausdruck zuweilen 
etwas weit treibt. 



Ereignisse an der Rhone. 17 

eingefunden. Infolgedessen mufs Hannibal ein Umgehungs- 
corps 2t)0 Stadien aufwärts über den Strom senden. C. 43: 
Am dritten Tage,i) also dem fünften seit der Ankunft, ist 
dieses bereit, den Feinden in den Rücken zu fallen. Mit 
Hilfe dieses Manövers Übergang des Heeres mit Ausnahme 
der Elefanten. Lager am Strome. 

Diese beiden Kapitel wie die folgenden finden wir nun 
grofstenteils wörtlich bei Livius wieder, was besonders des- 
lialb etwas sagen will, weil solche Nachrichten über Scipio 
hineingeschoben sind, welche man im karthagischen Lager 
nicht gehabt haben kann, und weil es selir unwalirschein- 
lich ist, dafs schon Silenos römische Schriften benutzt haben 
sollte. Indessen wir kommen in der Polybios- und Coelius- 
Frage schneller und sicherer zum Ziele, wenn wir prüfen, 
was bei Livius Fremdartiges eingemengt ist. 

1) Er nennt als diejenigen, in deren Gebiet Hannibal 
die Rhone erreichte, die Volker, ein mächtiges Volk, das zu 
beiden Seiten des Flusses wohne. Sie hätten aber die Ver- 
teidigung des rechten Ufers aufgegeben und mit fast aller 
ihrer Habe das linke Ufer besetzt. Hannibal gewinnt daher 
nicht wie bei Polybios einfach „die Anwohner", sondern 
ceteros accolas lluminis et eorum ipsorum (d. h. Vol- 
carum) quos sedes suae tenuerant. — Das ist gerade 
die Art, wie Livius zwischen zwei Fahrwjissem zu lavieren 



1) Dem Herausgeber von Neuinanns Zeitalter d. pun. Kriege 
S. 290 scheint eine solche Leistung undenkbar. Dafe doch neuere 
Gelehrte immer wieder, hier, beim Marsch des Sempronius nach 
Ariminum, der Konsuln von 21 ü v. Chr. nach Cannae, Scipios nach 
Noukarthago u. s. w. entgegen Polybios nach den Leistungen unserer 
moderaen Volksbeere ein für allemal die Marschgeschwindigkeit 
bouiessen zu können meinen! 

Hesselbarth, histor. - krit Untersuch. 2 



1 8 Erster Almc-hnitt. 



pflegt. Und was er mit Polybios hier kombiniert ,hat, ist 
meines Erachtens höchst anrüchig. Die Volker haben znr 
Zeit der römischen Erobenmg sicher nicht links, sondern 
nur reclits der Rhone gewohnt,') und dafs eine solclie riick- 
läufige Verschiebung der Volksgi*enzen in der Zwischenzeit 
stattgefunden haben sollte, ist sehr unwalirscheinlicli. Poly- 
bios hätte auch wohl nicht siigen können <ptko7toii]6afxevos; 
Ttaytt tponcü rovg TrapoiHovvtag rov Ttota/jLov, wenn 
er gefunden hätte, dafs gerade das an dieser Stolle woh- 
nende Volk, und ein so mächtiges Volk, feindlich gewesen 
wäre. Vor allem giebt er l)ostimmt an, und seine Tag- 
Zählung beruht diu-auf, dafs der feindliche Schwärm erst sich 
einfindet; von Weib und Kind und Hab' und Gut in dessen 
Lager vernehmen wir nichts. 

2) Die Umgehung wird bei Polybios fiusgeführt durch 
fJiBpo<5 ti tr/(S Svvd/jLSGjg unter Hanno, Boniilkars Sohn; bei 
Livius ist es dei*selbe Führer, aber: cum pai*te copianira, 
maximo Hispanis. Und während bei jenem das gesiunte 
Corps auf Flöfsen übersetzt, deren schnelle Herstellung be- 
sondei-s hervorgehoben wird, heifst es bei Livius: Hispani 
sine Ulla mole in utris vestimentis conjectis ipsi caetris super- 
positis incubantes flumen ti-anavere. et alius exercitus ratibiis 
junctis trajectus. — Wie<ler verrät sich die Kombination, 
und diesmal können wir bestimmt sagen: mit Coelius. Als 
dessen geistiges Eigentum nämlich wii-d das Kunststück der 
Spanier erwiesen durch Vergleich mit dem Poübergang bei 
Liv. XXI 47. Dort liat Coelius den Bau einer Brücke ge~ 



1) Kieport, Lehrbuch d. alt. Googr. Borhn D. Reimer 1878, 
S. 505. Nur weiter nördhch sind Keltenvölkor in das ligurische Ge- 
biet östlich der Rhone vorgedrungen. 



Ereignisse an der Rhone. 1 9 

spart dadurch, dafs er die Yorlmt, bestehend aus spanischen 
caetrati und Eeiterei, unter Mago sofort überschwimraen , das 
Gros nach Stauung des Flusses vermittelst der Elefanten 
durchwaten liefs. Während aber dort Livius als Kenner 
dos Po die Flunkci-ei des Coelius dui-chscliaut und verwirft, 
so liält er an unserer Stelle die Mittelsü'afse, halb Coelius, 
luüb Polybios. Rein Cölianisch aber ist beiderorten Dio 
(Zonaras), und wir entnelunen aus demselben zunächst, dafs 
auch in unserm Falle nach Coelius Mago der An- 
führer war, und dafs das ganze Corps, leichtbewaffnete 
Spanier und Reiterei, schwamm. Aber nicht nur über 
Punkt 1), sondern auch über 2) linden wii* Aufklänuig. 
Nachdem zu Ende des voraufgehonden Kapitels Prodigion 
und Hannibals Traum, beides anerkanntermafsen nicht aus 
Livius, Platz gefunden, beginnt nämlich Zonar. VIII 23, 
r. 409 A mit dem Aufbruch der Konsuln und Hannibals. 
Ka\ iiixP^ /*^^ ^ö^ TTOta/ÄOV tov 'PoSavov ov8s\ts si<s 
^fipÄ^ rjxsr avt(p, ixsi d^ o ^HiTtlcov ina(pdvi] Hainep 
/it] napov6r}<5 avr(p rrfg öwaßzecog. ojiGog fAera tdov 
inixGopicoY Kai tdov avtoifs npoöolKoov td te nXoia td 
iv r(p 7tota^(p 7tpodii<p^£ipB Kai ro psvßa avtov öid 
(pvXaKTj^ inoiT}6ato. b ovv I4yyißag hpitj^s fiiv rtva 
Xpovov Kai Ox^Siats Kai ÖKd<pjj aXXa te Kai ^oro- 
SvXa KataöKSvd^aav, l(p^i} ö^ovv V7tb 7CoXvxBipia<5 td 
Ttpog Ttepalcoöiy avayKata Tcdyta, npiv t(p ^KiTticovt 
to oiKEtov a<piKi6^ai ötpdtevßa, npoBtoip^aöu^evots. 
Hai tbr a8eX<pov Mdyoova övv toi^ innevCSi Kai ipiXoig 

rtötv . . . öiaßrföoßzeroy ^7tepLil)ey Kai 6 Mdyoov 

Steßt/ tov nora^ov, 6 öh jiyyißaq Kai ol mpi avtirv 
Kard tov nopov ijtepatovyto .... Kai outGog o7 re 
aXXoz Kai oi iXi^ayteg aKiyövyGog inepaioo^rjöay, 

2* 



20 Erster Abschnitt. 



Hiernach gewinnen wir von der CQlianisclien Darstel- 
lung folgendes Bild. Scipio soll seinem Heere vorausgeeilt 
sein in das Land der freien Gallier und soll an der Khone 
(wie später am Po) die Fahrzeuge vernichtet, den Wideretand 
organisiert haben. Wähi'end er aber sein Heer heranholt, 
gelingt den Feinden der Übei-gang vermöge der noXvx^tpioc 
und der Schwimmkünste, ihrer „affenartigen Behendigkeit", 
um ein modernes Schlagwort zu brauchen. 

Das Auftreten Scipios an der Rhone ist der Kern,*) das 
übrige mehr Mittel zum Zweck, insbesondere auch die Be- 
hauptungen betreffs der Volker. Damit jenes glaubhaft 
erscheine, mufs für den Konsul dort eben ein Anhalt vor- 
lianden sein. Die Polybianischen ersten beiden Tage sind 
dabei fortgefallen. Überhaupt mufste das Ganze, wie es 
scheint, sich abspielen in den wenigen Tagen, welche für 
die Ausschiffung und den Anmarsch des Heeres anzusetzen 
waren. 

Ein gedrängtes Ineinandergreifen von Spiel und Gegen- 
spiel hat Coelius, dessen dramatisches Talent auch anderwärts 
zu Tage tritt, so erzielt Die Sache entwickelt sich natür- 
lich spannender, als wenn Scipio nach der echten Über- 
liefenmg einfach an der Rlioncmündung still liegt in dem 



1) Wunderliche Anstrengungen mufs hier Posner machen, um 
die Konkordanz zwischen Zonaras und Livius (der ja auch nur Coe- 
lius wiedergeben soll) herzustellen. Er erkennt die Reise des Konsuls 
als tendenziöse Erfindung. Dennoch soll Coelius neben der Entstel- 
lung das Echte gehabt, Dio und Livius sich das eine und das andere 
herausgesucht haben. Mommsen versucht in seiner Darstellung die 
Nachrichten über dio Volker l>ei livius und Zonai'as in etwa zu 
halten, indem er von einem Aufgebot keltischer Stämme durch die 
Massalioton redet. Von der Reise des Konsuls zu ihnen ist aber 
nur die Absicht übrig gebUebeu. 



Ereignisse an der Rhone. 21 



Wahne, es in der Hand zu haben, wo xind wann er schlagen 
wolle, bis es zu spät ist. Aber zugleich erscheint der römische 
Feldherr nun in einem unvergleichlich günstigeren Lichte; 
das Gegenspiel gewinnt am meisten und unmittelbar, das 
Spiel nur in zweiter Linie. 

Wir haben noch zu sehen, wie Coelius mit den Elefan- 
ten kiu'zen Prozefs gemacht, und wie Livius sich in dieser 
Sache stellt. Pol. c. 44: Am nächsten (sechsten) Morgen 
schickt Hannibal ein Keitergeschwader auf Rekognoszierung 
aus, wie auch schon Scipio gethan, und ermutigt inzwischen 
die Leute diwch YorfQhnmg gallischer Häuptlinge, welche 
aus Cisalpina eingetroffen waren, und durch eine Rede. 
C. 45: Die numidischen Reiter kommen geschlagen zurück, 
die römischen bestimmen Scipio durch ihre Meldungen zu 
schleunigem Vorgehen längs des Flusses. Am nächsten 
(siebenten) Tage endlich kann ziu* Überführung der Elefan- 
ten*) auf Flöfsen geschiitten werden. Ausführliche Beschrei- 
bung c. 46. 

Livius spricht nach Übersetzung des Gros zwar noch von 
dem Lager am Strome, ohne aber die Nacht anzudeuten, und 
erledigt alsbald die Überführung der Elefanten; also je nach- 
dem man die Nacht hinzudenkt oder nicht, am sechsten oder 
gar fünften Tage c. 28, 5: Elephantorum traiciendonim varia 
consilia fuisse credo, certe variat memoria actae rei. quidam 
congregatis ad ripam elephantis tradunt ferocissimum ex iis 
irritatura ab rectoi-e suo, cum refugientem in aquam seque- 
retur, nantem traxisse gregem, ut quemque timentem alti- 
tudinem destitueret vadum, inipetu ipso fluminis in alteram 

1) Sie waren nicht ins Wasser hineinzubringen. Sonst schwim- 
men bekanntlich die Elefanten gut. 



22 Erster Abschnitt. 

ripam rax)iente. celenim magis constat ratibus traiectos; 
worauf nun ausfühiiich die Vei-sion des Polybios folgt.*) 
Mit: dum clephanti traiciuritur, interim Hannibal Numidas . . 
misorat speculatum, wird das Reitergefecht angeknüpft und 
nun erst die Ilecresversammlung gebracht. 

Ich zweifle nicht, dafs Coelius vermöge seiner Verein- 
fachung des Hergangs keine besondere Zeit für die H>er- 
führung der Elefanten brauchte und alles an einem Tage 
abmachte, wie denn auch Zonaras alles zusammenfafst. So 
ist Livius zu seiner Anoixlnung gekommen; dafs Polybios 
auch in betreff des Zeitpunktes des Transports der Tiere von 
Coelius abwich, hat er versäumt zu notiei-en. 

Livius mufs nun natürlich in seinem Polybios zurück- 
blättem, daher also: Numidas miserat speculatum. Er 
erzählt aber auch gleich ihre Schlappe und zuletzt erst die 
Heeres versjimmlung, was sich aus rhetorisclien und andern 
Rücksichten leicht erklärt. 

Noch zwei Bemerkungen, ehe ich die Untersuchung der 
Vorgänge an der Rhone abschlicfse. Kannibale Rede hat 
Livius nach Polybios gearbeitet. Ja er legt, imbekümmert 
darum, dafs er nach Coelius ja das Heer hatte bis an die 
Pyrenäen über das Ziel des Zuges im unklaren sein lassen, 
dem Redner die "Worte in den Mund: damals als sie, ent- 
rüstet über die verlangte Auslieferung, den Zug gegen Rom 
beschlossen hätten, sei ilmen der Weg nicht zu lang erschie- 
nen! Eine Erinnerung an dasselbe Kapitel des Polybios, 



1) Einmal findet sich eine Angabe, dio Länge des beweghchen 
Flofses, bei Livius, welche man bei Polybios vermifst. Föhhsch 
a. a. 0. S. 9 vermutet mit Recht, dafs sie in den aus dorn Poly- 
bianischen Text entfernten Worten ras ß.ieyiöras c. 46,4 steckt. 



Omen belli. 23 

dessen Spur wir schon c. 21 mitten in einer Cölianischen 
Partie fanden. 

Ich habe ferner einiger AVorte in der Schilderung des 
Reitertreffens Liv. c. 29, 3 u. 4 noch nicht gedacht, wel- 
chen bei Polybios nichts entspricht.^) Zunächst ist: fuga et 
pavor Numidanim Romanis jam admodum fessis victoriam 
dedit, auch als Detail aus Coelius aufgefafst worden. Mir 
scheint dasselbe äufserst schal und nur von Livius hinzu- 
gesetzt, um das omen belli herauszubringen. Dann hätten 
wir hier bei Dio (Zonaras) das erste Beispiel einer gelegent- 
lichen Heranziehimg des Livius, und zwar ein für den 
zeichensüchtigen Dio recht charakteristisches. Und er liätte 
das Vorbild, das dem Verlauf des Krieges, sowie es bei 
Livius sich findet, noch herzlich wenig gleicht, ein wenig 
besser zugestutzt: totovta) teXet rijts Innofiaxloifs ^XPV" 
Öavro OTCoiov o övßTtag ^öxtfHS TroXe^o?' oi yap ^Pgü- 
fiaioi Hai iXartov rffv Ttpaorrfv irsyna/ievoi Hai 
övxyovg anoßaXovtBfS ivlHrföav. 

Was die bisher analysierten Partieen des Livius betrifft, 
so halte ich für erwiesen, dafs er Polybios und Coelius 
benutzt hat, anfangs diesen, dann aber jenen in erster Linie. 
Erwiesen scheint mir ferner, dafs Coelius aus gleichem 
Material wie Polybios dennoch eine grundverschiedene Dar- 
stellung schuf. Nicht nur dafs er anders auswählte, er ge- 
staltete die Vorgänge ziun Teil um nach freier Erfindung, 
um spannende und packende Situationen zu liefern. Dabei 
trug er der phantastisch -grellen Auffassung von Hannibal, 
wie sie sich bei den Römern festgesetzt hatte, Rechnung 



1 ) Die Diffoi-ouz in der Verlustziffer hebt Lutorbachor, indem 
er CXI. statt CLX schreibt. 



24 Erster Ahsrhnitt. 

und rückte die Kriegführung Scipios in ein glänzenderes 
Lic;ht, ob aus allgemein jiatrioti schein Gefühl heraus oder aus 
besonderem Interesse an dessen Person oder Familie, bleibe 
noch dahingestellt. 

Dafs die Livianisf^he Erzählung, nach welcher das kar- 
thagische Heer bald zornig den Zug gegen Rom Ixischlossen, 
bald bis zu den Pyrenäen nichts davon gewufst haben soll, 
welche schwankt zwischen sich ausschliefsenden Ijcsarten 
über das Verhalten der Bewohner des linken Rhoneufers, 
tiber die Ermöglich ung des Überganges, und welche neben- 
einander die glänzendste, sachkundige Beschreibung des 
Transportes der Tiere und eine handgreifliche Flunkerei 
darüber zur Auswahl präsentiert, dafs dies Allerweltsding 
Coelius geschaffen haben sollte, sei es mit, sei es ohne Be- 
nutzung des Polybios, ist eine unmögliche Annahme. 

Ganz ähnliche Ergebnisse werden wir mit Hilfe von 
Dio-Zonaras auch bei dem oberitali sehen und afrikanischen 
Kriege erhalten. ^.letzt für den Marsch an und ül)er die 
Alpen, wo uns Zonaras fast ganz im Stich läfst, verechwim- 
men für uns die Umrisse des Cöliani sehen Berichtes mehr. 
Doch werden sie, hoffe ich, stellenweise immer noch erkenn- 
bar werden. Mindestens aber werde ich die unmittelbare 
Abhängigkeit des Livius von Polybios aufser allen Zweifel 
stellen. 

Pol. in 47: Hannibal marschiert an der Rhone aufwärts. 
Geographisch -polemischer Exkurs bis c. 48. C. 40: Scipio 
kommt drei Tage zu spät bei dem verlassenen Lager Hanni- 
l)als an und ist unendlich erstaunt tiber dessen Unternehmen. 
Da aber kein Zweifel mehr ist, kehrt er um, schickt das 
Heer unter seinem Bruder nach Spanien und fahrt selbst 
nach Italien zurück, um durch Etrurien hindurch Hannibal 



Marsch an dio Alpen. 25 



am Fiifse der Alpen entgegenzukommen. In vier Tagen 
gelangt Hannibal zu der sogenannten Insel zwischen Rhone 
und Isere. Zwei Brüder kämpfen dort um die Krone. Hanni- 
bal verhilft dem älteren zum Siege; dieser versieht zum Dank 
die Karthager mit allem Nötigen und geleitet sie mit Trup- 
pen durch die Völkerschaften der Allobrogen, soweit sie in 
der Ebene wolmen. C. 50: Nach zehntägigem Marsch ge- 
langt Hannibal an den Fufs dos Gebirges und damit zu dem 
schwierigsten Teü seines Unternehmens, da die dortigen Allo- 
brogenhäuptlinge nicht mehr durch das Geleite jenes Fürsten 
imd die karthagische Reiterei in Ruhe gehalten weixlen. 

Livius läfst c. 31 Hannibal ebenfalls am Rhoneufer auf- 
wärts marschieren, fährt aber dann gleich damit fort., dafs 
er in vier Tagen ad Insulam gekommen sei. Diese Ver- 
knüpfung des bei Polybios Zerrissenen lag sehr nahe. Wenn 
Livius einmal den geographischen Exkurs ausliefs, so wai* 
es nur sehr praktisch, auch den von Polybios bei dieser Ge- 
legenheit gleich berichteten Zug Scipios noch ziunickzustellen. 

Befremdlich ist es aber, dafs Livius zu der Einmischung 
in die Streitigkeiten der beiden Bnlder — Livius nennt sie 
selbst Allobrogen entweder nach Coelius, oder weil zu seiner 
Zeit insula AUobrogum stehende Bezeichnung war — mit 
den Worten übergeht: incolunt prope Allobroges. Auch wenn 
man betont, dafs es vorher nicht in Insulam, sondern ad In- 
sulam {Ttpog Pol.) hiels, ist die Wendung wunderlich, kaum 
w^enigcr wunderlich, als wollte man sagen: „Er kam an die 
Grenze der Niederlande. In der Nähe wohnen dio Hollän- 
der." Livius nennt ferner den Namen des älteren Bruders, 
Brancus. Dies ist wichtig; die sonstigen wortreichen Zusätze: 
major et qui prius imperitarat, dann: minore ab fratre 
et coetu juniorum, qui jure minus, vi plus poterat, 



26 Erster Abschnitt. 



und zuletzt dio Nachricht, dals der seuatus und die prin- 
cipes sich für den älteren entschieden hatten, was mit dem 
Übergewicht des jüngeren schwer vereinbar ist, alles dies 
könnten auch leere Woi-te in der sentimentalen Art des Livius 
sein, ziunal die eigentliche Sache kiu-z wie bei Polybios abge- 
macht wird (Imperium majori restituit.) 

Nach Erwähnung der Gegendienste des Allobrogcnfüi-sten 
fahrt Livius § 9 fort: salatis Hannibal cei-taminibus Allobro- 
gmn cum iam Alpes peteret, non recta regione iter instituit, 
sed ad laevam in Tricastinos floxit, inde per oxtremam oram 
Vocontiorum agri tendit in Tricorios, liaud usquam impedita 
via, priustiuam ad Druentiam flumen pervenit. is et ipso 
Alpinus amnis longe omnium Galliae fluminum difftcillimus 
transitu est. nam, cum aquae vim vchat ingentom, non 
tamen navium patiens est, quia niülis coorcitus ripis, pluri- 
bus simul neque isdem alveis fluens, nova semper vada 
novosque gurgites — et ob eadem paliti quoque incerta via 
est — ad hoc saxa glareosa volvens, nihil stabile noc tutum 
ingredienti praebet. et tum forte imbribus auctus ingentem 
transgredientibus tumultum fecit, cum super cetera trexü- 
datione ipsi sua atquo incertis clamoribus turbarentur. 

Die ganze Stelle, auch sprachlich auffallend (glareosus), 
liat WölflFlin gewifs mit Recht auf den in bombastisclien 
Schilderungen von Naturphänomenen besonders starken Coclius 
zurückgeführt Non recta regione . . . sed ad laevam, be- 
zeichnet er mit Rocht als gänzlich verkehrt, wie es hier 
bei Livius steht; in der Quelle liabe es gleich nach dem 
Rhoneübergang gestanden und sei zu verstehen gewesen: 
„nicht längs dem Meer, sondern links ausweichend u. s. w.", 
mir scheint noch besser: „nicht an der Druentia gleich auf- 
wärts, sondern in einem Bogen links zu ihi-em oberen Laufe." 



Marsch an die Alpen. 27 

Neumann, welcher in Livins die noch niclit durch die 
falsche Weisheit des Polybios verunstaltete Tradition sieht, 
hat freilich S. 292' eine andere Erklärung gefunden, welche 
der Situation, wie sie nach Livius' bisheriger Erzählung ist, 
entsprechen soll: „nicht durch das Thal der DrOme, sondern 
die Isere entlang, zunächst noi'd(5stlicli." Er führt dann aus, 
weshalb es „ganz zweckmäfsig gewesen sei, dafs ihn seine 
Führer nicht bis zur Mündung der DrOme, sondern bis zur 
Mündung der Isere gebracht hätten." Das heifst nicht 
erklären, sondern vertuschen. Die Situation ist eben, dafs 
Hannibal sich schon an der Isere befindet! Oder soll man: 
non recta regione iter instituit, übersetzen: er machte nicht 
kehrt ziu* Dröme? 

Daraus, dafs die Stelle eigentlich gleich hinter die Über- 
schreitung der Rhone gehört, erkläre ich mir mm auch das 
prope. Coelius hätte die ganze Geschichte von den Allo- 
brogenfürsten eigentlich sti*eichen müssen, da nach ihm 
Hannibal deren Gebiet nicht berührte. Das wollte er aber 
niclit, da sie das Gelingen des von Scipio für unmöglich 
gehaltenen Alpenüberganges mit erklärte. So wird er sich 
denn mit einem prope geholfen haben, was dann zm' Unzeit 
auch dem Livius in die Feder kam. 

C. 32 giebt Livius, der den Faden des Polybianischen 
Berichtes einmal hatte fallen lassen, nunmehr das vorhin 
übersprimgene Vorgehen des Scipio zum Po nach Polybios, 
nur dafs Scipio statt nach Etrurien (später noch bestimmter 
Pisae) vielmehr nach Genua fährt cum admodum exiguis 
copiis . . eo qui circa Padum erat exercitus Italiam defensurus, 
worüber später gehandelt werden wird. Allenfalls möchten 
auf die zweite Quelle noch die Worte deuten: Cn. Scipionem 
fratrem cum maxima parte copiarum adversus Hasdrubalem 



28 Erster Abschnitt. 



misit, non ad tuendes tantumraodo veteres socios concilian- 
dosque novos, sed etiam ad pellendum Hispania Hasdru- 
balem. Sie sehen fast so aus, als wären sie die Zusammen- 
drängung einer umfassenderen Motivierung, einer Beleuchtung 
der Absichten der Scipionen. 

Mit den Worten: Hannibal a Druentia campestri maxime 
itinere ad Alpis cum bona pace incolentium ea loca Gallonim 
pervenit, greift Livius zu dem Marschbericht des Polybios 
zurück. Nachdem Livius soeben nocli nach Coelius so be- 
stimmt (freilich der Wahrheit zuwider) die berührten Stämme 
genannt hat, ist die Umgehung des Namens hier und später 
(durch raontani) recht auffallig. Wölfflin weist mit Recht 
darauf hin, dafs Livius mit sich selbst in Widerspruch ge- 
raten wäre, wenn er mit Polybios wieder die Allobix)gen 
genannt hätte. 

Zonaras ist leider zu kurz, um uns Aufschlufs zu geben, 
wie Coelius sich des genaueren zu der Geschichte von den 
AUobrogenfürsten und dem Marsche Scipios an die Alpen 
gestellt hat. Aber wenigstens die oben angenommene Er- 
kläning von: non recta via u. s. w. scheint er zu bestätigen, 
wenn er nach jenem Keitergefecht fortföhrt P. 409 D: 
^Eytev^ev kvvißag aniivai Ttpo? ^ItaXiay ötcevögov, 
vnoTcrevGov de rag iTtiro/iCütipats rcov oöcay, ixdrag 
fxlv Trapei^tjX^eVf irepav öh Tropev^etg löxvpcog iTtovtjöe, 
worauf die Leiden des Überganges im allgemeinen geschil- 
dert werden. 

Was die Streitfrage über den von Hannibal benutzten 
Pafs angellt, so konstatiere ich zunächst mit H. Nissen, i) 



1) Italische Landeskunde, Berlin Weidmann 1884. Umgekehrt 
sieht Faltin in diesem Abschnitt Neumanns glänzendste Leistung. 



Ooographischo Stroitfrago. 20 



dafe Neiimanns Eintreten für den öenevre auf einer verkehr- 
ten Schätzung der Quellen beruht, und dafs nach Polybios' 
Nachrichten von Hannibals Anmarsch^) es sich nur um (den 
Mont du Chat und alsdann) entweder den Cenis oder den 
kleinen St. Bernhard handeln kann. Ich entscheide mich 
aber gegen Nissen für letzteren wegen Pol. III 5G, 3: xa- 
rijps roXpitfpcois efg ta Ttspl Uddov neSia xal tb rdav 
'Ivöofxßpcav iB^rois, Hiernach ist Hannibal vor seinem 
Kampfe mit den Taurinem im Gebiet der Insubrer gewesen, 
zu denen hier der um Eporedia sitzende gallische Stamm 
(Libui Galli bei Liv. XXI 38, 7) gerechnet ist. Gegen diese 
Stelle mufs Strabos Anführung einer anderen Stelle zurück- 
treten Pol. XXXIY 10, 18: rittapag d'vTtepßdöetis ovo- 
ßid^st ßJLOVoVy dtd Atyvoov piev tf/v fyyiöta t(p Tvpprj- 
viK(^ TteXdyst, elta tfp^ 6td Tavpivcov, tfv jirrißag 
SiffX^ev^ elra rffv öid SaXaööcoVj tetdptTp^ dh trfv Sid 
'PaztcSv.^) Was aber unsere Stelle betrifft, so kennzeichnet 



Wie dieser hier livius in sein verdientes Recht eingesetzt habe, so 
hat er selbst dann von demselben Gesichtspunkt aus, dafs raau 
,, Körner (den gescheiterten Apenninübergang, Aufenthalt Hannibals 
in Luca u. s. w.) in dem Spreuhaufen aufzusuchen habe", Hermes 
Bd. 20 den Einbruch Hannibals in Eti-urion behandelt. 

1) Pol, III 50, 1: iv fj^iipais Sixa itopevBtis napa rov Ttota- 
fiov (die Rhone) eis oHtaxoöiovs öraölovs;, Sieglin a. a. 0. S. 7 
gelangt, indem er in diese zehn Tage die vier vom Rhoneübergang 
bis zur Insula einrechnet und die dazwischen liegende Rast aufser 
acht läfst, zu einer um einige Wochen zu späten Datieiamg der Er- 
eignisse an der Rhone. 

2) Wenn Polybios, wie mir walirscheinlich , nur von den Pils- 
scn nach Gallien sprach, so wäi*c unter dem vieitou „durch Rhätieu" 
der gi*üfsc St. Bernhard, unter dorn dritten der kleine zu verstehen, 
der ja sonst ganz fehlte. 



30 Kreter Abschnitt. 

to\pii]pco(s wie auch III 90, 10 weniger die Handlung an 
sich, als den Eindruck, den sie auf andere machte. Wollte 
man aber es noch so prägnant fassen, mit dem besten Wil- 
len kann ich nicht mit Neumann aus dem Wort heraus- 
lesen, dafs Hannibal zu den Insnbrern durch das Gebiet 
der feindlichen Tauriner mufste. Und auch Livius hat 
ganz gewii's nicht die Stelle so gedeutet, sondern sie einfach 
übersehen. Dafs nach Polybios Hannibal im Gebiet der In- 
subrer die Ebene en^eichte und erst nacli einer Rast sich 
gegen die Tam^iner wandte, steht mir vöUig fest. 

Ich sehe aber auch keinen zwingenden Grund, gegen 
Polybios eine andere Route anzimehraen. Dafs Hannibal auf 
der allerdings sehr unwirtlichen Pafshöhe zwei Tage vei^ 
weilte, wai' besonders durch das Zuriickbleiben vieler Leute 
und Pferde geboten. Dafs in diesen zwei Tagen von irgend 
einem Punkte aus nicht den Leuten, meinetwegen einzelnen, 
die Ebene gezeigt werden konnte, wird man schwerlich be- 
weisen können. Warum Hannibal diesen Pafs gewählt liat, 
läfst sich doch immerhin denken. Es w^ar recht eigentlich 
die den Galliern diesseits und jenseits geläufige Strafse, die 
ihn ins Land der freien ti*anspadanischen Gallier — und 
auf sie hatte Hannibal zunächst seinen Plan gebaut, viel- 
leicht zu sehr Pol. HI 34 — nicht in das der feindseligen 
Tauriner führte. Auch die Insubrerhäuptlinge, welche an 
der Rhone erschienen, Hannibal zu führen, können nicht 
über den Mont Cenis, sondern nur über den kleinen St. Beru- 
hard gekommen sein. Selbst ohne das römische Heer an der 
Rhonemündung also würde Hannibal wohl diesen Weg ge- 
zogen sein, und die „fruchtbare und wohlbevölkerte" Insula 
war wegen der Yerproviantierung wohl von vornherein in 
Rechnung gezogen. Der von Nissen als erheblich anerkannte 



Geopraphische Ströitfrage, 31 



Einwand, dafs Hannibal, wenn er vom St. Bernhard kam, 
nicht Turin zu erobern brauchte, zieht deshalb nicht, weil 
Hannibal bei allen seinen Unternehmungen immer den mora- 
lischen Eindruck auf Freimd und Feind obenan gestellt hat. 

Gegen Neumanns Angi-iffe auf Polybios' Autorität in die- 
sen googi-ai)hischen Fragen wäre folgendes zu erwidern. Uns 
mag es unbequem sein, wenn Polybios grundsätzlich nur 
die gi-ofsen, bekannten Völker, Allobrogen und Insubrer, mit 
Namen nennt, nicht die kleineren, von ihnen abhängigen 
oder auch unabhängigen Stämme. Aber Polybios schrieb 
oben nicht für uns, sondern für ein griechisches Publikum. 
Eben deshalb darf man noch nicht in Abrede stellen, dafs 
Polybios den unteren Teil der Rhone und dessen südliche 
Richtung gekannt habe, wenn er c. 47, 1 — 2 summarisch 
den Lauf des Flusses als südwestlich angiebt: jivvißais . . . 
npoffye . . napa tbv Ttota/ibv, ano ^aXattr/g cog i7t\ 
rijv eco Ttoiov/ievog rffv nopeiaVy cog eig ttfv ^eöoyaiov 
rrjg Evpconrjg, 6 Sh 'Podavog ^x^i tag ^ev Ttfjyag 
VTthp tov jiSpiatiKov ^vxov npog ttfr eöTcipav revoti- 
Öagy iv toig aTtoxXivovöi jiipBöi rcov !kX7t€oav cog npog 
rag äpHtovg' psi Sh npog dvöetg x^^M^P^'^oig, ixßdXXet 
ö' sig to 2apö(poy niXayog, In diesen beiden Punkten ist 
Polybios' Verhalten durch Zweckmäfsigkeitsgründe gerecht- 
feriigt 

Anders steht es mit II 16. Hier hat Polybios offenbar 
daraus, dafs der Po auf den Alpen entspringt, den verzeih- 
lichen Fehlschlufs gezogen, der Fliifs ströme anfangs nach 
Süden. Aber statt mit G. P. Schmidt^) daraus zu folgern, 
Polybios sei nie über einen Alpenpafs gekommen, wie er 

1) De Pol. geographia. Dissort. Berlin 1875. 



32 Erster Abschnitt. 



doch im dritten Buche eigentlich versichert, als höchstens 
über den Col di Tenda, möchte ich vielmelir schliefsen, 
dafs er seine Reise durch die Alpen nach Heraus- 
gabe der beiden ersten Bücher gemacht hat, vcrgl. 
meinen letzten Abschnitt. 

In den folgenden Kapiteln des Livius ist die Überein- 
stimmung mit Polybios so genau, dafs es keiner Skizzierung 
ihrer Berichte, sondern nur einer Prüfung der vereinzelten 
Abweichungen bedarf. Während die Allobrogen bei Polybios 
ffg tiva napaxst/iivTjv nokiv nachts sich zurückziehen und 
Ilannibal eben diese Stadt XY\y nokiv iS tj^ iftoirföavto rrfv 
opjitfv Ol TtoXi^tot erobert, sagt Livius: in sua quemque tecta 
dilabi, ferner c. 33: ex castellis conveniebant, und: castellum 
inde, quod caput ejus regionis erat, viculosque circumjectos 
capit. Wozu diese absichtliche, aber inkonsequente Um- 
schreibung des Ausdrucks TtoXts? Livius hat es sich bei 
der Ankunft am Fufse des Gebirges nicht versagen können, 
ein Schauergemälde zu entwerfen von den tecta informia 
inposita rupibus .... homines intonsi et inculti, animalia 
inanimaque omnia rigentia gelu, und dazu pafst die Existenz 
einer Stadt, welche allein dem Heere für 2 — 3 Tage (iTtt 
öveiv Koi tptö\y ffpiipans, Livius: per triduum) Unterhalt 
gewälui;, allerdings herzlich schlecht. 

Auch blofse Ungenauigkeiten laufen mit unter. So fahrt 
Polybios nach Eroberung der Stadt c. 52 fort: Tore jxhv ovv 
avrov Ttoitföd/iEVog trjv nape^ßoXrjv Kai ßiiav iTttjielvag 
rjfiipav, av^ifs &p}ia, (2) xaif^ ö' kB,Y\^ H^^XP^ M^'^ rzvocr 
a<S(paXöü(S diYjyB tffv ötpatidv, i]ÖTf öh tetaptaiog cov 
av^iis eig xivövvovg Ttapeyiveto fiaydXovfS' Livius zieht 
zusammen: per triduum exercitum aluit, et . , . . ali- 
quantum eo triduo viae confecit. (c. 34.) Porvontum 



Marsch durch die Alpen. 33 



inde ad . . . ibi . . est prope circumvenüis. Er hat also {]6tj öh 
retaptatois cav^ welches heifst: am vierten Tage des wieder- 
angetretenen Marsches, unrichtig mit jenen 2 — 3 Tagen 
kombiniert und einen Tag, den Rasttag nämlich, verloren. 

Nachdem Polybios den Kampf am vierten Tage der zwei- 
ten Marschhälfte geschildert, sagt er c. 53, 6: T|7 ö^iTcavptov 
rcäv TToXspticüv ^ojpzöS'iyrcov 6vyai>ag toi^ iTtnevöt xai 
röig VTtoZvyioig Ttpoijyt Ttpixs tag vTtepßoXag tag avco- 
tatco tcbv jiXntGoy . . . und § 9 : ivatatog öl Stavvöag 
sig tag imepßoXag avtov xateötpatOTtiöevÖe , wonach 
also am fünften = neunten Tage die Pafshöhe erreicht 
wurde. Ebenso Liv. c. 35, 1: Postero die . . junctae copiae 
saltusque (es ist die Schlucht gemeint, um die am Tag zuvor 
gekämpft war) .... superatus, und § 4: nono die in jugum 
Alpium perventum est Jedoch schliefsen sich daran die 
aus Polybios nicht zu belegenden Worte: per in via pleraque 
et errores, quos aut ducentium fraus aut, ubi (des iis non 
esset, temere initae valles a conjectantibus iter faciebant. 
Man hat gemeint, dafs diese Irrfahrten, deren mehrere 
übrigens als an dem einen Tage geschehen man sich schwer 
vorstellen kann, eine Reminiszenz aus Coelius wären. Viel 
wahrscheinlicher aber sind sie eigene Erfindung. Es ist 
nämlich allgemein übersehen, dafs Livius das ivatatog, 
wie die entsprechenden Daten früher und späterhin, mifs- 
deutet hat und neun Tage vom Passieren der Schlucht 
an meint. Er hat das wichtige Ttporfye u. s. w. im § 6 
nicht beachtet und unübersetzt gelassen. Natürlich sind ihm 
die ereignislosen neun Tage selbst unbequem, und so sieht 
er sich nach einem Lückenbüfser um. 

Bei Neumann ist es zwar der gaxize Aufstieg, der neun 
Tage währt; da derselbe aber erst von der oberen Druentia 

Hesselbarth, histor. - krit. Untersnch. 3 






34 Erster Abschnitt. 



beginnt, also im ganzen nur 90 — 95 Kilometer beträgt, so 
hat Nenmann das gleiche Bedürfnis nach Fülhmg wie Livius- 
Daher das grofse Wohlgefallen, welches er S. 295 an dem 
Lückenbüfser hat 

Dafs Livins Hannibal seine Ansprache zur Belebung der 
Hoffnung nicht an dem zweiten Ruhetage auf der Höhe hal- 
ten läfst, sondern erst am folgenden Tage, als „die Ver- 
zweiflung über die Strapazen auf allen Gesichtern geschrieben 
stand", erklärt sich aus dem Streben, rhetorische Kontraste 
zu gewinnen. 

Wichtig sind dagegen wieder die Abweichimgen des 
Livius in der Schilderung der scliwierigsten Passage und 
ihrer Überwindimg. Nach Pol. c. 54, 55 war der schon an 
sich schmale Pfad auf 1^/^ Stadien Länge an einem jähen 
Absturz hin dimjh neuerliche Abrutschungen für die Tiere 
unpassierbar geworden. Nach einem vergeblichen Versuche, 
die Stelle zu umgehen, mufste eine Passage mit vielen 
Schwierigkeiten gebaut werden. Nach Liv. c. 36 war der 
Weg auf etwa 1000 Fufs (ziemlich = V/^ Stadien) Tiefe 
hinabgestürzt. Der Absturz war so steil, ut aegre expeditus 
miles temptabundus manibusque retinens virgulta ac stirpes 
circa eminentes demittere sese posset. Nachdem der Um- 
gehungsversuch ganz wie bei Polybios geschildert ist, erfolgt 
die Übei-^indung in folgender Weise c. 37, 2 — 6: inde ad 
nipem muniendam, per quam unam via esse poterat, milites 
ducti, cum caedendiun esset saxum, arboribus circa inmani- 
bus deiectis detruncatisque struem ingentem lignorum faciunt, 
eamque, cum et vis venti apta faciendo igni coorta esset, 
succendunt, ardentiaque saxa infuso aceto putrefaciunt. ita 
torridam incendio rupem ferro pandunt, molliuntque anfracti- 
bus modicis clivos, ut non iumenta solinn sed elephanti 



Matsch durch die Alpen. 35 



etiam deduci possent quadriduum circa rupem consumptum 
iumentis prope fame absumptis: nuda enim fere cacmnina 
sunt, et si quid est pabuli, obruunt nives. inferiora valles 
apricosque quosdam coUes habent, rivosque prope Silvas et 
iam humano cultu digniora loca. ibi iumenta in pabulum 
missa, et quies muniendo fessis hominibus data, triduo inde 
ad planum descensum iam et locis mollioribus et accolarum 
ingeniis. 

Letztere Stelle wird ihrem phantastischen Charakter 
nach, wozu noch der seltene Gebrauch von inmanis kommt 
(s. Wölülin), für Cölianisch gelten können. Der greUe Wider- 
spruch zwischen den inmanes arbores und der sonstigen 
Schilderung der Umgebung (z. B. unmittelbar darauf iumentis 
prope fame absumptis. nuda enim fere cacumina sunt) weist 
aber wieder darauf hin, dafs wir es nur mit einem auf- 
gesetzten Flicken zu thun haben. 

Allein der vorher mitgeteilte Satz ist gerade im Gegen- 
teil von je her zum Beweise herangezogen worden, dafs nur 
Coelius und nicht Polybios von Livius benutzt worden sei. 
Nämlich Polybios hat in dem Exkurs c. 47, 48 gerade gegen 
Schriftsteller polemisiert, welche eine ziemlich ebenso gefafste 
Übertreibung dei* Schwierigkeiten gaben, als Livius in c. 36. 
Würde nun, sagt man, Livius, wenn er Polybios folgte, 
gerade den von ihm beseitigten Aufputz wieder hineinge- 
bracht haben, zumal Polybios ausdrücklich vor demselben 
gewarnt hatte? 

Zuvörderst gegen den letzten Teil des Einwandes ist 
zu bemerken, dafs Livius den Exkurs eben nicht studiert zu 
haben braucht und, nach seinem ganzen Yerfahren zu urtei- 
len, schwerlich studiert haben wird. Dies in Rechnung ge- 
zogen, würde der Einwand zwar ziemlich schlagend sein 

3* 



36 Krster Abschnitt. 



gegen eine Hypothese, wonach Livius seine Zusätze oder 
wenigstens diesen „de suo" geliefert hätte, nicht aber gegen 
die unsrige. Denn erkennt man einmal an, dafs Livius aus 
Coelius dies und jenes Curiosum aufgelesen und in Polybios 
hineingearbeitet hat — und ich wüfste nicht, wie man dem 
noch ausweichen wollte — , warum soll er nicht auch diese 
Übertreibung ihm abgeborgt haben? 

Und so einfach, wie man sich bei Berufung auf diese 
Stelle das Quellenverhältnis wohl vorgestellt hat, als ent- 
hielte hier Livius lediglich die Darstellung der primären 
Quelle, welche auch Polybios zu gründe gelegt, aber in 
diesem Punkt korrigiert habe (Silenos): so einfach könnte 
die Sache, wie eine genauere Prüfung ergiebt, nun doch 
nicht liegen. Polybios zieht nicht blofs gegen eine ein- 
zelne Übertreibung, sondern gegen eine durchweg kor- 
rupte Überlieferung zu Felde (IVzot tcov yeypatpo- 
rcov 7t€p\ rrjg VTtspßoXifg tavtrfis. Sosylos? Chaireas?), 
nach welcher die Alpen ohne Weg und Steg, so steil waren, 
doöt€ jjLYi olov iTtTCovts Hai ötpatoTtcda , 6uv 8h routotg 
iXi<pavra(s, aXXa jÄtfSh TtaZovg ev^oovovg evx^P<^^ ^^ 
dteX^eiv, und nach welcher nur durch höchsteigene Führung 
von Göttern und Heroen der Durchmarsch gelang. Er pole- 
misiert also nicht gegen die von ihm zu gründe gelegte 
vorzügliche Quelle, sondern gestützt auf diese und auf 
Autopsie gegen eine oder mehrere andere: ff/ietg öe Ttepl 
tovxGov €väap6cdis ano<paiv6^B^a öta rb nep\ rdav 
TtpaSacov nap^ avtcav iötoprfxivat rdav Ttapatetevxotaov 
roig Katpoig, tovg dh toTtov^ xatcoTttsvKivai xal tff 
öta tcov jiXneGov avxdi xexpf7(f^ai Ttopaloc yyaiöscog 
evexa xal ^iag. Gewifs ist mit den Ttapaterevxoreg 
tdiis xatpöits in erster Linie sein Gewährsmann Silenos, 



Marsch durch die Alpen. 37 



und, wenn lötoptiv in dieser Verbindung nicht auf schrift- 
liehe Quellen allein bezogen werden dürfte, noch irgend ein 
seine Wahrhaftigkeit bestätigender Zeuge gemeint 

Man wird anzunehmen haben, dafs Coelius aus der 
korrupten Überlieferung jene Wendung von dem pedes expe- 
ditus und überhaupt die Übertreibung der Schwierigkeiten, 
welche seinem Geschmack zusagte und seiner Tendenz zu 
Hilfe kam, aufgenommen hat, nicht aber das dort angewen- 
dete AuskunftsmitteL Statt der göttlichen Hilfe wird er 
eben das Brennen der Felsen zur Anwendung gebracht haben 
und das wahrscheinlich nicht an einer Stelle, wo keine 
Bäume waren, wie es Livius durch sein ungeschicktes 
Kombinieren zuwege gebracht hat. Coelius braucht über- 
haupt gerade von einer solchen Situation, als bei der es 
Livius heranzieht, nichts gesagt zu haben. Der Absturz 
„von 1000 Fufs Tiefe" kann auch durch blofses Mifsver- 
stehen des Polybios hervorgerufen sein. 

Eine charakteristische, wieder auf die Benutzung des 
Polybios hinweisende Verwirrung hat Livius auch in der 
Zählung der Tage beim Marsch abwärts angerichtet. Von 
den fünfzehn Tagen überhaupt (Pol. c. 56, 3 trfv 61 röav 
jiXnsGoy vTtBpßoXifv tf/iipatg ösHaTcivte) bleiben nach Ab- 
zug der neun des Anstieges und der zwei Basttage auf der 
Höhe*) nur noch vier für den Abstieg, welche sich so ver- 
teilen. Noch am ersten Tage lagerte Hannibal vor der fatalen 
Stelle und führte sogleich die Leute zur Arbeit heran. Für 
die Zugtiere und Pferde machte er die Strecke in einem 
Tage gangbar (für die Leute war sie es nach Polybios von 



1) Diese mit WölfTlin als in den fünfzehn Tagen nicht eia- 
gerochnet anzusehen, gestatten die Worte des Polybios nicht. 



38 Erster Abschnitt. 



Anfang an). C. 55, 7: öio xaltavta ^v svS^ico^ öta- 
yayojy, xai xataÖtpatoTteöevöag Ttept tovg ix- 
q)6vyoytag ijötf tffv ;jftovar toTtovg^ öia^rjxe Ttpog 
tag vofidg. Da xataörparoTteÖBvety von Polybios regel- 
raäfsig intranßitiv gebraucht wird, auch nachher nur noch 
von den Elefanten, nicht von der Infanterie die Rede ist, 
so sind die hervorgehobenen Worte so aufzufassen, dafs 
das ganze Heer aufiser den Elefanten schon am zweiten 
Tage des Abstieges das Hindernis überwinden und noch ein 
Stück weiter marschieren konnte. Polybios fahrt fort: tovg 
dh Noßiddag dvd ^ipog Ttpofjye npog ttpr olxodojiiav 
xai fAoXtg iv fjfxipatg tpiöl xaxona^tföag öiijyaye rä 
^r^pia. Es ist wohl Ttpoöffye zu lesen: „zog sie abwech- 
selnd zur Arbeit heran." Die ganze Angabe ist klar und 
wahrscheinlich. Dauerte die Erbreiterung des Pfades für 
Maultiere und Pferde einen Tag, so sind zwei Tage für die 
weitere Arbeit nicht allzuviel. Wenn es nun c. 56 heiföt: 
L4yyißag öh övya^poiöag ofxov näöay rtjy dvya/xiy 
xatißatye, xai rpttatog ano tday Trpoeiprf/xsyojy xptf- 
ßiycby Siayvöag tf^ato rdov imniScoy^ so ist nicht der 
dritte Tag von dem Eintreffen der Elefanten gemeint, in 
welchem Fall das dno tcay xprfßiycSy überflüssig und irre- 
führend wäre, sondern seit das Heer die Stelle überwunden 
hatte, also (den terrainus a quo eingerechnet) der vierte des 
Abstieges überhaupt. 

So löst sich das Exempel, wenn auch nicht ohne 
genaues Nachrechnen, i) Da das Livius' Sache nicht ist, 

1) Noch Luterbacher wundert sich, dafs auch bei Polybios die 
Rechnung nicht stimme. Die richtige Deutung von c. 55, 7 ist hier, 
wie so oft, nicht gefunden, weü man immer unwillkürlich sich von 
Livius beeinflussen heb. 



Marsch durch die Alpen. 39 



wundem wir uns nicht, wenn er strauchelt. Bei dem 
Brennverfahron mochte ihm ein stufenweises Herstellen des 
Weges erst für Pfei'de, dann für Elefanten nicht handlich 
erscheinen. Er liefs daher das ganze Heer erst in einem 
„quadriduum^' hinüberkommen, sei es, wie Wölfflin meint, 
dafs er iv ff/4€patg tptöiv fälschlich noch zu iv rjfJiif^ 
litqL addierte, oder, was bei dem schwankenden Sprach- 
gebrauch möglich, dafs er „volle drei Tage" mit quadriduum 
ausdrückte. In den niederen, wohnlicheren Gegenden ange- 
langt, rasten dann Tiere imd Menschen; auch die Numider 
haben bei Livius nun natürlich nichts mehr zu thun. Triduo 
inde gelangt Hannibal in die Ebene. Livius hat, ganz wie 
oben in bezug auf ivataiog vermutet wurde, das tpitaiois 
von dem wiederangetretenen Marsche verstanden, so dafs die 
Rast nicht in die drei Tage mit hineinfallt, sondern selb- 
ständig ist. Wäre sie das in der Urquelle gewesen, so 
würde es an einer Zeitangabe nicht fehlen. 

Bei aller Übereinstimmung also, die sowohl bei dem 
Marsch aufwärts als abwärts, jene Stelle vom Brennen der 
Felsen abgerechnet, sich auf die geringsten Einzelheiten der 
Vorgänge und auf den Ausdruck erstreckt, giebt es hier und 
dort Differenzen in der Zählung der Tage. Auch beim Ab- 
stieg kommen wieder zu viel heraus. Die Differenzen finden 
aber, zumal wir bald sehen werden, dafs Livius dennoch 
keine andere GesamtzifFer als die des Polybios giebt, ihre 
Erklärung recht gut, ja nach meiner Meinung nur in 
ungenauer Benutzung und unrichtiger Kombination der nicht 
recht übersichtlichen Polybianischen Angaben. Wie auf dem 
Wege Silenos-Ooelius- Livius dasselbe verwunderliche Ergeb- 
nis hätte herauskommen soUen, vermag ich mir nicht vorzu- 
stellen. 



40 Erster AbsQ^ilt. 



Pol. c. 56, 3 ff: tiXog öh, tffv ßiiv näöav nopelav 
in Kaiyrjg TtoXecj^ iv nevre /Äff öl Ttoitfödpievo^ , tffv 8h 
tdov jiknecoy VTtepßoXtp^ ff/iipatg dexaTtiytB, xatifpe 
ro\ßjif/pdüg sig ra nep\ tov UdSov Tcedia xal to rcov 
'ivöOfxßpcoY i^vog' Ix^^^ öiaÖGo^opievoy piipog trfg /ihr tdov 
AtßvGov SvvdjxBGog neZovg pivplovg xal Siöxikiovg^ rff<s 
dl tdov 'ißfjpcav elg oxtaxiöxthiovg^ iTCTCsig dl tovg ndv- 
tag ov TtXsiovg tdov i^axiöxtXioov ' dog avtbg iv rjy 
öti^X^ tff Ttepl tov TtXrßovg ixovö^ trjv imypatpriv iTcl 
Aaxtv{(p 8ia6aq}6u Inzwischen ist Scipio nach Pisae, von 
da durch Etrurion zu den prätorischen Heeren gelangt, mit 
denen er in die Poebene vordringt, um den Feind aufzu- 
suchen. C. 57 — 59 geographischer Exkurs. C. 60: Hanni- 
bal stellt in den Quartieren vn^ avtrjv tffv napaopsiav 
tdov jiXnzGov seine Truppen wieder her, zieht dann, als 
auf gütlichem Wege nichts zu erreichen ist, gegen die mit 
den Insubrem verfeindeten Tauriner, dt tvyxdvovöi npog 
ty Ttapcopeiqc xatotxovvteg , und erobert ihre festeste Stadt 
Dann wendet er sich gegen den Konsul. 

Liv. c. 38, 1 — 2: Hoc maxime modo in Italiam per- 
ventum est, quinto mense a Carthagine Nova, ut quidam 
auctores sunt, quinto decimo die Alpibus superatis. quantae 
copiae transgresso in Italiam Hannibali fuerint, nequaquam 
inter auctores constat. qui plurimum, centum milia pedi- 
tum viginti equitum fuisse scribunt. qui minimum, viginti 
milia peditum, sex equitum. Darauf noch eine Angabe aus 
L. Cincius Alimentus, über deren Sinn und Tragweite mit 
allem Hin- und Herraten nicht ins Keine zu kommen ist: 
(confimdit numenim) GaUis Liguribusque additis. cimi his 
octoginta milia 2>editum, decem equitum adducta — in Italia 
magis affluxisse veri simile est, et ita quidam auctores sunt. 



Marsch durch die Alpen. 41 



Die chronologischen Daten zu Anfang stammen, wie man 
sieht, lediglich aus Polybios. Nur auf quinto menso a Car- 
thagine Nova bezieht sich, wie die Erklärer bemerken, ut 
quidam auctores sunt. Diese Bestimmung mufste Livius, 
wie vorher c. 15, 3 (s. unten), in Zweifel stellen. Wie sehr 
aber auch die fünfzehntägige Dauer des Alpenmarsches gegen 
seinen eignen Bericht streitet, hat Livius gar nicht bemerkt. 
Dafs Hannibal bei den Insubrem angelangt sei, hat Livius 
übergangen und sich dieser Notiz auch nicht erinnert, als 
er später auf diese Frage zurückkam. 

Von den Zahlangaben stimmt die zweite, niedrigste, 
genau mit Polybios. Aber gerade in dieser Stelle (nebst 
der folgenden über den von Hannibal benutzten Pafs) hat 
Böttcher^) den deutlichsten Beweis für Nichtbenutzung des 
Polybios gefunden. Wieso konnte Livius, fragt er, neben 
diesen Ziffern, wenn er sie bei Polybios, belegt mit den 
Worten der lacinischen Inschrift, fand, überhaupt 
noch andere nennen? Nun, sie waren eben für den römi- 
schen Nationalstolz zu niedrig, und Cincius zumal, der als 
Gefangener mit Hannibal selbst sich über diese Dinge unter- 
halten haben sollte, schien Livius ein Zeuge von grofsem 
Gewicht Soviel steht wohl fest, daJjs Livius letzteres Citat 
aus zweiter Hand hat Es läge am nächsten, wieder an 
Coelius zu denken, der seine Quellen oft nannte. Die zweite, 
niedrigste, Angabe würde dann das einzige sein, was Livius 
(aus Polybios) zu ihm hinzugefügt hätte. Von Orosius sei 
bemerkt, dafs er sich die höchsten Ziffern aus Livius aus- 



1) Auch Egelhaaf: Vergleichung der Berichte u. s. w. Fleck- 
eLsens Jbb. Supplbd. X, S. 473 — 524 erkennt diese beiden Beweise 
an und schliefst die Benutzung des Polybios aus. 



42 Ereter Abschnitt. 



gesucht hat.i) Dagegen ist Eutrop. m 8: LXXX milia 
peditum, XX milia equitum, XXX VIT elephantos, selbstän- 
dig und repräsentiert vielleicht Antias. Übrigens zählt auch 
Polybios — aber freilich an der Khone — : 37 Elefanten. 

Livius fährt fort § 6: Taurini Semigalli^) proxima gens 
erant in Italiam degresso. id cum inter omnes constet, eo 
magis miror ambigi, quanam Alpis transierit, et vulgo credere 
Poenino — atque inde nomen ei iugo Alpium inditum — 
transgressum, Coelium per Cremonis iugum dicere transisse, 
qui ambo saltus cum non in Taurinos sed per Salassos 
Montanes ad Libuos Gallos deduxerint nee veri simile est 
ea tum ad GaUiam patuisse itinera. utique quae ad Poeninum 
ferunt, obsaepta gentibus semigermanis fuissent neque her- 
cule montibus his, si quem forte id movet, ab transitu 
Poenonim ullo Seduni Veragri, incolae iugi eins, nomen 
norint inditum, sed ab eo quem in summo sacratum vertioe 
Poeninum montani appellant. 

Dafs Livius mit seiner ersten Angabe über die Über- 
einstimmung der Quellen, was Polybios betrifft, im Unrecht 
ist, liegt auf der Hand. Aber zugegeben, dafs er jene Notiz 
in c. 56 übersehen hatte, erklärt sich der Irrtum sehr leicht. 
Als er nach Überschlagung des Exkurses den Polybios wie- 
der einsah, fand er c. 60, dafs das erste Auftreten 
Hannibals in Italien allerdings gegen die Tauriner gerichtet 
ist, und dafs ihr Land sowohl als Hannibals Lager an der 
nafxipBia gelegen genannt "werden, ümsomehr werden wir 
an der Angabe in bezug auf Coelius festhalten müssen, den ja 



1) Oros. IV 14 od. Zangomoister, im Corp. Script. Ecclesiast. 
Wien C. Gerold Sohn 1882, V. 

2) Hannibah Uest Diderich, Fleckeisens Jbb., 1879, p. 483. 



Marsch durch die Alpen. 43 



Livius auch soeben verwertet zu haben schien. Da nun aber 
Ldvius auch in der Lage des iugum Cremonis schwerlich irrt — 
ist doch Gallia transpadana seine Heimat — , so bleibt nichts 
übrig, als ihm zu glauben, dafs Coelius durch die Nennung 
desselben mit seinem eigenen Bericht in Widerspruch geriet. 

Polybios' Nachrichten von Scipio hat Livius noch zurück- 
gestellt, um den Faden der EIrzählung nicht zu verlieren. 
Sehr unbequem wurden Livius, da er Hannibal bei den 
feindseligen Taurinern ankommen liefs, die Kantonne- 
ments, in denen Hannibal seinen Truppen die sorglichste 
Pflege angedeihen lassen konnte. Nur mit Rücksicht darauf 
konnte es Livius als ein günstiger Umstand erscheinen, 
dafs die Taiuiner mit den Insubrern in Krieg verwickelt 
waren. C. 39: Peropportune ad principia rerum Taurinis 
[proximae genti] adversus Insubres motum bellum erat. 
Sed armare exercitum Hannibal, ut parti alteri auxilio esset, 
in reficiendo maxime sentientem contraota ante mala, non 
poterat . . . ganz nach Polybios. Sehr überraschen müssen 
den Leser, da sich das Heer doch immerhin in Feindesland 
befindet, die Wendungen otium ex labore, copia ex inopia, 
cultus ex inluvie (varie corpora movebat). Hauptsächlich 
wohl auch um über die unbequeme Rast Hannibals besser 
hinwegzukommen, hat Livius gerade hier Scipios Weg ange- 
geben und zwar nach Polybios über Pisae, im Widerspruche 
mit c. 32 (Genuam repetit)! In den Worten: sed cum Pla- 
centiam consul venit, iam ex stativis moverat Hannibal, hat 
man schwerlich mehr als eine Brücke zu sehen, die zu 
Hannibal zurückleiten soll. Polybios nennt Placentia nicht 

Einen recht deutlichen Hinweis auf Polybios finden wir 
im folgenden. Derselbe hat nämlich c. 61, wie er das vor 
den grofsen Entscheidungen üebt, ein Stimmungsbild entwor- 



44 Erster Abschnitt. 



fen und Hannibals Erstaunen über Scipios in anbetracht des 
weiten Weges schnelles Herbeieilen, desgleichen das Erstau- 
nen des Scipio über das Gelingen des Alpenmarsches, end- 
lich den Schrecken in Rom und die sofortige Abbenifung 
des anderen Konsuls von Sicilien geschildert. Dieses echt 
Polybianische Kapitel, jedoch mit Weglassung des vom 
Kriegsschauplatz ablenkenden Blickes auf Rom, hat nun 
Livius, nachdem er die Lage und Stimmung der Gallier 
ganz nach Polybios geschildert, c. 39, 7 — 9 verwertet Ein 
rhetorischer Effekt ist dadurch erzielt, dafs beide Feldherren 
schon von Anfang an sich bewundern, jetzt dies Gefühl sich 
noch steigert. Freilich hatte Hannibal, seinen Gegner zu 
bewundern, vorher keinen andern Gnmd als — eo ipso 
quod adversus so dux potissimum lectus esset! 

Aber halten wir erst einmal inne und überschauen wir 
das auf den letzten Seiten über Coelius mit Wahrscheinlich- 
keit oder Sicherheit Ermittelte. Es war in bezug auf Scipio 
die kürzere Falui; über Genua, in bezug auf Hannibal erstens 
die Wegangabe vom Rhoneübergang links durch Trikastiner, 
Vokontier, Trikorier Gebiet (wobei die Allobrogen mit dem 
Könige Brancus „in der Nähe" untergebracht wurden) zur 
Dnientia, zweitens die (nicht zum übrigen stimmende) Nen- 
nung des iugum Cremonis als Übergangspunkt, drittens die- 
jenige dos Taurinerlandes als Endpunkt und endlich — nicht 
an der Stelle, wo es Livius bringt — das Brennen der Felsen. 

Also wieder ein schnelleres Tempo, in welchem die Ereig- 
nisse sich folgen, eine kürzere Linie, auf welcher der eine 
und der andere Teil sich bewegt, und wieder ein verteufeltes 
Kunststück seitens des Puniers. Und wie gut steht sich bei 
dieser Umarbeitung Scipio! Nach dem Gefecht am TessLn, 
heifst es Pol. HI 68, war man in Rom mit allerlei Ausreden 



Manch durch die Alpen. 45 



bei der Hand, um diese Schlappe nicht als eine eigentliche 
Niederlage gelten zu lassen. Die einen beschuldigten rfp^ 
tov Ötpocrrjyov TtpoTtiretar, die andern mit bezug auf den 
folgenden Abfall der GfaUier deren Unzuverlässigkeit (i^sXo- 
xaxTföty). Letztere zu der Erbitterung des Kampfes schlecht 
stimmende Behauptung war wohl erst die Antwort auf die 
AnUage des Feldherm, zu welcher der verwundete römische 
Stolz offenbar zunächst grifT. Ganz imgerechtfertigt war diese 
schwerlich. Zwar nicht, dafs Scipio überhaupt Oberitalien 
nicht aufgab, wohl aber dafs er über den Po vorging, mufs 
ihm als Fehler angerechnet werden nach den Andeutungen 
des Polybios. Sah doch Scipio selbst sofort beim ersten Zu- 
sammenstofs die Ungunst dieses Schauplatzes ein und zog 
sich ziu*ück so schnell, als er gekommen, und schneller, als 
selbst sein Gegner nach seinem bisherigen Auftreten von 
ihm irgend erwartete. Also der Vorwiuf der Ttponireta 
haftete an Scipio. Ja ich möchte glauben, dafs Fabius Pictor 
nicht so kühl wie Polybios den Vorwurf von der einen, die 
Entschuldigung von der andern Seite verzeichnet hat Eine 
besondere Eingenommenheit gegen den Vater des grofsen Scipio 
bei Fabius anzunehmen, ist kein Grund. Aber auch ohne 
das wäre es wohl begreiflich, wenn er hier gegen ihn Partei 
genommen hätte. Wir werden später finden, wie er es zu 
vertuschen suchte, dafs sein Held Fabius Maximus die sofor- 
tige Kriegserklärung nach Sagunts Fall hintertrieben und 
damit in erster Linie die feindliche Invasion verschuldet 
hatte. "Wer aber jemand entschuldigt, beschuldigt gern 
andere. Der Bewunderer des grofsen Zauderers mag etwa 
eine Defensivstellimg am Apennin bis zur Ankimft des 
andern konsularischen Heeres, vielleicht gar auch die Um- 
kehr des für Spanien bestimmten Heeres für das der Lage 



46 Erster Abschnitt. 



Angemessene gehalten haben. Bei der Heeresaufstellung im 
folgenden Jahre hat den Römern wahrscheinlich der Hergang 
in dem glorreichen Keltenkrißg von 225 v. Chr. vorgeschwebt, 
und die nationale Historiograpliie ist allezeit der Meinung 
geblieben, dafs das beabsichtigte Zusammenwirken aller Streit- 
kräfte nur diu-ch Flaminius' Unbesonnenheit zu schänden ge- 
worden sei. Mir scheint glaublich, dafs Pictor diesen Plan 
von allem Anfang an für den richtigen gehalten habe. 

Wie dem auch sei, wie wir die Cölianische Darstellung 
uns vorstellen dürfen, ist Scipio ohne Makel. Er hat wie 
an der Rhone einen vortrefflichen Plan, der nur durch die 
bösen Künste des Puniers durchkreuzt wird. Wenn er näm- 
lich den kürzesten Weg über Genua einschlug imd die pra- 
torischen Legionen etwa in der Nähe von Placentia vorfand, 
statt dafs er sie auf weiten Umwegen aus dem Bojerland 
herbeiführen mufste, so konnte er darauf rechnen, Hannibal, 
ehe er sein Heer reorganisiert, am Fufse der Alpen zu über- 
raschen. Und Coelius war kühn genug, einen solch^en Coup, 
den offenbar weder die Beteiligten noch ein Polybios für 
möglich gehalten, dem Konsul anzudichten. Natürlich mufs- 
ten nun, um das Scheitern des imtadeligen Planes zu erklären, 
die Leistungen des Gegners ins Fabelhafte getrieben werden. 
Und das hat Coelius nachweislich gethan. Bei ihm gewinnt 
Hannibal, statt bis ins Allobrogenland zu ziehen, auf detailliert 
angegebener Route quer durch die Yoralpen Scipio umgehend 
das obere Druentiathal — hier, denke ich, wird das Brennen i) 



1) Nach vorheriger Behandlung mit Essig. Dies scheint der 
schwache Kern der Fabelei zu sein; das Reagieren dos Kalkes auf 
Säuren mag eine von den Puniern etwa beim Bergbau in Spanien 
gemachte Entdeckung sein, von welcher Coelius eine dunkle und 
phantastische Kunde gehabt hat. 



Maisch durch die Alpen. 47 



der Felsen verwendet worden sein — und von da direkt 
Turin. Die Rast am Fuise der Alpen dürfte Coelius so gut 
wie ganz gestrichen haben. Einer solchen Version fügen 
sich alle Polybios fremden Bestandteile des Livius aufs beste 
ein. Einzig das iugum Cremonis, wenn es wirklich nur den 
zu den Salassem führenden kleinen St Bernhard bezeichnet, 
wurde nicht zu ihr, sondern zu der echten Überlieferung 
stimmen. Man hätte vielleicht anzunehmen, dafs Coelius bei 
seiner Neigung Namen anzuführen, es der authentischen Be- 
schreibung entlehnte, indem er es für eine Bezeichnimg des 
ganzen Gebirgszuges hielt, während Polybios seine griechi- 
schen Leser begreiflicherweise nicht damit behelligte. 

Wölfflin hat auf die interessante Stelle Ammian. XV, 10, 10 
hingewiesen: superioris Africani pater P. Cornelius Scipio 
Saguntinis memorabilibus aerumnis et fide pertinaci desti- 
natione Afrorum obsessis iturus auxilio in Hispaniam traduxit 
onustam manu valida dassem, sed civitate Harte potiore 
deleta Hannibalem assequi nequiens, triduo ante transito Rho- 
dano ad partes Italiae contendentem, navigatione veloci inter- 
curso spatio maris haud longo, degressurum montibus apud 
Genuam observabat Liguriae oppidum, ut cum eo, si copiam 
fors dedisset, viarum asperitate fatigato decemeret in planitie. 
consulens tarnen rei communi Cn. Scipionem fratrem ire 
monuit in Hispanias, ut Hasdrubalem exinde similiter eruptu- 
rum arceret. quae Hannibal doctus a perfugis, ut erat 
expeditae mentis et callidae, Taurinis ducentibus accolis per 
Tricastinos et oram Vocontiorum extremam ad saltus Tricorios 
venit indeque exorsus aliud iter antehac insuperabile fecit ex- 
cisaque nipe in inmensum elata, quam cremando vi magna 
flammanim acetoque infuso dissolvit, per Dnientiam flumen gur- 
gitibus vagis intutum regiones occupavit Etruscas (Taiuiscas?). 



48 Erstor Abschnitt. 



In der That sind diese Worte des belesenen Ammianus für 
unsere Untersuchung bedeutsam. Aus Coelius stammen sie 
wohl sicher, wenn auch nicht direkt. Natürlich können 
ebensowenig wie der geschraubte Stil die zahlreichen sach- 
lichen Ungereimtheiten diesem zur Last gelegt werden. Dal's 
z. B. bei Scipios Aufbruch Sagunt noch nicht genommen ge- 
wesen und Hannibal dann doch an der Rhone jenem zuvor- 
gekommen sei, scheint zwar Ammians Meinung zu sein, kann 
aber unmöglich mit Wölffün als Cölianisch betrachtet werden. 
Unmöglich ist auch die Aufstellung Scipios bei Genua selbst 
(in planitie!). Dagegen, dafs die Schnelligkeit Scipios, über- 
haupt das Wettmachen des einen Anschlages durch den 
andern so scharf hervorgehoben wird, dafs Tau r in er statt 
Gallier als Führer dienen, dafs der W^ nicht an einer 
Stelle des Abstieges, sondern vor der Druentia hergestellt 
werden mufs, halte ich für Cölianisch. 

Endlich sei hier noch auf Dio fr. 57, 3 ed. J. Becker 
hingewiesen: ort iTtel r<p tcXt/S^bi tov ötparov tovjivvi- 
ßov ovöhv tcoy TrapaöKeva^oßiivayy iSr/pK€t . . . xal 
tivots avt^ dta tovto yvoi/iffv Sovtog taig tdbv ivav- 
tlatv öapSi toi)^ ÖtpattGita^ 6triZeiv, to ßihv 7tpäy/xa 
ovH idvgx^patve ^oßeicfSrat öh lq}r} /ir/Ttote toiovrcov 
öGD/4arctfy aTtoprföavreg in^ aXkr}Xo(payiay rpdnoovrai. 
Nach dem Anfang des Fragmentes gehört dasselbe dem Marsch- 
beiichte selbst an, und es scheint, dafs Coelius die Ableh- 
nung des Vorsclilags an dieser Stelle und mit dieser Begi'ün- 
dung (als gefahrlich) berichtet hat. Nach Pol. IX 24 wurde 
vielmehr bei den Vorberatimgen noch in Spanien der Vor- 
schlag gemacht. Hannibal hätte das Praktische der Idee aner- 
kannt, rov dh Ttpayjiaro^ Xaßsiv Ivvoiav ov^ avrbv ovrs 
rovg g}iXov<s iSvrato neiöat. Livius in Buch XXI erwähnt 



Troffen am Tidnos. 40 



die Sache nicht X X llT, 5 allerdings wird in einer Eede 
Hannibal vorgeworfen, dafs er wirklich sein. Heer Menschen- 
fleisch habe essen lassen. 

Das Treffen am Ticinus leitet Polybios ein durch Reden 
beider Feldherren. C. 62: Hannibal läfst, ehe er beginnt, 
elend gemifshandelte Gefangene aus den Alpenthälern, dazu 
prachtvolle Rüstungen, wie die gallischen Häuptlinge bei 
Zweikämpfen tragen, und Pferde herbeibringen und fragt 
die Gefangenen, welche von ihnen miteinander um den 
Besitz derselben und die Freiheit kämpfen wollten. Alle 
bitten danmi. Aber nur zwei ausgeloste werden bewaffnet 
(natürlich mit jenen Rüstungen) und kämpfen. Beide, eben- 
sowohl der Getötete als der Sieger, werden von aUen anderen 
beneidet und glücklich gepriesen. C. 63: Ebenso, sagt mm 
Hannibal, müfsten sie sich auf den Kampf freuen, der ent- 
weder ihren Leiden durch einen ruhmvollen Tod ein Ende 
machen oder ihnen überschwengliche Reichtümer einbringen 
werde. Er befiehlt den Aufbruch für den nächsten Tag. 
C. 64: Scipio geht über den Po, dann über den Ticinus. 
Während des Brückenbaues halt er die Ansprache. C. 65: 
Er marschiert weiter napa ror notapLov ix xov Ttpog 
rag jiXTCetg /jiipovg. Gemeint ist natürlich der Po, so dafs 
die herkömmliche Benennung des Treffens nach dem Ticinus 
ungenau ist Am zweiten Tag gewinnt man Fühlung, am 
dritten rekognoszieren beide Feldherren mit der Reiterei. Hef- 
tiger Kampf. 

Idvius hat die Reden umgestellt, c. 39, 10 bis c. 41 und 
a 42 — 44, damit nach Scipios prahlerischer Zuversicht 
Hannibals Hohn und Spott desto wirksamer werde. Die 
grofse Ähnlichkeit der beiden natürlich ausgesponnenen und 
mit Zuthaten gewürzten Reden mit den Polybianischen kann 

Hesselbarth, htstor. - krit. üntersnch. 4 



50 Erster Abschnitt. 



niemand entgehen. Chai^akteristisch ist folgende Mifsdeutung. 
Livius läfst eine ganze Eeihe von Paaren kämpfen und denkt 
sich den Hergang ähnlich einem römischen FechterspieL Da- 
her er denn eine (recht störende) Pause zwischen diesem Kampf 
und der Eede nötig hält: cum sie aliquot spectatis paribus 
affectos dimisisset, contione inde advocata u. s. w. Ein nicht 
minder seltsames MiTsverständnis freilich ist Gilbert wider- 
fahren, wenn er meint, die prachtvollen Rüstungen hätten mu* 
als Preise und Lockmittel neben den Kämpfenden gelegen, 
und die Mehrzahl derselben verlange auch eine Mehrzahl der 
Sieger, so dafs also Livius im Rechte sei und folglich unab- 
hängig aus gleicher Quelle wie Polybios schöpfe. 

Von den Livianischen Zuthaten ist merkwürdig die 
Behauptung Soipios, Hamilkar Barkas habe für den Abzug 
seiner Leute vom Eryx je 18 Denare Lösegeld zahlen müs- 
sen. Ihre Bestimmtheit (zumal in einer Rede) ist wahrlich 
noch kein Beweis gegenüber Pol. I 58 und 62. 

Femer ist für die im zweiten Teil dieses Abschnittes zu 
behandelnde Frage nach Livius' Stellung zu dem Hasdrubali- 
schen Vertrag zu beachten c. 44, 6 f. : neque (seiet, superbissima 
gens) eos quos statuit terminos observat. ne transieris Hi- 
berum! nequid rei tibi sit cum Sagimtinisl [ad Hiberum est 
Saguntum] nusquam te vestigio moveris! parum est quod 
veterrimas provincias meas Siciliam et Sardiniam adimis? 
[adimis] etiam in Hispanias [?] et inde si ofecessero, in 
Africam transcendes? (Der letzte Satz wesentlich nach Mad- 
vig.) Erstlich könnte man aus der Trennung der Forderungen 
betreffs des Ebro und Sagunts folgern wollen, dafs hier ein- 
mal Livius mit Polybios von einer Erwähnung Sagunts im 
Hasdrubalischen Vertrage nichts wissen wolle. Allein es ist 
offenbar nur das rhetorische Bedürfnis, das diesen Schein 



Treffen am Ticiniis. 51 



hervorgerufen hat. Sodann liest Joseph Kraus N. Rh. Mus. 
XXXI S. 321 f. und mit ihm Wölfflin: at liberum est Sa- 
gimtum. Die Klausel von der Libertat und Neutralität Sa- 
gunts ist nun, wie sich befinden wird, eine römische Fäl- 
schung, um Karthago gegen Sagunt ins Unrecht zu setzen. 
Ihre umgekehrte Verwendimg hier wäre seltsam, zumal sie 
von Livius zwar XXI 2 aufgenommen, seitdem aber fallen 
gelassen ist. Yor allem stören die Worte die Dreiteilung des 
Satzes aufs unangenehmste. Es bleibt also dabei, dafs sie 
GloBsem sind. 

Wie aber am Schlufs dieser Stelle Sicilien und Sardinien, 
obwohl die Trennung auch rhetorisch wirksamer gewesen 
wäre, zusammen genannt werden, so auch c. 41, 14: non 
de possessione Siciliae ac Sardiniae, de quibus quondam 
agebatur, und am allerdeutlichsten , um das vorwegzunehmen, 
XXn 54, 11: fracti (seiet clade ad Aegatis insulas accepta) 
Sicilia ac Sardinia cessere. Lauter Beweise, dafs Livius in 
der zweiten Dekade wirklich, wie die Epitome, die Epito- 
matoren imd die Kompendien thun, aufser Sicilien auch Sar- 
dinien gleich an Catulus hat abtreten lassen! 

C. 45 folgt bei Livius nun erst der Brückenbau; dabei 
aber ein ungewöhnlich umfangreicher Einschub: tutandique 
pontis causa castellum insuper imponunt. Poenus hostibus 
opere occupatis Maharbalem cum ala Numidarum, equitibus 
qningentis, ad depopulandos socionim populi Romani agros 
mittit, Gallis parci quam maxime iubet, principumque animos 
ad defectionem sollicitari. ponte perfecto traductus Romanus 
exercitus in agnim Insubrium quinque milia passuum a 
Yictumulis consedit. ibi Hannibal castra habebat, revo- 
catoque propere Maharbale atque equitibus, cum instare cer- 
tamen cemeret, nihil umquam satis dictum praemonitumque 

4* 



52 Erster Abschnitt 



ad cohortandos milites ratus, vocatis ad oontionem oerta prae- 
mia pronuntiat, in quorum spem pugnarent. Also eine kurze 
zweite Rede mit überschwenglichen Zusicherungen, von denen 
ich nur hervorhebe: qui sociorum cives Carthaginienses fieri 
vellent, potestatem facturum. i) Nachdem die Verheifsungen 
durch ein feierliches Opfer bekräftigt sind (nach dem alt- 
italischen Eitus mit der Steinaxt), äufsert sich die grofste 
Kampf begierde. C. 46 : Apud Romanos haudquaquam tanta ala- 
critas erat, super cetera recentibus etiam territos prodigiis. nam 
et lupus intraverat castra laniatisque obviis ipse intactus evase- 
rat, et examen apum in arbore praetorio imminente consederat 
quibus procuratis Scipio . . . Hier erst setzt wieder Polybios ein. 

Die Existenz zweier Reden Hannibals und die alberne 
Motivierung dieses Überflusses diu^h Livius ist ftir mich 
von jeher einer der stärksten Beweise für die Ausbeutung 
zweier Quellen gewesen. Und das ganze Auftreten Hannibals 
in der kurzen zweiten Ansprache hat grofse Ähnlichkeit mit 
dem uns schon bekannten c. 21 und mit c. 11, 4 in der 
(Cölianischen) Belagerung von Sagunt 

Wenn wir also den ganzen Einschub auf Goelius zurück- 
führen dürfen, kann man die Umrisse seiner Darstellung 
daraus entdecken? und weichen dieselben wieder gänzlich 
von Polybios ab? Wenn WölfFlin*) recht hätte, wären beide 
Fragen zu bejahen. Er meint nämlich, dafs die Ortsangabe 
unvereinbar mit Polybios sei, da Victumulae jedenfalls der 
durch Bergwerke bekannte Ort sei imd also gar nicht am Po 
oder nur in dessen Nähe gelegen haben könne. Goelius 
habe Scipios Vordringen über Po und Tessin als zur Ret- 



1) Vgl. Ennius fr. VEH 5 ed. L. Müller: Hostem qiü feriet, 
mihi erit Karthaginiensis , Quisqui' siet, cujati' siet. 

2) Antioch. v. Syrak. u. Coel. Ant. S. 60. 



Treifen am Ticinus. 53 



timg dieses Platzes imternommen hingestellt. Allein recht 
einleuchtend ist diese Yermutung nicht und hat ihr Funda- 
ment verloren durch die Ausführungen Mommsens C. I. L. 
V p. n c. 70, wonach jedenfalls ein Victumulae am Po ge- 
legen hat und wahrscheinlich nach diesem Handelsplatz das 
Gold und seine Fundstätte, obwohl ziemlich abseits gelegen, 
benannt worden ist. Ja eben hierdurch hat sich ergeben, 
dafe Coelius in bezug auf den Ort des Treffens nicht abwich. 
Da die eigentlichen Sitze der Insubrer östlich des Tessin 
waren, so ist: in agrum Insubrium, allerdings unsinnig. Aber 
mit der naheliegenden Änderung: in agro Insubrium, fällt die- 
ser Anstofs fort, da das Land westlich bis zu den Alpen 
jenem Yolke unterthan gewesen zu sein scheint und es ja 
nur auf die politische Zugehörigkeit hier ankommt. 

Es bleiben nur wenige verdächtige Absonderlichkeiten 
der Cölianischen Darstellung aus Livius zu erraten; denn mit 
dem Brückenkopf am Tessin wird es seine Eichtigkeit haben, 
obzwar ihn Polybios nicht erwähnt. Es sind die Yerheerung 
bundesgenössischen Gebietes durch feindliche Kavallerie, die 
offenbar das Treffen als notwendig erscheinen lassen soll, 
und dann die beiden auf dramatische Wirkung zielenden 
Prodigien, von denen kaum hervorgehoben zu werden braucht, 
dafs das eine wie das andere, das Erscheinen des "Wolfes 
wie das des Bienenschwarmes im Lager, im Monat Novem- 
ber etwas unzeitgemäfs ist 

Übrigens kann es wohl sein, dafs Livius in dem Ein- 
schub um der Konkordanz mit Polybios willen nicht in allem 
genau nach Coelius erzählt hat. So vage wie Livius dürfte 
Coelius nicht von socii populi Bomani bezw. Galli gesprochen 
haben, er der die erfundene Marschroute durch die Alpen mit 
solcher Genauigkeit anzugeben wufste. und das bei Livius 



54 Erster Abschnitt. 



nach der siogesgewissen Rede Scipios unpassende super 
cetera territis deutet vielleicht darauf, dafs nach seiner 
dermaligen Quelle der Konsul sich nicht mehr in der Offen- 
sive, sondern in einer gewissen Zwangslage befand. 

An Zonaras wenden wir uns diesmal auch vergeblich um 
Aufklärung. In P. I 410 B: avro^ öh (Scipio) ivrl tbv 
jivvlßav ffXaöBV xal fffiipa^ ßiiv riva^ iTtiöxor, Imita 
a^jupco TtpofS ^tfy M^XV^ dappirjöav, scheint zwar eine Über- 
lieferung zu stecken, nach welcher nicht beide Teile mit 
Ungestüm den Kampf suchten; doch bin ich dessen keines- 
wegs sicher, weil öfter solche "Wendungen sich als Füllsel 
des Excerptors erweisen. Und sicher bin ich, dafs das Fol- 
gende =' Dio fr. 57, 4 einfach Livius entlehnt ist Wir 
finden nämlich den Kampf der Gefangenen — und zwar 
mehrerer, ja aller — , an welchen Hannibal anknüpft, wäh- 
rend dieser bei Coelius, wie wir wissen, ganz anders den 
Eifer seiner Leute anspornte. 

Wenden wir uns nun zu dem Treffen selbst, so finden 
wir dasselbe Liv. c. 46 ganz überwiegend nach Polybios ge- 
arbeitet Gleich in den ersten Worten, wie sie nach Wölff- 
lins trefflicher Besserung lauten, ist die Übereinstimmung 
aufserordentlich: (quibus procuratis Scipio) cum equitatu 
iaoulatoribusque ex peditibus (für das unmögliche expe- 
ditis) = Pol. m 65, 3: rffv tnnov avaXaßovtE^ afjupo- 
rspot, ndnXioq öh xal rdöv TtsZcov rov^ aHovriöta^, 
So geht es das Kapitel hindurch, i) bis Livius auf die Ver- 
wundung des Konsuls kommt 



1) DaCs beide Teile von einander zuerst die Staubwolken erbhck- 
ten, stand vielleicht auch im 8. Buche des Ennius, dessen fr. Vlil 13 
ed. L. Müller von Sieglin nicht unwahrscheinhch hierauf bezogen wird. 



BettoDg dos Eonsnls. 55 



Dieser Yerwundung gedenkt Polybios er. 65 noch nicht: 
ixpdnfföaYy oi fiiv ftoXXol öTtopaöeg, rtvh^ dh Ttepl rov 
ffyefiova övötpatpiyteg, sondern erst nebenher im folgen- 
den Kapitel: ^ecopcav . . . avtov ßapvyo/jLevov vno rov 
rpavßiotrog. Er erzählt davon aber X, 3 nach dem Bericht 
des C. Laelius ausführlich also. Der junge Scipio, 17 Jahr 
alt und zum erstenmal im Felde, sah seinen Yater nebst 
zwei bis drei Reitern plötzlich von Feinden umringt und 
verwundet Als seine Eileiter zögerten, rifs er sie fort, 
indem er sich allein auf die Feinde warf. So konnte der 
Yater np^o^ avtog Ttayran^ aKovorroav den Sohn als 
Eetter begrüfsen. Es fallt auf, dafs Polybios gleich zu An- 
fang ein fiSg iotxs hinzusetzt (welches natürlich nicht etwa 
auf die Altersangabe allein gehen soll) und auch nachher 
noch einmal eine Abschwächung: avtog elgsXdöat Ttapa- 
ßoXoo^ öoKet gebraucht. Laelius selbst ist, da er jünger 
als Sdpio gewesen zu sein scheint, kaum Zeuge des Yor- 
ganges gewesen, und seine Autorität verliert noch dadurch, 
dafs die andre von ihm herrührende Erzählung an jener 
Stelle sich später in meinem fünften Abschnitt als unverein- 
bar mit wohlbeglaubigten Daten herausstellen wird. 

Liv. XXI 46, 7 — 10: auxitque pavorem consulis 
vulnus periculumque intercursu tum primum pube- 
scentis filii propulsatum. hie erit iuvenis, penes 
quem perfecti huiusce belli laus est, Africanus ob 
egregiam victoriam de Hannibale Poenisque appel- 
latus. fuga tamen effusa iaculatorum maxime fuit, quos 
primos Numidae invaserunt. alius confertus equitatus con- 
sulem in medium acoeptum non armis modo sed etiam cor- 
poribus suis protegens in castra nusquam trepide neque effuse 
cedendo reduxit servati consulis decus Coelius ad 



56 Erster Abschnitt. 



servum natione Ligurem delegat malim eqiiidem 
de filio veriiin esse, quod et plures tradidere aiicto- 
res, et fama obtinuit. Was zunächst den Ausgang des 
Treffens betrifft, so sagt Polybios deutlich, dafs der gröfsere 
Teil der römischen Beiterei floh und nur ein kleinerer sich 
um den Konsul scharte. Livius sucht es zu verschleiern, 
ohne aber seiner Quelle geradezu zu widersprechen. Nun 
aber zu den gesperrten Worten, zu welchen in dem Schlacht- 
bericht des Polybios kein Material vorlag. Welche Quellen 
berücksichtigte Livius? 

Erstlich, dafs ihm das zehnte Buch des Polybios hier 
noch unbekannt war, würde wohl auch ohne die Gründe, 
welche unsere Stelle ergiebt, keinem Zweifel unterliegen. 
Wenn aber Böttcher S. 397 sich ausdrückt: „Einen besseren 
Beweis, dafs Polybios nicht unter diesen potiores auctores 
des Livius war, dürfen wir uns kaum wünschen", so ist 
das ein kleiner Kunstgriff, den der Forscher füglich dem 
Advokaten überlassen sollte. 

Zweitens, dafs Coelius hier richtig wiedergegeben sei, 
ist ganz mit unrecht bezweifelt worden. Da nämlich das 
über ihn Gesagte mit seiner Begünstigung der Scipionen 
und mehr noch mit der bis vor kurzem ziemlich allgemein 
acceptierten Widmung an Laelius unvereinbar schien, so 
hat Posner, nicht ohne Beifall zu finden, vorgeschlagen, 
eine Namensverwechselung des Livius anzunehmen und die 
Angabe auf Yalerius Antias zu beziehen; denn dieser zeige 
auch sonst Gehässigkeit gegen die Scipionen. Auch ohne 
die Kichtigkeit der letzteren Behauptung und die Berech- 
tigung eines so gewaltsamen Mittels prüfen zu wollen, 
mujjs ich den Vorschlag ziu'ückweisen. Die einzig mögliche 
Auffassung von Livius' Worten ist die, dafs er zwar 



Bettung dos Konsuls. 57 



wünscht,^) der Citierte möchte unrecht haben, aber ihm 
nur eine Mehrzahl von Berichten und die Fama, jedoch kei- 
nen ebenbürtigen Zeugen entgegenstellen kann. Nimmermehr 
führt dies darauf, dafs der so oft von Livius beargwöhnte 
Valerius der Citierte, Coelius aber unter der Mehrzahl sei, 
sondern gerade auf das Gegenteil. 

Livius' Bemerkung über Coelius auf einen andern zu 
beziehen ist also nicht möglich. Sie aber in der Weise als 
irrtümlich anzufechten, dafs man annähme, sowohl der Sohn 
als der Sklave hätten bei Coelius eine Eolle bei dem Er- 
eignis gespielt, dazu berechtigt die Kürze, meinetwegen die 
Oberflächlichkeit der Livianischen Mitteilung auch noch nicht. 
Eine Stelle aus Macrobius, auf welche mich Herr Professor 
WölfFlin aufmerksam machte, bekräftigt zudem Livius' Zeug- 
nis insofern, als auch sie das Verdienst des Sklaven preist 
imd des Sohnes nicht gedenkt. In einer Aufzählung von 
Beispielen treuer Sklaven heifst es Sat. I 11, 26: ipsum 
P. Sdpionem, Africani patrem, postquam cum Hannibale 
oonflixerat, saucium in equum servus imposuit et 
ceteris deserentibus solus in castra perduxit. Auf 
die Worte: ceteris deserentibus solus, welche genau genom- 
men selbst mit Polybios' Schlachtbericht im Widerspruch 
stehen würden, ist vielleicht deshalb wenig zu geben, weil 
die Stelle ja nur indirekt Cöüanisch und zunächst einer 
Beispielsanimlung entlehnt sein dürfte, in solchen Samm- 
lungen aber oft der Mund etwas voll genommen wird. 



1) Wünschen, dais etwas sein möchte, und annehmen, dafs es 
ist, ist doch zweierlei. Gübert erlaubt sich beides zu vertauschen, 
um auch hier Fabius als Hauptquelle, Coehus als nur nebenbei be- 
rücksichtigt erscheinen 9u lassen. 



58 Erster Abschnitt. 



Immerhin weifs auch Macrobius nichts von der Anekdote 
und stützt so das negative Zeugnis des Ldvius. 

Wenn also Coelius von der Geschichte schwieg, die 
ihm seiner Richtung nach doch sehr sympathisch sein muTste, 
so kannte er sie nicht und ist über sie' allerdings da- 
mit der Stab gebrochen; zum besten stand es mit ihr auch so 
nicht. Dafs Goelius den Polybios überhaupt nicht gekannt 
hätte, wäre zuviel gefolgert. Es kann ihm ähnlich wie 
Livius gegangen sein, dafs er auf die im zehnten Buche 
versteckte Stelle zu spät gestofsen ist. Erst späteren Anna- 
listen scheint durch die Fama (oder aus Polybios selbst?) 
die Sache bekannt geworden zu sein. 

Pol. m 66, 1 — 5: Scipio tritt (offenbar in der Nacht) 
den Eückzug an ivrl tijv rov Ilaöov yitpvpar, öitEV- 
öoov (p^döai öiaßtßaöag ra öxparoTteöa. (2) Moti- 
vierung. (3) Hannibal glaubte anfangs, die Römer würden 
eine Schlacht annehmen. 2iri^iöcoy 6h HexivTfxotag in tfjg 
7rap€ßjLßo\f/g ?<»g pikv rov npartov norafiov Kai trig iTcl 
rovrqD ystpvpag inrfxoXov^Bu (4) xataXaßdoy öi tag 
ßihv TrXeiörag rdav öavlöooy aveÖTraöpiivag, rovg 6h 
(pvXdrrovtag rffv yi<pvpav Irt Ttepl rov Ttota/xor vno- 
XsiTtoßjLivovg, tovtoov ßihv iyxpatffg iyirsro, 6xe6bv 
i^axoöloav ovroov rov dpi^^ov (5) rovg 6h Xoirtovg 
dxovGov fi6f} noXv 7rpo6tXTf<p£yai, pieraßaXoßievog avS^tg, 
eig ravavria napd rov Ttora/iov inoislro rffv no- 
pslay, (f7t6v6cav ItA ronov evy€<pvpcaroy d<ptxiöäat rov 
nd6ov. 

Man hat npoorov in § 3 ändern wollen in Ttpoeiprj- 
ixivov oder IId6ov] Hultsch hat es gestrichen, was sach- 
lich auf dasselbe hinauskommt Aufser der Absicht, die 
Übereinstimmung mit Livius herbeizuführen, lißgt diesen 



Rückzog SdpioB bis zur Trebia. 59 

Vorschlägen die Meinung zu gründe, in § 1 sei die Pobrücke 
als der gefährdete Punkt genannt und deshalb müsse 
auch § 3 von ihr die Eede sein. Meines Erachtens trifft 
das nicht zu. Wer den Tessin gesehen hat, wird wissen, 
dafs er ohne Brücke durchaus nicht zir passieren ist. Da 
nun das Schlachtfeld und das römische Lager noch ein ziem- 
liches Stück westlich lagen, so muXste sich die Yerfolgung 
vielmehr gerade um diese Brücke drehen. Wäre femer in 
§ 8 die Pobrücke gemeint, so wäre ocKomov noKv Ttpost- 
Xffipivai recht anstöfsig; denn es liegt ziemlich auf der 
Hand, dafs die Pobrücke unter dem Schutze der Festung 
Placentia angelegt war. Man hat also mit jenen Änderungen 
§ 3 wahrlich nicht verbessert. 

Aber steht denn in § 1 wirklich, dafs Scipio einem 
Versuch des Feindes auf die Pobrücke zuvorkommen wollte? 
Ich antworte: nein. Denn für Zuvorkommen gebraucht 
Polybios r^elmäfsig xarataxeir, vgl. die Stellensammlung 
bei Krebs: Zur Rektion der Kasus i. d. spät. Gräcität, Progr. 
Kegensburg 1885. ^^aöai ötaßtßaöag muJs übersetzt 
werden: schnell über den Po zu bringen; in welchem 
abgeschwächten Sinne das Verbum aus den bei Komikern 
und Tragikern so häufigen Wendungen wie: ovh av q)^d- 
votg XiyofVy bekannt ist. So aufgefafst ist § 1 und über- 
haupt die Darstellung untadelig; wie man ja auch angeben 
kann, daJs Napoleon von Leipzig den schleunigen Rückzug 
zum Rhein anordnete, und dann doch die Szene an der 
Elster beschreiben. In § 1 wird nur das Endziel des Rück- 
zuges angegeben, ohne Andeutung, dafs überhaupt oder wo 
Scipio fürchten muiste, abgeschnitten zu werden. Thatsäch- 
lich dachte Hannibal ja auch damals noch keineswegs an Ope- 
rationen gegen dessen Rückzugslinie. Als dann der Abzug 



60 Erster Abschnitt. 



der Römer offenbar wird, macht Hannibal allerdings den Ver- 
such, sie noch zu fassen, kommt übrigens viel zu spät und 
findet die Brücke über den Tessin schon unpassierbar. Dieser 
Flufs wird dabei ganz richtig 6 Tcpcorog Tcota/iog genannt. 
Hingegen ist ö narapLOts schlechthin in § 5 natürlich der 
Po, an dessen Ufer beide Heere sich bewegt haben utid der 
Kampf stattgefunden hat Durch das unmittelbar folgende 
nddov wird jeder Zweifel beseitigt Kurz der Text ist, 
wie auch Weifsenbom, ohne aber § 1 zu berühren, ausführt, 
vollständig klar. 

Mifsverstanden hat denselben freilich schon 
Livius c. 47. Nachdem er die Motivierung vorausgeschickt, 
erzählt er den Rückzug folgendermafsen: itaque proxima 
nocte jussis militibus vasa silentio coUigere castra ab Ticino 
mota festinatumque ad Padum est, ut ratibus, quibus iunxe- 
rat flumen, nondum resolutis sine tumultu atque insectatione 
hostis copias traiceret prius Placentiam pervenere quam 
satis sciret Hannibal ab Ticino profectos, tamen ad sexcentos 
moratorum in citeriore ripa Padi segniter ratem solventes 
cepit. transire pontem non potuit, ut extrema resoluta erant 
tota rate in secundam aquam labente. Livius hat nach c. 45 
sich das Gefecht unweit des Tessin, nicht wie Polybios noch 
mehr als einen Marsch westlich gedacht. Daher der Aus- 
druck: ab Ticino, und daher zum einen Teil die Substituiorung 
der Pobrücke für die Tessinbrücke. Zum andern Teil ist 
dieselbe veranlafst durch die nämliche irrige Auffassung des 
g}^a6ai ötaßißdda^, welche den verschiedenen Konjek- 
turen der Neueren zu gründe liegt. Livius las aus dieser 
Wendimg eine Gefährdung der Pobrücke heraus; ob durch 
den Feind oder durch die eignen Leute, dazwischen scheint 
er geschwankt zu haben, Ratibus nondum resolutis weist 



Rückzug Scipios bis zur Trebia. 61 

auf letztere/) sine tumultu atque insectatlone hostis auf 
die erstere Auffassung hin. So erklärt sich die Substi- 
tuierung der Pobrücke vollkommen. Es ist also unberech- 
tigt, wenn man aus dieser Stelle in Verbindung mit dem 
handschriftlichen: in agrum Insubrium c. 45, 3 gefolgert hat, 
daJGs Coelius den Sdpio nicht erst über den Po, dann über 
den Tessin, sondern nur über den Po, westlich dieses Neben- 
flusses habe vordringen und umgekehrt zurückgehen lassen. 
Ob und inwieweit Livius an unserer Stelle nebenher 
durch Coelius beeinflnlst wurde, ist nicht auszumachen. 
Dafs der Bückzug nachts angetreten wurde, kann man aus 
Polybios herauslesen, und: prius Plaoentiam pervenere, könnte 
Übertreibung des Livius sein. Das moratorum freilich scheint 
auf eine Version hinzuweisen, wonach die 600 Gefangenen 
nicht Besatzung der Brücke, sondern durch eignes Yerschul- 
den Zurückgebliebene gewesen wären. Und die Art von 
oontradictio in adiecto, welche in: moratoris ratem solventes, 
li^, wäre dann durch Vereinigung zweier Darstellungen 
entstanden. Aber Livius hat wohl blofs einen freilich star- 
ken Mifsgriff in der militärischen Termjbiologie begangen, 
denselben, welchem wir bald vrieder begegnen werden. Auch 
die Angabe, dafe der gröfste Teil der Brücke stromabwärts 
getrieben sei, eine Sache, die Scipios Anordnungen nicht in 
günstigem Lichte erscheinen lassen würde, dürfte Livius 
sich aus Polybios zurechtgemacht haben. Es sähe ihm ganz 
ähnlich, wenn er sich nicht vergegenwärtigt hätte, dafs eine 
halbe Brücke oder dreiviertel ebensowenig ein sofortiges 
Überschreiten «ermöglicht als gar keine. Und wenn: ut ex- 



1) Sollten die Worte vielmehr kausal zu nehmen sein, so wäre 
der Satz unklar stilisiert. 



62 Erster Abschnitt. 



trema resoluta erant, das Abtreiben vollständig erklären soll, 
mufs es von beiden Enden verstanden werden, wonach denn 
Livius vom Abbrechen einer Brücke sonderbare Vorstellungen 
gehabt haben mufs. 

Im folgenden hingegen fällt auf Coelius, dank vor 
allem einer Bemerkung des Livius, wieder ein helles Licht, 
damit zugleich auf Livius' Quellenbenutzung. 

PoL c. 66, 6 flF.: Hannibal gelangt am zweiten Tag 
poaufwärts an eine Stelle, wo er roh notajxlotg TtXoioi^ 
eine Brücke herstellt. Er geht selbst sofort hinüber, um mit 
den von allen Seiten sich ihm zur Verfügung stellenden Kel- 
ten zu unterhandeln, indes Hasdrubal^) den Übergang des 
Heeres leitet Beide Geschäfte erledigt, eilt er gegen den 
Feind. Scipio aber, nachdem er den Po überschritten,*) 
lagert ntpl noXiv TIXaKtvrlav und meint sich geborgen. 
Allein Hannibal gewinnt schon am zweiten Tag seit dem 
Übergang Fühlung und bietet am dritten die Schlacht C. 67 : 
Die Kelten im römischen Lager verschwören sich und war- 
ten die günstige Zeit zu einem Überfall ab. Nachdem sie 
ein nächtliches Blutbad angerichtet, laufen sie 2000 Mann 
und fast 200 Pferde stark zu Hannibal über. Scipio, den 
allgemeinen Abfall der gallischen Stämme voraussehend, 
lyvoo detv evXaßrfSrrfvai to ßiiXKov und bricht in der 
folgenden Nacht nach der Trebia zu (cä^ in\ rbr Tpeßlav 
7tota/i6v) auf. 

Für mich leidet es nach dem Folgenden keinen Zweifel, 
dafs die neue Stellung wie auch Placentia auf dem rechten 



1) Vgl. in 93, 4: Tov inl tdöv XEitovpytöov rtxayfiivoy 
jiöSpovßav. 

2) Das wäre überflüssig, wenn er schon c. 66 über die Po- 
brücke und noch ein gut Stück weiter gezogen wäre. 



Rückzog Sdpioe bis zur Trebia. 63 

Trebiaufer zu suchen ist, das frühere Lager also links des 
Flusses. Daraus folgt, dafs die Angabe rCBpi noXiv TlXa- 
Ksyriav mindestens ungenau ist Nach der Äufserung 
c. 74 aber, dafe die Trümmer des über den Hüls gelockten 
Heeres, eben weil sie nicht über ihn zurückgekonnt, sich 
nach Placentia gewandt hätten, mufs man sogar annehmen, 
dals Polybios sich diese Stadt westlich dachte. Wenn 
liyius, vrie sich aus einer späteren Stelle zu ergeben scheint, 
umgekehrt das neue Lager links, die Schlacht also rechts 
dachte, so ist er, dem die Lage von Placentia besser bekannt 
war, zu dem Irrtum eben durch diese beiden Polybiosstellen 
veranLaTst bezw. darin bestärkt worden. Mit den gleich 
schlechten Annahmen, dafs die Trebia ihren Lauf oder Pla- 
centia nach der Zerstörung 200 v. Chr. seine Lage gewech- 
selt habe, wtirde man dem Polybianischen Bericht über Sei- 
pios Bückzug nicht einmal gründlich aufhelfen. 

Haimibal nämlich c. G8, 1 — 6 erkennt Scipios Ab- 
marsch und schickt sich sofort zur Verfolgung an, indem 
er die Numider voraufsendet. Dafs diese in ihrer Beutegier 
zunächst über das Lager herfallen, bewahrt die Eömer vor 
schwa:«rem Unheil; deren Nachhut erleidet beim Übergang 
über die Trebia (ohne dafs Placentia erwähnt wird) Verluste. 

Wenn Sdpio schon an der Bhone und am Tessin zu sei- 
nem Schaden die Dinge zu leicht genommen hatte, so spielt 
er in diesem Abschnitt infolge seiner Lässigkeit vollends eine 
klägliche Bolle. Er wähnt sich hinter dem Po geborgen und 
der rastlose Gegner ereilt ihn auch dort mit leichter Müha 
Dann ahnt er nichts von dem fast öffentlich sich vollziehen- 
den Abfall der Gallier; sonst wäre es doch leicht gewesen, 
wenigstens das Blutbad zu verhüten. Endlich entgeht er auf 
dem ferneren Bückzug nur durch einen Zufall einer Niederlage. 



64 Enter Abschnitt. 



Dafe es Coelius bei dieser dreimaligen Blofestellung des 
Konsuls nicht liefs, kann man vermuten imd liegt in dem 
ersten Fall klar am Tage. Liv. c. 47, 4 — 8: Coelius auctor 
est Magonem cum equitibus et Hispanis peditibus tlumen 
extemplo tranasse, ipsum Hannibalem per superiora Padi 
vada exercitum traduxisse elephantis in ordinem ad susti- 
nendum impetum fluminis oppositis. ea peritis amnis ejus 
vix fidem fecerint. nam neque equites armis equisque salvis 
tantam vim fluminis superasse verisimile est, ut jam Hi- 
spanos omnes inflati travexerint utres, et multorum dierum 
circuitu Padi vada petenda fuerunt, qua exercitus gravis 
impedimentis traduci posset potiores apud me auctores sunt, 
qui biduo vix locum rate jungende flumini inventum tradunt. 
ea cum Magone equites et Hispanorum expeditos^) prae- 
missos. dum Hannibal, circa flumen legationibus Gallorum 
audiendis moratus, traidt gravius peditum agmen, interim 
Mago equitesque ab transitu fluminis diei imius itinere 
Placentiam ad hostes contendunt Hannibal paucis post die- 
bus sex milia a Placentia castra oommunivit et postero die 
in oonspectu hostium acie directa potestatem pugnae fecit 

Dies ist die Stelle, an welcher die Hypothese, dafs Livius 
alle Nachrichten karthagischer Herkunft dem Coelius, nicht 
Polybios verdanke, vollständig Schiffbruch leidet. Denn nichts 
kann gewisser sein, als dafs Coelius hier geflunkert hat, Poly- 
bios aber seinem Gewährsmann aus Hannibals Lager 
getreu geblieben ist, und dafs Livius ihm folgt 



1) Die von WölffUn bemängelten Worte erklären sich wohl so. 
Livius möchte die Cöhanische Lesart gelten lassen mit einer Änderung 
(ea!) und einer Einschränkung (Hispanorum expeditosi Gegensatz: 
Hispanos omnes). Es dürfte aber unumgänglich sein: credo, dahinter 
einzuschieben. 



Rückzug Scipios bis zur Trebia. 65 

Böttcher miifs zu ganz sonderbaren i) Auswegen greifen, 
um das Gegenteil zu beweisen. Da soll erstens Coelius 
den unverfälschten Silenos darstellen. Schon bei 
dem Rhoneübergang ist dieser Behauptimg vorgearbeitet wor- 
den, indem das Schwimmmanöver der Spanier ohne jeden 
Grund als echt acceptiert ist. Hierauf wird nun S. 395 
weiter gebaut: „Beachtet man daneben, dafs der Bericht des 
Coelius deshalb (sie) unwahrscheinlich erscheint, weil er an- 
giebt, die Hispanier seien auf Schläuchen über den Padus 
geschwommen; ruft man sich ins Gedächtnis, dafs eine ähn- 
liche Notiz von Polybios bei der Schilderung des Überganges 
über den Rhodanus verworfen wurde, deren Ursprung wir 
aber nichtsdestoweniger auf Silenos zurückführen konnten — ." 
Und von der Stauung des Po fiir das übrige Heer, welche 
doch die Hauptsache und zugleich das unglaublichste, auch 
Ldvius Unglaublichste ist, sagt Böttcher kein Wort! Polybios' 
so genaue Darstellung des Überganges aber soll aus römi- 
scher Quelle stammen, während man doch im römischen 
Lager von Haimibals Herannahen und seinen Yerhandlungen 
mit den Gralliem offenbar keine Ahnung gehabt hat. Beson- 
ders mache ich noch auf die Notiz aufmerksam, dafs Hanni- 
bal, um die Verhandlung augenblicks in die Hand nehmen 
zu können, inzwischen an Hasdrubal das Kommando abge- 
geben habe; eine Notiz so ohne historisches Interesse, dafs 
sie Polybios wohl nicht aufgenommen hätte, wenn er damit 
nicht Hannibals Eile hätte illustrieren wollen. 



1) „Ich gebe zu, dafs meine Kombination kühn erscheinen 
mag; dafs sie aber nichts UnwahrschcinHches enthält, wird man mir 
einräumen müssen." Posner hat es vorgezogen, über die heikle 
Frage ganz zu schweigen. 

Hesse Ibarth, histor. - krit. Untersnch. 5 



66 Erster Abschnitt 



Nein! Wenn von irgend einem Stück, so können wir 
von diesem bestimmt sagen, es stammt aus Hannibals Lager. 
Und dieses Stück hat aucli Livius, aber nachweislich nicht 
aus Coelius. Wären die Differenzen gegen Polybios ernst- 
hafter Natur, so müfsten wir wohl mit Gilbert annehmen, 
daTs Livius es aus Silenos selbst habe und diesen, den Ge- 
treuen Hannibals, mit: potiores auctores, meine! Das ist 
aber nicht der FaU. Es handelt sich nur um das eine Sätz- 
chen, dafs Mago über die Brücke voraufgeschickt sei. 
Schiebt man: credo, ein — und Ausfalle sind in der dritten 
Dekade sehr häufig — so ist es der Mittelweg, welchen 
Livius vorschlägt. Aber auch ohne das wird die Sache 
nicht anders. Welcher Schriftsteller soll denn so gefällig 
gewesen sein, Livius dieses Mittelding zwischen der Cöliani- 
schen Erfindung und der historischen Wahrheit zu über- 
mitteln? Es wäre dann nur eine unbewuüst Polybios unter- 
gelegte Annäherung an CoeHus. 

Die Gölianische Umarbeitung des Rhoneüberganges giebt 
den richtigen Kommentar auch zu der diesma%en Entstel- 
lung. Überrascht wird Scipio ja von Hannibal, aber nicht 
in voller Sorglosigkeit, sondern seine Anstalten werden nur 
durchkreuzt durch wunderbare Manöver des Gegners. Denn 
daiJB Scipio auch hier die Fahrzeuge vernichtet haben soll, 
wozu noch andere Mafsregeln gekommen sein mögen, ersieht 
man aus Zonar. c. 24: 

jivvißa^ 6b pLsy ffjiipay ttfv hicox<!Ofyt}6iv avrov 
fia^cbv npo<5 rov ^Hpidavov rfX^Ey xal }irp:t öxsSia^ ^ 
nXoia evpcov, ivETtinpr^öto yocp napa tov 2x1- 
TtiaDvogy tov ßxhv ddeX^bv Maycor a övv tot^ Innsvöt 
öiavrj^aöS^ai xai enidiGo^ai tov^ ^Pojßxaiovg iniXavöev^ 
avrbg öh avoo Ttpog rag nrfyag x^PV^^^ '^^^ nota^ov 



Bückzug Scipios biB znr Trebia. 67 

roücr iXi^avta^ xara rbv Mppow dtaßtjyat Ttpog- 
haSev' Hai ovrao tov vdaro^ nepi toi<5 oynoKS tcov 
Zcooav ißTtoStZoßiivov xal öKsdayyvpiiyov ß^ov xatoo 
6<pc3y ditTcapaico^t}, KaraXtjip^elg ovy b SxiTtioay 
Tiara ^oJpav S/^etys xal ißj,axi(far^ ay, si ^tf yvxrog 
ol FaXatat oi //er' avtov tfvro/^oXrföay o ö^ ovy 
SxtTticov i7t\ tovxop tapaxS^slg xal vno tov rpav/^atog 
taXatnooprföag VTto yvxta av^ig i^ayiöttf xal iytl //er- 
scopov ro ta(ppBV}ia iTtoirföato' öiooSig öh avtov 
ovx iyiyeto' ßxeta dk tovto a<pixoyto xal ol 
Kapxv^^'^^^^ ^^^ ^^v Ttotafjioy 8ia piiöov Ttotrföa/isyot 
i(ftpat07t£Ö€v6ayto. 

Es ist verlockend, auch die letzte Hälfte zu weiteren 
Schlüssen auf Coelius zu verwerten und die hervorgehobenen 
vier Punkte scheinen dazu Handhaben zu bieten. Dafs Scipio 
ohne den Zwischenfall mit den Galliern eine Schlacht zu 
liefern im stände und gewillt gewesen sei, davon steht eigent- 
lich bei Polybios und auch Livius das gerade Gegenteil. Man 
könnte weiter gehen und auch das schon als Schönfärberei 
hinstellen, dafs Scipio genötigt, nicht aus Lässigkeit am Po 
stehen geblieben sei, dann dafs weder von dem Blutbad noch 
von der Gefährdung des Rückzuges die Rede ist Wenn Coe- 
lius die beiden letzteren Punkte geändert hätte, so wäre das 
um so bemerkenswerter, weil in diesem Falle die Erzählung 
an Glanz verloren hätte und dem Leser spannende Eapitel ge- 
raubt wären. Indes bei einem Auszug, wie er uns vorliegt, 
kann der Schein trügen, und sicher bleibt nur dies, dafs bei dem 
Poübergang wieder das wechselseitige Übertrumpfen spielte. 

"Wenden wir uns zu Livius zurück, so ist die Meuterei 
der Ghülier c. 48 wohl ausschliefslich Polybianisch. Livius 
stellt die Zahl der Meuterer voran und nennt wohl im Hin- 

5* 



68 Erster Abfidmitt. 



blick auf sie das Blutbad: tumultu tarnen quam re major. 
Eine thatsächliche Abschwächung ist es, dais dasselbe mit: 
vigüibus ad portam trucidatis, abgemacht wird. Die vigiles 
sind bei Livius Lieblingsfiguren, wie auch die Verwandlimg 
der Nachhut in moratores (vgl. S. 61) diesmal entschieden indi- 
viduell ist Das Lagern hinter der Trebia hat Livius, wohl 
vergessend, dafs er das Ziel des Kückzugs schon nach Poly- 
bios bezeichnet hatte, nochmals motiviert und dazu die Be- 
merkung seiner QueUe verwertet, dafs Sdpio im neuen Ijager 
seinen Kollegen erwartete und seiner Wunde pflegte: nee 
vexationem vulneris ultra patiens et collegam ratus expectan- 
dum .... communiit. 

Dafs Livius bis dahin Polybios allein gefolgt ist, war 
wichtig festzustellen, weil unmittelbar darauf das Gegenteü 
der Fall ist. Polybios nämlich schildert c. 68 f. Hannibals 
Lage sehr günstig. Die Gallier unterstützen und verprovian- 
tieren ihn, und Clastidium Mit ihm durch Bestechung des 
brundisinischen Kommandanten in die Hände. Livius läTst 
§ 8 plötzlich umgekehrt Hannibal Mangel leiden und sieht 
darin das Motiv zu dem Versuch auf Clastidium. Zunächst 
könnte man an irgend ein Mifsverständnis denken. Allein 
es ist offenbar Grundsatz in der Sache, wie die Ähnlichkeit 
der Entstellungen vor der Schlacht von Gannae zeigt Die 
Beschönigung der römischen Kriegführung im allgemeinen, 
wie wir sie bei Coelius kennen lernten, findet ihr Gegen- 
stück xmd ihre Ergänzung in der Verwendung einzelner 
Sündenböcke. Ein Sempi-onius, Flaminius, Varro müssen in 
jeder Beziehung tadeiswert dastehen und insbesondere 
darin, dafs ohne ihr Beikommen der Gegner von selbst in 
die übelste Klemme geraten sein würde. Deshalb also 
Mangel im punischen Lager, dem der Fang in Clastidium 



Galliorlmeg von 218 v. Chr. 69 



nur für den Augenblick abhilft Es ist oft bemerkt und 
fOr die Ableitung des Polybios und Livius aus einer Ur- 
quelle geltend gemacht worden, dafs Livius den Namen 
des Brundisiners und den Preis seines Verrates kennt, auch 
von einem vorherigen Angriffsversuch: cum vim pararent, 
spricht. Und mit der Beschränkung auf § 8 — 10 stimme 
ich der Zurückführung auf Coelius durchaus zu. Zonaras 
erzählt wie Livius, nur mit noch deutlicherer Tendenz, wenn 
von vielfachen vergeblichen Versuchen Hannibals, den Kon- 
sul zum Kampfe zu verlocken, die Eede ist und ein Angriff 
auf Glastidium geradezu gescheitert ist. Man sieht, Coelius 
wufste beides zu markieren, dafs nur Verrat diese Festung 
demFeinde öffnete, sowie dafs nur die Thorheit des Sem- 
pronius die folgende Niederlage verschuldete. 

Der Vollständigkeit halber seien hier noch die beider- 
seitigen Nachrichten über den Aufstand in Oberitalien be- 
sprochen. Bei Polybios wie bei Livius finden sie sich ein- 
geschoben in Hannibals Marsch so, dafs sich Scipios Abfahrt 
nach der Rhone passend daran anschliefst, Pol. lü 40, Liv. 
XXI 25 — 26, 2. Diese Anordnung mag Livius nach dem 
Muster des Polybios getroffen haben. "Weiter zu gehen und 
den Grundstock dos Berichtes auch auf Polybios zurückzu- 
fahren, liegt keine Nötigung vor, da wir weder in der Sache 
noch in der Form etwas spezifisch Polybianisches finden. 
Überdies müfste man daneben doch noch sogar mehrere 
römische Quellen für Livius annehmen, i) Merkwürdig aber 



1) Sogleich in § 1 hätte Livius zwar die Worte: Hiberum 
tnmsisse Kannibalem Eomam perlatum erat, nicht aber: a Massilien- 
sium legatis, ans Polybios entnehmen können. Umgekehrt hat er 
später die anachromstische Bezeichnung Mutinas als „römischer 
Kolonie ^^ nicht 



70 Elster AbscbniU. 



ist CS, wie sich Livius zu diesen verhält Nämlich bei 
Nennung der drei mit ihren Kolonisten flüchtenden Triumvim 
— Polybios nennt überhaupt nur den im Range ersten — 
läfst uns Livius einen Blick in seine Quellen thun § 3 — 5: 
ut non agrestis modo multitudo sed ipsi triumviri Eomani, 
qui ad agrum venerant adsignandum, diffisi Placentiae moeni- 
bus^) Mutinam confugerint, C. Lutatius C. Servilius M. An- 
nius. Lutatii nomen haud dubium est: pro Annio Servüioque 
M'. Acüium et C. Herennium habent quidam annales, alii 
P. Comelium Asinam et C. Papirium Masonem. id quoque 
incertum est, legati ad expostulandum missi ad Boios violati 
sint, an in triumviros agrum metantes impetus sit factus.^) 
Die zweite Lesart scheint nur auf ein Textverderbnis '*) 
hinauszulaufen. Tiefer geht die Abweichung der dritten, 
und es ist wohl nicht zu kühn, wenn wir annehmen, dafs 



1) F. Voigt: De primis HannibaHci beUi annis, Progr. der Eönigl. 
Realsch. Berhn 1864 vermutet, die Kolonisten seien noch unterwegs 
angegriffen und (statt vorwärts nach Placentia, dessen Mauern sie 
nicht trauten) rückwärts nach Mutina geflüchtet Der Prätor sei 
von Placentia aus zu Hilfe gekommen, woraus sich erkläre, dafe 
er nordöstlich von Mutina überfallen wird. Wäre diese Auffas- 
sung die einzig mögliche, so spräche sie für die Benutzung des Po- 
lybios durch Livius. Denn nur in Polybios läfet sie sich zur Not 
hineininterpretieren. Li\'ius hätte das dann eben nicht gethan, son- 
dern ihn dahin verstanden, dafe die Kolonisten aus Placentia 
selbst nach Mutina geflohen seien. 

2) Den letzten Satz streicht Yielhaber: Livian. Studien Wien 1873, 
als interpoHert zu gunsten des folgenden legati. Dafs auf diese 
Weise der Anstofs nicht wegzuräumen ist, liegt doch auf der Hand. 
Livius nennt dieselben Leute erst Triumvim, dann Gesandte mit 
Berofong auf das jus gentium. 

3) Die Herennier sind keine alte Familie. S. Mommsen, Böm. 
Münzwesen S. 566. 



Gallierkrieg von 218 v. Chr. 7 1 



eben diese Quelle auch von legati statt triumviri sprach, 
eine Änderung, die offenbar den Zweck hatte, die Gallier 
noch schuldiger zu machen, wie Wölfflin richtig bemerkt 
Jedenfalls hat Livius nun mitten in der Erzählung die 
Quelle gewechselt Denn er spricht fortan von Gesandten 
§ 7: evocatique ab Qallorum principibus legati ad collo- 
quium non contra jus modo gentium sed violata etiam, 
quae data in id tempus erat, fide oomprehenduntur, und § 8: 
cum haec de legatis nunüata essent^) Wenn man noch 
weiter gegangen ist und auch in dem doppelten Angriff 
§ 10 — 11 und § 12 — 13 eine Dublette gesehen hat, so 
kann ich mich dem nicht anschliefsen. Es wäre so unmittel- 
bar hintereinander jedenfalls das Stärkste, was Livius in 
dieser Art geleistet hätte. Man hat dafür besonders auf die 
Ähnlichkeit der Verlustziffem hingewiesen § 10: ad DC 
oecidisse, § 12: septingentos mihtes occiderunt, sex signa 
ademere. Allein die letztere scheint mir zu niedrig, die 
Ähnlichkeit demnach zweifelhaft Ich nehme also an, dais 
entweder zwei Angriffe von Polybios zusammengefafst oder 
einer von der Quelle des Livius zu zweien erweitert und 
ausgemalt worden ist Die weiteren Differenzen sind ohne 
besonderes Interesse. 2) 



Nachdem wir in den vorstehenden Blättern einen Ein- 
blick in die Arbeit des Livius gewonnen, insbesondere auch, 
wie ich meine, die Benutzung des Polybios schon jetzt hin- 



1) Auf die echte Überlieferung nehmen auch zwei stadtrömische 
Berichte liv. XXVH 21, 10 und XXX 19, 9 bezug. 

2) To thaptav öTpatöieedor ist sicher verderbt, da Polybios 
sonst Legionsnummem nicht nennt, auch 1 — 4 den jedesmaligen 
konsularischen Legionen eignen. Vielleicht: rovro tö örpatoicedoy? 



72 Erster Abschnitt. 



länglich sicher gestellt ist, wende ich mich zur Vorgeschichte 
des Krieges, teils weil ich dabei eine andere Hauptfrage, 
die nach der QueUe Appians, wesentlicli zu fördern hoffe, 
teils weil dies eine notwendige Vorstudie zur Analyse von 
Liv. XXI 1 ff. ist. 

Bei 0. Gilbert^) findet man im zweiten Kapitel die 
Hypothese: Polybios habe die Annexion Sardiniens dxuxjh die 
Römer dadiuxjh in ein günstigeres Licht zu stellen gesucht, 
dafs er die Dauer des Söldnerkrieges zu kurz auf nur 

3 Jahr und 4 Monat und die Annexion als erst nach 
demselben geschehen angebe. In Wahrheit habe diese 
im Jahre 238 v. Chr. = 516 d. St. stattgefunden und der 
Söldnerkrieg damals noch fortgedauert, welches letztere her- 
vorgehe aus der bestimmten Aussage des Zonaras imd aus 
der Angabe Diodors über die Dauer des Krieges (4 Jahr 

4 Monate). Jenem liege Fabius Pictor, diesem Philinos zu 
gnmde. Ja, trotz der Verkürzung sei Polybios immer noch 
im Widerspruch mit der Thatsache, dafs die Annexion im 
Amtsjahr 238 v. Chr. stattgefunden, da nach ihm selbst der 
Beginn des Krieges doch wohl in das Frühjahr 240 v. Chr. 
= 524 d. St. hinabgerückt werden müsse. 

Prüfen wir zunächst, ob Polybios' Bericht wirklich 
chronologisch unmöglich ist — Die Datierung der Annexion 
ist allerdings sicher, weil Sinnius Capito bei Fest s. v. Sai-di 
venales die Konsuln von 238 v. Chr. nennt Ja, auch Po- 
lybios selbst führt auf dies Jahr. Denn er rechnet die 
Thätigkeit Hamilkars in Spanien zu 9 Jahren und lallst ihn 



1) Rom u. Karth. in ihren gegenseit. Beziehungen 513 — 536 d. St. 
Leipzig Dunoker u. Humblot 1876. WeiTsenbom zu Liv. XXI 2 ist 
ihm wesentlich gefolgt. 



AimexioD Sardiniens. 73 



10 Jahre vor dem zweiten punischen Kriege sterben, wobei 
zu merken, dafs er 219 v. Chr. als erstes Kriegsjahr rech- 
net i) Dagegen ist Gilberts Berechnung über den 
Ausbruch des Söldneraufstandes irrig. 

Die Schlacht von den Ägatischen Inseln fällt nach 
Eutrop. m 27 auf den 10. März römisch, also gegen Ende 
des Amtsjahrs 242 v. Chr., der Triumph des Lutatius nach 
den Fasten auf den 6. Oktober. Da nun Sicilien doch wohl 
zwei Monate vorher vom Feinde geräumt sein mufste, an 
die Vereinigimg der Söldner in Sicca aber gerade der Auf- 
stand anknüpft — die Dinge nehmen von da ab Pol. IE 67 
einen rapiden Verlauf — so ergiebt sich, dafs vom Amts- 
jahr 241 V. Chr. vielleicht erst vier Monate verflossen waren. 
Die sardinische Verwickelung kann also ganz wohl ins Ende 
d^ Amtsjahres 238 v. Chr. imd doch unmittelbar hinter den 
Söldnerkrieg fallen, welches letztere Gilbert für eine Poly- 
bianische Entstellung erklärt 

Allein ich will nicht den Advokaten des Polybios machen 
und bekenne, dafs eine gewisse Unsicherheit in bezug auf 
die Aneinanderreihung der beiden Fakta bei ihm vorliegt. 



1) Vergl. meinen vierten Abschnitt zum Untergang der Sci- 
pionen und zur Schlacht von 206 v. Chr. Diese Konsequenz von 
Polybios' Auseinandersetzungen über die Bogriffe: Ursache und An- 
fänge eines Krieges, vermutet richtig 0. Meltzer, De beUi Punici 
secundi primordüs, Progr. des Wettiner Gymn. Dresden 1885 S. 10. 
Sieglin Chronol. d. Belag, v. Sagunt S. 20 hat wie viele andere 
daran nicht gedacht, wenn er eben wegen unserer Stelle Hasdrubals 
und Hannibals Amtsantritt ein Jahr zu spät berechnet und sich dann 
wundert, dais Polybios die Belagerung 219 v. Chr. statt 218 setze. 
Überhaupt hegt die Schwäche der mit so viel Gelehrsamkeit ver- 
fochtenen Hypothese, dafe die Belagerung in das letztere Jahr ge- 
höre, in den Fundamenten. 



74 Erster AbsrhniH. 



Betrachten wir die Hauptstelle I 88, 7 ff.: Tpla piir ovv 
Irr} xai tirrapa^ nov fAtjvag inoXißrjöav oi ßitö^o- 
<p6pot TTpbg rov<5 KapxtfSoviov^ noXefJLoVy cov ff/^eig 
Yöpiev ocKO^ pta^ovretSy noKv ti tov^ äXXou^ co/xorrfti 
xai Ttapavo^iqc öievffroxota, 'Pcoßxaioi dhy xata rov 
xaipbv rovrov vno tcov ix ttj^ 2apS6vo^ avto/AO- 
XrfödytGav ßxtöS^ogfopcjv Ttpo^ 6<pa«5 ixxXtj^iyreg , ine- 
ßaXovro tcXbiv inl xrjy TtpoeiprfßxivTjy yrjöov. tcov 
Sh Kapxt}Soyioov ayayaxtovytGov, co^ avrotg xa^ij- 
xovÖTfts fiäXkoy tf/ts tdbv 2apd(pooy dvyaöreiag, xai 
TtapaöXBvaSfOfAiycay fxeraTtoptvBÖ^at rov^s anoötrföay- 
tag avtcäy ttfy yrjöoy, Xaßo/xeyoi trfg aipopßrf^ rav- 
ttf^ ol 'Pcoßjiatot, TtoXepLoy i^rj<pl6ayto npog rovg Kap- 
XrfSoyiovgy q^aöxoytsgy avrovg ovx inl 2ap8oyioug, 
dXXa iTtl 6<pä(S Ttoieiö^ai ttfy napaöxevfiv, ol 8iy 
TtapaSo^Gog dianB<ptvy&rB<5 tby Ttpoetptf/jLsyoy TtoXe/iov, 
xata Ttdyta rpoTtoy d<pvGÖg diaxeipLBvoi xard tb nap- 
by Tcpbg tb TtdXty avaXaßißdyeiy trjy Ttpbg 'Poo/ialoug 
aTtix^etay, sl^aytsg toig xatpoig ov fwyov dniötriöav 
tTJg 2apS6yog, dXXd xa\ x^^^^ tdXayta xai dia- 
xoöia Ttpogi^rpcay toig 'Paoßiaiotg i(p <p /itf xatd tb 
Ttapby dyaöiSaöS^at tby noXtfAoy, tavta fiky ovtcog 
iTtpdx^tf' — Das xatd tby avtbv xaipoy würde der 
Auslegung ziemlichen Spielraum lassen, und nur dtanB<pBV- 
yoteg spricht gegen die Gleichzeitigkeit Übrigens enthält das 
8id wie z. B. in diatsXioo, ötateiyco, Stayvco, dessen Unter- 
schied von xatayvco man an Pol. XVm 20, 8 f. recht ken- 
nen lernt, weniger den Sinn des Beendigens als der Kraft- 
anstrengung (vgL Curtius Griechische Etymologie). 

Bestimmter lauten freilich IH 10, 1: 'Pcoptaicoy 6h 
fÄitd tb xataXvöaö^ai KapxtfSoyiovg tffy Tcpoetprf- 



Annexion Sardiniens. 75 



jjUvtiv tapaxffv aTtayyetXavtan^ avtot^ noXsfioVy und 
m 27, 7: Meta dh tavta TtdXiv, XtfSavtog tov AtßvKot 
TtoXi^ov, ^Pcoßxatoiy Kapxrj6oviot<s TtoXe^ov iBeyiyxayte^ 
ecjg Soy/jLato^y i7tiöw3^r/xag inottiöavro toiavtag. Da- 
gegen wird, unmittelbar nach der Hauptstelle, 11 1, 5: cog 
^ättov xaTeötTfifayro rot xata tffv jiißvrfv, evS^ico^s 
l^fdkxav i&aTtiöteXXov 6t/yaßi€ns 6v6t^öavre(S ete fovg 
Herta tffv 'ißrfpiav roTCoug, und in der Übersicht I 13, 3: 
ratirat^ öi/yextf? o Aißvxo<s TtoXepiois' (p öwaTcret tot 
Hocta trjv ^Ißripiav jifiiXxqc fAtta dl tovtov jiöSpovßfc 
TtpaxS^iyta, für die sardinische Yerwickelung gar keine be- 
sondere Zeit angesetzt. 

Nun hat die Angabe: 3 Jahr und 4 Monate, das Auf- 
fällige, dafs sie die einzige nicht abgerundete in den bei- 
den ersten Büchern ist. Nämlich bei der Schwierigkeit ein 
einzelnes Datum, ja nur ein einzelnes Jahr allen seinen 
Lesern verständlich zu nennen, hat Polybios in den beiden 
ersten einen gröfseren Zeitraum durchlaufenden Büchern nur 
den Ausgangs- und Endpunkt I 5 und I 3 direkt fixiert imd 
im einzelnen durch Einteilung in gröfsere Zeitabschnitte ein 
chronologisches Gerüst gewonnen. Diese Zeitabschnitte giebt 
er auf volle Jahre abgerundet. So rechnet er den ersten 
punischen Kri^ nach oben abrundend zu 24 Jahren I 63: 
itfj TfoXepLTjS^elg %txo6t xai rittapa ifiryexdo^'^) Das Jahr 
221 V. Chr. = 533 d. St zählt er zu Hannibals Verwaltung, 
weil dieser noch einen zwar nicht sehr ausgedehnten Feld- 
zug in diesem Jahre machte. Wenn Polybios nun bei dem 



1) Die "Worte sind durch die Entlehnung bei Diodor XXV 2 
ganz sicher gestellt Svvexok ist „ohne Unterbrechung", nicht 



„volle''. 



76 Erster Abschnitt. 



Söldnerkriege, den er genauer schildert, eine Ausnahme 
macht und 3 Jahr und 4 Monate angiebt, welche letztere 
nun überschiefsen , so ist das sicher nur im genauesten An- 
sclilufs an seine Quelle, anscheinend eine Spezialschrift 
über den AtßvKO<s TtoXsßjio^, geschehen. 

Da läfst sich das mehrfach behauptete Nacheinander 
am einfachsten wohl so mit den dagegen sprechenden Stellen 
veroinbaren, dafs man annimmt, in der Quelle sei die sar- 
dinische Verwickelung, welche ein blofses Nachspiel des 
Söldnerkrieges ist und von einer solchen Spezialschrift kaum 
fortgelassen werden konnte, mit einbegriffen gewesen und von 
den 3 Jahr 4 Monaten also eigentlich in Abzug zu bringen. 
Polybios hätte in der Hauptstelle die Zeitangabe ganz an 
den Schlufs stellen soUen. 

Wie kann man aber überhaupt dem Polybios eine Fäl- 
schung, um die Annexion in milderem Lichte erscheinen zu 
lassen, zuschreiben, da er doch das Unrecht der Römer, 
die Hilflosigkeit der Karthager in der schärfsten 
Weise hervorhebt? So in der oben wiederg^ebenen Haupt- 
stelle und III 28, 1: ovre Ttpocpaöiv ovr^ aMav evßoi 
ttg av evXoyov .... napcc navta ra dixaia öta rov 
xaipov. Während Polybios das Verfahren der Römer bei 
der Annexion verurteilt, lobt er allerdings wenige Kapitel 
zuvor ihr Verhalten während der grofsen Krisis. Nachdem 
er Hierons eifriger Unterstützung gedacht, fügt er hinzu 
I 83, 5 ff,: Ov /jLtfv aX\a xal ^Pcüßiaioty trjpovvreg Tor 
xata rag öxjv^rfKag dlxata, TtpoS^v/iiag ovShv aniXei- 
Ttov. iv apxaig ^hv yap iyivero ttg aßÄq^tgßrfttfiftg 
iS a^(pöivy Sid rivag roiavtag airiag, rcav KapxV' 
öovIgjv rovg TtXiovrag iS ^ItaXlag elg Aißvtfv xai 
Xoprfyovvtag toig TtoXe/ilotg xarayovtcov cog avtovg. 



Annexion Sardiniens. 77 



Ka\ öxsSbv a^potö^ivxoov tovtGov sig tfp^ ^vXaxffv «fe 
rovg 7teytaKo<Hovg , t/yavdKttföav oi ^Poo/iatot, ßista dk 
tavta StaTtpeößevöapieyot xal Ho/^iöd/ieroi dtd \6yov 
ndvra<5y inl toöotnov evdoKtjöav, Sgte napaxprifiot 
roig KapxtfSoyiotg avtiSoopriöaö^ai tovg VTeoXetTto/^i- 
vovfs Tcap' avtoU aixßJioi\carovg ix rov TtBpl SixsXUxv 
TtoXißxov. dno 6k tovtov tov xaipov Ttpbg %xa6ta rdöv 
TtapaxaXovß^ivcov itoißicog xal (piXav^paoTtcog vntixovov, 
öib xal Ttpog fxiv tovg Kapxv^oviovts initparj^av roig 
ißinopoig i^ayayeir aisl rb xatSTtsiyov, Ttpbg öi rovg 
TtoXsfxiovg hiooXvöav. ßxerd 8k tavta tdov ^Iv iv tff 
2apö6yt fAi6^o<p6poov y xa^ ov xaipbv anb tdov Kapxtf- 
öiyvüoy aTtiöttjöav, imönoo^ivGfy avtovg iTcl ttjv rtjöov 
ovx vntfxovöavy tdov ö' ^Itvxakov iyx^tpt^oytcjv 6<pä(S 
ot) TtpogsdiSavto , tr/povvteg td xatd td(s öw^rfxag 
Öixaia, 

Will man Polybios einen Vorwurf daitius machen, dafs 
er durch seine moralisierende imd doch jedesmal nur nach 
dem formellen Rechte urteilende Betrachtungsweise zu einer 
schiefen und unvermittelt bald lobenden, bald tadeln- 
den Beurteilung der Politik Borns gelangt ist, so habe 
ich dagegen wenig einzuwenden. Aber dafs Polybios den 
äufseren Gang derselben richtig angegeben hat, und dai's 
sie sich wirklich in Schlangenlinien bewegte, ist um so 
weniger zweifelhaft, und es ist nicht schwer, zwischen 
dem scheinbar Widerstreitenden den rechten Zusammenhang 
zu erkennen. Karthago war Borns Schuldnerin. Gallische 
Scharen und entlaufene Sklaven spielten bei dem Aufstand 
die Hauptrolle. Kein Wunder, aber freilich auch kein Ver- 
dienst, dafs Bom der hart am Abgrund stehenden Stadt, an 
deren späteres rasches Wiederaufblühen damals natürlich 



78 Erster Al)eGhnitt. 



niemand dachte, emsüiche Erleichterungen gewahrte. Mit 
dem Umschwung in Afrika wechselte natürlich auch die 
Stimmung im Senate. Aber mochte dieser auch für rasches 
Zugreifen sein, so wird das Volk nach dem 24jährigeii 
Kriege gewife zu weitaussehenden Unternehmungen wenig 
Lust gehabt haben. Man schickte sich also vorläufig nur 
an, Sardinien zu besetzen. Indem aber die Karthager nua 
rüsteten, den Römern zuvorzukommen, boten sie dem Senate 
eine Handhabe, welche wenigstens dem Yolke gegenüber 
verfing. Man denkt unwillkürlich an den ähnlichen Fall, 
als es sich darum handelte Philipp anzugreifen und der 
Senat das Gespenst einer makedonischen Invasion dem Yolke 
vorführen liefs. So ist also Polybios' Darstellung, vielleicht 
eine geringe chronologische Unklarheit abgerechnet, vollstän- 
dig vertrauenswürdig. 

"Was hätten wir nun aber für Nachrichten, die wir sei- 
ner Darstellung entgegenstellen und bevorzugen könnten? — 
Yon Diodor war die bisherige Meinung, dafs er den Söldner- 
krieg aus Polybios selbst geschöpft habe, vergl. auch oben 
S. 14 u. 75. Denn die bezüglichen Fragmente, drei Oktav- 
seiten bei Dindorf , zeigen mit ihm die auffälligste Ähnlichkeit, 
imd die eine hervorspringende Abweichung, dafs die kläglichen 
und kläglich überlieferten Höschelschen Excerpte 4 Jahre 
und 4 Monate bieten, will natürlich nichts besagen. Gilbert 
aber hat jene Annahme verworfen; \md wenn von ihm keine 
Widerlegung versucht worden ist, so hat diesem Mangel 
Unger^) abzuhelfen unternommen. Er findet einige Aus- 
drücke Diodors „hafserfüllter" und „quellenmäfsiger", um 



1) Polybios und Diodor über den Söldnerkrieg. N. Rhein. Mus. 
XXXIY S. 90 ff. 



Annexion Saidinions. 79 



ZU folgern — dieser Satz ist ihm für sonstige Untersuchungen 
wichtig — dafs Polybios sich hier „als regelrechter Kom- 
pilator entpuppe"! Merkwürdigerweise ist die einzige 
Stelle in den Diodorisohen Fragmenten, auf die er sich wirk- 
lich hatte berufen können, ihm entgangen und erst von Rühl, 
Fleckeisens Jbb. 1877, hervorgehoben worden XXY 6: vnip 
rcav titTtGov rcav S^ayovtGov iv 2tKeX{ft xai rday ö<pa- 
yivtcov avSpcbv ttfAa<s VTtepßaXXovöa^ (das Prädikat 
fehlt). Dies ist ein kleines Plus g^en Pol. HI 68, 8: tdov 
reS^ecitcoy innoov aTt^itow rag a^iag, aber doch wohl 
aus Mifsverstand oder Textverderbnis zu erklären.^) 

Als gemeinsame Quelle hatte Gilbert Philinos vermutet, 
von dem freilich bisher nur bekannt war, dafs er den ersten 
punischen Krieg geschrieben. Auch hierin kommt ihm Unger 
zu Hilfe. Der Ausdruck Sat/^oviov, der in den sonstigen 
Quellenuntersuchungen über Diodor insofern eine Rolle spielt, 
als man in seiner häufigen Wiederkehr einen Fingerzeig für 
Duris erblickt hat, soU hier für Philinos Zeugnis ablegen. 
Unger versteigt sich darob zu folgender Aufstellung. Allen 
Schriftstellern, welche den alten Kultus anerkennen, wenn 
auch modifiziert durch Einführung des Schicksals, seien 
öaißxovBg Wesen geringerer Ordnung als die Götter. Des- 
halb werde Satfi&vtov als weltregierendes Wesen nur von 
solchen Schrütstellem gebraucht, welche den alten Volks- 
glauben ganz abgestreift hätten. Polybios spreche sonst immer 
von tvxtfy ^tiovy S^cog, sipuxpßivtf, avro/jiatoy. Den 
Ausdnick öai/Aortov habe er einzig I 84, 10, Diodor aber 
aufser an der entsprechenden Stelle (XXV 5, 1) auch noch 
in der Geschichte des ersten punischen Krieges 



I) So urteilt auch Meltzer a. a. 0. S. 6. 



80 Krater Abschnitt. 



XXm 15, 2; XXIY 9, 2, femer mit ärsog zusammen 
XXIV 12, 1, endlich mit ^eog und S'rfov XXin 13. Eine 
von den feinen Beobachtungen, mit welchen Unger uns 
überschüttet, die aber den einen Mangel haben, dafs sie in 
den meisten Fällen aus der Luft gegriffen sind. Liest man 
Dionysios nach, wahrlich einen Schriftsteller von korrektem 
religiösem Standpunkt, und zwar Stellen, wo an wörtliche 
Abhängigkeit von einer griechischen Quelle nicht zu denken 
ist, z. B. die Reden in der Geschichte des CamiUus, was 
findet man? Nicht nur mehrfach das verpönte dat/^ovtor, 
sondern Vlll 33 sogar friedlich neben ^eoÜ Und ebenso 
friedlich steht beides auch Pol, XXVH 8, 4! 

Nachdem wir also Diodor aus der Reihe der Quellen 
des Söldnerkrieges von selbständigem Wert gestrichen haben, 
wollen wir sehen, wie sich Appian zu dem Polybianischen 
Berichte verhält. 

Polybios fügt ni 28, 3 zu seinem strengen Urteil über 
die Annexion Sardiniens noch die Abfertigung einer Version 
über dieselbe hinzu, welche den Römern seiner Zeit geläufig 
war: ro ßihr yap vno ^PoofiaiGOV 7tBp\ tovtcar Xsyoßia- 
vor iyKXtf/jiay ötott tovg napa ötpöbv nXoiZop,iyovg 
r/ö{Hovy xara rov JißvHov TtoXsßiov, iXv^rf xa^^ ovg 
xaipovg, xo^tödfjLBVot napa Kapyr^Sovian^ anavtag rovg 
xatrfyß^ivovg, avxBdooprjöavro jt^plg Xvrpanf iv x^P^'^^ 
tovg Ttapa öcpiötv VTtdpxovtag alx/^(xXwrovg. 

Zwar nicht diese Version selbst, aber eine weitere Aus- 
spinnung derselben findet sich Appian. Libyke 5: Metd 6e 
tovro 'Paoßxaiotg p!kv xa\ Kapxtf^ovioig siptfrata jjv ig 
dXXr/Xovg, Aißvsg Ä' oöoi Kapxtfdoviafy ovtsg vnrixoot 
6vy€ße/jLaxi]xeöav avtöig in\ 2txsXtav, xa\ KeXtcDV 
oöot ip,Bfxi0^o(popr}XEöay, iyxXr/ßxard riva /AtöS^cDV xat 



Annexion Sardiniens. 81 



V7roöxi(fsG}y i^s toixs Kapxv^oviov^ ix<^'^'^^^ l7Co\£fAow 
avtotg ßjiaXa Kafttepcog, oi 6h 'Pojßxaiovg i^ övfAfxaxloty 
G)<s q>iXov<s ixaKow, xai avtov<s oi ^Pajßxaiot SevoXoyetv 
ig /lorov tovöe tbv noXt^ov ano trfg IraXiag icprfHay 
aTttifnfto yap iv raig önovSatg xal toSe. tnBß^av dl 
xal SiaXXaxtffpag , olg ol Aißveg ovx VTttfxovov, dXXa 
rag TtoXetg iStiXßoöav vTttjxoovg elvai ^Pco/xaüxn^, el 
äiXoisv ol Ä' ovx iöiBavto.^) KapxtfSovtot 6h ravrtx^ 
TToXXgp taig TtoXeötv i^e6pevovt£g tffv ayopay avrcjv 
d(pxipovvxo rffv ix ttjg ^aXdöötjg. dönopov 6h xal rijg 
yrfg cog ir TtoXißjup yeroptirrfg, jätßvcüv ßihv 6td tor 
Xifxov ixpdtoWy ifinopovg 6\ oöoi TtapiTtXsov, iX'fiörevov 
i£ anoplag' rovg 6h ^Poo^aioov xal xreivortsg ißaXXor 
ig tb TriXayog, tva XavS^dvotsv.^) xal 6iiXa^ov inl 
nokü, yvcoöS^ivrog 6h tov ytyvo/jLirov, Ttoivtfv altov- 
ßjLtvot 6icoS^ovvrOy /^ixpt ^Poopiaiaov iniötpatBVBiv avtoig 
il^ij<pt6a^ivGay 2ap6co Ttotyffv i6ooxav, xal r66£ ratg 
Ttpotipatg öuvS^Tfxaig ivsypdqfrf, — Die Differenz wegen 
der Handler, welche nach Polybios vor den Beschlüssen zu 
gimsten der Karthager aufgetaucht und erledigt war, findet 
nach Appian erst nach denselben statt und bildet den Ghnind 
zu dem schroffen Auftreten der Römer. Soweit kennt auch 
Polybios schon die Entstellung. Dafs aber die Händler gar 
ertrankt werden, ist offenbar eine neue Verschärfung. 

Zonaras sodann stimmt darin mit Appian, dafs er die 
DiiTerenz w^en der Händler (das Ertränken kannte Dio nicht 



1) Bis hierher auch Sikelike fr. 2 fast, gleichlautend; jedoch 
TOr dem ^eroXoyety noch: dyopav 6' in xb rrjs 'ixaXias xai St- 
TuXLas indytö^ctt, 

2) So auch Lib. 86. 

Hesselbarth, histor. - krit. Untorsnch. 6 



82 Erster Abechnitt. 



oder hat es nicht aufgenommen) erst nach den Freundschafts- 
beweisen der Eömer als Motivierung der Annexion Sardiniens 
erwähnt Also die von Polybios gerügte römische Fälschung! 
Zonar. P. 399 C zum Jahre 238 v. Chr.: xa\ 2apöco napa 
tdav KapxtfSovioov a^x^' XPVP^'^^ ^^ avB^ig iXaßov 
iyxaXiöavte^ avtoi^ ßXaTttsiv ÖgxsSv rov^ jrXioytag, 
ovnoo yotp xpatw^ivtsg ol KapxnSoyioi tag dnEiKag 
avtobv iSeöoiKSÖotv. Es ist denn auch nur das letzte 
Sätzchen, worauf Gilbert seine Hypothese gründet; und 
dieses Sätzchen — hat er falsch verstanden! Kpatuv- 
^ivreg ist nicht gleich xpanjöavteg , sondern „zu Kräften 
gekommen", entsprechend TrXrf^^w^iytBg P. 313 C „an 
Volkszahl gewachsen", wie Dio auch XXXVIII 9, 2 auf 
Caesar, der seine Stellung durch Heirat befestigt, ixpatvv^Tj 
anwendet 

Damit ist auch dieses Zeugnis gegen Polybios erledigt 
Denn dafs die Karthager sich noch nicht erholt hatten von 
dem Söldnerkrieg, sagt dieser mindestens ebenso deutlich. 

Dafs Livius zu Anfang der dritten Dekade, wo er sonst 
ganz mit Polybios stimmt, den Söldnerki'ieg auf fünf Jahre 
ansetzt, ist eine Sache für sich und wird seinerzeit erklärt 
wei-den. Was dio Scirdinische Sache betrifft, so ist zu be- 
denken, dafs Livius die Insel schon an Catulus mit hatte 
abtreten lassen. S. oben S. 51. Damit hängt es zusammen, 
dafs wie die Periocha des 20. Buches, so auch Oros. lY 12 
und Eutrop. III 2 zum Jahre 238 v. Chr. schweigen tmd dafür 
den sardinischen Aufstand von 236 v. Chr. — die Triiun- 
phaltofel hat Triumphe de Sardeis zu 235, 234 und 233 — 
mit einigen wohl der Annexion der Insel entlehnten Zügen 
ausstatten: Sardinia rel)ellavit auctoribus Poenis = Carthagini- 
onsos tum bellum reparare tentabant, Sardinienses, qui ex 



VertrafT HMdrulMÜs bei Polybios. 83 

oonditione pacis Komanis parere debebant, ad rebellandum 
impellentes; darauf Kriegserklärung von Rom, welche die 
Karthager durch mehrere Gesandtschaften, bei deren letzter 
ein Hanno geschickt das Wort führt (und Geldzahlung?), 
abwenden. Ja, ich glaube, Livius hatte hier auch den Zwi- 
schenfall von den römischen Händlern sich nicht entgehen 
lassen. Denn dafs Zonar. P. 400 D, wozu Dio Cass. fr. 46 
gehört, diese Geschichte in Verbindimg mit dem sardinischen 
Aufstand nochmals auftritt, ist eine höchst auffallende Du- 
blette, welche sich dann aber aus Benutzung des Livius 
erklären wurde. 

Mit einem besseren Schein von Berechtigimg als Poly- 
bios' Bericht über Sardinien ist derjenige über den Hasdni- 
balischen Vertrag entweder angegriffen oder stillschweigends 
beiseite geschoben worden. Wir werden die volle Wahrheit 
des Polybianischen Berichtes, den entstellten Charakter der 
übrigen am besten erkennen, wenn wir auch hier von Gil- 
berts bezüglichen Aufstellungen ausgehen. Er behauptet näm- 
lich, eine Bestimmung des Vertrages, welche eine Gegen- 
leistimg der Römer für Hasdnibals Versprechen den Ebro 
nicht zu überschreiten enthalten habe, nämlich dafs die 
Griechenstädte^) autonom d. h. neutral sein sollten, 
sei von Polybios parteiisch unterdrückt worden, weil 
diese Bestimmung von den Römern durch die Aufnahme 
Sagunts in ihr Bündnis zuerst verletzt sei. Wir lassen die 
Zeugnisse gegen Polybios vorläufig beiseite und prüfen, ob 
er, wie behauptet wird,* mehrfach mit sich selbst in Wider- 
spruch geraten ist. 



1) Au&er Sagant würde besonders Emporiac, nördlich des Ebro, 
gemeint sein. 

6* 



84 Erster Abschnitt. 



Sein Bericht über den Vertrag n 13 lautet: Hasdnibals 
Machterweiterung und besonders die Gründung Neukarthagos 
rufen den Entschlufs der Römer hervor, Spanien wieder 
mehr Aufmerksamkeit^) zu schenken und ihre bisherige Läs- 
sigkeit nach Kräften wieder gutzumachen. Geradezu den 
Karthagern Vorschriften zu machen und im Fall der Ableh- 
nimg den Krieg zu erklären, wagten sie nicht wegen des 
drohenden Keltenkrieges; xataipr/öartB^ Si xai npav- 
vavteg rov kööpovßav, ovtcag Ixpivav iyxeipeiv röig 
KeXtotg xal diaxivdwevsty Ttpbg avtovg, ovSinot^ av 
vnoXafjLßdvovtets ovx olov dDvaötEvöat rcov xata rffv 
ItaXlav aXX^ ovS^ aÖg}aXdo^ olxffOai tffv iavrddv not- 
tplday rovtovs {x^>^'^^^ itpidpovg tovg ävdpag, öio- 
Ttsp a/ia t(p 8ta7rpe6ßevöapL€vot npog tov ' ödpovßav 
7Coitf6a6^ai ÖwS^ijxag, iv alg tffv /ihv aXkrjy ^Ißrfpiav 
napeöiGOTtGoy, tov 6h xaXovpLSvoy "Ißrfpa Trota/ibv ovk 
iöet Kapxv^oviovg i7c\ noXi/Kp ötaßaiyetv, 6vS^£Ci>g 
i^ifyeyxav tov npog tovg xara rffv ^IraXLav KeXtovg 
TtoXe/iov. Polybios schiebt hier den berühmten £xkm% 
über die früheren Keltenkriege ein und kommt Ende c. 22 
darauf zurück, dafs die Römer diu'ch die von Norden drohende 
Gefahr gezwungen seien, die spanischen Dinge zu „über- 
sehen". JwTtEp aög}aXi(fapLeyot ta npog rovg Kapxv^o- 
vlovg Sia rdüv npo^ rbv jiööpovßav opLoXoyiday, vnep 
Gov apri öeÖTfXcoxaßÄev, ivexslprföav bßioä^v/iaöbv iv tov- 
toi(5 toig xaipoig Ttpbg tovg xata KsXtovg TtoXi/iovg — 
Gilbert fragt, wo denn in dem Vertragstext das römische 



1) Von „Intriguen" und „Umtrieben" (Faltin a. a. 0. S. 4) ist 
nicht die Hede; noXvnpayfioytly ist technischer Ausdruck für aus- 
kundschaften. Vgl. auch III 59, 4. 



Vertrag Hasdrnbals bei Polybios. 85 

Zugeständnis sei, von dem Polybios spreche. Ich antworte: 
in dem Stillschweigen^) über das Gebiet südlich des Ebro, 
in der Anerkennung der karthagischen Herrschaft daselbst. 
Und sollte es sich erweisen, dafs Sagunt damals schon im 
römischen Bündnis war, so bedeutete dies Zugeständnis sogar 
nichts Geringeres als Preisgebung eines Bundesgenossen. 
Was die Zeit des Vertrages betrifft, so fällt er zwischen 
das Ende des illyrischen und den Beginn des Eeltenkrieges, 
jedoch wahrscheinlich unmittelbar vor den letzteren 226 v. Chr. 
-= 528 d. St., wie Meltzer S. 19 richtig bemerkt. 

Behufs Prüfung der bezüglichen Stellen im dritten 
Buche, zugleich zur Orientierung für die spätere Unter- 
suchung will ich den Anfang dieses Buches skizzieren. Nach 
Auseinandersetzung seines Planes wendet Polybios die Kapitel 
e — 30 an, um den Ursachen (airiai) des Krieges nachzu- 
forschen, die Anfänge [apxott) desselben zu erzählen und die 
Rechtsfrage zwischen Hom und Karthago zu entscheiden. 

C. 6 : "Evioi tcov övyyBypatpotcav ta^ nat^ kwißar 
TCpdBfBiq .... Tcpoatrjy pAv (scilicet aMav) ano(paivov6i 
XTiv ZaKov^rj^ noXiopKlav vno KapxrfSovioov (a), Sevti- 
pav dh tf^ didßaötv avtcav napd rag öwS^tjxag rov 
npogayoptvofjLivov napd toig iyxcopioig "Ißrfpog nota- 
ßÄOV (b). iyco di tavrag dpxdg /ihv tlvai tov noXipLOV 
<prj6aiii^ aVf aitiag ye /iffv ovSapuidg dv 6vyxoopti6aiiiu 
Erläuterung dieser Begriffe an Beispielen. C. 8: Meimmg 
des Fabius Pictor über die Ursachen des Krieges und Wider- 
legung, worauf wir später kommen. C. 9, 6: Polybios selbst 
stellt auf als erste Ursache den Groll des unbesiegten Hamil- 



1) Dafe es auch wohl übersetzt werden könnte: ausdrücklicher 
Verzicht auf Einrede, wird eine alsbald zu besprechende Stelle zeigen. 



86 Erster Ab«ichniit 



kar Barkas über den Verlust von Sicilien, als zweite und 
wichtigste den Hafs der Karthager wegen der Entreilsung 
Sardiniens, als dritte den Aufschwung der karthagischen 
Macht in Spanien, C. 11 f.: Nachweis von Hamilkars Ge- 
sinnung an dem bekannten Schwur des jungen Hannibal. 
Sodann geht Polybios zu den „Anfangen" des Krieges über 
und berichtet c. 13 — 14 kurz über die beiden ersten Feld- 
züge Hannibals, dann drei Kapitel hindurch über Sagunt. 
Schon im Winter 220/19 v. Chr. = 334/5 d. St. mahnt eine 
römische Gesandtschaft in Neukarthago Hannibal c 15, 5: 
Zanav^aiGoy änixeöS^ai (neiö^at yap avtovg iv ry 
6(pEtipqc Ttiötei) (a) xa\ tbv ''Ißrfpa nota^ov /ifi Staßal- 
veiv Kata ra^ in^ jiöSpovßov yero/iiva^ o/ioXoyia^ (b), 
worauf Hannibal § 7 mit Vorwürfen antwortet, dtott /itxpoig 
i^npoö^BV xpoyoig ötaöta^ovrayy avtcov, Xaßoyre^ trjv 
invtponrjv ei^ to öiaXvöai, döiHOj^ inaviXoivto ttvag 
toby TtpoEötGorooy ov<s ov TtsptoipsöS^at TCapeöTrovÖTjßii^ 
vov^' ndtpiov ydp slvat Kapxtl^ovioi^ to /ir/diva t<öv 
ddtKov/iivoov TCtptopäv. Nach Karthago aber berichtet er 
von Übergriffen der Saguntiner, woraus zu entnehmen, dafe 
die römische Gesandtschaft auch dort Gegenbeschwerden 
statt einer Antwort erhalten habe; nur geht Polybios über 
die Erlebnisse der Gesandten in Karthago ebenso schnell 
hinweg, als er über die in Neukarthago ausführlich ist — 
Auf eine Klausel des Hasdrubalischen Vertrags, der einem 
oder beiden Teüen die Einmischung in Sagunt verboten habe, 
lässt sich aus dieser Stelle nicht schlielsen. Tlapaönov- 
dsiy setzt nicht notwendig ein Vertrags Verhältnis voraus; es 
steht z. B. I 7, 2 von den Mamertinem (über die Lesart 
vgl. Krebs: Zur Rektion der Kasus in der späteren Gräcitat, 
Progr. R^gensburg 1885), XXTTT 8, 3 von den ligurem, 



Vertrag Hasdrubals bei Polybios. 87 



die römische Gesandte angriffen, also von Verletzungen des 
Völkerrechtes überhaupt. Polybios hat nicht so unrecht, 
Hannibals Äufserungen als nichtige Vorwände zu bezeichnen, 
wenn auch seine Idee, Hannibal liätte lieber Sardinien zurück- 
fordern sollen, nicht sehr praktisch ist. Hannibal vermeidet 
es, in bezug auf die beiden Ansinnen der Kömer Farbe zu 
bekennen, 1) will aber dabei, wie es scheint, die Römer 
reizen, ihrerseits den Krieg zu erklären. 

C. 18 — 19: Der illyrische Krieg; sodann die zweite 
römische Gesandtschaft nach dem Fall Sagimts und die ent- 
scheidende Verhandlimg im kai-thagischen Rate. Einer aus 
der Versammlung rechtfertigt die karthagische Sache c. 21: 
Tag ßihv ovv npo<s jidöpovßav bpioXoyiag napeöicoTtGov 
(erklärten sie übergehen zu wollen; ein ähnliches Imperfekt 
IV 15, 10), G&sr ovtE ysyerrf/iivag, aita yeyovaötv, ovSiv 
ovöats Ttpbg avrovg, öta to x^P^^ ^V^ öfpBtipag nenpä- 
X^cLi yvoißiTfg. (2) ixpoorto 5' ig avtddv 'Pcoiiaioov elg 
tovro napaStiyiiati, tag yap inl Aovtariov yero/ii- 
vag Öw^rr/Hag iv t^ noXi^jup r(p jtepl SixeXiag, tav- 
tag itpaöav fjötf 6vvoop,o\oyt}p,iyag vno Aovtatlov 
jxata tavta tov dffiiov tdav ^Poo/iaüav dxvpovg noifföaiy 
dia to x^P^'S '^V^ avtov yavi6^ai yvGOßitfg. (3) ^EnltS^ov 
6h xal TtpogaTCtipeldorto nap^ cikqy ttfv StxaioXoyiav 
ijcl tag teXsutaiag Övv2^r/xag, tag yero/iivag iv t<p 



1) Hätte Hannibal auf grund des Hasdrubalisohen Vertrags 
Sagunt beansprucht, so würde er damit nicht nur seine Absichten 
auf die Stadt enthüllt, sondern sich auch zur Ebrogrenze bekannt 
haben; welche wiederimi die Römer preisgegeben hätten, wenn sie 
statt der gewundenen Worte über Sagunt offen von Bundesgenossen- 
schaft gesprochen hätten. Zum Hasdrubalischen Vertrag Stellung zu 
nehmen, war beiden Teilen unbequem. 



88 Erster Abschnitt. 



Tcepl StKsXlag noXi^, (4) iv alg Ttepl ^hv 'ißrfpia^^) 
ovK l(pa6av vTcapxeiv %yypa<poy ovSiv (b), Ttepl Sh 
tov toi^ iHaripcQV öv^jLfxdxons tf/v nap^ avtdov a6<pd- 
Xeiav elvat prftcog Katar Et dx^ai. (5) ZaHay^aiov<5 
dh TtapedeiKvvov ovx ovrag tote ^Poo/iataDV Övii^i&xov^y 
Hai TtapaveyivcoöKov npo^ tovro TcXeoraxi^ tag öw^tf- 
Hag (a). (6) ^Poo/iaioi de tote /ihv to ötHatoXoyeiöS^ai 
xaäraTtaS aneylvcoÖKoVy ^döxorteg anepalov ßiev hi 
dtaßievovör/g trjg töov ZaHavS^aicov TtoXecog, ImSexe- 
6^at td npdyp.ata öiHaioXoyiav xal Swatbv elvat 
Xcyop Ttepl tdbv dfi<piiSßritovfiivGov öte^dyetv, (7) tau- 
tr/g öh TtapeönoYÖrifiiyrjg tf tovg aitiovg indoteov elvat 
u, 8. w. — Aus dem Verhalten der Römer bei dieser Gelegea- 
heit erstlich ist in bezug auf die Yerträge gar nichts zu 
entnehmen. Sie lehnen nach Polybios nicht etwa die Dis- 
kussion über den Frieden des Catulus ab, um sich auf den 
günstigeren Boden des Hasdrubalischen Vertrags zu stellen, 
noch auch umgekehrt, sondern einfach jede Diskussion über- 
haupt Was aber die Karthager angeht, so erhebt sich aller- 
dings die Frage: Wenn der Hasdrubalische Vertrag 
keine Bestimmung zu gunsten Sagunts enthielt, 
wozu bemühen sie sich, seine Rechtsbeständigkeit 
anzufechten? Allein man darf nicht übersehen, dafs zwei 
Fragen, die saguntinische und die Ebrofrage, brennend sind. 
In beiden hat Rom durch die erste Gesandtschaft schon sein 
Wort gesprochen. 2) Der punische Feldherr rüstet sich eben, 



1) Es könnte auch hei&en Tcepl fihv "ißrjpos, das zu schreiben 
aber doch keine Veranlassung ist; die saguntinische Frage betrifft 
erst das folgende. 

2) Dais auch die zweite beide Fragen berührt hat, vermutet 
Faltin a. a. 0. und ist sehr wohl mögUoh. 



Vertrag Hasdrababi bei Polybios. 89 

den Ebro zu überschreiten. Was ist natürlicher, als dafs 
die Karthager auch in der Ebrofrage ihren Stand- 
punkt angeben? Die Meinungsverschiedenheit darüber 
kam nicht zum vollen Austrag, weil der Krieg vorher (vgl. 
allerdings oben S. 12) erklärt wurde. Es war eine Art 
Anachronismus, wenn die Eömer in Polybios' Tagen sich 
noch für den Vertrag ereiferten, ebenso als wenn man die 
Überschreitung des Ebro mit als Kriegsursache bezeichnete. 
Man hätte wenigstens nur von den ofifenbaren Vorbereitungen 
dazu sprechen sollen. Die Karthager wollen also nur von 
dem Vertrag des Catulus wissen, weil er, wie ihr Sprecher 
ja auch bemerkt, weder ihnen in Spanien eine Grenze setzte, 
noch sie in bezug auf Sagunt band. War der Hasdrubalische 
Vertrag, wie ich meine, in letzterer Hinsicht noch etwas 
günstiger, so war er um so lästiger in der ersteren. 

C. 21, 9 bis c. 28 steht der berühmte Exkurs über die 
rönusch- karthagischen Verträge, worauf dann Polybios behufs 
völliger Klärung der Eechtsfrage die Widerlegungen jener 
karthagischen Auseinandersetzungen anführt, wie sie bei den 
Bömem seiner Zeit im Schwange waren, c. 29: ofe tote 
ßiiv ovK ixprfCfayto öta tbv iTcl tfj ZaHav^aloav anoo- 
Xei^ ^ßi6v, Xiystat Sh noXKikHits xai vno noXkoöv 
nap^ avtöt^. Ttpcatov ßxiv, oti ta^ npo^ A<s^povßav 
yeropiivag ofioXoyia^ ovh a^Bttftioy .... aAA.' avto- 
teXob^ inotri6ato tag b/A,o\oyiag ködpovßag, iv alg ffv 
tov "Ißrjpa notapLOv /itf dtaßaivety iTcl TtoXsßiq^ Kapxt/- 
öoviovg (b); zweitens, dafs die Klausel im Frieden des 
Catulus sich nicht blofs auf die damaligen Bundesgenossen 
beziehe, weil das sonst hätte bemerkt oder ein Verbot der 
Aufnahme neuer Bundesgenossen hätte hinzugefügt werden 
müssen, sondern auch auf die zukünftigen (a). Polybios 



90 Erster Abschnitt. 



eignet sich diese Folgerung an (vgl unten zu Liv. XXI 19), 
behauptet also ein Kecht Roms, Bundesgenossen mit An- 
Spruch auf den Schutz des Friedens anzunehmen, einzig mit 
der Beschränkung, welche liege in dem Paragraphen: iitfte 
SevoXoysiv ßxijr^ initartBiv jiTjöetipovg fitjSly iv rortg 
aWrfXGov inapxioiKs Hoi övpi/iaxlat^, — Ich meinerseits 
glaube, dafs Polybios hier im Folgern zu weit gegangen ist 
und den einzig richtigen Ausweg übersehen hat, den näm- 
lich, dafs in jenem Frieden eine Konkurrenz beider Staaten 
auf einem neuen Schauplatz gar nicht bedacht und die Frage 
wegen neuer Bundesgenossen also offen gelassen war. Genug, 
für Polybios ist die saguntinische Frage damit eigentlich ent- 
schieden. Nunmehr hat der Hasdrubalische Yertrag, obwohl 
er den Machtbereich der Karthager südlich des Ebro aner- 
kennt, für die Frage keine Bedeutung mehr, vorausgesetzt, 
dafs das saguntinische Bündnis älter ist. Nur dies 
erübrigt ihm noch zu erweisen. Fafst man freilich den Frie- 
den des Catulus umgekehrt, so geht das Bündnis die Kar- 
tliager überhaupt nichts an, und mit der Priorität desselben 
ist im Gegenteil nur bewiesen, dafs im Hasdrubalischen 
Vertrag die Eömer auch ihrerseits stillschweigends auf das- 
selbe verzichtet hatten. 

C. 30, 1 — 2: Tovra)v St/ toiovtoov vTtapxoyrojv, 
bßioXoyovßjLevov ffv H^Hsivo^ ötott ZaHav^aioi nXeio- 
öiv Steötv ffd-q Ttporepov rcov Hat^ jivvißav xai- 
pGjy idsdcoH£i6ay avtov<s eh tffy ^Poofxaiooy nidriy, 
(2) (StjfjLBioy dl tovto fiiyiötoy xal nap^ avroig toig 
KapxrjSoyioi^ b/ioXoyov/ieyoy, ort öraötdöayte^ Zaxocy- 
^aioi Tcpo^ 6q}ä<5 ov KapxrjSoyioKS iTtitpeij^ay, Kain%p 
iyyv<S oytcay avtdoy xal ta xata tffy ^Ißrfplay tjörf 
Ttpattoytcay, aXXa ^Pco/iaiot^ xal 6ta xovtooy inovf\- 



Vertrag Hasdrabals bei Polybios. 91 

öotvto tffv Hatop^Goöiv tf/i TtoXitBiag, Keineswegs in 
Übereinstimmimg mit Polybios befindet sich Gilbert, i) wenn 
er den Abschlufs des Bündnisses mit der römischen Inter- 
vention, über welche Hannibal c. 15 sich beklagte, identi- 
fiziert. Höchstens könnte sich der als örnieiov angeführte 
Vorgang damit decken. Der Abschlufs des Bündnisses fällt 
„eine Beihe von Jahren" vor 221 v. Chr., ich denke in die 
Zeit der Gesandtschaft an Hamilkar 231 v. Chr. = 523 d. St. 
C. 30, 3 — 4 kommt Polybios endlich zum Abschluljs 
seiner Auseinandersetzungen: ötonap sl /lir rig tf/v <tov 
"Ißr^pot^ öidßaöiv (b) Hat tfjy> ZaHav^rfg aTcdXeiay (a) 
aitiag (Hdschr. alriav) ttötföi tov TtoXi/ioVy ÖDyxooptj- 
rioy aöixGo^ iSsrtfvoxiyoei tov TtoXe/iov Kapxrfdoviovg 
xata ts tag inl tov Aovtatlov öwä^i^xais xa^ ag Sdet 
rot? ixatipoov Öv^ipLaxot? tffv vtp^ ixatipcov vndpxetv 
CLÖtpdXBiav (a), xata ts tag Itc^ ^ödpovßov, xa^ a? ovx 
iöst ötaßaivetv tov "Ißtjpa nota^ov inl noXiiKp Kapxrf- 
Soviov? (b). ei dh tffv 2apd6vog ätpalpsötv xa\ td Övv 
ravt^f XPW^'^^ <Bl<S7tpax^iyta oder i7tttax^iyta>, nav- 
fco? oiioXoytftioY BvXoyoois TteTtoXe/irfHevai tov xat^ ^v- 
vißay noXBjxov tov<s Kapxtl^ovlovg, Ohne die in § 3 
voi^eschlagene Ergänzung ist die Stelle, wie Meltzer zugiebt, 
widersinnig, 2) ja mit Gilbert „unerhört" zu nennen. Uner- 



1) Gilberts Ansicht hat Meltzer mit Zustimmung Faltins in der 
Form aufgenommen, dafs er zwar meine Deutung des Polybios billigt, 
aber vermutet, Polybios habe sich durch römische Quollen in der 
Ansetzung des Bündnisses irre machen lassen. Nach beiden An- 
nahmen hätten die Bömer durch Aufiiahme Sagunts in ihre Bundes- 
genossenschafi: den Hasdrubalischen Vertrag gröblich verletzt. 

2) Nach dieser vervollständigten Darlegung darf ich wohl hoffen, 
dais Meltzer die Annahme, Polybios habe eine solche Eonfusion be- 



92 Erster Abschnitt. 



hört scheint mir aber auch Gilberts Meinung, dafs in der 
Quelle hier eben die vermutete Klausel ^) betreffs der öriechen- 
städte gestanden habe und dafs Polybios die Naivität wider- 
fahren sei, sie zu streichen, ohne das Räsonnement zu ändern. 
Ebenso unerhört finde ich die Idee von C. Neumann, a, a. O. 
S. 357, Polybios habe bisweilen Sagimt nördlich vom Ebro 
gedacht, so siegesgewifs dieselbe auch von Neumann und 
seinen Anhängern, z. B. J. Partsch, Götting. gel. Anz. 1881 
S. 321 ff., vorgetragen ist; denn die andere angezogene Stelle 
IV 28, 1 ist völlig unveiünglich. Der Zusammenhang der 
ganzen Erörterung über die Eechtsfrage zeigt aufs deut- 
lichste, was fehlt. Die Ergänzung wäre notwendig, selbst 
wenn man Appians Darstellung vor Polybios den Vorzug 
geben wollte. Solche Auslassungen sind in unserm Texte 
gar nicht selten. Ein flüchtiges Durchblättern des dritten 
Buches ergiebt acht bis neun anerkannte und aufföUige Bei- 
spiele. Da in der vorgeschlagenen Fassung (ohne TtotapLov) 
die Worte eine Zeilenlänge des Archetypus betragen, so war 
ein Abspringen um so leichter. 

Aber betrachten wir nun doch einmal die von Gilbert 
gepriesene Darstellung Appians näher. Iber. 7: Zaxarv- 
^^aiot di, anoiHot Zanw^kav, iv jiiöGo rtjg te nv/jrfvrjg 
Ha\ Tov nota/iov tov "Ißrfpofs ovte^, xal oöoi äXXot 
'^EXXrfvefS Ttepi te tb HaXovpLevov ^Efinopiov Kai el tt^ 



gangen, aufgiebt and moine Verbesserung mit Egelhaaf: Analekten 
zur Gesch. dos 2. pun. Kiieges Histor. Zschr. N. F. XVn S. 430 ff., 
der betreffs des Vertrags sich überhaupt wesentlich mir anschlielst, 
„einleuchtend" findet. Auch Faltin nennt sie „unerläfsUoh". 

1) Man müDste dieselbe übrigens nicht blofe vor ovx idn dta- 
ßcdvEiv u. s. w. einschieben, sondern vielmehr statt dieser Worte, 
die sehr störend sein würden, einsetzen! 



Vertrag Hasdmbals bei Appian. 93 



r^g ^Ißrffda^ (ßnovy aXXaxov, öeiöavtsg vnhp 6<p(&yy 
iTtpiößevov i(S ^Poi/jLTfv. xai ff ÖvyxXtftog ovh iS^iXovöa 
ta KapxtiSovioov inaipBÖ^at TCpiößeKS i<s Kapxt/öSva 
iTCSßiTter. Hai öwißtföav aßi^orepot, opov elvat Kapxt/- 
Sovloig ttf^ ^PXV^ "^V^ ^^ *^ßVP^9^ '^^ ^Ißtfpa nota- 
ßjLov, Kai fitfre ^Pco/iaiovg toig nipav tovSe tov noxa- 
ßiov TToXe/iov iK(pipBiy Kapxtfdovioay VTcrjHOOig ovöt, 
ßifftB Kapxt/öoviovg iyri noXi/Mp tov "Ißrjpa öiaßai- 
veiy. Zanav^alovi^ 81 Kai tov^ äXXovg ir ^Ißtfpiqc 
"EXXffvaq avrovo/jiov^ xai iXevS^epovg elvau Kai rdöe 
raig 6vvBi]Kaig rdav PoopiaiaDv Kai KapxtjSoviary npog- 
aypd<pi]. 

Hier mufs doch aiifser der Abweichung im Wortlaut 
des Vertrages noch etwas anderes im höchsten Grade auf- 
fallen, was Gilbert ganz und gar nicht erwähnt. Nicht mit 
Hasdnibal, sondern mit der karthagischen Eegierung 
selbst soll der Vertrag abgeschlossen imd dann zu den 
bestehenden hinzu aufgezeichnet sein. Dies ist denn 
nun mit dem Bericht des Polybios, mit den Verhandlungen 
beim Ausbruch des zweiten punischen Krieges und mit sei- 
ner berühmten Abhandlung über die gesamten römisch -kar- 
thagischen Verträge, wie er dieselben giebt, ganz unvereinbar. 
In den Archiven fand sich der Hasdnibalische Vertrag nicht 
Das behauptet aber Appian. Und nun noch eins, was dieser 
Behauptimg noch einen ganz besonderen Charakter giebt. 
Auch von der Abtretung Sardiniens hiefs es in der Libyke: 
Hai rode tatg nporipatg öwS^t/Kaig irsypct^rj, natürlich 
in diesem Fall ganz wahrheitsgemäfs, aber, da das doch 
selbstverständlich ist, immerhin ungewöhnlich. Sollte das 
nicht deshalb so geflissentlich gesagt sein, um der spä- 
teren Fälschung vorzuarbeiten? um recht klarzustellen, 



94 Erster Abschnitt. 



dafs auch der Hasdnibalische Vertrag ebenso in Form Rech- 
tens abgeschlossen sei?^) 

Ich bin nun auf den Einwand gefafst, dafs eben Appian, 
um die verschiedenen Verträge, die verschiedenen Phasen 
der Verwickelung zwischen den beiden Grofsmächten recht 
zu markieren, diese Formel von der Registrierung angebracht 
habe. Allein abgesehen davon, dafs wir auch bei livius 
genau dieselbe Formel wiederfinden werden, wäre diese Mei- 
nung auch sonst wenig begründet. Gerade in der Libyke 
müfste es doch dann Appian darauf angekommen sein, die 
verschiedenen Vertragsschlüsse zu betonen. Dennoch findet 
sich die Formel dort nur jenes eine Mal, nicht aber bei Er- 
wähnimg des Hasdrubalischen Vertrags, wie die Anmerkimg 
zeigt. Bei dem Frieden des Catulus imd Scipio lesen wir 
überhaupt nichts Ähnliches. 

Nur eins sei hier noch angeführt, um den Kontrast der 
beiden Geschichtswerke recht zu beleuchten. Polybios be- 
zeichnet allerdings an der ersten oben angeführten Stelle im 
zweiten Buche den Vertrag mit dem eigentlichen Ausdruck 
dafür öuvärijKaiy an der zweiten jedoch, dami III 15 und 
in den Erörtenmgen von c. 21 an bis c. 30 dm'chstehend 
mit „Übereinkommen" o/ioXoyiai und einmal öio/ioXoyrf- 
cf£tg (um den Hiatus zu meiden?), während alle übrigen, 
z. B. auch der erste, nicht ratifizierte, des Lutatius ebenso 



1) Dafs Lib. G der Hasdrubalischo Vertrag kurz so rekapituliert 
wird: fiexp^ Zaxav^aiaoy ln\ ^^Poofialovs xaTatpvyoyroov KapxTf- 
6oviots opos iv 'ißrfpia. yiyvexai^ firi diaßalvEiv roy^Ißrfpa Ttora- 
fior, xai rdsÖE av ras ÖTtovBäs iXvöav KapXTfdovtoi, TcepäöavTes 
'Avvißov 6q>öov ^yovfiivov, ändei*t nichts. Appian denkt sich näm- 
hch Sagunt nördhch des Ebro. 



VertrapT Hasdrnbals bei Appian. 95 



durchstehend 1) öw^ffHai bezw. iniÖw^riKai heifsen. Poly- 
bios hat also, wo es irgend darauf ankommt, auch durch 
den Ausdruck angedeutet, dafs dieses „Übereinkommen" 
staatsrechtlich mit den „Verträgen" nicht auf gleicher Stufe 
steht 

Mit der bei Appian vorliegenden Fälschung betreffend 
den AbschluTs des Vertrages steht nun die Fälschung von 
dessen Text im innigsten Zusammenhang. Wui-de durch 
jene seine Rechtsbeständigkeit aufser Zweifel gestellt, so galt 
es nun noch, eine klare Bestimmimg zu gunsten Sagunts in 
ihn hineinzuschwärzen. Fragt sich nur, weshalb der Stadt 
laut dieser Fälschung nicht einfach Schutz zugesichert sein 
soll als einer Bundesgenossin Eoms, sondern vielmehr 
Eleutherie und Autonomie? — Findet man eine auf- 
fällige Angabe bei einem Schriftsteller, so mufs man doch 
in erster Linie sehen, welche EoUe dieselbe weiterhin bei 
ihm spielt, die Erklärung in dem Autor selbst suchen. .Da 
finden wir denn Iber. 11 folgendes: Die Gesandtschaft, 
welche während der Belagerung Sagunts (worüber sjpäter) 
an Hannibal und die Karthager die Friedensmahnung über- 
bringt, kehrt unverrichteter Dinge zurück. cSv ^^ ^Pcü/irjv 
aycayyeXS^ivrcov ol piev ixiXevov jjötj övji/xaxeiv toi^ 



1) Scheinbare Ausnahmen: c. 25, 2: xara ras vTtapxovöas 
oßioXoyia^ = Vertragsbestimmungen, und c..30, 3: xard re ras inl 
rov Aovrccriov öw^tJHa^ . . . xard re ras* in^ jiööpovßov. Da 
wir diese Stolle als lückenhaft erkannt haben, wäre es nicht unmög- 
lich, dafs o^oXoyias hinzuzufügen wäre. Zur Beleuchtung des 
Sprachgebrauches diene, dafs Pol. I 85 die von dem Feldherm 
Barkas den Söldnerführern gemachten, dann sophistisch umgangenen 
Zusicherungen zweimal oßioXoylat, dann freilich auch einmal övv- 
^ifxat heifsen. 



96 Erator Abschnitt. 



ZaHav^aiot^ ol Ä' inBixov ht, Xiyovte^ ov 6v/i/iaxovs 
avtov<s iv tat<s Övr^r/xat^ <5<pdbv aXk^ avtovoßiov^ xai 
iXevS^ipov? avayeypd^S^at, iXevS^ipovg S^ Itt xal tovg 
noXtopKovpivov^ elvat. xa\ inpattjöBY ff yvoißitf. 

Die Festsetzung der Freiheit und Autonomie Sagunts 
sollte also einerseits zwar das Unrecht der Karthager un- 
zweifelhaft machen, anderseits aber die Römer von dem 
Vorwurf, einen Bundesgenossen im Stich gelassen 
zu haben, entlasten. i) Allerdings war dies beides schlecht 
zu vereinigen, und so läuft denn die Sache schliefslich auf 
ein starkes Sophisma hinaus. Allein dasselbe wurde dadurch, 
wie wir sehen werden, mimdgerechter gemacht, dafs Sagunt 
nach dem Fälscher ausgehungert wurde; so war es fOr 
römischen Geschmack keineswegs allzustark, und ein patrio- 
tisches Gemüt mochte sich an diesem schlagenden Beispiel 
von römischer religio foederum recht ergötzen. Darin bleibt 
sich Appian ganz konsequent, dafs er eine Bundesgenossen- 
schaft*) mit Sagunt mit keinem Worte erwähnt. 

Eins will ich jedoch nicht verschweigen, was meiner 
Auffassung im Wege zu stehen scheint. Nach Appians Text 
des Vertrages sollten nicht blofs Sagunt, sondern die Grie- 
chenstadte überhaupt autonom sein, und nach meiner Auf- 
fassung hätte diese Entstellung nur für Sagunt einen 
ersichtlichen Zweck. Nähme man dagegen mit Gilbert die 
Bestimmung für echt und für eine Konzession auch der 



1) Dafs dies der Zweck der Vei-siou ist, liat, wie ich sehe, 
schon A. VoUmer: Quaeritur, unde belli Punici scriptores sua hau- 
serint. Göttingen 1872, S. 27 richtig erkannt. 

2) Noch in der Debatte Lib. 63 nennt ein römischer Redner 
Sagunt nur TCoXtv dq>idi re avroh irdTtovSov xai q^iXrfv fffdv. 



Ursprung der Appianischen Lesart. 97 

Römer, welche sich damit der Möglichkeit begeben hätten, 
BesatzTingen nach Sagunt, Emporiae oder Bhode (letztere 
nördlich des Ebro) zu schicken, so wäre der umstand allen- 
falls erklärlich. Allenfalls, sage ich. Denn man erwartete 
dann eigentlich, dafs aufser Sagunt das ganze Spanien 
nördlich des Ebro wie den Karthagern, ebenso auch den 
Römern entzogen wäre \md nicht blofs die wenigen unbe- 
deutenden griechischen Niederlassungen daselbst. Allein man 
erwäge anfserdem folgendes. Von der Aufnahme Sagimts 
ins römische Bündnis haben wir keinerlei ausdrückliche 
Nachricht. Aber ganz wahrscheinlich ist es, dafs die beiden 
andern Niederlassungen zur gleichen Zeit und unter gleichen 
Umständen aufgenommen sind. Fand nun der Fälscher dies 
vor, so war es nur natürlich, dafs er die in den Annalen 
mit Sagunt zugleich genannten Orte auch mit Sagimt zu- 
sammen aus Bimdesgenossen zu „autonomen" Gemeinden 
machte. 

Thatsächlich war das Rechtsverhältnis so: Sagunt war 
im Bündnis mit Rom, aber durch den Hasdnibalischen Ver- 
trag indirekt und stillschweigends preisgegeben. Rom war 
der Stadt gegenüber zur Bundeshilfe offenbar ver- 
pflichtet, aber Karthago ging dies Verhältnis von 
Rechts wegen nichts an. Nach der Fälschung ist es um- 
gekehrt: Sagunt war vertragsmäfsig gegen Karthago 
geschützt, aber Rom nicht zum Einschreiten ver- 
pflichtet, ja (nach der sophistischen Auslegimg der Klausel) 
nicht berechtigt 

Applaus Bericht ist also systematisch im römisch - 
patriotischen Sinne gefälscht. Nim wissen wir aber aus 
Polybios, wie verhältnismäfsig ungetrübt die Römer seiner 
Zeit die Streitpunkte zwischen Rom und Karthago darzu- 

Hesaelbarth, histor. - krit. Unteraach. 7 



98 Erster Abschnitt. 



stellen pflegten, i) dafs sie die Annexion Sardiniens zwar, 
wie wir oben besprochen, zu beschönigen suchten, dag^en 
über die saguntinische Frage wesentlich diejenige Version 
gaben, welche Polybios, mit Eecht oder Unrecht, sich an- 
geeignet hat. Es kann also gar nicht die Rede davon sein, 
dafs die Fälschung bei Appian etwa von Fabius*) oder 
auch nur einem Zeitgenossen des Polybios herrühre. Nur 
von einem der jüngeren Annalisten kann sie in Umlauf ge- 
bracht sein. 

Eine in der vierten Dekade des Livius versteckte Stelle 
wird uns aber in bezug auf die Urheberschaft weiter führen. 
Doch müssen wir vorher die Stellung, welche Livius in der 
dritten Dekade zu dem Vertrag nimmt, angeben, was uns 
bei der Analyse später zu statten kommen wird. Es heifst 
XXI 2, 7: cum hoc Hasdrubale, quia mirae artis in solli- 
citandis gentibus imperioque suo jungendis fuerat, foedus 
renovaverat populus Romanus, ut finis utriusque imperii 
esset amnis Hibenis, Saguntinisque mediis inter imperia 



1) Cato fr. 84 (Peter Fr. H. R.): doinde duo et vioesimo anno 
post dimissum bellum, quod quattuor et viginti annos foit, Cartha- 
ginienses sextum de foedere decessere. Wenn die Worte einer Auf- 
zahlung von Vertragsbrüchen seit dem ersten Kriege entnommen 
wären, so würde der Relativsatz sehr stören. Cato meint also: 
zum sechsten (sie) Mal überhaupt Wenn Meltzer die Fälschung 
des Hasdrubalischen Vertrags schliefsUch sehr &üh ansetzt, weil 
Polybios dagegen protestiere, so ist das eine Inkonsequenz, 
da Meltzer selbst rtfv fikv äXktfv 'ißrfpiav 'xapBöiGaaoiiv bereits 
anders, nämUch wie ich, erklärt hat. 

2) Selbst WÖlfElin, der doch die ganze Tragweite der Fälschung 
noch nicht erkennt, wird bedenkhch und sagt a. a. 0. S. 39: „Und 
zwar wird dies . . . wie die Zeugnisse liegen . . schon Fabius 
gethan haben. ^^ 



Ursprung der Appianiiichen Lesart. 99 



duorum populomm libertas servaretur. — Hier liegt ihm 
offenbar die Fälschung genau so, wie sie bei Appian steht, 
vor. Wir haben nicht nur den eingeschwärzten Paragraphen 
von der Autonomie Sagunts sondern haben den echten Para- 
graphen über den Ebro in einer Fassung, welche bei Appian, 
wie wir jetzt bemerken, auch vorliegt und nur nicht so in 
die Augen springt. Der Ebro wird nicht nur den Kar- 
thagern zur Grenze gesetzt, sondern auch als Grenze des 
römischen Gebietes i) in Aussicht genommen. Ob diese 
eigentümliche Fassimg nur Sagunts Neutralität um so schär- 
fer klarstellen sollte, oder, was leicht möglich ist, sonst 
etwas bezweckte, ist gleichgültig. Genug dafs die gemein- 
same Quelle von Livius und Appian so abgefafst war. Die 
Worte: foedus renovaverat, ut — an sich wenig passend 2) — 
finden ihre voUe Erklärung durch Appian. Es ist das ge- 
meint, was dieser mit den Worten „das wurde zu den Ver- 
tragen hinzugesetzt" ausdrückt. Livius hat nur das Ganze 
verschoben, indem er, von einer andern Quelle beeinflufst, 
Hasdnibal wieder als Vertragschliefsenden an die Stelle der 
karthagischen Begierung gesetzt hat. Wie er nun hierin 
seine Vorlage sich nicht ganz angeeignet hat, so hat er 
Zweck und Sinn der libertas Sagunts schwerlich überhaupt 
verstanden. Wenigstens sind die Saguntiner fortan bei ihm 
Bundesgenossen, imd er thut, als ob sie als solche 



1) Seit meinem Programm ist mir noch eine Anspielung auf 
diesen Wortlaut in einer Stelle, welche ich auf Valerius zurück- 
führen werde, aufgestofsen XXVIII 39, 14: uti Hispaniam non 
Hibero amne tenus, sed qua terrarum uitimus finis Oceanus, 
domitam armis habeatis. 

2) Foedera werden mit Staaten d. h. einem populus oder rex, 
aber nicht mit einem imperator geschlossen. 

7* 



( 



100 Erster Abechnitt. 



in dem Hafidrubalischen Yertrag in Schutz gestellt worden 
wären. 

Nun finden wir XXXIV 13 folgende auffallende Stelle. 
Der Konsul Cato will seinen Soldaten begreiflich machen, 
wie schmachvoU es sei, dafs nicht einmal nördlich des Ebro 
die römische Herrschaft Bestand habe. Er sagt: patres 
nostri, cum Hispania Carthaginiensium et imperatores ibi et 
exerdtus essent, ipsi nuUum in ea militem haberent, tarnen 
addere hoc in foedere voluerunt, ut imperii sui Hi- 
berus fluvius esset finis. nunc . . . imperium nobis 
citra Hiberum amissum est Offenbar ist der erste Para- 
graph des Yertrages in der soeben bei Appian und Livius 
nachgewiesenen gefälschten Fassimg gemeint (den zweiten 
ganz erfundenen zu erwähnen, war hier gar kein Anlafs). 
Ganz merkwürdig ist nun aber: addere hoc in foedere 
voluerunt. Es entspricht dem Appianischen rorfe övr^ri^- 
xatg Tcpogsypagftf oder iyeypa^rf aufs Wort, viel genauer 
als an der obigen Stelle: foedus renovaverat, ut. Wir kön- 
nen also nicht denken, dafs Livius bei der Ausarbeitung 
der Rede sein eignes 21. Buch nacl^lesen habe, was auch 
seine Art nicht ist. unmöglich aber auch hat er, den sein 
Gedächtnis oft so auffällig im stich läfst, sich noch so 
genau jener Darstellung erinnert, die er überhaupt niu" un- 
vollständig und halbverstanden aufgenommen hat. So bleibt 
nic)its übrig als die Annahme, dafs jene befremdlichen, 
ohne Appian kaum verständlichen^) Worte aus seiner der- 
maligen Vorlage übernommen sind, und dafs dies eben jener 

1) Gates Soldaten müTsten vortrefiFlich in der Geschichte be- 
wandert gewesen sein, wenn sie bei einer solchen Wendung ver- 
standen hätten, von welchem Zusatz zu welchem Bündnis die Rede 
ist Wie einfach wäre: HasdrubaU dennotiaverunt? 



TJiuere Nachrichten Qber die Barkiden. 101 

Fälscher war, der natürlich seine herrliche Erfindung gern 
nochmals in Erinnerung brachte. Welches mm aber die 
dermalige Vorlage ist, können wir glücklicherweise ziem- 
lich bestimmt sagen. Livius dtiert für die Thätigkeit Gates 
in Spanien den Valerius Antias zweimal, erstens kurz vor 
unsrer Stelle c. 10 für unglaublich hohe Zahlenangaben, 
ohne ihm indes einen andern Bericht gegenüberzustellen, 
und dann kurz nach derselben c. 15 wiederum für eine ganz 
enorme Ziffer, abermals ohne ein anderes Zeugnis gegen ihn 
anzuführen als das Stillschweigen Catos selbst. Offenbar 
hat hier Livius von Annalisten keinen andern^) als Yalerius 
eingesehen. Dafs die Eede hier und speziell die Bezugnahme 
auf jene spätannalistische Fälschung aber etwa Catonisch sei, 
wird wohl niemand behaupten woUen. Niemand anders, 
können wir mit grofser Wahrscheinlichkeit sagen, 
liegt Livius hier zu gründe als Yalerius Antias, 
und niemand anders als er ist der Urheber der bei 
Appian angetroffenen Fälschung des Hasdrubali- 
schen Vertrages. 

Über die Thätigkeit Hamilkars und Hasdrubals in Spa- 
nien sind unsere Nachrichten dürftig. Aufser Polybios kom- 
men nur in betracht: von Liv. XXI 2 die zweite Hälfte (die 



1) Die Namensverwechselung in c. 10 (vergl. Nissen) konunt 
wohl auf Rechnung von livius wie auch das anpassende: quia tuta 
jam ab hostibus regio erat. Quellengemeinschaft zwischen der 
Iberike und Livius hat schon Nissen z. T. erkannt Die Zurück- 
sendung der Schiffe, wodurch Cato bei Appian die ümnöghchkeit 
der Flucht seinen Soldaten demonstriert, ist wohl intümlich und aus 
der Wegsendung der GetreideUeferanten entstanden. 40000 Feinde 
überhaupt bei Appian und 40000 Getötete bei Livius sind kein 
Widerspruch, da offenbar so gut wie alle umkommen. 



102 Erster Abschnitt. 



erste stimmt ganz mit Polybios), aus Appians Iberike etwa 
zwei, aus Zonaras im ganzen etwa eine, und von Diodors 
Fragmenten drei Oktavseiten. Eine eingehende Vergleichung 
dieser Brocken würde die Mühe nicht lohnen. Doch seien 
mir einige Bemerkungen gestattet, um gewisse gemeinsame 
Züge dieser Tradition kenntlich zu machen und nebenbei 
die Chronologie dieses Zeitraums aufzuklären. Für die Ana- 
lyse des Livius ist auch dies zugleich eine notwendige 
Vorstudie. 

Im Gegensatz zu Polybios stellen die Genannten aufser 
Livius, der den Punkt nicht berührt, Hamilkars Unternehmen 
als revolutionär hin. Zonar. P. 399, C: ^g öe tffy ^Ißt}picry 
napa yvoo^jiriv rcöv oIkoi reXdav aTtrjpev. Am ausführ- 
lichsten ist Appian Iber. c. 4 u. 5. Hamilkar soll, um der 
Kechenschaft für die Amtszeit in Sicilien zu entgehen, sich 
mit Hanno d. Gr. gegen die Numider (noch im Söldnerkrieg? 
Vgl. PoL I 84, 3) haben zum Feldherm wählen lassen. 
Ilavo^rov 8e tov TtoXi^xov xal jirvcavo^ inl ötaßoXaig 
ig KapxtfSova /jieraTti^Ttrov ysvo/jLivov fjLOVog gjv in\ 
r(p 6tpat(p^) xai tov Hrföeötfjv köSpovßav Ix^'*^ ^^ 
Öworta dtTjXB^sy iTtl Fadstpa, xal tov Ttop^^bv ig 
'ißffpiav Ttspaöag iXerjXatBi ra ^Ißripoov ov6ly aStxovy- 
XGoy, Diodor verlässt gerade in der Mitte von XXV 8 sei- 
nen bisherigen, Barkas günstigen, Gewährsmann Polybios. 
"Töx^pov Sk ji^xa tTfv HataXvÖtr tov xata rffv jitßvipr 
noXifjLOV övörtfödfABvog iratpslav rdbv Ttovtfpotaroav 
av^poonoov xal ix rovtcov aS^poiZoov xal ix tdbv Xatpv- 
pcov (ig}e\eiag, Ixt Sl avxov bpcov xalg npd^B6tv avSa- 



1) Anmb. 2 statt dessen kurz: ijyayey avsv tov xoivov Kacp" 
XrfSoyiGov irci Fädeipa, 



unsere Nachrichten über die Barkiden. 103 



vo^Bvov xal Sov^ elg SrjfjLOXOTtlotv xai TtXi^Srovg api- 
öxetav TtapsiSt^Öaro rov drf/jiov eavt(p TtapaSoOvat tffv 
6rpatr]ylav oXrfg rr/g Jtßvtfg eig XP^'^^'^ aXoyiörov 
(conj. Dindorf für 6\lyi6rov), Hier endet leider das Frag- 
ment, doch läuft es offenbar auf dasselbe Ziel wie Appian. 
VgL auch XXYI 24. Hingegen Pol. U 1, 5: KapxvSortot 
yap cog Sfättoy xatBÖtriöavro ra xata tffv Aißvtfv 
Bv^iaag jifxiXxav i^aniöreXKov dvvaßiiv Övörrjöavtag 
€lg tovg xata rrfv 'Ißtfpiav ronovg* o de avaXaßcav 
ra ötpatOTTsSa u. s. w. — Mommsen hat die Darstellung des 
Polybios hier wie später, wo Fabius Pictor ihm gegenüber- 
steht, offenbar als gefärbt im Sinne der Barkidenpartei, ver- 
worfen. Allein dafs die Autorität des Fabius in unserm 
Falle keineswegs Appian und Diodor zu statten kommt, wer- 
den wir noch sehen, und an sich ist es wenig wahrschein- 
lich, dafs ein so schwieriges und weitläufiges Unternehmen, 
ohne dafs man es in der Hauptstadt ahnte, ins Werk gesetzt 
sein soUte. Die aufserordentUch selbständige Stellung, welche 
ein Barkas, Hasdrubal, Hannibal mit ihrem Stabe von kar- 
thagischen Generalen eingenommen haben, datiert wohl nicht 
von einem solchen Streiqh Hamilkars, sondern dieses Yerhält- 
nis ergab sich aus der Gestaltung des karthagischen Heer- 
wesens und hatte sich schon in der voraufgehenden Epoche 
vorbereitet 

Über Barkas' Tod berichten Appian. Iber. 5 und Zonar: 
Vin 19, P. 401 D (z. J. 231 V. Chr. = 523 d. St.), dafs die 
Iberer sein Heer durch brennende, von wütend gemachten 
Ochsen gezogene Wagen in die Flucht schlugen und ihn nebst 
vielen andern töteten (Appian: xal ndkv nXfßog afjLwo^xi- 
yoov in^ avt<p. Übersetze: und eine groDse Menge sich zur 
Wehr Setzender auiser ihm). Nach Diodor XXV 10, wieder 



104 Erster Abschnitt. 



einem der barbarischen Höschel'schen Excerpte, wurde er 
von einem König, welcher in hinterlistiger Absicht Frieden 
und Bündnis mit ihm gemacht hatte, angegriffen, als er 
Helike belagerte. Verfolgt, wufste er die Feinde von seinen 
Söhnen und Freunden auf sich abzuziehen und eig nota^ov^ 
^iyav övv r^ iTtTCqif i/^ßot^ V7to tov psv/iarog dt€- 
(p^dpr} ^) V7tb tov tnnov. oi 6h nepl tov jivvlßav juxl 
jiööpovßar xoi)^ viovg Steöoi^rföay eig rrfv Aevxfiv 
üixpav, — Ich halte die beiden Erzählungen nicht für un- 
vereinbar, d. 1l für möglicherweise aus derselben Quelle 
geflossen. Dagegen sind beide gleich schlecht zu verein- 
baren mit Pol. n 1, 6 — 8: aveKtäto ta Kocta tffv ^Ißij- 
piav npdyfjLata xoi<s Kapxrfdovioig, Siarpitl)ag ö' iv 
roig tcnotg toiitoig Srtf öxeäov ivvia, xai noXXovg ^jihv 
7to\ipi(p TtoXXovg 8h Ttet^oi Ttoii^öag ^Ißr/pafv vTttfxoov^ 
KapxtfSovi, xatiötpeips tov ßlov d^icog rcov Tcpoye- 
yBvrjiJiivcoy TtpdSscov. Ttpbg yap tovg dvSpGads&cctrov^ 
xa\ fAByiöttfv SvvafjLiv ?;t;ovröf^ naparartofiBvog xai 
XpGo/jieyog toX/jiTfpddg xai napaßo'kjGog iavr(^ xatd tov 
tov xivSvvov xaipoVy ippoo^ivoifg tov ßiov /4,eti^XXaSe, 
Denn diese Worte lassen auf einen Sieg, nicht eine totale 
Niederlage und Flucht schliefsen. Cornelius Nepos, welcher 
auch aufser durch Polybios gute Nachrichten über die Bar- 
kiden hat, sagt Hamilc. IV 2: in proelio pugnans adversus 
Vettones occisus est 

Der Hergang ist also bei Dio Cassius und Diodor 
sicherlich umgemodelt; ob aber selbst nur die Ortsangaben 
zu der des Nepos gestimmt haben, ist sehr zu bezweifela. 

1) Dafs HasdrabaL nicht eigentlich ertrinkt, wie man zunächst 
meinen würde, wii*d sich bald herausstellen. 



unsere Nachrichten über die Barkiden. 105 

Denn Tzetzes nennt als den FLuTs, wie vii sehen werden, 
nach einem der beiden Schriftsteller den Ebro. Bei Hici, 
womit man das schwerlich fehlerlos überlieferte Helike iden- 
tifiziert hat, fielst überhaupt kein gröfserer FIuJjb. 

Yon Hasdrubal wird Diod. XX Y 12 erzählt, wie er 
auf die Kunde von dem Unglück mit über 100 Elefanten i) 
zum Hauptheer in den Winterquartieren zu üixpa Abvhti 
stöfst u. s. w. Endlich: vno 81 oixitov iTttßovXevSrelg 
iöipaytf örpatTfyi^öag htf ivvia, Appian Ib. Vlil . . avtfp 
öovXog, ov xov deöTtorrfv djxöb^ Steg^ä^dpHety XaS^dov 
iv Hvvifyeöiaig avatpei. xa\ tovöe jjiey krvißag iXsy- 
X^ivra Seivi^g alKiödßXBvo^ 8ii(p3^etpe. Ähnlich Justin. 
XUY 5, 6 (während ebenda Barkas nach Spanien gesendet 
ist). Liv. XXI 2, 6: barbarus eum quidam palam ob iram 
interfecti ab eo domini obtruncat, comprensusque ab circum- 
stantibus haud alio quam si evasisset vultu, toimentis quo- 
que cum laceraretur, eo fuit habitu ohs, ut superante laetitia 
dolores ridentis etiam speciem praebuerit — Offenbar alles 
dieselbe Lesart (denn Xaäcav und: palam, ist doch nur schein- 
bar ein Widerspruch), jedoch abermals ganz anders als 
Pol. n 36, 1: etTf ;jf€«p/tfarg ohtcü td xard rrfv 'ißrfpiav, 
itBXsvtijöe 8o\o(poyrf^B\^ iv toig iavtov xataXvfiaöi 
wxro^ vno xivo% KsXtov to yevog ISicav evexa dötxtf- 
ßxdtoov; wonach der Mörder kein Sklave war imd sein Vor- 



1) Dieser Umstand macht es wahrscheinlich, dals Hasdrubal 
aus Afrika kam und dafe er Coehus fr. 4 gemeint ist: antoquam 
Barcha perierat alii rei causa in Africam missus. An der älteren 
Ansicht Nautas, dafs Hannibal gemeint sei, hält nur Sieglin Frgm. 
des Coel. Antip. fest, nach welchem Coehas auiser dem bellum 
Fonicum Historien geschrieben und in jenem Werk sich streng auf 
den zweiten panischen Krieg beschränkt haben soll. 




106 Erster Abschnitt. 



haben nachts und in der Wohnung Hasdrubals ausführte. 
Jene Erzählung gehört zu dem schauerlich -romantiscshen Genre, 
für welches Spanien mit seinen leidenschaftlichen, unbändigen 
Bewohnern, gewissermafsen den Indianern des Altertums, sich 
als Schauplatz besonders eignete. Vgl. Strabo III 16 ff. 

In mehrfacher Beziehung wichtig ist Zonar. Vlii 21, 
P. 405 D: 'O ö' kvvißaq outog Ttat^ tov k^jLiXxov rov 
BapxiSov iyiv€to xal ix TtaiScov evävg i^^ tovq 'Pgj- 
pi,alov<s rfÖKrj^rj. Ttavrag yap tovg viei^ o k^iXxag 
S^Ttep ttvag ÖHV/Ävoug in^ avtovg tpi(pziy JAeycv, 
ixeivoy dh tcoXv t^ ^vöei Ttpog^iporta bpcav Hai Sp- 
hgo6b TtoXe/jLTfÖeiv avroi<5 xal Sia rovto ra te aXXa 
Hat ta TtoXipita In piäKKov avtov i^eSldaÖHe TtevtSHat" 
SsHaitrj ovta. oäev ovh r}8wri^ri ^avorrog avt(p rov 
Ttarpog trjv örpatrjyiav Siadi^aö^ai. in ei 6h 6 jiöSpov- 
ßats iteXevtTföey, ovHitt if^iWtjösv, ?S tote xal eixoöty 
irdav yeyoraog, aXka ro rs ötparsvßia iv rff 'ißtjpi^ 
avtixa npoxaxiXaßB xal örpattfyog vn^ avtdav ava- 
öeix^elg Sttpxrjöato xal itapa tdov otxot te^dov ß^ßatoo- 
Privat avxfp rrjv fjyspioyiav, npd^a^ 6\ ravra npo- 
<pa(f6cog evTtpeTTovg iöeito efg r^ xara^Poo/^aicov oppiip^, 
xal tavrtfv inoiYföaro tovq iv tff 'Ißrfpi^ ZaxDvMov^, 
ovtoi yap Ol) noppco tov notafxov olxovvrt^ tov "Ißtj- 
pog avco trj<s ^aXadörfg ßpaxv, totg 'Pof^aiotg Ttpo^i- 
xetvto, xaxsirot xal iti^oav avtov<s xal iv taig Ttpbg 
tovg KapxTföoviovg öiry^tjxatg i^atpitovg iTtenoirpceÖav, 

Über den Vertrag Hasdrubals bei Appian und Livius 
ist bereits gehandelt. Jetzt sehen wir, auch bei Dio war 
Sagunt durch denselben ausdrücklich geschützt, aber schwer- 
lich, nach dem matten itl/jicov zu schliefsen, als Bundes- 
genossin Korns, worauf die Sache bei Livius hina\iskommt 



unsere XAchrichten über die BnrkideD. 107 

Es scheint viehnehr, dafs Dio sich die Fälschung des Valerius 
ganz zu eigen machte. 

Femer ergiebt sich aus dem Stück die Chronologie 
Dies. Das Alter Hannibals bei Übernahme des Oberbefehls 
ist so angegeben, wie wir es auch aus Polybios errechnen 
(9 + 9 + 8 Jahr). 1) Aus der Angabe hingegen, Hannibal 
sei bei seines Yaters Tod 15 Jahre alt gewesen, entnehmen 
wir, dafs es keineswegs eine blolse Ungenauigkeit des Zo- 
naras war, wenn er Hamilkars Tod zu 231 v. Chr = 523 d. St 
gebracht hat Dio hat den Winter 232/1 v. Chr. ge- 
meint, während das Faktum nach Polybios an den Schlufs 
229 V. Chr. fallt Ich bin geneigt, auch hier die Überein- 
stimmung zwischen Dio und Diodor herzusteUen, indem ich 
in dem Hoescherschen Excerpt XXV 12 evdsxa statt irria 
lese. Letzteres könnte dadurch in etwa gestützt erscheinen, 
daiJ9 Livius (nach Cassiodorus ed. Mommsen Verh. der Sachs. 
Akad. 1861 S. 609 und Oros. lY 13 zu schliefsen) das Er- 
eignis zu 230 y. Chr. gebracht hat Doch ist das wohl nur 
eine der bei Livius so häufigen üngenauigkeiten. 

Hingegen die Verschiebung um drei Jahre bei Dio, 
welche ich also auch bei Diodor annehme, wird man anders 
beurteilen müssen. Schon WölfiQin hat vermutet, dafs man 
Hannibal deshalb 15 statt 18 Jahr alt sein lieis bei seines 
Vaters Tod, um ein unsauberes Verhältnis Hasdrubals 
zu ihm plausibel zu machen. Cornelius Nepos Hamilc. 
m 2 sagt: erat praeterea cum eo adulescens iUustris formosus, 



1) Für einen Feldherm ist das ein jungendliches Alter. FoL m 
15, 6 nennt ihn noch zwei Jahr später vio^. Auch.Appians nopttöp 
vBof ist nicht aufTaUend. Pol. XV 7, 1 wird der 33jährige Scipio 
von Hannibal so genannt 



108 Erster Abschnitt. 



Hasdrubal, quem nonnulli diligi turpius quam pax erat ab 
Hamilcare loquebantur. non enim maledici tanto viro deesse 
poterant. quo factum est, ut a praefecto morum Hasdrubal 
cum eo vetaretur esse, huic ille filiam suam in matrimonium 
dedit, quod moribus eorum non poterat interdici socero gener. 
Diese Erzählung, welche zu bezweifeln wir keine Gründe 
haben, scheint nim bei einem Schriftsteller, der den Schmutz 
liebte, weiter gewuchert zu haben. Liv. XXI 2, 3 nämlich 
sagt über Hasdrubal (hier zuerst von Polybios abgehend): 
flore aetatis, uti ferunt, primo Hamilcari conciliatus, gener 
inde ob aliam indolem profecto animi adscitus. Also eine 
von Livius' Quellen brachte, was Nepos als böswilliges Ge- 
rede erwähnt, als Thatsache. Und ein gleiches Verhält- 
nis zwischen Hasdrubal und Hannibal spielt nun 
eine Kolle im dritten Kapitel bei Livius, welches wir 
später untersuchen woUen. Dafs auch Appian diesen Schmutz, 
welchen Livius an der angeführten Stelle ehrenwerterweise 
ziemlich verächtlich beiseite schiebt imd c. 3 nur rhetorisch 
verwendet, gekannt hat, ist allerdings nicht beweisbar; denn 
Bxcov Ol öuvovra in der oben angefülu^n Stelle Iber. 5 
und ähnliche Worte Annib. 3 dürfen nicht so aufgefa£st 
werden. Schon sein ganzer (im Schlulsabschnitt zu erörtern- 
der) historiographischer Standpunkt, dem es an Interesse 
für das Privatleben selbst der berühmtesten Männer gänzlich 
fehlt, mulste ihn hindern, dergleichen zu berichten. Immer- 
hin fanden wir also Spuren von dem Schmutz oder wenig- 
stens der dem Schmutz zu liebe abgeänderten Chronologie 
bei Diodor, Livius und Dio Cassius. 

Endlich sehen wir uns noch Tzetzes Hist I 27 (in der 
Teubner'schen Ausgabe unter die Fragmente Diodors auf- 
genommen) an, der an sich unbrauchbar sein würde, aber 



TTnsere Nachrichten Über die Barkidea. 109 

als Bestätigung und Ergänzung des bisher Ermittelten von 
einigem Werte ist. Das Stück handelt von Hannibal und 
b^innt: 

jivvißag cog ^todcopog ypcttpet xal Jian^ a/xa, 

2uv toutot^ ^tovvöio^ b jiXtKapyaööo^ev, 

^Hv ötpatffyog rcöv SmeXcoy, vlog 8h tov k/jiiXxa. 

2tHeXoi nennt der ByzantinOT beharrlich die Karthager. 
Der zweite Yers enthält natürlich eine Unmöglichkeit, könnte 
aber vielleicht durch Schuld der Abschreiber von anderen 
Stellen her in die unsrige hineingeraten sein. Yon Barkas 
heifst es dann: 

^oXotg iTtiäefiivGov Sh xrelvetai rdov ^Iß^pcav. 

Thv ndvra tovrov yäp örpatbv ^evystv HsXsvÖaq 

tote, 

Ka\ Ttpo^nXaxivta^ rov? viovg Kai öuv^avBiv no- 

S^ovvta^ 

Ma&ttSt Ttapaaöa^svo^ 6vpig)€vy€tv rot<s Mpot^, 

jivvißav TcertSHaiSsKa rdov j^fpoycöv VTtrjpy^ivov 

liöSpovßav 8\ SvaiSexa, .... 

Tzetzes wenigstens also hat die beiden Züge, welche 
ich aus derselben Quelle herzuleiten geneigt bin, eine List 
der Feinde beim Angriff imd die romantische Aufopferungs- 
szene. Die Übertreibung in ndvra xov örpatov und 
ßidötiSt Ttapcoöd/^evog liegt auf der Hand. Aufser dem 
Alter Hannibals nach der bei Dio und wahrscheinlich auch 
Diodor vorliegenden Fälschung wiixi auch noch das seines 
Bruders angegeben. Fernerhin hören wir Näheres über Bar- 
kas' Tod. Nachdem er den Kindern die Bettung gesichert, 
bemüht er sich nun noch, nicht in die Hände der Feinde 
zu fallen: 



110 Erster Abschnitt. 



Tor iTTTtov axpatiötepor iXaÖag rov oiyutor 
Tov notafJLOv tov "Ißijpog tolg pev^aöiv ifirtiTttBu 
BdXXetai dh napa tivog op^xdbv iv aKOvrla}, 
nXtfv Kai Ttytyelis ovdh yenpog toig "Ißrjpötv evpi^tf. 

Also ertrinkt er eigentlich nicht oder nur halb, und 
der letzte Vers soll blofs sagen: Da er aber untersank, 
wurde nicht einmal sein Leichnam von den Feinden gefun- 
. den. Diese Fassung darf als die originale, Diod. fr. XXV 10 
aber als Abai-t derselben gelten; und dann ist ein Wider- 
spruch Diodors mit Zonaras nicht mehr vorhanden. 

Im folgenden geht bei Tzetzes die historische Grund- 
lage ganz verloren: Hannibal verwüstet unter Hasdrubals 
Kommando zur Eache ganz Spanien. Inzwischen haben die 
Römer noXKoLKKs vtHrf^irte? doch die Karthager besi^ 
imd verpflichtet, sich der "Waffen zu enthalten. (Also soll 
man v/ohl das spanische Heer aufgelöst denken.) 

kvrißag ;t;poytt?y siKOÖt ysvoßierog Kai Ttivrs, 
Xojpig övyKXrftov tifg ßovX^g x«i tcav VTrepexovroat^ 
Tovg äep/jLotipovts övXXaßcov Kai rov(S oSei^s tcov vicav 

^£1^ EKarby Kai TcXeiovag, X^ötsvcov 'Ißtfplav 

"EZrj u. s. w. 

Die erste Zeile darf man als Bestätigung des Textes 
des Zonaras betrachten. Denn nivtB statt ?g ißt wohl niu: 
dem Vers zu liebe gesagt Übrigens hat Tzetzes, vielleicht 
von Dio zu Diodor übergehend, ein starkes Quiproquo be- 
gangen. Er greift zurück auf die Niederwerfung Karthagos 
im ersten punischen Kriege, was er von Hannibals Eigen- 
mächtigkeit sagt, geht, insofern es nicht bare Phantasie ist, 
auf Hamilkar Barkas, und die 770000 Mann, welche im 
folgenden die Römer ^gen die „Sikuler" aufstellen, sind 



ünscTO Nachrichten ubor die Rariciden. 111 

die 700000 zu Pufs und 70000 zu Pferde Diod. fr. XXV 13 
vom Keltenkri^^I 

Ich habe im vorstehenden nachweisen wollen, dafs die 
Nachrichten über die Barkiden bei Livius, Diodor, Appian, 
Dio die allernächste Yerwandtschaft miteinander zeigen, aber 
in wichtigen Punkten, wo wir mit Polybios vergleichen 
können, sich als unzuverlässig herausstellen, unsere Beob- 
achtungen über die Fälschung des Hasdnibalischen Yertrages 
empfehlen zunächst für livius und Appian die Annahme, 
dafs Yalerius Antias ihre Quelle gewesen ist, eine Annahme, 
die ich nun auch auf Diodor und Dio auszudehnen geneigt 
bin. Durch die späteren Ergebnisse wird dies, denke ich, 
etwas greifbarer werden. Yorläufig nur die Bemerkung, dafs 
die Aufnahme des schmutzigen Klatsches zu dem Charakter 
dieses Annalisten wohl passen würde und dafs die charak- 
teristische Übereinstimmung mit einem Fragmente des Coelius 
nicht gegen die Annahme spricht. Coelius mag hier, wie 
wir es sonst finden werden, dem Antias vorgearbeitet haben, 
z. B. was den romantisch -poetischen Anstrich imd das Yor- 
handensein von Nachrichten aus offenbar karthagischer Quelle 
betrifft, die wir bei Diodor aufser in dem besprochenen XXY 12 
auch noch XXY 10 reichlich finden. Dafs dergleichen übrigens 
die anderen Historiker, welche nur römische Geschichte schrei- 
ben, ausgelassen haben, ist nicht zu verwundem. 



Machen wir uns nun an das 21. Buch des Livius selbst, 
so sei vorangestellt die wichtige Wahrnehmung, dafs Livius 
ganz ohne Yorstudien und so gut als ohne Yorkennt- 
nisse an seinen Stoff herangetreten ist. Er ist XXI 5 offen- 
bar noch der Meinimg, dafs Hannibal sofort nach Übernahme 
des Oberbefehls Sagunt angegriffen habe, setzt femer c. 6 



112 £lretor Abschnitt. 



diesen AngrifP ins Jahr 218 v. Chr. = 536 d. St., d. h. ohne 
weiteres ins erste Eriegsjahr, und überzeugt sich erst c. 15 
von der Unmöglichkeit seiner Angabe. 

C. 1, 1 — 2 ist augenscheinlich irgendwie auf das Muster 
des Thukydides zurückzuführen. Mit vielem Scharfsinn hat 
Sieglin a. a. 0. S. 55 fP. nachzuweisen gesucht, dafis Coelius 
in der Einleitung jenem nachgeahmt und dafs Livius sowie 
Monis und Dio — denn Augustinus weist an der ange- 
zogenen Stelle ja deutlich genug auf Florus hin — ihn 
benutzt habe. Aber so wenig man das als unmöglich be- 
zeichnen kann, erbracht ist der Beweis nicht. Wenn man 
annimmt, dafs Livius Thukydides studiert hat, dals Florus, 
der Vergleiche sehr liebt, bezw. seine Quelle zu der Liviani- 
schen Einleitung den. Vergleich mit dem ersten punischen 
Krieg hinzugethan hat (wobei es kaum nötig sein dürfte: 
minus quidem spatio . . . cladium atrocifate terribilius, wie- 
der für Nachahmimg zu erklären von Thuk. I 23, 1: ßitfxog 

avr(p rfl 'EXXaSt ola ovx stepa iv l6(p xpovo)), endlich 
dafs Dio Cassius den Florus benutzt hat, so kommt man damit 
völlig aus. 

Wir müssen also dies dahingestellt sein lassen. Von § 3 
an steht mir die Benutzung des Polybios fest. Bei dem 
Schwur Hannibals springt in die Augen: 7cpoga^iGo6ayto^ 
TcaiSiHGbg = pueriliter blandientem, und: axl>d/ieyoy rdov 
tepday = tactis sacris. Der Schwur heifst freilich bei PoL 
m 11, wo Hannibal den Verdacht des Antiochos, als lialte 
er es mit den Römern,^) widerlegen will, negativ: ^tjdi- 



1) Nach GeUiuß Noct. Ati VI 2 scheint schon Ennius im 
13. Buche diese Szene behandelt zu haben. 



Die Kinleitunff der dritten Dekade. 113 

nors ^Pboßiaioig evvoi^öeiv, bei Livius positiv: se cum pri- 
mum posset, hostem fore populo Romano, i) Wer aber sich 
auf diesen Untersclüed steift, vergilst, dafs Livius die nega- 
tive Fassung unmöglich brauchen konnte, da er direkt die 
Ursachen des Krieges nachweisen will, ohne sich weiter auf 
das Zeugnis Hannibals und dessen Anlafs einzulassen. Eben- 
dies erklärt den Ausdruck: fama est, sowie das: forme 
novem annorum; es widerspricht nämlich dem sicheren Takt 
des Livius, ohne besondere Beglaubigung einen so intimen 
Vorfall als bestimmtes Faktum und mit bestimmtem Datum 
hinzustellen. 

Daraus dafs Polybios im Gegensatz zu Fabius Pictor 
und den iviot tdav öi/yyeypaipotoov rag xat^ Avvißav 
TtpdSeig den Groll Hamilkars als die eigentliche Eriegs- 
ursache bezeichnet, ist natürlich nicht zu folgern, dals jenen 
Schriftstellern derselbe unbekannt gewesen ist, dafs Poly- 
bios ihn sozusagen erst entdeckt hat Er kämpft, gegen die 
letztere Kategorie wenigstens, mehr um die Auffassung der 
Thatsachen, als um die Thatsachen selbst Allein die Art, 
wie Livius den Groll zum einen Teil vom ersten punischen 
Krieg, zum andern von der Wegnahme Sardiniens ableitet, 
diese Zweiteilung stimmt aufs auffälligste mit Pol. HI 10, 
besonders in § 5: kßiiXxag yap npogXaßoov toig ISioig 
^-Vfiöig rrfv in\ rotkoig opyrjv tdov TtoXircjv. Dazu be- 
merke ich, dafs Livius, wie wir S. 51 und 82 gesehen, in 
der zweiten Dekade Sardinien im Vertrage des Catulus hatte 
mitabtreten lassen; dafs er hier hingegen — in indirekter 

1) Eine bemerkenswerte ÄhnUchkeit mit Appian. Iber. 9: 
aöxeuiTo^ ix^pos iöeöSat 'PoofiaUns^ ore is noXtxdav napiX^oi 
nnd Annib. 3: inißovXsvaav ovnox^ ixXeiil)€tv kann ich nicht finden; 
eher mit Zonaras: noXe^ijöeiy a-vrols. 

Hetselbarth, bistor. - krit. Untersuch. 8 



114 Enter Abschnitt. 



Rede, um nicht mit sich selbst in unmittelbaren Widerspruch 
zu kommen — sich so ausdrückt: et Sardiniam inter motum 
AMcae fiaude Romanorum stipendio etiam insuper imposito 
interceptam. 

Pol. n 1 imd 36, nicht aber seiner eignen Datierung 
von Hamilkars Tod in der zweiten Dekade, entspricht denn 
auch in c. 2 die Angabe, dafs Hamilkar 9, Hasdrubal 
8 Jahre Spanien verwaltet habe. Die Stelle I 88 dagegen, 
wo die Dauer des SOldnerkrieges (3 Jahr 4 Monat) angegeben 
wird, mufs Livius unbekannt gewesen sein. Die Livia- 
nischen 5 Jahre sind schwerlich etwas anderes als das Facit 
einer auf der irrigen Voraussetzung beruhenden Rechnung,^) 
dals Hannibal gleich nach seinem Antritt Sagunt ange- 
griffen habe. 

Der von Livius abgewiesene Klatsch über Hasdrubal 
ist die erste Spur einer andern Quelle, nach dem was 
wir oben sahen, wohl des Valerius, dem nun Livius die 
pikantere Fassung von Hasdrubals Ermordung und den ge- 
fälschten Text des Hasdrubalischen Vertrages im Rest des 
Kapitels nacherzählt Der Vertrag steht übrigens bei Polybios 
fast versteckt zwischen dem illyrischen und dem Keltenkrieg, 
was das Übergehen zu Valerius erklären hilft. 

Wenn Livius c. 3 also beginnt: Li Hasdrubalis locum 
haud dubia res fuit quin praerogativam militarem, qua ex- 
templo iuvenis Hannibal in praetorium delatus imperatorque 
ingenti omnium damore atque adsensu appellatus erat, favor 
plebis sequeretur, so erwartet man eigentlich ein Eingehen 



1) Mit Recht vergleicht Meltzer a. a. 0. S. 13 den ganz ahn- 
heben Schnitzer XXI 16, 5, wo Livius sagt, 23 Jahre (241 — 218 
= 23) hätten die Punier in Spanien Kriege geführt. 



Die Einleitung der dritten Dekade. 115 



auf die Stellung des Bats zu Hannibals Wahl (Appian. 
Iber. 8: xal i] ßovXtf öiryiärero). Statt dessea greift er mit: 
hunc vixdum puberem Hasdrubal litteris ad se aocersierat, 
actaque res etiam in senatu fuerat, zurück auf die in dieser 
angeblichen Ratssitzung gehaltene warnende Hede Hannos, 
welche auch sehr deutlich davon spricht, dai's Hasdrubal dem 
Barkas florem aetatis geopfert habe, Hannibal ihn jetzt dafür 
entschädigen solla Eine Oegenrede folgt nicht. Es heifst 
nur, Hannibal sei trotzdem nach Spanien geschickt, woran 
die Charakteristik desselben geknüpft wird. Auch auf die 
Bestätigung von Hannibals Wahl kommt Livius nicht zurück. 
Man wird zugeben, dafs dies Abbrechen wie auch die unver- 
mittelte Einfügung der Rede seltsam ist 

Nun wissen wir aus unserm letzten Abschnitt, dafs die 
Quelle von Diodor und Dio, wohl der Annalist Antias, über 
die Barkiden so üble Dinge, wie Hanno in Livius' drittem 
Kapitel auftischt, berichtete. Allein nach jener Quelle, wie 
auch in der That, befand sich der junge Hannibal beim 
Tode Hamilkars schon in Spanien I Mir scheint, dafs die 
Rhetoren schulen sich auch der Jugendgeschichte Hannibals 
bemächtigt haben, und dalB die Rede Hannos eben die Be- 
handlung eines Schulthemas ist: mittendusne in Hispaniam 
puer Hannibal sit necne. In einer Redensammlung hat Li- 
vius doch offenbar auch die XXXYIII, 56 erwähnten beiden 
Reden gefunden. Wie diese sachlich nicht einmal zu einander 
stimmten, wird auch der Verfasser unserer Rede sich nicht 
darum gekümmert haben, wie dieselbe nun in Hannibals 
Jugendgeschichte eingefügt werden könnte. Daher würde sich 
dann die unvermittelte Stellung der Rede bei Livius schreiben. 
Auf keinen Fall darf man ja Livius selbst die Erfindung 
zutrauen. Coelius fr. 4 aber geht, wie wir schon sahen, 

8* 



116 Erster Abschnitt. 



nicht auf Hannibal und ist also mit unrecht zu c. 3 in Be- 
ziehung gesetzt worden. Noch willkürlicher ist die Heran- 
ziehung von fr. 8. 

Die Charakteristik c. 4 hebt die energische Persönlich- 
keit Hannibals hervor, zum Schlufs aber die Grausamkeit 
und Gewissenlosigkeit, ist also römisch. Wölfflin macht auf 
das archaistische discriminata aufmerksam. Doch ist das 
kein irgend zureichender Grund, gerade Coelius als Quelle 
anzunehmen. Die Zeitangabe am Schlufs ist unerklärlich: 
cum hac indole virtutum atque vitiorum triennio sub Has- 
drubale imperatore meniit nulla re, quae agenda videndaque 
magno futuro duci esset, praetermissa. Hat etwa Livius, 
der von Hannibals Feldzügen vor der Belagenmg Sagunts 
noch immer nichts ahnte, von seiner (die Belagerung ein- 
gerechnet) mehr als zweijährigen selbständigen Thätigkeit 
in Spanien gelesen und dies triennium mifsverstÄhdlich mit 
c. 3 in Verbindung gebracht? 

Im Anfang von c. 5 ist nun Livius offenbar im besten 
Zuge, die Belagerung Sagunts zu beginnen, um sich dann 
aber zu verbessern. Ceterum ex quo die dux est dedaratus, 
velut Italia ei provincia decreta bellumque Bomanum manda- 
tum esset, nihil prolatandum ratus, ne se quoque, ut patrem 
Hamilcarem deinde Hasdrubalem cunctantem casus aliquis 
opprimeret, Saguntinis inferre bellum statuit. quibus oppu- 
gnandis quia haud dubio Romana arma movebantur, in 
Olcadum prius fines . . . ut non petisse Saguntinos, sed rerum 
Serie finitimis domitis gentibus iungendoque tractus ad id 
bellum videri posset. 

Sein Blick ist mittlerweile auf Pol. III 13 f. gefallen, 
wo die kurze noch in 221 v. Chr. = 533 d. St fallende 
Unternehmung g^en die Olkader, die Winterquartiere, dann 



Huinibals Kftmpfe gegen die Spanier. 117 



der schwere Krieg gegen die Vakkäer und Keltiberer erzählt 
sind, während die nächsten Winterquartiere erst im Laufe 
von c. 15 erwähnt werden. Livius hat c. 5 diesen ganzen 
Bericht in gedrängter Kürze, aber mit allem Detail sich an- 
geeignet*) Die grofse Schlacht am Tajo hat er sogar zu 
dramatisieren sich bemüht. Polybios giebt allerdings Hanni- 
bals Mafsnahmen etwas summarisch und abstrakt an, wie er 
bei ungenügender Kunde von dem Terrain mufste: vOv 
6k 7tpayfxatiK<^g xal rovrex^^S ^S V7eo6rpo<pffg ava- 
XoopfföavTOfS kvrißov xal TtpoßXr/jda noirföaßiivov rov 
TayoY xaXovfiBvov Ttota^ov, xal nepl rfpf rov Ttota- 
jjiov ötaßaötv öu&rr/öaßiivov rov xirSwov, ap,a Sh 
6xryxpv^(xP'iyov öwaycoriör^ r(p Trota/jup xal rolg 
^Tfpioi^, ofe elx^ Ttepl rertapaxovra rov api^^bv, övv- 
ißrf ra oXa 7CapaS65cü<s xal xara Xoyov avttp X^PV' 
öai, worauf dann in aller Kürze das am Flufsufer durch die 
Elefanten und die Reiterei angerichtete Blutbad geschildert 
wird. Livius sucht Hannibals Verfahren, welches in seiner 
Einfachheit auf die ungezügelte Kampfbegierde der Barbaren 
berechnet war, durch Anwendimg einiger militärischer Kunst- 
ausdrücke ^) seinen Lesern mundgerechter zu machen. Hanni- 
bal soll erst vor dem Flusse gelagert, dann unter dem Schutze 
der Nacht ihn überschritten, vaUoque ita producto, ut locum 

1) Die Stadt ^X^aia heifst bei Livius Cartala. Es ist gewifs 
richtiger die Differenz, zumal beiderseits der Name nur einmal steht, 
auf handschrifthche Verderbnis zurückzuführen, als mit Neumann 
a. a. 0. S. 257 anzunehmen, Polybios habe den punischen(!) Namen 
ins Griechische übersetzt. 

2) Die floskelartige Einstreuung vieler Kunstausdrücke, wie 
recto itinere, inexplorato, de quarta vigilia, besonders aber castra 
ponere, hat Luterbacher in seiner Dissertation S. 29 — 32 sehr schön 
nachgewiesen. 



118 Erster Abflchnitt. 



ad transgrediendum hostes haberent, den Angriff beim Über- 
gang vorbereitet haben. Hiemach wird man sich das Ufer 
frei, die Reiterei im Hinterhalte denken. Gleich darauf heifst 
es jedoch von den Elefanten: in ripa elephantos dis- 
ponit, so dafs es zu verwimdem ist, dafs die Spanier 
quod motu cessisse credebant hostem, passim sine ullius 
imperio qua cuique proximum est in den Flufs stürzen, wie 
denn auch das Heer im Müsse agmen impeditum genannt 
wird. Für mich ist dies inkonsequente, sich selbst wideiv 
legende Ausmalen an dieser Stelle ebenso überzeugend als 
die wörtliche Übereinstimmung mit Polybios in dem Übrigen. 
Zum Schlufs bei der Unterwerfung der Karpetaner ist ein 
vastatisque agris hinzugefügt 

Auch Livius erwähnt die Winterquartiere hier noch 
nicht oder vielmehr, da er das Folgende nach andern Quellen 
giebt, überhaupt nicht Diese Auslassung ist vielleicht nicht 
ganz tmbewufst Denn wegen der zu hoch ang^ebenen 
Dauer des Söldnerkrieges fallen die letztberichteten Kämpfe 
ja schon ins Jahr 218 v. Chr. = 536 d. St! Und dies ist 
doch auch das erste des zweiten punischen Krieges! 

Jedem, der die Belagerung Sagunts in unseren Quellen 
studiert, mufs zuerst die wesentliche Differenz auffallen, 
welche in bezug auf die römischen Gesandtschaften obwaltet 
AVie bei Polybios (vgl. oben S. 86 u. 14), so finden wir auch 
bei Livius, Appian, Zonaras zwei Gesandtschaften, und die 
letztere unter Führung eines Fabius deckt sich mit der zwei- 
ten Polybianischen; die erstere hingegen trifft während der 
Belagerung Sagunts ein, nicht im Winter vorher, und 
geht von dort, ohne von Hannibal vorgelassen zu sein, 
nach Karthago. Bis auf Gilbert hat meines Wissens nie- 
mand verkannt, dafs auch die erste Polybianische. und die 



Die rSiniPchen Oesandtschaften. 119 

erste der drei Schriftsteller identisch sein müssen. Der 
Auftrag ist bei Appian und Zonaras und eigentlich bei 
livius ebenfalls der, vor der Vergewaltigung Sagunts zu 
warnen. Polybios weifs von keinem späteren, die drei von 
keinem früheren Anlafs zu einer Gesandtschaft. Der Mifs- 
erfolg in Karthago, ja wenn man Polybios genau besieht, 
der Inhalt des Bescheides sind hier und dort gleich. Gilbert 
Icann denn auch nicht umhin einzugestehen, dafs die Iden- 
tifizierung nahe liegt. Aber die drei repräsentieren ja Fabius, 
die Quelle ersten Hanges! Also sind die beiden Gesandt- 
schaften zu trennen und beide historisch! 

Für uns kann kein Zweifel bestehen, dafs bei den 
dreien nur die erste Gesandtschaft willkürlich verschoben 
ist und gewifs hat dabei die Absicht gewirkt, Hannibal 
eine schnöde Behandlung der Gesandtschaft anzudichten. 
Dem entsprechend heifst es Appian. Iber. 11 kurzweg: rov- 
rotg rotg Trpiößeöi TcXevöaötv iis ^Ißrjpiav xal ig rb örpa- 
roTteöov arco S^aXaöÖtfg avaßaivovöiy b jivvißag aTtrjyo- 
pevcfe jJLrj Ttpogiivat, und Liv. c. 9, 3: quibus obviam ad 
mare missi ab Hannibale, qui dicerent nee tuto eos adituros 
inter tot tam effrenatarum gentium arma^) nee Hannibaüin 
tanto discrimine rerum operao esse legationes audire. In Zo- 
naras' Worten P. 407 C: 6 d' jirrißag ix rdov inixcophav 
Tfißi^ag xivag cSg evrotav rtfpovvtag roig npiößsötv 
TjSff TtXtfölov ovöt TtapeöHSvacfe Xiystv avtoig ^rj nap- 



1) Siegb'n: „Zwei Dubletten im Livius" N. Rhein. Mus. 
XXXVm S. 348 ff. versteht: zwischen ihnen, Hannibal und 
den Gesandten, seien viele aufständische Völker, und 
bringt so die Oesandtschaft mit der Abrufung Hannibals durch den 
Aufstand c. 11, 13 in Verbindung, mdem er c. 7, 1 bis c. 9, 3 und 
c. 11, 3— 13 für eine Dublette erklärt 



120 Erster AbBchnitt. 



etvai rbv örpatrjyov, Ttoppoo nov irt* ayvoDöta x^pi^c 
aTtoS-qixrjöavta, xal napifvovv aTCaWayfjvai ofg ta- 
Xi(5ta, TCpiv xarayyEXSreiey cog Ttdpeiöiv, iva ßifj Sta 
rifv avapxiixy tov ötpartfyov ßiff napovtots aTroXojvtat, 
kann ich nur eine Abart der Überlieferung erkennen, ver- 
anlafst vielleicht durch eine Wendung ähnlich der bei Livius: 
inter tot tarn efFrenatanim gentium arma. Wir haben ja 
auch nur einen Auszug aus Dio vor uns. Eine zweite Ab- 
sicht bei der Verschiebung wird gewesen sein die Zeit, 
welche die Romer nach dem Mifserfolg der ersten Gesandt- 
schaft unthätig verstreichen liefsen, zu verkürzen. Als Ur- 
heber aber hat Wölfflin Coelius bezeichnet, da schon Cicero 
Phil. Y 27 diese Gesandtschaft nach Sagunt und von da 
nach Karthago abgehen läfst, eine Vermutung, die ganz an- 
nehmbar ist. Dafs Coelius nach dem Vorgang des Ennius 
so erzählt habe, schliefst Sieglin aus dem Hexameter: „arma, 
nee Hannibali in tanto discrimine renim", der aber doch 
wohl nur zufällig ist 

Nun bietet aber Liv. XXI c. 6, 1 ff., wo die erste Ge- 
sandtschaft beschlossen wird, eine Reihe von weiteren 
schweren Rätseln. Die Stelle, der wir Appian. Iber. 10 zur 
Seite stellen, heifst: 



Cum Saguntinis bellum non- 
dum erat, ceterum iam belli causa 
certamina cum finitimis screban- 
tur, maxime Turdetanis. (2) qui- 
bus cum adesset idem, qui litis 
erat sator, nee certamen iuris 
sed vim quaeri appareret, legati 
a Saguntinis Romam missi auxi- 
liura ad bellum iam haud dubio 
imminens orantes. (3) consules 
tunc Romae erant P. Comehus 



Hannibal stiftet die Torbole- 
ten zu Beschwei'den in Karthago 
über Gewaltthaten der Saguntiner 
an. Ermächtigt, nach Gutdünken 
zu handeln, TopßoXrjra^ ortoir 
litpa^ev ivxvxEiv ol \xata rdov 
Zaxav^aioDv] xal ZaxavBalcov 
^eT€7tijii7teto npiößet^. oi 6e 
d(pixovxo ^'kvy xeXevovTos 6^ 
'Avvißov Xiyetv hxaripov^ 
iqi kavrov nEpi äv 8ta<pi- 



Die römischen Gesandtschaften. 



121 



Tpeilfetv TTfv ÖixTfv, Hannibal 
schickt die Gesandten fort und 
beginnt die Belagerung, kģty 
6' ov övvdßieyo^ verwandelt er 
sie in eine Blockade. Da schicken 
die Saguntiner, ohne Eriegserklä- 
rong angegriffen, nach Rom. 



Scipio et Tib. Sempronius Lon- 
gus. qui cum legatis in senatum 
introductis de ro publica rettu- 
lisscnt, placuissetquc mittilegatos 
in Hispaniam ad res sociorum 
inspiciendas, (4) quibus si vi- 
deretur digna causa, et Hannibali 
denuntiarent, ut ab Saguntinis, 
socüs populi Romani, abstineret, 
et Carthaginem in Africam trai- 
cerent ac sociorum populi Ro- 
mani querimonias deforrent, — (5) 
hac legatione decreta necdum 
missa, omnium spe celerius Sa- 
guntum oppugnari adlatum est. 
tunc relata de integre res ad 
senatum, (6) et alii provincias 
consulibus Hispaniam atque Afri- 
cam decementes terra marique 
rem gerendam censebant, alii 
totum in Hispaniam Hannibalem- 
que intenderant bellum. (7) erant 
qui non temere movendam rem 
tantam exspectandosque ex Hi- 
spania legatos censerent. haec 
sententia, quae tutissima ^dde- 
batur, vicit. (8) legatique eo ma- 
turius missi P. Valerius Flaccus 
et Q. Baebius Tamphilus Sagun- 
tum ad Hannibalem atque inde 
Carthaginem, si non absisteretur 
hello, ad ducem ipsum in poenam 
foederis rupti deposcondum. 

Über den Anfang bemerke ich zunächst nur, dafs Livius 
in § 2 eine Szene gerade wie Appian vor Augen hat. Für jetzt 
ist es wichtig, § 3 — 8 allein scharf aufs Korn zu nehmen. 



122 Erster Abschnitt. 



Kätselhaft ist (A), dafs es die Konsuln von 218 v. Chr. = 
530 d. St. sind, welche als damals amtierend (nicht etwa an- 
tretend) genannt werden, zweitens (B) das Dazwischenkommen 
der Nachricht vom Angriff auf Sagimt und der ganze Appa- 
rat der zweiten Senatssitzung, wovon einzig Livius etwas 
weifs, endlich (C) die letzten Worte: ad ducem ipsum . . . 
deposoendum. 

Von diesen Anstöfsen hat besonders der augenfälligste 
erste zu sehr weitgehenden Hypothesen geführt. Die radi- 
kalste,^) dafs die Belagerung wirklich in 218 v. Chr. gehöre, 
fäUt von selbst, wenn den andern der Boden entzogen wird. 
Einige schwache Pimkte derselben wurden auch schon bei 
dem Marsche Hannibals aufgedeckt Weniger gewaltsam 
vermutete Wölfflin, Coelius, der hier zu gründe liege, 
habe die Belagerung samt der Gesandtschaft, um die 
Saumseligkeit der Römer vollends zu beseitigen, in das 
Konsulat des Cornelius und Sempronius hinabge- 
rückt und habe zweitens den Auftrag der Gesandt- 
schaft in gleicher Absicht verschärft, wodurch dann die 
zweite Gesandtschaft um so matter erscheine trotz seines 
Versuches, eine Steigerung aus dieser zweiten Botschaft 
herauszuinterpretieren (Liv. c. 18, 4). Den letzteren Teil 
seiner Vermutung hat Wölfflin eigentlich selbst 2) kritisiert. 
Alles, was ich als zweiten Anstofs bezeichnet habe, erklärt 
er nicht. Noch schwerer wiegende Gegengründe werden 
sich bald ergeben. Mit den zwei Beweisen, welche er ver- 
sucht, ist es auch nichts. Die oben S. 47 eingerückte Stelle 



1) Sioglin in seiner Dissertation. 

2) a. a. 0. S. 30: „eine Sophistik, mit der er schwerUch jemand 
überzeugt hat.^ 



Die r5miächen Gesandtschaften. 128 

aus Ammianus, obwohl auf Coelius zurückgehend, haben 
wir gerade in ihrem ersten Teil als konfus erkannt Wenn 
aber Cicero den Traum am Ebro aus Coelius mit den 
Worten einleitet: Hannibal cum cepisset Saguntum, so ist 
aus einer solchen ungefähren Zeitangabe unmöglich zu fol- 
gern, dafs seine Quelle diese beiden Dinge in einem Atem 
erzählte. 

Ansprechender in mancher Hinsicht ist Gilberts Hypo- 
these. Er acceptiert die Hinausschiebung der Belagerung 
samt der Gesandtschaft ins nächste Jahr, schreibt sie aber 
Yalerius Antias zu und meint, dieser habe nur eben 
diese eine Gesandtschaft und zwar gleich mit dem 
Ultimatum in der Tasche abgehen lassen. Der Zweck 
sei gewesen, die Saumseligkeit der Römer zu beseitigen und 
einen Valerius Flaccus statt eines Fabius die glänzende 
Rolle im Rate zu Karthago spielen zu lassen. Ich mufs 
zunächst in Abrede stellen, dafs Yalerius Antias irgend ein 
Familien -Interesse an einem Valerius Flaccus hatte imd dem- 
nach das zweite Motiv streichen. Allein das erste, patrio- 
tische, würde vollständig ausreichen, und manches hat diese 
Vermutung für sich anzuführen. Sie erklärt anscheinend 
gut C, ja, was Gilbert gar nicht geltend macht, auch B. 
Denn für einen Schriftsteller, der niu* eine Gesandtschaft 
erzählte, lag eä nicht fern, etwaige Bedenken geschichts- 
kundiger Leser dadurch zu entkräften, dafs er auch zweimal 
eine solche beschliefsen und nur die erste nicht abgehen 
liefs. Die Differenz von der herrschenden Überlieferung war 
so in etwas gemildert. Einen Beweis für seine Hypothese 
sieht Gilbert in c. 17, wo alle Mafsregeln für den Krieg 
getroffen imd derselbe ohne weiteres von den Komitien be- 
schlossen werde. Ganz unvorbereitet lasse dann Livius, 



124 Erster Abschnitt. 



offenbar nach anderer Quelle, c. 18 ut omnia justa ante 
bellum flerent, doch noch die Gesandtschaft unter Fabius mit 
dem Ultimatum abgehen. 

Dennoch ist auch diese Hypothese unhaltbar. Denn 
bei C ist die Hauptsache nicht, dafs überhaupt die Aus- 
lieferung schon in den Auftrag dieser Gesandtschaft auf- 
genommen ist, sondern dafs dies geschieht, obwohl von die- 
sem Ansinnen in der Debatte vorher gar nicht die Eede 
gewesen ist und obwohl auch die Antwort der Karthager 
davon nichts weifs, wie wir bald sehen werden. Mir scheint 
evident, dafs Livius die Auslief enmg ungehörigerweise hinein- 
gebracht; und TLXM wie er dazu kam, mufs erklart werden. 
Wenn femer in c. 17 die rogatio kurzweg lautet: vellent 
juberent populo Carthaginiensi bellum indici, ohne ein: nisi 
de eis rebus satisfecissent, so ist das deshalb nicht von Be- 
lang, weil auch die bei Kriegsbeschlüssen sonst nie fehlende 
Angabe der Gründe hier weggelassen ist. Sämtliche Be- 
schlüsse in c. 17 aber gehören offenbar, wie auch die 
Erklärer vermerken, an den Anfang des Jahres 
218 V. Chr.,^) d, h. sie durchkreuzen die ganze Hypothese, 
statt sie zu stützen. Diese ist also mit den beiden Stellen, 
welche auf den ersten Blick ihr günstig scheinen, vielmehr 
gerade unvereinbar. 

Gegen Wölfflins und Gilberts Vermutimg gleichmäfsig 
aber erhebt sich von selbst der Einwand, dafs schwerlich 



1) Also auch nicht mehr in 219 v. Chr. Mit Unrecht wundert 
sich deshalb A. Schäfer, Comment. in hon. Monunseni, Berlin Weid- 
mann 1877, S. 9 die beiden Konsuln von 219 v. Chr. unter den 
Gesandton zu finden. Richtig dagegen nimmt er wohl mit Dio 
Cassius M. Fabius (Buteo) statt Q. Fabius, wie Livius will, als 
Ältesten und Yormann der Gesandtschaft an. 



Die römischen Gesandtschaften. 125 

irgend jemand eine so ungeheuerliche^) Zusammendrängung 
von Ereignissen in ein Jahr zuwege gebracht hat, am aller- 
wenigsten Coelius, der die Länge von Hannibals Marsch 
eher etwas zu hoch als zu niedrig angegeben, vgl. fr. 15, 
und nach Niebuhrs sehr wahrscheinlicher, auch von Wölfflin 
verfochtenen Annahme die dramatisch ausgesponnene Be- 
lagerung Sagunts bei Livius geliefert hat. 

Endlich giebt es sogar ein sehr gewichtiges Zeugnis 
gegen jene Vermutungen, das des Livius selbst c. 15, 3 — 6: 
Octavo mense, quam coeptum oppugnari, captum Saguntum 
qaidam scripsere, inde Carthaginem novam in hibema Hanni- 
balem concessisse, quinto deinde mense, quam ab Carthagine 
profectus sit, in Italiam pervenisse. quae si ita simt, fieri 
non potuit ut P. Cornelius Tib. Sempronius oonsules fuerint, 
ad quos et principio oppugnationis legati Saguntini missi 
sint, et qui in suo magistratu cum Hannibale, alter ad 
Ticinum amnem, ambo aliquante post ad Trebiam pugna- 
verint aut omnia breviora aliquante fuere, aut Saguntum 
principio anni, quo P. Cornelius Tib. Sempronius consules 
fuerunt, non coeptum oppugnari est sed captum. nam ex- 
cessisse pugna ad Trebiam in annum Cn. Servilii et C. Fla- 
mini non potest, quia C. Flaminius Arimini consulatum 
iniit, creatus a Tib. Sempronio consule, qui post pugnam 
ad Trebiam ad creandos consules Romam cum venisset, 
comitüs perfectis ad exercitum in hibema rediit. 

Es kann doch Livius selbst nicht verborgen geblieben 
sein, dafs die beiden vorgeschlagenen Auswege unmöglich 



1) Die kriegerischen Vorgänge drängen sich im Jalire 218 v. Chr. 
bekanntlich schon sehr und i-eichen tief in den Winter hinein. Auiser- 
dem haben die Annalisten, wie wir später finden werden, noch aller- 
lei Erfindungen hintenangeflickt. 



126 Eistor Abechnitt. 



siiid. Was soll denn bei einer chronologischen Verkürzung 
aller unter das Konsulat von Cornelius und Sempronius ge- 
prefsten Ereignisse aus den Winterquartieren werden? Sollen 
sie in die Mitte des Amtsjahres ^) fallen? Noch unhaltbarer 
aber ist die zweite Alternative, auf die doch naturgemäfs das 
Hauptgewicht fällt. Auch ihr stehen die Winterquartiere 
im Wege, die dann im Beginn des römischen Amtsjahres be- 
zogen sein würden. Vor allem aber leidet der Vorschlag an 
dem Fehler, dafs Livius' Bericht dadurch mit nichten über 
Wasser gehalten, sondern so stark modifiziert wird, dafs 
wenig davon übrig bleibt! Warum beruft sich Livius nicht 
zum wenigsten auf eine Quelle, die von den lästigen Winter- 
quartieren nichts wufste und Hannibal gleich nach der Er- 
oberung der Stadt seinen Marsch antreten liefs? Hierauf giebt 
es nur eine Antwort: Es gab keine solche Quelle. 

Hierin liegt, dafs Livius selbst es ist, durch wel- 
chen das erste Eätsel entstanden ist. 2) Und wissen 
wir nicht schon, dafs er dank seiner Voreiligkeit in der 
That von c. 2 bis c. 5 zwei Jahre und von da ab, da er die 
Winterquartiere ausliefs, oberflächlich gerechnet ein Jahr 
voraus war? WölfFlin hat diese Erkenntnis nahe genug ge- 
legen, wenn er sagt S. 22: „Wie bequem Livius diese An- 
gabe kommen mufste, liegt auf der Hand." 

Dafs C Livius selbst zur Last fällt, wurde schon aus- 
gesprochen, in der Hauptsache gilt das aber auch von B. 
Coelius und Antias, welche die erste Gesandtschaft in die 



1) Nach Matzat (vergl. den Schlu&abschnitt) würden sie das. 
Indessen dals Livius, wie auch seine Quellen, den Antritt der Kon- 
suln sich im Fiühjahr dachte, also diese Ausflucht nicht hatte, steht 
ja fest. 

2) So urteilt auch Meltzer a. a. 0. S. 26. 



ürspning der Verwirning. • 127 



Zeit der Belagerung hinabrückten, thaten dasselbe natürlich 
auch mit dem Hilferuf. Thatsächlich finden wir ihn bei 
Appian wie bei Zonaras erst nach dem Angriff. Was uns 
ÜTius beschert, Hilferuf und Senatsbeschlufs vor, die Aus- 
führimg des Beschlusses aber während der Belagerung, ist 
ein Wechselbalg, ein Mittelding zwischen Polybios und 
(Goelius oder) Antias, das Livius selbst ausgeklügelt 
hat Zu beantworten aber bleibt noch die Frage, wie er zu 
dem Apparat der zweiten Senatssitzung gekommen ist Denn 
dergleichen aus den Fingern zu saugen, ist nicht Ldvius' Art 
Nun sagt Zonaras c. 22 nach der Eroberung Sagunts 
P. 407 C: Tcvä^oßievoi 8h tav^ ot 'Pcofxaioi öwfjX^oy 
el^ to öwiSpioVy xai iXix^tf ^hv 7CoXX,a, jlovxiog öh 
KopyrjXio^ AivtovXo^ idrjfitfyoprföe xa\ eine ßÄtf ßiiX\eiy, 
aXXa noXe^ov xata tiäv Kapxridovißov ilnf^iöaö^at, 
xai Sixxi ^i^XbIv xai rov^ VTcarovg xai ra örpatev- 
ßjLara, xai rovg fxkv eig rrfv ^Ißtfpiar rovig 6h €lg rffv 
Aißvrfy nifi'^ai, ?k' vno rov avrov xpovor tf te x<^P^ 
avTGÖr TfopS^f/tat xai ol 6v/i/Juxxot xaxovpydovtai xai 
ßJLtfte xy 'ißffpifi ßorf^TfÖat dvroüvtai ßitft^ ixei^ev avtoi 
imxovprfä^cd<ft' npog ravta Kvivtog ^aßiog Md^i^og 
ctvrtöeto fAti ovxGoq ix navrog rponov rov TtoXe/iov 
Seiv inffpiöaö^ai, aWa npBößeiqc XPV^^^^^^ npotepoVy 
Kay /iiv Tteiöcüöir ort ovöhr aStxovÖiv fjövxiav oeyeiVy 
av Ä' aötxoxjrteg aXcaöi tote TtoXs^rjöai avroig, tva 
Hai tTfv aitiav rov noXi^ov ig avtovg anaoöcofis^a. 
cd ßier ovv afjupoiv öoSat toiavrai ^6av cog iv xetpa- 
Xal(p eiTteiVy t§ öh ßovXff *) napaöxavaZ^ö^ai fxhv idoSe 
npog rffv ßiaxv^ Trpiößstg öh slg tijv Kapxtfdova ötei- 

1) Der Besohlufe fast wörtlich ebeDso Bio fr. 55, 9. 



128 • Erster Abschnitt. 



Xai xal tov jivvißov Hatrfyopfjöat , xai ei ^ev /iff inai- 
voiBV ta TtpaxS^irta dtnaöai, ei 5' eig ixeirov avra 
avatpipoiev iSaiti^öaöä^ai avtov nav piff ixScoÖt tov 
noXefxov inayyetkat avrot^. Mit Tdov yovv npiößecov 
aTeeXäovtGov wird dann die Szene im karthagischen Rat 
eingeführt Dafs diese Debatte mit der c. 6 bei Livius 
identisch ist, leuchtet ein. Nur scheint schon Dio den 
mittleren Antrag ausgelassen zu haben, weil er ein Freund 
der Zweiteilung ist, und weil dieser Antrag zu speziellen 
Inhaltes war, sich also nicht wie die beiden anderen zum 
Ausgangspunkt einer wässerigen, in endlosen Gegenüber- 
stellungen sich hinschleppenden Rede^) eignete. Der Be- 
schlufs, alles zum Kriege vorzubereiten, aber die Erklärung 
desselben noch an ein (ich füge hinzu: von den nächsten 
Konsuln zu erlassendes) Ultimatum zu knüpfen, ist genau 
das, was Liv. c. 17 vorausgesetzt wird. 

Weifsenbom hat richtig die Identität der Debatte hier 
und dort erkannt, hält aber die Stelle, an der sie Livius 
bringt, für die richtige. Es verhält sich jedoch sicher um- 
gekehrt. Denn auch Polybios kennt Schriftsteller — seine 
Polemik gegen dieselben wird uns noch beschäftigen — nach 



1) Zonaras bat verständigerweise nui* den Kern dieser Reden 
gegeben. Dagegen haben die Mai'schen Excerpte nepi yvGOßicor uns 
daraus die blassesten Gemeinplätze erhalten. Aus diesen und einigen 
auch zufällig ziemlich nichtssagenden Brocken von Coelius einen 
Gedankengang zu gewinnen, hat Gilbert Coel. Ant. S. 396 — 409 
unternommen; übrigens nicht etwa imi die Benutzung des Coelius 
zu folgern, sondern die so gewonnenen Reden dem Pictor gut zu 
schreiben und für wirkücb so gehalten auszugeben! Sicher und 
wichtig genug ist, dafs Coelius im Senat Reden über dio Eriegsfrage 
halten liefe. S. fr. 5, 6, 7 und 16. 



Das Verfl&hreii dee Livins. 129 



denen anf die Nachricht vom Falle der Stadt eine heftige 
Dehatte im Senat stattgefunden hatte. Livius also hat, 
bewufst oder iinbewufst, die Debatte verlegt und so 
das Material zu seinen seltsamen Angaben (B) gewonnen. 

Betrachten wir nun das Kapitel im ganzen, um das 
Verfahren des Livius des genaueren zu verfolgen. Livius 
konnte, was nicht zu verwundem, die Nachrichten über die 
erste römische Gesandtschaft nicht zusammenreimen. Er 
hatte in c. 5 die Kapitel 13 und 14 des Polybios übersetzt 
und dabei gewifs auch einen Blick auf c. 15 geworfen, wel- 
ches beginnt: Oi öi Zaxay^atoi (fvrsxco^ Im^nov dg 
rrfv 'Pco^Tfv, Sfia^iy aycoytdävtBg Ttepl ö<pcov xal npoopoo- 
ßÄSvoi to ßiiXXov u. s. w. In der romischen Quelle jedoch, 
der er nun die Händel mit den Turdulem^) entlehnte, stand 
von einem Hilfsgesuch vor dem Angriff nichts; 
wohl aber fand er in der Szene, wo Hannibal den Schieds- 
richter spielen will, eine Erklärung der Sagiintiner, die 
Römer anrufen zu wollen. Flugs verwandelte Livius den 
Willen in die That: legati missi auxilium orantes. 

So hatte er scheinbar die Übereinstimmung mit Polybios 
hergestellt. Aber sehr zu seinem Unheil. Denn nach Poly- 
bios konnte er nicht weiter erzählen; die Winterquartiere in 
Neukarthago hätten ihn, der schon im Jahre 218 v. Chr. 
steht, verraten. Und seiner römischen Quelle zufolge kam 
nun erst unmittelbar hinter dem Angriff das Hilfs- 
gesuch an den Senat. Offenbar hätte Livius seinem nächsten 
Bedürfnis am einfachsten gedient, wenn er dies Hilfsgesuch 
gestrichen und die Senatsboratung darüber, entsprechend 



1) Appian: TopßoXrjrai^ wähi-end liv. XXVIII 39 (wohl nach 
Antias) zwar Turdetania, für die Bewohner aber Turduli gebraucht wird. 
Hesselbarth, bistor. -krit. Untersuch. 9 



130 Erster Abschnitt. 



modifiziert, jetzt schon eingerückt hätte. Das that er aber 
nicht; er liefs die Beratung nicht nur an ihrem Platze, son- 
dern gab ihr eine neue Bedeutung, indem er aus Coelius 
(jedenfalls nicht aus Antias) — die Hauptdebatte nach 
Sagunts Fall damit kombinierte! 

Auf zweierlei Art ist dies erklärbar. Wenn die noch 
eben von Livius benutzte römische Quelle Antias war, so 
konnte es Verwechselung sein. Er mochte beim ersten Zu- 
sehen den grofsen Abstand zwischen Angriif und Erobenmg 
noch immer verkennen, und sein patriotisches Gefühl drängte 
ihn, von den Römern etwas Energisches hören zu lassen. 
Zudem konnte es nicht zur Klärung beitragen, dafs schon 
Antias ebenfalls die Hauptdebatte in die Zeit der Belage- 
ning verlegt hatte. Oder aber — und so mufs die Sache 
sich verhalten haben, wenn etwa die Händel mit den Tur- 
dulem schon bei Coelius zu finden waren und von Livius 
gefunden worden sind — Livius handelte nicht unbewufst, 
sondem hoffte mit einer Beratung auszukommen und die so 
dringend nötige Zusammendrängimg zu erreichen. Km^, die 
Sache gestaltete sich bei ihm so. Wie er eben behufs Aus- 
gleichung mit Polybios die Absicht der Saguntiner Rom 
anzurufen zur That hat werden lassen, so schnunpft umge- 
kehrt die hierdurch veranlafste (Polybianische erste) Gesandt- 
schaft vor der Belagerung zu einem blofsen entsprechenden 
Senatsbeschluls zusammen. Den wirklichen Abgang dieser 
Gesandtschaft knüpft er an eine Botschaft vom erfolgten 
Angriff (nach dem Muster seiner römischen Quelle), ver- 
leiht aber zugleich dieser Absendung die Züge der 
Cölianischen Hauptdebatte. 

Also folgt- bei Livius auf jenes Hilfsgesuch vor dem 
Angriff erstens: Beschlufs einer Gesandtschaft Das war 



Das Verfahren des Livias. 131 



aber zu mager; Livins hilft sich, so gut es geht: „Nach- 
dem die Konsuln (bei ihm mufsten es die von 218 v. Chr. 
sein, welches Jahr übrigens in der zweiten Dekade bereits 
berührt war) die Sagimtiner in den Senat geführt und de 
republica referiert" — dieser technische Ausdnick für die 
Prograramreden der Konsuln bei ihrem Antritt ist wenig am 
Platze — „wurde eine Gesandtschaft ad res sociomm in- 
spiciendas (Polybios: iTCtöxetl^Ofiivovg Ttepi tcov TtpogTti- 
Ttroytcov) beschlossen mit der Vollmacht, Hannibal zu warnen 
und in Karthago die Beschwerde der Saguntiner anzubringen." 
Dafs dann die Botschaft vom Angriff auf dem Fiifse 
folgt, wird mit: omnium spe celerius, gewissermafsen ent- 
scliuldigt. Wer aber die so überraschende Kunde bringt, 
weifs Livius nicht zu sagen: adktum est. Nun die Senats- 
debatte nach Coelius, aber mit Auslassung der Namen der 
Antragsteller; es war Livius vielleicht nicht ganz wohl zu 
Mute bei der Sache. Der dritte, angenommene Antrag (alle 
Vorbereitungen zum Kriege zu treffen und das Ultimatum 
bis nach Antritt der neuen Konsuln aufzuschieben) macht 
natürlich grofse Not. Jetzt geradezu von Kriegsrüstung und 
Ultimatum sprechen, wo noch die langwierige Belagenmg in 
Aussicht stand, war doch etwas heikel. Die Verlegenheit 
tritt in dem Schwanken des Livius deutlich zu Tage. Zuerst 
negativ: non temere movendam rem tantam, dann positiv: 
expectandosque ex Hispania legatos. Der Ausdruck ist sehr 
vage imd ungenau, und mit der Modifikation ihres Aufti'ages, 
die man doch nach der Ändenmg der Lage erwartet, halt 
Livius hinter dem Berge. Er bringt sie erst im letzten 
Paragraphen bei Nennung der Gesandten (die Namen sind 
dieselben in der Cicerostelle S. 120; vermutlich sind sie auch 
echt, d. h. wirklich die der ersten Gesandtschaft von 219 v. Chr.) 

9* 



132 Erster Abschnitt. 



ganz unter der Hand: ad Hannibalem atque inde Cartha- 
glnem, si non absisteretur hello, ad ducem ipsum in 
poenam foederis rupti deposcendum! ohne jede An- 
deutung, was denn im Falle der Ablehnimg dieser gewifs 
nicht geringen Fordenmg in Aussicht stehe! 

Nunmehr wird auch die oben S. 125 abgedruckte 
Stelle zwar nicht verständiger, aber uns verständlich und 
psychologisch begreiflich. Es ist eine Art Erklärung des 
Bankrotts, aber keine rückhaltslose; Livius sucht den Um- 
fang desselben imd die Unmöglichkeit der Abhilfe zu ver- 
schleiern. Schon: quid am scripsere, ist nicht ganz ehrlich; 
denn Livius weifs kein Zeugnis gegen die fatale Angabe 
aufzutreiben und hätte mit: omnes, schwerlich zuviel gesagt 
Daher auch ohne Andeutimg eines Zweifels: quae si ita 
sunt. Eine kleine Unterschiebung behufs Verringenmg des 
Defizits, die in der That bei unserm gelehrten Publikum ver- 
fangen hat, ist auch: aut principio anni .... non ooep- 
tum oppugnari est, sed captum, als ob c. G vom Anfang 
des Jahres zu verstehen gewesen und nicht ein einfaches 
Nachrechnen viel eher auf das Ende des Jahres füliren 
mufste. Versteckt genug ist ja dann auch die völlig unzu- 
längliche und dabei doch die ganze Darstellung durchkreuzende 
Korrektur: non coeptum oppugnari est sed captum; sie ist 
trotzdem aber verräterisch. Livius hatte, wie wir jetzt 
entdeckt haben, eine derartige Verwechselung in der That 
begangen. Etwas unumwimdener ausgedrückt heifst es: 
Oder ich habe fälschlich die Debatte in c. 6 nach 
Beginn statt erst jetzt nach Schlufs der Belagerung 
gebracht. Selbst so wäre es aber nur der eine Mifsgriff, 
den Livius gesteht. Dafs er aufserdem die verkehrten Kon- 
suln genannt hatte, und durch welchen alten Fehler (5 Jahre 



Dajs Verffthron des Livius. 133 



Soldnerkrieg!) er dazu gekommen, das that not zu sagen, 
wenn die Sache aufgeklärt werden soUte, und dazu hat sich 
Livius nicht entschliefsen kömien. Durch Allotria sucht er 
den Leser dai-über zu täuschen, dafs die Rechnung noch 
nicht stimmt. Deshalb der Wust von Daten*) in § 6, ledig- 
lich zum Beweis der einfachen Thatsache, dafs — die Trebia- 
schlacht noch in 218 v. Chr. fällt! 

Blenden soll auch wohl das breit ausgemalte, der histo- 
rischen Lage der Dinge schlecht entsprechende Stimmungs- 
bild 2) c. 1 6. War nämlich auch die Möglichkeit eines Angriffs 
auf Italien zu Lande den Römern durchaus nicht unbekannt, 
so ist doch: bellum gerendum in Italia ac pro moenibus 
Romanis, eine ebenso starke Übertreibung, als dafs der Staat 
nie so unvorbereitet und dafs der grofse GaUierkrieg mehr 
ein Tumult als ein Ki'ieg gewesen sei. Das Kapitel ist ein 
Lückenbüfser für die vorweg genommene Debatte, hinter wel- 
cher dann noch der Jahreswechsel hätte Platz finden müssen. 

Die stadtrömischen Nachrichten c. 17 bis c. 18, 2 — bei 
der Verhandlung im Rat von Karthago setzt Polybios wieder 
ein — können ebensowohl Antias als sonst einem AnnaJen- 
werke entstammen. Gegen die Namen der fünf Gesandten 



1) Der so mangelhaft iDfoimiei-te Livius hat diese Gelehrsam- 
keit offenbar durch Nachschlagen erst erworben; bei den Vorgängen 
nach der Trebiaschlacht wird sich CoeUas als der Batgeber des 
Livius erweisen. 

2) Über: trium et viginti annorum militia durissima inter 
Ilispanas gentes sempcr victorem, s. oben S. 114. Die Gedanken- 
losigkeit würde beseitigt, aber auch die Beziehung der gesperrten 
Worte zerstört durch eine Ändenmg von Rühl N. Rhein. Mus. 
XXX1T S. 227: durissimum, inter. Die Stelle zeigt übrigens, dafe 
Livius noch jetzt thut, als ob er sich im Laufe von 218 v. Chr. 
befände. 



134 Erster Abschnitt. 



ist, wie oben bemerkt, nichts einzuwenden; nur mag Q. Fa- 
bius Verwechselung mit M. Fabius (Buteo) sein. 

Jene Polemik des Polybios, auf welche ich schon hin- 
deutete, steht ni 20: Ol Sh 'Pcoßiatoi TtpogTtsTttGOHvlag 
avtoh V^V rrjis "^gov ZaKavS^aicav aXooöBdx^ ov ßia Jla 
Ttepl tov TCoXipLOv tote SiaßovXiov ffyovy Ka^antp Ivioi 
tcov övyypaq^icov <pa6\ Ttpo^ptatatattoyteg itt xal 
tovg ek inatepa pr}^ivta<s Xoyov^y navtcov atond- 
tatov TtpäyfjLa Tcoiovvteg, (2) Ttoog yap olov r' ijv, 
'PdüpLalovg, tov^ ivtavt(p Ttpotepov iTcrfyyeXxotag no- 
Xsßiov KapxffSoviot^, iav imßaivooöi tij^ ZaHavSraicov 
X<^P^S9 tovtovg xata xpeitog iaXooKvla^ avtrf^ tff<s 
TtoXecog tote ßovXeveö^ai övreXäSyta^ notepa noXe- 
^Tfteov Yf tovvavtlov; (3) n<o^ de xai rlva tponov ap,a 
liev trfv ötvyvotffta tov övveöplov napei^dyovöi ^av- 
^dötov, afia 8e tov^ vlov^ ano ÖGoöexa itdar ayeiv 
<pa6\ tovg Ttatipa^ elg tb övviöptov, ovg ßietixovta? 
tdav diaßovXicav ovöi tdov avayxaioav ov&ev\ npöteö^ai 
tcov dnoppritcov ovöiv; (4) cor ovt^ elxog ovte dXtf^e^ 
iött to Ttapdnav ovöiv, ei ßiff vi] Jia npo^ toi^ äXXot^ 
V "^^XV ^^^ tovto Ttpo^iveißie 'Pcoßialoig, tb <ppoveiv 
avtoixs ev^iooq ix yevetij^. (5) Ttpbg ßjiev ovv ta 
toiavta tcov övyypaßißÄatoav, ola ypdtpei Xaipia^ xai 
2Go6vXo^y ov8ev av öiot TtXiov Xiyetv. ov ydp l6to- 
pia^y aXXa xovpeaxrjg xai navötf^ov XaXiä<5 efioiye 
Öoxovöt td^tv ^xetv xai dvvafiiv. Was von ihr zu halten 
ist und was wir aus ihr folgern können, will ich jetzt, ob- 
wohl es freilich die Analyse von Livius unterbricht, zeigen. 
Wenn Polybios es ins Lächerliche zieht, dafs die jungen 
Söhne der Senatoren den Verhandlungen beigewohnt und 
doch nichts ausgeplaudert hätten, so kann man zur Ent- 



Dio niiiiiKchü Politik und l*olybi«>s. 135 



Bchiildigung darauf lünweisen, dals Cato bei Gell. Noct Att. 
I 23 die Sitte, unerwachsene Söhne in die Sitzungen mit- 
zunehmen, für die alte Zeit bezeugt; jene Schriftsteller dra- 
X)ierten also doch nicht ihre Erzählung aufs Geratewohl, 
sondern mit echtrömischen Zügen, welche aus der patriar- 
chalischen Zeit her in der Tradition noch fortlebten. Und 
was die Hauptsache betriift, die Absendung des Ultimatums 
ist nicht, ^) wie Polybios will, unmittelbar geschehen, son- 
dern bis zum Antritt der neuen Konsuln ausgesetzt worden, 
während die Norainierung der Provinzen u. s. w. alsbald er- 
folgte; das wird durch das stadtrömische c. 17 des Livius 
dargethan und entspricht durchaus der römischen Gepflogen- 
heit. Wenn man sich aber überhaupt Zeit damit liefs — ob 
viel oder nur wenig? läfst sich, olme schon jetzt die Kalender- 
frage zu entscheiden (vgl. meinen fünften Abschnitt), nicht 
sagen — wie sollte es bei Behandlung der Frage ohne De- 
batte abgegangen sein? Wenn freilich bei jenen Schriftstel- 
lern es sich einfach darum drehte, norepov TtoXeßirftior ff 
rovraytior, so versteht man Polybios' Einwand wohl, die 
erste Gesandtschaft habe einen Angriff auf Sagunt ja schon 
als Kidegsfall bezeichnet Dieser Einwand verliert aber seine 
Kraft gegen eine Debatte, wie wir sie rekonstruieren konnten, 
erstens ob man sich an Karthago oder an Hannibal allein zu 
halten habe, und zweitens ob man gleich Feindseligkeit mit 
Feindseligkeit erwidern oder Karthago noch Zeit geben sollte, 
sich von Hannibal loszusagen. Kurz, Polybios ist mit der 
Ableugnung jeder Debatte über das Ziel hinausgeschossen 
und jene Schriftsteller waren nicht ganz ohne beachtenswerte 
römische Informationen. 



1) Umgekehrt betont Sieglin dieses schnelle Aufeinanderfolgen. 



136 Erster Abschnitt, 



Die Senatsverhandlung in die Polybiaiüsche Darstel- 
lung eingeschoben, ergiebt sich folgendes Bild der römischen 
Politik. Winter 220/19 v. Chr. erste römische Gesandtschaft, 
welche das (höchst zweifelhafte) Schutzverhältnis Sagunts 
geltend macht. Trotz der kühlen, ausweichenden Antworten 
Hannibals und des karthagischen Bates nimmt man von 
jedem weiteren Schritt in der Sache für dies Jahr Abstand, 
um sich ganz auf den illyrischen Krieg zu werfen. Bei der 
Nachricht von dem Fall der Stadt regt sich denn doch die 
Partei der sofortigen Aktion. Auf den Antrag des Fabius 
Maximus bleibt es jedoch dabei, dafs erst die nächsten Kon- 
suln das Ultimatum stellen sollen, nach dessen wohl doch 
erhoffter Annahme man mit Hannibal allein in Spanien ab- 
ziurechnen haben würde. So zeigt der Senat seine so oft 
zu beobachtende Praxis, von langer Hand her Verwickelungen 
vorzubereiten, aber sie bedächtig zögernd ins Werk zu setzen, 
während es karthagische Art ist, die Maske bis zum letzten 
vorzubehalten und sie dann, ziemlich unbekümmert um die 
Folgen imd um das Deoorum, wegzuwerfen. Da steht frei- 
lich bei Appian Boms Senat ganz anders da, sozusagen als 
ein wahrer Musterknabe. Er wird erst während der Be- 
lagerung, genauer Blockade, angerufen, schickt die erste Ge- 
sandtschaft imd macht sich sofort nach deren Rückkunft 
schlüssig — nichts zu thun, aber aus blofsem Eespekt vor 
dem Buchstaben des Vertrages. 

Polybios bekämpft, wie er es liebt, Chaireas und Sosy- 
los mit Vemunftgründen, ohne sich auf anderslautende Be- 
richte zu berufen. Er mufs aber einen solchen unbedingt 
vor sich gehabt, mufs sich mit Fabius Pictor wenigstens in 
Übereinstimmung befunden haben. Denn mit Gilbert anzu- 
nehmen, dies sei nicht der Fall gewesen und Polybios habe, 



Dio römische Politik iind Polybios. 137 

gerade um das zu verdecken, nur gegen die Schriftsteller 
geringerer Sorte, Chaireas und Sosylos, seinen Angriff ge- 
richtet, wäre schon deshalb unstatthaft, weil gerade Fabius 
seinen Lesern allzu gut bekannt war. 

Die-Zonaras löst uns nun das Rätsel in der glücklich- 
sten Weise. An Q. Fabius Maximus, dem Helden des 
Fabius Pictor, haftete der Vorwurf, durch seinen 
Antrag die sofortige Eröffnung des Krieges, am 
energischsten beantragt durch einen Lentulus, hintertrie- 
ben^) zu haben. Allein etwas Schweigen am rechten 
Orte gab der Sache einen anderen Anstrich. Man brauchte 
blofs die entgegenstehenden Anträge zu übergehen, ebenso den 
späten Termin für den Abgang des Ultimatums, so schien die 
Mafsnahme des Senates würdevoll imd prompt, Polybios meint 
geradezu selbstvei-ständlich. Was etwa noch zu wünschen 
übrig war, tliat dann die Geschichte von dem Fabius, der 
Eriog und Frieden in der Rocktasche trug. 2) Polybios hat 
geirrt, aber gestützt auf den renommiertesten imd sonst auch 



1) Aach Frontin. 1 11, 4 hat davon dunkle £unde. 

2) Über diese Szene habe ich schon S. 14 gesprochen. Noch 
zu erwähnen ist der nicht zu verkennende Widerspruch, dafs Pol. ÜI 
33, 1 Fabius nach der Rede des Karthagers, ohne ein Wort zu 
verlieren, die berühmte Äofserung thut, während c. 21, 6 die 
Gesandten doch immerhin mit einer Erklärung antworteten, in 
der sie auf das Vorlangen der Auslieferung zurückkamen. Thommen, 
AbCassungszeit der Geschichten des Polybios, Hermes XX S. 196 ff. 
will deswegen, dafs c. 21, 6 bis c. 32 später eingeschoben sei. Allein 
eingeschoben scheint nur die Anführung der älteren Verträge c. 22 — 28; 
der Zusammenhang des Übrigen ist oben aufgezeigt. Es mag aber 
sein, daCs Polybios sich an der Hauptstelle c. 21 mehr an die kar- 
thagische Quelle, bei der Wiederaufiiahme c. 33 unvermerkt an die 
lakonischere Form bei Fabius Pictor hielt. 



138 Erster Abschnitt. 



wohl zuverlässigsten römischen Gewährsmann. Die Kunde von 
dem wahren Hergang aber verdanken wir diesmal zunächst 
Coelius. In letzter Linie mufs sie in ihrem Kern den Ponti- 
fikalannalen entstammen, ebenso wie das Livianische c. 17 f., 
welches zur Widerlegung von Fabius-Polybios soviel beitrug. 
Die Entdeckung betreffs des Fabius Pictor giebt nun 
aber eine sehr erwünschte Aufklärung auch über seine Auf- 
fassung der Entstehung des Krieges. Pol. III 8: ^dßtog 
di (priöiVy b ^Potf^aiHO^ övyypaqfsv^ , Sjxa t<p xata 
ZaKocv^aiovis aötHTj^att xai rffv köSpovßov TtXsorS' 
^iav xai q)ikapxlav alrlav yiveöS^ai tov xax^ krvißav 
TtoXifjLOV, (2) ixelvor yap fxeydXrjv dv€iXrf<p6ra tffv 
övvaöteiav iv toi^ xax' ^Ißrjplav tonoi^, fiEta ravta 
TcapayevoßÄevov in\ Jtßvrfv inißaXiö^ai xaraXvöavta 
rovg voßiov? elg fxovapxi^'^ neptöttj^ai to noXtfevfxa 
tGÖv KapxTföoviooy, (3) rovg de Ttpoitovg avSpa^ inX 
tov noXixevfxato<s npdi8ofiivov<5 avtov tffv iTrißoXrfv 
öv^Acppovri^ai xai Siaörrfvai npofs avtov. (4) tov S^ 
ködpovßav VTttöo^svov avaxooprföavta ix tif^ Aißvr^^ 
to Xoinov ijötf td xatd tf/v ^Ißtfpiav ^etp/^ety xatd 
trfv avtov Ttpoaipeöiv, ov Ttpogixovta t(p 6vvedp{(p 
töbv Kapxridovicüv , (d) jivvlßav dt, xotvcovov xai ZrfXco- 
tffv ix /xeipaxiov yeyovota trjis ixeivov Tcpoatpiöscog, 
xai tote, ötaöeSdßievov td xatd tffv ^Ißr^plav, trfv av- 
tffv dyaoyffv Aödpovß^ Ttotelö^ai töbv Ttpay^dtcov, 
(6) dtb xai vvv tov noXefiov tovtov i^evrfvoxivat xatd 
tffv avtov Ttpoaipeöiv^Paoßiaioi^ napd tffv KapxrfSoviojv 
yvcoßXTfv, (7) ovdiva ydp evdoxeiv tojv d^wXoyaov dv- 
dpdjv iv KapxTföovi toig vn* kvvißov Ttepl tijv Zaxav- 
ä^aicov TtoXiv npax^Biöi, Bisher fehlte es für diese 
Auffassung, welche darin gipfelt, Hannibal als alleinigen 



Fabius Pictor und Polybios. 139 

Friedensstörer, die Eegierung als friedfertig noch zur Zeit 
dCT Bestürmung Sagunts hinzustellen, an einem Erklärungs- 
grund, falls man sie verwarf. Denn dafs Pictor willig 
oder gläubig nacherzählt haben sollte, was ihm von Männern 
der oligarchischen Partei in Karthago beigebracht sei, ist sehr 
unwahrscheinlich. Man setzt bei dieser Erklärung eine .Har- 
monie der Aristokratieen Karthagos und Roms voraus, von 
der die Geschichte nichts weifs. Was konnte also Pictor zu 
einer Darstellung vermögen, welche das Schuldkonto Hanni- 
bals vergröfserte, aber das des karthagischen Staates so wesent- 
lich entlastete? Dies Rätsel ist es gewifs grofsenteils gewesen, 
welches Mommsen bewogen hat, wie auch sonst betreffs der 
Stellung der Barkiden, so hier gegen Polybios Partei zu er- 
greifen und die Fabische Auffassung sich anzueignen. Jetzt 
wissen wir, dafs Pictor von einem gentilizischen Interesse zu 
seiner Auffassung gedrängt wurde. Er wiederholte nur den 
irrigen Kalkül des Fabius Maximus, der die sofortige 
Eröfl&iung des Krieges, sei es gegen Hannibal allein, sei es 
gegen ihn und Karthago zugleich, nach Sagunts Fall verhin- 
dert hatte in der Hoffnung, man werde in Karthago sich von 
dem Feldherm in Spanien lossagen. Über diese vertrauens- 
selige Politik 1) hatten die Ereignisse ein vernichtendes Urteil 
gesprochen. Aber die Politik, welche den Göttern nicht ge- 



1) Übertiieben und schief, aber mutatis mutandis wenigstens 
nicht unsinnig sind also Vorwürfe wie die des Tribunen Baebius 
Liv. XXn 34, 4: ab hominibus nobilibus per multos annos bellum 
quaerentibus Hannibalem in Italiam adductum, ab isdem, cum de- 
bellari possit, fraude bellum trahi. In der Quelle, welche dem 
Tribunen diese Worte in den Mund legte, war es wohl so gemeint, 
daCs die Schlaffheit der Regierenden den Feind sowohl herbei- 
geführt habe als auch jetzt schone. 



140 Erster Abschnitt. 



fallen hatte, mufs Fabiiis Pictor noch immer gefallen haben. 
Er stellte die Lage der Dingo so sehr im Sinne jener Politik 
dar, dafs der Leser, bei der Ablehnimg des Ultimatums 
angelangt, stutzen und fragen mufste: Ja, wie kam denn 
daß? Polybios sagt, jedermann müsse auch ohne seine 
Auseinandersetzung die Widersinnigkeit jener Dar- 
stellung einsehen, und nm* das Ansehen des Schrift- 
stellers, fürchte er, werde ihr dennoch Geltung gewähren. 
Dies für eine leere Eedensart zu halten, glaube ich mich 
nicht berechtigt. Ich traue hier den Augen des Polybios, da 
uns selbst ein Urteil über Fabius nicht möglich ist. Anders 
urteilte in seiner übrigens recht besonnenen Darlegung i) 
K. W. Nitzsch. Er nahm wirklich einen totalen Umschlag 
in den mafsgebenden Kreisen Karthagos erst infolge der Be- 
wältigung Sagunts an. Mit Unrecht freilich, wie mir scheint, 
stützte er sich darauf, dafs Hannibal ja gegen die erste Ge- 
sandtschaft sich auf Übergriffe der Saguntiner berufen habe, 
der karthagische Rat hingegen auf den Vertrag von 241 v. Chr. 
Letzteres ist, wie oben wahrscheinlich gemacht, der ersten 
Gesandtschaft gegenüber nicht geschehen, ein Mangel an 
Übereinstimmung zwischen der Regierung und dem General 
also hier nicht vorhanden; vielmehr hat man damals in Kar- 
thago so gut als in Neukarthago mit Beschwerden üher Sagunt 
geantwortet, also es umgangen, in der Kernfrage Farbe zu 
bekennen oder sich in bezug auf den Ebro zu binden. 

Die UnWahrscheinlichkeit jener Fabischen Version, zu- 
gleich ihre Unbehaglichkeit ftlr den nationalen Standpunkt 
scheint denn auch bewirkt zu haben, dafs die Nachfolger 



1) Gesoh. d. röm. Republ. herausgegeb. von Thouret, Leipzig 
Dunckor u, Humblot 1884, S. 146. 



Fabias Pictor und Polybios. 141 



sie insoweit fallen liefsen, als sie den Übergang der kartha- 
gischen Behörden zur Kriegspartei vor dem Angriff auf 
Sagunt annahmen. Appian. Iber. 10 bearbeitet Hannibal 
den Eat solange, eoog rj ßovXrj npo^ita^zv avtat npdö- 
öatv ig ZaHav^alovg o xi SoKtfidöetsy, Ebenso Annib. c. 3. 
Diese wesentliche Abweichung von Fabius ist oft übersehen 
oder bemäntelt worden. 

Schwieriger wenn nicht unmöglich ist es, über die 
frühere Stellimg der Barkiden ins Eeine zu kommen. All- 
zuviel Gewicht lege ich hier Polybios' Äufserungen nicht 
bei, der von dem versuchten Staatsstreich Hasdrubals ofTen- 
bar nichts wissen wiU und von der Wahl Hannibals ITI 13, 4 
sagt: napavtlKa ötjva^poiöavteg rbv Sfjfiov /«zj? yvcoßjiif 
xvpiav iTtoijföar rffv rcov ötpatortiSan^ atpsötr. Seine 
Quellen nahmen offenbar den barkidischen Standpunkt ein, 
und zudem erscheint in dem Spiegel eines pragmatisierenden 
Historikers nur aUzuleicht alles glatter, als es in Wahrheit 
hergegangen ist. Aber die andern Berichte sind weit entfernt 
einander zu stützen. Den von mir bereits S. 103 vei*worfenen 
Angaben Diodors imd Appians, Barkas habe eigenmächtig 
das spanische unternehmen angefangen, widerspricht, wie 
wir jetzt sehen, Fabius Pictor, wenn er den Zwiespalt auf 
das Anwachsen der Macht Hasdnibals und seinen infolge- 
dessen versuchten Staatsstreich zurückführt, von dem jene 
schweigen. Und bei Appian wird Hannibals Wahl wie bei 
Polybios alsbald vom Volk bestätigt, und erst nachher erhebt 
die Gegenpartei ihr Haupt. 

So glaublich also es ist, dafs es Spannungen i) und 
Konflikte zwischen der Barkidenpartei und der Eegierung 

1) Auf eine gewisse Unsicherheit der Verhältnisse in der 
Hauptstadt deutet ja wohl auch der Umstand, dafs es Hannibal für 
nötig hält, die saguntinische Beute dorthin zu schicken. 



142 Erster Abschnitt. 



gegeben hat, zuverlässige Kunde darüber liegt uns eigent- 
lich nicht vor. Der Staatsstreichversuch Hasdrubals scheint 
mir noch das Greifbarste. Sonst tappte Pictor, was bei den 
komplizierten Yerfassungsverhältnissen Karthagos nicht zu 
verwundem ist, wohl einigermafsen im Dunkeln und mehr 
noöh die späteren Annalisten. Der fortwuchemde Hannibal- 
hafs war bei ihnen mächtiger als die allmählich verblassende 
Feindschaft gegen das Karthagervolk, und so gestalteten sich 
bei ihnen der Söldnerkrieg, das Unternehmen in Spanien 
und der zweite punische Krieg zu einer einheitlichen Kette 
von rabulistischen Anschlägen des unheimlichen Barkiden- 
geschlechts, nur dafs sie Patrioten genug waren, den Triumph 
dieser Politik im karthagischen Senat nicht mit Pictor hinter 
die Überwältigung Sagimts zu setzen. 

Betreffs der Belagerung Sagunts selbst hat Wölfflin die 
schon von Niebuhr geäufserten Vermutungen verfochten, dafs 
Livius sie aus Coelius, Appian und Diodor aber aus Fabius 
geschöpft haben. Ich billige die erstere ebenso entschieden, 
als ich die zweite verwerfe. 

Der theatralische Aufbau und Aufputz des Ganzen bei 
Livius, auch Eigenheiten im Ausdruck passen auf Coelius am 
besten. C. 11, 4 zeigt die schon früher an diesem Schrift- 
steller wahrgenommene Vorliebe, Hiinnibal durch aufser- 
ordentliche Versprechimgen auf die Soldaten wirken zu lassen. 
Die Erfindung c. 7, 2, dafs Sagunt aufser von Zakynthos 
auch von Ardea aus kolonisiert worden wäre, ist des Coe- 
lius nicht unwürdig, von dem uns mehrfach Gründungs- 
geschichten erhalten sind. Und wenn die Vemmtimg von 
J. Zobel de Zangroniz^) richtig ist, das auf Münzen häufige 

1) Die Münzen von Sagunt. Comment. in hon. Mommseni. 
S. 822. 



Dio BelftKerunir Sagunts. 143 



Arsegedr meine die Bevölkerung der Stadt und habe zu der 
Erfindung Anlafs gegeben, so würde sich hier die Bekannt- 
schaft des Coelius mit spanischen Verhältnissen (vergl. bei 
der Belagerung die Beschreibimg der phalarica) bewähren. 
Qewifs aber wird die Abstammung von Ardea nicht erfunden 
oder auch nur aufgenommen haben, wer wie Antias Sagimt 
die Bundesgenossenschaft mit Rom absprach; dafs übrigens 
keineswegs schon Coelius dies that, würde wohl schon die 
konsequente Bezeichnung der Stadt als Bimdesgenossin in 
den in Rede stehenden Livianischen Kapiteln (auch in der 
Antwort der Karthager c. 11, 2) und in der Cicerostelle 
beweisen. Ferner ist für den Cölianischen Urspnmg hinzu- 
weisen auf das reichliche, karthagische Quellen verratende 
Detail z. B. c. 10, 8: Hamilcar, Mars alter, ut isti volunt; 
femer c. 11, 13 die Abrufimg Hannibals durch einen Auf- 
stand der Oretaner und Karpetaner und seine Vertretung 
durch Maharbal, Himilkos Sohn; c. 12 f. die Geschichte von 
Alko und Alorkus — wiewohl ich zugebe, dafs dergleichen 
oftmals einfach erfunden worden ist. Der Hergang im ganzen 
endlich stimmt mit dem summarischen Bericht des Polybios, 
dafs Hannibal nach vieler Mühe und Not und persönlicher 
Gefahr die Stadt mit Sturm genommen habe. Letzteres 
geschieht auch bei Livius, nur daijs es Erfindung sein wird, 
wenn der Sturm während eines Waffenstillstands ge- 
legentlich eines Nachsturzes an der Bresche ausgeführt wii-d. 
Ich kann auch Sieglin nicht zugeben, dafs die Belagerung 
in eine Dublette zu zerlegen sei. Die Wiederkehr einzelner Mo- 
tive in einer so weit ausgesponnenen Schilderung beweist nichts. 
Ein Widerspruch, eine „Vergefslichkeit des Kompüators"*) 



1) Zwei Dubletten, S. 356. 



144 Erster Abschnitt. 



wüixie der Satz bei Herstellung der zweiten Bresche c. 11, 8: 
caementa non calce durata erant, sed interlita luto stnicturae 
antiquae genere, doch nur dann sein, wenn die neue Bresche 
gerade an der Stelle der früheren, durch eine neuaufgefilhrte 
Mauer gesperrten, gedacht werden müfste, was durchaus 
nicht der Fall. 

Nur zweierlei in der ganzen Belagerung ist fremdartig, 
also nichtcölianisch. Dafs c. 15, 1 — 2 Gefangene für das 
Heer, Geld für die Kriegskasse, Kostbarkeiten für Karthago 
abfallen, steht im Widersprach mit der vorherigen Vernich- 
timg des Staats- und Privatbesitzes an Silber und Gold und 
mit dem üntei'gang der Einwohnerschaft und ist offenbar 
aus Polybios^) entlehnt. Ein Satz mit quamquam konstatiert 
den Widerspruch mehr, als er ihn entschuldigt. Der ganz 
vereinzelte Hinweis auf Hungersnot aber, nämlich nur 
in den Worten c. 11, 12: simul crescit inopia omnium longa 
obsidione, verdankt seinen Urspnmg der durchaus abwei- 
chenden Darstellung, die Appian zu gründe li^. 

Bei Appian erfolgt der Angriff ohne Kriegserklärung 
(aHardyysXto?)] und statt einer förmlichen Belagerang wird 
uns eine Aushungerung vorgeführt, nach einem vergeb- 
lichen gewaltsamen Versuch allerdings: r§ TtoXet firfxoiytf- 
fiata l<pi6tr}. iXelv Ä' ov Svvd^Evots aTtetd^pevs xal 
Treptereixt^B , xai <ppovpia noXka TtsptBeig ix dia&rrf" 



1) Böttcher, der für alle Balken in der livianischen Erzählung 
kein Auge hat, sammelt wieder sorgfältig Splitterchen, die nicht 
genau so bei dem Griechen stehen. Ein solches ist, dafs Hannibal 
„aus dem Verkauf der Beutestücke bedeutende Summen gewon- 
nen hal>e.'* livius sollte wohl in einem Atem von den vernich- 
teten Schätzen und dann von den vorgefundenen XPW^^^ xoXXa 
reden ? 



Belagerang Sagonts. 145 



ßiaroav inB<poita.^) Endlich machen die Sagiintiner nach 
Vernichtimg der Schätze vor Tagesanbruch einen Ausfall, 
bei welchem sie ihr Leben teuer verkaufen. Darauf töten 
die Weiber sich mit ihren Kindern, Hannibal die Über- 
lebenden. 

Diese Darstellimg ist weit entstellter als die des Livius 
und mit Polybios gar nicht zu vereinbaren. Wie man sie 
dem zeitgenössischen Fabius zuschreiben kann, verstehe ich 
nicht Aber warum stiefs Antias, den ich natürlich wieder 
als Urheber betrachte, die ganze Tradition, die doch zu 
schönen Einzelszenen imd phantastischen Schüdenmgen hun- 
dei*tfache Gelegenheit bot, um? Sollte es nicht mit seiner 
Fälschung des Hasdrubalischen Yertrags zusammenhängen? 
Wiude das Sophisraa iXevS^ipov^ Uti Ka\ rovg noKiop- 
Kov/iirovg slvat nicht einigermafsen schmackhafter, wenn 
Sagunt statt förmlich angegriffen nur blockiert wurde? Den 
vergeblichen Versuch mit fiqxocvri^ata y von dem Appian 
spricht, ohne zu sagen, wie weit es damit kam und wie er 
scheiterte, für eine blofse Redensart dieses Schriftstellers zu 
halten, kann ich freilich nicht bereden. Aber ein hervor- 
stechender Zug des Antias ist ja auch der fast lächerliche 
Hang, zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen und Un- 
vereinbares zu verbinden. Der Kriegsnihm der Belagerten 
lag ihm ebenso am Herzen als die Verunglimpfung ihres 
Feindes. Dafür zeugt auch der glänzende Ausfall der Sa- 
giintiner. Übrigens ist von einem Waffenstillstand nun natür- 
lich nicht die Rede, und es ist also unbegründet, wenn 
Wöliflin über den Erzähler (der bei ihm Fabius heifst) 
spottet S. 37: „Der gute Mann bedachte wohl kaum, dafs 



1) Man erwartet vielmehr: „lagerte davor." 
Hosseibarth, histor. - krit. Untersuch. 10 



146 Eretor Abschnitt. 



er in seinem Eifer für Sagiint so weit ging, die ob ihrer 
Treue gegen Rom Gepriesenen einen Treubnich gegen Hanni- 
bal begehen zu lassen." 

Auf derselben Darstellung wie Appian fufst 
offenbar Diod. XXY 15. Die durchgängige Übereinstim- 
mung dieses Schriftstellers mit Appian (eine vereinzelte Aus- 
nahme bildet das folgende, aus Polybios ausgeschriebene 
fr. 16) werden wir in der ganzen vorliegenden Untersuchung 
zu beobachten haben, da sie für die Frage nach Appians 
Quelle von Wichtigkeit ist. 

Mit Livins dagegen stimmt die Darstellung von Dio- 
Zonaras bis auf den Eingang so sehr, dafs man zimächst 
auf Benutzung schliefst Auch möglich aber und an sich 
einfacher ist die Annahme, dafs Dio von hier ab schon 
seinen späteren Gewährsmann Coelius zum Führer genom- 
men hat Der vorgeschobene geographisch -ethnographische 
Exkurs über Spanien Zonar. P. I 406 B vergl. Dio Cass. 
fr. 56, 2 würde die Fuge auch äufserlich gut markieren, 
imd der Eingang wäre eine willkommene Ergänzung unseres 
Wissens über Coelius, Zonar. F. I 406 C: Oi fiiv ovv 
ZaHVvBtoi ovtoi iTtoXiopxovvto nai iTte/iipav npoq tovq 
Tteptolxovg (sonst nirgends erwähnt) xal Ttpog tovg ^Poo- 
/laiovg iniHovpiag dso/ievou dWa tovg piev o Avvißag 
ixooXvöev u. s. w. Hungersnot i) und Beute, die Livius 
eingemengt, werden nicht erwähnt Entscheidend freilich 
ist das alles nicht, und möglich bleibt auch die Annahme 
einer freien Benutzimg des Livius (und des Antias für den 
Eingang). 



1) Ein Ausfall soll der Kampf nach Tötung der Kampfun- 
fähigen sicherlich auch nicht sein. 



Die EriegserklRrtuig. 147 



Nun aber zu der Ritssitzung in Karthago. Wir bemer- 
ken vorweg, dafs wieder eine Differenz in der Überlieferung 
ist Pol. in 20 f. antwortet nur 6 iTttttfösiotarog im 
Namen Karthagos; bei Zonaras hingegen redet Hasdnibal 
gegen, Hanno für Auslieferung Hannibals, bis endlich Fabius 
in bekannter Weise ziu* Entscheidimg drängt Livius folgt 
der Polybianischen Version. In der Rede ist es zimächst 
natürlich Livius' eigenste Leistung, eine Bemäntelung seiner 
Anticipation, wenn der Redner c. 18, 4 sehr geschraubt eine 
Verschärfung in dem jetzigen Ansinnen gegen das der ersten 
Gesandtschaft nachzuweisen sucht. Der ganze Rest aber ist 
lediglich Übersetzung des Polybios, wie auch die staatsrecht- 
liche Erörtenmg c. 19, 1 — 5 = Pol. HI 21 und 29. Die 
ganze Behandlung der Frage ist doch offenbar des Polybios 
eigenstes Werk,^) wenn er sich auch in seinem Urteil wesent- 
lich auf romischen Standpunkt stellt. Vgl. oben S. 89 f. Und 
mag man sonst ihn sich noch so abhängig von seinen Quellen 
denken, wie man die genaueste Übereinstimmung mit Livius 
erklären will, wo er die in der Verhandlung nicht zur 
Sprache gekommene römische Auffassung nach münd- 
lichen Darstellungen seiner römischen Zeitgenossen 
anführt, weifs ich nicht Böttcher S. 370: „Wir können 
also nur annehmen, dafs die Quelle des Livius für c. 19 
gleichfalls aus eben jenen Kreisen ihre Belehrung schöpfte, 
welchen Polybios dieselbe verdankt In diesen müfste sich 
dann das politische Urteil über jene Verhältnisse in so aus- 
geprägter, man möchte sagen feststehender Form fixiert 
haben, dafs selbst bei zwei verscliiedenen Relationen die 



1) Zum Schlufe glaubt er sich c, 31 und 32 hindurch wegen 
seiner Gründlichkeit verteidigen zu müssen! 

10* 



148 



Erster Abschnitt. 



Gemeinsamkeit des Ursprungs aus einer gewissen (sie) Über- 
einstimmung erkennbar hervortritt." Das „müfste dann" 
allerdings der Fall gewesen sein; es scheint aber auch Bött- 
cher nicht recht glaublich zu sein, daTs es wirklich der 
Fall gewesen ist. Nebenbei bemerkt ist der Satz, welchen 
Polybios beziehungsweise seine römischen Freunde auf den 
Vertrag Hasdnibals anwenden, dafs ein vorbehaltloses Ver- 
sprechen des Oberfeldherm den Staat verpflichte, auch nach 
römischem Staatsrecht sehr anfechtbar. Vgl. Mommsen Rom. 
Staatsrecht 2 I S. 242. 

Wie aber, wenn wir bei Livius einem handgreif- 
lichen Mifsverständnis eines griechischen Wortes 
begegnen? Nachdem Polybios nämlich die römische Inter- 
pretation aufgeführt hat, dafs unter „den Bimdesgenossen" 
schlechthin im Vertrag des Catulus^ auch die noch aufzu- 
nehmenden mit gemeint seien, fährt er fort: 



Pol. c. 29, 7 ff.: 
(7)*VD Sif xal TcdvroDS ät^ 
eixos elrai So^eiev, ov yap 
Srjnov rotavras ifieXXov Jtotj}- 
öedSat dvv^TJxas, dt' gov dq)E- 
Xovvrai rrfv iBovöiav 6<p^v au- 
TGovTovnposXaßißdvsivxard 
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g^avGDöty ocvtols q)iXot xal 6vfi- 
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TBS eis trjy ötperipav 7ti6ttv, tce- 
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VGDV dStxovßiirovg. (9) dXX' 
Tfv d^g^oripaov rö öw^x^y tijs 
ivvoias rrjg ir tais öw^ijxats' 
xööfVfikv vnapxovroDV d^q>oxipois 
TOTE dvßiß.idxa)v dg>i^Ö^aty xal 



liv. c. 19, 5 in ganz dem- 
solben Zusammenhange: et cum 
adsumere novos hcei-et socios, 
quis aequura censeret 



aut ob niüla qucmquam merita 
in amicitiam recipi, 



aut receptos in fidem non 
dofendi? 



Die Rechtsfra^^ bei Livius. 149 



Tuxra ßiTfdiva xpoxov xovs hri- 
povs napct xwv hipcov ijttSi^- 
6^ai rtyas rovxoov ds^ övfifjux- 
Xiacv (10)ff£pi 61 Tcovßiera nxvxa 
nposXrf<p^rf6ofJLiyoov avro rouro, 
/«/r« ^voXoyelv^ fjtrjr' inirdt' 
XBiv juTfÖeripov^ ^Tfölv iv xais 
dXXrjXoov ixapxiat^ xal öv^jmx- 
jffflftS', vjtdpxetv TS rrfv d6<pd- 
XeuxY 110.6% T^r nap^ dßiq}otv. 



tantum no Carthagioiensium socii 
aut soUicitarentur ad defectionem, 
aut sua spoute desciscentes reci- 
peroutur. 



Wie wörtlich übereinstimmend! und doch wie schief 
wiedergegeben! Polybios nimmt die römische Deutung an, 
weil sie der naturgemäfs (elxo^) vorauszusetzenden Ab- 
sicht der Yertragschliefsenden entspreche. Die Alternative: 
Keine neuen Bundesgenossen aufnehmen, oder sie aufnehmen, 
aber nicht schützen, würde aus der anderen Deutung folgen, 
und diese Alternative wäre unsinnig. Kurz, Polybios bringt 
einen Beweis für das Recht, Bundesgenossen mit Anspruch 
auf Schutz aufzunehmen. Anders Livius. Er nimmt dieses 
Recht als soeben nachgewiesen an und meint jetzt, es wäre 
ein unbilliges Verlangen gewesen, dafs die Römer 
von demselben keinen Gebrauch hätten machen 
sollen. Die Alternative weist er nicht als widersinnig zu- 
rück, sondern als ein Verlangen, welches nicht aus Billig- 
keitsgründen gestellt werden konnte. Die Frage nach dem 
Recht ist vorher erledigt und es handelt sich nunmehr um 
eine neue Erwägung. Und das ist recht thöricht, schon weil 
Sagunt längst zerstört ist, und es sich gar nicht mehr fragt, 
ob die Römer der Stadt helfen sollen oder nicht, i) Nur 



1) Diesen Hauptanstofs (wenigstens) konnte Livius leicht ver- 
meiden, wenn er freier übersetzte: aut receptorom in fildem cladem 
neglegi. Dann würde es heifseu: „Und da sie zur Annahme neuer 



150 Ereter Abschnitt. 



aus dem Mifsverständnis des an sich mehrdeutigen elxog ist 
die Stelle zu erklären. 

Ich befinde mich in der eigentümlichen Lage, die Be- 
nutzung des Polybios liier festzustellen gegen Wölfflin, der 
sonst dieselbe in noch ausgedehnterem MaXse als ich be- 
hauptet. Es ist die „philologische Lupe", welche diesmal 
auf eine falsche Spur geführt hat. Aus dem zweimaligen 
icit in c. 18 schliefst er auf Coelius als Quelle. Denn dies 
Perfektum habe Livius sonst gar nicht oder wenigstens vor 
dieser Stelle nie gebraucht, während es Coelius fr. 6: qui 
cum is ita foedus icistis, allem Anschein nach gerade bei 
den Verhandlungen in Karthago, vorkomme. 

Allein neben dem zweimaligen Perfektum Activi steht 
an unserer Stelle fünfmal hintereinander ictum est und 
icta, kein anderes Yerbum. Mufste das nicht WölflPlin auf- 
fallen, welcher selbst, zum Beweise dals das Verbum im 
Livianischen Gebrauch defektiv sei, Stellen anführt, an wel- 
chen mit facere, ferire gewechselt wird? Hier in der staats- 
rechtlichen Beweisfühinmg hat Livius den Eedner offenbar 
nur das technische Wort anwenden lassen wollen und des- 
halb auch die ihm sonst nicht geläufige Form gebildet; 
charakteristischerweise aber nur da, wo das Activum beson- 
ders am Platze, ich möchte sagen, unumgänglich war, näm- 
lich bei den beiden aus eigner Initiative hervorge- 
gangenen und deshalb gerade verglichenen Verträgen, dem 
ersten des Catulus und dem des Hasdrubal. Bei den nicht 



Bundesgenossen berechtigt waren, wer hätte es für billig halten 
mögen, dals sie selbst hoch um sie Verdiente zurückweisen, oder 
nachdem sie dieselben aufgenommen, ihre Vergewaltigung unge- 
straft lassen solltenV 



Rückblick über Livius. 151 



von Feldherren allein abgeschlossenen hat sich Livius mit 
dem geläufigen Passivum und an der Stelle, die am ersten 
mit dem Cölianischen Fragment zusammenzustellen sein 
möchte, § 8 mit: nobis vobiscum foedus est, beholfen. 

Das Fragment scheint mir aber vielmehr zu beweisen, 
dafs Coelius statt der würdevolleren Eechtfertigungsrede des 
einen Karthagers, gerade wie Zonaras, Beden für und 
wider das römische Ansinnen verzeichnete, in welche Heden 
hinein dann Fabius seine bündige Alternative schleudert. 
Denn bei Coelius wendete sich ein Redner augenscheinlich 
an seine karthagischen Landsleute und suchte ihnen ihr 
Rechtsverhältnis zu den Römern zu demonstrieren. Bei die- 
sem Arrangement erschien der karthagische Rat würdeloser, 
nebenbei bot es Gelegenheit zur allseitigen Ausmalung der 
Situation. 

Rückblick über Livius. 
Das Urteil über des Livius Art Geschichte zu schreiben 
kann, wenn wir den betrachteten Abschnitt überblicken, nur 
ein sehr ungünstiges sein. In dieser Beziehung müssen wir 
Nissens Ergebnisse lediglich bestätigen. Dagegen sein SchluTs, 
dafs Livius seine jedesmalige Quelle für eine bestimmte Partie 
stets ausgeschrieben habe, ohne zu interpolieren, bestätigt 
sich nicht. Für die in der viei-ten mid fünften Dekade be- 
nutzten Teile des Polybios war, wie Nissen selbst ausführt, 
ein anderes Verfahren kaum möglich, und in Beziehung auf 
diese hat Nissen im ganzen gewils recht. Im ganzen sage 
ich, weil erstens eine Vergleichung mit dem Polybianischen 
Texte selbst doch niu- ausnahmsweise möglich gewesen ist, 
und weil zweitens Livius den Frieden mit Philipp doch 
nachweislich nach annalistischer Quelle nicht etwa blofs am 



152 Erster Abschnitt. 



SchluTs mit Yariantenangaben glossiert, sondern vorher ohne 
weiteres interpoliert hat.^) Für unsere dritte Dekade trifft 
Nissens Satz nicht zu. Livius hat hier drei verschieden- 
artige Quellen, Polybios, Coelius, Valerius herangezogen, 
was nicht wunder nehmen kann, da er doch in der vierten 
und fünften Dekade sogar von den „zum Verwechseln ähn- 
lichen Annalisten ^^, Valerius und Claudius, keinen ganz hat 
missen wollen. 

Natürlich ist aber die Heranziehung mehrerer Quellen 
ohne eine gewisse Prüfung und Vergleichung nicht denkbar. 
Nissen scheint nun nach seinen Worten S. 80: „Es war 
ihm aUein möglich sich über den Wert und das Verhältnis 
seiner Quellen zu einander ein Urteil im allgemeinen zu , 
bilden", an eine einmalige, etwa vor B^nn der vierten 
Dekade vorgenommene Prüfung zu denken, deren Ergebnis 
der Entschlufs gewesen sei, je nach dem Schauplatz zu 
wechseln. Man ist von dieser Vorstellung wohl schon all- 
gemein zurückgekommen. 

Das Verhalten des Livius zu Polybios ist auch dort 
kein so überlegtes, grundsätzliches gewesen und hat sich 
mehr von selbst gemacht Beispielsweise in den Beziehungen 
zu Karthago folgt er bald Polybios, bald annalistischen Quel- 
len, je nach Gutdünken oder zeitweiligen Beweggründen, 



1) In den rhodischen Gesandtschaften (Peter, Zur Kritik d. 
Quell. HaUe 1879 S. 12) liegt zwar der Wechsel der Quelle auf 
der Hand (XLIV 14 nach Annalen, c. 15 Variante aus Claudius 
und einem zweiten, wahrscheinHch Antias; XLV 3 nach Polybios; 
c. 20 — 25 anfangs nach Annalen, dann nach Polybios). Allein dafs 
der letzte Satz in XUV 15 und einzelnes in XLV 20 Polybianischen 
Ursprungs sei, ist nicht ganz sicher, also eine eigentliche Ver- 
mischung nicht erwiesen. 



Rückblick ftber Livius. 153 



und auch in den griechisch -orientalischen Dingen berück- 
sichtigt er durch gelegentliche Yariantenangaben die Annalisten. 
Yollends den Annalisten gegenüber in den römisch -italischen 
und spanischen Angelegenheiten zeigt sich handgreiflich ein 
grundsatzloser Eklektizismus. An diese Partieen aber, nicht 
an die Polybianischen müssen wir anknüpfen. Denn gerade 
das, was Nissen an ihnen hervorhebt, dafs sie zusammen- 
gewürfelt, voU von Widersprüchen sind, gilt so ziemlich 
für die dritte Dekade überhaupt, und wir schliefsen wie 
Nissen dort, dafs mehrere Quellen und zwar nicht in 
einem bestimmt geregelten Wechsel benutzt sind. 

Was folgt daraus? Doch nicht, dafs Livius unbesehen 
bald aus dem, bald aus jenem ein Kapitel abschrieb! Viel- 
mehr mufs er, bei bedeutenderen Abschnitten angelangt, 
z. B. bei der Belagerung Sagunts, dem Marsch Hannibals, 
den grofsen Schlachten, von Fall zu Fall eine, wenn auch 
oberflächliche Yergleichung angestellt haben. Und solche 
Abschnitte sind es denn auch, in denen Widersprüche, 
Yariantenangaben in Menge auftreten. Dafs Livius dann 
aber der gewählten Quelle nicht auch diesen oder jenen Zug 
aus anderen eingesehenen Darstellungen einverleibt habe, 
läfst sich von vornherein gar nicht behaupten. Sicherlich 
beweist sein Yerhalten zu Polybios in der vierten und fünf- 
ten Dekade in dieser Hinsicht nichts. In dem von uns be- 
trachteten Abschnitt, der in dieser Beziehimg sich nicht 
wesentlich imterscheidet von der dritten Dekade sonst, hat 
^ Livius sich nun einmal nicht an einen Gewährsmann ge- 
halten, wie so viele andere Autoren überhaupt und wie er 
selbst wenigstens annähernd in den grofsen Polybianischen 
Partieen der späteren Dekaden. Und steht ein Schriftsteller 
einmal auf eklektischem Standpunkt, so- wäre es höchst 



154 Erster Abschnitt. 



wunderbar, wenn er sich kapitelweis sklavisch an eine Quelle 
hielte. Zumal wenn Livius einem Schreiber diktierte, was 
bei einem so imifangreichen, aus Lektüre und stilistischer 
Verarbeitung sich zusammensetzenden Werke doch das Natür- 
lichste^) ist, so wäre ein peinlicher Anschlufs an die jedes- 
malige Vorlage geradezu eine wunderliche Laune, ein merk- 
würdiger FaU eines sacrifizio dell* intelletto. 

Kurz, das sogenannte EinqueUenprinzip hat für einen 
abwechselnden Schriftsteller wie Livius nur ausnahmsweise 
einen Sinn, ebei^ da wo sich eine Teilung der Materie von 
selbst ergab. Wer einmal auf einem Schauplatz ein Wech- 
seln der Quelle zugiebt, hat mit dem starren Prinzip eo ipso 
gebrochen. Und wenn man sich auf dasselbe einmal steifte, 
war es nur konsequent, für die ersten Bücher der dritten 
Dekade die Benutzung des Polybios von vornherein auszu- 
schliefsen. Nachdem umgekehrt die Benutzung schon in 
dem von uns betrachteten Abschnitt sich herausgestellt hat, 
fäUt jenes Prinzip von selbst 

Gerade was wir so bei Livius voraussetzen müssen, 
nicht ein vorbedachtes Zurechtlegen der Quellen, wohl aber 
ein meist sehr oberflächliches Einsehen verschiedener, nicht 
immer aller Quellen von Fall zu FaU nur für das Aller- 
nächste, finden wir in der dritten Dekade, besonders im 
Anfang, wo ihm die Vorzüge und Spezialitäten des Coelius 
und Polybios noch nicht vertraut waren. 

Die beiden ei'sten Kapitel zeigen deutlich die Kenntnis 
von Pol. HE 9 — 11, in denen dieser seine Auffassung der 
Ursachen des Krieges begründet Höchst wahrscheinlich 



1) Niebuhr, Vortr. S. 49: „Die Alten haben durchaus diktiert, 
das merkt man an keinem deuthcher als an Livius.^^ 



Rückblick überLivius. 155 



aber hatte Livius auch die Zeitangaben 11 1 und 36, nicht 
jedoch die I 88 gefunden. Dagegen ist er über das folgende 
noch gar nicht orientiert Er weils noch nichts von Hanni- 
bals Fel(^ügen vor Sagunts Belagerung, nichts davon, dafs 
diese selbst einen ganzen Sommer in Anspruch nahm und 
ein Jahr vor Ausbruch des Krieges begann. Daher er für 
den Söldnerkrieg 5 Jahre errechnet, ein Fehler, welcher die 
übelsten Folgen nach sich zieht. Am Schluls einzelnes, be- 
sonders der Hasdrubalische Vertrag (bei Polybios ziemlich 
versteckt 11 13) nach Yaleiius Antias. C. 3 und 4 sind 
ziemlich dunkler Herkunft, gröfstenteils wohl nach einer 
Schulrede. 

C. 5 will Livius eben die Belagerung Sagunts, unzweifel- 
haft nach der glänzenden Schilderung des Coelius beginnen, 
als sein Blick auf Hannibals spanische Kriegszüge Pol. IH 
13 f. fällt. Er nimmt sie auf, unbekümmert darum, dafs er 
damit nun schon in 218 v. Chr. hineingerät; erst bei der 
ersten römischen Gesandtschaft c. 15 angelangt, mufs er ein- 
halten und sich einer römischen Quelle, Yalerius oder Coe- 
lius, zuwenden. Doch bemüht er sich sichtlich, mit Polybios 
Fühlung zu halten und eine sich in der Mitte bewegende 
Darstellung von dieser Gesandtschaft und von Hannibals 
Vorgehen gegen Sagunt zu schaffen. Dabei flicht er die 
Cölianische Hauptdebatte schon jetzt ein, vielleicht erst im 
Laufe der Operation bemerkend, dafs diese Debatte durch die 
Nachricht vom Fall der Stadt, nicht vom Angriff veran- 
lafst ist, xmd dafs dies ein wesentlicher Unterschied. Die 
verschiedene Anordnung der Ereignisse veranschaulicht fol- 
gende Tafel, wobei selbständige Änderungen des Livius im 
Druck hervorgehoben sind. 



156 



Erster Abschnitt. 



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Rückblick über Livins. 157 



Es fällt in die Augen, dafs Livius bei c. 7 in seinem 
Coelius zurückblättern mufste. Er hält aber die Gleichzeitig- 
keit aufrecht: dum ea Eomani parant consultantque, jam 
Saguntiun summa vi oppugnatur. Eine kleine Reminiszenz 
aus Yalerius kommt übrigens in der Belagerung vor, wie 
auch das Ende c. 15 ein wenig nach Polybios modifiziert 
ist Hier sieht sich Livius auch genötigt, die von ihm an- 
gerichtete Verwimmg halb imd halb einzugestehen, wobei 
er sich über den Verlauf des ersten Kriegsjahres bei Coelius 
Rat erholt 

Die Vorbereitungen zum Kriege c. 17 und 20 sind 
naturgemäfs auB römischen Annalen, aber die entscheidende 
Verhandlung im Rate Karthagos und die Erörterung der 
Rechtsfrage sind aus Polybios eingesetzt 

Hannibals Zug beginnt Livius c. 21 — 24 nach Coelius, 
der hier vollständiger als Polybios war, auch mit einer 
schönen Ansprache begann. Doch hat Livius die dem grie- 
chischen Forscher eigene, urkundliche Angabe der karthagi- 
schen Streitkräfte eingeschoben, recht ungeschickt, und ist 
durch das schöne c. 34 beeinfiufst Bei dem gallischen Auf- 
stand a 25 — 26, 2 ist Livius von der anfänglichen Quelle 
(Coelius?) mitten in der Erzählung zu einer entstellten (An- 
tias?) übergegangen; eingesehen mufs er, durch eine Diffe- 
renz der beiden veranlafst, noch ein anderes Annalenwerk 
haben. 

Bei den Vorgängen an der Rhone wird Livius der Vor- 
züge seiner griechischen Quelle inne, und er bleibt ihr bis 
c. 37 getreu, hat jedoch an vielen Stellen Einzelheiten aus 
Coelius eingeschoben, einmal seine Abweichung mit: quidam 
tradunt, angegeben. Der schüchterne Erklärungsversuch an 
dieser Stelle \md das ganze Verfahren überhaupt lassen er- 



158 Erster Abschnitt. 

kennen, dafs er das Tendenziöse der Arbeit des Coelius 
nicht durchschaute, oft nicht einmal die Unvereinbarkeit 
seiner beiden Vorlagen. C. 38 liefert Livius eine Kritik 
über die Ziffern für Hannibals Heer und über den Punkt 
des Alpenüberganges, letzteres selbständig, ersteres wohl 
nach dem Vorgange des Coelius. 

In c. 39 — 44 ist wieder Polybios sein Führer. C. 45 
und von 46 die ersten Sätze dagegen hat er Coelius ent- 
nommen, angelockt durch eine Rede. Das Gefecht am Tessin 
a 46 nach Polybios. Doch hat Livius die bekannte Helden- 
that Scipios, da er sie weder bei Polybios noch bei Coelius 
fand, nach eigner Kenntnis imd anderen Quellen eingesetzt, 
aber nicht ohne die Richtigkeit der Erzähhmg zu bezweifeln. 
C. 47 und 48 sind aus Polybios geschöpft. Sein Bericht 
über den Poübergang wird dem des Coelius gegenüber mit 
Entschiedenheit als der bessere bezeichnet, doch der Urheber 
nicht mit Namen genannt. Zu Ende von c. 48 findet sich 
ein Einschub von Daten aus römischer Quelle. 

Den ersten Rang unter Livius' Gewährsmännern nimmt 
also Polybios ein. Aus ihm schöpft er das Sachliche in der 
Einleitung und fügt nur, was er bei ihm nicht fand, 
den Hasdrubalischen Vertrag, die Charakteristik Hannibals, 
hinzu. Von da an, kann man sagen, legte er Polybios 
für die Kriegsgeschichte zu gnmde, nur für die Belagerung 
Sagunts und den Aufbrach Hannibals den viel detaillierteren 
Coelius. Aber auch innerhalb des sonst naturgemäfs seinen 
römischen Quellen zufallenden Gebietes ist die Erörtenmg 
der Rechtsfrage rein Polybianisch. Blofses Ausschreiben 
seiner Vorlage ohne Zuthaten kommt natürlich vor, so bei 
den spanischen Feldzügen Hannibals, ist aber nicht die RegeL 
Aufser unwillkürlichen Anklängen an die beiseite gelegten 



Rückblick über Livios. 159 



Quellen und Variantenangaben finden wir auch wirkliche, 
bewufste Einschübe aus denselben, z. B. des Polybianischen 
Truppenverzeichnisses mitten in einem Cölianischen Ab- 
schnitt Ja in dem aus Polybios geschöpften Marsch Hanni- 
bols von der Ankunft an der Ehone bis zu den Alpen sind 
dieselben so zahlreich, dafs wir sagen müssen: Livius hat 
neben Polybios noch den Coelius, nicht gerade konsequent 
und genau, aber doch andauernd verglichen und herangezogen. 



Zweiter Absehnitt. 
Der Krieg in Afrika. 

Uesonders günstig für die Kritik des Livius und der 
Quellen überhaupt scheint mir der afrikanische Krieg. Den- 
noch kann ich nicht finden, dafs bisher hier einleuchtende 
Ergebnisse gewonnen sind. Friedersdorff hat seine fnlhere 
Ansicht, 1) dafs die Ähnlichkeit zwischen Polybios imd Livius 
auch hier lediglich auf Quellengemeinschaft beruhe, fallen 
lassen, aber seine jetzige nicht dargelegt Die Wege, welche 
der in meiner Einleitung genannte Kefsler und L. Keller 
gewandelt sind, scheinen mir Irrwege zu sein, obwohl letz- 
terer in dem Hauptpimkt „dem libyschen Ursprung der bei 
Appian aufbehaltenen Tradition" sogar L. Rankes^ und 
Nitzschs^) Billigung gefunden hat ZielinsM, von Faltin 
reich mit Ix)b bedacht, hat gewifs manche Verdienste. Ei- 
hat die Benutzimg des Polybios durch Livius erkannt, die 
Yerwandtschaft von Dio und Appian richtig betont und auf 
CoeUus zurückgeführt. Aber er hat ihi-e Verschiedenheit 
unterschätzt und nicht erklärt, zudem in Aufstellung von 



1) De Livio ot Polybio Scipionis rerum scriptoribus , Göttingen 
1869; Das 26. Buch d. Livius, Progr. Marienburg 1874. 

2) Weltgesch. Bd. DI S. 209. 

3) Gesch. d. röm. Republik S. 186. 



Vorberoitungen Sciploa. 161 



Hypothesen und Aufspüning von Dubletten alles Maus über- 
schritten. 

Polybios, der in diesem ganzen Teil sich als Haupt- 
quelle des Livius zeigt, Hegt vielleicht schon dem Abschnitt 
aus 205 V. Chr. « 549 d. St zu gründe XXIX 1, 1 — 18, 
wo geschildert wird, wie Scipio in Sicilien dem Heere und 
auch der Bevölkerung Vertrauen einflöfst. Mindestens finde 
ich das Kapitel vortrefflich. An dem Satze, dafs Scipio die 
Soldaten bevorzugte, welche mit Marcellus die Belagerung 
von Syrakus mitgemacht hatten , hätte Zielinski keinen Anstofs 
nehmen sollen. Allerdings dürfen wir keineswegs mit Weifsen- 
bom das Heer des Marcellus mit den sogenannten cannensi- 
schen Legionen, welche für den afrikanischen Ki*ieg bestimmt 
worden waren, gleichsetzen. Allein der Senat hatte Liv. 
XXV 7, 4, obzwar widerstrebend, Mai'ceUus anheimgestellt, 
die Cannenser nach Gutdünken zu verwenden.^) Sicherlich 
hatte Marcellus davon Gebrauch gemacht und die Brauchbar- 
sten herangezogen; diese Leute muTsten aber demselben Senats- 
beschluDs zufolge bei Entlassung seines Heeres in die cannen- 
sischen Legionen zurückgestellt werden. In diesen waren 
also allerdings genug, die Syrakus mit belagert hatten. 
Ohne Zielinskis Aufstellungen hier im einzelnen korrigieren 
zu können, mufs ich femer doch daran festhalten, dafs seit 
XXVn 8, 16 aufser diesen beiden, wiederholt durch Nach- 
schub über die Zahl hinaus verstärkten, keine anderen Le- 
gionen, sondern nur die zugehörigen alae und mancherlei 
irreguläre Tnippen in Sicilien gestanden haben. Wenn die 

1) Nur mit dem Beding, dafe keinem Auszeichnungen ver- 
liehen würden. Später XXVI 1,8, nach der Eroberung, besteht 
der Senat wieder darauf, dafs diese Soldatenklasse von Marcellus 
nicht mehr zum Ersatz herangezogen werde. 

Uesselbartb, histor.-krit. Untersach. 11 



162 Zweiter Abschnitt. 



sicilische Armee nach jener Stelle noch 2 Heeren (4 Legionen) 
gleichkam und Scipio 7000 Freiwillige mitbrachte, so be- 
greift sich, wie Scipio nachher 35000 Mann alles in allem 
mitnehmen und doch noch Truppen, wohl den gröüsten Teil 
der Freiwilligen, zurücklassen konnte. Der Ausdruck XXIX 
22, 12: ex is exercitibus qui in Sicilia essent, ist nicht 
von grofsem Gewicht vgl. c. 13, 3, und bei c. 24, 8: quas 
potissimum legiones et quantum militum numerum in Afri- 
cam traiceret, nehme ich als Übersetzimg aus dem Griechi- 
schen an. 

Ich verschiebe die Prüfimg der unter den sonstigen 
Ereignissen des Jahres untergebrachten Landung des Laelius 
in Afrika und dessen, was damit zusammenhängt, und gehe 
zu 204 V. Chr. == 550 d. St. über. Liv. XXEX 23 — 24, 7: 
Den Karthagern gelang es, cum speculis per omnia pro- 
munturia positis percunctantes paventesque ad singidos nun- 
tios sollicitam hiemem egissent, ein Bündnis mit Sj^hax 
abzuschliefsen , cujus maxime fiducia trajecturum in Airicam 
Bomanum crediderant. ^) Hasdrubal, Gisgos Sohn, hatte 
Gaatfreundschaft mit dem König, wie schon (bei dem Zu- 
sammentreffen Scipios und Hasdrubals beim Könige 207/6 
V. Chr.) erwähnt, und hatte ihm auch die Yermählung mit 
seiner Tochter in Aussicht gestellt; jetzt wurde die Hoch- 
zeit vollzogen und zugleich das Bündnis abgeschlossen. Dar 
König wird im ersten Rausche seines Eheglücks (blanditiis 
quoque puellae adhibitis) bestimmt, Gesandte an Scipio 
nach Sicilien zu schicken, die ihn von dem Geschehenen in 



1) Das Plusquamperfekt bieten die Hdschrr. der Famihe des 
Spirensis einmütig gegen das Perfekt des Puteanns. 8. die Ausg. 
von Luchs. 



Vorbereitungen Scipios. — Syphax. 163 

Kenntnis setzen und bedeuten, Syphax werde, wenn er nach 
Afrika übersetze, die Karthager thätig unterstützen. C. 24: 
Scipio weiis die Truppen über den Inhalt der Botschaft zu 
täuschen und durch die Vorspiegelung, Syphax sowohl als 
Maßinissa würden ihnen beitreten, für das Unternehmen zu 
begeistern — ein Kniif ganz derart, dafs er Polybios so 
recht behagt haben mufs. Wenn Polyaen. YIII 16, 7, wie 
Hultsch in den Addenda Bd. 4 vermutet, auch aus Polybios 
geschöpft hat, so hat Scipio sogar geradezu ein Schreiben des 
Syphax untergeschoben und hat Livius also beschönigt. 
Chronologisch bemerke ich folgendes. Nach Polybiani- 
scher Ordnung werden die Vorgänge im Winter mit dem 
folgenden Kriegsbericht verbunden, nach römischer meist mit 
dem vorhergehenden. Livius hat sich damit geholfen, dafs 
er die Angaben über den Winter wenigstens in einem Neben- 
satz erledigt. Dals aber die Vermählung des Syphax nicht 
etwa in demselben Streben von ihm gerückt ist, sondern 
wirklich erst im Frühjahr 204 v. Chr. stattgefunden hat, 
scheint mir sicher. Livius sagt es zu bestimmt und zu oft, 
alB daJß wir glauben könnten, er habe hierin seiner Quelle 
Gewalt angethan: cum . . . hiemem egissent, dann: credi- 
d^unt (nämlich per hiemem), endlich: accensum recenti 
amore. Ganz einleuchtend ist auch die enge Beziehimg, in 
welche die Vermählung mit der Botschaft an Scipio gesetzt 
wird. Ich hebe das hervor, weil wir später finden werden, 
dafs Coelius und Valerius die Vermählung Weit früher und 
mit romantischem Aufputz erzählten. 



1) Damit man nicht Sophoniba überhaupt für nnhistorisch 
halte, verweise ich auf Pol. XIV 1, 4 und 7, 6, wo sie offenbar 
Dicht zom erstenmal auftritt. Beidemal wird sie jtatidiöxrf genannt. 

11* 



1G4 Zweiter Abschnitt. 



C. 24, 8 fF.: Scipio vereinigt seine gesamte Kriegs- 
macht in Lilybaeum. Besonders auf die Cannenser, deren 
Erfalirung im Belagemngskrieg fast mit denselben Worten 
wie bereits im ersten Kapitel des Buches hervorgehoben wird, 
baut er. § 13: quinta et sexta Cannenses erant legiones: 
eas se traiecturum in Africam cum dixisset, singulos müites 
inspexit, relictisque quos non idoneos credebat, in locum 
eorum subiecit quos secum ex Italia adduxerat, (14) supplevit- 
que ita eas legiones, ut singulae sena miUa et ducenos pe- 
dites, trecenos haberent equites. sociorum item Latini no- 
minis pedites equitesque de exercitu Cannensi legit 

C. 25: Quantum militum in Africam transportatum sit, 
non parvo numero inter auctores discrepat. (2) alibi decem 
milia peditum duo milia et ducentos equites, alibi sedecim 
milia peditum mille et sexcentos ecjuites, alibi parte plus 
dimidia rem auctam, quinque et triginta milia peditum equi- 
tumque in naves imposita invetiio, (3) quidam non adiecere 
numerum, inter quos me ipse in re dubia poni malim. Coe- 
lius ut abstinet numero, ita ad inmensum multitudinis spe- 
ciem äuget. (4) volucres ad terram delapsas clamore militum 
ait, tantamque multitudinem conscendisse naves, ut nemo 
mortalium aut in Italia aut in Sicilia relinqui videretur. — 
Nur die höchste Angabe, an der dritten Stelle, dem Ehren- 
platz, ist mit c. 24, 14 vereinbar. Polybios, auf den auch 
Livius bald dai-auf mit: Graecis Latinisque auctoribus cre- 
didi, deutlich genug hinweist, erkennen wir schon an der 
unannalistischen Summierung aller Tnippengattungen. Es 
wird bei ihm gestanden haben: „Scipio verstärkte die Le- 
gionen u. s. w., sodafs die Gesamtzahl 35 000 beti-ug." Die 
anderen Angaben retten zu wollen durch Beziehung auf die 
Römer allein ohne die Bundesgenossen, ist schon im Hinblick 



Scipios Üborfahi"t. 165 



auf die hohe Ziffer der Eeiterei unthunlioh. Sie werden 
auf dem Streben beruhen, die Schwierigkeiten, welche Scipio 
gemacht wurden, zu übertreiben. 

Es folgt bis c. 27 die eingehende Beschreibung des 
Aufbruchs der Flotte nebst einem Rückblick auf die Expedi- 
tionen des ersten punischen Krieges c. 26 xmd mit Anfüh- 
nmg des Gebets c. 27. Wenn letzteres^) aus römischer 
Quelle eingerückt scheint, so ist jener Rückblick, auch was 
die Hervorhebung der grofseren Kampfmittel im ersten puni- 
schen Kriege betrifft, vergl. Pol. I 63, von Polybianischem 
Gepräge. Es mag Polybios dabei Thukyd. YI 31 vorge- 
schwebt haben; nur finde ich keinen sozusagen sklavischen 
Anschlufs daran, vne ihn Sieglin Coel. Antip. S. 59 in unse- 
rer, nach ihm Cölianischen, Stelle nachweisen will, und ist 
nicht daran zu denken, dafs etwa die ganze Szenerie ein 
einfacher Abklatsch aus Thukydides wäre. Polybianisch 
ist also dieses Kapitel, welches nicht nur einen tüchtigen 
ürbericht sondern auch einen sachverständigen Übermittler 
voraussetzt. 

Ei-st das Ende der Erzählung c. 27, 12 bietet eine 
Schwierigkeit, welche ohne Annahme einer zweiten Quelle 
nicht zu lösen sein dürfte. Nach einer wegen anhalten- 
den Nebels nicht gefahrlosen Fahrt erblickt Scipio am an- 
deren Morgen das Hermäische Vorgebirge, weist aber den 
Vorschlag dort zu landen zurück. Abermaliger Nebel zwingt 
ihn vor Anker zu gehen, und als ihm am nächsten Morgen 
das Schöne Vorgebirge in Sicht gemeldet wird, befiehlt er 
mit dem Worte: placet omen, die Landung. 



1) Ein ähnliches hatte Ennius bei der Überfahrt des Fulvius 
Nobihor. L. Müller, Quintus Enoius, Petersb. C. Ricker 1883, S. 111. 



166 Zweiter Abschnitt. 



Nun muTs man Zielinski rocht geben, dafs die Erörte- 
rung über den ersten Vertrag Pol. III 22 die Identität des 
Schönen Vorgebirges mit dem Hermäischen, nicht mit dem 
Apollinischen bei ütica voraussetzt Wäre dieser Schlufs- 
folgening auszuweichen, so wäre alles in Ordnimg. So aber 
bleibt nur die Annahme, dafs eine römische Quelle, welche 
nach der gleich folgenden Schlufsberaerkung Coelius nicht 
sein kann, das omen erfunden und dabei das Schöne und 
das Apollinische Vorgebirge gleichgesetzt hat. 

Der Schlufs lautet § 13: Prosperam navigationem sine 
terrore ac tumultu fuisse permultis Graecis Ijatinisque aucto- 
ribus credidi. (14) Coelius unus, praeterquam quod non 
mersas fluctibus naves, ceteros omnis caelestis maritimosque 
terrores, postremo abreptam tempestate ab Africa classem 
ad insulam Aegimurum, inde aegre correctum cursum ex- 
ponit, (15) et prope obrutis navibus iniussu imperatoris 
scaphis haud secus quam naufragos milites sine armis cum 
ingenti tumultu in terram evasisse. Diese Stelle beseitigt 
erstens jeden Zweifel, dafs Polybios Hauptquelle ist; die 
Berufung auf Graeci auctores noch vor den Latini kommt 
einem Citat des Polybios ziemlich gleich. Über Coelius so- 
dann ergiebt sie im Verein mit der früheren Anfuhrung fol- 
gendes. Er flocht wieder einmal eine ünwetterschilderung 
ein, ohne übrigens das Lokal zu ändern. Livius scheint 
noch nicht gewufst zu haben, dafs Aegimurus vor dem öoK 
von Karthago liegt — XXX 25 giebt er selbst die Lage an, 
aber nach Polybios — und zu zweifeln, ob Coelius mit der 
Erwähnung der Insel im Rechte sei. Unser Schlufs, dafe 
Coelius nicht das Schöne Vorgebirge hineingebracht habe, 
scheint Bestätigung zu finden an Zonaras, welchen wir im 
ganzen afrikanischen Eri^ auf Coelius zurückgehend finden 



Scipioß Überfiahrt. 167 



werden, und welcher IX 12 richtig das Apollinische Vor- 
gebirge als Landimgspunkt nennt. Ob aus: a^re correctum 
cursum, zu folgern ist, dafs nach Cölianischer Auffassung 
dies Vorgebirge auch Scipios Ziel gewesen, während er nach 
Polybianischer ausgesprochenermafsen eigentlich die Emporia 
zum Ausgangspunkt seines Unternehmens ersehen hatte, bleibe 
dahingestellt. Während Polybios mit den nüchternen Zahlen 
und Daten seine Beschreibung begann, suchte Coelius, auf 
den wohl auch: quidam non adjecere numerum, allein ging, 
seine Leser mit einer bombastischen Phrase zu unterhalten. 
Doch bin ich bei den üblen Erfahrungen, welche man aUeni- 
halben mit Livius' Variantenangaben macht, nicht sicher, 
dafs Coelius nicht an anderer Stelle die Starke des Heeres 
berichtet hat, bei welcher Annahme die Zahl derer, die keine 
Ziffer gaben, sich auf Null reduzieren dürfte. 

Nicht gedeckt diu'ch Polybios oder Coelius bleiben das 
omen und zwei Zahlenangaben. Die zweite, auch schon 
einigermafsen niedrige von 16000 Mann und 1600 Pferden 
nehme ich für Valerius Antias in Anspruch, da sie Appian^) 
hat Derselbe hebt die Scipio gemachten Schwierigkeiten 
auch scharf hervor und läfst Scipio mit nur 10 Schiffen 
nach Sicilien gehen, wofür Liv. XXVUI 45, 21 zuverlässig 
30 giebt Übrigens werden sich später Spuren finden, dafs 
es in seiner Quelle an Nachschub nicht gefehlt hat. Dafs 
auch Appians Quelle das Unwetter erzählt habe, liegt nicht 
in den Worten Lib. 13: i^s fjv (seiet. 'itvHtfv) natax^sl^ 
im^ avijdory xa\ avrbg iörpatoTriSsvöe Ttspl avtr/v, 
welche mit einem Ausdruck wie VTtb tov ;^€z/i(»vog . . 



1) Da die Ziffern demnach richtig sind, so fallt das anstöüsige: 
parte dtmidia, statt: altere tanto, livius selbst zur Last 



168 Zweiter Abschnitt. 



Hatr/yorro c. 35 nicht gleichwertig sind und der Poly- 
bianischen Schilderung der Fahrt nicht widersprechen. 

Die auffallig übeiiriebene Ausmalung des Schreckens 
im Lande und in der Hauptstadt Karthago c. 28, 1 — 9 
könnte immerhin Livius frei angefertigt haben. Allein sie 
stimmt ganz zu der Art, wie Coelius nach unseren späteren 
Wahrnehmungen dem afrikanischen Krieg Relief zu geben 
wuTste, und an sein: ut nemo mortalium in Sicilia aut in 
Italia relinqui videretur, klingt bemerkenswert an der Satz: 
ut Telinqui subito Africam diceres. Lügen gestraft wird 
diese Ausmalung alsbald diu*ch ein glückliches Gefecht schon 
am Tage nach der Landimg gegen eine feindliche Rekognos- 
zierung von 500 Pferden, wobei der Führer Hanno, ein 
vornehmer Karthager, fallt. Dann nimmt Scipio eine Stadt 
ein. C. 29, 4: Laetissiraus tamen Romanis in principio 
rerum gerendarum adventus fiüt Masinissae. quem quidam 
cum ducentis haud amplius equitibus, plerique cum duum 
milium equitatu tradunt venisse; über welches quidam imd 
plerique uns bald ein Licht aufgehen wird. 

C. 29, 5 bis c. 33 Exkurs über Masinissas Kämpfe 
um sein väterliches Reich, der auf des Königs eigenen Aus- 
sagen beruhen und, wie Weifsenborn anmerkt und schon 
die Namensformen 1) zeigen, aus Polybios stammen muis. 
Der Inhalt ist, soweit er uns interessiert, folgender: Wäh- 
rend Masinissa in Spanien kämpft, stirbt sein Yater Gala, 
König der Mäsulier. Das Reich geht auf dessen Bruder 
Oezalkes, nach dem Tode desselben und einigen Wirren 
auf dessen jungen Sohn Lucumazes oder eigentlich auf 



1) Der Namo Oezalkes z. B. taucht in der römischen Form 
Isalca Liv. XXTIT 18 auf. 



Die ersten Gefechte. — Masinüvsa. 1 G9 



einen gewissen Mazaetullus als Vormund über, welcher 
durch verschiedene Verbindungen seine Stellung befestigt. 
Auf die Nachricht von diesen Vorgängen setzt Masinissa 
nach Mauretanien über und bemächtigt sich von da aus 
seines väterlichen Reiches. Mit Lucumazes sowohl als 
Mazaetullus findet ein Ausgleich statt. Aber Hasdrubal, 
der gerade bei Syphax war, bewegt diesen, dem der Hader 
in dem NachbaiTeich eigentlich gleichgültig war, mit Masi- 
nissa Streit anzufangen durch Besetzung eines von frühe- 
ren Zeiten her den Mäsuliem bestrittenen Gebietes. Masi- 
nissa wird wiederholt geschlagen, sodafs er flüchtig die 
ganze Zeit umherirrt bis zu Laelius Landung. C. 33, 10: 
Haec animum inclinant, ut cum modico potius quam cum 
magno praesidio equitum ad Scipionem quoque postea ve- 
nisse Masinissam credam. quippe üla regnanti multitudo, 
haec paucitas exulis fortunae conveniens est. So der 
Exturs. 

C. 34: Die Karthager bringen 4000 Heiter zusammen 
unter der Führung von Hanno, Hamilkars Sohn, welcher in 
Salaeca lagert, indes Scipio vor ütica liegt. Durch folgende 
Liist wird diesem Corps eine Niederlage bereitet. Masinissa 
lockt durch kühne Neckereien die feindliche Reiterei zu un- 
geregeltem Angriff und ermüdender Verfolgung heraus. Da 
stürzen die römischen Reiter aus dem Hinterhalt hervor, 
töten im Gefecht selbst Hanno nebst 1000 Mann imd bringen 
auf der Verfolgung den Feinden noch 2000 Mann Verlust 
bei, worunter 200 vornehme Karthager. C. 35, 2: Duos 
eodem nomine Carthaginiensium duces duobus equestiibus 
proeliis interfectos non omnes auctores sunt, veriti credo, 
ne falleret bis relata eadem res: Coelius quidem et Valerius 
captum etiam Hanuonem tradunt. 



170 Zweiter Abschnitt. 



Die natürlichste Annahme, dafs nämlich beide Reiter- 
gefechte wie auch der mitten inne stehende Exkurs Poly- 
bianisch sind, wird weiter bestärkt durch die hochwichtige 
Variantenangabe. Livius fand bei Coelius und Antias, sei- 
nen bedeutendsten römischen Quellen, ein Gefecht gar nicht 
und eines anders berichtet, zweifelt jedoch nicht, dafs auch 
sie zwei Gefechte vorgefunden. Es gilt aber femer, eben 
diese beiden schärfer ins Auge zu fassen und durch genaue 
Vergleichung von Zonaras und Appian hinter den von Livius 
nur leicht gelüfteten Vorhang Einblick zu gewinnen. Anzu- 
merken ist hier freilich, dafs die Stelle ein anderes Aus- 
sehen bekommen würde, wenn man mit Luchs das etiam 
striche, das im Puteanus, nicht aber in der Familie des 
Spirensis steht. Dann wäre die Deutung allenfalls möglich, 
dafs Coelius und Valerius mit den non omnes gar nichts zu 
schaffen hätten, dafs sie auch zwei Gefechte berichteten und 
nur in bezug auf Hanno — freilich auf welchen? — ab- 
wichen. Allein das etiam ist echt Livianisch vgl. die ganz 
ähnliche Stelle XXTT 31, 8. Und schon der Umstand, dafis 
Auslassungen in beiden Zweigen der Textesüberlieferung 
ebenso häufig als Interpolationen selten sind, hätte Luchs 
von der Bevorzugung seines Spirensis hier abhalten sollen. 
Wer Livius' Art kennt, wird über die Deutung nicht in 
Zweifel sein. Er zerlegt seine Beobachtung in zwei Teile, 
weil nur der erste, negative Teil ihn zu einer Vermutung 
veranMst. Durch den Ausdruck: non omnes, erspart er 
sich die Nötigung, seinen Trumpf Polybios und überhaupt 
seine wenigen Karten aufzudecken. In dem Nebenpunkt: 
captum Hannonem tradimt, konnte er schon eher die Namen 
nennen, ohne eine Widerlegung durch gegenteilige Zeugnisse 
zu versuchen. 



Aufschlufe übor Coolios und Antias. 171 

Fixieren wir aber, bevor wir auf Zonaras und Appian 
eingehen, die Chronologie des Polybianischen Exkurses. Als 
Masinissa mit den Eömem anknüpfte, Liv. XXVlll 16, 
206 V. Chr., wird natürlich sein Yater nicht mehr regiert 
haben. ^) Seine Abreise aus Spanien nach Mauretanien muTs 
gleich nach der Unterredung mit Scipio ib. c. 35, zugleich 
mit Magos Abzug von Qades gesetzt werden. Es steht aber 
fest, dafjs Hasdrubal, Gisgos Sohn, schon vorher Spanien 
endgültig verlassen und sich mit 7 Schiffen zu Syphax be- 
geben hatte, bei welchem er zugleich mit Scipio eingetroffen 
war c. 17 f. Dies ist der noch zu erwähnenden Darstellung 
Appians gegenüber festzuhalten. Später, nachdem Masi- 
nissa sich in den Besitz seines väterlichen Beiches gesetzt, 
hat dann Hasdrubal, der sich noch immer oder wieder ein- 
mal bei Syphax aufhielt, diesen gegen Masinissa aufgehetzt 
Die Vermählung mit Sophoniba endlich fallt in das Früh- 
jahr 204. 

Wie also erzählte diese Dinge Dio? Zonar. IX 10 ver- 
zeichnet die Räumung von Gades, sowie dafs 6 Maöiviööa^ 
rötq ^Pooßuxiotg Ttpogsxoopfföev, und führt aus, dafs Masi- 
nissa deshalb die Partei gewechselt habe, weil Hasdru- 
bal seine ihm versprochene Tochter, ein Wunder 
von Anmut und Bildung, dem Syphax gegeben habe, 
dessen römische Gesinnung ihm bei einer Zusammenkunft 
(r<p ^vtpaxt övyysvo/ievois) — jedenfalls meint er die 
berühmte — kund geworden sei, und ihm auch des Masi- 



1) Pol. XXXVn 10, 2 rechnet wohl den Tod des Vaters als 
Anfang von Masinissas Regierung, welcher 148 v. Chr. starb, wenn 
er ihm ^e 60jährige Regierung zuschreibt. Danach auch Plin. N. H. 
VII 48. 



172 Zweitor Abschnitt. 



nissa Erbe rov natpots avtov rote ^^avovtog in die Hände 
gespielt habe. C. 12 kommt Zonaras auf Masinissa zurück 
und erzählt, die Karthager hätten Syphax aus Furcht vor 
Scipio bewogen, vorläufig zum Schein Masinissa sein 
Reich wiederzugeben. Der habe es angenommen Iva 
TTiötog vo/jit6^€i^ jiiya ti ötpijXai avtovg dvvr}^^' }JiäX- 
Xov yap vTtep tffg Soq^coyidog ^ r^s ßa6iktia<s oopyüisto. 
Nach Scipios Landung heifst es dann, dafs yivvooVy 6 tn- 
Ttapxogy vlbg oov rov jiödpovßov rov riöyoovog ave- 
TtBiö^rf npog rov Maöivlööov ini^iö^ai avroig. o ovv^) 
^Kinlaov iTtTtiag Ttißiipag rivag x^P^^ Ttpog xaraöpo/iffv 
iTttrijöeta iXtfi^sro, ?v' vTto^evyovreg iniönaöGovrau 
Die römische Reiterei läfst sich verabi-edetermafsen schlagen. 
Die Yerfolger aber werden von Masinissa und dem Hinter- 
halt Scipios in die Mitte genommen. Viele kommen um, 
viele werden gefangen, darunter Hanno selbst. Er wird 
gegen l^Iasinissas Mutter ausgetauscht. 

Appians Erzählung ist detaillierter, aber ähnlich. In 
einigen Funkten kann man darnach Zonaras ergänzen. So 
mag die Nachricht, dafs Masinissa in Karthago (zu denken 
ist vielleicht: im Hause Hasdrubals) erzogen sei, bei Zonaras 
an der angeführten Stelle und P 442 A zufällig fehlen; wie 



1) Nachdem Hanno schon zum Angriff überredet ist! Also 
zweifache Motivieiimg eines Faktums. Wir können hier Dio nach 
Appian konigieren, bei dem Hanno ledighch auf Masinissas Ver- 
anstaltung vorrückt, um Utica zu besetzen, und unterwegs plötzlich 
aus dem Hmtorhalt angegriffen wii'd, ohne dafs ein Hervorlocken 
zum Kampfe u. s. w. vorausgegangen ist. Diese ist vielmehr eine 
Zuthat Dios aus Livius, bei dem bekanntUch Masinissa schon auf 
seiton der Römer steht und mit seinen Numidern,^wa8 viel 
passender ist, plänkelt und neckt. 



Aafschlars über Coelins und Antias. 173 



denn ein fernerer Zug bei Coelius, nänüich dafs Masinissa 
jünger gemacht wurde, erst bei dem spanischen Kriege zum 
Jahr 213 V. Chr. von mir wahrscheinlich gemacht werden kann. 
Jedenfalls ist jedoch Appians Bericht über den Par- 
teiwechsel eigenartig. Iber. 37 nämlich motiviert er 
Masinissas Zusammenkunft mit Scipio^) damit, dafs die ihm 
verlobte Tochter Hasdrubals tov tote ol övvovtog 6t pa- 
tffyov von den Karthagern hinter Hasdrubals Rücken 
(ovöhv tov jiöSpovßov nv^opisvot) dem Syphax gegeben 
sei. Masinissa habe das, obwohl es Hasdrubal ihm verheim- 
lichte, gemerkt. Auch Lib. 10 sind es die Karthager, welche 
beunruhigt durch den Verti-ag zwischen Scipio und Syphax, die- 
sem die Jungfrau geben ayvoovyrcov xai ovtcov iv Jßr}piqc 
liödpovßov Hai Maöavdööov, Masinissa verbindet sich 
nun mit Scipio. Hasdrubal aber, der es gemerkt hat, fühlt 
sich zwar auch selbst durch die Karthager gekränkt, stellt 
aber im Staatsinteresse Masinissa nach. Dieser ent- 
kommt und besteht mancherlei Kämpfe mit Syphax imd den 
Karthagern. C. 13 nach Scipios Überfahrt (sie) vergleichen 
sich diese mit ihm in betnigerischer Absicht. Masinissa geht 
Kum Schein darauf ein, meldet aber alles an Scipio. Nach 
einer nächtlichen Besprechung mit ihm geht dann die Über- 
listimg des „Hipparchen Hanno" vor sich 30 Stadien von 
ütica beim Turme des Agathokles. Der Führer mit 400 
seiner erlesenen Reiter wii-d gefangen, die anderen nieder- 
gemacht. Zum Schlufs die Auswechselung gegen Masinissas 
Mutter. 



1) Bei inepaöE tov icopS^tov ist an die Überfahrt von der 
Insel Gades aufs Festland zu denken. Appian meint allerdings wohl 
die Meerenge. 



174 Zweiter Abschnitt. 



Es sind zwei Stufen von Erfindungen, welche Dio und 
Appian uns darstellen. Jenes Quelle hat aufser dem Be- 
streben zu unterhalten offenbar der Wunsch beseelt, nachdem 
die Römer so oft das Opfer einer fraus punica geworden, 
auch einmal gegen die Karthager eine solche spielen 
zu lassen; hier liefs sich das herrlich machen, ohne dafs 
die Römer oder auch nm- ihren Bundesgenossen irgend ein 
Vorwurf traf. Masinissa schlägt ja die Kai'thager, die ein 
betrügerisches Spiel mit ihm treiben wollten, nur mit ihren 
eignen Waffen. Die Heirat des Syphax femer ist früher 
gesetzt, ins Jahr 206 v. Chr., und mit einem beson- 
deren romantischen Hintergrund versehen, sodafs 
Masinissas Parteiwechsel damit motiviert werden 
konnte. Dafs Hanno zu einem Sohne Hasdrubals gemacht 
ist, giebt der Sache erst recht ihre Pointe. Die historische 
Wahrheit kam bei dem allem sehr zu kurz und die Aus- 
wechselung am Schlufs zeigt, dafs der Erfinder zu der Sorte 
gehört, welche Polybios einmal die aSt07ticftoo(S ipevSojÄevoi 
nennt. 

Es hat seinen guten Grund, dafs weder Zonaras^) noch 
Appian das erste, übrigens sehr unbedeutende, Reitergefecht 
berühren. Masinissa war diu-ch die Erfindung so sehr Mittel- 
punkt der Handlimg geworden, in seinem Verrat konzen- 
trierte sich das dramatische Interesse so, dafe dies Schar- 
mützel kiu'z vor der Hauptaktion nur störend gewesen sein 
würde. Ein kürzUches ungünstiges Gefecht würde es nicht 
glaublicher machen, dafs Hanno auf den Plan Masinissas 
eingeht. 



1) Sein Schweigen wird bestätigt durch Dio fr. 59, 63. 



Aufischlars über Coelius und Antias. 175 

Bei Appian ist die Hauptänderang^) gegen Zonaras, dafs 
die Karthager, nicht Hasdrubal, Masinissas Braut 
dem Syphax geben, wie sie auch nachher am Kriege gegen 
ihn thätig teilnehmen Lib. 11 f. und wiederum Syphax 
sich am Krieg gegen die Römer lebhafter beteiligt. So 
wurde Masinissas Hinterlist gegen den karthagischen Staat 
noch besser gerechtfertigt Aber Hasdrubal durfte nicht 
schuldlos dastehen; deshalb stellt er dem heimkehrenden 
Masinissa nach. Diuxih diese ganze Wendung wurde es 
wohl freilich nötig, Hasdrubal länger in Spanien verweilen 
zu lassen. Hier traf es sich nun glücklich, dafs Scipio 
nach Appian, wie wir in unserm vierten Abschnitt sehen 
werden, bei seinem Besuche am Hofe des Syphax nicht 
von dem aus Spanien mit einer Flotte abgerückten 
Hasdrubal, sondern von karthagischen Gesandten 
fast gefangen worden wäre, dafs also Hasdrubal nur 
persönlich (um bald nach Spanien zurückzukehren) dort zu 
sein brauchte. Eine Erfindung arbeitete der anderen in die 
Hände. Inwieweit das Detail bei Appian, z. B. der Turm 
des Agathokles (von der berühmten Belagerung üticas her) 
seiner Quelle eigentümlich gewesen ist oder schon in Dies 
Quelle gestanden hat, steht dahin. 

Wir haben jetzt ein ziemlich bestimmtes Zeugnis da- 
für, dafe Dies Quelle Coelius, Appians Yalerius war. Yen 
diesen beiden wissen wir ja, dafs sie nur ein Reitergefecht 
hatten, in dem der Führer Hanno gefangen wurde; imd 
ebendieselben meint Livius gewifs mit den plerique, welche 



1) Bas ist eine der Differenzen, welche Ziehnski durchaus nicht 
erklären kann. BaJs manche andere auf Nebenbenutzung des Livius 
durch Bio beruhen, hat er wohl erkannt. 



176 Zweiter Abschnitt. 



gegen Polybios den Masinissa mit einem grofsen Eeiter- 
corps zu den Römern stofsen liefsen. Alle drei auffallende 
Eigentümlichkeiten sind charakteristische Züge der Yeraion, 
die wir bei Dio und in neuer Bearbeitung bei Appian vor- 
finden. 

Mustern wir von dieser Grundlage ausgehend die Kapitel 
nochmals, welche Scipios afrikanischem üntemelimen vorauf- 
gingen, so scheint mir ein Abschnitt wenigstens Handhaben 
für die Kritik zu bieten, nämlich die Landung des Lae- 
lius Liv. XXIX 3, 6 bis c. 5, 1. Tendenziöse Übertreibungen 
oder Erfindungen scheinen mir die Herleitung aus Coelius 
zu rechtfertigen. Ers\'ähnt wird dieser Beutezug — denn 
Stimmung im Heere zu machen war der eigentliche Zweck — 
auch in dem Polybianischen Stück c. 1, 14. Aus dieser Stelle 
ergiebt sich auch die Zeit, Herbst 205 v. Chr. Denn die Worte, 
mit welchen Livius den Bericlit einleitet: ita Hispaniae rebel- 
lantis timiultu . . . compresso in Africam omnis terror versus, 
sind nach Weifsenboms treffender Bemerkung Übergangsphrase 
und würden noch nichts beweisen. Die Livianische Ortsangabe 
Hippo Regius stimmt nicht. Dorthin hätte Masinissa von der 
Wüste aus kaum so schnell gelangen können; vielmehr war 
Laelius' Ziel, wie eigentlich auch Scipios nachher, walir- 
scheinlich die Gegend der Emporien. Zielinskis Versuche, 
in Byzacium ein Hippo nachzuweisen, lasse ich auf sich 
beruhen, umsomehr als Coelius den Ort absichtlich geändert 
haben kann. Es könnte so z. B. die Rückgabe des väter- 
lichen Reiches an Masinissa besser motiviert sein. 

Die Anspielungen auf Syphax als Kiiterium für die 
Herkunft unseres Berichtes zu verwenden, versucht man ver- 
geblich. Zu der Stelle: jam reges Syi)hacem post colloquium 
cum Scipione alienatum, Masinissam aperta defectione in- 



Bekofoioszienukffsftihrt des Laelius. 177 



festissimum, ist zu bemerien, dafe die Worte einer rhetori- 
schen Ausmalung der üblen Lage Karthagos angehören. 
Nachdem der erste Schreck überwunden, werden vielmehr 
c. 4, 4 unter anderen Gesandte ad Syphacem aliosque regulos 
firmandae societatis causa geschickt Und in den Anträgen, 
welche Masinissa dem Scipio durch Laelius macht, heifst es: 
Syphace impedito ßnitumis bellis, quem certum habere, si 
spatium ad sua componenda detur, nihil sincera fide cum 
Eomanis acturum. So bestimmt — wird man mir min- 
destens zugeben — sind alle diese Aeufserungen nicht, dafs 
man das Stück einem Scluriftsteller (Coelius) absprechen 
müfste, nach welchem Syphax schon mit Sophoniba vermählt 
und also mit Karthago verbündet war. Coelius aber halte 
ich für die Quelle und keinenfalls Polybios, weil, von der 
geographischen Schwierigkeit und den naves longae abge- 
sehen, mir die Beschlüsse, zu denen die Rekognos- 
zierung des Laelius die Karthager veranlafst, höchst 
bedenklich vorkommen. Aufser den schon erwähnten Ge- 
sandtschaften und einer an Philipp von Makedonien, die 
200 Talente für das Übersetzen nach Italien oder Sicilien 
verspricht, berichtet Livius: missi et ad suos imperatores in 
Italiam, ut omni terrore Scipionem retinerent; ad Magonem 
non legati modo, sed viginti quinque longae naves, sex milia 
peditum, octingenti equites et Septem elephanti, ad hoc 
magna pecunia ad conducenda auxilia, quibus fretus propius 
urbem Bomanam exercitum admoveret. Ähnlich Zonar. P. 
437 B: ovtco 6' ol Kapxr/^ovioi rffv op^rfv avtov (des 
Scipio) iöetöavy Sgte XPW^'^^ /*^^ '^^ ^iKinnw (ftetXat, 
?y' efe tf^ ^ItaXiav örpatsvö^, Ha\ ttpyivvißa Hai 6trov 
Tti/i^at Ka\ örparioatagy xal ravg t(p Mdyoovt xal 
Xpr/fiata, Iva rbv 2Kinlcova xcaXvd^ nepatoo^fjyai, 

Hesselb&rth, histor. - Icrit. Untersuch. . 12 



178 Zweiter Abschnitt. 



Appian. Lib. 9: Kapxv^ovioi de xavta Ttt/t^^avo/ievot 
WöSpovßav ixkv tbv riöxcovo? in), ^ripav iXEtpavtcov 
iBtinBfjLnoVy Mdyoovi 6^ oL^(p\ rffv Aiyv&tivriv ^Bvayovvti 
nsZoi)^ aTtiöreXkov i^ eSaxtgxt^iovg xal iTtTtiag oxta- 
xoölovg xal iXitpavtag entdy xai Ttpoghaööov avt(p etc. 
Dann noch Rüstungen Hasdnibals nach beendigter Elefantenjagd. 

Geld und Transporte mag die karthagische Regierung 
damals abgesandt haben. Von Truppen hat sie sich bei der 
täglich drohenden Gefahr schwerlich zu gunsten Magos 
entblöfst. Mir scheint, dafs Coelius die Karthager ihren 
Schrecken vor Scipio in dieser auffallenden Weise hat 
bethätigen lassen. Auch später legt er der Gefährdung 
Italiens von selten Magos eine ungebührliche Bedeutung 
bei. Appians Quelle hätte dann jene Mafsregeln der kartha- 
gischen Regierung ihm nacherzählt und überdies vielleicht 
durch die doch auch wenig vertrauenerweckende Beauftragimg 
des ersten karthagischen Feldherm mit dem Elefantenfang 
verstärkt. Was wir aber bei Livius von der Ausführung 
dieser Beschlüsse lesen, wird in meinem fünften Abschnitt 
zur Sprache kommen und meine Annahmen erhärten. 

Ich kehre zum Rest von 204 v. Chr. zurück, wobei 
besonders einige Züge von Appians QueUe hervortreten. 

Nach Liv. c. 35 legt Scipio Besatzung nach Salaeca, 
macht Beutezüge und beginnt ütica zu belagern, giebt aber 
nach 40 Tagen das Unternehmen auf, als Hasdnibal und 
Syphax mit starken Heeren herankommen, imd bezieht in 
der Nähe auf einer Landzunge ein Winterlager für Ijandheer 
und Flotte. Vermutlich liegt auch hier wie in den letzten 
Kapiteln Polybios zu gründe. Dafür spricht der letzte Satz 
sehr deutlich: haec in Africa usque ad extremum auctumni 
gesta. In der That berührt Livius nach Polybianischer Weise 



Rest von 204 — 208 v. Chr. 179 

die Ereignisse des Winters erst zum nächsten Jahre XXX 3, 3, 
wie es auch XXIX 23 der Fall war. 

Von den beiden anderen Autoren erwähnt Zonaras nur 
Beutezüge und Befreiung vieler römischer Gefangenen, Appian 
auTser diesem folgendes. C. 15 Belagerung einer Stadt Locha 
(vieUeicht = Salaeca) und dabei Strafgericht Scipios wegen 
des entg^en dem Signal angerichteten Blutbads; also eines der 
Stückchen, welche den Yorwurf, Scipio verstatte seinen Sol- 
daten zuviel, widerlegen sollen. Dann grofser Sieg der von 
Hasdrubal und einem Mago in die Mitte genommenen Römer, 
wobei sie 5000 töten, 1800 fangen und die übrigen „die Fel- 
sen hinabstofsen"; in der Quelle offenbar ein umständliches 
annalistisches Schlachtgemälde. Kach Appian verwandelt fer- 
ner c. 16 Scipio die Belagerung üticas schon vor Ankunffc 
der Feinde in blofse Einschliefsung. Auch diese Belagerung 
mufs in der Quelle mit allem Pomp in Szene gegangen sein. 

Viel charakteristischer ist die eigentümliche Stellung, 
welche Zonaras und Appian zu dem nächsten grofsen Er- 
eignisse nehmen. 

203 V. Chr. =- 551 d. St. Scipio hatte zwar den Win- 
ter über die Sicherung des Meeres, die Belagerung üticas, 
auch die Annäherung an Syphax, von dem er annahm, dafs 
er seiner Gemahlin bereits etwas überdrüssig geworden, nicht 
aus den Augen verloren, geriet aber im Frühjahr auf dem 
schmalen Streifen Land gegenüber den mittlerweile herange- 
rückten beiden grefsen Heeren de& Hasdrubal und des Syphax 
und der feindlichen Flotte in üble Lage. Durch einen wun- 
derbar klugen imd kühnen, vom Standpunkt der Moral aus 
jedoch ziemlich anfechtbaren Streich gewann er mit einem 
Schlage freie Hand Pol. XIV 1 — 5. Er ging nämlich zum 
Schein auf Verhandlungen mit Syphax ein, um durch die 

12* 



1 80 Zweiter Abschnitt. 



Unterhändler und ihr Gefolge, verkappte Offiziere, die öfter 
gewechselt wurden, dessen Lager und die Gelegenheit zu 
einem Überfall aufs genaueste erforschen zu lassen. Als 
dieser Zweck genügend erreicht war, drang er, um den 
König noch mehr von seiner Friedensliebe zu überzeugen, 
auf endlichen Abschlufs der Präliminarien auch von Seiten 
der Karthager. Nachdem die Zusage des Hasdnibal und des 
Sypliax nun eingetroffen, schickt Scipio die Meldung zurück, 
dafs trotz alles Zuredens sein Kriegsrat den Vertrag leider 
verworfen habe. Syphax, unangenehm enttäuscht, geht mit 
der Meldung zu Hasdrubal, um mit ihm Kriegspläne zu 
besprechen. Doch ahnen beide nicht, dafs der venneintlich 
so friedensdurstige Scipio alles auf den nächtlichen Anschlag 
vorbereitet Dieser Anschlag richtet sich in erster Linie 
auf das Lager der ganz sorglosen Numider, welches 
aus zusammenhangenden Hohrhütten besteht und nur in sei- 
nem ursprünglichen, geringeren Umfang mit einem Wall 
umgeben ist. Es wird von Masinissa und Ijaelius in Brand 
gesteckt; die Numider kommen in den Flammen um oder 
werden wehrlos niedergemacht Als nun aus Hasdrubals 
Lager die Leute in der Meinung, es handle sich um ein 
zufällig ausgebrochenes Feuer, zum Helfen oder Zusehen 
herauskommen, werden auch sie und ihr Lager von Scipio 
überfallen. Auch die Zelte der Karthager, aus Hölzern und 
Astwerk {^vXÄixg) bestehend, gelingt es anzuzünden. Poly- 
bios malt das entsetzliche Durcheinander aus, welchem nur 
die Führer mit wenigen entrinnen. Von Hasdrubals Heer 
(30000 Mann 3000 Pferde) sammeln sich nachher wieder 
2000 Mann 500 Pferde. Da das numidische Heer 50000 
Mann 10000 Pferde betragen hatte, so ist der Verlust bei 
Polybios ein kolossaler: ai Xotnai ^ivpiaSeg — zu beziffern 



Der sogrenannte Lagerbrand. 181 

pflegt Polybios die Toten nicht, wo eine Zählung ausge- 
schlossen ist — und man mag einen Teil davon Übertrei- 
bungen des Laelius und Masinissa zu gute halten, bei denen 
Polybios gewifs über diese „schönste und wunderbarste 
That" Scipios Erkundigungen eingezogen hat 

Das Verfahren Scipios sah einer Verletzung des Gesandt- 
schaftsrechtes täuschend ähnlich und war besonders unritterlich 
gegenüber seinem früheren Gastfreund, der allerdings jetzt den 
Karthagern befreundet war, aber sich noch an keiner offenen 
Feindseligkeit beteiligt hatte. Eine formelle Kriegserklärung 
war römischerseits allerdings nicht erforderlich, da der König 
zwar amicus war, aber nicht in Bündnis mit Bom stand. 

Livius hat sich XXX 3 — 6 so ganz Polybios ange- 
schlossen, dafs ich kein Ende finden würde, woUte ich alle 
Ähnlichkeiten im einzelnen durchgehen. Nur giebt er c. 3 , 6 
nebenbei an, dafs nach Antias Syphax selbst zu Scipio 
gekommen sei, und c. 4, 8 setzt er beschönigend hinzu, 
dafs die von Scipio übersandten Bedingungen glücklicher- 
weise nur mit einigen erschwerenden Zusätzen von Hasdru- 
bal und Syphax genehmigt seien. Dann finden wir erst 
Ende des c. 6 in den Verlustangaben wieder Fi'emdartiges. 
Hier hat dem Livius sein kurzes Gedächtnis wieder einmal 
einen Streich gespielt. Es mufs ihm gänzlich entschwunden 
gewesen sein, dafs er XXTX 35, 10 die Stärke der Heere 
wie Polybios ang^eben hat. Denn da auch er nur wenige 
entkommen läfst — er bezieht sogar die Zahlen 2000 und 
500 auf die Gesamtzahl der Flüchtigen i) — so hätte er. 



1) Magna pars saucii afflatique incendio, ist dabei uDpassend 
von den die Ausgänge versperrenden Tieren und Menschen auf 
die entronnenen Menschen übertragen: at te öioSoi TcXrjpet^ tföay 



182 Zweiter Abschnitt. 



wie Polybios, den Leser selbst die Gröfse des Verlustes 
ermessen lassen können. Statt dessen hat er, offenbar Yer- 
lustziffem bei Polybios vermissend, solche anderswoher ein- 
gesetzt, ohne zu bemerken, dafs dieselben mit jenen Daten 
gar nicht zu vereinigen sind. Über diese Ziffern später. 

Bei Zonaras wie Appian liegt nun erstens deutlich die 
Tendenz vor, Akte der Feindseligkeit, ja der Hinterlist 
von Syphax zu berichten. Zweitens aber greift trotzdem 
Scipio bei Appian ausschliefslich Hasdrubais Lager 
an, welche Beschränkung der Feldherr des breiteren vor 
seinem Kriegsrat zu rechtfertigen für gut hält, und in Dios 
Quelle ist es allem Anschein nach gerade so gewesen, 
wenn auch er selbst sich der Livianischen Darstellung ge- 
nähert hat 

Schon nach dem Reitertreffen im vorigen Jahi*e hat es 
Dio fr. 57, 67 gehoifsen, dafs Syphax, besorgt um Masi- 
nissas willen, rrfv te TtpogTtolrfroy npo^ tovg 'Pcopiaiovg 
(ptXlay aTteiTts Kai roi^ KapxtjSovioig (pavBpdb^ 6wyi- 
peto, wenn auch nicht in offener Schlacht. Das neue Jahr 
beginnt Zonar. P. 438 C damit, dafs Scipio rrfv re Atßvrfv 
ixanov xai ratg noXaöi TCpogißaXXe und ein genommenes 
Schiff mit Karthagern an Bord, welche vorgaben, Gesandte an 
ihn zu sein, frei liefs, obwohl er die List erkannte. Dann 
die Vermittlungsversuche des Syphax, welche natürlich nicht 
ernst gemeint sind. Der Abbruch der Verhandlungen aber 
erfolgt aTt^ svXoyov dtf ttvog öHi^tl^ecog, äXXoag re xai 
Ott 6 2v<paS inißovXjEvoov itpoopd^^tj r« Maöiviööfr, 
Ausspioniert sind von Scipio allerdings beide Lager; beide 



inicoov vito^vyiojy dvöptaVy rcov ßilv rjfii^yiftoov xa\ 8i£<p^ap- 
fiivGjy vnb tov nvpbs tdöv 6\ i^nrorjuivoDy u. s. w. 



Der srncenannto Lagerbrand. 1 83 



werden auch schliefslich angezündet. Dafs aber die beiden 
Lager die Holle getauscht haben, dafs nicht das numidische, 
sondern Hasdrubals in erster Linie überfallen wird, 
auch das leichter gebaute ist, können wir im Hinblick auf 
Appian für mehr als eine Verwechselung erklären. Ich bin 
überzeugt, dafs in der Quelle sogar wie bei Appian nur 
das karthagische Lager das Ziel des Angriffs war und 
erat Dio diese Darstellung nach Livius vervollständigt hat. 
Ob die Quelle noch in weiteren Zügen mit Appian stimmte, 
ob z. B. die Ausspionierung etwa auch ganz beseitigt war, 
wissen wir nicht. Die kurzen Worte des Zonaras lauten: 
vvxrbg ö' i^X^^ev ek ta (ftparoTteda aiytcav ov ndw 
aXXi^Xwv diixovta xa\ nvp ig to tov jiööpovßov TtoXXa- 
XO^ev äpia vnißaXe. xai i/jLTtptfö^iytog p^&ta avtoVy 
ix yap (pvWaöoav imnolriyto avroig ai öxrfvai, 61 re 
Kapxrföoviot xaxcog an-qXXa^av xa\ oi Tcepl tov 26- 
ipaxa ßoTf^Tjöai avroig iS^eXr/öavteg toig te ^Pca^aiotg 
toig nspiixovöt nBpiineöov xai avrol anaoXovto xai to 
ÖtpatOTteöov npogavETtprjö^ti avtcav xai i<p^apr]6av 
noXXoi xa\ innoi xai av^poonoi. 

Bei Appian vollends sind jene Tendenzen mit einer 
staimenswerten Gründlichkeit zur Geltung gebracht. Der 
Leser wird sich denken, dafs ich als Quelle desselben 
wiederum Valerius Antias betrachte, und wird mir sogleich 
die Frage vorlegen, ob denn nun Appian, wie Antias zu er- 
zählen beliebte, — bei Coelius fand Livius davon offenbar 
nichts — Syphax selbst zu Scipio kommen läfst. Die Stelle 
Lib. c. 17 heifst: (Syphax, um für die Karthager Zeit zu 
neuen Rüstungen zu gewinnen,) iTtexBipet ötattäv öta- 
Xvöetg xai iötxaiov iifftB 'Pao/ialovg Jtßvrfg ^YftB 
KapxTfSoviovg 'itaXiag iTttßaivstr ini TtoXi/^a), ix^ir 



184 Zweiter Abschnitt. 



dh 'Poo^alovti SixsXlav xal 2apdco xal el ttvats aXka^ 
VTföovg f;ifOLr(Jz xa\ ^Ißt/piav. ffV öi tig a7t€i^^y totg 
TTst^o^ivoKs i<ptl öv/^fiaxV^^^''^' ^M^ ^^ tavr^ inpaööt 
xal MaöavdööTfv irteipa ^sta^iö^at Trpog avtov, trfv 
t€ MaöövXiwv apxijy avxcp ßeßauiiöetv vniöxyovfjLBvog 
xal tc3v ^vyardpcjv tpidbv ovödov dcoöetv ig ydfiov rfv 
av iS^iXif, e^epe 6' 6 tavra Xeycav j/)tF(J/ov, ?ya, sl 
fitf TrsiöeiEy Soitj tdav ^epaTtevtr/pcay avtov r(p xtsivetv 
Maöavdöörfv VTttöxyov^dvoD. o /*iv dff pitf Ttetöoity iSofxi 
tivt rb ;jy)tF<J/ov iyrl r<p tpovca, o 6k Xaßcor eSetSe t(p 
Maöavdoöij xal tov öovta i^XsySev. C. 18: 2vq)aS 
S^ ov TtpogSoxd^ Iti XtföBiVy ^avepdag toig KapxtjSoriotg 
ÖWB^dx^i u. s. w. 

Bedenkt man, dafs Appian ofFenbar nur den Kern der 
Sache ohne die näheren Umstände geben will, so finde ich 
ihn deutlich genug. Er enthüllt uns auch die Absichten 
des Erfinders. Der nichtswürdige Anschlag gegen 
Masinissa, trotz dessen ihn die Römer laufen lassen, ist 
der eine Zweck der Herüberkunft. Man wird nicht ein- 
wenden, dafs bei persönlicher Anwesenheit des Syphax kein 
Vermittler zur Diugung des Mörders nötig war; nötig war 
er schon deshalb, damit durch förmlichen Zeugenbeweis die 
Schuld dem Leser dargethan werde. Sodann aber fehlt 
die Ausspionierung des numidischen Lagers bei 
Appian gänzlich, und Syphax ist es, der die Feind- 
seligkeiten eröffnet. So ist die Hinterlist Scipios ganz 
ausgemerzt, und wie liefs sich diese Fälschung besser ad 
oculos demonstrieren, als durch Verlegung der Verhandlung 
ins römische Lager? Das ist eben die Manier des Valerius, 
lieber doppelte als halbe Arbeit zu liefern. Ich darf also 
wohl behaupten, daüs die Anführung des Livius, obwohl nur 



Dor BOßrenannte IjAgerbrand. 185 

einen untergeordneten Punkt treffend, meine Ansicht über 
Appians Quelle vollständig bestätigt 

Die Eröffuung der Feindseligkeiten durch Syphax ist übri- 
gens recht nachdrücklich. Er nimmt einen römischen Depot- 
platz (natürlich durch Verrat) und tötet die Besatzung. Der 
Depotplatz liegt nach Appian iv /j.£öoy€i<p. Auch dies Wort 
ist nicht müfsig. Antias boschrieb einen gröfseren Zug, bei wel- 
chem er gewifs nicht anzugeben vergessen hat, dafs Syphax sein 
Winterlager abbrach. Er hat sich nicht begnügt, die Anzündung 
des numidischen Lagers wie sein Vorgänger (Coelius) auszulas- 
sen; er that auch noch dar, dafs sie gar nicht stattfinden konnte. 

Die Beratung des Syphax und Hasdrubal wenige Stun- 
den vor ihrem Müjsgeschick ist zur Verabredung eines grofsen 
kombinierten Angriffes aufgebauscht, dem nun Scipio, von 
Numidem darüber unterrichtet, durch den Angriff auf das 
karthagische Lager zuvorkommt. Hierdurch ist ein ziem- 
licher Effekt erzielt. Übrigens hat der Meisterstroich Scipios, 
da die eigentümlichen Umstände verwischt sind, seinen eigent- 
lichen Charakter eingebüfst und ist einer der landläufigen 
Überf&lle geworden. Unter recht vielseitigem Lärm ig Katd- 
TrXtfStv werden die Lagerwachen vertrieben, der Wall geebnet, 
das Pfahlwerk ausgerissen. Das Feueranlegen macht nun beson- 
dere Schwierigkeit. Einige der Kühnsten springen zu diesem 
Zwecke vorauf! Nun beginnt das Gemetzel, im Verlaufe dessen 
dann noch mehr Zelte angesteckt werden. Unter den numi- 
dischen Beitem, die Syphax zu Hilfe schickt, richtet Masinissa 
ein grofses Blutbad an. Syphax flieht am Morgen Ttavta xa- 
taXiTtGov, Sein Lager und Material fällt Masinissa in die Hände. 

Es liegt mir noch ob, die Zahlenangaben, welche Li- 
vius — man mufs zunächst annehmen aus Antias — in den 
Polybianischen Text eingeschoben, neben Appian zu stellen: 



186 



Zweiter Abschnitt. 



liv. XXX 6, 8-9: 
caesa aut hausta flammis 
quadraginta milia hominum sunt, 
capta supra quinque milia, midti 
Carthaginiensium nobiles, un- 
dcüini senatorcs; Signa militaria 
centum septuaginta quattuor, equi 
Numidici supra duo milia septin- 
genti. elophanti sex capti, octo 
ferro flammaque absumpti^ magna 
vis armorum capta; ea omnia Im- 
perator Vulcano sacrata incendit. 



Appian. üb. 23: 

djLitpl rov^ hxarov dröpas:, tcov 
5* ix^poov oXlyo) öiovte^ tpis- 
ßivpiou Hoi aix^dXoorot iyi- 
yovxo StÖxiXtoi xal Terpaxoöiatj 
TCOV 6h innioov i^noötoi ina- 
viovrt r« ISxiTtiojvt kamovs 
TtapiSoöav. xai xgdv iXetpdv- 
xa)v o\ ^ikv dvgpTjvxo oi 5' ixi- 
xpoovxo, ^Htnioov Sh OTtXoov xe 
Kai ;j;/3t;tfoü xal dpyvpov xal 
iXitpavxos noXXov xai ixtcojv 
dXXwv XE xal Noßia8tx(ay xe- 
xpaxTfxok u. s. w. 
Zuzuziehen wäre noch Eutropius, welcher für den afri- 
kanischen Krieg ganz von Livius abweicht und auf irgend 
eine Weise aus Antias abgeleitet scheint, III 20: secundo 
proelio castra capit cum quattuor milibus et quingentis mili- 
tibus undecim milibus occisis. 

Die ZifFem stimmen schlecht. Tote hier gegen 40000, 
die Lieblingszahl des Valerius, dort gegen 30000^) — Eu- 
trops Ziffer ist augenscheinlich irrig — wogegen 4500 Ge- 
fangene bei Eutrop, woftir aber Appian nur 2400 hat, unter 
Zm-echnung der freiwillig sich ergebenden 600 Reiter, mit 
über 5000 bei Livius übereinkommen würden. Jedenfalls 
kann auf die Abweichung kein Gegenbeweis gegen meine 
Ansicht von Appians Quelle gebaut wei-den. 

1) Hierzu sei bemerkt, dafs selbst für 30000 Tote und bei 
Anrechnung eines TeUs davon auf Syphax dennoch das vorjährige 
Heer Hasdrubals nach den mancherlei Verlusten nicht ausreicht, 
Appian also eine Aushebung im Winter übergangen hat. Jenes 
Heer war c. 12 beziffert auf Karthager und Libyer 12000 Mann 
und 1200 Pferde, dazu 2000 Numider und Söldner ohne Zahlangabe. 



Folgen dor Katastrophe bei Polybios, 187 

Die Ereignisse nach dem Lagerbrand verlaufen nach 
unserem Polybianischen Bruchstück so. C. C: Scipio ver- 
folgt am nächsten Morgen Hasdrubal. Dieser versucht 
die nächste feste Stadt ^) zu halten, mufs sie aber alsbald 
räumen und flieht mit den aufgelesenen 2000 Fufsgängern 
und 500 Reitern. § 4 f.: Oi ö' iyxcoptoi 6vfi(ppovYi- 
Öavteg i7terptJl>av nepi ö^cav avtcov toig ^Paf/xalotg. 
b dh ÜOTrXtog xovtGOfV ix\v i^eiöato, ovo öh tats na- 
paxst/jiiyag noXetg atprfKs toig örparoTtidotg Stapnd- 
^siVy Ka\ tavta öiaTtpa^a/ierog av^i<s in\ tffv iß 
apxr/<9 inavtfHei napufißoXriv, Die Karthager, anfangs 
sehr erschreckt und im Zweifel, was geschehen solle, schicken 
zu Syphax, der in der Nähe, bei Abba, die Flüchtigen sam- 
melt, und senden Hasdi'ubal mit zusammengerafften Truppen 
aufs neue aus. Auf die Kunde davon erscheint Scipio, 
der abermals Utica zu belagern begonnen, wieder* im Felde. 
C. 7, 2: k^riyB ta<s öuvaßjLetg xat TtapsvißaXXe npo rrj^ 
'itvxrfg. Darauf noch ein lückenhafter Satz über den Über- 
flufs an Beute bei seinen Truppen. Syphax uud die Seinen, 
anfangs geneigt zu fliehen, werden ermutigt, als ihnen bei 
Abba 4000 neugeworbene keltiberische Söldner begegnen 
und Sophoniba den König anfeuert. So kommen dreifsig 
Tage nach dem Lagerbrand 30000 Mann auf den Grofsen 
Feldern zusammen. Scipio zieht heran und schlägt sie mit 



1) § 2 hoifet es: itiÖTevatv x-g rijs icoXeaos oxvpotTfTty als ob 
sie vorher gemumt wäre. Es könnte aber auch vor itoAEO)^ der 
Name oder sonst eine Bezeichnung ausgefallen sein. Livius spricht 
nur von urbs proxima. Eine eigentUche Lücke am Ende von c. 5 
mit dem Herausgeber anzunehmen, sind wir wohl nicht berechtigt 
Verlastangaben vom Lagerbrand sind, wie wir gesehen haben, nicht 
ausgefallen. 



188 Zweiter Abschnitt. 



leichter Mühe. Nur die Keltiberer kämpfen einen Ver- 
zweiflungskampf. 

Syphax flieht nach seinem Reiche, Hasdrubal nach 
Karthago. Jenen zu vernichten, ziehen Laelius und Masi- 
nissa nach Numidien. Scipio selbst lagprt nach umfassenden 
Verwüstungen bei Tunes. Die Karthager haben inzwischen 
die verschiedensten Beschlüsse gefafst, Hannibal zurückzu- 
rufen, die Stadt in Verteidigungszustand zu setzen, das 
römische SchifPslager anzugreifen. Scipio aber, der die 
Flotte ausfahren sieht, kommt noch gerade zur rechten Zeit 
herbei, um dasselbe und die zur Belagerung üticas verwen- 
deten Schiffe nach Kräften zu sichern. Hier endet das 
Bruchstück. 

Wir vergleichen Idv. XXX 7 ff. und finden, dafs das 
Ganze wieder auf Polybios beruht. Alle Differenzen schei- 
nen mir ohne Annahme einer Nebenquelle ihre Erklärung 
zu finden. In die zuerst angeführte Stelle Pol. XIV 6, 4 f. 
ist bei Livius, wie der Text bis jetzt lautet, eine Angabe 
über Syphax eingeschoben. C. 7, 2: duae subinde urbes 
captae direptaeque: ea praeda et quae castris incensis ex 
igne rapta erat militi concessa [est Syphax] octo milium 
ferme inde spatio loco communito consedit, Has- 
drubal Carthaginem contendit, ne quid per metum ex reoenti 
clacle moUius consuleretur. quo tantus primo terror est 
adlatus u. s. w. Was zunächst Hasdrubal betrifft, so ist 
offenbar auch des Polybios Meinung, dafs er n^^h Karthago 
gegangen sei. Und wenn Livius gleich darauf die energi- 
schen Beschlüsse in Karthago auf Hasdrubals und der Bar- 
kidenpartei Einflufs zurückführt, so lag auch das nahe genug. 
Ebensowenig braucht für die Angabc, dafs die Katssitzung 
von den Suffeten berufen sei, eine besondere Quelle ange- 



bei Uvias. 189 

nommen zu werden. Rätselhaft aber ist die, auch an sich 
ganz unmögliche, Nachricht über Syphax. Ich vermute, dafs 
sie vielmehr auf Scipio sich bezieht Livius hat wohl 
die zweitabgedruckte Stelle mit abmachen wollen, an der ja 
wieder von Verteilung der Beute die Rede ist, und welche 
er nachher auch wirklich übergeht, und „Syphax^^ ist eine 
Interpolation, welche nahe lag, nachdem „est" in den Text 
eingedrungen war. In dem Polybianischen Bruchstück aber 
mufs schon hinter TtapevißaXXev eine entsprechende 
Entfernungsangabe ausgefallen sein, ich nehme an: 
nspl e^tfKoyta 6ta6iov<s. 

Wer die Streichung der beiden Worte bei Livius nicht 
billigen sollte, hätte doch wohl anzunehmen, dafs nur durch 
ein Mifsverständnis des Livius bei der angestrebten Verein- 
fachung der springenden Polybianischen Erzählung die An- 
gabe über Syphax entstanden sei. 

Desgleichen hat Livius sich bemüht, die Einwirkungen 
auf Syphax an den beiden Stellen zusammenzuziehen. C. 7, 8: 
Ad Syphacem legati missi, summa ope et ipsum reparantem 
bellum, cum uxor non jam ut ante blanditiis . . . sed pre- 
cibus et misericordia valuisset. Was sollte aber mit den 
Söldnern werden, deren Begegnung den König ermutigt 
hatte? Livius läfst sie den Gesandten begegnet sein. 
Spem quoque opportune oblatam afferebant legati: quattuor 
milia Celtiberorum circa urbem nomine Obbam . . . sibi 
occurrisse. So läfst Livius überhaupt öfter Ereignisse, statt 
sie selbst zu erzählen, der Kürze halber von auftretenden 
Personen berichten. Nun sieht man auch, was es mit der 
auffälligen Nennung des gänzlich gleichgültigen Punktes, 
wo die Gesandten die Söldner gesehen haben sollen, auf 
sich hat 



190 Zweiter Abschnitt. 



Bei der Aussendung des Ijaelius und Masinissa nach 
Numidien giebt Livius scheinbar Genaueres. Während Poly- 
bios blofs von tov^ te No/xadag xal /iipots rdov ^PoofAdi- 
KCüv ötpatOTtidcüV spricht, sagt er a 9, 1: cum omni 
Romano et Numidico equitatu expeditisque militum. Allein 
dafs Reiterei und Leichtbewaffnete sich für Verfolgung am 
besten eignen, wufste auch Livius. Wir haben es sicherlich 
nur mit einem Schlufs aus dem Zweck des Corps zu thun, 
und zwar mit einem Fehlschlufs, da Livius selbst 
nachher in der Schlacht von Cirta aufser leichten romischen 
Truppen auch signa legionum auftreten läfst. Besonders 
schwer wiegt die schon von Weifsenbom gemachte Bemer- 
kung, dafs c. 9 und wo später Polybios zu grimde liegt 
der Akkusativ Tyneta, c. 36 dagegen zweimal Tynetem 
lautet. 

Nicht minder können wir von c. 10, auch wo uns 
Polybios im Stich läfst, mit ziemlicher Sicherheit behaupten, 
dafs es ihm entlehnt ist. Wir finden wieder einen grie- 
chischen Akkusativ Rusucmona. Auch: asseres ferreo unco 
praefixi — harpagones vocant — , deutet wohl auf Ober- 
setzung. Das Endresultat des Überfalls der Flotte ist für 
die Römer trotz alles Geschicks und Glücks einigermafsen 
ungünstig. Es werden 60 Lastschiffe fortgeführt; denn sex 
im Puteanus ist von zweiter Hand, und die erste hat ex 
(verschrieben für LX), der Harleyanus sexaginta; dafs auch 
die Erzählung selbst auf die gröfsere Zahl führt, hat Luchs 
Proleg. S. CXXXX gezeigt. 

Die Herkunft der nächsten fünf Kapitel c. 11 — 1.5, 
welche Livius dem tragischen Schicksal des Syphax und der 
Sophoniba widmet, ist nicht ganz so leicht zu bestimmen. 
Laelius und Masinissa kommen in denselben Tagen, am fünf- 



Angriff auf die r&mische Flotte. — AnsKang des Syphax. 191 

zehnten ihres Zuges, nach Numidien. Mäsulien fällt ihnen 
gleich zu. Aus seinem eigentlichen Reiche bringt Syphax eilig 
ein nicht schwächeres Heer, als das letzte war, zusammen, 
wird aber nicht allzuweit von Cirta aufs Haupt geschlagen. 
C. 12, 1: Ibi Syphax . . equo graviter icto effusus opprimitur 
capiturque et vivus, laetum ante omnis Masinissae praebitunis 
spectaculum, ad Laelium pertrahitur. Masinissa gewinnt Cirta, 
indem er der Besatzung den gefangenen König zeigt, und 
feiert sofort Vermählung mit Sophoniba gegen das Ver- 
sprechen, sie lieber zu töten als den Römern auszuliefern. 
Nachdem der gefangene König an Scipio abgeschickt ist, 
besetzt Laelius mit Masinissas Hilfe ceteras urbes Numidiae, 
quae praesidiis regiis tenebantur, und kehrt in Scipios Lager 
zurück, welchen Syphax vor der furia und pestis Sophoniba 
gewarnt hat. Masinissa wird durch Scipios ernste Mahnung 
bewogen, seine Ansprüche auf die Karthagerin fahren zu 
lassen, und schickt ihr 'nach hartem innerem Kampfe den 
Giftbecher durch einen Getreuen. Sie stirbt, indem sie 
Masinissa dankt, dafs er wenigstens so sein Wort gehalten, 
aber ihm auch sagen läfst: melius me morituram fuisse, si 
non in funere meo nupsissem. Als Scipio davon erfahren, 
sucht er seinen Freund dadurch zu trösten, dafs er ihn als 
König anerkennt und auf alle Weise auszeichnet. 

C. 16: Laelius geht mit Syphax und Gesandten Masi- 
nissas nach Rom ab; Scipio wendet sich wieder nach Tunes 
(ad Tyneta). Hier beginnen die Friedensverhandlungen , welche 
uns später beschäftigen werden, wesentlich nach Polybios. 
C. 17: Laelius' Bericht in Rom. Bestätigung des Masinissa 
im Besitz seines väterlichen Reiches — auf weiteres schei- 
nen seine Gesandten nur anzuspielen — und Überlassung 
der gefangenen Numider an ihn. Syphax wird in Alba 



192 Zweiter Abschnitt. 



interniert. Vgl. die Notiz im Schlufskapitel c. 45, 4: morte 
subtractus spectaciüo magis hominum quam triumphantis 
gloriae Syphax est, Tiburi haiid ita multo ante mortuus, 
quo ab Alba traductus fuerat conspecta mors tarnen eins 
fuit, quia publico funere est elatus. hunc regem in triumpho 
ductum Polybius, haudquaquam spernendus auctor, tradit = 
Pol. XVI 23, 6: xa\ yap 6 26q}a5 o tcov MaöatövXimv 
ßaöi\ev(S tlX^V '^^'^^ ^^^ '^V^ noXeooti iv t<p S^pta/ißa) 
ßieta tcav aix^aXoitoov. og xal ßsta ttva xpovov iv r^ 
(pvXaxxi rov ßiov ßieti^XXaSsv. Dies c. 17 mufs gröfsten- 
teils aus römischer Quelle stammen, wird sich übrigens als 
sachlich zuverlässig bewähren. 

C. 11 — 15 aber, eingeschlossen in Polybianische Stücke, 
halte ich ebenfalls für dem Griechen entnommen. Ein er- 
greifendes Drama wird uns vorgeführt; aber warum sollte es 
in der Hauptsache — im Detail mag Livius nachgeholfen 
haben — nicht historisch sein? Dafs Polybios der Kar- 
thagerin grofse Bedeutimg beigemessen, zeigen friihere Be- 
zugnahmen auf dieselbe. Den Pragmatiker hören wir heraus, 
wo die energische Ausnutzung des Sieges durch Masinissa 
mit Hintansetzung persönlicher Wünsche^) gerühmt wird, 
sowie aus den Mahnungen Scipios an seinen Freund. Über- 
haupt tritt der Gesichtspunkt, wie Scipio hier eine grofse 
Gefahr weise abgewendet habe, mehrfach hervor. Hingewie- 
sen sei auf die Zählung der Marschtage, auf die geringe 
Verlustziffer, welche Livius fast entschuldigen zu müssen 
meint, femer darauf, dafs Sophoniba errät, wer in der 



1) C. 12, 6: sibi quidem dicere nihil esse pulchrius quam . . . 
patrium invisere regnum, erinnert auch in der Form lebhaft an 
Pol. X 19, 4: ovSe/itlay Tfötov av itpjf di^öSau 



ZonaiSB und Appiaa. 193 



Schar Masinissa sei, dafs die freundliche Behandlung des 
Syphax nicht übertrieben ist, und dafs nicht Masinissa 
selbst den Gegner gefangen nimmt, welchen tot zu wissen 
ja seine höchste Begier sein mufste; lauter Züge, welche 
gegen die Darstellungen rOmischen Ursprungs sehr abstechen. 

Ehe wir aber zu diesen übergehen, mufs auf einen 
Mangel in diesen Kapiteln hingewiesen werden. Da die 
Yerhandlungen in Tunes kaum vor den Winter zu setzen 
sein dürften, so ist, zumal wenn man das Datum Ovids 
für die Gefangennahme des Syphax 23. Juni (römisch, julia- 
nisch also noch mehr oder minder früher) festhalten will, 
die Darstellung von diesem Ereignis an ebenso mager als 
vorher gedrängt. Es bleibt nichts übrig als für die Ein- 
nahme von Syphax' Beich durch Laelius — der Zug im 
nächsten Jahre hatte die Besitzergreifung durch Masinissa 
und Küstungen zum Zwecke Pol. XY 4, 4 — einige Monate 
anzusetzen. Was aber that Scipio denn in dieser Zeit? 
Er mufs nach dem Überfall des Flottenlagers die Operationen 
im Felde aufgegeben und die Wiedervereinigung der Armee 
abgewartet haben. Das ist sehr b^reiflich, aber es ist eine 
Lücke in der Darstellung des Livius, dafs er davon schweigt. 

Wenden wir uns den übrigen Darstellungen dieses Feld- 
zuges zu, so haben wir Coelius für den Erfinder des persön- 
lichen Aufeinandertreffens der Nimüderkönige zu halten, wofür 
auch die Schlacht von Zama Analogieen bietet. Frgm. 44: 
Ipse r^s eminus equo ferit pectus advorsum, congenuclat 
percussus, dejecit dominum. Zonaras geht auf den Hergang 
nicht ein, wie auch vorher die Schlacht auf den Grofeen 
Feldern sehr kurz, ja sogar — vielldcht durch Textzerrüt- 
tung — unkenntlich ist P. 439 A: tf/^ipag ö^ invpavöd' 
Öff^ (nämlich nach dem Lagerbrand!) "Ißrfpsg äptt Kap- 

HesBelbarth, histar. - krit. üntanach. 13 



194 Z^iter Absohnitt. 



XTfdovioig iytl övpipLaxl^ iX^ovreg 7tpo(si7ts6ov avtot^ 
aTtpo^doHtftoi Kai noXXoixs aneKtztyav. Der Überfall 
der Flotte ist bei ihm zweitägig und erst der zweite Tag 
den Römern ungünstig. Dann etwas, was die oben bezeich- 
nete Lücke bei Livius, die Pause in Scipios Feldoperationen, 
auszufüllen geeignet scheint. Hasdrubal wird bald nach 
jenem Überfall abgesetzt, ein Hanno tritt an seine Stelle; 
aber auch jener bringt auf eigene Faust ein Heer aus Skla- 
ven und Überläufern zusammen. Dann stiftet er Spanier zu 
einem Anschlag auf das römische Lager an, welcher aber 
durch warnende Götterzeichen und durch eine Prophezeiung 
von Masinissas Mutter entdeckt wird. Betreffe Sophonibas 
ist Livianischer Einflufs unverkennbar, z. B. in den Worten, 
mit welchen Syphax den Sdpio aufstachelt; anderseits jedoch 
wird auf das Verlöbnis mit Masinissa hingewiesen und ist 
die Freundlichkeit Scipios gegen seinen Gefangenen über- 
üieben, das Verfahren gegen ihn in Rom aber geradezu 
entstellt: tov pikv 2v(paKa fife riyv jiXßay xati^erto 
Kai teXevtr/öavta dtj/xoöifc föorV^öfy, also die Nachricht, 
welche Livius, diesmal einsichtiger als einige Neuere, als 
patriotische Fälschung erkannt und schonend bezeichnet hat. 
Noch mehr: rqS öh OvBpfxlvqc — er ist mit dem Vater ge- 
fangen — rfiv ßaöiXeiav rov Ttatpog inBKvpooÖav Ka\ 
rovg ^ooyprf^ivta^ No/iadag ixapiöavto. Dafs die Ge- 
fangenen vielmehr Masinissa geschenkt wurden, wissen wir; 
und auch die Einsetzung, ja wohl die ganze Gefangenschaft 
des Vermina ist erfunden, da dieser bald nachher als Bim- 
desgenosse der Karthager auftritt imd erst Liv. XXXT 11 f. 
Verzeihung, natürlich aber nicht sein väterliches Reich zu- 
rückerhält. Der Fälscher wird ihn bald wieder haben abfallen 
lassen und so auf den Boden der Thatsachen zurückgelenkt 



Zonaras tind Appion. 195 



sein. Im ganzen dürfen wir Dio Cassius, geringe Livia- 
nische Spuren abgerechnet, auch hier gewifs auf Coelius 
zurückführen. 

Appian gruppiert willkürlich, wie man auch sonst 
findet, wo die Ereignisse sich zersplittern und sich ihm nicht 
der Faden der Erzählung von selbst bietet, und ist deshalb mit 
einem chronologischen gramim salis zu lese4l l^i^ Schkcht 
auf den Orofsen Feldern ist ihm gänzlich abhanden gekom- 
men c. 24, sodafs Hasdrubals Absetzung gleich auf den 
Lagerbrand folgt; das von ihm auf eigne Faust gesammelte 
Heer wird auf 8000 Mann und 3000 Pferde beziffert. Jetzt 
der Überfall der Flotte, an den spätere Ereignisse zur See 
angereiht werden; er verläuft ganz glücklich c. 25, ein 
karthagisokes Schiff wird sogar aufgebracht. Msra 6i tovro 
iXBißiot^or aßupcjy die Römer haben reichliche Zufuhr, von 
Karthago und Utika aus kapert man römische Kauffahrer, 
bis neue an Scipio gesendete Schiffe es hindern; ol 6^ 
inapLvov fjÖTf ötpoöpa r<p Xifiq>, Vielleicht befinden wir 
uns hier gar schon in der Zeit des Waffenstillstands imd 
haben es mit Vorläufern des Friedensbruches zu thun. Jetzt 
zu Syphax, also ein grofser Sprung zurück, was aber Appian 
seiner unleidlichen Gepflogenheit gemäfs durchaus nicht Wort 
haben will c. 26: Tov 6^ avtov ;^fi/icöyo^ . . . .! Hier ist 
es ausgesprochenermafsen Masinissa selbst, welcher den Geg- 
ner gefangen nimmt und „den einen" (tov ^spov) seiner 
Söhne, von welchem später Vermina ausdrücklich durch 
den Beisatz „ein andrer Sohn" (2v(paKog ^epog vio^) 
imterschieden wird. Syphax' Verlust: 4000 Gefangene, 
10000 Tote gegen 57 Römer und 300 von Masinissas 
Leuten! Masinissa läfst von den Gefangenen, die man also 
sämtlich ihm geschenkt zu denken hat, diejenigen 2500 

13* 



196 Zweiter Abschnitt 



umbringen, welche seine früheren ünterthanen waren. Über 
Syphax ist Meinungsverschiedenheit im Senat, 6 6h vno Aii- 
Ttrft; voöcbv aTti^avsv. — Man sieht Appians Quelle, Va- 
lerius, allenthalben auf Coelius' Schultern stehen, nur von 
Yennina und seiner Wiedereinsetzung hat er nichts wissen 
wollen; soweit ging sein Interesse an Scipios Person nicht. 

C. 29 (unaißachlich am interessantesten): Hasdrubals und 
Hannos Unternehmungen. Bei dem Anschlag auf Scipios 
Lager ist es augenscheinlicher als bei Zonaras, dafs es sich 
um ein Gegenstück zu dem grofsen Lagerbrand und 
um eine Verdeutlichung des göttlichen Schutzes handelt, imter 
welchem Scipio steht Anderseits spricht vielleicht für einen 
historischen Kern, dafs neue Yerdächtigungen Hasdrubals, 
die seinen späteren Untergang einleiten, sich an den Vorfall 
knüpfen. „Zur selben Zeit", fährt Appian fort, nimmt die 
karthagische Flotte sieben römische Schiffe (was er konse- 
quenterweise c. 25 hätte bringen sollen); jiwaov 5' iniäi- 
ßiero^ töi<s noXiopxovötv 'irvKtfv aTtixpovöSri]. Scipio 
hebt die Belagerang auf, beginnt die von Hippo, verbrennt 
aber, als es damit nicht vorwärts geht, die Maschinen und 
durchzieht wieder das feindliche Gebiet 

Den sachlichen Gewinn aus den Quellen zweiten Banges 
kann man so veranschlagen. Durch Syphax' Sturz gewann 
die Mifsstimmimg gegen Hasdrubal in Karthago die Ober- 
hand. Dafs es aber bei seiner Absetzung noch nicht sich 
um das Aufkommen der Friedenspartei handelte, zeigt aufser 
dem folgenden schon die Person des Nachfolgers, der von 
Appian Hanno Bomilkars Sohn genannt wird imd gewife 
der Offizier Hannibals vgl. oben S. 18 ist Der Abgesetzte 
sammelte auf eigene Faust Truppen und suchte seinen Nach- 
folger zu gemeinsamen Unternehmungen gegen Scipio — die 



Diodor. 197 

Einzelheiten mindestens des Anschlags auf sein Lager sind 
Erfindung — zu gewinnen, doch vergebens. Scipio konnte 
wenigstens den Festungskrieg wieder aufnehmen, hatte aber 
auch keinen Erfolg, und erst die Wiedervereinigung mit 
Laelius und Masinissa gab dem Kriege eine Wendung. Es 
ist nicht glaublich, dafe Polybios alles das übergangen hat. 
Livius wird, teils um die Tragödie Sophoniba nicht zu unter- 
brechen, teüs aber eines früheren Schnitzers wegen, 
manches ausgelassen haben. Er hat nämlich nach der Schlacht 
auf den Grofsen Feldern ungenau Hasdrubal mit Syphax 
fliehen lassen; Laelius und Masinissa sind ausgezogen ad per- 
sequendos Syphacem atque Hasdrubalem, ohne dafs natür- 
lich letzterer irgendwie weiter erwähnt wird. Livius zieht 
es vor, ihn überhaupt nicht wieder zu nennen. (Er 
wurde nach Hannibals Rückkehr zurückgerufen und gab an 
ihn seine Truppen ab, endete aber bald darauf in einem 
Tumult in der Hauptstadt.) 

Einige Fragmente Diodors, welche Sophoniba betreffen, 
XXVIL 6 f. sind wichtig wegen der grofsen Überein- 
stimmung mit Appian. Auch bei Diodor wird Syphax 
zu den Mahlzeiten zugezogen. Bei Diodor sowohl als Appian 
warnt er geradezu vor Sophoniba (näv i£o/Arfpev6a(f2^ai 
dwa/iivTf und ^ yäp ff ywrf öeivdag (pikonarpt^ = 
ijiavTf anavxd xiva Ttsiöat und oßrcög iötlv iöxvpoj? 
gftXoTtoXt^). Beide Schriftsteller betonen, dafs Laelius diese 
Aussage bestätigt habe; beide lassen Scipio erst müde, dann 
strenger die Ausliefenmg fordern (7tapairov/4ivov dh tov 
Maööavaööov Ttixpotepov iTtiTtXriSsv = napattovfiivov 
Ä' ixsivov . . . tpaxvtepov b ^HiTticav ixiksver). Dafs 
Masinissa der Geliebten selbst den Becher reicht, haben die 
beiden allerdings mit Zonaras gemein. 



198 Zweiter Abschnitt. 



Von den Friedensverhandlnngen 203 v. Clir. und von 
dem Friedensbruch müssen wir, da es sich um Verfälschun- 
gen der römischen Quellen handelt und Livius sich als ge- 
klittert darstellt, versuchen ims aus Polybios allein eine 
Vorstellung zu machen und so eine feste Grundlage zu ge- 
winnen. Von „urkundlichen Texten" kann freilich hier und 
201 V. Chr. nicht die Bede sein. Solche hat er nur gegeben, 
aus welchen öi-ünden auch immer, beim Priedensschlufs mit 
den Ätolem und mit Antiochos, aufserdem bei den zwei ersten 
Bündnisverträgen zwischen Karthago und Bom (beim dritten 
giebt er nur das Neue) und bei demjenigen zwischen Hanni- 
bal und Philipp. Was hingegen den Friedensschlufe mit 
Philipp und den zwischen Eumenes und Phamakes betrifft, 
so hat Polybios nur den Hauptinhalt verzeichnet, desgleichen 
ni 27 (ir alg ta öwixoyta tödr iyypaTtroov ffv tavta) 
von dem von 241 v. Chr., sodafs diese SteUe kaum mehr 
giebt als I 62 f., wo (offenbar nach litterarischer, nicht 
lu-kundlicher Quelle) die Friedenspräliminarien und die bei- 
den wesentlichen Abänderungen derselben stehen. Um nun 
auf unseren Fall zurückzukommen, so handelt es sich für 
203 V. Chr. überhaupt nur um Präliminarien, und Avas 
201 V. Chr. betrifft, so haben wir in dem betreffenden Bruch- 
stück wenigstens ebenfalls nur die Präliminarien. Mehr 
wiU die Stelle nicht geben. 

Dabei wären ja aufserdem Fehler durch Nachlässigkeit 
des Polybios und mehr noch der (litterarischen , nicht urkimd- 
lichen) Quelle nicht ausgeschlossen. Auf Appians Autorität 
hin aber solche in grofsem Mafsstabe an beiden Stellen des 
Polybios anzunehmen, werden wir nicht geneigt sein. Sind 
doch bei Appian die Präliminarien mit Antiochos Syr. 38 
zugestandenermafsen interpoliert um der Kongruenz mit 



Vertrag und Vertragsbrnch bei Polybios. 199 

dem Definitivfrieden willen. Nissen i) und E. Meyer *) halten 
dies für eigne Idee Appians; und Nissen bemerkt, dafs 
Appian auch das Plus der Präliminarien gegen frühere For- 
derungen entschuldigen zu müssen glaubt Allein auch in 
unsem Präliminarien von 201 v. Chr. Lib. 54 ist ein ähn- 
licher Satz: Kai ff 6vyKkifto<s imtl?rfq}tei a äv öoxt/jiaö^, 
und dieser ist bei Appian ganz zwecklos, da er den Senat 
nichts ändern, sondern sie kurzweg bestätigen läfst; der 
beste Beweis, dals mit Mommsen^) jenes Kapitel der Syriake 
auf eine interpolierende annalistische Quelle zurück- 
zuführen ist, sowie dafs dieselbe Quelle in der Libyke zu 
gründe li^. Also hüten wir uns auch hier, Appian vor 
Polybios zu bevorzugen! 

Nissen, welcher in der angedeuteten Weise Polybios 
korrigiert hat,*) würde dies auch schwerlich gethan haben, 
wenn er Livius als geklittert erkannt, nicht ihn von vorn- 
herein mit Berufung auf Friedersdorff als unabhängig von 
Polybios angenommen hätte. So aber glaubte er in den 
ziemlich diifeherenden Präliminarien bei Polybios, Livius, 
Appian drei Gestalten desselben „Auszugs aus der Friedens- 
urkunde" „in Form einer Antwort Scipios auf das Gesuch 
der Karthager" zu finden. 

Unser Vorhaben, aus Polybios allein eine Yorstellung 
von den Verhandlimgen von 203 v. Chr. zu gewinnen, be- 



1) Krit. Unters. S. 207. 

2) Die Quellen d. Krieges mit Ant. N. Rh. Mus. XXXVl 
S. 120 fif. 

3) Der Friede mit Ant. u. d. Kriegsz. d. ManUus Volso. Rom. 
Forsch, n S. 511 ff. 

4) De pace anno 201 a. Chr. Carthaginiensibus data, in der 
iäoladang zum Rektoratswechsel Marburg 1870. 



200 Zweitar Alwoiiiütt. 



gegnet nun der Schwierigkeit, dafe die Bruchstücke erst nach 
dem Friedensbrach anheben. Allein sogleich XV 1 , 6 f. grei- 
fen die beschwerdeführenden Abgesandten Scipios, später Sd- 
pio selbst in der Unterredung mit Hannibal ausdrücklich auf 
das Vorhergegangene zurück. Jene erinnern Bat und Volk von 
Karthago daran, co^ oi Ttap^ iiuivcov Ttpsößevtai, napa- 
ysvr/^rivtsg efe Tvvrfta Ttpog 6<päg xal TeapsÄ^ovtsq elg 
tb öwiSptov, ov jiovov tovq 2r£ovg aöndöatvto xal ttfv 
ytfy TtpogHWTfÖaisVy Ha^anBp iötlv iS^og totg äXkotg 
av^poonotq' aXKoc nal Tteöovteg inl tffv yffv ayervcog 
tovg TCoSag KataipikoiBv tdav iv t(p ÖweSpUp, ßisra 6h 
tavta TtaXiv avatfravteg [chg] Hattjyoptföauy ötpdav 
avtdöv u. 8. w. Und XV 8, 7 fragt Scipio dem Anerbieten 
Hannibals gegenüber, auf Spanien und alle Inseln zu verzich- 
ten, wie er denn Senat und Yolk solche Bedingungen vorlegen 
könne, da sie ja schon övySrrfxag iyypdntovg mit den Kaiv 
thagem geschlossen hätten, welche auTserdem besagten: tovg 
aix/iaXoitovg aTtoSoOvat x^P^^ Xvtpo^v Kapxr}6oviov<5y 
rdav TtXolooy Ttapaxoopfföai toyv xata^ppaKrcav, Tcevtanig' 
XiXta tdXavta TtpogevsyHsiVy Oßitfpa dovvat Ttepl tovrafv. 
Nun werden natürlich Kleinigkeiten hierbei übergangen sein, 
z. B. die flüchtigen Sklaven neben den Gefangenen, des- 
gleichen Bedingungen momentaner Natur, wie Verpflegung des 
Heeres während der Waffenruhe. Ja man mufs annehmen, 
dafs eine Bestimmung zu gunsten Masinissas weggeblieben ist, 
sei es weil sie selbstverständlich war oder weil sie „Senat 
und Volk^^ unmittelbar nicht betraf. Aber ich warne nochmals 
davor, in solchen Ergänzungen Livius und Appian zu gefallen 
zu weit zu gehen. Wenn doch selbst später £[arthago scho- 
nend behandelt imd z. B. im Deflnitivfrieden der Stadt keine 
unmittelbar drückende gröfsere Anzahlung zugemutet wird. 



Vertrag und Vertngsbraoh bei Polybios. — Mago. 201 

80 ist fOr diesmal erst recht glaublich, dals Scipio sofortige 
Leistungen, aufser etwa Verpflegung des Heeres, gar nicht 
verlangt hat. Die erwähnten Geiseln z. B. sind faktisch ja 
nicht gestellt worden und sollten also gewifs erst beim Ab- 
zug des römischen Heeres zur Sicherung der Tribute gestellt 
werden; diese Lösung halte ich wenigstens für richtiger, 
als mit Nissen anzunehmen, Polybios habe die Geiselstellung 
hier zugesetzt! 

Während Abgesandte Scipioe mit karthagischen Bevoll- 
mächtigten in Rom die Bestätigung nachsuchten und — 
römischer Übung gemäfs schwerlich vor Jahreswechsel — 
erlangten, während femer Masinissa mit römischer Hilfe 
einen neuen Zug in Syphax Reich machte, kehrte Hannibal 
zurück und sofort kam die Kriegspartei in Karthago obenauf. 
Die Karthager — öifXov axs uivviß^ Tfenoi^orsg xal tai<s 
fjieta tovtov Ttapovöatg öwa/ieöt meint Scipio — über- 
dies durch Teuerung gedrückt, fielen über eine verschlagene 
römische Transportflotte her. Dies alles geht aus dem fol- 
genden hervor. 

Umfassenderer Erwägungen bedarf es, um zu entschei- 
den, ob auch Mago wirklich, wie Livius in einem ziem- 
lich bedenklichen Kapitel will, damals die Rückfahrt 
angetreten hat, auf der er selbst gestorben und eine An- 
zahl Schiffe der römischen Flotte bei Sardinien in die Hände 
gefaUen sei. Die Polybianischen Bruchstücke erwähnen Mago 
gär nicht Zonaras und scheinbar (diesen Anschein werde 
ich an den betreffenden Stellen als falsch erweisen) Appian 
lassen ihn bis zum Frieden in Italien bleiben! Bei Nepos 
taucht er, offenbar aber infolge einer Yerwechselung, nach 
dem Frieden in Afrika auf!! Bei dieser Verworrenheit der 
Nachrichten ist man auf Rückschlüsse aus Thatsachen ange- 



202 Zvnter Ahicbutt. 

wiegen. Wichtig ist erstens, dafs bei Zauna das ganze erste 
Treflfen wesentlich aus ligorisdien und keltischen Söldneni 
bestand. Deutlicher noch spricht der umstand, den wir aus 
Livius ermitteln werden, dals noch während des Waffen^ 
Stillstands die saidinische Flotte aufgelöst wurde. So be- 
stätigt sich also, dafs auch Magos Corps damals 
heim kehr ta und wer mir zustimmt, dafs es immer nur 
gewissermafsen eine Ersatzabteilung filr Afrika gewesen ist, 
wird das sehr naturgemäß finden. 

Dials übrigens dies Corps und besonders Hannibals 
Armee wohlbehalten nach Afrika gelangten trotz der 120 
römischen Schiffe in ^en sardinischen, sicilischen, italischen 
Gewässern, war eigentlich dn Wunder; denn der Waffai- 
stillstand schützte sie natürlich nicht Da die KarthagCT 
also nicht darauf rechnen konnten, so sind ihre Friedens- 
bestrebungen wenigstens nicht ganz erheuchelt gewesen, und 
Hannibals Rückkehr bedeutete an sich noch nicht den Wieder- 
ausbruch des Krieges. 

Sdpio, beginnt das Bruchstück Pol. XV 1, sehr unan- 
genehm enttäuscht, liefs durch drei Gesandte, eben die- 
jenigen, deren Worte oben angeführt wurden, die gerade 
eingetroffene Dei)e8che überbringen, dals der Vertrag vom 
römischen Volke bestätigt sei, und Vorstellungen wegen des 
Friedensbruches machen. Umsonst; sie wurden ohne Ant- 
wort zurückgeschickt. Ja, die Demagogen veranstalteten, 
um den Krieg unvermeidlich zu machen, einen Überfsäl 
gegen dieselben. Man gab ihnen nämlich, als zu ihrem 
Schutze, Geleitschiffe mit, die aber angewiesen waren, in 
der Höhe des Bagradas umzukehren. Kaimi war dies ge- 
schehen, so liefs der Admiral Hasdrubal, welcher verständigt 
war, von seiner Station bei Utica aus im Angesicht des 



Römische fintsteUnngen des Yertraffs. 203 



römischen Lagers das römische Schiff angreifen, dessen In- 
sassen nur z. T. mit dem Leben davonkamen. Als bald 
darauf die karthagischen Bevollmächtigten mit dem Geleite 
von Rom her, den Frieden in der Tasche, im römischen 
Lager anlangten, wurden sie von dem Kommandanten fest- 
genommen, jedoch auf Anordnung des Feldherm wieder frei- 
gelassen. Dieser war unfein betrogen. Er hatte jetzt mit 
Hannibal zu thun, und sein Lebensmitteltransport war den 
Feinden zu gute gekommen. Der Krieg fing, wie Polybios 
sagt, gleichsam wieder von vom an Pol. XV 1, 2; 3, 1. 

Scipio war also in eine üble Lage versetzt; man 
mufs hinzufügen, nicht ganz ohne Schuld. Jedenfalls 
hatte er Hannibal nicht in Bechnung gezogen. Er besafs 
jetzt, wie ich meine, auch gar keine Entschädigung för die 
aufgegebenen Vorteile, kein Druckmittel gegen den Feind, 
weil er in allzugrofser Friedenssehnsucht versäumt hatte, 
entsprechende Bedingungen zu stellen. Dafe er die Ge- 
sandten entliefs, war das Klügste was er thun konnte; es 
waren natürlich gerade die Häupter der Friedenspartei, die 
ihm in Karthago mehr wert waren als hinter Schlofs und 
Ri^el. Grund genug für römische Federn, den Hergang 
gründlich zu revidieren! Die Karthager mulsten noch mein- 
eidiger, dabei unter sich fanatisch gespalten, der römische 
Feldherr zwar langmütig, aber statt entgegenkommend kühl 
und gemessen erscheinen! Wir erkennen femer bei Coelius 
die Absicht, sogar den Senat blofszustellen, um Scipio zu 
heben und sein späteres schroffes Vorgehen beim endlichen 
Frieden zu motivieren, bei Valerius Antias wieder die für 
ihn charakteristische systematische Mache. 

Nach Zonar. P. 440 D giebt Scipio den Karthagem 
nicht Frieden, sondern nur Waffenruhe gegen eine 



204 Zweiter Abschnitt. 



Zahlung und Auslieferung aller Gefangenen und ver- 
weist sie im übrigen an den Senat Dieser aber weigert 
um des Prinzips willen jede Unterhandlung, solange 
Hannibal und Mago in Italien seien. Nachdem diese 
dann abgezogen — aber natürlich ou Sia tffv öv^ßaötv 
aXXa TTpog tov oixot noXe^ov iyretyo/ieyot — , gewährt 
er Frieden, dessen Bedingungen leider verschwi^en sind. 
Scipio ist es, der nach dem Bruch (wie würdevoll!) ovxitt 
avtffy iTtotfföato, Man sieht, bei Coelius ist der Senat 
der Betrogene, und er bereut denn auch bitter, Han- 
nibal aus dem Netze gelassen zu haben; ja der Senat 
leitet eigentlich die Karthager erst zu dem Betrüge 
an, wiewohl Zonaras hinterher ähnlich Livius behauptet, 
die Karthager hätten es von vornherein darauf abgesehen 
gehabt. 

Auch Appian. Lib. 31 und Eutrop. IH 21, bei welchem 
die Quellengemeinschaft mit Appian von nun an immer deut- 
licher hervortritt, erhalten die Karthager von dem Feldherm 
nur Waffenruhe (auf 40 Tage) gegen Geldzahlung^) (XXX 
milia pondo argenti), und der Friede kommt erst im Senat 
zur Sprache.^) Allein nun kommt es anders. Demselben 
fällt die Entscheidung schwer, und er beschliefst eine Ab- 
ordnung an Scipio, mit welcher zusammen dieser 
die Bedingungen festsetzt Komische Gesandte gehen 



1) Appian spricht nur vom Unterhalt des Heeres. Offenbar 
war der Wortlaut in der Qaelle analog c. 54: i^ öaicärrfv xy ÖTpat- 
TKJc aXXa tdXavxa jt^Ata xai dyopdv, 

2) Hier schon sind in Appians Quelle Reden für und wider 
den Frieden gewesen. Für den Frieden wird unter anderem geltend 
gemacht, dafs die Rückkehr Hannibals und Magos mit ihren Heeren 
zn gewärtigen sei. Letzteres besonders merken wir uns. 



BOmische Entstellnngen des Yertnga. 205 

nach Karthago hinein, karthagische nach fiom ab, um die 
Eide entgegenzunehmen xal ta tiXtf t^ Kapxv^ovißov 
avtoig (Server. Dies Hin und Her schreibt sich daher, 
dafs Yalerius zweierlei vereinigen wollte. Die karthagischen 
Behörden sollten schon in aller Form beeidigt sein, als der 
Friedensbruch geschah; und dennoch soUten wegen der fol- 
genden Anekdote zu diesem Zeitpunkte noch die kartha- 
gischen Bevollmächtigten in Born anwesend sein. Das war 
nur zu erreichen, wenn sie mehr Zeit brauchten als die 
römischen, d. h. wenn der definitive AbschluTs vor den 
Thoren Karthagos stattgefunden hatte. 

Drei Bedingungen hat Eutropius in seinen kurzen 
Bericht aufgenommen: AusUefenmg der Schifife bis auf 30 
(beim endlichen Frieden 10), Zahlung von 500000 Pfimd 
Silber, Auslieferung der Gefangenen und Überläufer (per- 
fngae). Appian hat die erste und letzte (avtopioXot) ebenso, 
statt 500000 Pfund jedoch nur 1600 Talente. Diese In- 
kongruenz werde ich aber später durch einen Vorschlag be- 
seitigen. 

Yon denjenigen Bedingungen, welche allein Appian über- 
liefert, nehme ich, soweit sie nach der Schlacht von Zama 
sich wiederholen, hier Abstand. Sonst bemerke ich, um 
einem Müsverständnis vorzubeugen: die Bäumung Italiens 
durch Hannibal und Mago (nach der Batifikation) ver- 
steht sich, da die künftige Begrenzung des karthagischen 
Gebietes gegeben ist, von selbst Hannibal wird daher 
gar nicht erwähnt Mdyoava ^hr anoTtXsiv ix Aiyvoov 
avtixa, Kai tov Xoinov Kapxr^Soviov^ jiff SevoXoysir 
aber bedeutet nur: er soU, anders als Hannibal, unter Ent- 
lassung der von ihm angeworbenen Scharen abfahren. 
Diese Entlassung ist die Hauptsache; autlxa heifst also 



206 Zweiter Abechnltt 



nicht etwa: noch vor der Ratifikation, sondern bückt einfach 
den Gegensatz zu tov Xotnov (vgl. das homerische aiithia 
Hai fietinetta). Während später nur das Verbot mit Masi- 
nissa Krieg zu führen ausgesprochen wird, lautet die ent- 
sprechende Bedingung hier: ix^tv Sh Maööavdöörfv Maö- 
övXiov^ TS xal tffg 2v(paHog otpxtffS o6a övvatro. 
Dies wird mit den gleich zu berührenden Feindseligkeiten 
Hannibals gegen Masinissas „Unterthanen^^ zusammenhangen, 
diux5h welche in Appians Quelle der Friedensbruch verstärkt 
oder verdoppelt erscheint. 

Schon bei Zonaras bemerken wir, indem wir uns nun 
dem Friedensbruch zuwenden, eine solche Verstärkung: ini- 
S^evro t(p 2Hinioovt xata yrfv re xal xaxa ^aXaööav. 
Bei der Rettung der Abgesandten Scipios spielt göttliche 
Vorsehung in Gestalt eines TtvBViia tuxocloD^ öv/ißäy eine 
Rolle. Mago wird nach Italien zurückbeordert, Hannibal 
zum imumschränkten Oberfeldherrn ernannt Jene unbequeme 
Manipulation scheute Coelius nicht, um Mago bis zum Ende 
des Krieges in Italien bleiben zu lassen (wie oben gezeigt, 
nicht der Wahrheit entsprechend) und Scipios Friedensschlufs 
als Pacifikation Italiens feiern zu können. Dann der Aus- 
bruch der Volkswut in Karthago, welchem Hasdrubal Gis- 
gos Sohn zum Opfer fällt, über dessen Fehlen bei Livius 
ich mich früher geäulsert habe, jivvißa^ /ihr ovr naöay 
ttfv ffye/ÄOviav Xaßcav sig rrfv Maötviööov ;|fco/)arv ivi- 
ßaXe xal ixaxov aiytrjfv. Hannibal folgt also wenigstens 
in Verletzung der Waffenruhe dem Beispiel der Hauptstadt 

Appian. Ldb. 33: Hannibal landet bei Hadnimetum, 
rüstet aber sogleich zum Kriege. Seiner Quelle genügte es 
nicht, dafs bei Coelius Hannibal dem bösen Beispiel der 
Hauptstadt folgte; er bricht die Waffenruhe aus eignem An- 



und des Yertragsfarachs. 207 



triebe. Ein niunidischer Stamm wird von Hannibal gewonnen. 
4000 Numider, welche erst Syphax, dann Masinissa gedient 
haben imd nun zu ihm übergelaufen sind, schielst Hanni- 
bal nieder, um seinen zuverlässigen Leuten Pferde zu ver- 
schaffen. ^HX^B 6h Hoi MaöorvXo^ avt(p Swdörr^^ ire- 
po^ ^tta ;^tA/(«n^ titTt^Gin^ xai Ovepfiiva^ 2u(paHo^ vibg 
?repo5r, fri tcav TrXeovafv rff^ narpopais apxff? intupa- 
tcav. Der erstere Name » Mazaetullus, aber durchs La- 
teinische ins Griechische übergegangen, wie die andere Form 
durchs Griechische (Polybios) ins Lateinische (Livius). IJoXstg 
ts Maööaraööov ra^ fjihv VTtrfyeto tag 6' ißta^ero. Spe- 
ziell wird erzählt die Einnahme von Narke durch Soldaten, 
welche mit versteckten Schwertern in die Stadt gehen, wie 
um auf dem Markt einzukaufen; ein Beweis, dafs es sich 
um einen Friedensbruch in aller Form handelt. Dann erst 
c. 34 der Überfall der verschlagenenen Transportflotte trotz 
der Warnungen des karthagischen Senats, auf welche das 
Volk erwidert: tov Xt^iov iroxXsiv vnhp tag napaßä- 
öetg (sie). 

Die Überbringer von Scipios Beschwerde will man fest- 
halten zur Sicherung der noch nicht aus Rom zurückgekehrten 
Bevollmächtigten. Aber Hanno d. Gr. und Hasdrubal, Bock 
genannt, nehmen sich der Bedrohten an; ein bekannter Kunst- 
griff römischer Annalisten, Feinde selbst die gerechte Sache 
der Römer vertreten zu lassen. Daher werden die Geleit- 
schiffe bei Appian von eben denselben Männern und 
in bester Absicht den Römern mitgegeben und der Über- 
fall wird von den Demagogen hinterrücks angestiftet Dals 
die verfrühte Umkehr der Geleitschiffe nun nicht mehr moti- 
viert war, scheint den Bearbeiter nicht gekümmert zu haben. 
C. 35: Der römische Senat begnügt sich die karthagischen 



208 Zweiter Abschnitt. 



BevollmächtigteiL auszuweisen. Sie werden aber durch einen 
Sturm in das Lager Scipios verschlagen, festgenommen, 
jedoch auf seinen Befehl {ovSkv o^otov, i<prf, tat^ Kap- 
XTfSovi&n^ am&tiai^) freigelassen. So war es dem Fälscher 
Antias gelungen, aus der edelmütigen That des Feldherm, 
die er vorfand, eine Staatsaktion der kompetenten 
Behörde zu machen, gerade wie es derselbe Fälscher mit 
der Anekdote vom Arzt des Fyrrhos gemacht hat Diesmal 
hülste sogar der Feldherr, dank dem Sturme, nichts 
an Buhm ein. Später bei der Anrede an die Gesandten 
nach der Schlacht von Zama verfehlt Scipio nicht, diesen 
doppelten Beweis rOmischer Qrofsmut recht nachdrücklich 
hervorzuheben. Trotz abermaliger Mahnungen des Eates 
bleibt das Yolk in Karthago verstockt und überträgt Hanni- 
bal den Oberbefehl. Von Hasdrubal heifst es hier nur, dafs 
er zurückberufen wird, aber sich aus Furcht in der Stadt 
versteckt hält; wir werden finden, dafs die Katastrophe 
selbst von Antias als Dekoration fOr eine spätere Erfindung 
aufgespart ist 

Eutrop. m 22: Interim Hannibale veniente ad Africam 
pax turbata est, multa hostilia ab AMs facta sunt legati 
tamen eorum ex urbe venientes a Bomanis capti et jubente 
Scipione dimissi. Also waren, wie bei Appian, die Gesandten 
schon einmal vom Senat freigelassen worden. Noch deut- 
licher aber ist die Quellengemeinschaft zwischen Appian und 
Diodor. Dessen fr. XXYII 10 enthält genau die Appianische 
Erzählung von den 4000 niedergeschossenen Numidem; ebenda 
fr. 11 die Warnungen des karthagischen Senates und die Ant- 
wort der Menge, etwas plastischer ausgedrückt: rtjv HotXUxv 
ovH ixBtv oota; femer fr. 12 die Anstiftung des Überfalls 
durch die Demagogen, während oi öwiöet duxipspoyrsg 



Lirins ttber den Vertrag und den Yertragsbrach. 209 

die Römer beschützen, die Lo&lassuiig der karthagischen Be- 
vollmächtigten, welche vno ;|f£i/iö5vo^ Hatrfrix^rföay el^ 
rov tdav ^Poofuxkav yav&ta^/ioy, ja fast wörtlich derselbe 
Ausspruch Scipios: ovh i<pr^ daiv Ttpattetv a toig Kap- 
XtfSoriot^ iyxaXovötv, 

Nun erst betrachten wir die Livianische Darstellung. 
C. 16 geht in der Hauptsache auf Polybios zurück, wie 
gleich anfangs die Form Tyneta vermuten läTst. Das Detail 
ist durchaus glaubwürdig. Es ist der engere Rat der Drei- 
fsig selbst, welcher vor Scipio erscheint More adulantium 
— accepto, credo, ritu ex ea regione, ex qua oriundi erant — 
prQcubuerunt Auf diesen Satz kommen Polybios und Li- 
Tius bei den endlichen Friedensverhandlungen nach der Schlacht 
von Zama zurück, wo sie hervorheben, dafs die Karthager 
noch mehr als diesmal sich erniedrigen. Yor allem aber 
diktiert Scipio wirklich leges pacis, gewährt nicht 
lediglich Waffenruhe. Wir vergleichen dieselben § 10 ff. 
mit dem, was wir aus dem späteren Rückblick bei Polybios 
schon wissen, und finden dabei allerdings einige Züge der 
gefälschten Darstellxmgen beigemengt: 

Captivos et perfugas et fugitivos restituant — Dafs die 
flüchtigen Sklaven (deren Ausliefenmg im Definitivfrieden 
stipuliert ist) auch an dieser Stelle von Polybios mitgenannt 
und nur in der Wiederholung später w^gelassen wären, 
will ich nicht für ausgeschlossen erklären; wohl aber mufs 
ich dies thun rücksichtlich der Überläufer, worüber ausfühi^ 
lieh später. Da aber sowohl Appian als Eutropius die Übei> 
läufer nennen, so hat sie Livius höchst wahrscheinlich aus 
Valerius. 

Weiter: exercitus ex Italia et Gallia deducant, Hispania 
abstineant, insulis omnibus quae inter Italiam atque Africam 

Hesselbarth, histor. - krit. Untersnch. 14 



210 Zweiter Abschnitt 



sint, decedant. — So mag sich Polybios auch ausgedrückt 
haben. 

Noves longas praeter viginti omnis tradant — Man hat 
wohl mit Sigonius triginta zu lesen, so dafs Livius mit Appian 
stimmt. Übrigens hindert nichts, auch bei Polybios diese 
Angabe vorauszusetzen. 

Nun kämen nach Polybios noch zwei Punkte: nevta- 
Kt^X^Xia tdXavra npo^sysyKeiVy Ofir^pa öovvat irspi 
tovtoov. Livius hat aber vorher, was meiner Meinung nach 
nicht bei Polybios stand: tritici quingenta, hordei trecenta 
milia medium; er hat dann zum ersten Punkt Varianten 
gemacht und dai'über die GeiselsteUung ganz vergessen: pe- 
cuniae summam quantam imperaverit, parum convenit alibi 
quinque milia talentum, alibi quinque milia pondo argenti, 
alibi duplex Stipendium militibus imperatum invenio. — Der 
erste Blick zeigt, dafs mit der dritten Angabe, wie auch mit 
der eingeschobenen Getreidelieferung nur Leistungen für den 
Waffenstillstand in der Quelle gemeint waren. Die an 
zweiter Stelle genannte Summe scheint auch dafür zu 
gering. Gewifs sind die 500000 Pfund bei Valerius- 
Eutropius gemeint. Man mufs ein Versehen des Livius oder 
seiner Abschreiber (v| für [d], wozu noch die Nachbar- 
schaft einlud, oder etwa einen Textfehler in seiner Vorlage 
annehmen. Livius' Benehmen hat man sich dann so zu 
denken. Er verglich Coelius, fand überhaupt keine Friedens- 
bedingungen — sie werden bei ihm ja in Kom festgestellt — 
und benutzte seine Waffenstillstandsbedingungen. Wohl aber 
fand er bei Valerius, was er suchte. 

Wenn Livius nun zum Schlufs des Kapitels plötzlich 
Frieden und Waffenstillstand (ohne besondere Leistungen!) 
zu unterscheiden beginnt: ,his conditionibus' inquit ,pla- 



Livins ttber den Vortrag und den Yeitragsbrach. 211 

oeatne pax, triduum ad consultandum dabitur. si placuerit, 
mecum indutias facite, Romam ad senatum mittite', so 
ist das Annäherung an Yalerius, und ebenso dürfte anzu- 
sehen sein: quippe qui moram temporis quaererent, dum 
Hannibal in Africam traiceret, denn Polybios scheint die 
Ernsthaftigkeit des Friedensgesuches betont zu haben. Auch 
diese Inkonsequenzen also zeigen, dafs Livius in dem Kapitel 
kombiniert hat. 

C. 17 schildert das Eintreffen des Laelius mit Syphax 
und der Gesandten Masinissas und die betreffenden Senats- 
verhandlungen, wie wir früher sahen, in durchaus glaub- 
hafter Weise. Insbesondere finde ich nun auch den Beschlufs 
angemessen: Laelium retinendum donec legati Carthaginienses 
venirent Denn wiewohl die karthagischen Gesandten multis 
diebus später als LaeUus eintreffen, so hatte Scipio natflrlich 
doch von der neuen Wendxmg der Dinge sofort den Senat 
imterrichtet 

Ganz anders steht es um die Verhandlung mit den kar- 
tliagischen Gesandten selbst, welche nach einigen in meinem 
fünften Abschnitt zu berührenden Kapiteln über Mago und 
Hannibal folgt c. 21, 11 bis c. 23; sie ist in keiner Be- 
ziehung glaubhaft und hat von jeher bei allen Forschern den 
gröfsten Anstols erregt: lam dimisso Laelio legatisque 
Masinissae cum Carthaginiensium legatos de pace ad senatum 
venientes Puteolis visos, inde terra venturos adlatum esset, 
revocari C. Laelium placuit, ut coram eo de pace ageretur; im 
grellen Widerspruch zu c. 17. Die Absicht ist, das Friedens- 
gesuch als ganz unerwartet hinzustellen. Sehr sonderbar ist 
denn auch die Bitte der Karthager — den Frieden des Ca- 
tulus zu erneuem! Auf Kreuz- und Querfragen der Sena- 
toren antworten sie, dafs sie von diesem Frieden nichts Ge- 

14* 



212 Zweiter Abachnitt. 



naueres wufsten, da sie alle jünger seien! Da ruft man von 
allen Bänken: punica fraude electos qui veterem pacem repe- 
terent, cujus ipsi non meminissent. Nachdem auch der die 
Karthager geleitende Legat Scipios und Laelius erklärt haben, 
Scipio habe nicht in Rechnung gezogen, dafe Hannibal und 
Mago inzwischen zurückkehren würden, erhalten die Kar- 
thager kaum eine Antwort, Scipio aber den Befehl, den 
Krieg fortzusetzen.^) 

Während bei Coelius also der Senat durch kurzsichtigen 
Formalismus die Friedensaussichten verdirbt, soll es hier 
gerade der Senat sein, der die Falle, in welche der 
Feldherr gegangen ist, sogleich erkennt. Was aber noch 
mehr Wunder nimmt, der Gewährsmann des Livius, obschon 
in scharfer Opposition zu Coelius, fufst doch anderseits auf 
ihm, insofern auch er das Friedensgesuch der Kar- 
thager erst im Senat zur Sprache kommen läfst. Er 
hat der Fälschung des Coelius gegenüber nicht einfach die 
Wahrheit wieder zu Ehren gebracht, dafs Scipio selbst die 
Bedingungen diktierte und also für den weiteren Verlauf 
verantwortlich war, sondern den Spiels umgedreht und Er- 
findung durch Erfindung wettgemacht Bei ihm mufs mit 
dieser einen Senatssitzung der ganze Friedensversuch erledigt 
gewesen sein, und auch Livius hat sich die Möglich- 
keit versperrt, von weiteren Senats- und Volksbe- 
schlüssen zu berichten, so dafs wir in dieser Beziehung 



1) Der Versuch des Herausgebers von Neamann: Z. d. p. Kr. 
S. 531 , aus diesem Bericht einen brauchbaren Kern herauszuschälen, 
ist mifelungen. C. 23, 6 ist: non, nicht nur durch den Zusanunen- 
hang erfordert, sondern auch durch die Handschriften der Spirensis- 
klasse bestätigt. 



Livins über den Vertrag nod den Vertragsbruch. 213 

auf die Andeutungen des Polybios und Kombinationen an- 
gewiesen bleiben. 

Über die Wegnahme des Transportes erfahren wir Ge- 
naueres c. 24, 5 — 12: Schon war ein solcher mit 20 Kriegs- 
schiffen Begleitung von Lentulus aus Sardinien glücklich 
während der Waffenruhe nach Afrika gebracht. Da wird der 
von Sicilien unter Octavius mit 30 Kriegsschiffen herüber- 
kommende Transport im Busen von Karthago vom Sturm zer- 
streut und nach einer stürmischen Ratssitzung von dem Ad- 
mhral Hasdrubal grofstenteils als gute Beute aufgebracht. 
Auf Polybios als Quelle möchte ich aber schliefsen aus dem 
engen Zusammenhang mit dem sicher Polybianischen folgen- 
den Kapitel, sodann aus der geographischen Anschaulichkeit 
und zumal aus der Bestimmung von Aegimurus (XXX milia 
ab urbe ist gewijjs nur verderbt), dessen Lage Livius früher 
XXIX 27 nicht bekannt gewesen zu sein scheint. 

Da übrigens 203 v. Chr. 40 Schiffe bei Sardinien unter 
Octavius gestanden hatten, 40 dem Statthalter Siciliens, Vil- 
lius, beig^eben, 40 zum Schutze der italischen Küste bestimmt 
gewesen waren, anderseits zu Anfang 202 v. Chr. in c. 27 
neben 50 neuzubeschaffenden noch die 40 Schiffe des Vülius, 
sonst aber keine in Rechnung gezogen werden, so mufs in- 
zwischen eine Zusammenziehimg nach Sicilien stattgefunden 
haben, wahrscheinlich erst unmittelbar vorher infolge von 
Hannibals und Magos Abzug. Octavius, schliefsen wir, war 
nach Sicilien beordert, vermutlich mit der Hälfte seiner und 
der ganzen italischen Flotte (vgl. c. 24, 1), während die 
übrigen 20 Schiffe bei Sardinien unter das Kommando des 
dortigen Statthalters Lentulus getreten waren. Diese Be- 
wegungen hat Livius ausgelassen. Beim Jahreswechsel fand 
er dann, wohl gerade weil sie erst unmittelbar vorher 



214 ZwBitsr Absohnitt. 



geschehen und verzeichnet waren, in seinen annalistischen 
Quellen nur einen allgemeinen Hinweis c. 27, 9: ceteris ita, 
ut quisque obtinebaut provincias exerdtusque, prorogata im- 
peria. Octavius ist übrigens nach dem Überfsdl und Wieder- 
ausbruch der Feindseligkeiten nicht nach Sicilien zurück- 
gelangt; vielmehr kommandiert seine dort verbliebenen 30 
Schiffe nachher Lentulus samt den 20, mit welchen er aus 
Afrika offenbar zurückgesegelt war. So verhält sichs mit 
dessen 50 Schiffen c. 39, 2. 

C. 25, Sdpios Mahnung zum Frieden, kann in der 
Hauptsache als Polybianisch gelten. Livius stimmt in dem 
Hauptpunkt mit Polybios, daüs am SchluTs Laelius und 
der Legat mit den karthagischen Bevollmächtigten 
ohne Kenntnis von dem Bruch im Lager eintreffen. 
Auch die Beschwerdeführung in Karthago selbst und beson- 
ders der Angriff auf das Qesandtenschiff weisen nur wenige 
auf eine Nebenquelle deutende Differenzen auf. Den Anfang 
nämlich kann ja Livius nicht ganz getreu geben, da die 
Entscheidung in Rom bei ihm anders, negativ, ausgefallen 
ist Er hilft sich damit, dafs Scipio die Mahnung zum Frie- 
den ergehen läfst, ehe noch Nachricht von Rom da ist 
Wohl aber erinnert es an Appian, dafs dessen Abgesandte 
in Kaiihago durch „Magistrate" beschützt und in guter Ab- 
sicht mit Geleitschiffen versehen werden. Daraus femer, 
dafs Livius bei dem einen gelesen hatte, die Schiffe seien 
nur zum Schein, bei dem andern, sie seien in ehrlicher 
Absicht mitgegeben^ erkläre ich mir den Umstand, dafs er, 
nun ganz unsicher geworden, auch bezweifelt, ob Hasdru- 
bal aus eignem Antrieb oder auf einen Wink von Karthago 
den Oberfall veranstaltet habe, während alle Quellen in der 
letzteren Auffass\mg übereinkommen. 



Livins über den Vertncr imd den Vertragsbnieh. 215 

Hiermit sind wir zum rOmischen Jahreswechsel gekom- 
men. Livius flickt nur noch Hannibals Landung, richtiger 
gesagt blofs ein Omen bei Hannibals Landung ein, das er 
mindestens früher hätte bringen sollen, um dann c. 26: Haec 
eo anno in Africa gesta. insequentia excedunt in eum annum, 
quo u. s. w. den afrikanischen Krieg abzuschlieüsen und Er- 
eignisse in Rom nachzuholen. Durch das eigentümliche 
Selbstgespräch verrät Livius, dafs seine Hauptquelle eben 
nicht nach römischen Jahren gliederte, unzweifelhaft 
erzählte ja Polybios alles auf die Verhandlungen Bezügliche 
im Buch XY, also unter seinem Jahre 202 v. Chr. Bei 
Livius hätte nach annalistischer Art die Einwilligung von 
Senat imd Volk (wenn er davon überhaupt noch hätte 
sprechen können) und der gleichzeitige Eriedensbruch ins 
neue Jahr gehört, wo wir statt dessen c. 28 die Spannung 
in beiden Hauptstädten ausgemalt finden; die 72 von Hanni- 
bal erbeuteten fasces erwähnt auch CoeL fr. 45. 

Was das erwähnte Omen angeht, so ist es desselben 
Geistes, wie dasjenige bei Scipios Landung. Auf Befragen 
nennt ein Schiffer dem Hannibal als Richtungspunkt: sepul- 
crum dirutum, worauf dieser weiter steuern und bei Leptis 
anlegen läfst Letztere Angabe widerspricht Appian ebenso- 
sehr als Polybios. Sie verdankt aber ihren Ursprung viel- 
leicht gerade dem Omen, wenn nämlich, wie man vermutet, 
mit sepulcrum dirutum der Name des Leptis nahegelegenen 
Thapsus übersetzt sein soll. Möglicherweise könnte sogar 
diese Stadt zum Unterschied von der sidlischen den Bei- 
namen Zarytos gehabt haben, welcher bekanntlich bei Hippo 
vorkommt (Plin. N. H. Y 4 Hipponem Dirutum vocant) imd 
in seiner Bedeutung noch nicht erkannt ist Von Unter- 
nehmungen Hannibals während des Waffenstillstands, wie 



216 Zweiter Abschnitt. 



freilich überhaupt von seinen Vorbereitungen, schweigt Livius, 
Polybios mufs letztere , z. B. das EintrefiFen von Magos Trup- 
pen und von Libyern und Karthagern in Hadrumentum vor^) 
unserm grofsen Bruchstück XV 1 — 16 erwähnt haben; bei 
Livius ist es durch den Wedisel der Quelle ausgefallen. 

202 V. Chr. = 552 d. St. Wie der von neuem eröff- 
nete Krieg bis zur Schlacht von Zama verlief, ist uns aus 
c. 3 ff. des Polybianischen Bruchstückes bekannt Polybios 
erzählt zunächst, wohl einen längeren Zeitraum zusammen- 
fassend, dafs Scipio nach Sicherung seiner Flotte iiteno- 
ptmto tag noXstg,^) ohne Pardon zu geben, um den Kar- 
thagern seinen Groll fühlbar zu machen, und fortwährend 
(övvexdog) den zur Besitznahme von Syphax' Reich ausge- 
zogenen Masinissa mahnte, möglichst viel Truppen zusammen- 
zubringen und ihm zuzuführen. Hannibal, welcher inzwisdben 
einen numidischen Häuptling mit 2000 tüchtigen Reitern'*) 
gewonnen und so seinen Mangel an Reiterei einigermafsen 
gedeckt hat, weist zwar die durch Scipios Wüten erschreck- 
ten und deshalb auf eine Entscheidung dringenden Karthager 
kurz ab, zieht aber fjietd rtvag ff/iipag von Hadrumetum 
nach Zama. avttf 6' i&rl nokig anixov6a KapxV^^^^^ 
dog npog rag övöetg o66v ffpispcjv Tcivte. Drei von dort 
ausgesandte Spione werden von Scipio gefangen, aber über 



1) Das ist richtiger als mit Weifsenbom in demselben hinter 
c. 3 eine Lücke zu vermuten. 

2) Nach Frontin. III 6, 1 hätte Scipio den Hannibal durch 
scheinbaren Rückzug verleitet, die Besatzungen der Städte an sich 
zu ziehen, und sie dann durch Masinissa in seine Gewalt gebracht. 

3) Dies sticht einigermaisen ab gegen die Scharen, welche 
Antias-Appian erwähnt und zu den späteren grofsen Kämpfen auch 
nötig hatte. 



202 V.Chr. 217 

alles, was sie sehen wollen, unterrichtet und zurückgeschickt. 
Da bittet Hannibal, über den hohen Mut seines Gegners be- 
troffen, um eine Zusammenkunft, die jener bei gelegener Zeit 
verheifsi Nachdem tags darauf Masinissa zu den Römern 
gestofsen ist, lagern diese bei Naragara (in der Hdschr. ver- 
schrieben, aber nach Livius hergestellt) an einem günstigen 
Orte. Da erklärt Sdpio sich zur Zusammenkunft bereit. 
Hannibal kommt mit dem Heere auf 80 Stadien heran und 
lagert an einem Orte, der sonst günstig ist und nur das 
Wasser ziemlich weit hat, so dafs die Soldaten viel Last 
davon haben. Am folgenden Tag ist das berühmte Zwie- 
gespräch, am nächsten die Schlacht 

Die geographischen, sowie etwaigen chronologischen Be- 
denken gegen die Darstellung ziehen wir erst nach Anhörung 
der andern Zeugnisse in Erwägung. 

Livius folgt c. 29 — 31 Polybios. Den Anfang hat er 
willkürlich zurechtgemacht, er will vertuschen, dafs Hanni- 
bal c. 25 in Leptis gelandet ist und trotzdem jetzt von 
Hadrumetum auszieht: lam Hadrumetum pervenerat Hannibal, 
unde, ad reficiendum ex jactatione> maritima militem paucis 
diebus sumptis, . . Man erkennt das Polybianische iiBta 
Si rivaq ff/xipag, aber so anders verwendet, dafs dadurch 
die Schlacht von Zama mindestens in den Frühsommer ge- 
rückt würde. Nachher erzählt Livius Masinissas Eintreffen 
bei Sdpio der Bequemlichkeit halber nicht selbst, sondern 
läfst es die Spione gleich mitmelden. Bis auf eine sehr 
wichtige Variante zu der Zusammenkunft ist alles rein Poly- 
bianisch, sogar das Gespräch selbst. Einmal c. 30, 10 zeigt 
sich, dafs Livius vorausgelesen hat. 

Zonar. P. 441 C bricht Scipio im Frühjahr gegen Hanni- 
bal auf, als er hört, dieser habe den Masinissa besiegt, wo- 



218 Zweiter Abschnitt. 



mit gcwifs wieder die Feindseligkeiten gemeint sind, mit 
welchen Hannibal, wie früher berichtet, dem Beispiele der 
Hauptstadt gefolgt war. Es kommt dann zu einem längeren 
G^enüberliegen, und beide Feldherren halten Ansprachen. 
Endlich stellt sich Scipio, als fliehe er, und Hannibal folgt 
mit der Reiterei allein, was fast wie eine andere Auflage 
des von Frontinus über die Einnahme der Städte Berichteten 
aussieht Scipio schlägt ihn, verfolgt aber nicht, sondern 
nimmt den Train fort, welcher auf dem Wege (sie) ist Dar- 
über und zugleich über die grofsmütige Schonung seiner 
Späher bestürzt, von denen übrigens zwei es vorziehen, bei 
den Römern zu bleiben, bittet Hannibal um die Unterredung 
und zwar durch Masinissas Yermittelung. Scipio weiis, „ob- 
wohl durchaus nichts Bestimmtes versprechend '% den Gegner 
völlig in Sicherheit zu wiegen und überrascht ihn alsdann 
beim Lagerwechseln, so dafs die Leute desselben die Nacht 
hindurch schanzen und Brunnen graben^) und dann erschöpft 
kämpfen müssen. — An Gelegenheit, sein Feldhermlicht 
leuchten zu lassen, hat es, muls man zugeben, Coelius 
seinem Helden nicht fehlen lassen. Nebenbei soll dessen 
Zwiesprache mit dem Erzfeind bemäntelt werden. Dazu 
dient auch wohl die Yermittelung Masinissas bei diesem Vor- 
gang, welche den Lesern des Coelius weniger unglaublich 
erschienen sein mag als uns. YgL oben S. 172. 

Bei der Variante des Livius wird einem zu mute, als 
wenn man einen nur allzu kurz bemessenen Ausblick in 
eine' wildfremde G^egend thun darf. Nach dem Satze näm- 
lich, wo ganz nach Polybios der Eindruck von der Zurück- 



1) Nach Polybios war das Wasser weit, aber nicht unzu- 
reichend, und von weiterer Bedeutung ist dio Sache nicht. 



a02 V.Chr. 219 

Sendung der Spione auf Hannibal und dessen Gesuch um 
eine Unterredung berichtet ist, heilst es (nicht in bestem Ein- 
vernehmen damit) c. 29, 6: id utrum sua sponte fecerit an 
publice oonsilio, neutrum cur adiirmem habeo. Yalerius 
Antias pnmo proelio victum eum a Scipione, quo duodecim 
milia armatonim in ade sint caesa, mille et septingenti 
capti, [legatum] cum aliis decem legatis tradit in castra ad 
Scipionem venisse.^) Worauf Livius mit einem ceterum 
ruhig nach Folybios fortfährt Den grofsen Abstand der 
beiden Darstellungen hat er zuerst entweder wieder einmal 
unterschätzt oder geringer erscheinen lassen wollen. Nach- 
her stellt sich heraus, dafs keineswegs blofs der offizielle 
oder nichtoffizielle Charakter von Hannibals Schritt strittig 
ist, sondern dafs auch die einleitenden Ereignisse bei Antias 
andere waren — statt der Spionengeschichte eine grofse Nie- 
derlage Hannibals — ja schliefslich, dafs es eigentlich sich 
um keine Zusammenkunft mehr handelt, sondern dafs durch 
Yerquickung mit einer Gesandtschaft aus der Hauptstadt eine 
Art Friedenskongrefs im römischen Lager entstanden ist 

Wie aber Antias dazu gekommen ist, uns eine solche 
Fhantasielandschaft vorzuführen, ist klar. Auf eine regu- 
läre Verhandlung mit abermaligem Vertragsbruch 
hatte er es abgesehen, nicht blofs von Seiten des Feld- 
herm, sondern unter offizieller Teilnahme der karthagischen 
Behörden. Auf ein rein psychologisches Motiv, wie es ur- 
sprünglich für den persönlichen Annäherungsversuch pas- 
send gewesen war, konnte man einen solchen offizieUen 



1) cum aliis decem legatis spiegelt das Zwitterhafte der Er- 
zählung wieder, auch wemi legatum, wie ich vermute, Glossem 
sein sollte. 



220 Zweiter Abschnitt. 



Schritt Hannlbals (um von den karthagischen Behörden ^- 
mal abzusehen) nicht zurückführen, wohl aber war das von 
Coelius hinzugefügte Motiv, Niederlage und grolse Verlegen- 
heit des karthagischen Feldherm, sehr brauchbar. Natürlich 
wurde das römische Lager, wie für die Verhandlung mit Sy- 
phax, so auch jetzt der Schauplatz. Zwei Fragen löst uns Livius 
aber nicht: Wieso kam die Icarthagische Regierung just 
in demselben Moment wie ihr bedrängter Feldherr 
(oder kurz vorher) zu dem Einfall Verhandlungen anzu- 
knüpfen, nicht lange nach der Wiederaufnahme der Feindselig- 
keiten? Und wo blieb die schöne Spionengeschichte? 
Appian erzählt c. 36 ff. den Wiederausbruch des Kri^es 
folgendermafsen: Scipio blockiert Karthago. In den- 
selben Tagen föUt eine Beiterschlacht bei Zama vor, in 
welcher Hannibal besiegt wird, und bald darauf die nacht- 
liche Wegnalime eines Transportes, i) auf den er alle Hoff- 
nungen gesetzt hat. Hannibal, in der gröfsten Not, schickt 
Gesandte an Masinissa, ihn an seine Erziehung in Karthago 
zu erinnern und zu bitten in oi öwayayEtv i^ öwSrrf- 
xag 2Kinioaya. Masinissa bittet Scipio und öxfvrfYayBv 
avrov<5 av^tis i? rotd^de öuv^rfHa^: Erstattung des ge- 
raubten Transportes, 1000 Talente Strafe. Der Waffenstill- 
stand behufs Überbringung der Bedingungen nach Karthago 
befreit Hannibal aus seiner Übeln Lage. Das karthagische Volk 
aber, obwohl vom Rate an die Schwierigkeiten der Lage gemahnt 
und aufgefordert i/x/xivetv roig iyvGOÖ/jiiyoig , tobt gegen die 
Feldherren, treibt Hasdnibal m den Tod (wie bei Zonaras 
schon früher) und befiehlt Hannibal, den Krieg fortzusetzen. 



1) Durch einen x'^^i^PXo^ Sipfios. Ganz kurz auch Frontin. 
I 8, 10. 



202 V. CJhr. 221 

Eine Beteiligung der karthagischen Regierung an den Ver- 
handlungen ist also von Appian nur in dem i/i/xivetv rolg 
iyvcoößjiiyotg angedeutet Aber das Ende sowohl als der An- 
fang der Geschichte weist auf eine solche um so deutlicher 
hin. Das Ende: denn wozu die ganze Erfindung von der Ver- 
werfung einer Übereinkunft, wenn die Karthager darob kein 
Vorwurf treffen konnte? Appians Bericht, wenn man die- 
selben nicht als bereits engagiert ansehen woUte, wäre gerade 
so eingerichtet, dafs sowohl sie als der Feldherr entschul- 
digt sind, was Appians Quelle gewifs am allerletzten gemeint 
haben kann. Im Anfang der Geschichte aber hat die erfun- 
dene Blockade Karthagos eben nur den Zweck zu erklären — 
und damit wird die erste von Livius offen gelassene Frage 
beantwortet — wie so diejenigen, welche soeben den Kri^ 
vom Zaune gebrochen, sich um Frieden bemühen. Geflissent- 
lich wird gesagt, dafs die Hauptstadt in denselben Tagen 
in Bedrängnis geriet wie der Feldherr. Dafs aber Appian 
das Eintreffen der zehn Gesandten (gleich nach der Anknüpfung 
Hannibals) übergangen hat, begreift sich von zwei Gesichts- 
punkten aus leicht. Appian hat eine grolse Abneigung die 
Szene zu wechseln und zwei Schauplätze nebeneinander zu 
berücksichtigen. Nachdem er soeben mit rdav ö^ avtdav 
ff/xepdav zu den Ereignissen im Felde übergegangen, war es 
ihm lästig, wieder von der Hauptstadt zu sprechen. Sodann 
war der Gang der Verhandlungen, vielleicht mit Eeden aus- 
staffiert, gerade dasjenige üi seiner voluminösen Quelle, was 
er am leichtesten kürzen konnte, ja seinem Plan gemäfs, wel- 
cher nur auf die Kriegsgeschichte ausgeht, kürzen mufste.^) 

1) So giebt er auch statt der Verhandlung Pol. XXXV 2—3 
nur das Resultat Iber. 49; ich erinnere auch au sein Schweigen über 
das sogenannte zweite Triumvirat. 



222 Zweiter Abschnitt. 



Mit öwrfyayBv avrov^ ig totägde öwB^rfHag fafste er 
sie geflissentlich recht ]nirz zusammen. Dieser Fall aber 
wirft auch auf jenes intx^ipei dtartär dtaXvöeig oben 
S. 183 ein Licht 

Die Wegnahme des Transportes fanden wir bei Appian 
gesondert von der Reiterschlacht So konnte diese zu einer 
gründlicheren Niederlage aufgebauscht werden. Angesichts 
dessen und der gewaltigen Reiterscharen, welche beide Teile 
bei Appian auf die Beine gebracht haben, darf man die 
12000 Tote in dem primum proelium bei Livius nicht als 
unmöglich bezeichnen. Ausgeschlossen wäre wohl der Aus- 
weg auch nicht, dals Antias die Verluste in den nebenher 
von Appian (und Eutropius) erwähnten Gefechten einbegriffen 
hätte. 

C. 39 zeigt, dafs das Kuckucksei, als welches die er- 
neute Verhandlung sich darstellt, keineswegs die schöne 
Spionengeschichte und das berühmte Gespräch der beiden 
grofsen Gegner, wie Livius meint, verdrängen sollte: Scipio 
erobert nach Wiederbeginn der Feindseligkeiten eine grofse 
Stadt Parthos, rückt dicht an Hannibal heran, und nun — 
die Anekdote von den drei Spähern und die Zusam- 
menkunft {cftryeÄSsiv ig K6yovg)\ Antias hat also die 
doppelte Motivienmg der Zusammenkunft bei Goelius diux^h 
die Niederlage und die Zurücksendung der Spione ganz prak- 
tisch auf den erfundenen Friedenskongrefs und die eigent- 
liche Unterredung der beiden Feldherren verteilt; Livius aber 
hat bei seinem Citat des Antias wieder nur halb gesehen. 
Übrigens scheiden bei Appian die Feldherren unter Drohungen; 
sein Gewährsmann hat also die von Goelius für nötig gehaltene, 
ihm aber anstöfsige Verstellimg Scipios mit gewohnter Gründ- 
lichkeit beseitigt. Etwas weniger natürlich klingt nun frei- 



202 V. Chr. 223 

lieh die Mär, dafs der Karthager beim Lagerwechsel (in der 
Nähe einer Stadt Eilla) überrascht und an einem wasser- 
losen, ungünstigen Orte zum Halten und Schlagen gezwun- 
gen sei. 

Was den Inhalt des Gespräches betrifft, so wundere 
ich mich über Rankes Bemerkung, Polybios werde erst ver- 
standlich durch das von Appian bezeugte Verlangen Hanni- 
baLs, die Geldzahlung erlassen zu bekommen. Denn auch 
bei Polybios ist dies ein Hauptpunkt Merkwürdig ist aller- 
dings, dals bei aller sonstigen Entstellung gerade der Inhalt 
des Gespräches bei Appian richtig erhalten ist Fast könnte 
man schon hier Reminiszenz aus Polybios vermuten. 

Eutropius, wenn auch sehr kurz, scheint mir in der 
Hauptsache zu bestätigen, was wir über Antias ermittelt 
haben. Im AnschluTs an das früher Abgedruckte lesen wir 
m 22: Hannibal quoque frequentibus proeMis victus a Scipione 
petit etiam ipse pacem. cum ventum esset ad colloquium, 
iisdem conditionibus data est, quibus prius. addita quin- 
gentis milibus pondo argenti centum milia librarum propter 
novam perfidiam. Carthaginiensibus condiciones displicue- 
runt jusseruntque Hannibalem pugnare. infertur a Sci- 
pione et Masinissa, alio rege Numidarum, qui amicitiam cum 
Scipione fecerat, Carthagini bellum. Hannibal tres explo- 
ratores ad Sdpionis castra misit, quos captos Sdpio circum- 
duci per castra jussit, ostendique eis totum exercitum, mox 
etiam prandium dari dimittique, ut renuntiarent Hannibali, 
quae apud Eomanos vidissent Das nächste Kapitel erzählt 
die Schlacht, übergeht also die eigentliche Unterredimg 
(welche unmittelbar nach der eingeschmuggelten in einem 
so kurzen Abrifs allerdings recht anstöfsig gewesen wäre); 
doch haben wir das Vorspiel dazu, die Anekdote von den 



224 Zwoiter Absehnitt. 



Spionen. Bei jener erfundenen Verhandlung ist die Über- 
einstimmung, was die Zusatzstrafe für den Eriedensbnich imd 
die Erneuerung des Krieges durch Beschlufs der Karthager 
betrifft, deutlich. Dafs die Beteiligung karthagischer Ge- 
sandter nicht ausgesprochen ist, sondern sich verbirgt unter: 
ventum esset ad colloquium, ist bei Eutropius nicht auf- 
fällig, welcher nur das Neue an dieser abermaligen Ver- 
handlung: Hannibal quoque . . etiam ipse, hervorhebt 

Kommen wir nun auf den Folybianischen Bericht des 
Feldzugs von 202 v. Chr. zurück, so finde ich zunächst 
chronologisch ein wenig an ihm auszusetzen. Wenn nfim- 
lich verschiedene Erwägungen zur Ansetzung der Schlacht 
von Zama in den Herbst führen und der Wiederausbruch 
der Feindseligkeiten nicht allzulange nach Antritt der Kon- 
suln erfolgt war, so ist Polybios' Bericht etwas zu gedrängt. 
Allein man denke sich den Zeitraum, den Scipio mit Ver- 
wüstungszügen, Maainissa und Hannibal mit Küstungen aus- 
füllten, nur nicht zu kurz! Dafs die Entscheidung, nach- 
dem beide Teile sich in Bewegung gesetzt, nicht lange 
warten liefs, ist einleuchtend. 

Etwas schlünmer steht es mit dem Bericht in geogiar 
phischer Beziehung vgL Mommsens Abhandlimg über Zama.^) 
Als vor einigen Jahren zimächst ein Zama nur 60 römische 
Meilen westlich von Hadrumetiun, also südlich von Karthago, 
inschriftlich festgestellt wurde, schien es sehr annehmbar, 
auf dieses eine Zama aUe Nachrichten zu beziehen, in denen 
der Name überhaupt vorkommt, insbesondere aber unsem 
Bericht, weil Hannibal nicht nur von Hadrumetum auszieht 
zur Schlacht, sondern auch erst dorthin und von da nach 



1) Hermes XX S. 145 fif. 



Schlacht von Zama bei Polybios und Livios. 225 

der Hauptstadt flüchtet Die Nennung von Naragara, das 
viel weiter westlich liegt, die Bezeichnung „westlich von 
Karthago ^^ und auch die Angabe Com. Nep. Hann. 6,4, dals 
Hannibal in zwei Tagen und zwei Nächten das 300 rOmische 
Meilen (bei Appian. Lib. 47 durch oberflächliche Umsetzung 
3000 Stadien) entfernte Hadrumetum erreicht habe, erschie- 
nen dann als gleich schwere Fehler, entsprungen aus einem 
und demselben Irrtum des Urberichtes. Nachdem aber bald 
darauf ein zweites Zama 140 rOmische Meüen von Hadru- 
metum entdeckt worden ist, scheint es ratsamer, an dieses 
zu denken. Das „westlich^' ist dann nur eine üngenauigkeit 
statt „südwestliches 300 Meilen eine Übertreibung oder will- 
kürliche Bestimmung der, allerdings nur in anbetracht der 
vorhergegangenen Anstrengung erwähnenswerten, SchneUig- 
keit^) Hannibals. Scipio ist, gewifs hauptsächlich der Ver- 
einigung mit Masinissa wegen, zunächst im Thale des Ba- 
gradas aufwärts gezogen und dann erst ostwärts. Ist letztere 
Bewegung auch noch nicht geographisch zu fixieren, so ist 
doch Naragara als Station (oder eigentlich sogar Endpunkt) 
nicht glaublich, und es scheint hierbei sich nun mehr um 
eine IiTung des Polybios als um einen Fehler des Urberich- 
tes zu handeln. 

Den Polybianischen Bericht über die Schlacht selbst 
finde ich einleuchtend und schön wie nur einen. Delbrück^) 
ist meines Wissens der erste, welcher zum entgegengesetzten 
Urteil gelangt ist und zwar auf folgendem Wege. Er ver- 



1) Vielleicht ist in die 48 Standen ursprünglich die weitere 
Beise nach Karthago einbegriffen gewesen. 

2) ManipiOartaktik, Sybels Histor. Zeitschr. 1884. S. 261 ff. 
Die Manipularlegion und die Schlacht von Cannae. Hermes XXI 
S. 65 ff. 

Hesselbarth, histor. - krit. Untersach. 15 



226 ZwGit4?r Abschnitt. 



wirft die auf Liv. VIII 8 zurückgehende Auffassung der 
älteren Manipulartaktik. Die Intervalle zwischen den Mani- 
peln können nach ihm unmöglich so grofs wie Manipelfronten 
gewesen sein. Sie seien nur Abstände zur Ausgleichung 
und Aufrechterhaltung von Fühlung und Richtung beim Vor- 
marsch gewesen. Auch die drei Manipelreihen seien nicht 
als selbständige Treffen, sondern als Glieder aufzufassen. 
So bilde die ganze Aufstellimg noch gewissermafsen eine 
massige Phalanx, nur der Beweglichkeit halber mit „Ge- 
lenken" versehen. Erst nach der Schlacht von Cannae, in 
welcher die Römer noch das gröfste Ungeschick in der tak- 
tischen Gliederung grofser Massen bewiesen hätten, könne 
der Fortschritt ziu* Aufstellmig von selbständigen Treffen 
gemacht sein*. Scipio müsse diese Umwandlung vollzogen 
haben und zwar in der Schlacht von Zama. Nun weifs 
Polybios davon nichts, und mu- zwei harmlose Wörtchen 
sind es, deren sich Delbrück als einer Handhabe für seine 
Aufstellungen bemächtigt, indem er Polybios des mangelnden 
Verständnisses bezichtigt. 

Wenn aber die Klarheit der Mafsstab der Wahrheit ist, 
so ist an Polybios nichts auszusetzen. Die Angabe, dafs 
Scipio diesmal die Manipebi der zweiten und dritten Reihe 
nicht auf die Intervalle, sondern auf die Manipeln der vor- 
hergehenden Reihe einrichtete, ist vollkommen deutlich, xarr' 
aWijXov? iv aTtoötdöet kann nur heifsen: hintereinander 
mit (dem gewöhnlichen) Abstand, oder mit einem Wort: 
eingerichtet auf einander; iv aTtoötdöei soU einem Mifs- 
vei-ständnis des xat^ dWr/\ovg vorbeugen. Ferner ist der 
Zweck, die Elefanten diu-chzulassen , ebenso einleuchtend, als 
der Verlauf des Kampfes gegen die Tiere dieser Annahme 
entspi*echend. (Über die Mifshandlung der Stelle durch Livius 



Schlacht von Zama bei Polybioe und Liyjus. 227 

Vgl. unten.) Aber nein! Polybios hat die Hauptsache völlig 
verfehlt und Unwesentliches in den Vordergrund gestellt; in 
iv aTto&taöet steckt der Kern der Sache! Hier zum ersten 
Mal waren drei Treifen mit eignen Kommandanten und 
grofsen Abständen, Polybios hat diese Neuening nicht 
begriffen, seinen Gewährsmann mifsverstanden! 

Ich kann mich, soviel Richtiges an Delbrücks Einwen- 
dungen gegen die hergebrachten Vorstellungen von der Taktik 
dieser Zeit sein mag, mit dieser ümdeutung nicht einver- 
standen erklären. Müsste wirklich hier ein Hauptpunkt Poly- 
bios entgangen sein, so hat davon wahrscheinlich auch in 
seiner Quelle nichts gestanden und folglich sich keine Spur 
erhalten. 

Vollends scheint mir Delbrück im Unrecht, wenn er 
vorher, um Polybios zu diskreditieren, einen andern Punkt 
angreift Die Karthager und Libyer in der zweiten puni- 
schen Schlachtreihe zeigten sich nach Polybios anfangs feige 
und unterstützten die vor ihnen stehenden Söldner schlecht; 
als diese aber endlich sich zur Flucht wandten und dabei, 
Verrat schreiend, auf sie einhieben, wehrten sie sich not- 
gedrungen tapfer und machten selbst den nachdrän- 
genden Römern eine Zeit lang zu schaffen. Nun ist 
es ja nicht schwer, die Darstellung eines eben seiner Merk- 
würdigkeit wegen berichteten Vorgangs mit etwas Aufbau- 
schen als „abenteuerlich" hinzustellen. Aber sollte nicht 
hier gerade doppelte Vorsicht geboten sein, wo man einem 
Polybios gegenübersteht und es sich darum handelt, den 
psychologischen Effekt einer eigenartigen, uns schwer vor- 
stellbaren Situation zu ermessen? Das Besondere ist näm- 
lich, dafs den Karthagern \md Libyern von Hannibal absicht- 
lich jeder Rückhalt entzogen ist, c. 16, 4: o^pa Hat ovh 

15* 



228 Zweiter Abschnitt. 



iS^iXcav rvs arayxai^ noXeiiiZou Sie sehen die Veteranen 
Hannibals weit^) hinter sich, wissen auch wohl schon, dafs 
diese Ordre haben, keinen Flüchtigen in ihre Reihen hinein- 
zulassen. Sie müssen sich sagen, dafs sie auf einem ver- 
lorenen Posten kämpfen werden. Entspricht es nicht aller 
Erfahrung, dafs sie in solcher Lage vor dem Kampfe zitter- 
ten, aber als sie das Schwert einmal gezogen, es mit Yer- 
zweiflungsmut führten? 

Was Livius betrifft, so hat er c. 32 — 35 sich Polybios 
zu eigen gemacht; man kann sagen, auch die eine Homer- 
stelle eingeschlossen: dissonae illis, ut gentium multarum 
discrepantibus linguis, vooes = aSiaxpirov inoiow 
tifv ^Govifv Kai napr^Wayfiivipr' ov yotp navxGov ijv 
xara tov notiftify b avrb^ ^pov^ ovd^ la yrfpv^, aXXtf 
Ö' aXXoov yXcoööa, noXtmXiftoi Ö' toav ävdpeg. 

In die echt Polybianische Betrachtung über die Be- 
deutung des Kampfes hat Livius, weniger angemessen, aus 
den folgenden Ansprachen vorausgenommen den Hinweis auf 
die Folgen einer etwaigen Niederlage für beide Teile. Dafs 
dem Romer efFugiura nullum patebat in aliena ignotaque 
terra, gehörte nicht in die weltgeschichtliche Würdigung. 
Das Schwanken zwischen Furcht und Hoffnung: contem- 
plantes modo suam modo hostium aciem .... simul laeta 
simul tristia obversabantur, ist wiederholt aus XXVI 37, 2, 
wo es viel passender, originaler klingt (und, wie in meinem 
fünften Abschnitt zur Sprache kommen wird, Polybios ent- 
lehnt ist). Dann gleich kurze Reden der Feldherren. Bei 
Polybios kommen entsprechende Stellen erst nach der Aufstel- 



1) Der anfängliche Abstand von einem Stadium hatte sieh be- 
deutend vergröfsert dadurch, dafs diese nicht mit vorgerückt waren. 



Schlacht von Zama boi Polybios uiid Livius. 229 

lung zar Schlacht, und von Hannibal heilst es da, dafs er nur 
zu seinen Veteranen persönlich sich wendet, während er die 
anderen Truppen durch ihre Anführer anfeuern läfst. Livius 
ist inkonsequent genug gewesen, später auch dies aufzuneh- 
men, wobei die Motivierung c. 33, 8: varia adhortatio erat 
in exercitu inter tot homines, quibus non lingua, non mos, 
non lex, non arma, non vestitus habitusque, non causa mili- 
tandi eadem esset, wieder nicht neu und einigermal'sen de- 
placiert ist; XXVIII 12, 3, wo Livius nach Polybios die 
Leistung Hannibals ins Licht stellt, dafe er die buntscheckige 
Masse seines Heeres zu einem Ganzen zu verschmelzen ge- 
wufst habe, war lex, vestitus, arma besser am Platze. 

Die römische Aufstellung hat Livius nicht verstanden. 
Bei Polybios ist alles ganz klar, wenn man weifs, dafs er 
öTreipa nicht wie die Späteren für Kohorte, sondern gleich- 
bedeutend und zur Variierung für ÖTj^aia = manipulus ge- 
braucht C. 9, 7: npGorov /xhr rovg acftatovg Hat tons 
tovtüifv ÖTf/jiaia^ iv ötaörrfjÄaöiv iyrl dh rovtoig tov^ 
7tfdyHi7ta^, tt^B\<s rotfs öTteipag, ov xata ro rdov 
npGotoov örf^aidov didötrf/xa, xa^fdnBp l^o^ iötl totg 
'Pcj^atot^, dXXd ytax* aXKvjkov^ iv anoötdösty ötd to 
TrXffSrog tcüv napd rot^ ivavtioig iXetpavtcin^' teXevtaiovg 
d^ iTtiötTföB tovq tpiapiov^, Livius nahm, wie schon Mar- 
quardt^) richtig bemerkt hat, önetpa, wie das zu seiner Zeit 
Gebrauch war, für oohors und konnte so natürlich den Simi 
nicht finden. Er fügte also c. 33, 1 hinter: pnmos hastatos, 
post eos prindpes, triariis postremam aciem dausit, im unge- 



1) Römische Staatsverwaltung Bd. 2 (Handbuch Bd. 5) S. 422. 
Zu der noch deutlicheren Stelle XXVHI 14, 17 vgl. meinen vierten 
Abschnitt 



230 Zweiter Abschnitt. 



fähren Anschlufs an die durch den Druck hervorgehobenen 
Worte und nach seiner Meinung dem Zweck, die Elefanten 
durchzulassen, entsprechend hinzu: non confertas autem co- 
hortes ante sua quamque signa instniebat, sed manipulos 
aliquantum inter se distantes, ut esset spatium u. s. w. Ganz 
unmöglich ist natilrlich die von Weifsenborn zur Rettung des 
Livius vorgeschlagene Losung, dieser habe vielleicht cohors 
zur Abwechselung, wozu, wie ein Blick auf die Stelle zeigt, 
nicht das geringste Bedürfnis war, gebraucht; und als imiich- 
tig mufs nach dem heutigen Standpunkt dieser Frage die 
Bemerkung, mit welcher er seine Auffassung stützt, bezeich- 
net werden, die Kohorten hätten keine besonderen Fahnen ge- 
habt. Natürlich hat Livius auch nicht recht verstehen können, 
wie die Elefanten, nachdem sie vor der Front von den Ve- 
lites bekämpft sind, z. T. durch die Legionen durchgelas- 
sen werden konnten: ecog otov Tretpoßrf/iiya , ta ßjihv dta 
tcav öiaötff^dtGov iSiTceöe, ös^a/xivGOv auta röov 'Pa>- 
^aioDV aöqfaXdo^ xata rffv rov örpatrjyov npovoiav^ 
ra 6' iTci rb deStbv /Jiipo^ napafpxryovta u. s. w. Er 
denkt, dala die Tiere, aus der Linie zurückgeworfen, 
dann auf den Flügel geraten: donec undique incidentibus 
telis exacti ex Romana acie ... in suo dextro cornu u. s. w. 
Ein Zusatz gleich nach dieser Stelle: (Laelius) cujus ante 
legati, eo anno quaestoris extra sortem ex senatus consulto 
opera utebatur, kennzeichnet sich selbst als nachgeholt aus 
der Lektüre wohl römischer Quellen. 

Nun konunt das Schlimmste, nämlich eine gründliche 
Verkennung der Rollen, die dem zweiten und dritten Treffen 
von Hannibal zugev^esen waren. Schon bei dÄr Aufstellung 
der italischen Veteranen Hannibals, die über ein Stadium 
weit zurückgenommen waren und die Entscheidung bringen 



Schlacht von Zama bei Polybios und Livius. 231 

sollten, heilst os mirsverständlich c. 33, 6: modico deinde 
intervaUo relicto subsidiariam aciem Italicorum militum — 
Bnittii plerique erant, vi ac necessitate plures quam sua vo- 
luntate decedentem ex Italia secuti — instruxit Liviiis unter- 
schätzt, was mit den in den Annalen zu lesenden Gewaltthaten 
Hannibals vor seinem Abzug aus Italien zusammenhangen mag, 
Zahl imd Brauchbarkeit dieses Corps, wie er den Wert jener 
Milizen überschätzt So werden ihm Hannibals Kemtruppen 
zu einer blofsen Reserve, die also nur an diesen oder jenen 
bedrohten Punkt geführt werden sollte. Für einen solchen 
Zweck war dann ein Stadium freilich niu* wenig Abstand. 
Wenn er genau angesehen und verstanden hätte, was 
weiterhin Hannibal die Anführer ihren Leuten sagen heilst: 

^^y avtov TtapaysysvTf^iyag dvva/xsi^, so hätte er sei- 
nes Irrtums gewahr werden können. 

Schwerer begreiflich ist, wie Livius seinen Irrtum die 
ganze Schlachtbeschreibung hindurch aufrecht erhalten imd 
in dieselbe hineintragen konnte. Indem ich an dem wichtig- 
sten Funkte beide Texte zusammenstelle, mache ich mich 
nicht anheischig, das Verfahren des Livius in jedem einzel- 
sten Moment festzustellen; ich hoffe aber dennoch, dafs die 
Zusammenstellung beitragen wird, die Zweifel an der Ab- 
hängigkeit zu beseitigen. Und in dieser Hinsicht mufs zu- 
nächst bemerkt werden, dafs von zwei später namhaft zu 
machenden kleinen Einschiebseln abgesehen, wohl noch nie- 
mand Livius hier einen selbständigen Wert oder einen 
noch so geringfügigen Vorzug vor Polybios zugeschrieben hat 
Das einzige Argument gegen die Benutzung des Polybios 
ist in diesem Fall vielmehr, dal's Livius zu verwirrt sei, 
als dafs man ein solches Verhältnis annehmen könnte. 



232 



Zweiter Abschnitt. 



Die Söldner, sich verraten glaubend, wenden sich gegen 
das zweite Treffen. 



Pol. XV 13, 4 ff. 
intTteöovTE^ xaxa rijy aitox^ 
prfötv eis tovs i(peöt(aftas^ ixtei- 
vov xovtovs. (5) o xai noXXovs 
TfvdynaÖE rcor Kctpx^'f^o'*^^^^ ^''- 
öpoodoo^ dieo^avetv qtovsvofiBvoi 
ydp vnb rdov fiui^oqfopoov ifxd- 
XovTo napd trjv avtwv npoai- 
peötv dfjLa npos xa tovs idiov^ 
xal npos tovs 'Poofiaiov^, 

(6) xotovßieroi öh tov xivdvvov 
ixörartxok xal TcapTjXXayfiivoo^ 
ovx oXiyovs 8t€q>5£tpay xal rdov 
iSuMiv xal Tojv vneyavriajv. (7) 
xal ÖTf Tc5 TotovTGt) xpono) övv- 
ixeav iniitEÖovtES tds tdav a&td- 
tcov öTffiaias. ol fikv ydp rav 
TtptyxiTtcoy TfyEfiovBS^ övr^saöd- 
fiEvot ro yEyovo^y iniöTTföav ras: 
avToov rd^Eis. (8) ro5y 81 fiuS^o- 
<p6pcoy xal ttSr KapxTfSoviaov 
ro nÄEtötoy fiipos to fikv wp^ 
avTooVy TO ö' vjch rcav aötdxooy 
avxov xaxExontf, 

(9) xovs 8ik 6tada)^ojii€yov^ xal 
tpEvyovxas ovx daÖE xaxafit- 
yijyat xats ÖtJvdfiEÖtv *AyyißaSy 
dXXd itpoßaXiö^at napayyei- 
Xas xoU imöxdxatSy ixojXixSE 
juTf Tcapaöi^d^ai xovs iyyi- 
^oyxas. (10) o^EV rjyayxdö^rf- 
6ay ovxoi ßiky itotatö^at xrjy 



liv. XXX 34, 6 ff. 
in saos versi partim refugere in 
secandam aciem, partim non re- 
cipientes caedere, ut et paulo 
ante non adiuti et tunc exclusi 
(7) et prope duo iam permixta 
proelia erant, cum Carthaginien- 
ses simul cum hostibus simul 
cum suis cogerentur manus con- 
serere. 



(8) non tarnen ita perculsos ira- 
tosque in aciem accepere, sed 
densatis ordinibus in comua va- 
cuumque circa campum extra 
proelium ejecere, ne pavido fuga 
vulnoribus milite sinceram et 
integram aciem miscerent. (9) 
ceterum tanta strages hominum 



Schlacht von Zama bei Polybios uud Livias. 



233 



djeoxoopffötv ixl ta xipara xcA 
ras in tovt<av evpvxoopias, 

C. 14: reroßiivov 6h tov fu- 
ra^v Tonov rtav TiaraXetTCOßii- 
rcov örpaxoTcidooY nXtjporj^ at- 

fjuxxos .... (2) dv^x^PV 

TTfy öiodov ijieXXe leotTJdetv tdis 
iv tä^t ÖuxicopEVOfiivoK. 



armoromque locum, in quo ste- 
teraut paulo ante auxiliares, com- 
pleverat, ut prope difficilior tran- 
situs essot, quam per confertos 
hostes fuerat 



(10) itaque, qui primi erani, 
hastati per cumulos corporum 
armoromque et tabem sanguinis, 
qua quisque poterat, sequentes 
hostcm et signa et ordines con- 
fuderunt. principum quoque signa 
fluctuari coepeituit vagam ante se 
cemendo aciem. 



Livius hat offenbar auf das Kehrtmachen des ersten Tref- 
fens gegen das zweite (Polybios § 5) übertragen, was von der 
Flucht beider auf das dritte zu (§ 9) galt, und hat durch 
Überspringung von § 6 — 8 den Karthagern, die allerdings 
schHefslich ja auch tapfer kämpften, die Rolle von Hannibals 
Veteranen mit übertragen. Nun mag ihm die Überschlagung 
jener Sätze nicht viel Überwindung gekostet haben, da der 
leitende Faden in ihnen gesucht sein wiU, und vielleicht 
auch weil Livius den Karthagern die zeitweise Überlegenheit 
nicht gönnte; immerhin ist es natürlich nicht Zufall, dafs 
Livius hier in derselben Richtung, fast möchte ich sagen Ten- 
denz, abweicht wie schon bei der Aufstellung. Ist es nun not- 
wendig so zu denken, dafs Livius sich aus der dort genom- 
menen schiefen Position jetzt geradezu gesagt durchlügen 
will? Ich traue in dieser Beziehung Livius mehr zu, als 
man gewöhnlich thut, möchte aber etwas zu bedenken geben, 
was unsere Beurteilung zu mildem, ja zu ändern geeignet 



234 Zweiter Abschnitt. 



ist. Man kann annehmen, dafs Livius bei flüchtiger, der 
Abfassung von c. 33 vorausgegangener Orientierung schon die 
Szene fälschlich auf das zweite Treffen bezogen hatte und 
mit diesem Vorurteil, wozu noch römische Begriffe vom 
Werte eines Bürgerheeres kamen, an die Übertragung Satz 
für Satz gegangen ist. 

Nicht verstanden hat Livius in der abgedruckten Stelle 
das Kommando npoßaXiö^ai (sich gefechtsbereit machen). 
Auffallend wörtlich eben wegen der Verschiebung der 
Rollen ist die Übersetzung in dem Satze ne . . . . miscerent; 
denn dafür, dafs den einhauenden Söldnern keine Zu- 
flucht gewährt wird, erwartet man keine Motivierung, und 
wenn ja, eine andere. Auch der nach Art des Polybios 
etwas breite Ausdruck inl ta xipata xai rag ix rovrcov 
6vpvxoi>plo[<s kehrt wieder. § 10 hat Livius von dem Über- 
sprungenen etwas nachgeholt, nämlich die Verwirrung in 
den Reihen der Römer; und das mulste er, wenn die fol- 
genden Maisregeln Scipios verständlich werden sollten. Er 
hat die Verwirrung aber statt von dem heftigen Wider- 
stände der Milizen ganz geschickt von den eben geschilderten 
äufseren Umstanden abgeleitet. Dafs trotz dieser Änderung 
der Beziehung der Ausdruck övvex^ay in: confuderunt, wie- 
der erscheint, spricht gewifs ebensosehr für direkte Abhängig- 
keit als das Nicht verstehen, von ini&tt}6av; denn nur dies 
kann mit: fluctuari coeperant, bei der sonstigen Kongruenz 
des Satzes (öDV^Baödji^voi tb ysyovog = vagam ante se 
cernendo aciem) gemeint sein. Übrigens rücken auch bei 
Livius die Principes, als wären sie in bester Ordnung, ohne 
weiteres auf den Flügel. 

Von da an schliefst sich Livius wieder so eng an seine 
Vorlage, dafs er sogar die Gleichstellung beider Teüe an 



Schlacht von Zama bei Polybios und Livius. 235 

Bewaffnung (vgl. Pol. HI 87, 3), Erfahrung und Kriegsruhm 
ohne Skrupel wieder auf die afrikanische Miliz überträgt! 

Wie man die Würdigung Hannibals und seines Schlacht- 
planes c. 15 f. bei Polybios = c. 35 bei Livius auch aus 
gemeinsamer Urquelle ableiten zu können meint, ist mir 
offen gestanden nicht begreiflich. Dafs man einen Feldherrn 
nicht nach dem Erfolg zu beurteilen habe, sondern danach, 
ob er gethan, was in seinen Kräften stand, ist ein Satz, 
den Polybios mit Vorliebe predigt. Vgl. VIII 2 und 23, 10. 
Wenn er femer Hannibal lobt, dafs er erst, als die fried- 
liche Vermittelung gescheitert war, ans Schwert appelliert 
habe, so ist das ganz analog der Stelle I 62, wo an Barkas 
gerühmt wird, dafs er Frieden geschlossen, sobald der Krieg 
aussichtslos geworden war; dies Lob Hannibals kehrt aber 
in nuce auch bei Livius wieder § 4: omnia et ante aciem 
et in proelio . . . expertus. Echt Polybianisch ist nicht min- 
der die Ausführung, dafs die römische Schlachtreihe den 
Vorzug habe, dv^öiaönaötog sein, und auch diese Aus- 
führung blickt bei Livius durch § 6: et servare ordines, in 
quo plurimum spei ponerent, Romanos prohiberent Der 
Schlufssatz bei Livius, dafs Hannibal, von Hadrumetum nach 
Karthago berufen,^) erklärt habe: non proelio modo se sed 
hello victum, schlofs sich gewifs an das Ende des Poly- 
bianischen Bruchstückes an. 

Bei diesem Kapitel tritt nun aber ein, was wir in der 
Schlachtbeschreibung selbst noch nicht geradezu konstatieren 
konnten. Livius mufs auf bewufst-gewaltsame Weise 
die Übereinstimmung mit seiner früheren Darstel- 



1) Sexto ac tricesimo post anno quam puer inde profectus erat, 
möchte, wie oben c. 30, 10, aus der folgenden Anekdote antizipiert sein. 



236 Zweiter Abschnitt. 



lung herbeiführen. Ein kleiner Umstand dabei scheint 
mir wieder für das Quellenverhältnis bezeichnend. Polybios' 
Ausführung ist folgende. C. 15: Die Stärke der Römer war 
erstens die schwer zu zerreifsende Gliederung ihrer Aufistel- 
lung, zweitens ihre vortreffliche Bewaffnung, grofse Schilde 
und dauerhafte Schwerter. C. 16: Hannibal (dessen Yeteranen 
allein gleich gut bewaffnet waren) begegnete dem auf dreier- 
lei Weise: (2) durch Vorausschickung der Elefanten suchte 
er Unordnung in die Aufstellung zu bringen; (3) die Söld- 
ner und Karthager stellte er vornhin, um die Feinde zu er- 
müden und ihre Waffen abzimutzen; (4) das dritte Treffen 
aber liefs er weit zurückstehen, um es frisch und woldvor- 
bereitet in den Kampf zu führen. 

So der Kern. Da Polybios aber in § 3 nebenbei moti- 
vieren will, weshalb gerade die Karthager zuzweit, hinter 
die Söldner gestellt wurden, wirft er nicht beide zusammen, 
sondern unterscheidet: rov^ Sh pii62^o<p6povg TtpoiraSs Hai 
tovg Kapxrfdoviov? MSrrfxe fiBta rovrovg. Jedoch ist der 
Gegensatz zu TTpoiraSs in § 4 zu suchen, nicht etwa in 
Ha\ tovg Kapxv^oviov^ iS^rpce ßiera rotkovg. Dies ist 
aber bei Livius der Fall c. 35, 7 f.: deinde auxiliares ante 
Carthaginiensium aciem, . . . fatigarent ac . . hebetarent; 
tum ubi omnis spes esset, milites Carthaginienses Afrosque. 
Der Anschlufs an die Worte und die Fassung des Polybios 
ist, meine ich, deutlich, während der Sinn ganz verändert 
ist. Denn Livius durchhaut eben hier den Knoten, bezieht 
§ 3 statt auf Söldner und Karthager nur auf die Söldner 
und überträgt § 4 wesentlich auf die Karthager, während er 
den Veteranen einen Satz de suo widmet. 

Zwei wirkliche, sogar sehr hervorstechende Einschiebsel 
bei Livius bleiben uns aber noch zu prüfen. C. 33, 5: in 



Schlacht von SSama hei Polybios und Livins. 237 

secunda acie Carthaginiensis Afrosque et Macedonum le- 
gi onem. Diese makedonische Legion hat viel Unheil an- 
gerichtet, zwar nicht in der Schlacht von Zama, wo sie mit 
keinem Wort wieder erwähnt wird, wohl aber in der Quellen- 
forschung. Es glaubten und glauben noch viele die Unab- 
hängigkeit des Livius von Polybios, die kritische Reinigung^) 
der römischen Quelle dmxjh den griechischen Forscher hier 
mit Händen greifen zu können. Mir scheint gerade umge- 
kehrt diese legio Macedonum ein handgreifliches Einschiebsel 
des Livius zu sein. Schon wenige Zeilen darauf, wo die 
einzelnen Völker auf verschiedene Weise angefeuert werden, 
scheint er sie völlig vergessen zu haben. Vor allem aber, 
worauf schon Weifsenbom hinweist, in der ganzen Schlacht- 
beschreibung, die sich bei Livius doch gerade um das zweite 
Treffen dreht, hören wir von den Makedoniem i^chts; und 
das will bei diesem eigenartigen Corps durchaus etwas an- 
deres heifsen, als wenn neben den Karthagern die Libyer 
nicht erwähnt werden. Die legio Macedonum schwebt so 
völlig in der Luft, dafs man, käme sie nicht auch in der 
ausschliefslich aus Livius geschöpften Stelle Frontin. n 3, 16 
vor und verböte nicht überhaupt die Beschaffenheit unseres 
Liviustextes daran zu denken, sie für eine Interpolation 
halten könnte. Es handelt sich offenbar um eine sehr 
späte, noch Appian unbekannte Fälschung. Doch hierüber 
später in meinem fünften Abschnitt 

Was den zweiten Zusatz betrifft — Livius, die Polybia- 
nischen Yerlustziffem ganz genau herübemehmend, hat bei 
den Gefangenen c. 35, 3 noch die Worte: cum signis mili- 



1) Oder aber der Grieche Polybios soU „nicht ohne Grund 
diesen Friedensbrnoh der Makedonier verschwiegen^^ haben!! 



ä38 Zweiter Abschnitt. 



taribus oentum triginta diiobus, elephantis imdecim — so 
kann ich zwar dem Dogma nicht beipflichten, dafs alle ge- 
nommenen Signa notwendig Erfindung und zwar des Antias 
sein müfsten; an sich scheinen mir die Worte nichts zu 
enthalten, was nicht in einer römischen Urquelle gestanden 
haben könnte. Wolil aber die Anknüpfung mit cum kann 
man als Fingerzeig dafür geltend machen, dafs sie eingeflickt 
sind, wie es nach den Ergebnissen unserer Yergleichung mit 
Polybios ja der FaU sein muls. 

Zonaras dürfen wir wohl wieder aus Coelius ableiten, 
wofür auch der Umstand spricht, dafs wie ein Eixibeben bei 
der Schlacht am Trasumennus, so eine totale Sonnenfinsternis 
hier zur Dekoration verwendet ist. Es war aber 202 v. Chr. 
nur einmal, am 19. Oktober 12 Uhr Mittags, eine sehr im- 
bedeutende partielle Verfinsterung i^/io) der Sonne. Über- 
trieben ist auch die durch die Elefanten in den eigenen 
Reihen angerichtete Verwirrung, sowie die Angabe, dafs sie 
von den Römern auch ix x^^P^^ angegriffen seien; richtig 
hingegen, dafs erst Masinissa und Laelius mit den Reitern 
durch ihren Angriff im Rücken die Entscheidung herbei- 
führen. Wenn dies also nicht etwa aus Livius entnommen 
ist, kaim man es als Beweis ansehen, dafs Coelius die beiden 
der Wahrheit gemäfs auf den Flügeln kommandieren liefs. 
Höchst bedenklich hinwiederum ist das Zusammentreffen 
Masinissaa mit Hannibal auf der Verfolgimg. Er wird von 
Hamiibal, der ihn vorbeistürmen läfst, von hinten verwundet. 

Bei Appian Lib. 40 — 48 finden wir wieder die stärk- 
sten Willkürlichkeiten, wiewohl nicht gerade in den Haupt- 
zahlen. 80 Elefanten stimmt genau, 50000 Mann für Hanni- 
bals Heer, sowie 25000 Tote, 8500 Verwxmdete auf seiner 
Seite auch leidlich mit Polybios, da dieser 20000 fallen. 



Schlacht von ^ma bei Zonaras, Appian and Entrop. 



239 



fast ebensoviel gefangen werden und wenige entkommen 
läfst Die Bezifferung des römischen Heeres — die Nnmider 
ungerechnet — ist 23000 zu Fufs und 1500 (sie) zu Pferde 
gegen 16000 und 1600 ursprünglich. Es mufs also nach 
seiner Quelle mittlerweile eine Verstärkxmg angelangt sein, 
was sich auch zu c. 49 einigermafsen wahrscheinlich machen 
lassen wird. 

Was aber die Aufstellung betrifft, so ist zunächst auf 
karthagischer Seite die Anordnung der drei Treffen durchaus 
richtig angegeben. 1) Ich bemerke besonders, dafs im zwei- 
ten nur Kapxv^ovtoi rs xal Aißveq^ keine Makedonier, 
genannt werden. Eömischerseits finden wir bei Appian nur 
numidische Reiter auf den Flügeln, eiS^töixivovg tffv rdöv 
iXetpartayv oipiv xat od/xtfr (pipstv, die italischen hinter 
der Front; man soUte aber denken, dafs das Scheuen der 
römischen Pferde vor den Elefanten, welches uns in der 
Schlacht an der Trebia^) nicht wimdert, jetzt nicht mehr 
vorkommen durfte. Die 2300 italischen Heiter bilden eine 
Kavalleriereserve für Scipio, wie auch Hannibal eine solche 
von 4000 Mann hat, iTttxovpstv 07t^ rt Ttovovfjtsvov 



1) All Benutzung des Polybios durch Appian ist nicht zu den- 
ken. Man vergleiche z. B. das erste Treffen. 



Polybios: 
fitd^oipopovs ine&crfÖEj nepi fxv- 
piov^ ovtas xal Öisxt^iovs tov 
dpi^ßiov, ovTot 5* Tföctr Aiyv- 
drtvot, KeXroly BaXtapets^ Mav- 
povdtot. 



Appian : 
t6 xpitov rijs örpartds, KbXtoI 
xal AiyvBS' roBAtat te avtots 
dvafiEfiixotro ndvfg xal 6<pay^ 
Sovijxat Mavpovöioi xdi Fvfx- 

VTJÖtOt. 



2) Diese wie die folgende verdächtige Ähnlichkeit hat Ranke 
offenbai* nicht bemerkt, wenn er a. a. 0. beide Züge für „eigentüm- 
liche und gute Informationen" hält. 



240 Zweiter Abschnitt. 



töotstv. Solche Kavalleriereserven mit derselben Zweck- 
angabe werden wir auch in der Schlacht von Cannae bei 
Appian auftreten sehen. Sie waren bestimmt, dem Erzähler 
zu immer neuen Einzelszenen, zu manchem novum de integre 
proelium Gelegenheit zu geben. Die Aufstellung der Mani- 
peln eingerichtet aufeinander ist richtig angegeben. Unter 
den sonstigen Anstalten zum Empfang der Elefanten ent- 
spricht der Befehl vnotifxvztv ta vsvpa dem in x^^P^^ 
des Zonaras. Ganz willkürlich aber ist die Verteilung der 
Kommandos: napsöidov 6h ro fxhv deSiov (bei Polybios 
den linken Flügel) AaikUp^ ro Sb Xaiov ^Oxtaovla), iv 
Ö€ roig jiiöotq fjötrfv avto^ re Hai jivvißag xatä SoSav 
aXkr/Xcav, gerade wie auch in der Schlacht von Cannae das 
Zentrum einerseits von Paulus, anderseits von Hannibal xata 
öoSotv AlfiiKiov rffq i/iTteipla^ geführt wird. 

Appians Quelle hatte nun sicherlich eine ganze Reihe von 
einzelnen Schlachtbildem und, durch Coelius angeregt, auch 
von Zweikämpfen zutage gefördert Erst der Kampf der 
numldischen Heiter auf den Flügeln gegen die Elefanten; im 
Zentrum aber führt Scipio persönlich die abgesessenen Reiter 
durch die Manipeln vor und verwundet das voranmarschierende 
Tier. Der rechte römische Flügel unter Laelius schlägt die 
feindlichen Numider, Maöavaööov ßaXorrog aim&v tov 
duvdörrfv Maööd^tfv. Hannibal aber stellt mit seiner Re- 
serve das Treffen dort wieder her. Wahrscheinlich gerade 
umgekehrt ging es in der Quelle auf dem linken Flügel her. 
Appian aber vermischt das mit der Schlacht im Zentnim: 
ro 6% XaioVy irSra ^Poofiaidoy pihv ^Chcraovto^ ineördret, 
rcor 6h noXepiIcov KeXroi xal AiyvBg tjöav, Inovei jxdXa 
xafyrepcü^ ixaripotg' xa\ 2xi7ricov ^hv Inefine Sip/iov 
rov x^^i^PX^ imxovpeiv /ifr' imXixrooVy kwlßa^s S' 



Schlacht von Zama bei Zonaias, Appian and Eatrop. 241 

iTcel ro Xaibr övriörtföev, ig rovg Alyva<s xal KeXtovg 
/leBlTtTTSver, iTtaycav afia tr/v Ssireipav taSiv Kapxt}- 
öovicov t€ xal Atßvoov. xatiScbv 5' avtov o SxtTticov 
ovttTtaprjys /if^' itepov ötitpovg. Das Nachrücken des 
Thermus mit einer erlesenen Schar gehört wohl noch dem 
Kampf auf dem Flügel zu. Es hätte bei der dreifachen 
Schlachtreihe im Zentrum keinen Sinn. Hier führen viel- 
mehr die beiden Feldherren persönlich die zweiten Staffeln 
vor. Dabei giebt es einen Zweikampf zwischen ihnen (übri- 
gens ohne eigentlichen Erfolg), zu welchem auch Masinissa 
kommt Die Römer, durch das Beispiel ihres Feldherrn 
begeistert, schlagen endlich den Feind. Hannibal führt die 
Italiker vor. Die verfolgenden Römer sammeln sich aber 
ziu* rechum. Zeit xal 6vvera66oyro av^ig ig ßidxv^- 
Dies ist der Moment, wo auch bei Polybios c. 14, 4 Scipio 
die Hastati, welche nach ihm bisher allein beteiligt gewesen, 
sich sammeln imd die Principes und Triarii gedrängt zur 
letzten Entscheidung rechts und links aufmarschieren läfst. 
Yon einem entscheidenden Eingreifen der Reiterei von den 
Flügeln her im Rü^jken des Feindes ist bei Appian nicht 
die Rede. Wohl aber sind bei dem letzten Kampf im Zen- 
trum, wie bei Cannae, so auch hier, wie es scheint, ab- 
gesessene Reiterreserven beteiligt. Denn ohne Pferde und 
Speere, heifst es, kämpfen die Römer mit dem Schwerte, 
bis endlich auch der Rest der Feinde flieht. Zweimal noch, 
einmal mit numidischen Reitern, das zweite Mal mit Ligu- 
rem und Kelten, versucht Hannibal der Flucht Einhalt zu 
thun. Bei dem ersten Versuch sprengt er selbst gegen 
Masinissa an und verwundet ihn. Zuletzt giebt auch er 
alles verloren und flieht anfangs mit 20, dann, als er von 
Bruttiern und Spaniern einen Anschlag auf seine Person 

Uesselbarth, hisior. - krit. Unterench. IG 



242 Zweiter Abschnitt. 



"wittert, mit einem vertrauten Reiter. In 48 Stunden dui*ch- 
eilt er die 3000 Stadien bis Hadrumetum. 

Nur wenig anders äulsert sich auch Euti^opius, der die 
Schlacht selbst nicht beschreibt: Scipio victor recedit paene 
ipso Kannibale capto, qui primum cum multis, deinde cum 
XX, postremo cum quattuor evasit Dann noch eine wich- 
tige Angabe über die Beute: inventa in castris Hannibalis 
argenti pondo XX ^) miHa, auri LXXX, cetera supeUectilis 
copiosa. 

Yergleichen wir damit Appian. c. 48: ra /xhv axPV^ta 
rijg Xeiag ivenifinpr} öta^ooödfjieyog avto^y SgTtep eioi^ 
Sraöi 'PcojjLaiaav oi Ötpattjyoi, ^puiJ/oi; <5' ig ^Pcofiriv 
taXavta öixa Kai äpyvpiov dt<sxiXta nai TtBvtaxoÖia 
KoCi iXi(payta elpyaößiivov xai tovg imq)ayBi<i rdov 
alxptaXGitcov ^TtBfjLTts, Es ist unverkennbaiv, dafs dieselben 
Zahlen zu gründe liegen und Appian nwc fälschlich statt 
durch 80 durch 8 dividiert hat. 

Hieran mochte ich eine Konjektur knüpfen und damit 
die früher versprochene Konkordanz zwischen unserm Schrift- 
steller imd Eutropius bewirken. Wäre ^s nicht echt Appia- 
nisch, wenn er, wie hier bei den kleineren Zahlen in majus, 
so oben bei den Friedensbedingungen Scipios sich in umge- 
kehrter Richtung versehen hätte? wenn er die 500000 Pfund 
Silber durch 800 dividiert und mit Abrundung 600 = ta- 
Xavta x' (woraus mit Dittographie eines Buchstabens ,ax' 
entstand) geschrieben hätte? während er zwischen beiden 
Stellen c. 37 ;t^Xia räXavta für 100000 Pfund gesetzt, 
also (mit Abrundung) richtig reduziert hat. 



1) Wofür aber nach dein Übersetzer Paianios, wie Eussner 
Philologus Bd. 44 S. 307 erinnert, CC zu lesen ist. 



Die Geldsummen bei Antias. 243 

So Wären denn die vier Zahlen Eutropsri) 500000 Pfund 
Silber für die Verhandlungen von 203 v. Chr. (auch bei Livius 
vergl. oben S. 210), 100000 Aufschlag für die erfundenen 
Verhandlungen, 200000 Pfund Süber und 80 Pfund Gold 
für die Beute, durch Appian bestätigt Den endgültigen 
Frieden hat Eutropius leider ganz übergangen, und Appians 
Ziffer dürfen wir aus einem anderen Grunde nicht heran- 
ziehen. Wenn wir mit den 500000 Pfund die 5000 Talente 
bei Polybios vergleichen, so ergiebt sich für Valerius weniger 
eine Übertreibung als eine zu hoch gegriffene runde Ansetzung 
des Talentes, nämlich zu 100 Pfund römisch, statt zu 80.2) 

Ich verhehle nicht, dafs man hiergegen folgendes ein- 
wenu^n kann. Nach Polybios mufste Philipp von Makedonien 
500 Talente sofort, 500 in 10 Jahresraten zalilen, nach 
Antias bei Liv. XXXTTT 30 aber 10 Jahre lang je 4000 
Pfund Silber. Hier also scheint die Jahresrate nach der 
richtigen Gleichung berechnet. Doch bleibt ja zur Er- 
klärung dieser Ungleichmäfsigkeit die Annahme übrig, dafs 
Antias entweder an dieser Stelle die genaue Berechnimg oder 
besser bei den Verhandlungen mit Karthago die un- 
genaue seiner Quelle (im letzteren Falle wohl Coelius) ver- 
dankt 

Wir wenden uns wieder zu Livius und finden uns dort 
c. 36 auf ganz anderem Boden als vorher: Scipio kehrt nach 
ütica zurück, um mit den unter dem Proprätor Lentulus 
hinzugekommenen 50 Schiffen (vgl. S. 214) vereint sich vor 



1) Sowohl in früheren als in späteren Teilen begegnen bei 
Eatropius aach Talente. 

2) Dafs die „euböischen" Talente in den römischen Verträgen 
nichts als attische sind , steht ununistöfslich fest. S. Mommsen ]^öm. 
Münzw. S. 25. 

16* 



244 Zweiter Abschnitt. 



Karthago zu legen, während Cn. Octavius mit dem Landheer 
vor die Stadt rücken soll. Da ihm aber ein Schiff mit 
10 Gesandten entgegenkommt, kehren Flotte und Heer nach 
ütica zurück, und Scipio rückt mit dem letzteren nach Tunes, 
wohin er die Gesandten zur Verhandlung beschieden hat (ad 
Tynetem zweimal). Auf dem Marsche dorthin hört er plötz- 
lich, dafs Vermina cum equitibus pluribus quam peditibus den 
Karthagern zu Hülfe kommt Allein schon von einem Teil 
des römischen Heeres wird dieser geschlagen. 15000 Tote, 
1200 Gefangene, 1500 erbeutete numidische Pferde, -72 genom- 
mene Feldzeichen bezeugen den römischen Sieg. Dann langt 
Scipio vor Tunes an, und hier setzt offenbar Polybios wieder 
ein: legatique triginta Carthagine ad Scipionem venerunt et 
Uli quidem multo miscrabilius quam antea, quo magis cogebat 
fortima, egerunt, sed aliquante minore cum misericordia ab 
recenti memoria perfidiae auditi sunt 

Wir halten inne und suchen uns ein urteil über das 
Kapitel zu bilden. Da versteht sich nun von selbst, dafe 
der Sieg ein annalistisches ^) Machwerk ist Die Rückkehr 
des Landheeres nach ütica scheint nur den Zweck zu haben, 
Vermina erst heranzulassen. Schon Weifsenborn hat auf 
Valerius hingewiesen. Ich glaube aber — vorbehaltlich 
einer Prüfung von Appians Bericht — das Ganze (aufser 
dem letzten Satze) gehört diesem Annalisten an. Be- 
sonders bedenklich ist es, dafs Octavius zu Lande verwendet 
wird, da doch Liv. XXX 41, 6 zum Jahre 201 v. Chr. es 
in einem Senatsbeschlufs heifst: ex duabus dassibus Cn. Oc- 
tavi, quae in Africa esset, et P. Villi . . . quibus si Cn. Oc- 



1) Die Zeitangabe: Satuinalibus primis, mit Madvig auf Rech- 
nung einer Textvcrdorbnis zu setzen, halte ich für unnötig. 



Die letzten Operationen bei livias. 245 



tavium sicut praefuisset praeesse vellet. Vergl. auch 
c. 44, 13. Appian aber, erinnern wir uns, hat Octavius 
auch schon in der Schlacht von Zama kommandieren lassen; 
da femer Yerminas Heer als ein eilig zusammengerafftes 
gekennzeichnet wird, so ist es nicht überflüfsig darauf auf- 
merksam zu machen, dafs bei Appian (anders als bei Coelius) 
Vermina schon in Hannibals Heer gewesen und bei Zama 
also mit geschlagen ist. Auf einen andern Fehler werden 
wir durch den Polybianischen Schlufssatz aufmerksam. Vor- 
her waren es ja 10 Gesandte, welche nach Utica 
beschieden wurden. Jetzt kommen ihrer 30; wie Livius 
felbst andeutet, ist es wieder, wie auch das vorige Mal nacli 
Polybios und ihm, der engere Rat. Dieser Version gebe ich 
xmbedingt den Vorzug. Bei Antias aber mögen es wohl 
um der Uniformität willen 10 gewesen sein; 10 Ge- 
sandte hatte er ja auch in der erfundenen Verhandlung dm-ch 
Hannibal genannt, und das offenbar, weil nach römischei* 
Art dies die feierlichste Form war. 

Den Polybianischen Ursprung des Schlufssatzes sowie in 
der Hauptsache der nun folgenden Friedensbedingungen zeigt 
die Vergleichung mit Pol. XV 17. Das Bruchstück beginnt 
damit, den Ekel und die Verachtung zu schildern, welche 
den Römern und Scipio die heuclüerische Kriecherei der Kar- 
thager erweckte. Es mufs also kurz vorher auch bei Poly- 
bios über deren schon bei der früheren Verhandlung hervor- 
gehobene, jetzt noch gesteigerte Schweifwedelei die Rede 
gewesen sein. Die Friedensbedingimgen diktiert freilich bei 
Polybios Scipio sogleich, bei Livius erst am folgenden Tage 
nach einem Kriegsrat. Er eröffnet den Karthagern erstens, 
was ihnen gewährt werden soU, insonderheit Belassung des 
in Afrika vor dem Kriege besessenen Gebietes und sofortige 



246 



Zweiter Abschnitt. 



Einstellung der Feindseligkeiten. Livius ganz ebenso, auch: 
populandi finem eo die Eomani facerent. Die Opfer, welche 
die Karthager bringen müssen, zählen die beiden so auf: 



Pol. XV 18, 3-8: 
ta xata ras dvoxocs ddixTJßiaTa 
y£v6ßi£va ndvta Kapxtf^oviovs 
djtoxaxaöxrjöai ^Poofiaiots. 

tovs aixfjUzXooTOv^ xal SpaTthas 
ix navtbs dnoSovvat tov xpo- 
vov tot fiaxpä icXoia icapabov- 
rat Tcdvta, nXrjy dixatpiTfpaVj 
o/zo/cöf xal Ttepl tovs iXiq>avtas, 



nöXe/ior ßiTfSevl tgov i^oo ttjs 
AißvTfs ixupepeiv xa^oXov, ßiTfSh 
xdov iv rj7 Atßvjf x^P^^ '^V^ 
^Poo^aloDV yrGJ^TfS. 

oixlas xal xö'lpöcv xal TCoXetgy 
xal eI XI ixepov i&ci Maööaväö- 
öov xov ßaöiXidüS if xoor jtpo- 
yovoov ivxbs xdsv axoSeix^ffdo- 
^livGov opcov avxöis, ndvxa 
ditodovrat Maööarddö^, 

öixoßiEXpTJdai X€ xrfv Svvafiir xpt- 
ßiTJvoVy Tiol fjLi6^o6oxij6at fJiixpt 
av ix 'PaSfiTfS dvxKpojvrfB^ xt 
xaxd xds övy^jjxas. i^evey- 
XBLV dpyvpiov xdXavxa ftvpia 
Kapxrj^oyiovs iv ixeöi nevxj]- 
xovxay (pipovxas xa^' exadxov 
iviaxjxby Evßöixd xdXavxa Sta- 
xoöta. 



liv. XXX37, 3-6: 



perfugas fugitivosque et captivos 
omnis redderent Bomanis, et 
naves rostratas praeter decem 
triremes tradcrent, clephantosquo 
quos haberent domitos, neque 
domarent alios. 

bellum neve in'Africa neve extra 
Africam iniussu popcdi Romani 
gererent. 



Masinissae res redderent foedus- 
que cam eo facerent. 



frumentum stipendiumque auxi- 
liis, donoc ab Roma legati redis- 
sent, praestarent. decem milia 
talentum argenti, discripta pen- 
sionibus aequis in annos quinqua- 
ginta, solverent. 



Friedensverfaandliingen bei Polybios und Livins. 



247 



ofiTjpot^ Sovvat itiötaoos: X^P^^ 
ixarbvj ovg av Tcpoypdi^p ro3v 
yiaavo örpaxijyos tcov^Pooßialoov, 
ßiTf vEGotipovg rsTtapE^xaiSexa 
iroSv ßiijSh TCpeößtrcipovs rpid- 
xovxa. 



obsides centum arbitratu Scipionis 
darent, ne minores quattuordecim 
aanis neu triginta maiores. 



indutias ita se datumm, si per 
priores indutias naves onerariae 
captae, quaeque faissent in navi- 
bu8, restituerentur. aliter neo 
indutias neo spem pacis ullam 



Wie ich gegen Nissen wiederholt hervorhebe, giebt Po- 
lybios hier mir die Präliminarien, so dafs er möglicherweise 
sogar später Abänderungen und Zusätze berichtet haben 
könnte. Dies in betracht gezogen, liegen Bedenken gegen 
die Richtigkeit seiner Angaben kaum vor. Das Auffallendste 
wäre noch, dafs nicht gesagt ist, die Genugthuung für den 
Überfall müsse sofort stattfinden; gemeint war es sicher so, 
und diese Bedingung steht deswegen auch an der Spitze. 
Den zweiten Paragraphen acceptiere ich wörtUch und glaube 
also, dafs die Überläufer nicht auszuliefern waren. 
Im allgemeinen war es ja römischer Grundsatz, dies zu for- 
dern. So im Frieden mit Philipp, wo die Ergänzung des 
griechischen Textes nach Livius sicher ist. Im Frieden mit 
Antiochos ist der Wortlaut zweifelhafter; der Polybianische 
Text XXI 45, 10 fügt zu den gefangenen oder über- 
gelaufenen Sklaven nur hinzu: xai el riva alxfJid'KjOtnov 
TCo^BY üXrjcpaötVy während es Liv. XXXYIII 38, 7 heifst: 
servos seu fugitivos seu beUo captos, seu quis liber captus aut 
transfuga erit. Sollte hier von den "Überläufem im grie- 
chischen Text nichts gestanden haben, so hatte das wohl 



248 Zweiter Abschnitt. 



nur den Grund, dafs es keine gab. In unserm Fall gab es 
deren gewifs zu viel, als dafe man mit aller Strenge gegen 
sie hätte verfahren können; xmd wer wollte entscheiden, 
welche von Hannibals Leuten Überläufer im strengen Sinne 
waren? Die Geiseln waren m. E. auch diesmal als Bürgschaft 
für die Ti-ibute (Ttlötecog x^P^^) ^u stellen und also nicht 
sofort. Die 150 Geiseln, welche nach Appian sofort ge- 
stellt und nach Abschlufs des Friedens zurückgegeben wer- 
den sollten, sind wohl eben deshalb von Antias hinzu- 
erfunden, der jene 100 gewifs darum nicht weggelassen 
haben wird. Diese kommen bei Livius noch öfter vor, und 
ich verfehle nicht hier auf Nissens hübsche Bemerkung hin- 
zuweisen, dafs die redseligen annalistischen Auslassungen 
von Freigebung karthagischer Geiseln Liv. XXXII 2 und 
XL 34 zu 199 und 181 v. Chr. mifsverständliche Verarbei- 
tungen ursprünglicher kurzer Notizen sind, und dafs ihnen 
nichts weiter zu gründe liegt als die wohl alle drei Jahr vor- 
zunehmende Auswechselung (wie auch die an ersterer Stelle 
erwähnte Tributzahlung irrtümlich als die erste besprochen 
wird). Eine periodische Erneuerung der Geiseln nämlich, 
wie sie in den Ausführungsbestimmungen des Friedens mit 
Antiochos Liv. XXXVill 38 ausgemacht ist, ist auch liier 
durch die Fixierung der Altersgrenze gewissermafsen schon 
angedeutet. Bezüglich der 10 Schiffe, die den Karthagern 
verbleiben sollen, liegt vielleicht eine kleine Ungenauigkeit 
vor; Nissen glaubt wegen Liv. XXXVI 42 ff., dafs es keine 
Dreinidrer gewesen seien. Die in Aussicht genommene 
Abgrenzung des karthagischen gegen das numi- 
dische Gebiet hat stattgefunden, wie Nissen aus Liv. 
XXXIV 62 schliefst; ein Beweis übrigens, dafs es Scipio 
ernstlich um Herbeiführung eines den Karthagern erträglichen 



Friodensverhandluogen bei Polybios und Livios. 249 

Zustandes zu thun war, nicht um Gelegenheit zu fortdauernden 
römischen Einmischungen. Endlich scheint es, dafs die Kar- 
thager später in formlichem (natiirlich ungleichem) Bündnisse 
mit Rom stehen, und es ist ganz glaublich, dafs diese Gunst 
— das war es, mindestens der Form nach — erst vom Senat 
gewährt ist 

Bei Livius zeugen von annalistischem Einflufs zunächst 
blofs die Zurückstellung des ersten Paragraphen, der Zusatz 
perfugas, und weiter: neque domarent alios. Im folgenden 
Satz hätte er schreiben sollen: ne extra Africam neve in 
AMca (wie Weidner Philologus Bd. 36 S. 128 auch wirk- 
lich lesen will), statt beides in einen Topf zu werfen. Mit: 
Masinissae res redderent, hat er's sich bequem gemacht und: 
foedusque cum eo facerent, ist jedenfalls inkonsequent, da er 
von einem foedus mit Rom nicht spricht. Beim nächsten 
Satz hat Livius wieder etwas frei übersetzt, geradezu be- 
fremdlich aber ist: auxiliis. Dafs es nicht gleichbedeutend 
mit copiis gebraucht werden kann, ist wohl selbstverständ- 
lich; XXI 32, 3 darf dafür nicht etwa angezogen werden. 
Vielleicht erklärt sich die Sache aus schiefer Auffassung 
des Wortes övva/xKS. Livius scheint unter dem Aus- 
druck nur Soldtruppen verstanden zu haben; denn während 
Pol. m 95, 5 aHOvcav ro n\fj^O(S tcov Swd^EGov natür- 
lich die Stärke des ganzen Heeres gemeint ist und von 
Neuanwerbungen kein Wort steht, übersetzt Livius XXII 
19, 4: propter ingentem famam novorum auxiliorum. 

Wie bisher die Benutzung des Polybios, so ist wieder 
im Schlufssatz das Schielen nach einer römischen Quelle, 
wahrscheinlich Valerius, evident Dieser nämlich, welcher 
ja das vorige Mal Scipio zunächst nm* Waffenstillstand hatte 
gewähren lassen, war konsequent genug, wie wir aus Appian 



250 



Zweiter Abadmitt. 



schliefsen, neben den Friedensbedingungen wieder beson- 
dere Bedingungen für einen etwa gewünschten Waf- 
fenstillstand zu notieren, eben die Verpflegung des Heeres 
und vielleicht noch die Stellung besonderer Geiseln. Livius 
eignet sich die Unterscheidung von Waffenstillstand und Frie- 
den an, indem er freilich — thöricht genug — statt jener 
Extrabedingungen die ebenfalls sofort, aber natürlich in 
jedem Fall zu leistende Genugthuung einsetzt. Er zerstört 
aber mit: aliter nee indutias nee pacis spem ullam esse, 
dies wunderliche Flickwerk selbst wieder. 

Dafs also Livius die Bedingungen des Polybios gerade 
wie 203 V. Chr. interpoliert hat, steht wohl fest; und hierzu 
bietet der Frieden mit Philipp eine treffliche Analogie. 
Schwieriger ist die Frage bei der folgenden Erzählung, deren 
Anfang ich eben deswegen dem Leser vollständig in beiden 
Fassungen voriege. 



Pol. XV 19, 1 — 3: 
Tavra ßikv ovv 6 ötpatTfyos 
eint xoary ^Paßiaioov xois npEÖßev- 
xatSy oi 8ik dxovöavtES rjnEl- 
yovro xäi 8tedä<povv xots iv 
xy naxpiÖi, 

H(x^^ ov 8tj xatpov Xiyexai 
ßiiXXovxog xivos Tc5v ix xijs 
yepovöias dvxtXiyeiv xdis itpo- 
xetvoßiivots xa\ xaxapxojdi- 
yoVy 

npotX^ovxa xov 'Avvißav xara- 
öndöat xov av^pooTtov dno xov 
ßijßiaxo^. 



Liv. XXX 37, 7-^8: 
Has condiciones legati cum 
domum referre jussi in contione 
ederent. 



et Gisgo ad dissuadondam pacem 
processissot audireturque 
a multitudine inquicta oadom et 
in belli, 



indignatus Hannibal dici ea in 
tali tempore audii-ique, aiToptuin 
Gisgonem manu sua ex superiore 
loco detraxit. 



Friodensvorhandlongen bei Polybios und Livios. 



251 



rcjK 61 \otiedoy i^opyuS^ivxoov 
dta to icapa rrfv dwTJ^etav 
ctvTOv TovTo itpd^at . . . 



quae insueta liberae civitati spe- 
des cum fremitum populi mo- 
visset . . . 



Yon der nun folgenden Eede Hannibals (der sich mit 
ünbekanntschaft des bürgerlichen Brauches entschuldigt, da 
er neun Jahre alt die Yaterstadt verlassen habe und TrXeiGo 
rdov TtivtB Kai tertapaKovra itcov i[;^a7v «= post sextum 
et tricesimum annum zurückkehre, dann aber die Annahme 
des unverhofft günstigen Friedens aufs eindringlichste em- 
pfiehlt) ist bei Livius der zweite Teil in ein paar Worte zu- 
sammengedrängt; doch bezeugt er selbst die Verkürzung : 
multis verbis disseruit. Die sofortige (vorläufige) Zusage 
an Scipio, mit der das Polybianische Bruchstück endigt, 
fehlt; die Diskussion geht § 11 gleich auf die Frage über 
(deren Erledigung wohl auch bei Polybios folgte), auf 
welche Weise die Genugthuung geleistet werden könne. 
Livius hätte dami wenigstens in der Beschlufsfassung § 12 
zuerst die Annahme der Bedingungen im allgemeinen aus- 
sprechen sollen. C. 38, 1 — 5 ist die Ausführung des Be- 
schlossenen. 

Sachlich ist zu bemerken, dafs die spanische Unterneh- 
mung Hamilkars erst 237 v. Chr. stattfand. Wenn man aber 
annimmt, dafs er mit seinem Sohne schon vorher Karthago 
verlassen hat, um sie vorzubereiten, so besteht keine ernst- 
liche chronologische Schwierigkeit. Immerhin spricht die 
Stelle dafür, dafs die Schlacht von Zama nicht zu früh an- 
zusetzen ist, und dafs wir uns etwa am Polybianischen 
Jahresschlufs befinden. Auch aus der einen Friedensbe- 
dingung möchte ich folgern, dafs wir uns keine volle drei 
Monat vor dem mit Antritt der neuen Konsuln zu 
erwartenden Entscheid in Eom befinden. 



252 Zweiter Abschnitt. 



Was aber die Quellenfrage betrifft, so kann ich mich 
nicht überreden, Livius' Erzählung für Cölianisch zu halten. 
Der Satzbau des Anfangs deckt sich mit Polybios; die im 
Druck hervorgehobene breitspurige, echt Polybianisclie Wen- 
dung ist durch geschickte Übersetzung ertraglich gemacht 
worden. Die Differenzen liegen auf der Hand. Polybios 
hat, wie freilich erst der Schlufs deutlich zeigt, eine Eats- 
sitzung im Auge, Livius nicht ganz so passend, aber dra- 
matischer eine Volksversammlung. Damit hängt es wohl 
zusammen, dafs das unbestimmte jemand Livius nicht ge- 
nügte. Erfand er vielleicht hier einmal frei einen Namen? 
oder sollte ein Hörfehler (beim Vorlesen) vorliegen? Zu der 
Tendenz der römischen Quellen, Scipios Auftreten gegen 
Karthago zu verschärfen, pafst die Anekdote nicht sonder- 
lich; durchschlagend genug ist dieser Grund freilich nicht, 
um die Geschichte und den Namen Gisgo ihnen geradezu 
abzusprechen. 

Eine sehr merkwürdige Variante a 37, 13 spare ich 
für den Schlufs meines fünften Abschnittes auf. 

Zu dem Abschnitt c. 43, 10 bis c. 44, welcher die letz- 
ten Handlungen und Rückkehr Scipios enthält, nur wenige 
Bemerkungen. Das Strafgericht an den Überläufern (die aus- 
drücklich von den entlaufenen Sklaven unterschieden werden) 
kann nach meinen früheren Ausführungen nicht als historisch 
gelten. Immerhin ist diese Darstellung, da unter den Über- 
läufern doch keineswegs auch alle Italiker aus Hannibals 
Heer verstanden werden können, wohl nicht so getrübt wie 
Appian, bei welchem, wie wir sehen werden, die Ausliefe- 
rung auch dieser Kategorie (natürlich zum Zweck der Hin- 
richtung) von Scipio bedungen wird. Bei der Beschenkung 
Masinissas Cirta oppido et ceteris urbibus agrisque, quae ex 



Letzte Operationen und Vexliandlangen bei Zonaras und beiAppian. 253 

regno Syphacis in populi Romani potestatem venissent, hat 
Weifsenbom den Relativsatz wohl mit Unrecht als beschrän- 
kend gefafst. Er soll nur die Hechtsanffassung (vergl. den 
Fall Sophoniba) betonen, dafs das Objekt bisher ausschliefs- 
lich im Besitze des römischen Volkes gewesen sei. Dafs 
der Tod des Syphax vor dem Triumph eine Erfindung des 
Coelius ist, und dafs Livius selbst durch Anführung des 
unverfälschten Polybios sie einigermafsen in Zweifel stellt, 
ist schon früher bemerkt. Coelius wird denn auch wohl 
Quelle dieses Abschnittes sein. (Wenn Polybios übrigens den 
Triumph zu 200 v. Chr. bringt, so ist das bekanntlich kein 
Hindernis, ihn noch ins Konsulatsjahr 201 v. Chr. zu setzen; 
möglichei'weise könnte freilich auch Livius ihn des Dekaden- 
schlusses wegen vorausgenommen haben.) 

Erst jetzt wenden wir uns zu Dio- Zonaras und Appiän. 
Zonar. P. 443 heifst es geradezu, dafs Scipio Karthago zu 
Wasser imd zu Lande belagert hätte, dafs die Karthager zui* 
Gegenwehr gerüstet und erst später notgedrungen sich ent- 
schlossen hätten, um Frieden zu bitten. Yen den Be- 
dingungen giebt Zonaras nur einige an, und auch Dio fr. 
57, 82 ist unvollständig, da die Zahlung gar nicht vor- 
kommt Dafs die Karthager aufser den das vorige Mal allein 
genannten Gefangenen auch rovg avto/Ä6\ou(S fitoi tdor 
'Pco/iaicov ff rcov övßißidx<*>y ausliefern müssen, führe 
ich dem Wortlaut nach an, weil derselbe augenfällig dazu 
stimmt, dafs bei dem Strafgericht in dem letztbetrachteten, ver- 
mutlich Cölianischen Abschnitt des Livius auch zwischen bei- 
den Kategorieen von Überläufern ein Unterschied gemacht wird. 
Eins, was wir bei Appian, nicht bei Zonaras finden, wii-d 
bei Coelius sicher nicht gefehlt haben, dafs nämlich Scipio 
den Senat bedeutet, er werde nötigenfalls ohne ihn 



254 Zweiter Abschnitt. 



Frieden schliefsen. Jedenfalls nimmt gerade bei Zonaras 
der Senat „keineswegs bereitwillig, sondern erst nach langem 
Streite, das Volk aber einmütig" den Frieden an. Die frühe- 
ren Weiterungen aber, durch welche der Senat bei Coelius 
den Übeln Ausgang der ersten Verhandlungen wesentlich 
verschuldet haben sollte, scheinen mir von diesem 
Schriftsteller eben zur Entschuldigung einer sol- 
chen Drohung erfunden zu sein. Ja die Drohung 
scheint mir eben desw^en historisch, mindestens zu 
Coelius' Zeit allgemein geglaubt zu sein. Zu dem 
Satze: xal 'Pcoßiaiot fxkv tffv jdtßvtfv i^iXinov rffv ö^ 
'itaXlav ol KapXTjöovioi, sei nochmals darauf hingewiesen, 
dafs bei Zonaras Mago bis dahin in Italien geblieben oder 
vielmehr dorthin zurückgekehrt war. 

Appian. Lib. 49 beginnt mit einer Mitteilung, welche 
der Auffälligkeiten genug bietet, von denen nur ein Teil auf 
Appians Rechnung zu setzen ist: OvTtoo 5i ovtb KapxV" 
öoytot rcovöe (von der Schlacht bei Zama) ovte ^PooßjLaiot 
TTv^o/ievoi, 0? piiv iniöteXXov Mdyoavi ^svoXoyovytt in 
KeXtovg itsßaXeiv i<s rt/v ^IraXiav ei dvvairo tf i^ Atßvffv 
fiEta tcov ixi6^oq)6pGoy KataTcXavöat, o? 8k rcovöe rcov 
ypa/Äjidran^ aXovrcov xal ig 'Pco/xtfr xo/Ätcf^irtGov ötpa- 
ttdv äXXtfv nal itcttov^ Hat vavt^ xal xpwoeta inejxnov 
xcp ^Hinloovi, Eine Verstärkung Scipios durch 50 Schiffe 
unter dem Konsul Claudius wurde Anfang 202 v. Chr. an- 
geordnet, ohne übrigens ihr Ziel zu erreichen; an einen spä- 
teren Nachschub aber ist nicht zu denken, 201 v. Chr. kam 
es überhaupt nicht über Pläne hinaus. Appian greift also, 
ohne das aber klarzxistellen , auf die Zeit des Waffenstillstan- 
des zurück, und folglich beweist die SteUe mit nichten ein 
längeres Verweilen Magos in Italien. Ferner dürfen wir das 



Letzte Operationen und Yeriiandlangen bei Zonaras und bei Appian. 255 

igßocXely ig tffv 'itaXiav ei Svvairo getrost als unklare 
Reminiszenz an ältere Weisungen z. B. Lib. 9 streichen; der 
Befehl an ihn sollte, schon dem Zusammenhang gemäfs, ein- 
fach auf Rückkehr lauten. Merkwürdig bleibt aber, dafs 
Appians Quelle aufser den Schiffen auch von Truppen sprach 
und dieselben ihr Ziel wohl auch erreichen liefs. War es 
vielleicht Octavius, der sie Scipio zugeführt haben soll? vgl. 
oben S. 239. Appian scheint übrigens durch einen Irrtum 
zu diesem merkwürdigen Nachti-ag veranlafst zu sein. Er las 
von den 50 Schiffen des Lentulus, die Scipio jetzt heran- 
zieht, und griff zur Erklärung irrtümlich auf die Sendung 
des Claudius zurück. 

Der römische Feldherr wendet sich mit den Schiffen 
selbst gegen Karthago und läfst Octavius mit dem Jjandheer 
anrücken. Da kommt ihm das Schiff mit den Gesandten, wie 
bei Livius, unter Friedenszeichen entgegen. Hanno und Has- 
drubal Bock stehen an der Spitze. Scipio bescheidet sie ins 
Lager. Dort werden sie empfangen und Hasdrubal angehört — 
ohne dafs ein Kampf mit Yermina berichtet würde. 
Ist der letztere Umstand ein Hindernis für die angenommene 
Quellengemeinschaft zwischen jenem Abschnitt aus Livius und 
Appian? Ich denke nicht Wie leicht konnte Appian dieses 
zusammenhanglos eingeflickte Prunkstück, das die Verhand- 
lungen unterbrach, ausscheiden, zumal es streng genommen 
gar nicht in die Libyke, sondern in die Nomadike gehörte. 
Appian spart zugleich damit die umständliche Auseinander- 
setzung über das Hin- und Herziehen des Heeres. Und wie 
gut pafst doch wieder das Intermezzo zu einigen Zügen der 
Appianischen Erzählung! Sind bei ihm doch schon mehrere 
numidische Häuptlinge Karthago zu Hilfe gekommen, um die 
blutige Dekoration zu verstärken! Und Yermina speziell wird 




256 Zweiter Abschnitt. 



Ton ihm bald darauf in einer Hede als Bundesgenosse der 
Karthager erwähnt. Vgl. auch oben S. 245. 

Die Bedingungen c. 54 sind in Ordnung, was die Kriegs- 
schiffe und Elefanten betrifft. Bei der Genugthuung aber 
behält sich Scipio gleich vor die Entscheidung des Zweifel- 
haften, während sie ihm bei Livius (Polybios) von den Kar- 
thagern selbst nach Beschaffung des zu Ermittelnden an- 
getragen wird. Aufser den Gefangenen sind sodann, wie 
früher, die Überläufer und jetzt ausdrücklich oöovg l^yyißag 
«5 'iraXia^ fjyayBv auszuliefern. 

Tavra fjiky iv tpidxovra rj/iipaKS aqi ov av tf 
eipijyi] Kpi^xi' ^^ ^' i^r/KOvta rj^ipaig Mdycova XPV 
AiyvoDV dftoötfjvai, xal ra^ q)povpdq vpiäq i^ayayBtv 
ix tdav TtoXecüv oöai rdov ^otvtxiöcav rdtppcav ixrog 
eiöt, xal oöa avtcor ^x^re ojiTfpa anodovvau Appian, 
nehme ich an, hat die inzwischen erfolgte Abfahi-t und den 
Tod Magos in seiner Quelle übersehen und fügt zu der Räu- 
mung Afrikas deshalb auch hier diejenige Liguriens hinzu. 
Was aber die Punischen Gräben betrifft, so sind sie 
vielmehr als Grenze der Provinz von dem jüngeren 
Scipio festgesetzt, wie auch Nissen anerkennt Plin. 
N. H. Y 4, 24 : Ea pars, quam Africam appellavimus, dividitur 
in duas provincias, veterem ac novam, discretas fossa inter 
Africanum sequentem et reges, Thenas usque perducta. Ob 
die Gräben nicht etwa schon vorher da waren, scheint mir 
aus der Stelle nicht entschieden werden zu können und kann 
uns gleichgültig sein.^) Genug Appian giebt die Grenze von 



1) Zielinski S. 13 behandelt unsre AppiansteUe und die späte- 
ren Angaben des Schriftstellers über Masinissa als cinhcitUch, obwohl 
bekanntUch inzwischen Appian die Quelle gewechselt hat, und erhält 
so zweierlei Punische Gräben, wie er überhaupt solche Bereiche- 



Letzte Operationen und Verhandlungen bei Zonaras und bei Appian. 257 

146 statt der von 201 v. Chr. Nissen hat nicht gewagt 
auch dies der Urquelle zuzurechnen, sondern nimmt, wenn 
ich recht verstehe, einen Irrtum eines numidischen Bear- 
beiters (Jubas) an. Ich sehe in der Yertauschung Absicht.^) 
Wenn Appian seiner Quelle über diesen Krieg hinaus treu 
geblieben wäre, so würden wir gewifs finden, dafs dieselbe 
die widerrechtlichen Schmälerungen des karthagischen Gebie- 
tes durch Masinissa leugnete, wohl gar in Übergriffe der 
Karthager verwandelte. 

Kai i^ ^Paißjirfy ixdörov hov(S avatpipetv Evßoixa 
rdXavta diaxoöia i7c\ Ttevti^xovta ivtavtovg, — Schwer- 
lich wird Valerius, da er vorher und auch beim Frieden 
mit Philipp erwiesenermafsen nach römischen Silberpfunden 
rechnete, nebenher etwa den Vertragstext mit Euböischen 
Talenten gegeben haben. Vielmehr scheint Appian hier ein- 
mal Polybios eingesehen zu haben, dessen Text sich die 
Worte auch sehr nähern. Er hat ja von diesem Zeitpimkt 
an ihn zu seinem Führer gemacht und zeigt auch im An- 
fang der Annibaike, wie wir finden werden, Bekannt- 
schaft mit ihm. Wichtiger noch ist, dafs beim Frieden von 
241 V. Chr. Sikelike fr. 2 das erste Buch benutzt ist. Dort 
hat Appian nach seiner annalistischen Quelle das Friedens- 
gesuch durch Vermittlung des Eegulus (aber an Lutatius 
der Bequemlichkeit halber!) und dessen grausame Tötung so- 
wie den gröfsten Teil der schliefslichen Friedensbedingungen 
berichtet; hat aber nach PoL I 62, 9 {dpyvpiov xatersy- 



rangen der Geographie ebensosehr als die „Ausmerzung von Dublet- 
ten*' in den Nachrichten der Schriftsteller liebt. 

1) Vielleicht hängt mit dieser Fälschung die Notiz liv. XXJII 46 
aus Antias zusammen: ager Hispanis in Hispania et Numidis in 
Africa post bellum virtutis causa datus est. 

Hosseibarth, histor. - krit. Untersach. 17 



258 Zweiter Abschnitt. 



HEtv Kapxtl^ovlovis ^Poo/Äaiotg iv ^tsöz bIkoÖi öig-^/Azar 
xa\ öiaxoöia rdXavra EvßoiHa), ohne die Erhöhung der 
Summe durch Senat und Volk zu beachten, hinzugefügt: 
'Poopialot? ivByKBiv tdXavta Eußornd önsxiXia iv ItaaSiv 
sinoöt, to fJLipo(S indötov irovg i(S 'Pcoßxrfv dvaq)ipoyta^. 
Auf dieselbe Quelle geht dort zurück: 'O pihv dff Ttpcotog 
Ttspl ^StueXiag ^Pooptaloiis nal Kapxv^oviot? TtoXsßxog 
^teöi etKOöt xai riööapöi ysy6fi€yo(S i<s tovto ireXevra 
(= c. 63, 4: 6 pihv ovv Ttpcotog ^PGOfxaioKS Kai Kapxrj- 
öovioig övördg Ttepi 2iHsX{ag TtoXsßiog inl toiovtotg 
Ha\ totovtoy Söxb to tiXog Itt} TtoXe^rf^elg sIkoöi xai 
tittapa öuyexcog) und aus der echt Polybianischen Demon- 
stration der unvergleichlichen Grofsartigkeit des Krieges ist 
entlehnt: xa\ dnooXoyto yTJeg iy avt(p ^Pcopiaicoy enta- 
xoötai KapXTfäoyiojy ök mytaxoöiai, 

Ka\ /ir/te ^eyoXoyeiy dno KeXtdoy r/ Aiyvcoy itt, 
)xr}tB Maöaydöö^ ^rjSl aXXcp ^Poofiaicoy <plX(p TtoXs/xety, 
/ÄTjöh ötpatavBiy tiyd KapxrfSoyloov in^ ixeiyovg dno ys 
tov xoiyov, — Letzteres findet Nissen sehr einleuchtend, 
weil sich später die Römer über Unterstützung von Feinden 
durch einzelne Karthager beschweren, ich aus demselben 
Grunde sehr verdächtig. 

Trjy öh TtoXty v/xäg ^X^tv Hai tijy x^P^'^ oötjy 
ivtog twv ^oiyixidooy tdcppooy slx^te ifxov dianXiovtog 
dg Aißvjjv, — Die üngenauigkeit der letzteren Bestimmung 
(statt: bei Beginn des Krieges) hängt zxisammen mit der 
Appianischen Verteilung des Stoffes in Provinzialgeschichten ; 
Verweisungen auf etwas nicht in die Libyke Fallendes sind 
ihm unbequem. Aber so oder so ist nach Fixierung der 
Grenze durch die Punischen Gräben die Bestimmung über- 
flüssig oder störend und vielleicht durch Polybios veranlafst 



Sonatsdobatto bei Coelins und Antias. 259 



'Pao/ialcav te elvat (piXov^ Ha\ Öv/x^dxovg xata 
yfiv Kai xata ^dXarxav ffv dpi6Hi;i tavta ry ßovXff. 
dpscfdvtGoy de ^Pcofiaiou^ draxcopeiv in jdtßvrfg nByrtf- 
Kovta Hat ixatov ffpiipatz, — Wir wissen, dafs Appians 
Vorlage sich bemühte alle in Rom gemachten Zusätze im 
voraxis zu legalisieren; und so scheint mir der Satz meine 
Meinung, dafs das Bündnis von Scipio noch nicht zuge- 
standen oder besser axiferlegt war, eigentlich nur zu bestä- 
tigen. Es folgen noch die Bedingungen, falls ein Waffen- 
stillstand gewünscht werde. 

In Karthago giebt es nun aber c. 56 f. einen heftigen 
und anhaltenden Zwist über den Frieden zwischen dem Rat 
und den Verständigen einerseits, der tobenden Volksmenge 
anderseits, welche erst auf das von Hannibal wieder ange- 
sammelte Heer hofft, und als auch dieser herbeigerufen zum 
Frieden rät (die Anekdote braucht darum nicht bei Valerius 
gestanden zu haben), sich der Vorräte desselben bemächtigen 
will. Erst als dies Vorhaben durch einen Sturm vereitelt wird, 
fügt sich das Volk, seinen Göttern fluchend, in die harte 
Notwendigkeit. Scipio bedeutet den Senat, dafs er nötigen- 
falls auf eigene Faust Frieden schliefsen werde. C. 57 — 65: 
Gleichwohl finden in demselben, während das Volk sich freut, 
heftige Debatten statt. 

Dafs schon Coelius Reden für und w^ider hatte, glaube 
auch ich auf grund von Zonaras; Gilberts Kombinationen 
aber mit einigen Cölianischen Fragmenten sind ziemlich luf- 
tig und von Sieglin mit Recht zurückgewiesen, der z. B. 
fr. 46 (aus Nonius): respublica amissa exfundato pulcherrimo 
oppido, unter Änderung von libro VII in libro IIII ganz 
walirscheinüch auf Syrakus bezieht. Von Diodor. XXVII 
haben wir aufser fr. 13 (es wäre leichter, den Leuten nach 

17* 



260 Zweiter Abschnitt. 



dem Munde zu reden, xav In^ 6Xi^p<p Xiyqtai rdbv 
ßovXavofxivGav) y das etwa aus einer Bede Hannibals ans 
Volk stammen mag, in fr. 14 — 18 eine Reihe von Sen- 
tenzen, welche aus Reden im römischen Senate für und 
wider genommen sind. Dies beweisen Wendungen wie: 
SiOTCBp i<p^ oöov (ppovov}jLe^a rff^ Ttatpldog, ivrl to- 
(Sovtov evXaßrftiov avrfKEörov ri xal öxXrfpbv TtpäSai 
oder: opäts ovv /xi^Ttors roug amyvGo6p,iyov(S äröpats 
aya^ov^ yBviö^ai 7totr/(^co/isy, und die Sprüche gegen die 
Schonung des Feindes überhaupt Nun steht auch Appian. 
Lib. c. 57 — 61 und 62 — 64 eine Rede von einem Freunde 
Scipios und eine andre von einem Yerwandten des kriegs- 
lustigen Konsuls Lentulus. Verständigerweise hat Appian fast 
nur die sachlichen, zum teil freilich ziemlich hausbackenen 
Anführungen; umgekehrt haben die Excerpte Diodors in ge- 
wohnter ärgerlicher Manier nur Phrasen und Gemeinplätze 
aufgenommen. Allein dafs hier, wie sonst, beide die gleiche 
Quelle haben, darauf weist schon der ungewöhnliche Umstand 
hin, dalß bei beiden die ausschlaggebende Rede nicht hinten, 
sondern voran steht Und femer findet sich doch auch ein 
ganz unverkennbarer Anklang: 



Appian : 
i^ ajtaöav yijv TcepuXevöerai 
xoä yvv xal vörepov, ffv xoXtv 
iteptoivvjjtov xal ^aXaööoxpd- 
ropa driXco/nev. 



Diodor fr. 17: 
'^Ott otav noXis itciörjiJiordxTj 
Tradojy ovxoog dvijXecü^ dvap- 
leaöBp, Tore 8^ xal ßidXXov tj 
ntpl xovroov vnoXrj^is 8td ndörjs 
IpX^ctt XTJs oixov^ivTjg. 

In redlichem Bemühen hat Appian in der Rede für den 
Frieden auch die den Kai-thagem auferlegten Pflichten wieder- 
aufgezählt; ausgelassen hat er dabei die Auslieferung der 
Gefangenen und Überläufer, das Verbot mit Masinissa und 
andern Bundesgenossen Krieg zu führen und auch den Ab- 



Sonatsdebatte bei Coelins und Antias. 261 



zug Magos. Dagegen heilst es bei Aufzählung der Hülfs- 
mittel Karthagos: Ka\ Maycor Ik KsXxgov xal Aiyvcov 
Mpov? äyei noXXovg, xal OvepfJLiväis b 2vg)aHog avtoi^ 
öu/Ä/iaxei, Klingt das nicht, als sei sein Blick mittlerweile 
auch auf Magos Überfahrt und Verminas Zug gefallen und 
als habe er beides in bekannter willkürlicher anachi-onistischer 
Weise herangezogen? 

Die historische Hepetition aus dem ersten sowohl als 
zweiten punischen Kriege, zu welcher Yalerius diese Reden 
benutzt hat, ergänzt vielfach, was Appian aus ihnen uns 
aufbewahrt hat, und wird uns noch von Nutzen sein. 

Rückblick über Livius. 

Der afrikanische Krieg setzt sich bei Livius folgen- 
dermafsen zusammen. Nachdem er XXIX 3 — 5 die Re- 
kognoszierung des Laelius und die Einwirkung des drohenden 
Unternehmens Scipios auf die Karthager nicht nach Polybios, 
sondern nach Coelius geschildert, giebt er den Übergang 
Scipios c. 23 — 27 verständigerweise nach Polybios. Nur 
führt er an zwei abweichende Angaben über die Stärke des 
Heeres, wovon sich die eine auf Yalerius zurückführen läfst, 
imd die übertreibenden Phrasen, welche Coelius statt aller 
Zahlen habe, dann aus demselben Schriftsteller eine phan- 
tastische Schilderung eines Unwetters, die er aber gestützt 
auf permulti (?) Graeci Latinique auctores verwirft Ein- 
geschoben hat Livius in den polybianischen Bericht ein 
Gebet und ein omen. 

Nicht minder beruht die Darstellung der ferneren Vor- 
gänge dieses Jahres, einschliefslich des Exkurses über Masi- 
nissa, bis c. 35 auf Polybios; und die Anführung aus Laelius 
und Yalerius c. 35, zusammen mit der in c. 29, wo unter 



262 Zweiter Abschnitt. 



plerique ebendieselben zu verstehen sind, giebt uns die Ge- 
wifsheit, daTs diese Thatsachen von ihnen gründlich entstellt 
waren. Natürlich braucht nicht jede Kleinigkeit, z. B. die 
Schilderung des Schreckens c. 28, auf Polybios' Rechnung 
gesetzt zu werden. Nachdem Livius mit dem Satze: haec 
in Africa usque ad extremum autumni gesta, den Bericht des 
Polybios absolviert hat, fügt er noch c. 36 Notizen aus dem 
römischen Lagerleben offenbar nach römischer Quelle hinzu. 

Wie diese Notizen sozusagen die Brücke zu den folgen- 
den annalistischen Kapiteln bilden, so beginnt Livius den 
nächsten Feldzug XXX 3 wieder mit ein paar ganz ver- 
wandten Sätzen, um dann zu Polybios überzugehen, dem er 
zunächst den Lagerbrand bis c. 6 entlehnt Jedoch führt 
er an noch in c. 3 eine Lüge (nicht das ganze Lügensystem) 
des Antias und beruft sich gegen ihn auf mehrere: pars 
major auctores sunt. Sodann bemerken wir einen Einschub 
im letzten Kapitel über Terlust und Beute aus römischer 
Quelle, wodurch Livius unvermerkt mit seinem bisherigen Be- 
richt in Widerspruch geraten ist. Jedenfalls in der Hauptsache, 
wie ich glaube sogar ausschliefslich, stammen auch die folgen- 
den kriegerischen Ereignisse bis zur Schlacht auf den Grrofsen 
Feldern c. 10 aus Polybios; selbst die Erzählung über Syphax 
und Sophoniba c. 11 — 15 führe ich auf diese Quelle zurück, 
insoweit nicht Livius selbst sie poetisch umgestaltet hat, des- 
gleichen die Sendung des Laelius nach Rom c. 16. 

Die Friedensvermittelung ist wieder aus Polybios, jedoch 
mit kleinen Einschüben bei den Friedensbedingungen. Über 
die Geldsumme teilt er drei Lesarten mit, welche Polybios, 
Coelius und Yalerius darstellen werden. Die eigentümliche 
Verfälschimg dieser Ereignisse bei Coelius und Yalerius be- 
wirkte, dafs Livius Daten einmengte, die bei jenen nicht 



Rückblick über Livius. 263 



Friedensbedingungen, sondern nur Leistungen für die ge- 
währte WaflTenruhe sein sollten. 

Die vor diese Zeit fallende Senatssitzung c. 17 ist aus 
guter römischer Quelle, dagegen die Verhandlung c. 21 — 23 
das durchaus entstellte, mit jenem Kapitel auch nicht zu- 
sammengereimte Machwerk eines Annalisten, der nicht 
namhaft gemacht werden kann, aber eine sehr be- 
stimmte Farbe trägt. Die Schilderung des Friedens- 
bruches in der zweiten Hälfte von o. 24 ist wahrscheinlich, 
die Abweisung und Vergewaltigung von Scipios Gesandten 
c. 25 bestimmt Polybianisch mit einer leichten Änderung 
in den ersten Worten und kleinen Anklängen an Valerius. 
Nachdem Livius ziemlich zusammenhanglos ein omen bei 
Hannibals Landung, ähnlich demjenigen bei Scipios, angeführt, 
beschliefst er c. 26 das Jahr mit dem Selbstgespräch: Haec 
eo anno in Africa gesta. insequentia excedunt u. s. w. 

C. 29 setzt mit dem neuen Feldzug wieder Polybios 
ein, welchem diesmal ein Stimmungsbild vorausgeschickt ist; 
die in § 7 angeführte Fälschung des Valerius hat Livius, 
wie gewöhnlich, nicht ganz überschaut. Die Wiedergabe 
des Polj^bios währt bis c. 35; doch ist sein Schlachtbericht 
wesentlich verschlechtert. Die legio Macedonum c. 33, 5 ist 
eingeflickt (weder aus Coelius noch Valerius, sondern, wie 
sich später zeigen wird, aus jenem Anonymus von c. 21), und 
auch in den Verlustangaben tritt wieder eine annalistische 
Zuthat auf. Die selbständige Erweiterung der Reden ver- 
steht sich von selbst. In c. 36 hat sich Livius von seinem 
bewährten Führer abgewendet, um sich einen verlogenen 
Siegesbericht des Valerius anzueignen. Gegen Schluls des 
Kapitels aber wendet er sich noch einmal zu Polybios, ent- 
lehnt ihm c. 37, nicht ohne einige Änderungen, die Frie- 



264 Zweiter AbschniU. 



densbedingungen und wahrscheinlich auch — dabei allerdings 
eine nicht aufzuklärende Differenz — die Verhandlung darüber 
in Karthago. In einer Variante steckt eine starke Fälschung, 
wie ich wahrscheinlich machen werde, wieder des Anonymus. 
Das namentliche Citat des Polybios im SchluTskapitel zeugt 
von Vertrauen zu demselben und nur allzubegründeten Mifs- 
trauen gegen die nationalen Geschichtsbücher. 

Im ganzen hat Livius also die kriegerischen Vorgänge 
Polybios entlehnt. Zuthaten aus nationalen Quellen leiten 
gewöhnlich diese Abschnitte ein und führen auch wieder zu 
den dazwischenliegenden, in Rom spielenden, Partieen über. 
Unsre Untersuchung konnte auch die Nachrichten nationalen 
Ursprungs in der Hauptsache mit Wahrscheinlichkeit verteilen. 
Bei Verlust- und Beuteangaben scheint besonders Valerius, 
bei den Verhandlimgen neben demselben Coelius herangezogen 
zu sein. Aus beiden giebt Livius auch gelegentlich Varianten, 
und einmal ist ein ganzer lügnerischer Schlachtbericht wahr- 
scheinlich aus Antias eingesetzt. Eine dritte, sehr schlechte 
römische Quelle lieferte mehrfach die bezüglichen Verhand- 
lungen in Rom, tritt aber in dem Krieg selbst kaum hervor. 
Ungedeckt sind z. B. die beiden omina. 

Aus dem Gesagten erklärt sich, dafs die drei Feldzüge 
einen ziemlich einheitlichen Eindruck machen, dafs aber Un- 
ebenheiten sogleich sich bemerküch machen, wo man sich den 
Verhandlungen sowohl von 203 als von 202 v. Chr. nähert. 

Diesmal schliefse ich noch einige weitere Bemerkungen 
an, zunächst über den behaupteten „libyschen Ursprung" von 
Appians Libyke. Man hat erstens ^iel Aufhebens gemacht 
von dem Hervortreten von Masinissas Person. Die 
Rechnung Kellers, wonach auf den römischen Bundesgenossen 
die volle Hälfte des Erzählten fällt, brauchen wir nicht zu 



Rückblick über Livius. 265 



prüfen. Wie Zielinski schon dem gegenüber hervorgehoben 
hat, war der Sohn der Wüste einem Coelius — und Antias, 
fügen wir hinzu — für romantische Erfindungen ein sehr 
willkommener Gegenstand und interessierte auch Appian 
selbst. So entstand der ganze Koman von Masinissas Jugend- 
liebe zu Sophoniba und seiner Bache für deren Verlust. 
Masinissas Mutter ist nur eine Nebenfigur in diesem Boman, 
welche später noch einmal gelegentlich aufs Tapet gebracht 
ist. Was die noch nicht berührte Schilderung der früheren 
Kriegsabenteuer Masinissas c. 11 f. betrifft, so ist es ganz 
wahrscheinlich, dafs sie den Berichten aus Scipios Kreise 
mit entstammen, welche von Polybios imd, wie ich annehme, 
auch von Coelius für die betrefTenden Partieen zu gründe 
gelegt worden sind, nur dafs gerade hier der durch Livius 
aufbewahrte grofse Polybianische Exkurs über Masinissa noch 
viel eingehendere Kimde aus des Königs eigenen Aus- 
sagen enthält. Indem ich diese Frage schon hier streife, 
setze ich gleich hinzu, dafs jene beiden Kapitel und dieser 
Exkurs inhaltlich nicht so ähnlich sind, dafs ein direkter 
Zusammenhang (also Benutzung des Griechen durch Coelius) 
angenommen werden müfste. Selbst die Angabe, dafs Masi- 
nissa oft nach Verabredung bei einem Angriff sein Heer zer- 
streut imd sich verborgen habe, um es am andern Morgen 
wieder zu vereinigen, rpiro? 6i Ttore iv 67trß.ai<p xpvn- 
roßjievo^ fAorS'f, rdav TtoXs/iioav Ttepl ro ÖTtrfXaiov ötpa- 
roTnöevovrcav, ist doch niu: eine verschwommene Kunde 
von der Szene, wo er, schwer verwundet, von zwei Beitem 
in einer Höhle gepflegt wird, während die Verfolger ihn 
ertrunken glauben und umgekehrt sind. 

Femer sind für den libyschen Ursprung von Appians 
Bericht seine „guten Informationen über karthagische Ver- 



266 Zweiter Abschnitt. 



hältnisse" geltend gemacht. Allein sie verflüchtigen sich^) zum 
gröfsten Teil bei näherer Beleuchtung, so gerade was Eankes 
Urteil bestimmt hat vgl oben S. 223 und 239 Anm. Das was 
bleibt, die Nachrichten über Hasdrubal, Gisgos Sohn, imd die 
Parteiungen in Karthago, erhält dadurch für uns Wichtigkeit, 
dafs Livius gerade darüber aus besonderen Gründen vgl. S. 197 
hinweggegangen ist; aber warum soll es nicht wie anderes 
aus karthagischen Quellen in Coelius (woher Dies Kunde da- 
von stammen wird) und dann in Antias übergegangen sein? 

Es bleibt also dabei, dafs Appian aus Valerius geschöpft 
hat. Dessen Iberike und Annibaike (zu ergänzen diu:ch die 
Bede Lib. 63) und Diodors Fragmente werden für die wei- 
tere Untersuchung ein wichtiges Hülfsmittel werden. Denn 
nachdem die iJeiden sowohl in den Anfängen des Krieges als 
bei den Ereignissen in Afrika als abhängig von Yalerius 
erkannt sind, ist bei ihrer besonders aus Nissens Unter- 
suchungen bekannten Art vorauszusetzen, dais sie auch für 
den dazwischenliegenden Kannibalischen Krieg lediglich ihn 
ausgeschrieben haben. 

Anders verhält es sich mit Dio Cassius. Zunächst hat 
derselbe nach Nissens sicherer Beobachtung Livius in der vier- 
ten und fünften Dekade umfassend benutzt und zwar, was ein 



1) Umgekehrt hielt ich die von Appian benutzten Nachrichten 
über Mago füi* bosser, als es zunächst scheinen muTs. Beim Ab- 
schlufs des gebrochenen Friedens fürchtet der Senat, dafs Mago 
Karthago Hilfe bringen werde, und macht Scipio deshalb aus, dafs 
er sich aus Italien entferne lib. 31 f. Während der "Waffenruhe 
noch setzt sein Korps glückhch über; und dies Ereignis ist der Grund, 
weshalb der Senat eine neue Flotte nach Afrika sendet c. 49. Ap- 
pian hat dasselbe jedoch übersehen und hat daher bei dem Fiiedcn 
201 V. Chr. wieder die Entfernung Magos aus ItaUen eingemengt. 



Rückblick über Livias. — Appian, Dio Cassins. 267 



gutes Urteil verrät, insbesondere, doch nicht ausschliefslich, 
dessen Polybianische Partieen. Uns ist ein eigentliches Zu- 
grundelegen des Livius noch nicht begegnet; in einigen spä- 
teren Teilen, z. B. bei Hannibals Zug auf Eom und den 
Polybianischen Berichten über Makedonien wird es sich aller- 
dings herausstellen. Öfters aber hat Dio, beim Reitertreffen 
an der Rhone, vor dem Gefecht am Tessin, bei Masinissas 
Verrat und beim Lagerbrand 203 v. Chr., den Livius sichtlich 
zur Ergänzung, bisweilen kann man geradezu sagen, zur Kor- 
rektur^) seines sonstigen Materials verwendet Dieses ist nun 
in den bisher erforschten Teilen des Krieges als Cölianisch 
zu bezeichnen. Der ganze Marsch Hannibals bei Dio stimmte 
aufs beste zu der Nebenquelle des Livius d. h. zu Coelius, 
und auch die Belagerung Sagunts war wohl direkt Cölianisch. 
Die ersten Ereignisse in Afrika und die Schicksale Masinissas 
sind bei Dio und Appian zu einem Roman verwoben, zu wel- 
chem gerade Livius' Angaben über Coelius und Antias passen. 
Da aber Appians Bericht, welcher auf letzteren zunlckzufüh- 
ren ist, sich als verbesserte Auflage gegenüber demjenigen 
Dies darstellt, so ist letzterer wieder mit Wahrscheinlichkeit 
auf Coelius zurückzuführen. Dies Verhältnis wiederholt sich 
bei dem Lagerüberfall. Dio und Appian gemeinsam war es, 
dafs die Ausspionierung des numidischen Lagers durch Scipios 
Gesandte ausgemerzt ist. Das ist die Gnmdlage auf der An- 
tias, diesmal recht kühn, weitergebaut hat. Er hat, wie uns 
Livius angiebt, die Verhandlimg ins römische Lager verlegt, 
und eben diese Darstellung erkannten wir in Appian wieder; 
Dio aber kennt diese Verbesserung noch nicht. Auch bei 



1) Zuweilen hätte man es aulscrdem orwaiion sollen, wo es 
nicht geschehen ist, S. 135. 



2G8 Zweiter Abschnitt. — Appinn, Dio Cassins. 



den Schickßalen des Syphax, dem gebrochenen Frieden, dem 
Ende von Hasdrubal, Gisgos Sohn, der Schlacht von Zama 
bleibt das Verhältnis der beiden Schriftsteller dasselbe. Ihre 
Darstellung zeigt gemeinsame Züge, welche auf den schrift- 
stellerischen Charakter des Coelius, Appian auiserdem Umge- 
staltungen, welche auf Antias passen; und wenn auch nament- 
liche Anfülurmgen des Livius nicht mehr begegnen, dient er 
doch insofern zur Kontrolle, als er in Varianten und Ein- 
schüben Züge bald des einen bald des andern aufweist. 

Aber wenn Dio nach dem Bisherigen aufser den Livia- 
nischen Bestandteilen rein Cölianisch erscheint, so wäre es 
doch verfrüht, daraus sogleich auf alle Teile des Krieges zu 
schüefsen. Wie er nach Nissens Ergebnissen nicht ohne 
annalistisches Material war, so ist das auch hier vorauszu- 
setzen. Unsre folgenden Untersuchungen werden das bestä- 
tigen und einigemal sogar bestimmt auf Antias hinführen. 
Ein so einfaches Hülfsmittel wie an Appian und Diodor 
haben wir also an Dio nicht. 

Kaum bemerkt zu werden braucht, dafs, wenn Valerius 
Antias für den afrikanischen Krieg Coelius fast durchgehend 
zu gründe legte, deshalb doch noch nicht überall und aus- 
nahmslos dasselbe Verhältnis vorausgesetzt werden darf. 



Dritter Abschnitt. 
Der Hannibalische Krieg von der Trebia bis Cannae. 

1/afs die Trebiaschlacht von Livius fast ausschliefslich 
Polybios entlehnt ist, wird niemand bezweifeln, nachdem ein- 
mal dessen umfängliche, aber Zusätze nicht ausschliefsende 
Benutzung überhaupt konstatiert ist Drei bis vier thatsäch- 
liche, später zu behandelnde Zusätze abgerechnet, ist die 
Übereinstimmung ganze Kapitel hindurch (XXI, 52 bis hinein 
in c. 56) so grofs als möglich, was um so wichtiger ist, als 
diesmal offenbar Nachrichten aus beiden Lagern stark 
ineinandergearbeitet sind. An der Hand von Böttchera 
Ausführungen selbst hätte man bis zum Beginn des Kampfes 
schon mindestens einen viermaligen Quellenwechsel anzuneh- 
men c. 53, 7; 54, 6; 55, 1; 55, 3. Dafs die vollständige 
Übereinstimmung des Livius und Polybios in diesem Arrange- 
ment zu erklären von Böttcher gar nicht versucht wird, ist 
eine bedenkliche Lücke in seinem Bäsonnement 

Ausgeraalt und übertrieben ist der Meinungsunterschieil 
der Konsuln. Zur Belebung femer läfst Livius den Hannibal 
selbst auf der Kekognoszierung seinem Bruder den Plan zum 
Hinterhalt auseinandersetzen: hie erit locus u. s. w.; er bleibt 
sich darin aber nicht konsequent, wie die Herausgeber notie- 
ren, wenn er Polybios entsprechend fortfährt: ita praetorium 
missum. Veranlafst scheint Livius übrigens zu jener An- 



270 Dritter Abschnitt. 



Wendung der direkten Rede durch den ihm nicht geläufigen, 
aber echt Polybianischen Ausdruck KOtvoXoytj^El? Maycovi, 
Endlich die: speciüatorcs Galli ad ea exploranda tutiores quia 
in utrisque castris militabant, sind wahrscheinlich eigene Idee 
des Livius, der schon c. 20, 5 einen ähnlichen Zusatz ge- 
macht hat, eine Art Hausmittel zur Erklärung des üdaxs 
rffv iöoßxivTjv op/if/v rov Ttßepiov. 

Es finden sich aber allerdings auch drei Spuren einer 
Nebenquelle, welche wir nach der Übereinstimmung mit 
der, zwar sichtlich verkürzten und am Anfang lückenhaften, Be- 
sclireibung Appians Annib. 7 Valerius Antias nennen dür- 
fen. Erstens können die Pferde der römischen Reiterei schon 
den Anblick und Geruch der Elefanten nicht vertragen. Natur- 
geschichtlich wäre die Sache sehr möglich. Aber abgesehen da- 
von, dafs sie sclion im Krieg gegen Pyrrhos vorkommt, setzt diese 
Erzählung eine andere Anordnung voraus als die des Polybios 
und Livius, nach welcher die Tiere vor der Front aufgestellt 
sind. Bei Appian stehen sie wirklich der römischen Rei- 
terei auf beiden Seiten gegenüber, während Hannibals Kaval- 
lerie hinter ihnen bereit steht. Zweitens wird dann aber den 
Tieren durch velites ad id ipsum looati übel mitgespielt. Auch 
das kommt bei Appian, freilich aus Hast in eins gemengt mit 
dem Fufskampf, vor; man wird nach Livius an velites, welche 
den Reitern^) beigegel>en sind, zu denken haben. Während 
Appian die Sache mit S^saöd/isvo^ 6' 6 jivvlßa^ iöi^ßitfve 
trjy iTtnov xvxXovö^ai rov^ TtoXs/itovg abmacht, weifs 
Livius auch den Verbleib der Elefanten: in extremam (aciem) 
ad sinistnim comu adversus Gallos auxiliares agi jussit Han- 



1) Wio es nach dem folgenden scheint, des rechton römischen 
Flügels, auf dem die schwächere Legionsreitcrci zu stehen pflegte. 



Die Schlacht an der Trebia. 



271 



nibal. Dort auf dem Flügel der eigentlichen acies = cpiLkayBi 
standen also die Kenomanen, deren Livius in einem dritten 
(der Reihe nach ersten) Einschub gedenkt. In c. 55 nämlich 
giebt er nach Polybios erst Aufstellung und Zahl der kartha- 
gischen, dann der römischen Streitkräfte^) an, fügt aber noch 
liinzu: auxiüa praeterea Cenomanorum, ea sola in fide man- 
serat Gallica gens. Wir dürfen also die einzigen fremdartigen 
und in der That sehr verwirrenden Einschübe bei Livius der 
Phantasicschlacht des Antias zuschreiben. Unschuldig ist übri- 
gens der Annalist an folgendem: okiyov /ihv iöir/ös rpoo- 
^b\^ ötatp^apffvat, fxoXi^ 6^ ig Kpe/idova öibögj^t/ q)ep6- 
jÄeyo(s: ein treffliches Beispiel für die Lässigkeit Appians, 
der es verschmäht auch nur mit einem "Worte auf Früheres 
zurückzugreifen und zu sagen, dafs Scipio infolge einer frü- 
heren Verwundung sich der Sänfte bediente. 

Hingegen wendet sich Livius zum Schlufs der Schlacht 
wohl Coelius zu. Diesen scheint mir wieder Zonar. VIII 
24, P. 411 zu repräsentieren. Oder sollte es Zufall sein 
(vgl. S. G8), dafs dreimal nur Sempronius als Besiegter 
genannt wird: eig napataB,iv SpßÄtjöev xal iötpaXrf 

. . . o£ ßiEt^ avrov itpartTjöav cog oXiyovg /zeta 

rov Aoyyov StaöoüS^ijvai? Die folgenden Worte stellen 
wir mit Polybios und Livius zusammen. 



Pol. III 74, 10 ff. 
7€al ndvxts in\ fiev 

7]6av Gos xaroop^oaxo- 
TES' 6vyißaive yap 
oXiyovs fikv tqqv 'ißTJ- 
paoy xal Aißvoov xovs 



liv. XXI 56, 6 ff. 



Zonar. P. 411 B. 

NixTJÖag ßiiyrot 6 
'Avvißas ovx ix<^^' 
pevy ort 



1) duodoviginti miHa für 16000 Römer ist fehlerhaft. 



272 



Dritter Abechnitt. 



6h TtXeiov^ cctcoXooXe- 
xivat TGov KeXtgov' 

vnb 6!k tcov optßpaov 
xai TTJs iTCtytvoßiiyrfS 
Xtovos ovrcos: dteri- 
^evTo öeivGjg oogre rä 
fiky ^T}pia Siacp^a- 
pTJrai nXifv kvos, 
noXXovs 6\ xa\ rdov 
dvdpGov djeoXXvö^ai 
xa\ TcSr iTcnoov Std 
TO i>vxoS' 



imbcr nive mixtus et 
intoleranda vis frigoris 
et homines multos et 
j Omenta et elephantos 
prope omnis absumpsit 
finis insequendi hostis 
Poenis flumen Trebia 
fviit et ita torpentes 
gelu in castra rediere, 



örpaticüias re woA- 
Xovs xal tov^ iXicpav- 
ras nXtfv hvos vjco 
Tov ;t£t//(35vas' xal rdov 
Tpav^iXTGoy dnißaXEv, 



ut vixlaetitiamvic- 

toriae sentirent. 
Bei Polybios braucht das Sterben von Elefanten und 
Menschen durch die Witterung nicht an dem Schlachttage 
selbst stattgefunden zu haben. Anders ist das bei Livius und 
Dio. Man könnte nun die Verschiebung Livius zur Last 
legen; imber nive mixtus spräche eher dafür als dagegen, 
da es Mifsverständnis von imylyyzö^at (hinzutreten, statt: 
eintreten) zu sein scheint; und für patriotische Änderung 
könnte man es halten, dafs über die Stimmung des puni- 
schen Heeres das Gegenteil gesagt wird. Dann hätte Dio die 
entsprechenden Worte aus Livius genommen und mit Hai 
rcSv rpav^dtGov ihn verbessert Da aber von Livius bei 
ihm schon längere Zeit keine Spur war und das TtXfjv ivo^s 
seine Selbständigkeit bezeugt, so ist Dio auf Coelius zu- 
rückzuführen und folglich auch wenigstens die letzten Worte 
des Livius. 

In der That mufs Livius auch das Nächste, obwohl es 
Zonaras übergeht, aus Coelius geschöpft haben: itaque nocte 
insequenti, cum praesidium castrorum et quod reliquum sau^ 



Die Konsttlwahl und die Überkunft do6 sicilischen Heeres. 273 

ciorum ex magna parte militum erat ratibus Trebiam trai- 
cerent, aut nihil sensere obstrepente pluvia, aut, quia iani 
moveri nequibant prae lassitudine ac vulneribus, sentire sese 
dißsimularunt. quietisque Poenis tacito agmine ab Scipione 
consule exercitus Placentiam est perduotus, inde Pado tra- 
iectus Cremonam, ne duorum exercituum hibemis rnia 
colonia premeretur. Yon Livius selbst wird wohl das Über- 
setzen über die Trebia^) herriüiren. Sicher aber ist die 
Redensart von dem praesidium castrorum u. s. w. ein Not- 
behelf von ihm. Coelius erzählte wohl, dafs Scipio nach der 
Schlacht sein intaktes Heer ebenso unangefochten in 
die "Winterquartiere führte als vor der Schlacht zur 
Trebia hin. Und Coelius wird sich auch nicht so krampfhafte 
Mühe gegeben haben die ünthätigkeit der Punier zu erklären. 
Yon Wichtigkeit, weü mit anderen Fragen zusammen- 
hängend, ist die Untersuchung der ersten Hälfte von c. 57. 
Mit ziemlichem "Wortschwall, aber ohne das zu erwartende 
Detail (z. B. ohne Senatssitzung) wird der Schrecken in der 
Hauptstadt und ein gefahrvoller Ritt des Sempronius nach 
Rom zur Konsulwahl geschildert. Nach PoL IE 75 hingegen 
wurde man dort anfangs durch gefärbte Berichte des Sem- 
pronius irre geführt und erkannte erst allmählich die wahre 
Sachlage. Femer hat Seeck^), indem er die mannichfachen 
Aktionen nach der Trebiaschlacht als mit der Zeit nicht aus- 
kommend und mit Polybios unvereinbar gestrichen hat, mit 
vollem Recht bezweifelt, dafs die Wahlen erst jetzt, so kurz 



1) Infolge seiner irrigen Auffassung von der Lage des römischen 
Lagers. Vgl. ob. S. 63. Wölfflin freilich glaubt, dafe Coelius die 
Schlacht aufs rechte Ufer verlegt habe. 

2) Der Bericht des Livius über den Winter 218/7 v. Chr. 
Heimes VHI S. 152 ff. 

Hesselbarth, histor. - krit. untersuch. 18 



274 Dritter Abschnitt. 



vor Jahresschlufs stattgefunden hätten. Es liege, meinte er, 
fast auf der Hand, dafs sie von dem Konsul bei seinem 
Durchzug durch Rom Pol. HI 68, 12 abgehalten seien. So 
heifse es denn c. 70, 7 mit Recht, der Wechsel des Ober- 
befehls sei in nalier Aussicht gewesen, woraus Livius: tem- 
pus propinquum comitiorum, gemacht hat^) 

Ich billige diese Ansicht durchaus, nehme aber nicht 
mit Seeck und Matzat an, dafs Livius selbst den Ritt des 
Sempronius zur Aushilfe erfunden habe. Das ist nicht in 
Livius' Art imd wird unmöglich durch die schon früher von 
mir hervorgehobene Stelle c. 15, 6, wo schon von dem Ritt 
die Rede ist Vielmehr betrachte ich als Urheber den- 
jenigen, welcher den Marsch des Konsuls und seines 
Heeres durch Italien in eine Seefahrt verwandelte. 
Nach Pol. HI 61 wurde Sempronius sofort nach der An- 
kunft Hannibals gegen diesen beordert, schickte die Flotte 
heim und löste sein Heer auf, nachdem er es eidlich ver- 
pflichtete, sich binnen 40 Tagen in Ariminum zu sammeln. 
Nach Liv. XXI 51, 6 f. dagegen wird das Heer nach 
Ariminum eingeschifft. Da aber zugleich 50 Schiffe 
anderweitige Kommandos erhalten, so hat man den Transport 
von 24000 zu Fufs und 1400 zu Pferde mit nur 70 Schiffen 
— von Lastschiffen ist überall keine Rede — ausgeführt 
zu denken! Was hätte nun erst zu diesem Kunststück 



1) Mit der erst später aufgestellten Kalenderhypothese ist auch 
dieser Terrain unvereinbar, und hat daher Matzat: Kritische Zeit- 
tafeln für den Anfang des zweiten punischen Krieges, Weilburg Pro- 
gramm 1887, ihn noch weiter, vor den Abgang des Sempronius aus 
Rom, zurückgeschoben. Auch Polybios* Ausdruck träfe dann noch 
nicht das Richtige und müfste es heifsen: die Ankunft der neuen 
Konsuln. 



Die Konsülwahl and die Überlcnnft des sicilischen Heeres. 275 

Polybios gesagt, der schon das Herumwerfen einer Armee 
zu Lande in 40 Tagen mit sichtlicher Bewunderung und 
eben deshalb so genau berichtet! Billig aber schlecht ist 
die Auskunft, diese Lesart durch Kombination mit Polybios 
retten zu wollen. Ich frage vielmehr: wer hatte an einer 
so handgreiflichen Erfindung ein Interesse? und antworte: 
Coelius. Er liefs ja die Aktion beider Parteien sich gerne 
schachspielartig entwickeln, und die Berufung des Sem- 
pronius wird deshalb bei ihm erst die Antwort Eoms 
(des Senats) auf das Gefecht vom Tessin gewesen sein; 
wodurch zugleich dem Vorwurf, Scipios Vordringen über den 
Po sei zu verwegen gewesen, er hätte seinen Kollegen er- 
warten sollen, die Spitze abgebrochen wurde. Schade nur, 
dafs dann für die sich drängenden Ereignisse die Zeit knapp 
wurde. Indessen Coelius, der den Rhone-, Alpen- und Po- 
übergang Hannibals, den Zug Scipios von der Rhone zum Po 
so energisch verkürzte, wufste sich zu helfen. Er liefs das 
Heer auf dem Seewege kommen, wozu natürlich keine 40 Tage 
nötig waren. So konnte Sempronius, obwohl nach dem Tref- 
fen am Ticinus gerufen, doch zeitig an der Trebia eintreffen. 
Allerdings mufste dann für die ausfallende Konsulwahl ein 
Ersatz geschaffen werden, wie ihn hier Livius bietet. 

Diese meine Hypothese über Coelius scheint mir zum 
einen Teil in etwa Zonaras zu bestätigen, welcher die Ab- 
rufung des Sempronius nach dem Rückzug zur Trebia 
— allerdings in wenig auffallender Weise und kurzweg als 
von Scipio ausgehend — berichtet: 6 ßihv ovv SxiTticov . . . 
övvaßitv ßisteTti/ÄTtsto, und: 6 jioyyog .... HBHXi]fiivo<s 
a^pixEto. Coelius femer mufs dann auch der Schriftsteller 
sein, welchem Livius c. 15, 6 seine Informationen entnom- 
men hatte. Und war nicht er, dem Livius soeben die Be- 

18* 



276 Dritter Abschnitt. 



lagerung von Sagunt entiehnt hatte, auch sein natürlichster 
Ratgeber? Gerade durch diese Stelle, sowie durch die Fa- 
milienähnlichkeit der Seefahrt nach Ariminuni mit andern 
Cölianischen Verkürzungen und Zusammendrängungen scheint 
mir die Urhebei'schaft und Tendenz der Entstellung ausrei- 
chend festgestellt. 

Dagegen wird jeder Schritt weiter naturgemäfs ziemlich 
unsicher. Wir bemerken, dafs das Senatsschreiben, welches 
den Sempronius veranlafst sich einzuschiflTen, Liv. XXI 51, 5 
so bezeichnet wird: litterae ab senatu de transitu in Ita- 
liam Hannibalis et ut primo quoque tempore u. s. w. 
Man darf natürlich nicht gegen meine Hypothese sich darauf 
berufen, dafs hier der Hinweis auf die Schlacht vom Ticinus 
fehle. Livius drückt sich so kurz aus, dafs man daraus 
nichts in bezug auf die Meinung seiner Quelle schliefsen 
kann; z. B. vermifst man, wenn dies die erstö Kunde von 
dem Einfall Hannibals sein soll, doch auch die Nachricht, 
dafs Scipio überhaupt in Oberitalien steht "Wollte man aber 
auf: de transitu, nun einmal Gewicht legen, so verdiente fol- 
gende Möglichkeit vielleicht erwogen zu werden. 

Livius könnte c. 49 — 51 nicht aus Coelius selbst, son- 
dern aus Yalerius geschöpft haben. Es fällt nämlich auch 
auf, dafs CoeL fr. 12: Sempronius Lilybaeo celocem in Afri- 
cam mittit visere locum ubi exercitum exponat, sich in den so 
ausführlichen drei Kapiteln, die sich wie ein Rechenschafts- 
bericht des Konsuls selbst lesen, doch nicht unterbringen 
läfst. Dann wäre also auch die Inhaltsangabe des Senats- 
schreibens aus zweiter Hand und brauchte nicht mehr 
dem ursprünglichen Zweck der Erfindung zu entsprechen. 
Yalerius könnte die Seefalirt aufgenommen, aber etwas anders 
gewendet haben. "Wie? wenn er die Erfindung, welche be- 



Nachtrag aus Appian. 277 



stimmt war, trotz falscher Datierung der Ordre an Sempro- 
nius, das ziemlich schnelle Aufeinanderfolgen der Ticinus- 
und Trebiaschlacht aufrecht zu erhalten, benutzt hätte, um 
bei richtiger Datierung die beiden Schlachten gar näher 
aneinanderzuschieben? 

Dies veranlafst uns, Appian nachzuschlagen und dabei 
Annib. 4 — 6 nachzuholen. Hier finden sich — Spuren von 
Polybios! Vgl. oben S. 257. Die Ziffern des Heeres 90000 — 
12000 — 37 Elefanten stimmen genau mit Pol. UI 35, 1 
und 42, 11; die Worte raXatcöv dh toif^ ^hv cavov/jie- 
vots toifg Sh Ttetöoav tov<s Si xal ßta^opLevo'S sehen 
genau aus wie eine etwas flüchtige Wiedergabe von o. 41, 7: 
toi)^ /ihr XPVM^^^ Tteiöag töov KeXtcov tov^ dh ßia- 

Von da an verschwinden die Spuren. Appian hat das 
Brennen der Felsen in den Alpen, für die Taurinerstadt den 
Namen Taurasia. C. 6: Tbv ^ihv ovv Ttotafiov (den Po) 
xai 6 kvvißais ZevSag iTtipa, braucht durchaus nicht aus 
Polybios zu stammen, da Coelius mit seiner Version wohl 
allein stand; und die Verkleidung Hannibals mit Perrücken 
ist vorausgenommen und anders gewendet als bei Polybios. 
Jetzt die Stelle, mit welcher meine Vermutung, dafs Valerius 
mit Hilfe der Fahrt durch das adriatische Meer die Trebia- 
schlacht verfrühte, zu rechnen hätte: 2s/ji7tpoivtois de ... . 
SiiTfXevös Ttpbg tov ^Htnioova xal tsööapaxoyta öta- 
Siov^ avtov StaöxGov iaftpatoTtidBVÖsr. xal tijg iytiov- 
6tf^ ipieXXov aTtavteg i^s M^XV^ ijSsiv. Sie. zeigt wenig- 
stens, dafs Antias die Seefahrt aufgenommen hat. 

In derselben Stelle befindet sich allerdings zugleich ein 
Anklang an Pol. IH G8, 7: kvvißag dh Ttepl tettapaxovta 
&taöiovis anoöxGov tdyy TtoXejAioov avtov xateörpato- 



278 Dritter Abschnitt. 



TtiSevöe, durch den man erst erkennt, dafs Appian meint: 
40 Stadien von Hannibal. Und eine weitere Spur, die 
letzte, ist gleich darauf: ;^;£i/ie/o/ot; ts rtj^ tpontffs ovörf? 
Hoi vBtov Kai xpvovg, iitipoov ßpsxo/ievoi fiixp^ *^^ 
ßa&tday = Pol. DI 72, 3: ovör/g 6h ttjg Spag Ttspl x^^- 
pieptva^ tpoTta^ xal rfj^ rfjjiipag vi^srcodovg nal tl^vxpä^ 
Sta<pep6vtoog .... pioXi^ ?<»g rc5v fiaö^tStv ol TteZol ßan- 
ttZo^BVoi diißaivov. 

Reminiszenzen aus Polybios zu finden kann hier im 
Ajxfang der Annibaike, wo ja doch auch Appian sich ganz 
flüchtig über die Quellen orientirt haben wird, nicht so sehr 
auffallen. Giebt man aber insbesondere bei dem letztange- 
führten, die Jahreszeit richtig angebenden Satze den Poly- 
bianischen Ursprung zu, so gewinnt meine Mutmaüsung über 
die Vorschiebung der Schlacht durch Antias Kaum. Mehr 
beanspruche ich für sie nicht. 

Einen Fingerzeig dafür erblickte ich früher in dem Um- 
stand, dafs bei Appian die Schlacht gleich tags nach der 
Ankunft des Sempronius stattfindet Ich glaubte Pol. m 
68, 14: (Ttßipto^ öv/i/iiSa^ u. s. w.) tb /^hv nXfj^og 
aveXajjißaye tcov avöpcjy .... tag 6h TtapaöKSvag 
iTtoieito Ttaöag dog Ttpog /idxffVy avtog 6' int/^eXobg 
6tjyr/6p€ve t<p ÜOTtXia}, auf mehrere Tage beziehen zu 
müssen, besonders mit Bücksicht darauf, dafs Zonaras die 
Schlacht ov 7toXX(p vötepov ansetzt. Indessen solche Wen- 
dungen braucht Zonaras öfter, wo er irgend etwas über- 
springt, ohne dafs dieser Sprung ganze Tage bedeuten müfste. 
Und Polybios würde, so aufgefafst, nicht nur in Widerspruch 
mit Appian stehen, sondern mit sich selbst. Ygl. HI 108, 8 
in der Rede des Paulus: ol nzp\ tov Tpzßiav notaiiov 
Ö^aXiyre<9 ix 2iKsXiag rff Ttpotepai^ Ttapaysyr^Srivteg 



Winter 218/217 v. Chr. 279 



ocfia t(p (poorl tfj xata Ttodag tfjjiip^ TtapetdSctyto. 
Denn man kann doch nicht annehmen, dafs Polybios diese 
Version verworfen, aber — wie das die Art und Weise 
z. B. des Livius ist — nicht zu schlecht befunden habe zur 
Ausstattung einer Hede. 

Etwas besser als die Valerianische Darstellung der Er- 
eignisse vor der Trebiaschlacht laust sich die des folgenden 
Winters rekonstruieren. Antias knüpfte, sei es dafs er ver- 
möge Verfrühung der Schlacht die Heise des Sempronius zu 
den Wahlen noch hinausrücken konnte, sei es dafs er sich 
mit den Wahlen anders half, sogleich zwei Unterneh- 
mungen Hannibals an. 

Liv. XXI 57, 5 ff. wird nämlich erzählt, dals Hannibal 
einen Versuch gegen den Hafenplatz von Placentia mit leich- 
tem Fufsvolk und Heiterei macht. Aber der Konsul in 
Placentia — sichtlich ist Livius nur durch den Ritt nach 
Hom, von dem Sempronius erst c. 59, 2 zurück ist, gehin- 
dert, diesen mit Namen zu nennen — merkt es und rettet 
durch ein ruhmreiches Heitergefecht, in welchem Hannibal 
selbst verwundet wird, don Platz. Wenige Tage darauf 
zieht Hannibal nach Victumulae, einem Emporium, in wel- 
chem eine zahlreiche Bevölkerung teils sich angesiedelt hatte, 
teils jetzt Zuflucht gesucht hat. Dieselbe versucht Hannibal 
entgegenzutreten, wird aber geschlagen. Obwohl darauf die 
Besatzimg eine Kapitulation schliefst, wird die Stadt von 
Hannibal wie eine erstürmte aufs grausamste behandelt. 

Der Widerspruch der ersten Erzählung mit der Cöliani- 
schen Heise des Konsuls Sempronius ist schon notiert Ja, 
von beiden Erzählungen kann man sagen, dafs sie durch 
den einleitenden Satz: ceterum ne hiberna quidem Ho- 
manis quieta erant .... clausi commeatus erant, nisi 



280 Dritter Abschnitt. 



quos Pado naves subveherent (vgl. Pol. c. 75, 3), mit dem 
Beziehen der Winterquartiere an der besprochenen 
Stelle c. 56, 9 nur obenhin zusammengereimt sind, 
auch dafs sie im Detail genug Verdächtiges haben. Ich 
schreibe beide Yalerius zu. Wenn sich bei Appian nur die 
erstere findet, so dafür die zweite bei Diodor, der fr. XXV 17 
ausmalt, wie die Einwohner in die Häuser eilen und den 
Tod durch eigne Hand vorzielien dem Sta tdov noX^iiicov 
/i€^' vßpeo)^ öuvtBXoviiiyov. 

Livius schliefst das Kapitel mit: hae fuere hibemae 
expeditiones Hannibalis, um c. 58 einen Versuch Hannibals 
ad prima ac dubia signa veris in Etnuien einzubrechen, 
wobei ihn auf dem Apennin ein schreckliches Unwetter er- 
eilt, zu erzählen. Dies Kapitel hat Wölfflin nach Stil und 
Charakter als Cölianisch bezeichnet, und schon die Redens- 
art am Schlufs von c. 57 legt es nahe, dafs Livius den mit 
c. 57, 5 verlassenen Cölianischen Faden aufnehmen wiU. 
Nur eine Kleinigkeit am Schlufs mufs aus einer andern 
Quelle sein: multi homines, multa jumenta, elephanti 
quoque ex iis, qui proelio ad Trebiam superfuerant, Sep- 
tem absumpti. Denn nicht nur hatte Coelius, wie ich 
wahrscheinlich gemacht, alle bis auf einen umkommen lassen; 
sondern die Tiere hätten doch auch in der breit ausgemalten 
Szene auf dem Apennin eine Rolle spielen müssen. Ich 
nehme an, dafs Valerius für das Unwetter, zu dem er 
vielleicht einen siegreichen Angriff der Römer hinzufügte, 
einige Elefanten reserviert hatte. 

Aus Valerius scheint auch wieder c. 59 geschöpft. 
Hannibal vom Apennin zurückgekehrt, lagert bei Placentia 
und bietet am nächsten Tage — vielleicht zur Auswetzung 
der nach Antias von ihm erlittenen Scharte — die Schlacht 



Winter 218/217 v. Chr. 281 



an. Sempronius (jam enim redierat ab Roma, setzt Livius 
hinzu) nimmt sie an. Nach einem annalistischen MustertrefTen 
ingentibus animis vario eventu, das durch den Einbruch der 
Nacht beendet wird, heilst es: Hannibal in Ligures, Sem- 
pronius Lucam concessit. Die Ligurer überliefern Hannibal 
einige durch Hinterhalt gefangene römische Beamte. 

Der „Rückzug" Hannibals nach Ligurien ist erfunden, 
um den der Römer einerseits zu motivieren (Bedrohung der 
ügurischen Apenninpässe!), anderseits als einen freiwilligen 
zu dokumentieren. Und wenn Valerius wirklich die Schlacht 
an der Trebia etwas verfrühte und so den verfehlten 
Apenninübergang mit folgender Schlacht noch in 
den Anfang des Winters setzte, so ist concessit, 
wie gewöhnlich, vom Beziehen der Winterquartiere 
zu verstehen. 

So hätten wir denn die Reihe von Unternehmungen 
Hannibals vor der Wiuterpause bei Antias vollständig! Und 
wir hätten auch ermittelt, wo die römische Armee bei Antias 
verblieb. Wo sie in Wahrheit verblieb, ist zweifelhaft. Da 
sie Pol. c. 75 zufolge nach der Trebiaschlacht auf Cremona 
und Placentia beschränkt war, so dafs sie sogar zu Wasser 
verproviantiert werden mufste, könnte man gar meinen, sie 
sei auch dort verblieben und erst nach den Ereignissen des 
nächsten Frühjahrs wieder in Aktion getreten bezw. zurück- 
gezogen worden. Jedenfalls aber ist der Rückzug des Sem- 
pronius nach Luca sehr unwahrscheinlich. Was vollends 
Hannibal angeht, so hat er nach Polybios im Keltenland 
überwintert (so noch c. 87), sich gegen die Kelten mit 
den Perrücken gesichert und ist durch den Wunsch der 
Kelten, ihn los zu werden, mit zu seinem frühzeitigen 
und kühnen Zug nach Etrurien bestimmt worden. 



282 Dritter Abschnitt. 



Über die Sclüacht bei Plaoentia, die ich ein annalistisches 
MustertrefTen nannte, habe ich noch nachzutragen, dals Sieglin^) 
in demselben den Bericht erkennen will, mit welchem Sem- 
pronius PoL HE 75 den Senat über seine Niederlage an der» 
Trebia habe täuschen wollen. Allein Polybios spricht nur 
von einer kurzen Meldung, dafs eine Schlacht voi^fallen, 
das schlechte Wetter aber (6 x^^h^) ^^^ ^®^ ^^^5 geraubt 
habe. In unserm Kapitel 59 thut dies vielmehr die Nacht; 
die Trebia wird nicht genannt, wohl aber scheinbar sehr 
exakte Ziffern für beide Parteien; und der Verlust betragt 
„nicht über 900 Mann«! 

Können wir an Appian auch das kontrollieren, was 
sich uns zuletzt über Valerius mit Wahrscheinlichkeit ergeben 
hat? Appian bricht mit dem Gefecht um den Hafen von 
Placentia überhaupt ab, sei es aus blofser Hast, sei es in- 
folge Lektüre des Polybios, imd nennt die Winterquartiere. 
Dafs er aber die Einnahme von Yictumulae z. B. übergangen, 
dürfte durch das Diodorische Fragment bewiesen sein. Femer 
ist die Angabe der Winterquartiere, was Hannibal betrifft, 
sehr vage, und Sempronius wird gar nicht genannt. In- 
dessen ist vielleicht ein Schlufs auf das, was Appian ver- 
schweigt, möglich. SoUte die Geschichte mit den Perrücken 
von seiner Quelle nicht vielleicht deshalb vorausgenommen 
sein, um sie und ihre Beziehung auf die Kelten trotz der 
Winterquartiere bei den Ligurern zu retten? Es heilst 
nämlich bei Appian vor der Trebiaschlacht, dafs Hannibal 
mittels der Perrücken den Kelten die Meinung beigebracht 
habe, er sei ein göttliches Wesen. Bemerkenswert in bezug 
auf Sempronius ist immerhin, dafs es nur Scipio ist, der 



1) „Zwei Dubletten." N. Rhein. Mus. XXXVHI S. 363 ff. 



Winter 218/217 v. Chr. 283 



in Cremona und Placentia bleibt c. 7 SchluTs: xal 
ano tovöe Ttarteg ix^i^iaZoVy ^KtniGov ßikv iv Kpe- 
picSvi xal nXaKSVti^ jiwißaq Sl Ttspl IJaSoVy vgl. c. 8 
Mitte: cor o /jisv 2epov{\io^ iTtl thv UaSov intix^Biis 
rtfv ötpattfyiay inSixetat napa tov ^HtTticovo^ .... 
^Xajjiiytog dh tptgjJivpiot'S re TteZotg xal rpt^x^Xloi^ Itt- 
TtBvöi ttfv irtb^ jinevylvoov opöjv ^ItaXiay itpvXaööev. ^) 
Vielleicht schwieg der Alexandriner von Luca, weil ihm 
seine Liage nicht klar war; auch Emphylia 11 17 wird es 
auffälligerweise nicht erwähnt. Das spiu-lose Verschwinden 
des Sempronius bei Appian sowie die Vorwegnahme der Er- 
lebnisse Hannibals im Keltenlande scheinen mir also mit 
dem über Valerius Antias Ermittelten wohl vereinbar. 

Hier tritt übrigens die annalistische Natur von Appians 
Quelle zu tage, wenn er die Gesamtzahl der Legionen für 
217 V. Chr. giebt (13, also 5 für die andern Schauplätze). 
Den Zusatz i]Sij Sh avtot^ to tiXois elxs Tts^ov^ Ttsvta- 
xtgx^^ov^ xal Imniats tptaxoöiovgy welche Notiz auch aus 
Diodor erhalten ist fr. XXVI 5, möchte ich so verstehen, dafs 
diese von Polybios zum nächsten Jahre erwähnte Verstärkung 
der Legionen schon damals und für die ganze Dauer des 
Krieges beschlossen ist. Die Quelle mag sich ausgedrückt 
haben: eo anno institutum est ut legio quina milia. . . haberet 

Zonaras, nach der Niederlage an der Trebia und der 
bereits betrachteten Abschwächung derselben rixt^öaig ßiivtot 
o jivvlßafS ovx f^orz/oey u. s. w., fährt P. 411 C in dem- 



1) Bei dieser Gelegenheit macht Appian einige Worte über die 
Bedeutung der Apenninen und verwertet eine Reminiszenz, indem 
er die cisalpinischen Gallier auf die von Camülus bis an das Gebirge 
verfolgten Senonen (von welcher Lesai-t Eutropius u. s. w. Spuren 
haben) zurückführt 



284 Dritter Abschnitt. 



selben beschönigenden Tone fort: dvoxtjv ovv SöTtovdov 
Ttoirföa/Aevot npo^ tffv 6v/i/iaxlS(x öqxxtv ixarepot ix^' 
pijöay Kay tatg TtoXeöir autdov ixsl/iaSov. So denke 
ich mir Coelius. 

Es werden nun aber mit demselben Widerspruch wie 
bei Livius deimoch die üntemehmimgen Hannibals auf den 
Hafen Placentias und Yictumulae — die Namen unterdrückt 
Zonaras, der keine Daten liebt — dann der gescheiterte 
Apenninübergang nebst der Schlacht (bei Zonaras in eins ver- 
schmolzen) und Hannibals Zug nach Ligurien erzählt Von 
vornherein wird man vermuten, dafs Livius Dies Muster 
gewesen ist, und im allgemeinen ist das gewifs richtig; 
allerdings aber verfahrt Dio ziemlich frei. Er sucht die 
Fuge mit dem wiederholten Hinweis auf den Mangel im 
feindlichen, den Überflufs im römischen Lager zu überbrücken, 
nennt Longus, wo Livius den Namen umgeht, spricht von 
Zerstönmg Yictumulaes statt Plündening und schiebt hier 
einen Satz über die Behandlung der Gefangenen durch Hanni- 
bal (Tötung der römischen) und über die Erfolge dieses 
Verfahrens ein. Ebenso ist an den Zug nach Ligurien ein 
allgemeinerer Satz über Hannibals Kunst, Nachstellungen zu 
entgehen (Perrücken, Kenntnis vieler Sprachen, auch des 
Lateinischen) geknüpft. 

Das 21. Buch des Livius enthält nach einem Bericht 
über Spanien zunächst c. 62 noch Prodigien, dann c. 63 
Flaminius' Amtsantritt in Ariminum, über welchen wir erst 
später ein Urteil fällen können. 217 v. Chr. = 537 d. St 
Zu den bisherigen Quellen tritt hier Plutarchs Vita des 
Fabius Maximus. Leider hat dieselbe m. E. zum aller- 
geringsten Teile selbständigen Wert Die herrschende Mei- 
nimg freilich ist eine andere. Soltau nämlich hat sie in 



217 V. Chr. 285 

seiner fleifsigen Dissertation in ihrer Hauptmasse aus Coelius 
abgeleitet. Und der Anfang der vita, in welchem Nach- 
richten, die sich bei Polybios, und solche, welche sich bei 
Livius finden, auch Kleinigkeiten aufserdem in ziemlicli 
bunter Mischung finden, macht allerdings wohl den Eindruck, 
als sei er aus einer diesen beiden verwandten Quelle ge- 
schöpft. Die Übereinstimmung mit Livius nimmt aber so 
zu, dafs schon bei der Schlacht von Cannae ein Unbefangener 
die Abhängigkeit von Livius, dei* später auch citiert wird, 
nicht bezweifeln kann. Allein auch der Anfang ist nichts 
als Livius, versetzt mit Notizen aus dem, Plutarch 
wohlbekannten, Polybios. Wir werden das im einzel- 
nen sehen. Zunächst bedarf es einer Widerlegung des von 
Soltau versuchten, von WölfFlin, Seeck, Posner u. a. aner- 
kannten Beweises, dafs Livius, Plutarch und Valerius Maxi- 
mus unabhängig von einander aus Coelius fr. 20 geschöpft 
hätten. 

Livius berichtet c. 2 ohne erhebliche Abweichungen von 
Polybios, und wie wir später finden werden, in der That 
nach ihm, wie Hannibal nach Etrurien und an Flaminius 
vorbei marschiert, und wie dieser, begierig ihm zu folgen, 
im Kriegsrat jede Gegem^ede abweist. Das folgende hat mit 
Polybios bis auf einen geringfügigen Nachklang keine Ver- 
wandtschaft; schon die Worte des Konsuls, der die Besorg- 
nis ausspricht, man werde ihn, wie einst den Camillus, als 
Better der gefährdeten Stadt herbeirufen müssen, sind freie 
Erfindung des Livius. Sie leiten recht sarkastisch die Un- 
glückszeichen ein, welche uns auch in jenem durch Cicero 
aufbewahrten Cölianischen Fragment beschrieben werden. 



286 



Dritter Abschaitt. 



Val. Max. I 6, 5: 
C. autem Flaminius cum in- 
aaspicato consul creatus apud la- 
cum Trasnmennum cum Annibale 
conflicturus 



convelli signa juberet, 



lapso equo super caput ejus humi 
prostratus est, nihilquo eo prodigio 
inhibitus 



B 



signiferis negautibus sigiia moveri 
sua sede posse, malum, ni oa 
continuo effodissent, minatus est. 



Sohlacht, Verlustangaben u. s. w. 
ganz nach livius. 



Liv. XXnS, 10-14: 
Imme Arreti ante moenia sedca- 

mus nee ante nos moverimus, 

quain sicut olim CaniiUum ab Yeii.s 
C. Flaminium ab Arretio patres 
accivorint haeo simul incrcpans 
(Polybios: riXos Sh ravx^ dnabv 



cum ocius signa convelli juberet 
et ipse in oquum insiluisset, 

equus repente corniit consulemquo 
lapsum super caput effudit. terri- 
tis Omnibus qui circa erant velut 
foedo omine incipiendae rei 



insuper nuntiatur, Signum omni vi 
moliente signifero convelli n(*quire. 
conversus ad nuntium, ,,num litte- 
ras quoque^^ inquit „ab senatu ad- 
fers, quae me rem gerere vetantV 
abi, nuntia, effodiant Signum si 
ad convellendum manus prae motu 
obtorpuerit". 

incedere inde agmen coepit, pri- 
moribus superquam quod cüssen- 
sorant ab consilio territis etiain 
duplici prodigio, milite in vulgus 
laeto ferocia duois, cum sporn 
magis ipsam quam causam sp<M 
intueretur. 



Die TTnglüokszeichen. 



287 



Cic. de divin. I 35, 77: 
Qui (Flaminius) exercitu lustrato, 
eum Arretium versus castra movisset 
et contra Ilannibalein legiones daceret, 



et ipse et equus ejas ante signum 
Jovis Statoris sine causa rüpcnte con- 
cidit nee eam rem habuit religioni, 
objecto signo, ut peritis videbatur, ne 
committeret proelium. 

idom cum tripudio auspicaretur, pul- 
larius diem proelii committendi diffe- 
rebat. tum Plaminius ex eo quaesivit, 
ii ne postea quidem pulli pascerentur, 
[]uid faciendum censeret cum illo 
[luiescendum respondisset, Flaminius: 
.^praeclara vero auspicia, si esurienti- 
bus pulüs res gen potent, saturis 
aihil geretur." 

itaque signa conyelli et se sequi jussit. 

)uo tempore cum signifer primi hastati 
Signum noQ posset movere loco nee 
juidquam prolicoretur , plures cum 
iccedorent, Flaminius re nuntiiita suo 
nore neglexit. 



taquo tribus üs horis concisus exer- 
ntus atque ipse interfectus est. — Die 
'olgenden Worte: magnum illud etiam 
{uod addidit Coelius, mit denen das 
Sitlbeben während der Schlacht ange- 
iihrt wird, geben die Gewifsheit, dals 
luch vorher Coelins vorliegt. 



Plut Fab. c. 3: 
(C. 2: Hannibals Einfall in Etrurien 
erregt grofsen Schrecken in Rom. Fa- 
bius xapxepeiv xcepexdXet tovs ^Pfo- 
fialov^ xal fiif ^axi^^ai.) Ov firfv 
B7t£t6€ xov iXaßilvtov ctXXa <pj}öas 
ovK dvi^ö^ca npostovra rp Poofty 
Tov jioXsßiov ovd^ Qosnep o naXaibi 
Kd^iXXo^ iv T$ noXn duxßiaxstö^at 
nepl avrrjsy 

xov fikv öxpocxby i^ystv ixiXevds 
xovs x^^^PXov^i avxo^ d' ixl xov 
^nitov aXXoßievo^ 

i$ ovSero^ cdxiov TcpoSrjXov napa- 
Xoyoos ivxpofJLov xov tnicov yErofii- 
rov xal Ttxvpirxos i^ixeöe xal xax- 
ivex^sls: inl xE<paXTfv o^oos ov^'kv 
hpei^e xijs yvoofiTjSy 



dXX ds oapfirföe i^ dpxr}^ dicavxijöat 
XGÖ jivviß^ jcepl XTfv xaXovßiivrfv 
Öpaövfiivrjy Xifivrjv xrjs Tvpprjvias 
Ttapexd^xo. 



288 Dritter Abschnitt. 



In dem Text des Fragmentes bietet die Züricher Aus- 
gabe: castra movisset, ohne Varianten, jetzt auch Peter in 
den Fragmenten, in der ersten Ausgabe hingegen: signa 
movisset. Dieser Druckfehler ist verhängnisvoll geworden. 
Ohne ihn hätten die genannten Gelehrten gewifs nicht an- 
genommen, dafs Coelius vom Aufbruch aus Rom spreche, 
und darin eine bedeutsame Übereinstimmung mit Plutarch 
gefunden; denn wohl wird signa movere (Liv. XXTT 38, 6), 
nicht aber natürlich castra movere vom Aufbruch aus der 
Hauptstadt gesagt Übersehen hatte man femer dabei einen 
Umstand, der entschieden auch auf eine ganz andere Situation 
deutet. Eine Lustration vor dem Aufbruch aus Rom ist 
meines Wissens ohne Beispiel. Regelmäfsig hingegen scheint 
die Armee nach Vereinigung mit den Kontingenten und dem 
alten Heere lustriert zu sein, Vergl. Liv. XXTTT 35, 5; 
XXXVI 42; Appian. Iber. 19; EmphyL IV 89. 

Es fällt in die Augen, dafs erstens Coelius nicht nur B, 
sondern noch viele einzelne Züge ganz allein aufweist, dafs 
ihm femer die Verschmelzung von A und C ganz fremd 
ist. A föllt vor während eines bereits angetretenen Marsches 
und zwar auf Arretium; woraus wir zunächst folgern, 
nicht am Tage der Schlacht selbst Prodigien werden 
bekanntlich auf die bevorstehenden Dinge überhaupt bezogen, 
hier naturgemäfs auf die in einigen Tagen zu gewärtigende 
Sclilacht B aber, und folglich auch C geschehen vor einem 
Aufbruch und zwar offenbar vor demjenigen am Schlacht- 
tage. Denn ein ungünstiges Auspicium hat immer nur den 
Sinn: alio die; und am Schlachttag ist das auspicium ex 
tripudiis ganz besonders am Platze. Vgl. Mommsen Rom. 
Staatsr.2 I S. 82. Vollständig angemessen also, ja notwen- 
dig heifst es: diem proelii committendi diflferebat, und wenn 



Dio Unglückazeichen. 289 



in: tribus iis horis, das iis auch nicht ganz gesichert ist, 
so ist es sachlich immerhin empfohlen. 

Nach diesen Bemerkungen über das Fragment gehen 
wir zu Livius über. Livius hat mit Hilfe des Coelius die 
Szene im Kriegsrat bei Arretium ausstaffiert und hat dabei 
die Befragung der Hühner nicht verwenden können. Dafür 
hat er den Leser durch eine sehr wirksame Vereinigung 
der beiden anderen Zeichen entschädigt. Erst giebt Flaminius 
den Befehl die Signa aufzunehmen (C^). Dann steigt er zu 
Pferde und stürzt (A), worauf nun Schlag auf Schlag die 
Meldung des Signifer (C2) folgt. 

Plutarch, zu dem wir uns nun wenden, befand sich 
bei seiner Vita des Fabius in übler Lage. Die ältere romische 
Geschichte war für biograplüsche Darstellungen sehr unge- 
eignet Vergl. z. B. Mommsen Forsch. 11 113 ff. über die 
ersten Kapitel des Coriokn. Fabius Maximus trat in den 
Plutarch zugänglichen Quellen wohl erst mit seiner Ernen- 
nung zum Diktator aus dem Dunkel hervor, in dem er noch 
mehrmals zeitweise verschwand. Was thun? Plutarch lieh, 
um einen Anfang zu bekommen, hier und da, bei der bio- 
graphischen Quelle von de vir. iU. (wo c. 43, 1 dieselbe 
Erklärung der Beinamen Verrucosus und Ovicula), bei Poly- 
bios, Livius, Cicero, i) vielleicht auch Juba. Aber auch seine 
Phantasie muTste aushelfen. Er arrangierte c. 2 f. eine Szene 
in Rom, vor der Volks vei-sammlung, in welcher Fabius — 
vor der Schlacht am TrasumennusI — vergebens seinen 
späteren Plan empfiehlt, sich auf die Verteidigung der festen 



1) Benutzung von De senect § 10 und 12 ist deutiich: comi- 
tate condita gravitas = itpaotrixa xal ßapvxtjxa^ dabei von dem 
Greis auf den Knaben übertragen I Plutarch übersetzt sogar: est in 
manibos oratio = Suxdoo^etat yap avrov Xdyo^l 

Hosseibarth, histor. - krit. Untersuch. 19 



290 Dritter Abflchnitt. 



Plätze^) zu beschränken. Elaminius, nnbelehrt, erteilt den 
Befehl zum Aufbruch und steigt zu Pferde (C^), wobei er 
dann auf den Kopf 2) fällt (A). Das Feststecken der Signa (C «) 
hat bei Plutarch keinen Platz gefunden. 

Zweierlei verrät, dafs Plutarch hier lediglich Livius 
frei verarbeitete, wobei ich die falsche Übersetzung von 
super Caput, das in dem Fragment nicht vorkommt, nicht 
einmal rechnen will, weil dieses allerdings nicht wortgetreu 
ist Erstens hat Plutarch eine Spur von der Livianischen 
Ineinanderschiebung. Er konnte für seine Szene in Rom die 
Signa nicht brauchen, aber die dramatische Lebendigkeit des 
Berichtes gefiel ihm, und so nahm er C* in der Form eines 
Befehls zum Aufbruch an die Tribunen auf. Zweitens hat 
Plutarch die von Livius eingefügte Anspielung auf Camillus, 
obwohl sie diu'ch Yerlegung der Szene nach Eom sinnlos 
wird. Bei Livius sagt Flaminius, er wolle nicht in Arretium 
warten, bis Rom zerstört sei, und dann erst wie Camillus 
hinzueilen. Damit bekämpft er die Ansicht seines Kriegs- 
rates, der Hannibal nicht folgen will. Plutarch läfet den 
Konsul in der Yolks Versammlung sagen, er wolle nicht wie 



1) K. TV. Nitzsch Gesch. d. röm. Rep. S. 166 nimmt diesen Vor- 
schlag, das flache Land zu räumen, für histoiisch, jedoch unter Be- 
schi-änkung auf Oberitalien: „Genug, wenn man ihn nicht aus dem 
Pothal hervorbrechen, sondern ihn sich einfach aufreiben hefs." In 
Oberitalien war aber, wie ich meine, nichts mehr zu räumen, und 
durch die Beschränkung oder ümdeutung gewänne also die Sache nur 
dann einen Sinn, wenn man mit Nitzsch an den Antritt des Flaminius 
in Ariminum und die Eröffnung des Feldzuges von da aus glauben wollte. 

2) = super caput (seiet, equi) I Auch die andere Sonderbarkeit, 
dals das Pfeixi nicht stürzt, sondern nur zusammenfährt und scheut, 
erklärt Yoligraff ansprechend aus MilsverBtand bezw. falscher Lesart 
(bormit statt corruit). 



Die ünglückszeichen. 291 



Camillus iv rff TtoXet öia^axstöSrat Ttepl avrfj<S' Der 
Ausdruck ist geschickt gewählt statt des Livianischen „war- 
ten, bis Eom zerstört sei". Aber sinnlos bleibt es doch, 
dafs Camillus als abschreckendes Exempel aufgerufen wird 
gegen den Plan, nur die festen Plätze zu halten. Denn 
ein Preisgeben von Rom konnte aus Fabius' Plan nimmer- 
mehr folgen. 

Yalerius Maximus, auf dessen Übereinstimmung mit 
Livius in dem Ausdruck: super caput, ich aus dem oben an- 
gedeuteten Grunde mich nicht berufen will, hat die beiden 
Wunderzeichen des Livius in genau derselben Yer- 
schlingung. Damit aber ist entschieden, dafs er von Livius 
abhängt 

Ln übrigen leugne ich nicht, dafs bei Vergleichung der 
Texte an zwei Punkten eine nähere Verwandtschaft zwischen 
Coelius, Plutarch und Valerius Maximus durchzublicken 
scheint Das Pferd stürzt bei Coelius sine causa repente, 
bei Livius nur repente, bei Plutarch iS ovSsvog alrlov 
TtpodffXov TtapaXoycag, Allein so gewifs dies die Forscher 
zunächst frappieren mufste, so bestimmt können wir es in 
anbetracht der soviel stärkeren Gegengründe für zufallig er- 
klären. Femer steht Livius darin allein, dafs er nach dem 
Sturz den Trotz des Konsuls zunächst nur negativ 
mit: tenitis omnibus u. s. w. bemerkbar macht, um ihn erst 
nach der unmittelbar folgenden Meldung des Signifer in 
direkter Rede losbrechen zu lassen. Plutarch sowohl als 
Coelius sind in ganz andrer Lage; bei Plutarch schliefst 
ja die Szene mit dem Sturz ab, und auch bei Coelius, da 
er die andern Zeichen an einem andern Tage brachte. "Was 
blieb den beiden übrig als zu sagen, dafs Flaminius sich 
nicht daran kehrte? Die Übereinstimmung erklärt sich in 

19* 



292 Dritter Abschnitt. 



diesem Falle leicht, wogegen es auffallen würde, dafs Plu- 
tarch die Worte des Coelius: objecto signo, ut peritis vide- 
batur, ne committeret proelium, nicht benutzt hätte. Bei 
Yalerius ist das Übereintreifen mit Coelius merkwürdiger, 
jedoch nicht unbegreiflich; da er alles in einem Satze mit 
dem Subjekt Flaminius abmachen will, ist ihm: nihil in- 
hibitus, handlicher als ein: ceteris territis. 

Die Meinung, dafs Plutarch und Yalerius Maximus in 
dieser Partie selbständig aus Coelius geschöpft hätten, ist 
also zu verwerfen samt den Schlüssen, die darauf aufgebaut 
sind. Hier zeigt sich aber recht, dafs die Beseitigung einer 
scheinbar noch so schönen ungegründeten Hypothese ein 
wahrer Fortschritt ist. Der vermeintliche Coelius bei Plu- 
tarch hat uns nur den echten verdeckt, den wir bei Zonaras 
finden. Dieser hat c. 25 Anfang die spanischen Ereignisse 
erzählt und beginnt nun P. 412 B: Oi ö^ iv tfj ^Poofxri 
rov ^Xa^lviov xai tov FipLivor vndtov^ avS^ns eiXovto, 
jivvlßats 5' apti rov iarpog intördvro^ cog lyyao rov 
^Xa/iivtov /isrd SepoviXiov FspLlrov X^^P^ TtoWff in^ 
avrov iovta, npcxs i^andrfiv avröby irpayti] Ha\ TcXat- 
ro/zevog ivSiarpitpsiv ixsi xal iidxrfv öwdipstv, tTcel 
voßAiöavrsg avrov oi ^Poo/iaioi xard x^P^'^ /livetv a^B- 
XwiS rcbv oSdbv iöxoVy in\ rov örparoniSov rovg inniaq 
xariXiTtsv, avrog 5' vtto vvxra äpag rd re örevoTropa 
/ieS'' ffövxictg difjXS^e xa\ Tfpbg jiprjnov ^Ttsiysro' xai 
Ol tnnoi diy inei TtoXv TcpoffX^ev, aTV^eöav avr(p i^e- 
no^jLBvoi, oi 6^ VTcaroi yv6vr€(s TjTtartfpiivoi, Fi/itvog 
ßihv avrov VTtißietve rovg r* d^eörrfHorag xaxcoöcov 
xa\ xcoXvöcov inixovprföai KapxrjSovioigy ^Xa/iivtog öh 
/lovog iöicoxev, ?v' avrov ^ovov ro ipyov rrjg vixrfgj 
G&g Qptroy ykvr\rai. xat ro jiprfriov npoxariXaßzv, 



EntstellunK der Kriep:slage darch Goelias. 293 

Hier haben wir den Marsch des Flaminius nicht 
von, sondern nach Arretium von der Nordseite des 
Apennin her. Dieser Marsch bezweckt, unmittelbar an den 
Feind zu kommen, er mufs zur Schlacht führen; und gerade 
dies mufs bei Coelius der Fall gewesen sein, wenn das 
Prodigium und die Deutung desselben: ne committeret proe- 
lium, einen rechten Sinn haben soll. Bei dem Sturz jetzt 
noch an den Auszug von Rom zu denken, scheint mir jetzt 
vollends unmöglich. Und was das Signum Jovis Statoris 
betrifft, so kann man es sich in einer der Städte nordwärts 
Ariminum, die schon einige Zeit römisch waren, so gut 
denken als in Eom; an einen Zusammenhang mit dem Tem- 
pel auf dem Palatin darf ja doch nicht gedacht werden. 
Die Verehrung des Gottes ist auch ziemlich verbreitet ge- 
wesen. S. PreUer Rom. MythoL S. 176. Der fünfte Band 
des Corpus (Qallia Cisalpina) weist den Namen freilich nicht 
auf. Dagegen z. B. der dritte viermal. 

Es scheint mir also sicher, dafs Coelius, so sehr es 
Polybios widerstreitet, beide Konsuln zuerst nördlich des 
Apennin Hannibal gegenüberstehen liefs. Er kann dazu ver- 
schiedene Beweggründe gehabt haben. Die Unbesonnen- 
heit des Flaminius, seinen Q-egensatz zu dem Kol- 
legen konnte er so besser ins Licht setzen; und eine ganz 
ähnliche dramatische Zuspitzung des Streites zw^ischen Aemi- 
lius Paulus und Terentius Varro geht, wie wir finden wer- 
den, auch auf ihn zurück. Indem femer, wenn man die 
Sache so darstellte, die Verlegung des Krieges nach dem 
eigentlichen Italien nun nicht mehr die Folge des letzten 
Feldzugs war, sondern durch eine blofse List Hannibals be- 
wirkt wurde, so fand dabei zugleich der römische Natio- 
nalstolz seine Rechnung. Der Verlust Oberitaliens wurde 



294 Dritter Absclmitt. 



80 unverfänglicher, wurde wenigstens aus dem Konto der 
Konsuln von 218 auf die Amtsführung des Fkminlus über- 
tragen, auf welchen man alle Schuld zu häufen bereits ge- 
wohnt war. 

Wahrscheinlich hängt aber mit dieser Entstellung des 
Coelius auch die andere zusammen, dals Flaminius bei Livius 
sein Amt in Ariminum antritt. Nach Polybios hielten beide 
Konsuln die Aushebung in Bom ab und rückten von da 
der eine nach Arretium, der andere nach Ariminum ab. 
Bedürfte es für diesen der Sachlage so entsprechenden Bericht 
einer Bestätigung, so könnte man sie indirekt darin finden, dafs 
nach anderer Quelle (Antias) Sempronius seine Truppen schon 
im Winter über den Apennin zurückgeführt hatte nach Luca. 

Was Hannibal betrifft, so läfst ihn Polybios bekanntlich 
nach viertägigem Marsch „durch die Sümpfe" in die Gegend 
von Faesuke gekngen, ohne die Apenninen zu erwähnen. 
Letzterer Umstand mag damit in etwa entschuldigt werden, 
dafs die vorzügliche Quelle aus dem Kreise HannibaJs von 
den Zufälligkeiten, denen die Führung von Tagebüchern aus- 
gesetzt ist, nicht frei gewesen sein wird, femer damit, dafs 
Polybios von Ligurien vielleicht wenig Kunde hatte, auch 
die Apenninen dort sich nicht schwerer zu passieren denken 
mochte als weiterhin. Dafs nämlich die Sümpfe nirgends 
andershin verlegt werden können als in das untere Arno- 
thal, ist mir gewifs. Nach den Andeutungen in der Itali- 
schen Landeskunde ist auch Nissen von seiner Ansicht, sie 
seien im Thal des Sieve zu suchen, zurückgekommen. Und 
mit Recht. Der sozusagen wesenhafteste Zug des Polybia- 
nischen Berichtes, dafs es den Leuten nicht möglich war, 
wasserfreie Stellen zur Nachtruhe zu finden, zwingt meines 
Erachtens den Marsch in das breite Amothal zu setzen, 



Der Amtsantritt des Flaminins in Ariminom. 295 

das Hannibal durch Ligurien erreichte, wo ja auch jener 
Yalerische Bericht sogar schon im Winter beide Teile ste- 
hen lieTs. 

Dafs nun Liv. XXI 63 Maminius in Ariminum sein 
Konsulat antritt, war bisher ganz rätselhaft. Denn wenn 
man schon die Absicht des Erfinders erkennt, die Vernach- 
lässigung der Auspizieneinholung und der sonstigen religiösen 
Obliegenheiten in der Hauptstadt zu statuieren, so fragte 
man doch, warum nicht in Arretium? was der Wahrheit 
soviel näher gekommen wäre. Denn der Fehler steckt aner- 
kanntermafsen viel zu tief, als dais eine Yerwechselung des 
Livius angenommen werden könnte. Hat dieser doch schon 
in der Ausführung XXI 15, 6 Ariminum genannt! Da nun 
aber diese aus Coelius geschöpft ist, so ist dieser auch der 
gesuchte Erfinder; und durch Verbindung mit der betrach- 
teten Stelle des Zonaras^) gewinnen wir von der Cölia- 
nischen Darstellung folgendes Bild. Nach Coelius hat 
Flaminius in Ariminum das Konsulat angetreten 
und Servilius erwartet und ist mit demselben dann 
nordwärts gerückt ins Gebiet der Gallier; denn das 
sind die atpeätr^Hoteis, in deren Land Servilius dann stehen 
bleibt. (YgL Appian. Annib. 10: rov Ttepl IJäSov örpa- 
ttfyov SepoviXiov). 

So schliefst freilich liv. XXI 63 nicht. Obwohl Flami- 
nius nach § 1 nur die Legionen von Placentia (die des Sem- 
pronius) durchs Los erhalten und zum 15. März nach Ari- 
minum beschieden hatte, so heilst es § 15: legionibus inde 
duabus a Sempronio prioris anni consule, duabus a C. Atilio 



1) So hat schon Nitzsch a. a. 0. S. 167 rekonstrviiert; ja er 
hat diose Darstellung sich zu eigen gemacht. 



296 Dritter Abschnitt. 



praetore acceptis in Etruriam per Apennini tramites exer- 
citus duci est coeptus. Der Widerspruch mit § 1 nicht min- 
der als das stilistisch fehlerhafte Passivum des Satzes zeigen 
die Flickarbeit an. Livius las wohl bei Coelius, dafs Ser- 
vilius bei seiner Ankunft in Ariminum die Legionen des 
Scipio von Atilius übernahm und sich mit seinem Kollegen 
in die neuen Legionen teilte. Er war aber nicht gewillt, 
die Eröffnung des Feldzuges noch nach Coelius zu berich- 
ten, sondern den Anschlufs an Polybios zu gewinnen, bei 
dem Flaminius gleich mit einem vollen Heere bei Arretium 
Stellung nimmt! Dabei war er zu gewissenhaft, sich die 
diesjährige Truppenaufstellung seinem Bedürfnis gemäfs zu- 
rechtzulegen, liefs lieber dies bei ihm sonst stehende 
Kapitel samt Prätorenwahlen und was damit zusam- 
menhängt ganz weg und gab Flaminius die Reste 
beider Feldarmeeen des Vorjahres, und auch das in 
einer vagen, die direkte Unwahrheit scheuenden Wendung. 

Was aber das Cölianische c. 63 sonst betrifft, so doku- 
mentiert sich die Tendenz, den Konsul als Frevler hinzu- 
stellen, in einem Unglückszeichen bei seinem ersten Opfer 
in Ariminum; wiewohl anderseits der Yerstofs desselben 
gegen Herkommen und Religion in etwa begreiflich gemacht 
ist durch Erwälmung seiner früheren Konflikte mit dem 
Senat. Mit dem unheilverheüsenden Vorgang schliefst das 
Buch bedeutungsvoll ab. 

Buch XXn beginnt Livius wieder echt dramatisch mit 
dem Entschlufs Hannibals zum Aufbruch, um erst dann 
c. 1, 4 — 20 ganz flüchtig (um sich nicht in Widersprüche 
zu verwickeln) den Antritt des andern Konsuls in Rom, aus- 
führlich aber eine Reihe Prodigien zu notieren. Bis auf die- 
sen Abschnitt ruht der ganze Anfang des Buches auf 



Polybianischer Kriegsbericht mit geringen G&lianischen Sparen. 297 



Polybios. Die Spuren von einer anderen Quelle sind sehr 
zweifelhaft und sehr spärlich. C. 1, 1 ist der Zusatz: neqiii- 
quam ante conatus transoendere Apenninum intolerandis fri- 
goribus, nur ein (konzessiv zu fassender) Hinweis auf Früheres. 
C. 2 bis 0. 3, 10 == Pol. in 78, 6 — 82, 6 mit Auslassung 
eines lehrhaften Exkurses. Cum aliud longius ceterum eom- 
modius ostenderetur iter, verglichen mit rag fxhv aXkats 
i/jißoXag tag aig tffv noXe/iiav /iaxpag evptöxe xal 
TtpoStjXovg toig vnBvavtlotg^ tffv öh 6ia tdov iXdöv dg 
Tvpprjviay q^ipovöav övöxBpfj /xhv övvtopLoy 6h xa\ 
napdöo5oy qfavTföo/^ivrfy rotg nepl rov ^Xa^ivioVy kann 
einfach als Yerschlechtenmg gelten; Ldvius, kann man sagen, 
hat der dramatischen Belebung (ostenderetur) halber nur von 
einem andern Wege gesprochen, das wichtige npodtjXovg 
totg VTreravriotg (worin doch liegt, dafs die Römer mit 
der Besetzung dieser Pässe Hannibal zuvorkommen würden) 
nicht nur weggelassen, sondern gar nicht verstanden. Allein 
möglich ist auch, dafs Livius beeinflufst wurde durch Coe- 
lius, bei dem ja die Pässe unbesetzt waren und Hannibal, 
als es ihm gelungen war, sich von dem Gegner loszu- 
machen, sich blofs zu fragen hatte, auf welchem Wege 
er rascher vorwärts kommen könnte. Desgleichen zweifle 
ich bei dem ungedeckten solito magis, ob es blofs eine 
Verstärkung aus eigner Idee oder eine Reminiszenz aus 
Coelius ist, bei dem die Hindemisse grofsenteils unerwartet 
gewesen sein müssen. Auch auf den Arno konnte Livius 
von selbst kommen. Blofse Verkehrtheit ist sicher c. 2, 3: 
admixtis ipsorum impedimentis, für övyxata/iiSag avtotg 
ttfy aTtoöxevify, Polybios meint natürlich, dafs den an 
der Spitze marschierenden Kemtruppen das ganze Gepäck 
beigegeben wird; es folgt aber ein Nebensatz, aus dem 



298 Dritter Abschnitt. 



allenfalls bei einiger Flüchtigkeit eine solche Beschränkung 
herausgelesen werden konnte, tva Tcpog to napov EVTto- 
pdSöt töby iTritffSsicay =^ necubi consistere cpactis ne- 
oessaria ad usus deesset Noch schlimmer ist das folgende; 
Livius hat nicht gesehen, dafs in iytl Sh Ttäöt tovg iTtTtetg. 
iTtt/jieXifrffv öh ttf? ovpayiaq tov aSehpov aniXim Ma- 
ycova die Eeiterei und die Nachhut dasselbe sind und hat 
daher dem Mago ein besonderes Korps gegeben, zu welchem 
Zwecke er, da die Spanier, die Libyer, die Gallier und die 
Reiter schon vergeben waren, leichtbewaffnete Numider er- 
funden hat c. 2, 4: novissimos Ire equites, Magonem inde 
cum expeditis Numidis cogere agmen. Ob bei: hausti paene 
limo c. 2, 5 Ijivius die etwas frühere Bemerkung des Poly- 
bios, der Gnmd sei fest gewesen, vergessen oder um des 
gröfseren Effektes willen ignoriert hat, was man auch sonst 
hin und wieder bei ihm bemerkt, bleibe dahingestellt 

Nach Polybios nahm Hannibal am Ende der Sümpfe 
Stellung und zog Erkundigungen ein, was dem Schriftsteller 
zu einem Exkurs Anlafs giebt, marschierte dann {aTrb rcdv 
Hata rffv ^atöoXav tottgov) den Gegner überholend^) unter 
Verwüstung des vorwärtsliegenden fruchtbaren Landes in der 
Richtung auf Rom. Livius ist c. 3 bis zu den früher be- 
sprochenen Prodigien beim Aufbruch des Konsuls gewifs 
noch Polybios gefolgt. Selbständigkeit zeigt sich nur in der 
Bezeichnung des fruchtbaren Landes als: Etrusci campi, qui 
Faesulas inter Arretiumque jacent, und der Marschrichtung: 
keva relicto hoste Faesulas petens medio Etniriae agro prae- 
datum profectus. Livius hat insofern eine richtige An- 



1) Die Überschreitung des Arno wird nicht erwähnt; sie machte 
bei festem Ufer Hannibal gewifs wenig Schwieiigkeit 



Polybianischer KrieKsberioht mit geriiiKen GIMianiachen Sparen. 299 



schauung, als er laeva sachgemäfs hinzusetzt; aber Faasulae 
mufs er sich südlich von Arretium gedacht haben, und der 
Vorschlag, dort eine gleichnamige Stadt anzunehmen, ist 
mehr als müjslich. Liegt demnach eine Yerwechselung des 
Ldvius vor, so wird sicher nichts gewonnen, wenn man noch 
auf Coelius zurückgreifen wollte. Im Gegenteil bietet Poly- 
bios mit der verspäteten (von Lavius vielleicht im Sinne: 
e regione Faesularum, mifsdeuteten) Nennung der Stadt ver- 
haltnismäfsig noch einen günstigen Boden, auf welchem sich 
der Irrtum einnisten konnte. 

Über den Polybianischen Schlachtbericht und seine Deu- 
tung verweise ich auf meinen Exkurs. Bei Livius ist mm 
der Unterschied zwischen der Strafse am See und dem von 
Höhen eingeschlossenen Thal verschwunden c. 4, 2: via 
tantum interest perangusta, velut ad id ipsum de industria 
relicto spatio, deinde paulo latior patescit campus, inde colles 
insurgunt. Man mufs nach Livius sich nur auf der linken 
Seite Berge denken, rechts aber den See c. 5, 6: ab lateri- 
bus montes et lacus, a fronte et ab tergo hostium acies 
claudebat; folglich stimmen die Worte bei dem Beginn des 
Angriffs c. 4, 7: in frontem lateraque pugnari coeptum est 
= ol pihy xata npo^cöTtov oi d' an^ ovpäg ol ö^ ix 
rdäv TtXayUioy avtoi^ TcpogiTCiTttov, zwar zu der Lage, 
wie sie bei Polybios ist, nicht aber zu der bei Livius. 
Bei der Aufstellung Hannibals ist die Übersetzung zu mer- 
ken a 4, 3: ibi castra in aperto locat, ubi ipse cum 
Afris modo Hispanisque consideret = avro^ xare- 
Xaßero, xal tov^ "Ißr^pag xa\ rot)g Aißva^ ix^^^ 
in^ avrov xateötparoTtiSevöe. Die nächsten Worte: 
Baliares ceteramque levem armaturam post montis circum- 
ducit « ixTtBpiayoov VTto tovg iv öeSt^ ßovrovg, 



300 Dritter Abschnitt. 



enthalten sogar ein Mifsverständnis des technischen Aus- 
drucks ixTteptayeiv, welcher bedeutet: herumschwenken las- 
sen, nicht: hinten herumführen. Dann werden nur noch die 
Reiter erwähnt; die Kelten, welche die Hauptarbeit hatten, 
also gar nicht 

Eins in dem Bisherigen aber dürfte als selbständige 
Reminiszenz anzusprechen sein: in aperto, wozu dann im 
folgenden ein Zusatz c. 4, 4 trefflich pafst: id tantum hostium, 
quod ex adverso erat, conspexit. Ich bin geneigt, diese Po- 
lybios widersprechende Angabe aus Coelius abzuleiten, bei 
dem, wie wir uns erinnern, der Konsul eines Kampfes ge- 
wärtig gewesen sein mufs. 

Wenden wir uns an Zonaras, ob er auch hier noch 
Trümmer des Cölianischen Werkes liefert. Zunächst P. 412 C 
lagert Hannibal bei Arretium dem Konsul gegenüber, ent- 
flammt seine Kiimpfbegierde noch mehr, indem er bei einem 
Scharmützel das Feld räumt, und bricht nächtlicher Weile 
auf — was alles die merkwürdigste Ähnlichkeit hat mit der 
Cölianischen Vorgeschichte der Schlacht von Cannae, wie 
wir sie rekonstruieren werden. Flaminius sieht dann Hanni- 
bal mit wenigen Truppen aiif dem Hügel, glaubt ihn ß^Slcag 
ßAE/iovooßjieyoy alptföeiv und zieht unvorsichtig in den Pafs 
Kocvtav^ay oiph yap fiv^.rjvXläato, Mitten in der Nacht, 
da sie ohne Wachen schlafen, überschüttet der Feind die 
Römer mit Geschossen und tötet einen Teil im Schlafe, 
andere während sie die Waffen ergreifen. Ol yap ^Pao- 
/laiot ßATfdsvbg avtoig öv/^TtXeKo/xiyov öxotovg re xal 
h^ixXrjis ovörfg ovh bIxov r§ 6q}txip(jL xPV^oiöSrat apetff, 
worauf die sicher Cölianische Stelle über das Erdbeben folgt. 

Ein nächtlicher Überfall ist allerdings keineswegs das, 
was wir bei Coelius erwarten. Aber Dies Erzählung ist 



Polybinniscber Kriegstoricht mit geringon Cfilianisdieii Sparen. 301 



auch sichtlich geflickt Nebel in dunkler Nacht deucht mir 
ein grofser Luxus. Flaminius femer glaubt Hannibal in der 
Hand zu haben in dem Augenblick, wo er doch wegen 
einbrechender Dunkelheit liegen bleiben mufs, und er 
versäumt in dieser Lage die einfachsten Vorsichtsmafs- 
regeln — das reimt sich gar zu schlecht! Nun beachte 
man, dafs bei Livius diese beiden Elemente in etwa zu fin- 
den sind (Ankunft solis occasu, Aufbnich am andern Morgen 
ohne Vorsichtsmafsregeln) , und beachte femer seine Über- 
treibung der Verwirrung und Finsternis, die einen divina- 
torischen Kritikus von Dies Schlage wohl veranlassen konnte, 
einen nächtlichen Überfall als Kern der Sache zu erspüren. 
Nicht nur, dafs das Geschrei ertönt, ehe man etwas sieht 
(was auch Polybios angiebt), dafs man bekämpft wird, ehe 
man die Waffen fertig machen kann: es scheint zu einem 
Nahkampf zunächst gar nicht zu kommen c. 5, 1: vertente 
se quoque ad dissonos clamores, und § 4: et erat in tanta 
calligine major usus aurium quam oculomm. ad gemitus 
volnerum ictusque corporum aut armorum .... circum- 
ferebant ora oculosque. Da ist es wohl nicht zu viel 
vermutet, wenn ich einen Teil von Dies seltsamer Er- 
zählung als Livianischen ürspmngs ausscheide und für Coe- 
lius etwa folgendes vermute: Der Konsul erblickt Hannibal, 
lagert, läfst die Hühner befragen und geht trotz der ungün- 
stigen Auskunft in den Hinterhalt — alles am nämlichen 
Tage. 

Diese Vermutung kann ich wenigstens damit stützen, 
dafs auch Valerius Antias, der so oft von Coelius abhing, 
ähnlich berichtet haben mufs. Appian. Annib. 9: Flaminius 
folgt Hannibal ov SiavanavaDV rrjv ötpatiav .... xal 
avrov 6 ^XapLiviog xartöcov S/xa e(p öptiKpov fxiv xi 



302 Dritter Abschnitt. 



StitpiipB tbv ötparov avanavooy i5 oSoirtopiag xai 
XaepaHOTtotovpievog j fjLBta 6b tovto iSfjysv evS^v^s i^i 
rtfy /idxv^ avtovg . . ovrag V7t^ aypv7Cyia<5 xa\ nonov. 
Selbst das von Livius ausgelassene Auspiziuin hat Antias 
geliabt vgl. unten S. 334 Anm. Dafs die Nacht hindiux^h 
marschiert ist, mag übrigens Sondereigentum des Yalerius 
sein, da Überanstrengung der Soldaten bei ihm ein Haupt- 
grund römischer Schlappen zu sein pflegt, vgl. Appian. Lib. 3 
über Eegulus. 

Bei dem Erdbeben, von dem Polybios nichts weifs, 
c. 5, 8 wird die Benutzung des Coelius durch Livius nun 
aber handgreiflich. Zugleich tritt die selbständige Ableitung 
von Dio-Zonaras aus derselben Quelle in ein helles Licht. 
Der Rest von Coel. fr. 20 nämlich zählt folgende Erschei- 
nungen auf: Zerstörung von Städten in Ligiuibus, Gallia 
compluribusque insulis totaque in Italia, Berg- und Erd- 
stürze, Strömen der Flüsse in entgegengesetzter Richtung, 
Eintreten des Meeres in die Flüsse. Das kehrt nun bei Zo- 
naras, der nur die letzte übergeht, so genau wieder (man 
beachte den Pliu'al öetößiol), dafs man an einer Stelle Cicero 
Tmgenauer Wiedergabe überführen kann; denn rffv Tupör}- 
viSa hat bei Coelius gewifs nicht gefehlt Bei Livius heifst 
es nur: multarum urbium Italiae, ohne Aufführung der Land- 
schaften, und sind die Bergstürze an den Schlufs gestellt. 
Dafs von Plutarch dasselbe gilt, bestätigt abermals seine Ab- 
hängigkeit. 

Aus Coelius ist es gewifs auch abzuleiten, wenn Livius 
die Dauer des Kampfes wie das Fragment beziffert, wenn 
er statt der kurzen Notiz des Polybios, dafs Ttpogyrsöovteg 
tivhg tcav KeXtddv den Flaminius töteten, von seinen letz- 
ten Anstrengungen viel Worte macht, den Namen des glück- 



Folybianiseher Kriegsbericht mit geringen Cölianischen Sparen. 303 

liehen Galliers nebst sonstigem Detail angiebt und Hannibal 
den Leichnam trotz aller Mühe nicht finden läist 

DaTs anderseits Livius den Folybios nicht ganz weg- 
gel^ hat, zeigt wohl die Schilderung vom Untergang der 
in den See Gesprengten, wo man c. 6, 6 den Text nach 
Folybios hat berichtigen können: quoad capitibus humori- 
bus extare possunt = tag xe^aXag avtag VTthp to vypov 
imepiöxov. 

Mit der Geschichte der 6000 nachträglich Gefangenen 
verhält sich's wieder so, dafs manches bei Livius sich aus 
freier Wiedergabe des Folybios erklären liefse, aber nicht 
alles. Extrema fames möchte ungenaue Übersetzung von 
noiKikti anopla sein und: postero die, sowie: (Maharbal) qui 
nocte consecutus erat, Zusätze zur Erklärung des Hungers. 
Allein nach Folybios sichert Maharbal ihnen nur das Leben, 
Hannibal entläfst die Bundesgenossen und legt die Eömer 
in Ketten. Bei Livius lautet das Versprechen auf Abzug 
mit einer Garnitur, quae Funica religione servata fides 
ab Hannibale est, atque in vincula omnes conjectL Dann 
aber c. 7, 5: captivorum qui^) Latini nominis essent, sine 
pretio dimissis, Bomanis in vincula datis. Auch Zonaras 
und Appian haben die patriotische Lüge. Bei letzterem tritt 
noch das Bestreben, sie gegen Zweifel zu sichern, hervor; 
Maharbal, sagt er, hätte die Verfolgten in dem „festen 
Dorfe" nicht leicht in die Gewalt bekommen können und 
wollte nicht mit Verzweifelten kämpfen. 

Nach Folybios fallen 1500 KÄrthager; römischerseits fal- 
len 15000 allein in dem Thal; der Teil des Heeres, der sich 



1) socii fehlt dui*ch offenbare Nachlässigkeit, sei es der Ab- 
schreiber, sei es des Livius selbst 



304 Dritter Abschnitt. 



in den Engen befand, wird in den See gesprengt und kommt 
durch Ertrinken oder durch die nachsetzenden Reiter oder 
durch eigne Hand um. Gefangene werden 15000 gemacht, 
eingerechnet die besprochenen 6000. Es liegt auf der Hand, 
diese Zahlen beruhen auf karthagischer Zählung; daher die 
Zahl der im See Umgekommenen ebensowenig gegeben wird 
als die der Entkommenen. 

Liv. c. 7, 1 — 4: Haec est nobilis ad Trasumenmim 
pugna atque inter paucas memorata populi Romani clades. 
quindecim milia Romanorum in acie caesa sunt, decem milia 
sparsa fuga x>6r omnem Etruriam aversis itineribus urbem 
petiere. duo milia quingenti hostium in acie, multi postea 
[utrimque] ex vulneribus periere. multiplex caedes utrimque 
facta traditur ab aliis. ego, praeterquam quod nihil haustum 
ex vano velim, quo nimis inclinant forme scribentium animi, 
Fabium aequalem temporibus huiusce belli potissimum aucto- 
rem h'abui. — Die 15000 im Thal Gefallenen scheinen mifs- 
verständlich als Gesamtzahl der Toten aufgefafst; und gerade 
dann konnte Livius von Übertreibung auch des römischen 
Verlustes sprechen, selbst wenn seine römischen Quellen ihn 
nicht übertrieben, und wenn er etwa bei Antias die Ziffer 
25000, welche Eutropius und Orosius haben, fand. Appians 
Ziffern sind diesmal offenbar flüchtig abgenmdet: 20000 tot, 
„die übrigen 10000" durch Maharbal gefangen. Das Citat 
des Fabius ist gewifs indirekt. Obwohl die Berufung auf 
ihn ein wenig unsicher klingt, so würde man sie doch nach 
dem Wortlaut wohl auf alle Zahlen beziehen. Anderseits 
sind aber die beiden Hauptziffem die Polybianischen, 
und man hat den Eindnick, als seien sie nur vom römi- 
schen Staudpunkt ergänzt Leider mufs dahingestellt blei- 
ben, ob Coelius dies mit den Ziffern des Originalberichtes 



Ein römischer Leonidos. 305 



(Silenos) oder etwa Livius selbst mit denen des Polybios 
gethan hat unter Benutzung des Coelius. Bei letzterer An- 
nahme müfste die Art, wie Polybios mit Stillschweigen 
übergangen und Fabius genannt wird, als miüsbräuchlich 
getadelt werden. 

Für das folgende bis gegen die Schlacht von Cannae 
hin ist unser Material im ganzen zu dürftig, als dafs wir 
den Gang und die Tendenz der zugrundeliegenden Queüen 
genauer verfolgen und zwischen den einzelnen unterscheiden 
könnten. Daher greife ich nur einzelne Vorgänge heraus. 

Bei Appian, Dio imd Nepos ist der in ümbrien ge- 
schlagene und getötete C. Centenius nicht von Servilius mit 
4000 Reitern, wie bei Polybios, vorausgeschickt, sondern von 
Eom mit einem Korps zur Besetzung der Strafse ausgesandt. 
Wenn also auch nicht gerade der Verlust der Römer ge- 
steigert ist (Appian: 3000 tot, natüi-lich nun nicht aus- 
schliefslich Reiter, 800 gefangen), so hat doch das Ereignis 
eine gröfsere Wichtigkeit und einen bedeutenderen Zusammen- 
hang gewonnen, und es ist auch Hannibal selbst mit dem 
ganzen Heere, nicht Maharbal allein, der den Streich aus- 
führt. Eben dies giebt die Erklärung, wieso die Aufbauschung 
eines feindlichen Sieges dennoch zur gröfseren Ehre des rö- 
mischen Volkes dienen konnte. Centenius ist kurz gesagt 
ein römischer Leonidas, noch dazu ein improvisierter; ttva 
tdor l7tt(pav6bv ISiomwv nennt ihn Appian, Livius c. 8, 1, 
obwohl er im übrigen Polybios folgt: propraetore, Nepos 
und Zonaras ungenau: praetor ötpatrjyog. Der Pafs ist 
entsprechend den Thermopylen zwischen einem See und 
einem unwegsamen Gebirge, das aber doch erklettert wird. 

Die Bestellung des Diktators bei Livius im Rest von 
c. 8 können wir bestimmt als Cölianisch bezeichnen, da die 

Hesselbarth, histor. - krit. üntorsach. 20 



306 I>ritter Abschnitt. 



von Wölfflin richtig gestellten Worte: quia et eonsul aberat 
. . . nee dietatorem praetor creare poterat, quod numquam 
ante factum erat, dietatorem populus creavit, aufs genaueste 
dem über Coelius c. 31, 8 Bemerkten entsprechen: Coelius 
etiam eum primum a populo creatum dietatorem scribit. 

Den gescheiterten Sturm auf Spoletium, der nach Livius 
und Zonaras Hannibal von einem Versuch auf Rom abge- 
schreckt haben soll, vermifst man bei Appian. Er behilft 
sich, wie auch sonst bei kritischen Wendepimkten, mit 
Sreov Ttapayayovtog avtov. 

Die weitere Marschix)ute Hannibals bei Livius scheint 
Polybianisch zu sein. Zwar steht von dem marsischen und 
paelignischen Gebiet bei Polybios nichts, allein dieser Zusatz 
ist sachlich gerade sehr verdächtig und wohl einfach irrtüm- 
lich. Hannibal zog der Küste entlang und hat sich gewifs 
nicht mit Plünderungszügen seitwärts aufgehalten. Sagt doch 
Polybios schon c. 86, dafs die Beute gar nicht mehr traSas- 
portiert werden konnte. 

Liv. c. 9, 7 — 10 enthält des Fabius Maximus religiöse 
Anträge an den Senat und die Qelobung eines ver sacrum. 
Beides hat auch Plutarch c. 4, aber verschlechtert, insofern er 
den Diktator zum Volke statt zum Senat sprechen (ähnlich 
c. 2) und ihn selbst, nicht den pontifex maximus das Ge- 
lübde thun läfst Sonst ist die Ähnlichkeit der Worte unver- 
kennbar, nicht blofs in der Votionsformel, sondern z. B. auch 
dpxoßxsvog in S^edov = ab dis orsus. Dennoch ist die Ab- 
hängigkeit von Livius geleugnet worden wegen zweierlei im- 
gedeckten Detaüs. Erstens berichtet Plutarch nämlich gleich 
zu Anfang: Ttpootov ß^hv ^r^öato tffv övyxKiftov t7t7t<p 
XpfjäSrat Ttapa ta<s örpateia^. Dieser Brauch ist bekannt 
aus Zonar. VII 13, wo von den Befugnissen des Diktators die 



Antrittshandlungon des Diktators Fabius. 307 

Rede ist: TtXtjv ort piff i(p* iftytov araßf^vai 6 Sixtdroop 
^övvaro £i fit} iHötpareveöSrat ^jasXXey, und aus Liv. 
XXTTT 14: dictator M. Junius Pera rebus divinis perfectis 
latoque ut solet ad populum ut equum esoendere liceret . . 
Beide Stellen in Verbindung gesetzt scheinen zu ergeben, 
dafs diese Dispensation durch Yolksbeschlufs geschah und 
zwar erst, wenn der Auszug ins Feld bevorstand; vor der 
Antrittsrede im Senat wäre sie auch an sich nicht mögKch. 
Plutarch scheint danach doppelt ungenau zu sein, erstens 
mit seinem Ttpcotov, zweitens mit trjy örjyxXrftoy, wie er 
denn auch selbst nachher ßovXofiivoov tbv dixrdropa rov 
ÖTf/^ov (paivEÖ^ai öeopterov sagt. Deshalb scheint mir 
die Annahme nahe zu liegen, dafs er den Zug aus seinen 
archäologischen Notizen hier eingeschoben hat, wie sonst 
mehrmals die rote Fahne als Zeichen zur Schlacht. 

Ebenso scheint mir aber von Plutarch aus anderweitiger 
Erinnerung eingefügt, was wir zweitens bei Livius vermissen. 
In der von Livius allem Anschein nach recht wortgetreu, 
mit Archaismen u. s. w. angeführten Yotionsformel heifst 
CS nur: quod ver adtulerit ex suillo, ovillo, caprino, bovillo 
grege, bei Plutarch dagegen: ivtavtov /^hv aiyddv Hai övcov 
xai Ttpoßdtcav xai ßocbv iTttyovr/v, oötfv ^Ita\{a<s optf xai 
Ttedia xai TtotajÄol xai XetjÄGoveg ei? Spar iöo^irrfv S/>^- 
Tpovöu Eine solche Speziaüsienmg, um den Begriff der To- 
talität zu erschöpfen, scheint mir nicht hierher gehörig imd 
wohl bei Gebeten am Platze zu sein, nicht aber bei einem 
Gelübde, wo es vielmehr darauf ankommt, nicht Unaus- 
führbares zu geloben und etwaige Mängel bei der 
späteren Erfüllung im voraus zu legalisieren. Und 
Verklausulierungen in diesem Sinne stehen bei Livius in 
ziemlicher Zahl. 

20* 



308 Dritter Absdmitt. 



Über Hannibals bekannte List mit den Ochsen, durch 
welche er sich den Rückweg aus Campanien offen machte, 
haben wir aufser bei Polybios und Livius Beschreibungen auch ■ 
bei Appian, Zonaras, Phitarch. Nach Pol. c. 92 — 94 hatte 
Fabius den Pafs^) mit 4000 Mann besetzt, welche ermäch- 
tigt waren, unter Benutzung ihrer günstigen Stellung vor- 
kommendenfalls zu schlagen. Er selbst lagerte seitwärts 
auf einer beherrschenden Höhe und trug sich mit Angriffs- 
plänen für den folgenden Tag. Hannibals Lager befand sich 
am Fufse der Höhen, offenbar ganz in der Nähe von Fabius. 
Da Hannibal einen gewaltsamen Diux5hbruch nicht hoffen 
konnte, liefs er in der Nacht „zwischen seinem Lager und 
dem Pafs" 2000 Ochsen mit Fackeln an den Hörnern die 
Höhen hinauftreiben. Der Zweck war, die Besatzung von 
dem Passe dorthin zu locken, in zweiter Linie etwa 
noch die Römer, wenn sie schon die Tiere erkannt, durch 
den seltsamen Anblick in eine ungewisse Angst zu versetzen. 
Als die 4000 wirklich aus dem Passe herbeieilten, um den 
vermuteten Durchbruch zu vereiteln, Fabius hingegen auf 
der andern Seite sich ruhig verhielt, zog Hannibal, das 
schwere FuTsvolk und die Reiterei, d. h. die kostbarsten und 
für ein Gefecht auf solchem Terrain unbrauchbaren Truppen 
voran, imbehelligt durch den Pafs. Ja, die Spanier, welche 
mit auf die Höhen geschickt waren, um die Römer doi-t 
festzuhalten und die Begleitmannschaft der Ochsen zurück- 
zuziehen, brachten den 4000 noch bedeutenden Yerlust bei. 



1) Polybios' sowohl als Livius' Angaben führen auf den Pafs 
von Cales ins obere Voltumusthal. Livius scheint auch über diese 
Gegenden wenig Bescheid gewufst und z. B. Gasilinum und Casinum 
vertauscht zu haben. Über den Zug Hannibals handelt F. Voigt, 
Philologische Wochenschrift IH No. 50—52. 



Hannibals Durchbrach aus Campanion. 309 

Die Situation und der Plan ist bei Appian richtig an- 
gegeben. Die Stelle, an der die Tiere hinaufgeüieben wur- 
den, bezeichnet er anders, aber sachlich richtig iv fiiöo) 
rov te ^aßlov Ka\ rdov öXBVGöy, Dafs in Hannibals 
Lager das Feuer gelöscht wird, ist angemessen. Unpassende 
Ausmalungen dagegen sind, dafs die Ochsen, durch das 
Feuer gepeinigt, die Abhänge hinauf und wieder hinauf- 
stürmen, nachdem sie hinabgefallen, i) sowie dafs Hannibal 
mit den „Schnellsten" zu dem Pafs vorauseilt und dann 
mit der Hauptmacht Signale wechselt. Endlich ist es eine 
patriotische Lüge, dafs Hannibal vor dem Manöver 5000 Ge- 
fangene niedergemacht habe. 

Unzweifelhaft stammt der eine wie der andere Bericht 
ursprünglich aus karthagischer Quelle. Nennt doch Polybios 
sogar den mit den Vorbereitungen betrauten karthagischen 
Offizier, und Appian stimmt seinem Kerne nach zu offenbar 
mit Polybios überein. Da nun auch kaum zu bezweifeln 
ist, dafs Appian seiner Quelle, Antias, auch hier getreu ge- 
blieben ist, so empfiehlt sich die Annahme, dafs diesem 
durch Coelius die Sache bekannt geworden ist. 

Livius, der bis dahin wesentlich 2) annalistischen Quellen 
gefolgt ist, schickt sich c. 15 sichtlich an, nach Polybios 
den Rückmarsch Hannibals zu berichten. Polybios sagt 
c. 92 9, Hannibal habe gesh'ebt die Beute mit sich hin- 
wegzuführen, und fügt ziemlich unnötig hinzu: %ya firj 



1) Mit Bücksicht auf diese Szene meinen die Römer auf dem 
Passe Xtf^ofievoi rbv 'Avvißav xaxoTta^ovvra. 

2) Eine Polybianische Reminiszenz ist vielleicht zu erkennen 

in c. 14, 4: spectatumne huc sociorum caedes et inccndia veni- 

muß? vgl. Pol. c. 91, 10: xataötparoTtedevöavtes &nep eU ^iarpov 
ol KapxTf^ovioi, 



310 Dritter Abschnitt. 



fxovov Hara xo napov evcoxlotv (wenn er sie vor dem 
Rückzug aufgebraucht oder losgeschlagen hätte), dXka öwe- 
Xdog öaiplXsiav ^XV '^^ i7ttrri6€i(M)y rb ötparoTtsöov. 
Von einer Möglichkeit, in Campanien (dem ^iatpovl) zu 
überwintern, ist natürlich keine Rede. So hat aber Livius 
die Sache aufgefafst c. 15, 2: quia ea regio praesentis 
erat copiae non perpetuae, arbusta vineaeque et consita 
omnia magis amoenis quam necessariis fructibus, haec per 
exploratores relata Fabio. cum satis sciret per easdem an- 
gustias, quibus intraverat Falemum agnim, reditiu-um . . . 
Nun sollte die Besetzung des Passes und die List kommen. 
Es wird jedoch von Besetzung dreier Pässe, dann von einem 
imglücklichen Reiteiireifen , und nachdem Fabius das Lager 
auf die Stralse hinabverlegt hat, qua Hannibal ductunis erat, 
von einem günstigen Kampfe mit Hannibal vor diesem Lager 
erzählt. Mir scheint dieser ganze annalistische Bericht sich 
eigentlich auf die Zeit bald nach Hannibals Eindringen 
in die Ebene zu beziehen. 

Da aber diesem Einschiebsel zufolge beide Teile in der 
Ebene lagerten, so mufs Livius nun Hannibal erst nachts an 
die Berge heranrücken lassen; deswegen auch c. 16, 6 und 
17, 1: principio noctis, und: primis tenebris, statt a/ia rcS 
kKlvai xo xpixov piipog xrj^ vvhxo^. Stark aber ist es, 
dafs er vergifst, den Fabius nachrücken zu lassen. Lides 
auch sonst ist Polybios verunstaltet; während er deutlich sagt, 
dafs man die Fackeln (Xa^ndg) aus dürrem Holze (vXtj) her- 
stellte, so teilt Livius: faces undique ex agris collectae fasces- 
que virgarum atque aridi sarmenti, sei es, dafs er sich diese 
improvisierte Art von Fackeln nicht vorstellen konnte, sei 
es, dafs er die schnelle Beschaffung der Beleuchtung besser 
motivieren zu müssen meinte. Eine unglückliche Zuthat ist 



Hannibals Durchbnich ans Campanien. 311 

es, dafs die Ochsen vom Feuer gepeinigt werden und dafs 
das Gebüsch brennt; denn anders kann man den Text, der 
freilich bezweifelt wird, aber nach meiner Meinung an Plu- 
tarch eine Stütze findet, nicht auffassen. Hannibals Idee 
ist gänzlich verkannt. Nach Livius. wollte er nur der Be- 
satzung Furcht einjagen, und wirklich eilt sie auch nicht 
an die vermeintlich bedrohte Stelle, sondern flieht, qua 
minime densae micabant flammae. Als sie dann doch (wun- 
derbarerweise) einiger verlaufener Ochsen ansichtig werden, 
stehen sie zuvörderst, was bei Livius in solchen Fällen 
immer geschieht, miraculo attoniti, um dann erst recht reüs- 
aus zu nehmen. Dafs diese ganze mit humoristischem Be- 
hagen ausgeführte Komödie aber nichts als Verunstaltung 
des Echten ist, beweist aufser Anklängen an Polybios (iyyi- 
€iovt€<s Sh tot(S ßovölv r/Ttopovyto dta ra (pdfta fiei8,6y 
ti . . . Tfpo^doKcdyreg) das folgende. Nachdem nämlich die 
Besatzung also davongelaufen, heifst es nun doch ganz wie 
bei Polybios, dafs die Leichtbewaffneten, d. h. die Begleit- 
mannschaft der Ochsen, nun mit ihr zusammenstofsen und 
beide Teile ziemlich imthätig die Nacht hindurch gegenübei'- 
stehen. Es wird dann c. 18, 1 — 4 gerade, wie bei jenem, 
des Fabius ünthätigkeit und das Waldgefecht am frühen 
Morgen erwähnt, letzteres in besonders charakteristischer 
Weise. Während bei Polybios unzweifelhaft die beiden die 
Nacht hindurch einander gegenübergestandenen Parteien auf 
der Höhe es sind, welche kämpfen, bis die zu Hilfe kommen- 
den Spanier entscheidend eingreifen, sagt Livius unbestimmt: 
luce prima sub jugo montis proeUum fuit (welches Gefecht, 
wenn auch die Schlappe der Kömer ziemlich verhüllt wii-d, 
doch wesentlich wie bei Polybios verläuft). Livius wollte die 
davongelaufene Besatzung wenigstens nicht noch ein zweites 



312 Dritter Abschnitt. 



Mal auftreten lassen, und sein unbestimmter Ausdruck, in 
Verbindung mit dem Vorigen, legt wohl nicht unabsichtlich 
die Deutung nahe, dafs Fabius bei Tagesanbruch Truppen 
abgeschickt habe, wie Plutarch und Dio-Zonaras die Stelle 
auch wirklich aufgefafst haben. 

Plutarch hat, wie ich glaube, auch in dieser Partie nur 
Livius etwas zugestutzt und an einer Stelle aus Polybios 
ergänzt. Ich mache zimächst darauf aufmerksam, dafs auch 
früher schon ein solches Verhalten bemerkbar ist. Ich habe 
nämlich zwar früher nachgewiesen, dafs c. 3 Livius zu gründe 
liegt; wir finden nun aber ebenda bei dem offenen Eingeständ- 
nis der Niederlage vom Trasumennus durch den Prätor Pom- 
ponius die Notiz, die nur aus Pol. HI 75 stammen kann, 
dafs Sempronius nach der Trebiaschlacht es anders gemacht 
habe. Wir finden femer in c. 5 neben recht auffälligen An- 
klängen an Livius (z. B. des Minucius Spott über die Schau- 
spiele, die Fabius seinem Heere zu sehen gäbe) eine stra- 
tegische Betrachtung über Hannibals Lage, die wieder 
aus Polybios stammen mufs, und c. 9 die staatsrechtliche 
Notiz von der Fortdauer des Tribunates unter der Diktatur. 
Diese beiden Stellen hat auch Soltau (ebenso wie einen grofsen 
Teil der vita Marcelli) als Polybianisch anerkannt. Dafs Plu- 
tarch den Polybios zur Vervollständigung benutzt hat, ist 
also eine unerläfsliche Annahme. Und auch für die t5ber- 
listung des Fabius greift sie Platz. 

In c. 6 also bringt Plutarch zuerst die Anekdote Liv. 
c. 13, wobei der Schnitzer Ttpog ro Kaötvätov = in agrum 
Casinatem. Über die Aufstellung des Fabius konnte er aus 
Livius natürlich nicht klug werden, giebt sie daher nach 
Polybios an: tffv jxhv dtiSoöov tetpaKKSX^Xiovg iTtiörr/- 
0a^ iyi<ppa£€, tbv d' äWov orpatbv vnep tcov SWaor 



Hannibals Durchbrach ans Campanien. — Plutarch. 313 

äxpcDv iv Ha\(p xa^iöa^ . . . Die folgenden Worte heifsen: 
dta rcav i\a(ppordta>v xal Ttpox^tpotdtoav ivißaXe roiis 
iöxcttoi^ tcDV TtoXsptlcoVy Hai övvetdpaBsv anav tb 
ötpdtBVfxa , Sii<p^etp€ dh Tfepl oKraxo6iov<s. Ein Gefecht 
dieser Art kennen wir weder aus Livius noch aus Polybios 
noch sonst aus einer Quelle. Dasselbe einer sachlichen Kritik 
zu unterwerfen, hiefse ihm zu viel Ehre anthun. Aber die 
Übereinstimmung der Verlustzahl mit Liv. c. 16 giebt doch 
einen deutlichen Fingerzeig. Das daselbst beschriebene Gefecht 
war dadurch, dafs Plutarch die Aufstellung des Fabius ganz 
anders erzählt hatte, eigentlich für ihn unbrauchbar gewor- 
den. Er wollte aber diesen einen von des Fabius 
spärlichen Lorbeeren nicht missen und erlaubte sich 
deshalb das Gefecht entsprechend umzugestalten. 
Von da ab geht es fast genau wie bei Livius. Auch Plu- 
tarch läfst Fackeln oder Reisig auf die Homer binden. 
Hannibal rückt auch bei ihm erst mit dem Heere unbemerkt 
vor ffSr} öxotov^ ovto^. Dann eine ziemliche Albernheit: 
Den Hirten auf den Bergen (!) wai-en die Lichter ein äav/ial 
Die Ochsen peinigt das Feuer, der Wald^) brennt, die Be- 
satzung xvxXovö^ai TtavtaxoS^ev Tfyov/iivGov = circum- 
ventos se esse rati (was aber wohl in dem allgemeineren Sinne: 
sich verloren glaubend, zu verstehen ist) läuft davon, nach 
dem grofsen Lager, meint Plutarch, wovon bei Livius nichts 
steht. Ist es schon bei Livius verwunderlich, dafs die Da- 
vongelaufenen dann doch von den Leichtbewaffneten ange- 
troffen werden, so ist der Unsinn bei Plutarch nach diesem 



1) An ein Mifs verstehen des Wortes vXrf (und also Benutzung 
einer griechischen Quelle) ist schon deshalb nicht zu denken, weil 
Plutarch selbst wenige Zeilen vorher selbst mit diesem Woite das 
brennende Reisig bezeichnet hat. 



314 Dritter Abschnitt. 



Zusatz noch gröfser; 7tpois/jii5ixyt€(S (mit wem? ist gar nicht 
gesagt!) ol ipiXoi rov kvvißov ra^s VTtepßoXag Hariöxov. 
Wie er sich mit dem Waldgefechte geholfen, ist oben schon 
angedeutet 

Zonar. c. 26 hat die Niedennetzelung der 5000 Ge- 
fangenen, wie Appian, scheint mir aber sonst Livius gefolgt 
zu sein. Denn er Mst Hannibal erst vTtb vvKta an die 
Berge rücken, die Ochsen vom Feuer gepeinigt werden und 
den Wald anzünden. Fabius ist es, welcher das, bei unserm 
Autor geradezu siegreiche, Gefecht am Morgen liefert. 

Von Coelius wissen wir also gar nichts, und so steht 
der Vermutung, dafs der Bericht des Valerius bei Appian 
auf Cölianischer Gnmdlage beruhe, wenigstens nichts im 
Wege. 

Wir kommen zur Geschichte des Magister Equitiun 
Minucius, einem fünfaktigen Drama (I Unwillen gegen den 
Diktator, der aber seinen Grundsatz festhält und auch bei 
seiner Abreise nach Rom dem Minucius ans Herz legt; 
n Offensive und Erfolg des Minucius; UI Gesteigerter ünwiUe 
gegen Fabius in Rom, Minucius Mitdiktator, Teilung des 
Heeres; IV Minucius aus dem Hinterhalt durch Fabius ge- 
rettet; V ümschwimg der Meinungen und Wiedervereinigung 
der Heere), das die von Fabius Pictor ihm verliehenen Züge 
wesentlich in der ganzen Litteratur beibehalten hat. Vgl. 
Ennius fr. VTEI 7 und 8 ed. L. Müller. Bei Polybios zeugt 
von der römischen Quelle schon die Angabe 16 Stadien 
m 101, 4. 

Deutlich ist hier bei Livius das Schwanken zwischen 
der annalistischen Quelle (Antias) und Polybios zu verfolgen. 
Vor allem ist Polybianisch die Einschiebung des spanischen 
Berichts hinter Akt I. Polybios hat nämlich c. 94 etwas 



Fabius nnd Minndiis. 315 



früh sein Jahr geschlossen und den Rest, als schon mit den 
Winterquartieren zusammenhangend, hinter die Ereignisse in 
Spanien und zur See an den Anfang des nächsten Jahres 
gesetzt. Livius, der seiner annalistischen Gewohnheit zufolge 
den spanischen Bericht unbedingt an den Jahresschlufs, wo 
er auch bei Zonaras steht, hätte setzen müssen, hat ihn wie 
Polybios gestellt c. 19 — 22. 

Das Wesentliche von Akt I, nämKch c. 18, 5 — 7, ist 
annalistisch: selbst ein Vorstofs auf Rom (von dem Polybios 
nichts weifs) macht Fabius nicht irre. Während dann bei 
Polybios erst Minucius, der übrigens nur allgemeine Lehren 
von dem abreisenden Diktator erhalten hat, nach der Ein- 
nahme Gereoniums durch Hannibal ins Larina tische Land 
hinabsteigt und dort auf einer Höhe lagert, ist es bei Livius 
noch Fabius, welcher dort ein festes Lager aufschlägt. Diese 
Änderung sollte wohl, wie ähnliche vgl. oben S. 293, den 
Fall in grellere Beleuchtung rücken; es konnte nun von 
einem gemessenen Befehle des Fabius berichtet werden, was 
Livius freilich nicht thut, der § 8 — 10 dessen Ermahnungen 
nach Polybios ausführt. Bei Polybios ferner werden die 
Einwohner von Gereonium, weil sie gütliche Anerbie- 
tungen verschmäht hatten, getötet, die Mauern aber und 
die meisten Häuser geschont zum Aufspeichern von Vorräten. 
Hingegen Livius § 7: Gereonium pervenit, urbem motu, quia 
collapsa ruinis pars moenium erat, ab suis desertam. 
Da Appian die Zerstörung berichtet (iSsiXev c. 15), vermute 
ich femer, dafs dies (und die Tötung der Zurückgebliebenen) 
niu» von Livius aus Miüstrauen gegen seine Quelle oder Flüch- 
tigkeit übergangen ist. Denn dafs Livius davon wufste, zeigen 
zwei Worte an der späteren, sonst ganz Polybianischen Stelle 
c. 23, 9: pro Gereonii moenibus, cujus urbis captae atque 



316 Dritter Abschnitt. 



incensae ab se in usum horreorum^) pauca reliquerat tocta. 
Antias wird, indem er die Stadt wehrlos schilderte und doch 
zerstören liefs, eine neue Gewaltthat Hannibals hergestellt 
haben. 

C. 23, 1 — 8 enthält einen Ausblick auf Akt 11 : (cuno- 
tatio Fabii contempta erat) utique postquam absente eo te- 
meritate magistri equitum laeto verius dixerim quam pro- 
spero eventu pugnatum fuerat, und als Nachtrag *) die Anekdote 
vom Verkauf der von Hannibal geschonten Äcker des Dik- 
tators zur Bestreitung des Lösegelds für Gefangene. Über 
den Sinn des: laeto potius quam prospero, haben die Er- 
klärer sich vergeblich die Köpfe zerbrochen. Die einfache 
Lösung ist, dafs Livius noch nicht Polybios vorausgelesen 
hatte und den Ausblick auf Akt II aus dem dort in der 
Variante angeführten Annalisten schöpfte, nach wel- 
chem nur das zufällige Erscheinen einer Abteilung in Hanni- 
bals Rücken die Schlacht zu gunsten der Römer wendete. 

Bis auf diese Variante am Schlufs und die bereits er- 
wähnten zwei Worte in dem Nebensatz über Gereonium ist 
Akt n c. 23, 9 bis c. 24 ganz Polybianisch , folglich auch 
teilweise eigentlich Dublette. Nur verschleiert das Livius, 
indem er scheinbar rekapituliert und Polybios unter der Hand 
seiner früheren Erzählung anpafst; so in jenem Nebensatz, so 
dann auch a 24: Roraanus tunc exercitus in agro Larinati 
erat praeerat Minucius magister equitum profecto, sicut 



1) Weifsenborns Vorschlag: haud, einzuschieben behufs An- 
näherung an das Polybianischo täs nXd&cas ist von Madvig, Einend. 
Livianae' S. 247 überzeugend zurückgewiesen. 

2) Deshalb ist es eine wenig glückliche Verteidigung einer ge- 
rechten Sache, wenn man sich auf die Anekdote gegen das Ab- 
schlachten der Gefangenen vor Hannibals Durchbruch beinifen hat 



Fabias und Minucius. 317 



aate dictum est, ad urbem dictatore. ceterum castra, quae 
in monte alto ac tuto looo posita fuerant, jam in planum 
defenmtur. Hier ist das Yorrüeken in die Ebene nicht melir 
eins und dasselbe mit dem Lagern in agro Larinati, sondern 
etwas Neues. 

Mehr durch Flüchtigkeit ist im folgenden von Livius 
verdorben. Man muls nach Pol. c. 101 f. in Hannibals Ver- 
halten drei Zeiträume unterscheiden. Zuerst verwandte er 
zwei Dritteile zum Fouragieren (A), als dann Minucius heran- 
gezogen war, ein Drittel, indem er mit dem Gros eine be- 
herrschende Stellung nahm (B). Gefähi*det wurde er erst, als 
es Minucius gelang, das Lager auf einen wiederum über- 
höhenden Hügel zu verlegen. Jetzt behielt Hannibal das ganze 
Heer beisammen und entschlofs sich erst nach einigen Tagen 
aus zwingenden Gründen rb nXelov jiipog wieder auszusen- 
den (C). Livius bezeichnet A richtig: duas exercitus partes 
mittebat, wesentlich richtig auch B: ipse autem — von 
dem Nebensatz hier sehe ich noch ab — tertiam partem 
militum fnimentatum duabus in castris retentis misit. Dann 
ist aber von keiner Änderung dieses Verhältnisses mehr die 
Rede, so dafs man nicht begreift, wie gesagt werden kann: 
tanta paucitate vix castra tutari poterat. Livius wird sehr 
summarisch, und wenn er sagt: jamque artibus Fabii — pai-s 
exercitus aberat jam fame — sedendo et cunctando bellum 
gerebat, so scheint er die Unzuträglichkeit bemerkt und mit 
dem unrichtig oder unvollständig überlieferten, nach Madvig 
aufserdem verschobenen Zwischensatz abgeschwächt zu haben. 
Mit der Vernachlässigung von C hängt aber zusammen, dafs 
Livius den Tadel, welchen er gegen Hannibal auszusprechen 
sich bemüfsigt findet, am unrechten Orte (B) anbringt in 
jenem Nebensatz: quod minime quis crederet, cum hostis 



318 Dritter Abschnitt. 



propius esset. Livius hat eben bei flüchtigem Überblicken 
der Polybianischen Darstellung gemeint, dafs schon diese 
Mafsregel Hannibals üble Lage verschuldet habe, und hat 
SfscopcSv iyyiZovtag tov<s TroXsßxlovis konzessiv statt kau- 
sal verstanden. Damit fallt die Behauptung, Polybios gebe 
mit diesen Worten eine Erklärung, welche Livius vermisse, 
imd der darauf gebaute Schlufs, dafs beide selbständige Ab- 
leitungen einer Quelle seien. 

Von der Variante § 11 — 14 war oben schon die Rede. 
Sie trägt den Stempel annalistischer Flunkerei auf der Stime 
und an Namen (Numerius Decimus) und Zahlen ist kein 
Mangel. AusschliefsKch diese Version finden wir nun Zonar. 
P. 415 AB. Dafs Dio nicht aus Livius, sondern an der 
Quelle selbst geschöpft hat, steht nach den wenig empfehlen- 
den Worten, womit Livius die Lesart anführt, zu vermuten. 
Auch beschuldigt bei Zonaras der Reiterführer, während Li- 
vius nur von vaniores litterae desselben spricht, seinen Chef 
geradezu als ra rdty lyavt{a>y q^povovvxa. Ganz ähnlich 
ist nun auch Appian Annib. c. 12: övyBTtXixr} riva fidxV'^ 
t(p kvyiß^ Hoi doSag TtXiov ^x^iv S^paövtepov ig 'Pai- 
//y/v iTtiöreXXe tf/ ßovXff, rbv ^dßiov ahtoi/Äevog ovk 
i^iXovra rtHrjöat. Ich schliesse also auf Antias als 
Urheber. 

Wenn aber Appian die ganze Geschichte des Minucius 
in diesem und dem folgenden Kapitel, also vor der List mit 
den Ochsen abmacht, so verfährt er nur nach dem Grund- 
satz sich's hübsch bequem zu machen imd eines nach dem 
andern abzuhandeln. Dafs de vir. ill. in derselben Folge er- 
zählt wird, hat nichts Auffallendes und ist gewiss ebenso 
zufMig als etwa, dafs dort die Gefangenenauslösung erst 
nach der Einnahme Tai'ents steht. 



Fabios und Minacias. 319 



Akt II c. 25 — 27 ist ganz nach Antias gearbeitet und 
enthält zwei offenbare Geschichtsverbesserungen. Minncius 
erhält zwar gleiche Gewalt mit Fabius, wird aber nicht ge- 
radezu Diktator, wie im Einklang mit einer Inschrift Poly- 
bios ihn nennt. Dafs dies als staatsrechtliche Korrektur 
aufzufassen ist, scheint mir doch nicht das einzig Mögliche; 
es könnte auch nm* von der Absicht diktiert sein, den spä- 
teren Umschwung durch die freiwillige Wiederunteroi-dnung 
des Minucius zu krönen. Sodann läfst ihm Fabius nicht 
die Wahl zwischen Turnus und Teilung, sondern verlangt 
die letztere; der Annalist, scheint es, lieh dem Fabius 
Maximus die üblen Erfahnmgen, welche man im nächsten 
Jahre mit dem Turnus machte. Livius scheint sich auch 
im einzelnen ziemlich an seine dermalige Quelle gehalten 
zu haben. Einigermafsen bemerkenswert ist schon die Äufse- 
nmg: duos praetores Sicilia atque Sardinia occupatos, quarum 
neutra hoc tempore provincia praetore egeat, deshalb, weil 
Livius in diesem Jahr die Prätoren und ihre Provinzen gar 
nicht erwähnt hat. Femer aber pafst: extra Valium egressos 
fudisse ac fugasse hostis, und: magistro equitum, quod contra 
dictum suum pugnasset, rationem reddendam esse, nur zu 
der Situation, wie wir sie oben bei dem Annalisten fanden. 
Mancher Zug, den wir begreiflicherweise bei Polybios nicht 
finden, scheint echt: der Name des Antragstellers, die Nach- 
wahl des Atilius Eegulus, die Legionsnummem. Auch die 
Angabe, dafs Varro für den Antrag gesprochen habe, rechne 
ich dahin, nicht aber die nach dem Zeitalter der Revolu- 
tionen schmeckende Charakteristik desselben als eines Yolks- 
redners. 

Von Akt lY und Y genügt es zu bemerken, dafs der eine 
nach Polybios, der andere nach dem Annalisten gemacht ist. 



320 Dritter Abschnitt. 



Dafs Dio, den wir in Akt 11 unabhängig von Liviiis 
sahen, es auch in den übrigen Teilen gewesen ist, steht zu 
vei-muten. Die Notiz, dafs Hannibal mit einem Gesuch um 
ünterstützimg aus der Heimat blofs Spott geemtet habe, Dio 
fr. 57, 15, findet sich wieder in wortlicher Übereinstimmung 
bei Appian. Dafs sie bei diesem etwas später kommt c. 16, 
ist wohl, wie jedenfalls die erstaunliche Verwirrung in dem 
ersten Satz dieses Kapitels, Folge des grofsen Sprunges, wel- 
chen Appian seiner willkürlichen Anoi'dnung zufolge nun 
machen muss. Hierbei sei noch die oft für die Ableitung 
aus Juba angezogene Stelle c. 13 erwähnt: (Minucius giebt 
dem Fabius den Oberbefehl zuiück) fiyovjjLivq) 7tpo<s av- 
Spa tBxyi'^V'^ ^^XV» ^^^ xaipov elvat tt/v ävdyxrfy, 
ov 6ff xal o 2Bßa6xo<s vöxepov TCoWaxi^ i^ifAvifto^ 
ovx cov €vxspff(S ovo* ovto^ ig pictx^? fiaXXov toX/i^ 
V ^^X^V XPV^^^^' ^^® Stelle wäre auffällig genug, wenn 
man annehmen müfste, dass Augustus thatsächlich auf jenen 
Grundsatz des Fabius sich berufen hätte. Aber gerade in 
dieser Form war der Gedanke, scheint mir, für Augustus 
wenig brauchbar; das ov ifiifxvr}to ist also nicht wörtlich 
zu nehmen. Es fielen Appian bei den Worten, welche er 
in einer Rede des Fabius gefunden zu haben scheint, die all- 
bekannten Lieblingssprüche des Augustus ein Sueton. c. 24, 
und so verstattete er sich wie öfter eine historische Parallele. 

Plutarch kann ich auch hier nicht als selbständige Quelle 
gelten lassen. Die Anekdote von der Auslösung der Gefan- 
genen holt er an der nämlichen Stelle wie Livius nach; und 
dafs Fabius sich das Geld nicht ersetzen Hess, konnte er 
mit ruhigem Gewissen zur Vervollständigung der Edelmuts- 
szene hinzufügen. Die Umrechnung der Summe ist nach 
den Münzverhältnissen seiner Zeit gemacht (die Drachme d. h. 



Plutarch. — Soozug dos Sorvilius. 321 

der Denar seit Nero = Ygg Pfund) und fast genau. Die 
Notiz über den Tribunen Metilius: ov nata tffv Ttpog ^d- 
ßtov i^Spav aXTi oinstog cSv Mivovxiov ^ ist willkürliche 
optimistische Zuthat, zu der Liv. c. 25, 17 in etwa Anlass 
geben konnte; der Tribun tritt um nichts weniger gehässig 
auf als bei Livius. Bei der Rettung des Minucius sind die 
Aussprüche pointierter, und Fabius nimmt zu mehrerer Deut- 
lichkeit seines Erfolges den getöteten Feinden die Rüstungen 
ab; hier auch ein Sprachschnitzer Ttatpcovais für patronos. 

Dem Konsul Servilius, welcher erst einen Seezug machte, 
dann mit dem nachgewählten Regulus den Fabius und Mi- 
nucius ablöste, widmet Livius e. 31, 1 — 7. WölfFlin glaubt 
dieselbe Quelle, wie bei den annalistischen Einlagen in die 
ersten spanischen Feldzüge zu erkennen. Allein die Rech- 
nung nach Talenten hier imd dort beweist dafür nichts. 
Auf der Insel Cercina war dies gewifs die gangbare Münze, 
und auf ähnliche Weise mag das Vorkommen in den spani- 
schen Nachrichten erklärt werden. Jedenfalls ist unser 
Bericht gemeinsamen Ursprungs mit Pol. c. 96 f. und ver- 
trauenswert; dafs Polybios die mit 1000 Mann Verlust be- 
zahlte, sonst ohne Folgen gebliebene Landung in Afrika aus- 
gelassen, ist in der Ordnung. Dagegen liegt bei Zonaras 
vielleicht eine gefälschte Darstellung zu gründe, wenn er 
erst den ganzen Zug als glücklich bezeichnet (npoxatGop- 
ärooxet ri) und nachher ohne Hindeutung auf den grofsen 
Verlust sagt: xal ig trfv Aißirqv ixßag iXeriXdrrjcfe rfjv 
napaXiav avrijg, 

C. 31, 8 — 11 läfst sich Livius beikommen, lediglich 
auf theoretisch staatsrechtliche Gründe gestützt, gegen „om- 
nium prope annales," insbesondere auch gegen Coelius und 
gegen seine eigne Erzählung nachträglich Fabius zum Pro- 

Uesselbarth, histor.-krit. Untersuch. 21 



322 Dritter Abschnitt. 



diktator zum stempeln? Liegt hier einmal Beeinflussung 
durch eine nichtannalistische Schrift vor, so dafs prope 
eigentlich bedeutungslos ist? Eins, was auch sonst sich so 
oft aufdrängt, läfst sich jedenfalls bei der Gelegenheit kon- 
statieren, dafs Fabius Pictor dem Livius nicht zur Hand war; 
er oder sonst ein nennenswerter Gewährsmann stand sicher^ 
lieh Livius nicht ziu* Seite, und auch unter den verworfenen 
Annalen kann er nicht sein, da Livius ihre Lesart auf „äugen- 
tes titulum imaginis posteros" zurückführt. 

Es restiert aus diesem Jahre aufser stadtrömischen Mit- 
teilungen nur noch die Übernahme und Führung des Ober- 
befehls durch die Konsuln, vielleicht nach Coelius vgl. unten. 

Ins Jahr 216 v. Chr. -= 538 d. St. reicht schon c. 33, 9 
bis c. 35 der Bericht über die Wahlen, welche erst, da die 
Konsuln unabkömmlich waren und ein "Wahldiktator nieder- 
legen mufste, vom zweiten Interrex bezw. dem zunächst 
allein aus der Wahl hervorgegangenen Konsul Terentius 
Varro erledigt wurden. Pol. ÜI 106 leidet an dem Mangel, 
dafs der Abgang der Diktatoren Fabius und Minudus mit 
den Wahlen zusammengeworfen, die Kommandoführung des 
Servilius und Atilius erst als Konsuln, dann als Prokonsuln 
nicht unterschieden werden: TtJ(S 6h tdav apxaipEöioov 
Spa^ (Sxn^ByyiZov(Srji etXovto örpattfyov^ oi ^Poaßiaiot 
AevKiov Ai/jiiXtoy xal rd'iov Tspivtior, cor xata- 
öta^fivtcov Ol fxky StxraropB^ ani^Bvto rffv apxtfVy 
oi 6h 7tpov7tapxoytB<s vnaroi .... toXE TtpoxetpiöS^iv- 
tB<s VTto tdov TtBpi tov Al/jtiXtov dvtiörpdtrjyot xal 
TtapaXaßovtsg u. s. w. Dafs Polybios den Abgang der 
Diktatoren sich wirklich zusammenfallend mit dem Jahres- 
wechsel gedacht habe, ist nicht anzunehmen. Er setzt, ob 
mit Eecht oder Unrecht bleibe hier unerörtert, den Jahres- 



2l6v.C5hr. 323 

Wechsel überhaupt gegen das Frühjahr hin voraus und kennt 
gewifs die halbjährige Befristung der Diktatur vgl. c. 87, 9. 
Die Kücksicht auf sein griechisches Publikum macht seine 
üngenauigkeit begreiflich. Immerhin wäre es leicht gewe- 
sen, den geraden Widerspruch mit den Thatsachen zu ver- 
meiden und glaube ich aus seiner Ausdrucksweise schliefsen 
zu dürfen, dafs er nicht gewuJfet hat und also Fabius 
Pictor in seinen Annalen nicht verzeichnet hatte, 
wie die Wahlen diesmal zu stände gekommen waren. 

Im übrigen giebt das Kapitel die Vorbereitungen für das 
neue^) Kriegsjahr. Sehr betont wird von Polybios, dafs die 
neuausgehobenen Mannschaften diesmal sofort behufs besserer, 
kriegsmäfsiger Ausbildung ins Lager geschickt wurden, die 
Konsuln aber in Rom blieben, bis Hannibal den Feldzug mit 
der Wegnahme von Cannae eröffnet hatte. 

Bei Livius nehmen die Yorbereitungen natürlich einen 
weit gröfseren Raum ein, nämlich c. 36 bis c. 40, 4. Zunächst 
giebt Livius verschiedene Nachrichten über die Aushebung. 
Die erste, nur auf 10000 Mann in supplementum lautend, 
wäre auch mit den geringsten Angaben über den Verlust bei 
Cannae unvereinbar. Ich kann deshalb den Verdacht nicht 
imterdrücken, dafs Livius bei dieser Quelle die Hauptan- 
gabe übersehen hat. Freilich zählten die Annalen gewifs 
alle bezüglichen Beschlüsse zusammen auf, wie ja bei Livius 
selbst die Tnippenaufstellungen ein stehendes Kapitel bilden. 
Ob aber auch Coelius diese Anordnung befolgte und nicht 



1) Auch die Zurückziehimg rov itapaxBt/id^ovTo^ iv rc5 
AtXvßaioo droXov mag, obwohl schon liv. c. 31, 6 in Aussicht ge- 
nommen, erst jetzt ausgeführt und dabei der Prätor von Siciüen um 
die 25 Schiffe c. 37, 13 verstärkt sein. 

21* 



324 Dritter Abschnitt. 



etwa zunächst blofs von dem Ersatz (für die andern Schau- 
plätze), von den neuen Legionen der Konsuln erst später 
sprach, kann man nicht wissen. 

In den nächsten Sätzen ist der Text unsicher. Ich ge- 
stehe, dafe ich am liebsten mit Weifsenbom und Wölfflin 
lesen würde: alii novas quattuor legiones, ut octo legionibus 
rem gererent. numero quoque peditum equitumque legiones 
auctas milibus peditum et centenis equitibus in singiüas 
adiectis, ut quina milia peditum quadringeni equites essent, 
socii dupücem numenim equitum darent, peditis aequarent 
[septem et octoginta milia annatorum et ducentos in castris 
Romanis, cum pugnatum ad Cannas est], quidam auctores 
sunt. Livius spräche dann von einer zweiten Angabe, lautend 
auf vier neue oder zusammen acht Legionen, und einer dritten 
(quidam), welche auch noch eine Verstärkung der Legionen 
berichtete. Jenes würde irgend eine römische Quelle, dies 
Polybios sein. Livius hat nicht bemerkt, dafs die Annalen 
schon zum Yorjahr eine solche Verstärkung, wohl für die 
Dauer des Krieges berichteten, und dafs auch Polybios nicht 
eigentlich erst für dieses Jahr die Verstärkung behauptet, 
sondern generell iTtdv ri<s oXoöxspeötipa Ttpo^aivijrat 
Xpsia. Womit dann der Unterschied zwischen der zweiten 
und dritten Version wegfällt. 

Mir scheint aber doch, dafs die als Qlossem gestrichenen 
Worte durch Plutarch gedeckt werden. Infolgedessen ist der 
erste Satz bis zu aequarent zu erstrecken und mit Madvig 
wahrscheinlich: numeroque, femer: Romanis fuisse, zu lesen. 
So wird dann der ersten Angabe nur Polybios (als anderes 
Extrem) gegenübergestellt; und es ist bemerkenswert, dafs 
Livius auf die errechnete Stärke den Ausdruck: quidam 
auctores sunt, anzuwenden sich nicht scheut 



216 V.Chr. 325 

Was Plutarch betrifft, so schöpft er in c. 14 ausschliefs- 
lich aus Liviiis. Ich hebe die aitffälligsten Ähnlichkeiten 
hervor: in den Worten des Yarro der Plural ^aßioKs ötpa- 
trjyoi^ und ri/g avrifg ffjxipag oipeö^ai rs xal viKi^öetv; 
in denen des Fabius, dafs Yarro ebensowolil als Hannibal zu 
bekämpfen sei und letzterer nur noch ein Drittel seiner ur- 
sprünglichen Streitmacht habe; schliefslich die Äufserung des 
Paulus, er wolle sich lieber den Lanzen der Feinde als einer 
Abstimmung seiner Mitbürger aussetzen. Dazwischen aber 
steht nun gerade wie in der Stelle bei Livius weit voraus- 
greifend: /jivptdSeg yap irvia Szg^iA/öTV avdpcov Siovöai 
Öwstdx^rföar sig ttfv ^dxrfv. 

Daraus aber dafs Livius, wie oben bemerkt, jene gene- 
relle Angabe des Polybios zu einer Angabe ad hoc zuschnitt, 
erklärt sich vielleicht auch eine Differenz über die bundes- 
genössische Reiterei: (i7C7ret(S 6h ötaxoöiovg. indv 6i ri<s 
bXoöxBpBöripa 7tpo<paivBtat xp^i^ • • • i^Tteig tptaKO- 
öioug), rdov 6h öv/jijxdxcov .... tcar iTtTricav od 'S inlTtav 
rpiTtXdöiov, Livius: (treceni equites essent) socii dupli- 
cem nimierum equitum darent. Livius, der in diesem Fall 
sich bemühte sorgfaltig zu sein, verstand: das Dreifache der 
normalen Zahl (3 x 200) und drückte, weil er von dieser 
nicht gesprochen, sich absichtlich aus: das doppelte der er- 
höhten Zalil (2 X 300). Und ungenaue Auffassung von c&g 
ininav mochte zu dieser Mifsdeutung des Polybios beitragen. 
Übrigens kann die Abweichung des Livius, wenn man diese 
Erklärung nicht billigt, auch als einfache üngenauigkeit hin- 
gehen. 

C. 37 erzählt recht breit von einer Gesandtschaft des 
Königs Hiero, ähnlich wie c. 32, 4 — 9 von einer solchen 
aus Neapel. Die Entschuldigung des Königs darob, dafs er 



326 Dritter Abschnitt. 



den Romem Schleuderer und Kreter anzubieten wage, kann 
nicht gut bestehen mit den Notizen PoL III 75 und Liv. 
XXIV (21, 9 und) 30, 13, nach welchen ein solches Hilfs- 
korps nichts Neues war. Wir haben also ein Beispiel, wie 
kürzere Notizen der Annalen von Späteren ins breite gespon- 
nen worden sind. 

Wenn bei Polybios, wie hervorgehoben, die neuen Le- 
gionen sofort ins Feld rücken und von den Prokonsuln für 
die bevorstehende Entscheidung durch kleine Scharmützel ge- 
schult werden, so ist das bei Livius anders. Terentius und 
Aemilius warten c. 38 paucos dies, bis die Kontigente kom- 
men. Jener hält renommistische Reden, dieser eine warnende 
am Tag vor dem Ausmarsch, Zu diesen Reden verhält sich 
Livius referierend; der Eindruck ist der, dafs er sie ausführ- 
licher in seiner Quelle fand. Nur die ausgeführte Ansprache 
des Fabius Maximus an den aufbrechenden Aemilius ist, wie 
schon Wölfflin zu den einleitenden Worten: ad locutus fer- 
tur, bemerkt, seine Erfindung. Und man kann nicht sagen, 
dafs sie am geeigneten Platze angebracht ist. Betreffs des 
Geleites, das bei dem Aufbruch den Konsuln zu teil wurde, 
beruft sich Livius auf Oberlieferung: ab hoc sermone pro- 
fectum Paulum tradunt u. s. w. Ein ähnlicher Satz Appians 
wii'd demnächst von mir angeführt werden, wie er auch wohl 
renommistische Reden des Varro gekannt hat TtoXA^a avtoi^ 
ix t^<s 6vvrj^ov^ öo^oHOTtlag VTriöxyovßievov. 

Das Aufsergewöhnliche der Yorgänge ist hier verwischt, 
imd nur die eine Notiz, damals zuerst sei der Eid, nicht 
fliehen zu wollen, offiziell von den Leuten verlangt worden, 
ergänzt die Charakteristik der Situation in willkommener 
Weise. Sonst nähert sich die Darstellung einigermafsen der 
Schablone. Mir scheint sich schon hier das Bestreben der 



Vorrücken der Konsnin nach Cannae. 327 

römischen Tradition zu verraten, dem Yarro das Eingehen 
auf eine Schlacht überhaupt zum Vorwurf zu stempehi und 
den Entschlufs des Senates, zur Offensive überzugehen, weg- 
zuleugnen. 

Polybios und die ganze übrige Tradition, soweit wir 
nachkommen können, stehen sich nämlich in der Darstellung 
der folgenden Ereignisse^) schroff gegenüber. Nach jenem 
will auch der Senat jetzt eine Entscheidungsschlacht; 
und wir haben von den umfassenden Vorbereitungen dazu ja 
schon gehört. Dem entsprechend werden die Truppen so- 
gleich nach dem Eintreffen der Konsuln von Aemilius in einer 
Ansprache auf den Kampf vorbereitet. Ohne dafs von Be- 
denken die Eede wäre, erfolgt der Aufbruch gegen den Feind; 
denn Hannibal ist es, der den Feldzug bereits eröff- 
net hat durch Wegnahme von Cannae. Erst als man 
in zwei Marschtagen bis 50 (sie) 2) Stadien sich ihm genähert 
hat, entsteht Zwist, indem Paulus auf die Ungunst des Ter- 
rains aufmerksam macht und vorschlägt, den Gegner von dort 
abzuziehen. — Auch diese taktische Meinimgsverschiedenheit 



1) Ich habe dieselben schon in meiner Dissertation de pugna 
CJannensi behandelt Doch bedai-f der auf die Quellenfrage bezüg- 
hche Teil eiaer Revision, besonders weil ich damals Polybios über- 
haupt nur selten und in diesem Abschnitt gar nicht benutzt durch 
Livius glaubte. 

2) Diese Zahl ist sicher zu gering, da ei'stens dann die beiden 
Märsche knapp gerechnet 15 geographische Meüen betragen haben 
würden uud zweitens die Eömer erst nach weiteren zwei Märschen 
an den Aufidus gelangen. Auch würde Hannibal bei solcher Nähe 
am dritten Marschtag nicht blois mit den Leichtbewaffneten und 
Heitern angegriffen haben, und schHelslich beginnt die Ebene nicht 
nicht erst 50 Stadien von Cannae. 400 (v' statt v') scheint nicht zu 
hoch gegriffen. 



328 Dritter Abechnitt. 



der Konsuln zu leugnen und anzunehmen, sie sei ein Pro- 
dukt der parteiischen Quelle des Polybios oder der Mythen- 
bildung, wäre allzu radikal. Hingegen gebe ich das scharfe 
Urteil des Polybios bei der Flucht Varros c. 116, 13 preis: 
ayffp aiöxpocv /jihv rfjv (pxryriy aXvöireXt} de ttfy otpxv^ 
rr/v avtov tff narpldt TceTroirj^ivog. Dafs Varro ein Offizier 
ohne Tadel gewesen ist, wenn auch kein besonderer Heerführer, 
dafür spricht aufser der bekannten Danksagung des Senats die 
langjährige Verwendung desselben in Nebenkommandos. 

So erzählt Polybios, vermutlich wie im vorigen Jahre 
auf grund von Fabius Pictor. Zwar bemerken wir keine 
„fabische" Färbung. Aber mufs Pictor, weü er die Über- 
legenheit seines Helden über den vorwitzigen Reiterführer 
verherrlichte, auch die jetzt vom Senate verfügte Aktion an- 
gegriffen haben? Dafs M. Atilius Regulus, von dem wir aus 
Livius wissen, dafs er nach Rom zurückging, bei Polybios 
mit dem andern Konsul des Vorjahres Cn. Servilius zusam- 
men das Zentrum in der Schlacht von Cannae kommandiert, 
liat man aus Namensverwechselung mit dem Quästor Atilius 
oder mit dem gewesenen Diktator M. Minucius erklärt Viel- 
leicht ist Polybios durch eine Erwähnung i) der consulares 
(vgl. Liv. c. 49, 16) im Heere in-egeführt. 

Nach allen übrigen Nachrichten war der Senat 
und Paulus gegen eine Schlacht überhaupt, imd ist 
die Differenz der beiden Konsuln eigentlich nur eine Fort- 
setzung derjenigen zwischen Fabius und Minucius. Auch 
Appians Meinung ist dies, dessen Worte c. 17 xal avtovis 

1) Wie bei ihm selbst PauUus sich vor den Truppen darauf 
beruft, dafs er tovs ix tov Ttporepov irovg apxoyras: zum Bleiben 
bewogen habe. Dalls Polybios die Kede schon vorgefunden, will ich 
damit oicht behaupten. 



Vorrücken der Konsuln nach Cannae. 329 

TrapaTriptTTovreg iStovtets iöiorto xpivat rov noXt^ov 
fidxv ^^^ MV '^V^ TCoXiv ixrpvxeiv XP^'^V '^^ ^^^ cfrpa- 
reiaig 6i}VBx^Öi xai ig<popat(S xal \i/Ä(p xal apy^c rTf<s 
yfl<S S^ov/iirrfg eben nur auf das gemeine Volk zielen. 
Vgl. die spätere Mahnung des Terentius ola örf^oxoTtov 
ßivff/jioveveiy &v 6 ör/^og iStovtSiv iveriWero, 

Sehr lehrreich ist nun eine Vergleichung der Nachrichten 
des Livius und Polybios über die Verteilung des römischen 
Heeres in zwei Lager. Liv. c. 40 , 5 — 7 : üt in castra vene- 
runt, permixto novo exercitu ac vetere castris bifariam factis, 
ut nova minora essent propius Hannibalem, in veteribus ma- 
jor pars et omne robur virium esset, consulum anni prioris 
M. Atilium aetatem excusantem Eomam misenmt, Geminum 
Servilium in minoribus castris legioni Eomanae et socium 
peditum equitumque duobus (sie) milibus praoficiunt. Hannibal 
quamquam parte dimidia auctas hostium copias cemebat, u. s.w. 
C. 44, 1 heilst es nach der Ankunft der Römer vor Cannae: 
bina castra commimiunt, eodem ferme intervallo quo ad Gereo- 
nium, sicut ante copiis divisis. Hiermit ist zusammenzu- 
stellen PoL ni 110, 8 ff.: toig jjiv övöl /iipeöi xateötpa- 
roTtiöevöe napa tbv AvqnSov nota^ov xaXov/jievov .... 
r^ 6h tpir(p nipav otTto rfi<s ötaßaöeoüg Ttpög ra<s ccva- 
xoXa<s ißdXaro x^pccxa rijg piir iöiag Ttape/ißoXfjg Ttepl 
dixa 6raöiov<5 dnoäx^ trfts 8h rdov VTtevavtiGov ßxixp(p 
TtXsiov, ßovXofjLBvots öid xovXGov Ttpoxa^tfö^ai fikv rdov 
ix rfjfs Ttipav TtaptfißoXrfts Ttapovo/Äevortojv enixBlö^ai 
6h töi(5 Ttapd tcov Kapyr}6oyiGoy. 

Diese Stellen sind im Zusammenhang zu beurteilen. Wenn 
wir c. 40 etwa 20000 für 2000 lesen, dann rechtfertigt dies 
Überwiegen der Bundesgenossen im kleineren Lager den Aus- 
druck: pars major et omne robur virium, für das gröfsere. 



330 Dritter Abaohiiitt. 



Dann umfafete das kleinere auch wirklich, wie Polybios an- 
giebt, ein Drittel^) des ganzen Heeres. Das Interessantere 
aber ist der Unterschied zwischen Livius und Polybios. 
Letzterer kennt die Detaschierung eines Lagers nur bei 
Cannae, nicht bei Oereonium. Und es kann nicht anders 
sein; denn als die neuen Konsuln dort eintreffen, ist Hanni- 
bal ja langst fort; überhaupt aber hängt die Mafsregel aufs 
engste zusammen mit den besondem strategischen Yerhält- 
nissen am Aufidus. 

Denken wir nun an die Entstellung der nachpolybiani- 
schen Tradition, so kommen wir auf folgende Vermutung. 
Demjenigen Schriftsteller, welcher den Gegensatz zwischen 
Aemilius und Terentius und die Überstimmung des ersteren 
im Kriegsrate ins Grelle ausmalte, konnte es nicht passen, 
dafs die neuen Feldherrn sich gar nicht von Anfang an 
Hannibal gegenüber befanden, und dafs es sich für sie 
darum handelte, ihn aufzusuchen oder nicht. Weit dra- 
matischer war es, wenn Hannibal erst nach ihrer Ankunft 
aufbrach und die Römer plötzlich vor die Frage gestellt 
wurden, ob sie ihm folgen sollten. Und indem er so 
die Konsuln zuerst bei Gereonium Hannibal gegenüberlagen! 
liefs, beschrieb er auch die Verteilung und Verwendung der 
römischen Streitkräfte gegen den Feind schon vor Gereo- 
nium so, wie sie in Wahrheit erst beim Eintreffen 
vor Cannae angeordnet wurde, und begnügte sich spä- 
ter mit einem: sicut ante copiis divisis. 



1) Wenn ich mit dem Hinweis darauf und auf die sinnliche 
Bedeutung von cemo früher auch den Ausdruck: dimidia parte 
auctas, rechtfertigen wollte, so war die Mühe unnötig. Auch S. 167 
Anm. begegnete eine Verwechselung von halbmalsoviel und noch- 
malsoviel. 



VoTTÜcken der Konsuln naoh Cannae. 331 

■ ■ ■ — I 

Wie stellte, bleibt mm nocli zu fragen, dieser Schrift- 
steller den Aufbruch Hannibals dar? — liv. c. 43, 3 be- 
schreibt, wie im karthagischen Lager der Mangel herrscht 
und Hannibal wegen der steigenden Unzufriedenheit seiner 
Truppen und der zum Abfall neigenden Stimmung der Spa- 
nier auf allerlei Pläne verfällt, sogar auf den, mit der Rei- 
terei allein nach Gallien zu entfliehen, i) Endlich beschliefst 
er, sein Heer aus der verführerischen Nähe der Römer in 
die wärmeren Gegenden Apuliens zu führen, in denen auch 
die Ernte früher reift. Unter Zurücklassung von Wacht- 
feuern und Zelten auf der dem Feinde zugekehrten Seite 
bricht er nachts auf. Die Römer werden jedoch aufmerksam 
und erkunden durch eine Streifpatrouüle unter dem Lukaner 
Statilius den Abzug des Feindes. Darauf Debatte im Kriegs- 
rat. Die Mehrheit entscheidet für Yarro und der Marsch ad 
nobilitandas dade Romana Cannas urgente fato wird ange- 
treten. Aus dem Plural: satis exploratis itineribus sequentes 
Poenum, ersieht man, dafs nach der Quelle, wie auch nach 
Polybios, mehrere Tagemärsche zurückzulegen waren. 

Hier ist das Gesuchte. So wurde es erreicht, dafs 
der Zwist gleich anfangs hervortritt, prinzipieller Natur ist 
und unter aufregenden Umständen entschieden wird. 

Zugleich enthüllt sich, was der Leser von Anfang an 
vermutet haben wird, dafs Coelius es ist, der die nach 
Polybios herrschende Umgestaltung der Überlieferung vorge- 
nommen hat. Die wankende Treue der Spanier soll natür- 
lich durch die Kunde von dem gewinnenden Verhalten der 
Scipionen in ihrer Heimat hervorgerufen sein. Erwähnung 



1) So schon c. 32, 3 kurz nach dem namentUchen Oitat des 
CoeUxiB. 



332 Dritter Abaehiiitt. 



verdient das nicht häufige Wort peditatiis und die iSeneca 
Quaest Nat. Y 16 hervorgehobene altlatcinische Bezeichnung 
des Eurus durch Yolturnus.^) Endlich ist die Maschinerie 
dieselbe, welche Coelius (nicht aber Antias) beim Aufbruch 
Ilannibals nach Etrurien spielen liefs. 

Eine Umarbeitung dieser Darstellung hat nun 
wieder Antias vorgenommen, auf welchen Appian und 
das in die Cölianischen Kapitel eingeschobene Stück Liv. 
c. 40, 8 bis c. 42, 1^) zurückgeht Appian macht den 
Marsch nach Cannae kurz ab. Die Konsuln mit dem Heere 
iötpatoTtidevov afxqn xooßx^ rtvi xaXovßiiv^ Kdvvaiq, 
xal kvy{ßa<5 avtot<s avteötpatoTceSsviv. Dort, bei 
Cannae also, geht es nun ganz ähnlich her, als nach 
Coelius bei Gereonium. Die Lage Hannibals wird ganz wie 
bei Coelius geschildert, auch der unzuverlässigen Spanier 
besonders gedacht. Wenn die Römer, sagt Livius, sich nur 
noch einige Tage ruhig verhalten hätten, wäre Hannibal 
in die gröfste Verlegenheit gekommen. Bei Livius ist diese 
Bemerkung natürlicli unsinnig, da er nach Coelius die Ueero 
noch bei Gereonium stehen, Hannibal bald darauf abziehen 
läfst, den Römern also das Ruhigverhalten nichts genutzt 
hätte. Weiter: 



Liv. c. 41: 
Ceterum tomoritati 
consulis ac praepropero 
ingenio materiam etiam 



Appian c. 18: 
o ^AvvLßas rdis X^p- 
toXoyovötv avtav t) 
^vXavoßiivois^ iitiri^i- 



Zonar. P. 417 D: 

xai Övv oXlyois ftpos- 

TteXdöas avrdoy rtß 

ipijßiari, inei ixSpo^tn 



1) Die Notiz samt dem Ausdruck wird c. 46, 9 inmitten der 
rolybiauischen Schlachtbosch rcibung wiederholt. 

2) Als Dubletten hat auch Lutcrbachor in seiner Dissertation 
beide Erzählungen, wohl unabhängig von mir, erkannt. Doch hält 
er die von mir als Cöhanisch erwiesene Version für die abgeleitete. 



Vorrücken der Konsuln nach Cannae. 



333 



fortuna dedit, quod iD'/ifvos" virexplveto ^-^iyirero, kxcov vxexo^ 
pix>hibendi8 praedato- rdö^at. \prj6ey .... xov Sk 

ribus tumultuario proe- IlccvXov rdis oIxeIois 

lio ac procursu magis ötpottuDzai^ iicidxoy- 

militom quam ex prae- ros rtfv Sloo^tv u. s. w. 

parato aut jusso im- 
peratorum orto haud- 
quaquam par Poenis 
dimicatio fuit. ad miUe 
et septingenti caesi non 
plus centum Roniano- 
rum socionimque occi- 
sis. cetenim victoribus 
efPuse sequentibusmetu 
insidiarum obstitit Pau- 
lus consul, cujus eo die 
— nam altemis im- 
peritabant — imperiuiii 
erat, Yarrone indignante 
u. 8. w. 

Livius' Erzählung hat dadurch nicht gewonnen, dafs er 
sie mit einem Nebensatz beginnt. Zimächst denkt man, dafs 
karthagische^) praedatores angegriffen werden, weil einem 
noch das logische Subjekt des Hauptsatzes (consul) vor- 
schwebt. Es ist aber an das logische Subjekt des Neben- 
satzes selbst (Poeni) zu denken, wie der Vergleich mit 
Appian lehrt Auch konnte man sich pliindernde Karthager 
nicht so in der Nähe der Römer denken, dafs die Soldaten 
ohne weiteres auf sie loslaufen. Verständlicher ist es, wenn 
Hannibal zur Verhinderung von römischen Beutezügen 
dem römischen Lager so nahe kommt, dafs dies eintreten 
kann. Antias scheint durch sein Bestreben bei der absicht- 



1) So bemerkt Wölfflin ausdrücklich: der Karthager. 



334 Dritter Abschnitt. 



liehen Schlappe Hannibals auch noch echten Kriegsruhm für 
die römische Nation einzuernten, einen zwitterhaften Bericht 
geliefert zu haben, ein Mifsgeschick, welches ihm oft begeg- 
net ist. Darauf weist die etwas verschiedene Auffassung 
des Livius und Appian hin. 

Dio mufs hier aus derselben Quelle geschöpft haben, da 
er ganz mit Appian und Livius stimmt; und Coelius, der 
vorher Hannibal an Flucht denken und nachher wirklich nächt- 
licherweile entweichen läfst, wird gewifs nicht in der Mitte 
erzählt haben, dafs er die Kampflust des (Jegners köderte. 
Da nun auch Zonaras Hannibal absichtlich zurückweichen 
läfst, so ist es Livius, der die in der Quelle nur angedeu- 
tete ruhmvollere Auffassung in den Yordergrund gestellt hat 

Dann folgt bei Livius und Appian der nächtliche Aus- 
zug Hannibals, aber gegen Coelius wesentlich verändert. 
Hannibal verfolgt nicht den Zweck wirklich zu entkommen, 
sondern die Römer glauben zu machen, dafs er dies 
wolle, sie ziur Plünderung seines Lagers und zur Ver- 
folgung zu verleiten. Nebst den Zelten und Wachtfeuern 
werden daher auch alle Kostbarkeiten und zwar recht öflFent- 
lich daliegend zurückgelassen, und das Gepäck wird durch 
ein Thal abgeführt, zu dessen beiden Seiten der Hinterhalt 
lauert. Der Lukaner Statilius rekognosziert nicht den ab- 
ziehenden Feind, sondern das verlassene Lager. Seine Mel- 
dung hat ein ungestümes Drängen der Soldaten zur Folge. 
Yarro befiehlt den Aufbruch. Da meldet Paulus ihm, dafs 
die Hühner nicht fräfsen, und Yarro kehrt um, weil ihm 
des Flaminius^) imd Claudius Pulcher Unglück vor Augen 



1) Also hat wohl auch Antias das uns aus dem Coeliusfragment 
bekannte, von Livius weggelassene auspicium ex tripudiis des Flaminius 
gehabt. 



YorrUcken dor Konsuln nach Gannae. 335 

steht Zwei den Karthagern entflohene Gefangene kommen 
an und entdecken die ganze List. Hannibal kehrt in 
das verlassene Lager zurück. 

Hier endigt das Mnschiebsel bei Livius. Den Schlufs 
der ganzen Geschichte, in welcher das Auspicium diuxjh den 
nichtkommandierenden Konsul unerhört ist, entnehmen wir 
Appian. Er ist analog dem bei Coelius. Varro, unbelehrt, 
eilt noch in Waffen in den Kriegsrat und setzte unterstützt 
durch das Toben der Soldaten,^) seine Meinimg durch, die 
natürlich hier nicht „dem Feinde folgen" sondern „schlagen" 
heifst. 

Das Hauptmotiv zu der soeben in ihren Umrissen ge- 
zeichneten Umarbeitung wird sein, dafs Valerius in seiner 
Art die Thorheit des Varro haarklein und handgreiflich 
beweisen wollte. 

Dafs Livius die Identität der beiden Berichte nicht er- 
kannte, oder wenn ja, dennoch keinen von beiden missen 
woUte, sondern sie ziemlich ungeschickt*) verband, ist stark. 
Dennoch hat seine Kombination vor Dies Augen Gnade ge- 
funden. Während dieser nämlich noch das letzte Gefocht 
selbständig aus Antias schöpfte, folgt er jetzt offenbar Livius. 
Denn ganz ihm gleich berichtet er erst den fingierten Aus- 



1) Ob dieser Zug schon bei Coelius vorkam, also von Livius 
c. 43, 8 ausgelassen ist, bleibt zweifelhaft. 

2) Statt: um nun wirklich zu entkommen, bricht Hannibal das 
zweite Mal auf: ut insidiarum par priori metus contineret Romanus. 
Also: die Römer sollen es zwar merken, aber denken, dafs er die- 
selbe List nochmals versuche! Wir haben da offenbar nicht Quellon- 
mälsiges, sondern eine der oberflächUchen Wendimgen vor uns, mit 
denen Livius Auffälligkeiten zu bemänteln pflegt. Vgl. beispielsweise 
VIII 16, 1; XXX VIII 58. 



336 Dritter Abschnitt. 



marsch Hannibals und das Einschreiten des Paulus gegen 
seinen Kollegen, dann den Cölianischen wirklichen Abzug 
nach Caniiae. Oi 5' vnarot bgo^bv ksvov aydpdov iSov- 
reg avtov ro x^P^^^H'^ Ttpdotov /ihr iTtiöxov ivedpsv- 
söSrat d6Sayte<s, elta //e^' rjfjiipa^ 7tpo<s rag Kdvva<s 
atplxovto. Dio hatte übersehen, dafs Livius, freilich nur 
mit den Worten exploratis itineribus, mehrere Märsche an- 
deutete. Femer ist gleich darauf irrtilmlich die Detaschierung 
des kleineren Lagers als Trennung der Konsuln aufgefafst. 
Ein Aberwitz Dies selbst ist wohl auch, dafs Hannibal das 
Schlachtfeld zur mehreren Erzeugung von Staub gepflügt hat. 
Nach* Pol. ni 110 schlugen die Konsuln selbst am 
linken Ufer des Aufidus ihr grofses Lager auf, wohl ziem- 
lich nahe Cannae, ein kleineres detaschierten sie ostwärts') 
jenseit des Flusses, um das andere Ufer den feindlichen 
Fouragierem streitig zu machen. C. 111: Hannibal aber 
verlegte alsbald sein Lager auf das nördliche Ufer. C. 112: 
Dort bot er am zweiten Tage darauf vergeblich die Schlacht 
an und beunruhigte durch die über den Flufs streifende Reiterei 
das kleine Lager. Yarro, der am näclisten Tage komman- 
dierte, nahm die Sclilacht an, aber auf dem südlichen Ufer, 
zu welchem Zweck beide Teile den Flufs überschritten. 



1) Wenn hinzugefügt wird: rij^ ßikr iSia^ napeußoXijs Ttspl 
Sixa örädt' dnoöxoovy xijs ö^ vnevavxioov ßitxpa jtXetov^ so kann 
man es sich ebensowohl denken als mittleren Punkt auf einer west- 
östlichen Linie, wie als (östlich gerichtete) Spitze eines etwa gleich- 
schenkUgen Dreiecks. Letzteres empfielilt sich, weil damit das 
Schlachtfeld östlicher, nicht auf die Berggruppe von Cannae kommt; 
ut nova minora essent propius Hannibalem, heifst seinem eigent- 
Hchen Sinne nach doch auch nur: so dafs das detaschierte Lager 
Hannibal belästigte. 



Die Schlachtberichte dos Polybios und Appians. 337 

Wie andre Berichte über diese Yorgänge gelautet haben, 
steht dahin. Aus Appian ist nichts zu entnehmen. Livius 
aber scheint schon von c. 44, 4 an Polybios zu folgen. Der 
Quellenwechsel hat zur Folge gehabt, dafs auch bei Livius die 
Schlacht von Hannibal beim grofsen Lager angeboten wird, 
aber ohne vorherigen Flufsübergang. Den Ausschlag für den 
Entschlufs der Eömer giebt wie bei Polybios die Beunruhi- 
gung des kleinen Lagers diurch die hinübergesandten Numi- 
der. Die vorausgeschickte Schilderung der Lage aber § 2 — 3 
ist sichtlich aus der folgenden Erzählung erschlossen. 

Die Polybianische Schilderung der Schlacht, die einzig 
brauchbare, will ich nicht analysieren^), sondern nur später 
bei der Untersuchung der Livianischen erwähnen, was nötig 
ist. Bei Appian ist die Schlacht nicht wiederzuerkennen. 
C. 20 — 23 ist eine Aufeinanderfolge von Strategemen, deren 
zunächst drei gezählt werden. Das erste ist die Berechnung 
des Sturmwindes. Zweitens lauem Leichtbewaffnete und Rei- 
ter im Hinterhalte und stürzen hervor, nachdem die Eömer 
durch verabredetermafsen fliehende Scharen dorthin gelockt 
sind. Endlich sind 500 Keltiberer angewiesen überzulaufen 
und dann mit verborgenen Dolchen die Römer im Rücken 
anzufallen. Dieselben Kriegslisten zählt Zonaras auf. Appian 



1) H. Delbrück: Die Manipularlegion u. d. Schlacht bei Cannae, 
Hermes XXI S. 65 fF. Dafs die Vernichtung eines so tüchtigen Heeres 
durch eine Minderzahl, mit grofser Sicherheit durch Hannibal voraus- 
berechnet, eine arge taktische Unerfahrenheit der Eömer voraussetzt, 
wird jeder zugestehen. "Weitere Schlulsfolgerungen scheinen mir un- 
sicher, auch die Polybianische Beschreibung von Hannibals Manöver 
mit dem Zentrum zu dem Behufe nicht detailliert genug. Die Haupt- 
sache bleibt immer die gewaltige Überlegenheit und brillante Ver- 
wendung der karthagischen leichten sowohl als schweren Reiterei. 
Ilossolbarth, histor. - krit. Untersuch. 22 



338 Dritter Abschnitt. 



kommt bei der Schluisbetrachtuiig durch Zerlegung der zwei- 
ten in ihre zwei Teile auf die Zahl vier; aufserdem redet 
er von Cberflügelung durch die Reiterei. Die Kommandos 
sind bei ihm ganz willkürlich verteilt. Die drei römischen 
Kommandierenden haben je 1000 auserlesene Heiter, ander- 
seits Hannibal 2000 und Maharbal 1000 als Beserve um sich. 
Dafs Appians Gewährsmann mit diesen Hülfsmitteln eine 
ansehnliche Reihe von Eampfszenen veranstaltet hat, läfst 
sich denken. Zonaras spricht davon, dafs 6 jirvißag xata 
TtpogcDTror övv toig tTtTCsvöt TtpogißitSs, und gegen den 
linken Flügel der Römer müssen bei Appian Hannibal und 
Maharbal mit ihren Reitern zugleich einstürmen. Die haupt- 
sachlichste Verwendung aber scheinen diese Scharen in dem 
Schlufsakt gefunden zu haben. Nachdem nämlich endlich 
der rechte und der linke Flügel nach den beiden Lagern zu 
geflohen sind, spielt sich c. 24 im Zentrum um Servilius, 
der sich dahin begeben hat, und Aemilius noch ein be- 
sondrer Kampf ab, in welchem die Reiter abgesessen 
gegen die feindliche Kavallerie kämpfen. Erst nachdem beide 
Führer gefallen, bricht der Rest durch teils nach den bei- 
den Lagern, wie die erste Masse der Flüchtigen, teils in die 
Wälder. 

Livius giebt anfangs einfach Polybios wieder und bietet 
bis an c. 48 wenig Anstofs. Dafs Maharbal statt Hanno ge- 
nannt wird, kann sowohl Yerwechselimg als absichtlicher An- 
schlufs sei es an Yalerius oder Coelius (man denke an das 
spätere ^Yincere scis' des magister equitum Maharbal) sein. 
Die Notiz vom Wind Yoltumus ist wiederholt, und: Galli 
super umbilicum erant nudi, ist ein wohl Wichtiger 
Zusatz; auch die Hosen pflegten die Gallier abzulegen, vgl. 
Pol. n 30, 1. Dann ein unbestreitbarer Übersetzungsfehler. 



Livius zusammengeflickt. 339 



Bei Polybios kämpfen die Eeiter Mann gegen Mann övfi- 
TtXeKOfisvot Hat ävöpa, indem sie vom Pferde steigen. 
Liv. c. 47, 3: vir virum amplexus detrahebat equo! 

C. 48 aber beginnt die Einwirkung von Yalerius Antias. 
Aus ihm flicht Livius die verlockende List vermittels der 
500 Überläufer ein, die er freilich greulich zurichtet. Bei 
Yalerius waren es Keltiberer i) , welche zum linken Flügel 
(auf den Flügeln stehen bei Appian Reiter und leichtes 
Fufsvolk) überlaufen und, von Servilius hinter die Front 
geschickt, mit ihren Dolchen hinterrücks angreifen. Livius 
mufs zunächst notgedrungen 2) die Keltiberer in Numider ver- 
wandeln. Den Servilius darf er auf dem linken Flügel auch 
nicht nennen, also passivisch: accepti . . . jubentur. Dafe 
die Numider keine andre Waffen als "Wurfspiefse führten, 
scheint ihm und sogar Frontinus, der ihm 11 5, 25 nach- 
erzählt, nicht beigefallen zu sein; er spricht von parmae, 
loricae und jacula. Aber es kommt noch schlimmer! Warum 
hast du, armer Livius, auch nicht bedacht, dafs der römische 
Flügel ebenfalls nur aus Kavallerie besteht? Was bleibt 
übrig als die Überläufer nach dem Zentrum abführen 
zu lassen, damit sie Gelegenheit bekommen auf terga 
und poplites einzuhauen! Dann war freilich die mifsliche 
Umwandlung der Keltiberer in Numider vergebliches Mühen, 
die Beziehung auf den Flügel ist ganz verloren gegangen, 
und der Anfang des Kapitels: Jam et sinistro cornu . . . 



1) Vergl. was sowohl CoeUus als Valerius vorher über deren 
wankende Treue gesagt hatten. 

2) Hierbei trage ich nach , dafs nach Wölfflins Bemerkung auch 
c. 24, 6 Numider aus blofser Liebhaberei den Xoyxo^popot dos Poly- 
bios bei einer List untergoschoben sind. 

22* 



340 Dritter Abschnitt. 



oonsertum proelium erat . . . a Pimica ooeptum fraude, schwebt 
in der Luft! Selten wohl ist Livius so arg hineingefallen. 

Indem er sich zu Polybios zurückwendet, widerfalirt ihm 
bei dem Hauptwendepunkte der Schlacht ein gröbliches Mifs- 
verständnis. Nachdem Hamilkar mit seiner schweren Reiterei 
den rechten römischen Hügel ^) aufgerieben hatte, brachte er 
durch seine blofse Annäherung vom Rücken her auch den 
linken zum Weichen, gegen welchen die Numider nichts 
hatten ausrichten können. Sofort schwenkte Hasdrubal, die 
Verfolgung den dazu hervorragend geeigneten Numidern über- 
lassend {TtapiöooKe) , rechts gegen den Rücken der Legionen 
ein und entschied so die Schlacht^). Livius, das Ttapiöcoxs 
von einem wirklichen Befelü verstehend und das Yorherge- 
gangene nicht beachtend, glaubt durch Zusätze der Stelle 
aufhelfen zu müssen: Hasdrubal, qui ea parte praeerat, 
und: subductos ex media acie Numidas . . mittit. Livius 
hat dann manche Neuere irre geführt, z. B. auch WölfFlin, 
wenn er von der „Übernahme des Kommandos durch Has- 
drubal" imd der „nunmehr vereinigten Kavallerie" spricht. 

Nach dem kombinierten und zwiefach mifsratenen c. 48 
springt Livius mit beiden Füfsen^) in die Darstellung des 
Yalerius hinein. Der Quellenwechsel zeigt sich in mancher- 
lei Widersprüchen. Dafs Paulus gleich zu Beginn der Schlacht 



1) Wohl nicht aus eigner Idee, wie Polybios meint, sondern 
nach einer Direktive des Oberfeldherm. 

2) rovs ntpi xov nora^ov inneis, wo WölfPhn nach einer mir 
mitgeteilten Vermutung nach Analogie von c. 115, 4 Ttapd herstellt. 

3) Dafs also den verfolgenden Numidern nur Varro mit 70 Rei- 
tern entkam, erfahren wir nicht. Erst nachträgHch c. 49, 14 und 
c. 50, 3 erwähnt er die Sache, statt 70 ungenau 50; was dann XXUI 
11, 9 wiederholt wiixl. 



Livias zusommongefllckt. 341 



von einer Schleuder getroffen worden, sowie daXs er jetzt 
noch eine Bedeckung römischer Eeiter hat, stimmt nur zu 
dem Bericlit Appians, wo er von Anfang an das Zentnim 
befehligt, aber eine Reiterreserve hat. Ein Kreuz der Aus- 
leger und in der That aus Livius heraus gar nicht zu er- 
klären sind auch die ersten Worte: Parte altera pugnae, da 
sie eine sei es örtliche sei es zeitliche Zweiteilung voraus- 
setzen, wofür nicht der geringste Anhaltspunkt bei Livius 
zu finden ist. Nun habe ich eine Erklärung, welche, wenn 
sie Beifall findet, wohl eine schöne Bestätigung meiner An- 
sicht über die Quellen genannt werden darf. Bei Appian 
hebt sich ja von der Hauptschlacht mit der ersten Flucht 
gerade das hier Erzählte als ein zweiter Kampf aufs deut- 
lichste ab. Wie also, wenn Livius den Ausdruck, ohne viel 
nachzudenken, aus Antias übernommen hätte und in: quam- 
quam primo statim proelio funda graviter ictus fuerat, 
der Gegensatz und die Erklärung zu suchen wäre! Es 
liätte etwa in der Quelle gelautet: „In dem zweiten Teil 
der Schlacht kämpfte Paulus tapfer, der während des 
ersten Kampfes durch einen Schleuderwurf kampfunfähig 
gewesen war." Die rührenden letzten Worte des Paulus, die 
auf die Rede des Fabius Maximus in Rom bezug nehmen, 
mögen von Livius selbst henühren. 

Bevor wir die Quellengemeinschaft zwischen Livius und 
Appian weiter ans Licht ziehen, müssen wir sehen, welches 
nach Polybios die Ergebnisse des fiu-chtbaren Ringens waren; 
und das hat seine Schwierigkeit. Polybios giebt bei der 
Schlachtauf steUimg beider Teile c. 113, 5 auch ihre Stärke 
an imd zwar die der Römer auf 80000 z. F. und wenig 
über 6000 z. Pf. (so dafs also die Reiterei noch nicht zwei 
Drittel der Sollstärke erreichte). Polybios hat dabei offenbar 



342 Dritter Abschnitt. 



die 10000 Mann Lagerbesatzung, von welcher er erst viel 
später spricht, ungenau eingerechnet; denn überkomplett kön- 
nen die Legionen nicht gewesen sein. 

Forschen wir nun nach dem Verbleib dieser Armee, so 
ist erstlich zu konstatieren, dafs in der Schlacht selbst 
keine Gefangene gemacht wurden. Den römischen 
Rittern wurde kein Pardon gegeben, so dafs nur ganz wenige 
übrig blieben c. 115, 4; die bundesgenössischen wurden 
„gröfstenteils" getötet „ein andrer Teil" von den Pferden ge- 
stürzt, so dafs nur 70 nach Venusia entkamen c. 116, 12; 
das Fufsvolk wurde nach der Umzingelung ganz niederge- 
macht c. 116, 11. Daher von den 8000 Gefangenen, um 
deren Auslösung man nachher verhandelt YI 58, ausdrück- 
lich angegeben wird, dafs es die nach der Katastrophe ge- 
fangene Besatzung des grofsen Lagers gewesen sei. 

Mit der Thatsache, dafs in der Schlacht selbst keine Ge- 
fangene gemacht wurden, stimmt auch die zweite Hälfte 
von c. 117 ganz wohl zusammen. § 7: oi öh ^Goypr/Sfiv- 
rsg tcav ^PcoßjLaiaay intog iyiyovro tov xtvSvvov xatd 
rtra (so Hultsch; die Hdschrr.: xal Sta) rotavtTjv airiav. 
Aemilius habe in seinem Lager 10000 z. F. zurückgelassen, 
die eine Diversion gegen das feindliche Lager machen sollten; 
von diesen seien 2000 getötet, 8000 in ihr Lager zurück- 
geworfen und gefangen. § 12: Desgleichen zwangen die 
Numider tovg iTtl ra xara rrpr x^P^'^ ipv/iara^) 
Öv/jL7tB^Bvy6rag zur Ergebung und brachten sie zurück. 
ovra<s si^ St(SXt\iov(S tdov eig (pvyfjv rpanivroov In- 
nicov. In diesen haben wir wesentlich die demontierten 



1) Nach Livius und Appian wurden 2000 Flüchtige von Car- 
thalo im Dorfe Cannae gefangen genommen. 



Die römischen Verloste. 343 



bundesgenössischen Eitter "wiederzuerkennen. Sie gerade hat 
Hannibal gewifs entlassen, und es wundert uns also nicht, 
von ihnen bei der Verhandlung über den Loskauf nichts 
zu hören. 

Im Anfang des Kapitels heifst es nun aber in unserm Texte: 
fJidtxV y^yyociordrovfs ävSpag ?^ovtfa xal rov<s viurjöav- 
ta<s xal tov^ fjrrT/^ivta<s. (2) örjXov Sh tovr^ iyivsto 
iS avrdov rcbv npay^arafv. tdöv /xiv yap iSacxt^x^Xicov 
iTtTticav IßSoßir/xovta fikv el^ OvBvovöiav jxsta Fatov 
Sti<ptjyoVy TtBpi tpiaxoö{ov<s Sh tdßv öv^^dxo^ önopd- 
öe? el<s td<s 7c6X6i<s iöoo^rjöav. (3) ix Sh röbv Tte^dov 
ßjLaxoßjLeyot ßihv idXoDÖav sig fivplovg, ol ö' ixtog ovte^ 
tr/^ ßjidxrfg, iS avrov öh rov xtvövvov tpigxi^ioi /jlovov 
iöcog ei^ rag Ttapaxstßiivag TtoXetg 6ii(pvyov, (4) ol Sh 
Xoinol Ttdvteg, ovteg elg inrd /ivpidSag, dni^avov 
evysvcog, § 3 könnte nur dahin verstanden werden, dafs 
10000 in der Schlacht selbst gefangen wären, dazu andere 
nachträglich. Man sieht, dafs dies unmöglich ist, und dafs 
die 10000 vielmehr sich aus den 8000 im Lager Gefangenen 
und den 2000 eingebrachten Eeitem zusammensetzen. Dann 
ist aber /jLaxo/jLevot idXcoöav falsch i) und in der Verbin- 
dung mit ix Sh rcov Tts^ddy erst recht unmöglich*). Der 
Zusammenhang erfordert etwa folgendes: ix Sh rcov Tte^dov 
iS avrov rov xivSvvov rpi^x^X^oi /lovov iöoog slg rag 
TtapaxsipLivag TtoXeig Sii(pvyov. ol d' ixrog ovreg rrjg 



1) Ich verweise auch auf Plutarch unten S. 349. 

2) Deshalb hilft es wenig, das auch anstöfsige ol d' ixt 6s 
oYxes rijs ßdxTf^, wie ich in meiner Dissertation vorgeschlagen und 
Büttner -Wobst aufgenommen hat, in ov d' ixtos ovtes tijs ficcxrfs 
zu verwandeln oder gar die Worte, welche durch § 7 gestützt wer- 
den, zu streichen. 



344 



Dritter Absuhnitt. 



M^XV^ ^d'kooöav si(S fJLvpiovts. oi dl XoinoX navXBts u. 8. w. 
Man müfste also Verstellung zweier Zeilen des Archetypos 
und Interpolation von ßÄaxo/jievot fjiiv (dem ol d' iKtog zu- 
liebe) und von Si annehmen, welch letzteres übrigens in 
einer Handschrift fehlt. 

Es sind also nach Polybios entflohen niu: circa 3000 z. F. 
+ 370 Reiter, nachträglich gefangen 10000, gefallen etwa 
70000. Mit der GesamtzifFer von etwa 80000 z. F. und 
GOOO z. Pf stimmt dies völlig genügend. 

Abweichend hiervon, aber mit einander, wie ich meine, 
wohl vereinbar sind die Daten von Appian und Livius: 





Appian 
c. 24—26: 


Liv. 
c. 49: 


In das kleine Lager fliehen: 


5000 


7000 


In das gro&e „ „ i) 


10000 


10000 


Reiter fliehen aus dem letzten 






Kämpft) nach Cannae und 






werden gefangen: 


2000 


2000 


Tote: 


50000 1 


45,500 z. F. 
2,700 z. Pf. 


In der Schlacht gefangen: 


TToXi) nXij- { 


3000 z. F. 
1500 z. Pf. 



1) Dafs diese bei Appian den P. Sempronius an ihre Spitze 
stellen und sich durchscMagen, ist eine unerhebliche Ungenauigkeit. 
Nach Livius kommt derselbe mit 600 vom kleineren Lager herüber 
UDd schUefsen sich die vom gröfseren an. 

2) Dies steht der Identifizierung mit den 2000 bundesgenössi- 
schen Reitern bei Polybios nicht im "Wege] die Verwendung der 
Kavallerie war bei Antias eben eine ganz verschiedene. 



Die rumischen Verluste. 345 



Appian spricht noch von solchen, die in die Wälder ver- 
sprengt wurden. Seine Totalziffer war c. 17 — 70000 z. F. 
GOOO z. Pf., was mit den Einzelposten übereinkommt. 

Bei Livius fehlt die Stunde des Beginns und des Endes 
der Schlacht und die Ziffer filr den Gesamtverlust der beiden 
Kriegsjahre; dagegen giebt er, wo Appian mu: obenhin von 
vielen gefallenen Senatoren raSiapxoi re Ttavreg xal Xoxa- 
yoi spricht, Genaueres c. 49, 15 — 18: in his ambo oon- 
sulum quaestores L. Atilius et L. Furius Bibaculus, et unde- 
triginta^) tribuni militum, consulares quidam praetoriique 
et aedilicii — inter eos Cn. Servilium Geminum et M. Mi- 
nudum munerant, qui magister equitum priore anno, aliquot 
annis ante consul fuerat — octoginta praeterea aut senatores 
aut qui eos magistratus gessissent, imde in senatum legi debe- 
rent Die Periocha hat: caesa eo proelio Romanorum XXXXY 
milia cum Paulo consule et senatoribus LXXXX et consu- 
laribus aut praetoribus aut aediliciis XXX. Das aUes scheint 
mir in diesem Falle lediglich aus Livius geschöpft, imd die 
letztere Ziffer ist durch eine Lücke oder ein Mifsverständnis 
aus der Zahl der Tribunen hervorgegangen. Dann ist XXX 
also niur eine (schlechte) Yariante imd eine gewisse Bestäti- 
gung für die herrschende Lesung undetriginta. 

Selbständig hingegen ist Eutropius, ohne dafs diesmal 
die Quellenverwandtschaft mit Livius -Appian sehr deutlich 
wäre. Er bietet HL 10: In ea pugna HL milia Afrorum 
pereunt, magna pars de exercitu Hannibalis sauciatur. NuUo 
tamen Punico hello Romani gravius accepti simt. Periit enim 



1) Nach Gronow; der Puteanus hat: vigintiunudece. Von 48 
im ganzen sind 29 tote etwas wenig. Die vier Tribunen, zwischen 
denen c. 53 in Canusium gewählt wird, sind übiigens nur die bevor- 
rechteten tribuni a populo von den ersten vier Legionen. 



346 Dritter Abschnitt. 



in eo Aemilius Paulus consul, consulares aut praetorii XX, 
senatores capti aut occisi XXX, nobiles viri CCC, militum 
XL milia, equitum in milia et quingenti. Schlechte Über- 
lieferung und Konfusion, vielleicht in mehreren Stufen, 
haben sich hier vereinigt, das Ursprüngliche unkenntlich zu 
machen. 

C. 26 erzählt Appian weiter: evS^vg anh rov Ipyov 
tovg TTeöovrag irt^eiy ^bgo}jlbvo<5 Se rdov qjiXoov rovg 
apiörov<s ay^prj/jiiyovg S/jIOO^sv u. s. w. Daran klingen Li- 
vius' Worte deutlich an, wie sclion den Erklärem aufgefallen 
ist, c. 51, 5: Postero die ubi primum inluxit, ad . . . speo- 
tandam stragem insistunt, und c. 52, 6: ad octo milia fuisse 
dicuntur fortissimorum vironim. Aber Livius bringt dies 
freilich nicht wie Appian am Abend der Schlacht selbst 
Er stellt vielmehr vorweg den nächtlichen Durchbruch des 
Sempronius und die bekannte Ablehnung von Maharbals Yor- 
schlag, auf Rom zu eilen, durch Hannibal. Da nun gerade 
mit diesen beiden Erzälüungen fr. 22 und 25 des Coelius 
sich berühren, so ist es wohl möglich, dafs Livius hier zu 
Coelius abgeschwenkt ist und deshalb dann jene Besichti- 
gung des Schlachtfeldes, welche, wie Wölfflin richtig be- 
merkt, die Gier der Punier malen soll, viel weniger passend 
auf den nächsten Tag verschoben hat. Die Anekdote vom 
jungen Scipio Liv. c. 53 dünkt mich wenig wahrscheinlich. 
Da im 10. Buch des Polybios keine Bekanntschaft mit der- 
selben hervortritt, wohl aber Dio Cass. fr. 57, 29, welche 
Stelle sonst von Livius unabhängig ist, da ferner Appian eine 
etwas andere Version hat c. 26, ist sie mit einiger Wahr- 
scheinlichkeit Coelius zuzuschreiben. 

Das Ergebnis der vorstehenden Prüfung ist, daJs Livius 
den zweiten Teil seiner Schlachtbeschreibung wohl Valerius 



Plutarch. 347 

allein verdankt — daher auch bei den Hauptzahlen zweimal 
dicuntur — weiterhin aus ihm und Coelius kombiniert. 

Es ist Zeit, wieder einen Blick auf Plutai^oh zu werfen. 
Dafs er in c. 14 die Reden des Varro, Fabius und Aemilius 
lediglich aus Livius geschöpft hat, wissen wir bereits. Mit 
Ausnahme einer eingeflochtenen Anekdote über Hannibal gilt 
dasselbe von der Schlacht von Cannae c. 15 — 16. Nachdem 
Plutarch das Manöver beschrieben, vermöge dessen Hannibal 
das römische Zentrum von beiden Seiten fafste (mit der näm- 
üchen Übertreibung oTtiö^sv övyKXsiovtag wie Livius), 
schildert er den letzten Kampf um Paulus. Bei dieser Qe- 
l^enheit läfst sich Plutarchs Yerhältnis zu Livius und durch 
Yergleicliung Appians auch Livius' Yerhältnis zu seiner 
Quelle beobachten. Bei Appian springen zu Beginn dieses 
„zweiten Kampfes" die Reiter samt dem Feldherm von den 
Pferden, sichtlich auf dessen Befehl zur Anfeuerung der Sol- 
daten. Die Bravour bringt dem Konsul und den Seinen 
den Untergang. Livius verdirbt die Geschichte: omissis 
postremo equis, quia consulem et ad regendum equum vires 
deficiebanti Dafs jemand an Hannibal meldet: jussisse con- 
sulem ad pedes descendere equites, klingt nun eigentiich wie 
ein Mifsverständnis, was es doch keineswegs sein soll, und 
in Hannibals Worten: quam mallem, vinctos mihi traderet 
(Gemütlicher war's doch, er lieferte sie mir gefesselt), wird 
demnach die Pointe nicht recht fühlbar. Plutarch versteht 
natürlich nicht i) und legt sich aufs Raten, was er übrigens 
durch zugesetztes co<s ioixe andeutet; in einem Mifsverständ- 
nis sucht er den Angelpunkt. Der Konsul scheine vom Pferde 



1) Auch Vollgraff nicht a. a. 0. S. 11: Plutarch sheds a new 
Ught on the uninteUigible excerpt of Livy. 



348 Dritter Abschnitt. 

abgeworfen zu sein und das Absitzen seiner Begleiter sei 
irrig als Befehl zum Absitzen an die Truppen auf- 
gefafst worden, worauf Hannibal gesagt habe, das sei 
ihm lieber als wenn er sie ihm gefesselt überlieferte. Man 
sieht deutlich: Appian und Livius schöpfen aus einer Quelle, 
Plutarch geht bei letzterem zu Gaste. 

Erst hierauf kommt Plutarch zu dem Punkte der Schlacht, 
der einzig eine gewisse Beziehung zu seinem Helden Fabius 
Maximus hat, dem Ende des Paulus, und entschuldigt seine 
Abschweifung: aWa ravra ßjihv oi ta(S öteSodtHCKs ypcc- 
ipavreg lötopla^ aTrtjyyiXKaöt. Über den Sinn des selt- 
samen Ausdruckes ist viel gestritten worden, doch sichert 
der Zusammenhang den Sinn vollständig. Plutarch meint: 
die, welche zusammenhängende Geschichte^) schreiben (nicht 
Biographieen), also in diesem Falle Livius. 

Den römischen Verlust giebt c. 16 Ende Plutarch an 
mit Xiyovrai 6e Tteöetv = caesi dicuntur und zwar auf: 
50000 Tote (als ninde Zahl auch bei Livius mehrmals), 
4000 Gefangene (genau 4500) xal /Ä£ta tfjv /Aaxrjy oi 
Xri<p3^€vre(S in^ a/jL<porepot<s roi(S ötparoTtiöoig /zvpicov ovx 
iXdrrovg. "Woher dies letztere? Aus Livius kann man „nicht 
weniger als 10000" nicht gut herausrechnen. Denn bei ihm 
werden zwar die 7000 im kleinen Lager bis auf 600 ge- 
fangen, im grofsen dagegen nur die zurückgebliebenen Yer- 
wundeten und Feiglinge; und überhaupt sind es nachher ja 
8000 Gefangene. Plutarch hat gewifs, wie ich für c. 6 oben 
nachgewiesen habe, im Zweifelsfalle Polybios nachgeschlagen. 
Das spricht dann ebenfalls gegen das dort überlieferte piaxo/zs- 



1) Vgl. Dio Cass. fr. 2, 4: ^epov, otoo tcox av rj Sti^odos 
TTJs 6vyypaq}7js .... Ttpo^tvxv, xaxä xatpbv eipTjdezau 



Plntarch. — Die Gofangenon von Cannao. 340 

rot jxhv idXcoÖav el^ jxvpiovg und für das von mir vor- 
geschlagene Ol d^ inro^ ovreg tr/^ J^^XV^ sdXcoöav sig 
jivpiovg. 

Das Schicksal der Gefangenen von Cannae ist von jeher 
ein Lieblingsthema der römischen Tradition gewesen. Schon 
Polybios erzählt davon, bei Zusammenfassung seines Exkurses 
über das römische Staatswesen im sechsten Buche, zum Be- 
weise römischer Strenge mit ungewöhnlichem Pathos. Das 
Wesentliche seines Berichtes VI 58 ist dies: Hannibal ge- 
stattete ihnen, 10 Abgeordnete nach Rom zu schicken behufs 
Auslösung, nachdem dieselben geschworen, zu ihm zurück- 
zukehren. Einer von den Abgeordneten aber kehrte unter 
dem Vorwand, etwas vergessen zu haben, um und holte dann 
die andern ein. In Eom angelangt, flehten die 10 den Senat 
an iäöat tpeig /Ävag SKaötov xataßaXovta Öco^rjvat, 
sie seien ja unschuldig, abgeschnitten durch die Yemichtung 
des übrigen Heeres, in Feindes Hand geraten. Dennoch 
wurden sie unverrichteter Sache heimgeschickt, damit die 
Heereszucht nicht gelockert werde. Der eine aber, welcher 
zurückblieb, wurde gebunden dem Feinde ausgeliefert 

Etwas anders lautet die Geschichte bei einem unbekann- 
ten Gewährsmann GelL Noct. Att. YI 18. Die 10 erhalten 
von Hannibal den Auftrag, eine Auswechselung vorzuschlagen; 
wer mehr Gefangene zurückerhielte, solle IY2 ^^^' Silber 
für den Kopf zahlen. Der Eid lautet: redituros esse in ca- 
straPoenica, si Romani captivos non permutarent. Als dies 
eingetreten ist, suchen die Angehörigen sie zu bereden, dafs 
der Fall des postliminium vorliege. Acht erwidern, es sei 
kein justum postliminium, weil sie durch den Eid gebunden 
heimgekehrt seien. Zwei bleiben, weil sie in trügerischer 
Absicht unter irgend einem Vorwand umgekehrt wären und 



350 Dritter Abschnitt. 



rursum injurati abissent. Diese werden aber ihrer betrügeri- 
schen Schlauheit halber von allen verachtet und von den 
Censoren später gestraft omnium notarum et damnis et igno- 
minus. — Man sieht die Bemühung den Fall eklatanter zu 
machen. Eine Auswechselung ist nichts Ungewöhnliches und 
klingt viel unverfönglicher als Loskauf; dazu kommt, daüs 
der Preis um die Hälfte oder mehr^) erniedrigt ist. Zwei 
oder ein Betrüger war ziemlich gleichgültig; ersteres empfahl 
sich vielleicht, um die verschiedenen Grade der censorischen 
Rüge zu erschöpfen. Nur in einem Punkte erscheint die Ge- 
schichte auf den ersten Blick weniger erhaben, insofern näm- 
lich nicht der Senat den Bruch des Eides durch Auslieferung 
sühnt, sondern nur die nächsten Censoren von ihrem Eügerecht 
Gebrauch machen. Nun haben zwar Annalisten mehrfach aus 
edlen Handlungen einzelner Beamten förmliche Senatsbeschlüsse 
gemacht, um sie in ein Gemeingut ihrer Nation umzuwan- 
deln, so Yalerius in dem Geschichtchen vom verräterischen 
Arzt des Pyrrhos; die umgekehrte Operation ist befremdlich. 
Zu diesem Rätsel liegt der Schlüssel in dem veränderten 
"Wortlaut des Eides. Wenn freilich Hannibal so unvorsichtig 
gewesen war, die Abgesandten niu* zur Rückkehr in castra 
Poenica zu verpflichten — der Bedingungssatz verdirbt die 
Sache und ist sicherlich nicht quellenmäfsig — dann waren 
diejenigen, welche umgekehrt waren, formell im Rechte und 
ihres Eides quitt, dann war folglich ein censorisches Ein- 
schreiten immer noch ein Zeichen grofser Sittenstrenge. 



1) Es scheint Dämlich mit rpit^ fxväs wirklich griechisches Ge- 
wicht gemeint zu sein, da auch Livius aus römischen Quellen (Coe- 
Uus und Valerius) den Satz von 300 Donaren kennt; drei römische 
Pfund waren aber damals nur 3 x 84 Denare. 



Die Gefangenen von Cannae. 351 



Aber bei dieser Umformung der Tradition blieb es nicht. 
Cic. de off. m 32, 113 — 115: Sed ut laudandus Eegulus 
... sie decem illi, quos post Cannensem pugnam juratos 
ad senatum misit Hannibal, se in castra redituros ea quorum 
erant potiti Poeni, nisi de redimendis captivis impetravissent, 
si non redierunt, vituperandi. De quibus non omnes uno 
modo. Nam Polybius, bonus auctor imprimis — und nun 
dessen Bericht, dafs einer von den 10, als hätte er etwas 
vergessen, umgekehrt sei u. s. w. Dabei gleich Ciceros Be- 
urteilung des Falles; dann fährt er fort: Acilius autem, qui 
Graece scripsit historiara, plures ait fuisse, qui in castra 
reveiüssent eadem fraude, ut jure jurando liberarentur, eosque 
a censoribus omnibus ignominiis notatos. 

Livius femer giebt hinter seinem Hauptbericht, den wir 
zuletzt betrachten werden, folgende Yariante XXII 61, 5 ff.: 
Est et alia de captivis fama: decem primos venisse. de eis 
cum dubitatum in senatu esset, admitterentur in urbem necne, 
ita admissos esse, ne tamen üs senatus daretur. morantibus 
deinde longius omnium spe alios tris insuper legatos ve- 
nisse, L. Scribonium et C. Calpumium et L. Manlium. tum 
demum ab cognato Scribonii tribuno plebis de redimendis 
captivis relatum esse, nee censuisse redimendos senatum, et 
novos legatos tris ad Hannibalem revertisse, decem veteres 
remansisse, quod per causam recognoscendi nomina capti- 
vorum ad Hannibalem ex itinere regressi religione sese ex- 
solvissent. de iis dedendis magna contentione actum in senatu 
esse victosque paucis sententiis, qui dedendos censuerint. 
ceterum proximis censoribus adeo omnibus notis ignominiis- 
que confectos esse, ut quidam eonim mortem sibi ipsi 
extemplo consciverint, ceteri non foro solum omni deinde 
vita sed prope luce ac publice caruerint. mirari magis adeo 



352 Dritter Abschnitt. 



discrepare inter auctores, quam quid veri sit discemere 
queas. 

Aus ganz derselben Quelle endlich wie hier Livius hat 
allem Anschein nach Nepos geschöpft, über welchen Gellius 
a. a. 0. folgenden Zusatz macht: Cornelius autem Nepos in 
libro exemplorum quinto id quoque litteris mandavit, multis 
in senatu placuisse, ut hi qui redire noUent datis custodibus 
ad Hannibalem dedueerentur, sed eam sententiam numero 
plurium quibus id non videretur superatam. eos tamen qui ad 
Hannibalem non redissent usque adeo intestabiles invisosque 
fiüsse, ut taedium vitae ceperint necemque sibi consciverint 

Mir scheint aber, dafs auch schon Cicero bei Acilius in 
der Hauptsache dasselbe vorfand, was wir bei Livius in der 
Variante und bei Nepos lesen. Der Ausdruck plures ist doch 
gewifs nicht (im Anschlufs an den Unbekannten bei Gellius) 
auf blofs zwei zu deuten! Wenn schon bei Acilius zwai* 
die 10 sämtlich von der List Gebrauch machten, aber 
andere ihnen gegenübergestellt waren, so versteht 
man, warum Cicero zwar: plures, sagte imd nicht: omnes, 
aber dennoch: decem illi si non redierunt, schrieb statt etwa: 
decem illonim ü qui non redierunt. Lediglich eine üngenauig- 
keit Ciceros dürfte man femer wohl in der Angabe erkennen, 
dafe die plures alle auch unter dem Vorgeben, etwas Be- 
liebiges vergessen zu haben, umgekehrt seien; wenigstens ist 
die Motivierung bei Livius weit geschickter. Hingegen hat 
Livius wohl nur übersehen den zur Umgehung geradezu 
einladenden Wortlaut des Eides: se in castra redituros 
ea quorum u. s. w.; welcher Wortlaut übrigens dermafsen 
seltsam ist, dafs, wer so erzählte, ihn notwendig durch 
irgendwelche besondere Umstände motivieren mufste, worüber 
alsbald mehr. 



Die Gefttngenen von Gannae. 353 

Nur einen erheblichen Unterschied zwischen Acilius 
einerseits, der Version (ich vermute des Yalerius Antias) bei 
Livius und Nepos anderseits sehe ich als gewährleistet an. 
In letzterer wird ja auch im Senat die Frage erörtert und 
ein Antrag auf Auslieferung abgelehnt, was Cicero schwer- 
lich mit Stillschweigen übergangen hätte, wäre es ihm aus 
Acilius bekannt gewesen. 

Wir haben also nächst Polybios und dem schon einiger- 
mafsen tendenziösen Hauptbericht bei Gellius wohl zwei 
weitere Stufen der Überlieferung kennen gelernt Acilius, 
dem Cicero die Kunde von der doppelten Abordnung ver- 
dankt, ist auch aller Wahrscheinlichkeit nach — und von 
ihm oder seinem Bearbeiter Claudius erfahren wir auch sonst 
dergleichen — der Urheber dieser Mär, bei welcher rhetori- 
sches und patriotisches Interesse sowie das (refallen an 
Exemplifikationen auf Bechtsfragen ihre Bechnung fanden. 
Antias, in dem ich, vorbehaltlich der Kontrolle an Appian, 
den Gewährsmann des Livius und Nepos sehe, hat wesentlich 
wohl nur die Senatsverhandlimg über die Auslieferung der 
Zehn hinzugefügt; wenigstens was den bisher betrachteten 
Kern der Geschichte der Gefangenen betrifft. 

Es bleibt aber allerdings noch allerlei Beiwerk zu prüfen. 
Liv. XXn 52, 3 fiF. kapituliert das kleinere Lager: pacti, ut 
arma atque equos traderent, in capita Romana trecenis num- 
mis quadrigatis in socios ducenis in servos centenis, et ut 
eo pretio persoluto cum singiüis abirent vestimentis, in castra 
hostis acceperunt traditique in custodiam omnes sunt, seor- 
sum cives sociique (dann auch das gröfsere Lager: eadem 
conditione qua altera tradita hosti). Mir scheint mit dem 
technischen Ausdruck für freien Abzug: abire cum singulis 
vestimentis, und mit der ausdrücklichen Festsetzung, dafs 

Hesselbarth, histor. - krit. Untonach. 23 



354 Dritter Absohnitt 



Waffen und Pferde ausgeliefert werden sollten,^) nicht recht 
vereinbar, daüs die Besatzung doch einfach kriegsgefangen 
wird. Ich suche hier die Erklärung fOr den seltsamen 
Wortlaut des Eides der Zehn bei AcUius (und Yalerius): in ea 
castra, quorum potiti erant PoenL Bei diesen beiden war 
yennutlich die Sache so, dafe die Besatzung lediglich in 
ihrem eignen Lager nach Ablieferung der Waffen interniert 
wurde (in castra hostis acceperunt). ^) Die drei dagegen 
werden in dieser von kasuistischem (leiste durchwehten Dar- 
stellung anders geschworen haben, vielleicht überhaupt von 
den in der Schlacht selbst gefangenen 3000 ausge- 
schickt sein, mit einem Antrag, der auf Loskauf durch An- 
gehörige zielte, nicht auf Erlegung einer Abfindungssumme 
von Staats wegen. Letzteres würde auch die verschiedene 
Stellung, die der Senat von vornherein nimmt, noch besser 
erklären als die blofse Verwandtschaft des einen von den 
dreien mit einem Tribunen. 

Eine Modifizierung der Kapitulation des Lagers in der 
angegebenen Weise muijs, wie gesagt, für Acilius nach dem 
Wortlaut des Eides angenommen werden. Und dafs Yalerius 
auch hier ihm wesentlich gefolgt ist, davon scheinen mir 
eben bei Livius doch erkennbare Spuren vorzuliegen. Wenn 
es nur Spuren sind, so bedenke man, wie sehr gerade in 
dieser Partie bei ihm Cölianisches und Yalerisches neben 
einander liegt. 



1) Vgl. den sonst ähnlichen Fall der Besatzung von Casilinum 
Liv. XXin 19. 

2) Meinetwegen mag auch, wenigstens bei Yalerius, dem das 
ähnlich genug sehen würde, Hannibal gegen die Abrede Römer 
und Bundesgenossen getrennt und in Haft genonmien haben, jedoch 
erst nach Absendung oder wenigstens Yereidigung der Zehn. 



Die Geflugenen von Cannae. 355 

Ein Nachspiel aber zu der abgelehnten Auslösung der 
Gefangenen werden wir kennen lernen, wenn wir nun zur 
Probe auf unsere Yennutungen über Yalerius Appians Zeug- 
nis abhören. Es ist leider, wie so oft, dermafsen unvoll- 
ständig, dals wir über das für uns Wichtigste nicht auf- 
geklärt werden. Dies gilt zunächst von der Kapitulation 
des Lagers; Annib. 26 wird im Gegensatz zu dem Diux^h- 
bruch des Sempronius aus dem grofsen Lager einfach gesagt, 
dafs die im kleinen Lager gefangen wurden. Sodann wird 
c. 28, wo Appian auf die Sache zurückkommt, der Zehn und 
des Eides, den sie zu schwören hatten, gar nicht gedacht. 
Aber das ist durchaus seiner Methode gemäJs. An lang ge- 
sponnenen Verhandlungen kürzt er am liebsten. Was geht 
ihn, dem es nur auf die Ablehnung des karthagischen An- 
gebotes durch den Senat ankommt, die erste Abordnung an, 
welche gar nicht vorgelassen wird? Nur hätte er dann 
füglich auch die Details von der zweiten, ihre Zahl, den 
Namen ihres Yormanns (dessen Yerwandtschaft mit einem 
Tribunen in der Fälschung die Yorlassung dieser Abord- 
nung vor den Senat motivieren mufste), ihren Eid und ihre 
Rückkehr, unerwähnt lassen können. Dafs er alles dies 
dennoch berührt, und die Art wie er es berührt, scheint 
mir nur daraus erklärlich, dafs ihm jene Zehn nebenher im 
Kopfe waren: jivvißov . . . rovfS aipB^ivtat^ vn^ avtcav 
rpeig cor tfyelro Fraio^ JSe/XTtpaovtog^) bpHoiöavrog i^ 
avtov iTtavrjSetVf imd zum Schlufs: Ss^Ttpcaviog ovr 
xai ol övv avt<p 6vo tcov alx^otXootoDy Tcpbg jivvl- 



1) Aus Flüchtigkeit (und Verwechselung mit dem c. 26 Er- 
wähnten) statt: Scribonius. Im Vornamen könnte Livius sich geirrt 
haben; der verwandte Tribun hiels närahch Lucius vgl. Liv. XXTTT 21. 

23* 



356 Drittar Abschnitt 



ßav inavxftöav. Übrigens war die Szene im Senat in 
Appians Quelle sichtlich breit ausgeführt. Die Verwandten, 
das Volk flehen; Senatoren sprechen für und gegen Gestat- 
tung des Loskaufs unter Anführung von Beispielen aus frü- 
herer Zeit: TtoXKdöv napaSuy^aroov ig ixdtspa Xsx- 
^ivtcüv. 

Nun aber das blutige Nachspiel, welches die Ablehnung 
von Hannibals Anträgen bei Appian (vergL auch die Bede 
Lib. 63) hat Hannibal wütet gegen die Gefangenen. Be- 
sonders denjenigen senatonschen Banges befiehlt er gegen 
einander zu kämpfen, wozu sie aber trotz der gröfsten Mar- 
tern nicht zu bewegen sind. Mit Leichen überbrückt er 
Flüsse. Nur dies letzte hat Livius in einer Bede XXTTI 
5, 12 gelegentlich verwendet. Das übrige hat er verschmäht; 
man findet es aber zum Teil wörtlich ebenso Diod. fr. XXVI 
14, und als dritter Bepräsentant des Antias gesellt sich 
diesmal dazu Zonar. IX 2 P. 420 A, wo of Tcs/jupä^ivteg 
iTtl rot Xurpa, iTraveX^ovrsg ?v' evopHijöajöt, (pvyov- 
teg dh ßiera tovto (offenbar die Zehn; Zonaras beseitigt 
fast alle Zahlen) von den Censoren gestraft werden und sich 
töten, und wo die Gefangenen von Hannibal grausam umge- 
bracht oder zu Zweikämpfen gezwungen werden. Aufßllig 
ist allerdings, dafe Hannibal „die Angeseheneren nach Kar- 
thago schickt '^ Indessen ist es ja möglich, dafs Antias den 
einen oder anderen aus der ferneren Geschichte bekannten 
Namen auf diese Weise ausgeschlossen hat 

Wir können also zu unsem früheren Beobachtungen 
über Acilius und Valerius hinzufügen, dafs jener als Gnmd- 
lage für seine tendenziöse Verarbeitung der Anekdote von 
den Gefangenen auch eine Umarbeitung der Einnahme des 
Lagers lieferte, und dafs Valerius ihm darin folgte. Von 



Die Gefiuigenen von Cannae. 357 

letzterem wenigstens allein bezeugt ist der Abschlufs des 
Ganzen durch Greuelthaten Hannibals. 

Wir müssen noch auf Livius zurückkommen. Wahrend 
er für die Kapitulation c. 52 zur eigentlichen Grundlage doch 
Antias hatte, der auch später in der Variante wieder zutage 
tritt, so hält er sich c. 58 — 61, 4 an eine reinere Quelle, 
wohl Coelius. Nur mufs man beachten, dafs Livius den früher 
eingenommenen Standpunkt vielfach bewuTst oder imbewulst 
festhält So halte ich es für nichtcölianisch, sondern bloise 
Konsequenz des Früheren, dafs bei Livius scharf unterschieden 
wird zwischen den Auftraggebern der Zehn und denjenigen, 
die in der Schlacht selbst gefangen seien. Entweder hat 
Coelius von solchen wie Polybios nichts gewuM, oder sie 
waren mit den andern in gleicher Lage. Nur die Acilisch- 
Valerische Version über die Kapitidation des Lagers begrün- 
det eine solche Scheidung, und nur sie hat Livius wohl 
auch dazu gebracht, dafe er in den beiderseitigen Beden 
inuner Loskauf der Gesamtheit durch den Staat als in Frage 
stehend annimmt. Als quellenmäfsig nehme ich in Anspruch 
die Sätze von 500 Denaren für Ritter, 300 für Fufssoldaten, 
100 für Sklaven, 1) die Mitsendung des Karthalo und dessen 
sofortige Zurückweisung, die Namen des Sprechers Junius 
und seines Widerparts Torquatus, vielleicht auch die An- 
träge,^) welche nach der beweglichen Bede des ersteren ge- 



1) Wohl blofs genauer als o. 52 und Polybios; Livius ent- 
schuldigt sich aber dieserhalb: quamquam aliquantum adiciebatoi- 
equitibos ad id pretium, quod pepigerant dedentes so. 

2) Der eine auf Loskauf von Staats wegen, der andere auf Ge- 
stattimg des Loskaofs, VorschuEs an die Mittellosen. Sie könnten des 
rhetorischen Kontrastes wegen zu der gehamischten Rede des Tor- 
quatus schon von GoeUus erfunden worden sein. 



358 Dritter Abschnitt. 



stellt werden, und von denen der zweite mit den Eeden in 
Widerspruch steht, endlich die Auslieferung des einen um- 
gekehrten durch einmütigen BeschluTs des Senates. Man 
bemerkt die Übereinstimmung mit Polybios in den Grund- 
zOgen. Auch von dem Inhalt der Beden noch dies oder 
jenes Coelius beizulQgen kann ich mich nicht verstehen. 
Dals z. B. Rom sich von den Qalliem wirklich mit Gold 
losgekauft habe, hat zwar livius in der ersten Dekade nicht 
erzählt, jedoch kann ihm diese Auffassung bekannt gewesen 
sein, oder es lälst sich die ÄuTserung auf Rechnung des 
augenblicklichen rhetorischen Bedürfnisses setzen. 

Was die noch nicht erwähnten Kapitel 54 — 57 von 
Buch XXill betrifft, so stünde nichts im Wege sie einer 
Quelle zuzuweisen. Denn die Zahl 10000 für die Truppen 
in Canusium c. 56, 2 ist wohl einfach Wiederholung aus 
a 54, 4, wobei Livius vergaJB, dals die von Yarro Gesam- 
melten mittlerweüe hinzugekommen waren. Aber Indizien 
für die eine oder andere Quelle sind kaum vorhanden. Die 
Nachrichten Ende c. 57 über die Aushebung kehren gröijst^a- 
teüs XXiN 14 ausfOhrlicher wieder. Doch hilft auch die 
Beobachtung dieser Dublette ims keinen Schritt weiter. 

Ganz am Schlufs des dritten Buches von Polybios stolsen 
wir auf ein nicht imerhebliches Bedenken. Nachdem er näm- 
lich von der Besorgnis der Römer für ihre Hauptstadt ge- 
sprochen, sagt er c. 118, 6: Kai yap SgTcep iTri/xerpovötfg 
Hai övysTtayafytZoßiivTfg roi^ yeyovoöi rrjg tvxrfg, ötn^ißtf 
fiBt^ oXiya^ ff/iipag, rov <p6ßov Karixovto^ rrfv 
TtoXiy, xal rov elg tffv FaXatiav ötpattfyby ayfo&ta- 
Xivray elg iviSpav i/XTteöovta 7tapaS6Soi>^, äpörfv vno 
rcdv KeXrcav öiatpS^apifvat ßieta trfg Swaßiecog. Nun 
steht mit der ganzen Tradition bei Livius die zeitliche Ver- 



Ein chronoIogiBoher Fehler bei Polybios. 359 

knüpfung jener beiden Schläge im grellsten Widerspruch. Es 
verstreicht doch einige Zeit, bis Varro nach Rom berufen 
wird imd der von ihm ernannte Diktator Pera ins Feld rücken 
kann^). Dann folgen Eriegsoperationen^), endlich Wahlen 
c. 21, 6 f. zu auJserordentlichen Ämtern und den Priester- 
kollegien, a 24 zum Konsulat und der Prätur. Zu diesen 
nun kommen mit dem <> wahlleitenden Diktator auch die übri- 
gen Heerführer aus den Winterquartieren, darunter der Ma- 
gister Equitum Gracchus. Dieser wird nebst Posthumius 
zum Konsul gewählt \md bleibt gleich in Rom, weil nur 
noch wenige Tage bis zum Jahreswechsel sind. Während 
dieser wenigen Tage trifft die Nachricht von dem Schlag in 
GbJlien ein. 

Man müi^te mit alledem sehr gründlich aufräumen, wenn 
man an Polybios' Unfehlbarkeit glaubte. Insbesondre aber 
müfste, da die Schlacht von Gannae in den Frühsommer faUen 
mufs — von dem nur aus Claudius überlieferten Datum sehe 
ich ab — , die Verbindung der Niederlage mit den Wahlen 
gelöst werden, während m. E. gerade die Wahlen nebst 
etwaigen Angaben über Abwesenheit der Gewählten u. s. w. 
dem Kern der Annalistik angehören und z. B. in der vierten 
Dekade stehend sind. Der gute Kern markiert sich an unsrer 
Stelle recht deutlich, obwohl er von Minderwertigem durch- 
setzt und in drei Stücke c. 21; 24; 30, 13 — 17 getrennt ist 
(erst durch die stark nach staatsrechtlicher Mache schmeckende 



1) Dais PictoiB Rückkehr von Delphi noch vorher berichtet 
wird, scheint also in Ordnung. 

2) Auf die Einzelheiten (vgl. meinen fünften Abschnitt) mag 
wenig zu geben sein, z. B. auf die Worte: mitescente jam hieme, 
oder die Reise Peras nach Rom in der dramatisierten Belagerung 
GasUinums XXTTT 19. 



360 Dritter Abschnitt. 



Senatsergänzung, dann durch den, wie sich später zeigen 
wird, Polybianischen Bericht über Spanien nebst einigen 
Anhängseln). 

Wie kam aber Polybios zu seinem Irrtum? Ich denke, 
er mufs den handgreiflichen Anhalt für die Datierung der 
Niederlage, den wir an den Wahlen haben, nicht gehabt 
haben, d. h. Fabius Pictor kann in das Detail der 
Wahlen nicht so eingegangen sein. Dann mag irgend 
eine Wendung ähnlich der Livianischen: aliam super aliam 
(seiet, cladem) cumulante fortuna, Polybios irre geführt haben. 

Eine andre, aber sehr gewaltsame Lösung hat Matzat 
vorgeschlagen, nach dessen Kalenderhypothese der Jahres- 
wechsel auf den 30. Oktober fallen und also der Anstofs bei 
Polybios noch keineswegs beseitigt würde. Er nimmt an, 
Posthumius sei an Stelle des gefallenen Paulus gewählt 
gewesen und sein Tod falle ins Frühjahr 216 v. Chr. 
(die Schlacht von Cannae nach Matzat 5. März julianisch). 
Die Tradition (auch die Kapitolinischen Fasten) habe gewuM, 
dafs derselbe im Frühjahr stattgefunden, habe ihn aus Mifs- 
verstand des Datums der Schlacht von Cannae ins nächste 
Frühjahr gerückt und die Beziehung der Wahl verdreht. Die 
Stützen dieses luftigen Baues sind leicht weggeräumt. Die 
Frage, weshalb man für den gefallenen Konsul keinen Ersatz 
(aufser durch Ernennung eines Diktators) beschafft habe, läfst 
sich ja hören; aber diese Frage würde sich alsbald erneuern. 
Und die Wahl eines schon anderweit beschäftigten Generals 
würde recht ungeeignet gewesen sein. Dafs der Inhalt von 
Livius' Erzählung über Posthumius' Ende für Matzats An- 
nahme spreche, kann ich auch nicht zugeben. Die Aus- 
hebung in seiner Provinz und der Zug in den Wald sind 
nicht das Erste, was von ihm erzählt wird, sondern das 



Matzats KalenderhypotheRe. 361 

Einzige. Die Erzählung ist nichts als ein verarbeiteter spe- 
zieller Bericht irgend eines Offiziers an den Senat; auf die 
frühere Thätigkeit des Posthumius, ja auf den Anlafs dieses 
Zuges wird nicht eingegangen. 

Da die Kalenderfrage, über welche wir ein Schlufsurteil 
in dem letzten Abschnitt zu gewinnen versuchen werden, 
hier einmal berührt werden mufste, so will ich die Lage 
dieser unerquicklichen Streitfrage, in welcher beiderseits nach 
jedem Strohhalm gegriffen und mit papiemen Gründen ge- 
stritten wird, in bezug auf die drei ersten Kriegsjahre in 
aller Kürze angeben. Im ersten Jahr fallt Hannibals Auf- 
bnich nach Polybios erst in den Mai oder Juni; das spricht 
gewifs nicht dafür, dafs der Jahreswechsel und mit ihm die 
Kriegserklärung schon in den Herbst zu setzen ist. Was den 
etwa in die Zeit von Hannibals Aufbruch fallenden (Jallier- 
auf stand betrifft, so haben wir das damit zusammenhangende 
Datum der Gründung von Placentia. Aber es ist nicht ohne 
Zweifel. Das überlieferte Kai. Jan. spräche ziemlich deutlich 
für die Kalenderhypothese; aber Madvlgs Konjektur Kai. 
Jun. liegt sehr nahe, zumal die Bestimmung der Frist für 
die Kolonisten wohl in den Kreis der beim Amtsantritt der 
Konsuln getroffenen Verfügungen gehört und gerade der 
erste Juni später bei einer derartiigen Verfügung auch als 
Termin begegnet. Zur Zeit der Trebiaschlacht, um die 
Wintersonnenwende, stand, wie Polybios sagt, die Wahl 
vor der Thür; aber der Einwand, er hätte sagen sollen 
das Eintreffen der neuen Konsuln, ist allerdings möglich. 
Zum nächsten Jahr ist das Datum der Trasumennusschlacht 
durch Ovid überliefert IX KaL Quinct. Ob man sie sich 
lieber nach gewöhnlicher Reduktion Ende April denkt, oder 
nach Matzat am 4. Februar julianisch, dürfte Geschmacks- 



.TY } 



362 Dritter Abschnitt. 



Sache ^) sein. Das Eintreffen der Botschaft bei König Philipp 
an den Nemeen -würde die Sache entscheiden, wenn eine an- 
erkannte Datierung derselben gewonnen wäre. Und selbst 
das von Matzat errechnete Datum 28. Mai ist für seine An- 
setzung recht spät; die Nachrichten liefen schneller, als er 
meint. Dalis Hannibal um die Erntezeit, genauer zu der für 
das Fouragieren günstigsten Zeit, schon wieder von seinem 
kampanischen Plünderungszug in Apulien zurück war, ent- 
scheidet nichts. Wenn man 216 v. Chr. an dem schwach 
bezeugten Datum der Schlacht von Cannae IV Non. SeirtiL 
festhalten will — imd es pafst insofern nicht schlecht, als 
für das diesmal beliebte Ausbilden der neuen Legionen unter 
den vorjährigen Konsuln etwa drei Monate bleiben — so ist 
die Polybianische Zeitbestimmung für den Beginn der Ope- 
rationen c. 107, 1 wieder dehnbar genug, um sowohl Matzats 
Datum (5. M^z) als der gewöhnlichen Gleichung (Juni oder 
Juli) angepafst zu werden. 

Ein zwingender Beweis, sieht man, ist bis dahin nicht 
zu erbringen gewesen. Wo die Umstände einmal deutlich 
zu reden scheinen, kann geholfen werden, indem man den 
Autoren „kalendarische Rechnung" zuschreibt. Bei Posthu- 



1) Gorade hier hat Matzat in Tüfteleien über Witterungsver- 
hältnisse und im Anklammem an livianische Strohhalme ebensoviel 
geleistet als seine Gegner. Eine seiner Kombinationen möge, obwohl 
ich auch sie für trügeiisch halte, hier Platz finden. In dem Co- 
lianischen gescheiterten Apenninübergang, wobei die Kfilte eine solche 
Rolle spielt, erbUckt er einen Rest des wirklichen Überganges 
aus Silenos. Polybios habe eben aus dessen Schilderung die- 
jenigen Züge, welche zu seiner kalendarischen Rechnung nicht 
pafston, ganz gestrichen — daher die Nichterwähnung der Apen- 
ninen — imd nur das Sterben der Elefanten herausgenommen und 
an die Trobiaschlacht geknüpft. 



Matzats Kalenderhypotheso. — Rückblick über Liirius. 363 

mius' Untergang soll Polybios die echten Züge bewahrt, 
die annalistische Tradition „Kalenderpragmatik" geübt 
haben. Anderwärts ist es gerade Polybios, welcher nach 
seinen kalendarischen Begriffen die Thatsachen durchkorri- 
giert haben solL 

Kückblick über Livius. 

Wenn seit Hannibals Aufbruch Livius sich in erster Linie 
an Polybios, in zweiter an Coelius gehalten, den Yalerius 
Antias aber, ausgenommen den Bojeraufstand, ganz beiseite 
gelegt hatte, so wird das jetzt anders. Polybios mufste ihm 
immer weniger genügen; und je nachdem auch Coelius nicht 
Stoff genug bot oder zeitweise sonst sich nicht empfahl, 
trat Valerius wieder in den Vordergrund. 

So hat livius vielleicht schon die sehr ausgeführten 
Vorgänge auf Sicilien XXT 49 — 51 nicht aus Coelius, son- 
dern Valerius geschöpft. Allem Anschein nach aber sind 
diesem entnommen die geringen Zusätze zu der vier Kapitel 
umfassenden Polybianischen Schilderung der Trebiaschlacht. 
Coelius, der ja auch beim Poübergang den Widerspruch des 
Livius herausgefordert hatte, scheint in der Abwälzung aUer 
Schuld auf Sempronius so weit gegangen zu sein, dafs Scipio 
und seine Legionen an der Schlacht keinen Anteü hatten; 
dadurch mochte für Livius der Schlachtbericht des Coelius 
ziemlich unbrauchbar werden. Hingegen stammt aus ihm 
Sdpios unbehelligtes Vorüberziehen am feindlichen Lager 
und Sempronius' Ritt zur Wahl nach Eom und zurück in 
die bereits bezogenen Winterquartiere c. 57. 

Bei Coelius war wohl gleich das Nächste der verfehlte 
Versuch Hannibals gegen das Frühjahr hin den Apennin 
zu überschreiten, ein phantastisches, vermutlich frei erfun- 



364 Dritter Abschnitt. 



denes Stückchen. Anders Valerius, welcher nach der (ver- 
frühten?) Trebiaschlacht noch eine ganze Reihe militärischer 
Operationen zu berichten wufste, einen Anschlag auf den 
Hafen von Placentia, Einnahme und Züchtigung von Victii- 
mulae, dann den gescheiterten Apenninübergang (mit einem 
Angriff des Sempronius?), endlich grofse imentschiedene 
Schlacht bei Placentia und Winterquartiere Hannibals in 
Ligurien, des Sempronius in Luca. livius nimmt das alles 
auf, indem er den Sprung über die Winterquartiere zurück 
mit: ceterum ne hibema quidem Romanis quieta erant, mas- 
kiert. Bei dem gescheiterten Apenninübergang erinnert sich 
Livius des Coelius und bevorzugt seine Fassung; die Folge ist 
ein zweiter voreiliger Abschlufs des Feldzugs: hae fuere hi- 
b^nae expeditiones Hannibalis . . ad prima signa veris . . . 
Denn dafs Livius mit den nächsten wieder Valerischen Erzäh- 
lungen abermals vor dem Wintereinschnitt steht, giebt er 
eigentlich selbst zu, dadurch dafs er bei Nennung des Sem- 
pronius einen Hinweis auf den Ritt nach Rom gleich nach 
der Trebiaschlacht zusetzt: jam enim redierat ab Roma, und 
durch den Ausdruck am Schlufs: Hannibal in Ligures, Sem- 
pronius Lucam concessit 

C. 62 kommt Livius wieder auf die italischen Dinge 
zurück und berichtet Prodigien; aus welcher Quelle? weifs 
ich nicht zu sagen. Cölianisch ist der gefälschte Antritt 
des „gottlosen" Flaminius c. 63; doch schafft Livius in dem 
letzten verschrobenen Satze diesen samt dem Heere nach 
Etrurien hinüber, um in das Geleise des Polybios einlenken 
zu können. Nach diesem erzählt er Hannibals Aufbruch 
und die Schlacht am Trasumennus XXII 1 — 6. Nur ist 
in c. 1 eine nochmalige Prodigienreihe eingeschoben und 
zeigen fast durchgehends einzelne Wendimgen Bekanntschaft 



BüokbUck fiber Lmtts. 365 



mit Coelius; bestimmt hat Livius die Wamungszeichen c. 3 
ihm entnommen imd frei verarbeitet, femer in c. 5 das Erd- 
beben, in 0. 6 ^ohl auch eine Zeit- und Namensangabe. 
Das Citat des Fabius c. 7 ist höchst wahrscheinlich eben- 
falls aus Coelius' Hand. 

Über das folgende gab die Untersuchung wenig Anhalts- 
punkte. Die Niederlage des Centenius c. 8 ist noch wesent- 
lich nach Polybios erzählt Dann tritt diese Quelle vorläufig 
zurück, ausgenonmien vielleicht noch Hannibals Marschroute 
a 9. Erst die List mit den Ochsen ist wieder aus ihm 
c. 16, 7 bis c. 18, 4, aber ungeschickt eingefügt und mehr- 
fach verunstaltet 

Es folgt das auf Pictor zurückgehende packende Drama: 
Fabius Maximus und Minucius, in fünf Akte gegliedert. Livius 
ist annalistisch im ersten Akt und weist auf den zweiten 
(Kriegsglück des Minucius) so hin, dafs man erkennt, er hat 
auch ihn nur erst in der Fassung des Antias gelesen; trotz- 
dem führt er ihn c. 23, 9 bis c. 24, 10 ganz nach Polybios 
aus und steUt erst in der Variante die Version des Valerius 
daneben. Der dritte und fünfte Akt des Dramas spielen 
wieder in Rom und sind natürlich aus der rOmischen Quelle; 
Akt IV d. h. der Kampf, der für Minucius so verhängnis- 
voll zu werden drohte, aus Polybios. 

Der Zug des ServiHus zur See ist von Livius c. 31 
nach einer besseren römischen Quelle als von Dio-Zonaras 
gearbeitet; vielleicht nach Coelius, der noch in demselben 
Kapitel, wo Livius einmal seine Quellen meistert, neben 
omnium prope annales namentlich genannt wird. 

Unter den stadtrömischen Abschnitten tritt c. 36 die 
dreifache Angabe über die Aushebung hervor, wovon ich 
eine auf Polybios und eine auf den, nicht richtig benutzten. 



366 Dritter Abschnitt. — RUckblick Über Livias. 

Coelius beziehe. Aus Coelius schöpfte livius den kurzen Ab- 
satz über die Winterquartiere a 32 und ebenso den Anfang 
des nächsten Feldzuges c. 40, 5 — 7. Doch läXst er sich dann 
verlocken, aus Valerius bis c. 42 eine nur anders als bei Coe- 
lius gewendete Last Hannib^s einzurücken, und kehrt zu 
jenem erst c. 43 zurück, um nun die ursprüngliche Fassung 
der List zu bringen, natürlich kürzer und mit einem unge- 
schickten Versuch die auffaUende Ähnlichkeit zu motivieren. 

Mit der Schlacht von Cannae setzt Polybios, bei dem 
Livius von dem bisher Erzählten so gut als nichts hätte 
finden können, wieder ein oder vielmehr schon c. 44, 4 mit 
der Szene, wo Hannibal die Schlacht vergeblich anbietet und 
dann durch Niunider die Wasserholer aus dem kleineren 
Lager jenseits des Aufidus angreifen läfst Die Schlacht- 
beschreibung ist Polybianisch und in bester Ordnung bis 
c. 48, wo Livius aus Antias eine punica fraus einflicht, 
trotzdem er sie aufs ungeheuerlichste zustutzen muTs, und 
wo er darüber den Polybianischen Faden ganz verliert oder 
vielmehr verwirrt C. 49 bricht er ganz mit dem bisherigen 
Gang der Darstellung und geht mit Sack imd Pack zu Valerius 
über. Weshalb er bei dieser Schlacht von Coelius keine Notiz 
genommen, läfst sich nicht erraten. 

Hingegen unter den Nachspielen der Schlacht zeigen 
c. 50 und 51 Ähnlichkeit mit Cölianischen Fragmenten und 
auch die Verhandlung über die Gfefangenen c. 58 — 61, 4 
können wir in der Hauptsache Coelius zuweisen. Freilich 
aber ist daneben c. 52 ein Ansatz zu derjenigen Fälschung 
über die Gefangenen bemerkbar, welche Cicero aus Acilius, 
Livius sehr wahrscheinlich aus Antias kannte; und c. 61, 4 — 9 
wird diese Fälschung als zweite Lesart angeschlossen. 



Yierter Absehnitt. 
Der Krieg in Spanien. 

lias erste Eriegsjahr in Spanien ist von Livius XXI 
60 f. dargestellt, am JahresschluTs, wie auch Polybios dies- 
mal erst nach Erwähnung der designierten Konsuln und 
ihrer Büstungen Gelegenheit gefunden hat, den spanischen 
Schauplatz zu bedenken m 76. Mit diesem Kapitel zeigt 
Livius in seinem ersten Teil, bis c. 61, 4, die auffallendste 
Übereinstimmung. Besonders einleuchtend ist die schon von 
C. Peter gemachte, von Böttcher jedoch nicht erwähnte Be- 
merkung, dafs er ap^a/isvog d^ ivtsv^ev aTtoßaöeig 
inoiBvto mifsverständlich mit: exposito ibi exercitu orsus 
a Lacetanis u. s. w. wiedergiebt Wie aber anderseits Livius 
schon letzteren Namen schwerlich auf eigne Faust zugesetzt hat, 
so finden wir auch bald darauf aus einer zweiten Quelle den 
Verlust des Hanno angegeben, der geschlagen und gefangen 
wurde. Die Zahlen, 6000 tot, 2000 gefangen, scheinen in die- 
sem Falle nicht allzu grofs; denn Hanno hatte 10000 Mann. 
Dafs Livius die von Polybios genannte Stadt genommen wer- 
den läfst, die Beute (im Gegensatz zu der reichen Lager- 
beute) aber unbedeutend nennt, könnte man allenfalls als 
Ausmalungen auffassen. 

C. 61, 1 — 4 ist, wie bemerkt, noch Polybianisch. Has- 
dnibal rückt während der vorher erwähnten Operationen über 



368 Vierter Abschnitt. 



den Ebro und bringt den von Tarraco aus zügellos umher- 
schweifenden Flottensoldaten einen bedeutenden Verlust bei, 
worauf Scipio herbeikommt und die schuldigen Offiziere be- 
straft, Hasdrubal aber über den Ebro zurückgeht. Hierzu 
ist nun der Rest des Kapitels offenbar eine Dublette. 
Hasdrubal kommt nochmals über den Ebro und verwüstet 
mit den vorher den Römern beigetretenen Ilergeten das Land. 
Scipio aber bezwingt die Hergeten wieder, ebenso die feind- 
lichen Ausetaner, während der karthagische Feldlierr über 
den Flufs zurückweicht Livius hat sich wahrscheinlich 
durch die andre Wendung des Zuges in der zweiten Quelle 
verleiten lassen, zwei Züge anzimehmen. Die zweite Quelle 
verschwieg wohl den Oberfall der Flottensoldaten als den 
römischen Feldherm einigermafsen kompromittierend und be- 
nutzte den Zug vielmehr, um die folgenden Feindseligkeiten 
gegen die genannten Völker, welche im ganzen historisch 
sein werden, besser zu motivieren. Sehr bemerkenswert ist 
noch die Abweichung von Polybios am Schlufs des ersten 
Berichtes. Scipio, heiÜBt es dort, praesidio Tarracone modioo 
relicto Emporias cum classe rediit. Bei Polybios bezieht 
er viel glaublicher in dem nahen Tarraco, dem regelmälBigen 
Winterquartier der Römer, das Winterlager, und dahin l&fst 
ihn sogar Livius selbst zum Schlufs des Ganzen „zurück- 
kehren" a 61, 11: Tarraconem in hibema reditum est! 
Der Weggang Scipios nach Emporiae ist also ein blofses 
Auskunftsmittel des Livius, damit Hasdrubal kerankommen 
könne. 

WölfTlin, dem ich mich hier ganz angeschlossen habe, 
vermutet als zweite Quelle Coelius wegen des artaS elprf- 
/jtivov: tutamentum; und was ich inhaltlich bemerkt habe, 
stimmt zu dieser Vermutung ganz wohl. Zonar. c. 25 An- 



218v.Cair. - 217 v.Chr. 369 



fang scheint auch auf ihn zurüclczuführen; denn er kennt 
nur ein Vordringen Hasdrubals in der "Weise des 
zweiten Berichtes bei Livius: diißrj tbv "Ißrjpa xal 
tdov /ista6ravtGav tivag VTttjyayeto tov 6h ^KiTtidovog 
iTteXS^ovtog avtip avexGoprföBv. 

Auch in betreff XXII 19 — 22 schlief se ich mich der 
Ansicht an, dafs Pol. IH 95 — 99 Hauptquelle ist und nur 
in der Mitte mancherlei Fremdes eingeschoben ist Hasdru- 
bal rüstet 40 Schiffe aus und zieht, begleitet von der Flotte, 
mit dem Heere längs der Küste nordwärts. Der Führer der 
Flotte wird wohl nur aus Versehen Himilko statt Hamilkar 
genannt. Polybios sagt femer nur ÖTtevSojv . . . HataSev- 
Sor« Ttpog tov "Ißtfpa nota^bv^ Livius denkt ihn, wie das 
folgende zeigt, ebenda wirklich angelangt. Dementsprechend 
kommt Scipio mit seiner Flotte bei Livius am zweiten Tage 
nur bis auf 10 milia passuum an die Ebromündung heran, 
bei Polybios zur Ebromündung selbst, aber noch 80 Stadien 
vom Feind entfernt; infolge der ersten Ungenauigkeit hat 
sich der Schauplatz des Seegefechts eben verschoben. Bei 
Polybios gelingt es nun den Eömem nicht, die feindliche 
Flotte zu überraschen, da von den Spähern Hasdrubal iyt 
noWov unterrichtet wird. Seine Flotte nimmt allerdings 
erst, als die Eömer schon nahe sind, Aufstellung, aber wohl 
nur um ihrerseits zu überraschen. Livius malt die Alar- 
mierung der Karthager, obwohl im ganzen mit Polybios 
stimmend, mit sichtlichem Behagen aus. Die Späher sind 
auf Warten^) am Ufer angebracht und melden Hasdrubal, 



1) Wölfflin Hermes IX 122 betrachtet die Warttürme — auch 
PUn. N. H. n 181 werden solche erwähnt — als Reminiszenz aus 
der römischen Quelle, Coelius oder Valerius. 

Uossolbarth, histor. - krit. Untersuch. 24 



370 Viortor Abschnitt. 



der seinerseits erst durch reitende Boten, dann mitsamt dem 
Heere persönlich das Schiffsvolk alarmiert Obwohl Livius 
nach Polybios Landheer und Flotte gemeinsam hat vorrücken 
lassen, trennt er also hier beide. Dabei giebt er sich krampf- 
hafte Mühe zu erklären, weshalb die Flotte noch nichts von 
dem Nahen des Feindes geahnt habe: nondum aut pulsu re- 
morum strepituque aKo nautico exaudito aut u. s. w. Wenn 
man aber hiemach erwartet, die Folgen dieser Yerwirrung 
in dem Kampfe in irgend einer Weise hervorgehoben zu 
sehen, so täuscht man sich; es heifst ganz kurz, dafs die 
karthagischen Schiffe nach kurzem Kampfe flohen und auf den 
Strand liefen. YieUeicht hat das Gefühl dieses Mifsverhält- 
nisses Livius zu dem recht überflüssigen Zusatz bewogen: 
cum adversi amnis os lato agmini et tam multis simul 
venientibus haud sane intrabile esset. Wir wissen, daßs 
thatsächlich von der Ebromündung hier gar nicht die Rede 
sein konnte. Diese Abweichung von Polybios, wie 
alle berührten, scheint mir willkürlich. 

Polybios: ovo /jthv avtavdpovg vijag aTtoßaXovreg 
tertapcov dh tov^s tapöoixi ^ot\ tovis imßdta^, Livius: 
duae tamen primo concursu captae erant Punicae naves, 
quattuor suppressae. Nicht nur die letztere Angabe ist ein 
Mifsveratändnis, wie Wölfflin notiert, sondern auch die erstere. 
Böttcher, der sonst mit peinlichster Gewissenhaftigkeit alle 
Abweichungen und „besondem Notizen" aufführt, mufs diese 
Absonderlichkeit ganz und gar übersehen haben. Für seine 
Theorie der gemeinsamen Quelle beweist sie allerdings in 
keiner Weise etwas. Denn kann bei den anderen Yerschieden- 
heiten allenfalls behauptet werden, dafs sie Differenzienmgen 
einer die Mitte haltenden Darstellung seien, hier kann davon 
nicht die Rede sein. Ein Mittelding zwischen in den Grund 



217 V.Chr. 371 

bohren und gefangen nehmen, zwischen anfser Gefecht setzen 
und in den Grund bohren giebt es nicht. So oder so liegt 
bei Livius ein starker Flüchtigkeitsfehler vor und also 
eine Mahnung, die Fehlerweite gegen seine Quelle nicht zu 
eng zu bemessen. Die Beute der Römer wird schliefslich 
ganz übereinstimmend beziffert. Polybios: Hpatovvtet^ 6b 
trf<s 3raXa66Tj<s sixocft Sh xai Ttivte vavg ix^vte<s tdav 
TtoXsßilcav. Livius: religatas puppibus in altiun extraxere ad 
quinque et viginti naves e quadraginta cepere. Bei Polybios 
hat man sich die vier wehrlos gemachten, bei Livius die 
zwei genommenen einbegriffen zu denken, und doch ist die 
Gesamtzahl dieselbe! Livius fährt fort: neque id pulcher- 
rimum ejus victoriae fuit, sed quod una levi pugna toto 
ejus orae man potiti erant. In dem Worte ejus orae soU 
wohl schon ein Hinweis auf die folgenden Landungen liegen, 
die Livius jetzt nach andrer Quelle einschiebt 

Livius ist nämlich dem Polybios, der die Gelegenheit 
benutzt, um sonstige Vorgänge zur See gleich abzumachen, 
nicht gefolgt, da eine Yermengung verschiedener Scliauplätze 
seinen annalistischen Gewohnheiten zu sehr widerstritt. Viel- 
mehr füUt er die Pause mit einem ebenso detaillierten als 
unwahrscheinlichen Beutezuge der römischen Flotte in den spa- 
nischen Gewässern aus c. 20, 4 — 11. Ob daran ein gewisser 
Kern von Wahrheit ist, lasse ich dahingestellt Dann kehrt 
die Flotte nach dem Lande nördlich des Ebro zurück. Von 
den verschiedensten Völkern treffen Gesandte dort ein; über 
120 stellen Geiseln! C. 20, 12: Igitur terrestribus quoque 
copiis satis fidens Romanus usque ad saltum Castulonensem 
est progressus. Hasdrubal in Lusitaniam ac propius Oceanum 
conoessit C. 21: Quietum inde fore videbatur reliquum 
aestatis tempus. Aber Mandonius und Indibilis, der ver- 

24* 



372 Vierter Abschnitt. 



triebene König der Ilergeten, hetzen dies Volk zu Plünderun- 
gen auf, postquam Romani ab saitu reeessere ad maritimam 
oram. Scipio unterwirft sie durch einige Tribunen. Hie 
tarnen turaultus cedentem ad Oceanum Hasdrubalem eis Hi- 
bcrum ad socios tutandos retraxit. castra Punica in agix) 
Hergavonensium, castra Romana ad Novam Ciassem erant 
Allein Hasdrubal wird durch die Keltiberer abgezogen, welche 
auf eine Botschaft (!) des Scipio zu den Waffen greifen, drei 
Städte erobern, Hasdrubal selbst zweimal schlagen, 15000 
toten, 4000 mit vielen Feldzeichen gefangen nehmen. 

Böttcher verteidigt den Zug an den castulonensischen 
Wald, den er — im vollen Widerspruch mit dem Livianischen 
Text — als Beutezug von einem südlichen Landungspunkt 
aus auffassen will. Das reeessere ad maritimam oram beweist 
nur, dafs dem Urheber die Gebirgszüge im Innern ziemlich 
gleich galten; es war eben das Binnenland im Gegensatz zu 
der Küste (um Tarraco), dem Sitz und Winteraufenthalt der 
römischen Macht. Bei c. 21 bemerkt Wölfflin die Ähnlich- 
keit mit dem zweiten Zug Hasdrubals im vorigen Jahre und 
meint, die ganze Geschichte sei durch einen Irrtum, wohl 
schon von Livius' Gewährsmann, statt dort an Scipios Expe- 
dition ins Bergland nördlich des Ebro, hier an die zum saltus 
Castulonensis angeknüpft. Allein die Ähnlichkeit mit jenem 
schon getrübten Bericht liegt doch nur in einigen Gnmdzügen;') 

1) Dafs dor Ausdruck exutus annis auf die Versprengten an- 
gewendet nur je einmal in der ersten und vierten Dekade, in der 
dritten XXI 61, 9 und hier vorkommt, wie Frantz, Die Kriege 
der Scipionen in Spanien, München 1883, S. 17 geltend macht, ist 
nichts Besonderes; man wiederl olt sich ja gerade mit einem seltenen 
Ausdruck gem. Über diese Schrift sowie über Genzken, Do reb. a 
Scipionib. in Hisp. gestis, Diss. (jötting. 1879, habe ich mich aus- 
gesprochen Phil. Rundschau IV S. 377 ff. 



217 V.Chr. 373 

alle Einzelheiten sind anders und willkürlich erfunden. Man 
wird also besser c. 20, 4 — 21 für das Machwerk eines der 
anrüchigsten Annalisten halten, der seine Phantasie an jenem 
(Cölianischen?) Berichte stärkte. Ich darf lediglich ver- 
mutungsweise wohl Antias nennen, dessen Yorliebe für Er- 
oberung von Feldzeichen dann hier sogar den Keltiberem zu 
gute gekommen wäre. 

Ebendaher mögen die Details über des P. Scipio Ein- 
treffen zu Anfang des nächsten Kapitels stammen. Er bringt 
30 Kriegsschiffe, einen grofsen Transport und 8000 Mann 
mit, bei Polybios nichts als 20 Schiffe. Yen da ab indessen 
ist Polybios gewifs wieder einzige Quelle c. 97, 4: o^ Ha\ 
Ttapayevo/isyog slg ^Ißr^piav xai öv/ji/iiSag ta6shp(p /xe- 
yaXtfv Ttapeix^ ;jfpc/afv toi<s xoivot^ Ttpay/iaöiy. ovdi- 
Ttote yap Ttporepov ^^appi^öavteg Siaßrjvat tbv 
''Ißrfpa notafiov... tote diißrjöay. Da Livius soeben, ent- 
weder nach jener Quelle oder selbständig ausmalend, den 
Publius „zur grofsen Freude von Bürgern und Bundesgenossen" 
in Tarraco hat einlaufen lassen, so sollte man meinen, die 
Vereinigung sei schon erledigt. Dennoch übersetzt Livius: ibi 
milite exposito profectus Scipio fratri se conjungit, ac deinde 
communi animo consilioque gerebant bellum, occupatis igitiur 
Carthaginiensibus Celtiberico belle haud cunctanter Hi- 
berum transgrediuntur. Der Ausdruck ist geschickt und 
schliefst sich an, soweit es nach c. 20, 12 noch anging. 
Der Zug der Scipionen vor Sagunt und die plumpe List, 
durch welche der Verräter kßiXvB = Abelux ihnen die Gei- 
seln der spanischen Völkerschaften, die Hannibal nach Sagunt 
gebracht hatte, in die Hände spielt, ist ganz ohne eigentliche 
Abweichungen von Polybios. Denn dafs Livius die Scipionen 
eben der Geiseln wegen sich gegen Sagunt wenden läfst, 



374 Vierter Abschnitt. 



ist doch offenbar nur eine naheliegende Folgerung nach dem 
Erfolge; wie denn auch bei Polybios Abilyx von Absichten 
der Römer auf die Geiseln spricht. 

Ich hebe nur einen Unterschied im Ausdruck hervor, 
welcher für die Beurteilung des Zonaras in betraoht kommt 
Pol. c. 98, 5: ^Boop^v dh tbv Booötopa tov tcov Kapxf]- 
dovloov ötparrfyov, og aitBCStdXr} fiev vn* jiööpovßov 
KooXvÖCüv tovts ^Pao/iaiovg dtaßaiveiv tov rcota/xov, ov 
S^apprjöag dh tovto noiEiv avaKBxooptjycGO^ iotpatOTti- 
Ssve rffg ZaKikv^tj^ iv roig Ttpog ^dXarrav jxipBöt . . . 
Liv. c. 22, 9: sed cum injussu Bostaris praefecti satis 
sciret nihil obsidum custodes facturos esse, Bostarem ipsum 
arte aggreditur. castra extra urbem in ipso litore habebat . . . 
Livius hat stark gekürzt, und erst aus Polybios erklärt sich 
der Ausdruck praefecti: welcher dort das Kommando führte. 
Vergleichen wir nun Zonaras, so finden wir den Bostar 
als Wärter der Geiseln wieder, ein Mifsverständnis, das 
offenbar den Livianischen T6xt voraussetzt: tov (ppov- 
povvta tovg tödv 'ißr/pcov ofirjpovf^. Wir sind berechtigt, 
hieraus und aus der der Livianischen näher kommenden 
Namensform jißeXog auf unmittelbare Verwandtschaft Dios 
mit Livius zu schliefsen. Dies gilt jedoch nur für den 
letzten Teil des betreffenden Abschnittes, d. h. für die List 
des Abilyx. Der Anfang ist vielmehr selbständig. Zonar. 
P. 416 D: ^Ev dh t^ ^Iß-qpiqc vavfiaxio^ Ttpog tff tov 
"Ißr/poiS ixßoXy b 2xiniGov ivinTföev iöoTtdXotX^ ydp 
dyoDviZoixivGDv td iötia tdov vecov VTrsti/ieto, onoog 
dTCoyvovtei; Ttpo^VfiotBpov dyajviöGavtai. xal trjf^ re 
XGopav iTtopS^Tjde xal tsixtj Övxyd ix^ipoD(5ato xa\ 6id 
tov dSehpov IIovTtXiov ^ytinicovog ttoXbks tdov ^Ißrfpcov 
Tcpogexttföato ' jißeXois ydp tig ^'Ißrjp . . . Die Anekdote 



217 V. Chr. — Livianischör Bericht 216 (Pol. 215) v. Chr. 375 

im Anfang ist, wenn irgendwo, so für die Schlacht an der 
Ebromündung (wir können diese Bezeichnung uns unter Vor- 
behalt wohl aneignen) am Platze. Es war ein Kampf, von 
dem es für die Eömer keinen Rückweg gab. Dafs Scipio auf 
eine so handgreifliche Weise dies seinen Leuten klar gemacht 
habe, wäre so unmöglich nicht; nur erwartete man, dafe Po- 
lybios es nicht verschwiegen hätte. Auch von Eroberung von 
EasteUen war bei Livius nicht ausdrücklich die Hede. Mit 
den TCoXst^ aber meint Zonaras die durch Rückgabe der Gei- 
seln gewonnenen Staaten; und dia tov adshpov ist gewifs 
auf Rechnung des Excerptors zu setzen, der einzig mit diesen 
Worten nachträglich das Eintreffen des Publius andeutet 

Dio ist also anfangs nicht Livius, sondern einer andern 
Quelle (Coelius?) gefolgt. Er ist zu dem auf Polybios be- 
ruhenden Livianischen Bericht erst bei dem Verrat der Gei- 
seln übergegangen. Und weshalb? Nun, für Polybios hatte 
dieser Anschlag, auf den das „verflucht gescheit" und „herz- 
lich dumm" so recht pafst, eine besondere Anziehungskraft 
gehabt; auf den römischen Historiker vielleicht deshalb nicht, 
weil es doch blofs ein in tf/g tvxv^ yeyovbg övvipytfßa 
totg ^Pco/jiaioi^ war. 

Zu Liv. XXm 26 — 29 fehlt uns Polybios zur Ver- 
gleichung ganz und gar, denn dieser hat zum Jahre 216 
V. Chr., das er sehr früh schliefst, nämlich mit der Schlacht 
von Cannae und deren Eindruck in Rom, von Spanien nichts 
gesagt, obwohl er doch in dem Schluüswort a 118, 10 noch- 
mals ausdrücklich die spanischen und italischen Ereignisse 
der 140. Olympiade als Inhalt des Buches nennt Da das 
dritte Buch schon sehr umfangreich geworden war und in 
diesem Sommer am Ebro nichts vorgefallen war, wird Po- 
lybios im siebenten Buche das wenige Versäumte 



376 Vierter Abschnitt. 



nachgeholt, also zwei Jahre in einem Bericht erledigt haben. 
Dieses Buch ist uns aber fast ganz verloren. Dais nun die 
genannten Livianischen Kapitel aus Polybios entlehnt sind, 
können wir nach dem Charakter derselben mit Zuversicht 
behaupten. 

Bei der Beschreibung der anfänglichen Bedrängnis Has- 
drubals offenbart sich c. 26 Schlufs der gewiegte Taktiker. 
Aus den Einzelheiten des Kampfes wird die Beobachtung 
abgeleitet, dafs der Numider und Mauretaner dem spanischen 
Kavalleristen und LeichtbewafEheten nicht ebenbürtig gewesen. 
Wie Hasdrubal dann doch mit einem Schlage der Empörer 
Herr wird, ist klar und einfach gesagt. Auch seine Vor- 
bereitungen zum Marsch nach Italien, sein Urteil über die 
Art, wie derselbe zu bewerkstelligen, wie andrerseits es mit 
Spanien zu halten sei, werden klar angegeben. Ebenso er- 
fahren wir, wie der karthagische Senat, wie die Scipionen 
über die Lage dachten. Die Schlacht bei Hibera ist nicht 
minder verständig beschrieben. Die Poeni, welche rechts 
von dem unzuverlässigen Zentrum, entsprechend den Libyern 
(Afri) auf der linken Seite, aufgestellt werden, sind sicher- 
lich die im Anfang von c. 26 erwähnten 4000 Mann Ersatz, 
aus Karthago geschickt, und ich zweifle nicht, dafs sie mit 
den 4000 Metaycovitai der lakinischen Tafel eins sind, 
welche in der Hauptstadt jetzt entbehrlich geworden waren. 
Auch XXI c. 21, 13 hat Livius nicht gewufst, was die Meta- 
gonien Libyens sind. Echt Polybianisch ist c. 29, 6 der Hin- 
weis auf die Stimmung und Erwartungen der Feldherm imd 
der Heere. Hasdrubal kämpft selbst, bis alles verloren, wie 
Polybios von demselben bei der Schlacht am Metaurus, von 
Hannibal bei Zaraa hervorhebt. Endlich wird am Schlufs 
der gehobenen Stimmung in Rom, aber nicht etwa nach 



Liviantecher Bericht 216 (Pol. 215) v. Chr. 377 

annalistisclier Weise eines Dankfestes gedacht: non tarn vic- 
toria quam prohibito Hasdrubalis in Italiam transitu laetabantur. 
3tan braucht nur irgend einen annalistischen spanischen Bericht 
anzusehen, um den himmelweiten Unterschied zu erkennen. 

Nur ein Einwand wäre noch zu bekämpfen. Die Ab- 
sicht Hasdrubals oder die Ordre an ihn, nach Italien zu 
ziehen, wird für diese Zeit bezweifelt und sogar für wider- 
sprechend den gleich zu erwähnenden Bewüligimgen an Mago 
gehalten. Allein wohl mit Unrecht Mochte man auf dem 
Seewege Hannibäl Verstärkungen zuführen, besonders afri- 
kanische Spezialtruppen: was ihm not that zu entscheidenden 
Schlägen, waren Gallier und Ligurer, und dies „Kanonen- 
futter" konnte ihm nur durch ein auf dem Landwege vor- 
rückendes Korps gewonnen und zugeführt werden. Ein 
Nachschub durch Hasdrubal ist also wahrscheinlich von vorn- 
herein ins Auge gefafst und vor Magos Bitte beschlossen 
gewesen, auch durch deren Befriedigung nicht überflüssig 
geworden. 

Ist der Abschnitt aber aus Polybios, so kann er eben 
nur derjenige sein, welcher auch, ja hauptsächlich, seinem 
Jahre 215 v. Chr. gewidmet war. Die chronologische Be- 
stimmung des Hauptereignisses, der Schlacht von Ibera, be- 
stätigt dies. Der Barkide Mago kommt nach der Schlacht 
von Cannae und nachdem er noch in Bruttium thätig ge- 
wesen war, Liv. XXTTT 13 nach Karthago. Qroise Rüstungen 
werden beschlossen. Mago geht nach Spanien, um 20000 
zu Fufs und 4000 zu Pferde Verstärkungen zu werben, teils 
für Spanien selbst, teils für Hannibäl. Das gehört offenbar 
in den Winter. Ganz passend wird die Nachricht, dafs Mago 
bereit war mit 12000 zu Fufs, 1500 zu Pferde, 20 Elefan- 
ten und 60 Kriegsschiffen von Karthago nach Italien abzu- 



378 Vierter Abschnitt. 



segeln, c. 32 mit dem Begimi des neuen Feldzuges in Italien 
gleichgesetzt. Keinesfalls darf man sie früher datieren. Da 
trifft die Nachrieht ein: in Hispania rem male gestam, und 
bald darauf eine Aufforderung zu einer Landung in Sardinien 
gelegentlich des Wechsels im dortigen Kommando. Infolge 
dessen wird Mago nach Spanien, ein Hasdrubal nach Sar- 
dinien gesandt Man kann kaum fehlgehen, wenn man 
den Antritt des Marsches durch den Barkiden Has- 
drubal und die Schlacht von Ibera ins Frühjahr 
215 V. Chr. setzt. Die vorher von Livius erzählten Ereig- 
nisse aber werden sich folgendermafsen ordnen lassen. 

Hasdrubal wagt im Sommer 216 v. Chr. zunächst nicht 
ins Feld zu rücken. Erst als die oben besprochene Yer- 
stärkimg von 4000 zu Fufs, 1000 zu Pferde aus Afrika 
kommt, rückt er vor. Aber da kommen erst der AbMl der 
spanischen Schiffskapitäne — Qaditaner werden es wohl 
hauptsächlich gewesen sein — imd die Unruhen unter den 
Tartessiern dazwischen, die er nach anfänglicher Bedrängnis 
freilich rasch unterdrückt; gleich darauf wird ganz Spanien 
unruhig bei der Meldung, dafs Hasdrubal Ordre habe nach 
Italien abzuziehen; so geht die gute Jahreszeit vorüber. Auf 
Hasdrubals Yorstellungen wird wenigstens ein neues He«: 
nebst Flotte unter Himilko hinübergeschickt. Dies muia vor 
Magos Eintreffen in Karthago geschehen sein, also noch v<m: 
dem Winter. Himilko bezieht ein Lager mit seinem Heer 
und läfst seine Schiffe aufs Land ziehen. Persönlich eilt er 
dann nicht ohne Gefahr zu Hasdrubal. Nachdem die beiden 
sich beredet, treibt Hasdrubal Gelder ein zu seinem Unter- 
nehmen. Die römischen Feldherren ziehen ihre Truppen am 
Ebro zusammen, wo dann die beiderseitigen Heere aufein- 
ander treffen. Es fällt auf, dafs hierbei nicht von Winter- 



Livianischer Bericht 216 (Pol. 215) v. Chr. 379 

quartieren der Eömer und Hasdrubals die Bede ist, so wenig 
als Himilkos verschanztes Lager ein Winterlager genannt 
wird. Livius hat diese Bezeichnung vielleicht ab- 
sichtlich umgangen, damit die ungewöhnliche Fortführung 
der Darstellung übe* den Winter hinaus nicht in die Augen 
falle, vgL oben S. 281; seine Quelle Polybios liefs diesen 
natürlichen Abschnitt kaum unangemerkt. Femer wird Livius 
nach der Schlacht von Ibera zum Schlufs seines Berichtes 
wohl gekürzt haben, so summarisch Polybios auch die Folgen 
der schweren Niederlage behandelt haben mag. Ob auch 
eine Erwähnung der Werbung Magos während des Winters 
w^geblieben ist, kann man nicht wissen. 

Die eigentümliche Gruppierung der Hauptereignisse in 
den betrachteten Kapiteln um den Winter herum lud zur 
Vereinigung in einem Berichte ein, und zwar für Polybios 
notwendigerweise unter seinem Jahre 215 v. Chr., während 
Livius, der seit der Schlacht von Cannae den Polybios noch 
nicht wieder 1) herangezogen hatte, ohne unmittelbare ünzu- 
träglichkeiten das Ganze seinem Jahre 216 v. Chr. einver- 
leiben konnte, was dann die Folge hatte, dafs er bei die- 
ser Verschiebung der Polybianischen Abschnitte 
auch später zum gröfsten Nachteil seines Werkes 
blieb. Er merkte wohl, dafs die Polybianische Chronologie 
mit seinem annalistischen Prinzip schlecht harmonierte, und 
das mag ihn überhaupt dieser guten Quelle entfremdet haben, 
war aber zu lässig, lun über die Polybianische Jahrteilung zu 
studieren und dadurch zu der richtigeren Gleichung zu gelangen. 



1) Oder doch nur für den Übertritt Capuas, der ebenfalls Poly- 
bianisch gerechnet 215, nach römischer Datierung 216 v. Chr. fällt 
vgl. meinen fünften Abschnitt. 



380 Vierter Abschnitt. 



Für sein Jahr 215 v. Chr. wandte sich Livius nun auch 
in den spanischen Ereignissen von Polybios ab und einer 
spätannalistischen Quelle zu. Wenn er sich des Übergreifens 
in 215 V. Chr. vorher etwa noch nicht recht bewufst gewor- 
den war, so mufste er es bei einem Hick in die Annalen 
werden. Denn diese begannen den spanischen Bericht dieses 
Jahres natürlich mit der Schlacht von Ibera. Livius über- 
springt sie und die nächsten Erfolge der Kömer zugleich 
und beginnt XXT TT 48 mit dem „zu Ende dieses Som- 
mers"^) in Rom eintreffenden Schreiben der Scipionen, wel- 
ches ihre grofsen Erfolge, aber auch ihren Mangel an Geld 
und Yorräten schildert. Durch Yorschieisen der Lieferanten 
wird das Notwendige beschafft, und an die Ankunft der 
Sendung in Spanien werden nun c. 49, 5 noch einige fabel- 
hafte Siege der Römer bei Illiturgi und dann vor Intibili 
geknüpft. Yerläfsliches ist aus diesem Lügengewebe wohl 
nur zu entnehmen, dafs Mago wirklich noch in diesem Jahre 
neben Hasdrabal in Spanien thätig war, und dafs die Roma: 
bis Andalusien vordrangen. 

Auch der Bericht von 214 v. Chi\ XXIY 41 f. trägt 
denselben wüsten Charakter. Zuerst ist von grofsen Siegen 
Magos und Hasdrubals über die Spanier ohne irgendwelche 
Daten die Rede. Dann beginnt mit dem Yordringen der 
Scipionen über den Ebro eine Reihe mehr oder weniger 
glänzender römischer Siege, obwohl Hasdrubal Qisgonis filius 
tertius Carthaginiensium dux cum exercitu justo anlangt. 
Hinter o. 41, 8 ist ein Einschnitt, der Quellenwechsel ver- 
muten läfst; und im folgenden spielen Kämpfe um Dliturgi, 



1) Ygl. den ganz ähnlichen Fall bei Sicihen zu 211 v. Chr. im 
fünften Absclmitt. 



215 - 213 (Pol. 212) V. Clir. 381 



ähnlich denen des vorigen Jahres vor Intibili. Doch wurde 
schon oben bemerkt, dafs die Motive in den annalistischen 
Lügenbericliten sich oft genug wiederholen. Es ist melur 
eine Verdoppelung als eine Dublette. Zum Schlufs die Be- 
freiung und Wiederherstellung von Sagunt; in der Bemer- 
kung, dafs es octavum jam annum in Feindes Hand ge- 
wesen, wird man nicht mehr als einen Schreibfehler für 
quintum oder sextum zu suchen haben, zumal diese Sühne 
auch so schon unerwartet spät kommt 

Zu 213 V. Chr. liest man XXIV 48, 49 einen ver- 
trauenerweckenden Bericht Von den Fortschritten in Spa- 
nien ist nur summarisch die Rede, ausführlich dagegen von 
der Anknüpfung mit Syphax. Wie der König, in Krieg 
mit den Karthagern geraten, das Bedürfnis nach einem ge- 
schulten Fufsvolk empfindet, wie diesem Bedürfnis durch 
einen der drei Gesandten, welche Scipio zu ihm schickt, 
Q. Statorius, abgeholfen wird, ist recht verständig erzählt 
Nach c. 49 wird von den Karthagern der König Gala und 
dessen Sohn Masinissa gewonnen. Hierbei die falsche, aber 
kaum durch einen Schreibfehler zu erklärende Altersangabe: 
septemdecem annos natum, ceterum juvenem ea indole, ut 
jam tum appareret u. s. w. Masinissa mit den Karthagern 
vereint, schlägt Syphax aufs Haupt XXX milia eo proelio 
caesa dicuntur, die einzige Verlustangabe dieses Abschnittes. 
Syphax flieht zu den Maurusiern,i) um von dort mit neu- 
geworbenen Streitkräften nach Spanien überzusetzen, wird 
aber von Masinissa allein erfolgreich bekämpft Zum Schlufs 



1) WeiTsenborn bemerkt richtig, dafs dies die giiechischo , aber 
nach Servius' Zeugnis auch von Coelius angewendete Form für Mauri 
ist Cool. fr. 55 : Maurusii qui juxta Üceanum colunt. 



382 Vierter Abschnitt. 



kommt Livius nochmals auf Spanien zurück und sagt, über 
den dortigen Krieg sei nichts Wichtiges zu melden, auiser 
dalB 300 Yomehme Spanier nach Italien gesandt seien, um 
ihre Landsleute zu gewinnen, und dafs Keltiberer damals 
zuerst in Sold genommen seien. 

Den Nachweis, dala der Untergang der Scipionen zum 
nächsten Jahre von Livius aus Polybios geschöpft, aber um 
ein Jahr verfrüht ist, voraussetzend, urteile ich über unsem 
Abschnitt, dafs er vermutlich im allgemeinen ebenfalls aus 
Polybios und ebenfalls um ein Jahr zu früh genommen ist. 
Deshalb fehlt zu Anfang Näheres über Syphax und beson- 
ders über das Heer, welches die Karthager gegen ihn ver- 
wenden. Auf die Anwerbung von Keltiberem, die auch in 
dem nächsten Bericht von Livius erwähnt wird und zwar 
ausdrücklich als im letzten Winter geschehen, mag 
Polybios, obwohl er mit Eintritt des Winters zu schliefsen 
pflegt, auch hier schon am Schlufs hingewiesen haben. 

Dagegen dürfte die Sendung von 300 Spaniern nadi 
Italien aus römischen Quellen, in welchen, wohl seit Coelius, 
die ünzuverlässigkeit der Spanier in Hannibals Heer immer- 
fort betont wird, eingeschoben sein. Auf dieselbe Weise 
erkläre ich mir die falsche Altersangabe für Masinissa. Bei 
Valerius und vielleicht schon bei Coelius war Masinissa, wie 
wir im zweiten Abschnitt gesehen iiaben, in Karthago auf- 
gewachsen und mit seiner Gespielin Sophoniba verlobt wor- 
den. Dieser romantischen Yersion zuliebe wurde wohl Masi- 
nissa um 10 Jahre jünger gemacht. 

Wir wissen also, da der Livianische Bericht von 213 
V. Chr. ins folgende Jahr gehört und auch keine kriegerische 
Vorgänge erzählt, an Thatsächlichem aus Spanien vom Som- 
mer 215 an bis 212 V. Chr. nur dies, dafs im allgemeinen 



215-213 (Pol. 212) y. C3ir. — Zonaras. 383 

die römische Sache giofse Fortschritte machte, so grofse, 
dalfl man zu Ende dieses Zeitabschnitts 20000 Keltiberer 
in Sold nehmen und an Beendigung des Krieges in Spanien 
denken konnte. Zwar standen seit 215 v. Chr. Mago, seit 
dem nächsten Jahre auch Hasdnibal Gisgos Sohn in Spanien. 
Aber im Jahre 213 v. Chr.,^) welches uns ganz fehlt, mufs 
in Afrika den Karthagern ein neuer Feind in Syphax er- 
standen sein, mit welchem sich, wohl erst im nächsten 
Winter, Scipio in Yerbindung setzte. Dafs gegen ihn ein 
Feldherr mit dem gröfsten Teil der spanischen Armee be- 
ordert worden ist, werden wir gleich sehen, und die spätere 
Geschichte von Hasdrubal Gisgos Sohn spricht dafür, dafis er 
es gewesen ist. Sicherlich aber blieb Hasdrubal der Barkide 
in Spanien. 

Können wir unsere Kenntnis dieser Dinge aus den 
Quellen zweiten Eanges ergänzen? — Zonaras hat zwischen 
215 und 214 V. Chr. einen längeren Abschnitt über Spanien 
P. 423 A — C, sowie einen über Makedonien (215 und 214 
umfassend). Im ersten Satz hören wir in aller Kürze von 
der Schlacht bei Ibera, ohne dafs freilich dieser Name genannt 
und Hasdrubals Absicht nach Italien zu ziehen erwähnt würde, 
sodann dafs Mago nach Spanien geschickt wird, um Hasdru- 
bal frei zu machen: o yrorte^ ol ^KiTtlaovBt^ ovKh^ i/xa- 
xi(f(xyto, tva ^ff Hpati]6a^ iöco^ b köSpovßa^ sl^ tffv 
'itaXiav innx^Xl' ^^ ^^ "^^ '^^^ ^PoofialGov tpiXior ind- 
xow ol KapxTfdovtot, üovnXto^ fxiy o/jLoöe toi(S rtpo^- 
Tteöovöir avr(p töbv ivarricoy ixooprjöi ts xal iTtBKpa- 
ttföe, Frato^ Sh tovg a7toxG0pot>vtag 6<pdav ix rffts 



1) Nach fr. VE 19, 1 hätte Polybios die Massylier schon 215 
oder 214 V. Chr. erwähnt 



384 Vierter Abschnitt. 



M^XV^ VTtoXaßooy 7tpo^8ii<p^€tp£V' ix 6e rrj^ öv^tpopäg 
ravtrfg xal Ott nal TtoXeig ÖvxyoA Ttpoq tov<s ^Poo/jLaiovg 
fiB^iötavro y nXiov ff SiEvoeito o jiööpovßag xarijÄeiver. 
ol ök SHiTticoveg eig tffv 'itaXiav ev^v? tovg 7cpogx<^- 
prjöavtaq SöteiXav, avtol Sh ta iv r^ ^Ißrjpiqc Ha^iöraov, 
Darauf noch die Wiederherstellung Sagunts und die Anek- 
doten, dafs die Scipionen nichts aus der Beute erübrigt hätten 
als Spielsachen für die Kinder zu Haus, und dafs der Toch- 
ter des Gnaeus von Staats wegen eine Mitgift habe gespendet 
werden müssen. 

Man sieht, das Ganze ist unabhängig von Livius und 
bis auf die Anekdoten im ganzen vertrauenerweckend. Es 
ist sehr annehmbar, Coelius als Quelle zu vermuten. Nach 
Magos Ankunft haben zufolge Zonaras die Scipionen zunächst 
sich im ganzen auf die Defensive beschränkt Dies ist bei 
Livius unter dem annalistischen Lügenkram ganz überwuchert, 
und in dem Wust ist auch der eine von Zonaras erwähnte 
Sieg wenigstens unkenntlich geworden. Leider ist Zonaras 
gegen den Schlufs hin sehr kurz. Wir erfahren nichts von 
Händeln in Afrika und wenig von den damit zusammen- 
hängenden Verlusten der Karthager in Spanien, 

Jetzt erst nehmen wir Appian zur Hand. Die Iberike 
ist das lotterigste der erhaltenen Bücher, weil Spanien das 
dem Alexandriner entlegenste Gebiet war. Hier sind die 
tollsten geographischen Schnitzer. Er läfst den Ebro in den 
„nördlichen Ozean" fliefsen und identifiziert standhaft Sagunt 
und Neukarthago. Hier sind auch die stärksten Sprünge, 
wie das wiederholte }Jiix9^ schon äufserlich zeigt Auf wenig 
mehr als einer halben Oktavseite werden die ersten sieben Jahre 
abgemacht. Yen den Ziffern bei der erst-en Aussendung des 
P. Scipio im Jahre 218 v. Chr. ist nur die erste, 60 Schiffe, 



Zonaras. — Appian. 385 



in Ordnung. Bis Pnblius nachkommt, thut Gnaeus c. 15 
ovSiv, o rt Kai eiTteiv. Also von der Seeschlacht kein 
Wort! Ebensowenig von der hochwichtigen Schlacht 
bei Ibera; denn auch die beiden Brüder vereint thun eigent- 
lich nichts: tor iv 'ißrfpi^ TtSXe/jLov Stitpapov, liödpovßov 
6q)i(iiy avrtötpatriyovvro^, M^XP^ Kapxvdovtot /jikv vno 
2vipaK0fS tov rcöv Noßiaöcov dvvdörov TtoXeßÄOv/xeroL 
tor jiödpovßav xal /xipog tr/<s vn^ avx^ ötpariä^ /xers- 
nifjLipavrOy tdav Sh vTtoXolTtoov ol SHtTtioove^ €v/jiapco<s 
ixparow» xa\ TtoXXal tdar TtoXecov i^ avtov^ sxovöat 
/xerertöerro' xa\ yap fjörtjv Ttt^avcoratoo ötpatrjyr/öai 
re xal Ttpo^ayayiö^au C. 16: Si/xerot d' oi Kapxv- 
Sovtoi npbq 2v<paxa eiptfvrfv, av^i^ i^iTrs/XTtov ig ^IßV' 
pUxv üiödpovßav jieta TtXiovog ötparov xai iXeg^av- 
tcav rptäxovra xal 6vv airtco äXXovg Svo ötpatrjyovg, 
Mdyoavd ts xal jiödpovßav IkepoVy o^ riöxcavog rfv 
viog. xal jj^aA^^rcorepo^ t/v toig ^xtnioaötv o noXefiog 
ano tovSe, ixpdtow de xal cSg" xal TtoXXol /^hv 
tcav Azßvcav ttoXXoI 6h tdav aXe(pdytcav' itp^rdprföaVy 

fiixP^ ^- 8. w. 

Dadurch, dafs er die eigentlichen Thaten der Scipionen, 
anch die bestbeglaubigten, leichten Herzens überspnmgen 
und nur die Episode in Afrika aufgenommen hat, ist Appian 
hier in den Geruch einer besonders unverfälschten Quelle 
geraten. Ich sehe überall nur Flüchtigkeit, auch in den 
Notizen über die karthagischen Feldherm. Mago und Has- 
drubal, Gisgos Sohn, sind in Wahrheit ja schon vor Ent- 
stehung des Krieges mit Syphax nach Spanien gekommen. 
Mit bezug darauf, nicht auf die Beendigung des Krieges 
gegen den Numiderkönig, sollte das ;^arA8;rG}r8poc? tfv o 
TtoXBfjLog dnb tovÖB und besonders das ixpdtovv öh 

Hesselbarth, histor. - krit. Untersuch. 25 



386 Vierter Abschnitt. 



Kai Sg gesagt sein. Im Zusammenhang damit hat sich 
Appian eine Vertauschung der beiden Hasdrubale zu 
schulden kommen lassen. Die allgemeine Erwähnimg grofser 
Verluste (charakteristischerweise auch namentlich an Elefan- 
ten), welche Appian hier einmal fallen zu lassen sich be- 
müfsigt hat, deutet auf starke annalistische Lügen in seiner 
QueUe. 

Der Untergang der Scipionen, Liv. XXV 32 — 36 in 
der ersten Hälfte des spanischen Berichtes imter 212 v. Chr. 
beschrieben, ist Polybianisch, jedoch um ein Jahr ver- 
früht. Dieser Fehler, dessen ürspnmg wir früher beobach- 
tet haben, ist dann auf die anschliefsenden Siegesberichte 
c. 37 — 39 übertragen. Die Beweise für den Polybianischen 
Ursprung werden sich bei einer Übersicht über den Inhalt 
der fünf Kapitel ergeben. Die drei durchschlagenden Mo- 
mente für die chronologische Frage aber seien hier beleuchtet 

Die Eömer haben gewifs nicht über ein Jahr lang nach 
dem Unglück, welchem ihre beiden Feldherren und deren 
Heer erlagen, Spanien ohne Feldherm gelassen. Das müfste 
aber geschehen sein, wenn das Ereignis im Frühjahi- jenes 
Jahres stattgefunden hätte, da bekanntlich erst nach Capuas 
Fall im Sommer 211 v, Chr. Claudius Nero mit Truppen 
dorthin abgeht. Zweitens wird nach Liv. XXV 30, wo Po- 
lybios Quelle ist, der Spanier Moericus frühestens im Herbste 
212 V. Chr. (vgl c. 26, 7) zum Verrat von Syrakus durch 
einen Landsmann dadurch bewogen, dafs ihm dieser vor- 
stellt, dafs ganz Spanien in den Händen der Römer sei; 
auch dies wäre unmöglich, wenn schon im Frühjahr des- 
selben Jahres der vernichtende Schlag gefaUen wäre. Drit- 
tens giebt sogar Livius selbst beim Tode des Cn. Scipio 
c. 36, 14 an, derselbe sei 8 Jahre nach seiner Ankimft in 



Livianischer Bericht 212 (Pol. 211) v. Chr. 387 

Spanien erfolgt, eine Angabe, welche c. 38, 6 in einer Rede 
wiederholt wird. Dagegen liegt in den Anfangsworten des 
Livius: Eadem aestate in Hispania, cum biennio nihil ad- 
modum memorabile factum esset consiliisqne magis quam 
armis bellum gereretur, kein Beweis für die Verschiebung. 
Sie sind nur eine Hinweisung auf das thatenlose letzte 
Kri^sjahr, welchem beide Winter zugerechnet sind. Denn 
die Ausdrücke wie biennium und biduum braucht Livius 
oft stark nach oben abrundend, wie man ja quinquennium 
geradezu für 4 Jahre gebraucht, analog unsem „8 Tagen". 
Der Hergang ist kurzgefafst folgender. Nachdem die 
Tnippen aus den Winterquartieren zusammengezogen, be- 
schliefst der Kriegsrat im Vertrauen auf 20000 Keltiberer, 
welche in diesem Winter zu den Waffen aufgerufen waren, 
nicht mehr sich damit zu begnügen, dafs man Hasdrubal 
festhalte, sondern den spanischen Krieg zu Ende zu bringen. 
Gnaeus bietet mit einem Drittel des Heeres und den Kelti- 
berem dem nächsten der drei feindlichen Feldherren, Has- 
drubal dem Barkiden, die Spitze, Publius dagegen zieht mit 
den andern zwei Dritteln einige Tagemärsche weiter, Mago 
und Hasdrubal Gisgos Sohn entgegen. Er wird zuerst von 
den beiden karthagischen Feldherren geschlagen und getötet, 
als er von seinem Lager nachts ausgerückt ist, um ein 
zum Überflufs auch noch heranziehendes Heer von Spaniern 
zu schlagen, wobei die unermüdlichen Angriffe des „neuen 
Feindes" Masinissa den Römern besonders verderblich wer- 
den. Gnaeus, von seinen Keltiberem verlassen und von den 
vereinigten Feinden bedrängt, versucht sich zurückzuziehen, 
wird aber sogleich auf einem nackten Hügel, der nicht ein- 
mal das Aufwerfen eines Grabens gestattet, umstellt und 
fiült im Verzweiflungskampfe. 

25* 



388 Vierter Abflchnitt. 



Der ganze Bericht ist klar und setzt die entscheiden- 
den Punkte in helles Licht Freilich vermifst man eine 
Erklärung, welches „der Mufs" ist, der anfangs Hasdrubal 
den Barkiden von Gnaeus trennt, dann von ihm überschrit- 
ten wird; da Livius, gewifs nach Polybios, XXVIH 19 er- 
wähnt, die Illiturgitaner hätten die nach der Niederlage zu 
ihnen geflüchteten Römer den Feinden ausgeliefert, so wird 
es der Guadalquivir gewesen sein. Aufserdem wünschten 
wir Auskunft, wann die wahrscheinlich im vorigen Jahre in 
Afrika verwendeten Heeresteile zurückgekommen, imd wie 
Masinissa mit Syphax fertig geworden. Polybios, der mit 
dem Winter anzufangen pflegt, wird hierüber imd über die 
Keltiberer gewifs Auskunft gegeben haben. Livius, gewohnt 
mit einem eadem aestate, wie auch hier, oder höchstens mit 
initio veris anzufangen, ergreift besonders am Anfang der 
Berichte gern die Gelegenheit, zu kürzen; wir werden weiter 
unten finden, zu welchen Unklarheiten, nicht blofs sachlich, 
sondern sogar stilistisch, diese Manier XXVII 17 geführt 
hat. Von einer Rückkehr karthagischer Truppen aus Afrika 
brauchte Livius auch deshalb nichts zu sagen, weil er von 
ihrem Abgang dorthin geschwiegen hatte. 

Wie ganz des Polybios würdig ist der Satz c. 33, 6: 
id quidem cavendum semper Romanis ducibus erit exempla- 
que haec vere pro documentis habenda, ne ita externis cre- 
dant auxiliiö, ut non plus sui roboris suarumque pro- 
prio virium in castris habeanti Der lehrhafte Ton, dann der 
umschreibende abstrakte Ausdnick, wo es kurzweg „Römer" 
heüsen konnte, scheinen mir Anzeichen zu sein, dafs hier 
eigentlich nicht Livius spricht, und dafs die Lehre lu^prüng- 
lich mit nichten nur römischen Feldherren gilt Bei 
der Schilderung der Eampfweise von Masinissas Scharen 



Untei^;{infir der Scipionen nach Polybios. 889 

hören wir den kundigen Taktiker heraus aus der Bemerkung, 
dafs es ebenso leicht war sie zu durchbrechen, als schwer 
ihnen zu entgehen. Endlich deckt sich mit Livius das Frag- 
ment Pol. Yni 38, 1, welches nach meinen Auseinander- 
setzungen über die Chronologie also ins neunte Buch zu 
setzen sein würde. 

Von der so vernichteten römischen Armee dürften nur 
sehr wenige Überlebende änroh. das weite Gebiet bis zum Ebro 
hin entkommen sein, die dann nach Pol. fr. incert. 180 (176) 
mit der Flotte zusammen den Flufs gedeckt zu haben schei- 
nen. Der Legat T. Fontejus, welchen Publius im Lager mit 
einem modicum praesidium — er setzte ja alles auf einen 
Wurf — zurückgelassen hatte, mag z. B. Zeit dazu gefunden 
haben. Er wird in der That aufser c. 37 später noch ein- 
mal genannt Liv. XXVI 17. Sonst waren ja, wie uns Livius 
nach Polybios deutlich schildert, die Umstände bei beider 
Feldherren Ende ganz verzweifelte. Auch schreibt Polybios 
es lediglich dem Hader der karthagischen Führer zu, dafs 
sie den Sieg nicht besser benutzten IX 11: Kpatr/öavtsg 
tdor VTtsyarticüv 6^cav avrdov ovh iövvarto Hpateiv 
Hai So^arte^ tov TVpbg ^Paa/iaiovg TtoXsjiov dv^- 
prfHirat npb^ avtovg iöraöiaZov u. s. w. 

Zu demselben Ergebnisse kommt man, wenn man nach- 
rechnet, was später an Truppen in Spanien vorhanden ist. 
Nach Liv. XXVI 17, 1 ging Nero nach Spanien mit 12000 
zu Fufs und 1100 zu Pferde, nach c. 19, 10 Scipio mit 
10000 zu Fufs und 1000 zu Pferde. Diesen aUem Anschein 
nach verläfslichen Ziffern steht kein Abgang gegenüber. Nim 
hatte Scipio nach Liv. XXVI 41, 2, wo sicher schon Poly- 
bios zu gründe liegt, spanische Bundesgenossen 5000, im 
ganzen aber nach Pol. X 6, 7 und c. 9, 6 -= Liv. XXVI 



390 Vierter Abschnitt. 



42, 1: 28000 zu Puls, 3000 zu Pferde. Es ergeben sich 
also nicht mehr als 2000 als Bestand nach dem Untergang 
der Scipionen, von denen wohl der gröfste Teil als Besatzung 
am Ebro zurückgeblieben war. Auch von dieser Seite her 
sehen wir uns zu der Annahme gedrängt, dafs das Yer- 
nichtungswerk ein nahezu vollständiges gewesen ist 

Nun liefsen aber bekanntlich gewisse Annalisten und 
Livius mit ihnen c, 37 — 39 unmittelbar nach dem grofsen 
Unglück die gröfsten Heldenthaten unter jenem Marcius in 
Szene gehen. Wie ermöglichten sie das? Wie schafften 
sie dem Marcius ein Heer? 

Livius zunächst wendet allerlei kleine Mittel an, um 
die Folgen der Katastrophe, die er nicht bemäntelt, doch in 
etwa abzuschwächen. So heifst es bei dem Untergang des 
Gnaeus c. 36, 12: magna pars tamen militum cum in pro- 
pinquas refugisset süvas, in castra P. Scipionis, quibus 
Ti. Fontejus legatus praeerat, perfugerunt. In das Lager 
des Publius, der weiter vorgedrungen und 29 Tage 
vorher erlegen war! Livius schielt eben schon nach den 
Annalen, denen er § 13 die demnächst zu besprechende 
Yarianto entnimmt. Ferner c. 37, 1: Cum deleti exercitus 
amissaeque Hispaniae viderentur, vir unus res perditas 
restituit, und § 4: is et ex fuga collectis militibus et qui- 
busdam de praesidiis deductis haud contemnendum exercitum 
fecerat junxeratque cum Ti. Fontejo. 

Dafs die Annalisten weniger ängstlich verfuhren, kann 
man schon aus der eben erwähnten Variante c. 36, 13 sehen: 
Cn. Sdpionem alii in tumulo primo impetu hostium caesum 
tradunt, alii cum paucis in propinquam castris turrim per- 
fugisse; hanc igni circumdatam atque ita exustis foribus, 
quas nuUa moliri potuerant vi, captam, omnisque intus cum 



Der UnteiKang der Scipionen bei den Annalisten. 391 

ipso imperatore occisos. Nach dem: propinquam castris, 
mufs in der Quelle die Lage ganz anders und jeden- 
falls viel günstiger gewesen sein. Die nächsten Worte: 
anno octavo postquam in Hispaniam venerat Cn. Scipio, unde- 
tricesimo die post fratris mortem est interfectus gehören wie- 
der Polybios an, worüber unten. 

Nun fährt Appian Iber. 16 fort: ßiixP^ ;^fii/ic5rog i;ri- 
Xaßovtots oi ßjLsy AißvB^ ixsi/JiaZov iv Tvpdiraria, rdov 
6h SHiittcovoov o jjihy Fratog iv ^Opöddvt, 6 6h TIov- 
TtXtog iv Ka6roX6ovu %y^a avr(p Ttpogtcav 6 ji66poV' 
ßag aTttfyyiXSfff' Ha\ TtpoeX^cbv rffg TtoXsaxs //er' oXi- 
yoay ig xaraÖHOTtfir 6tpat07ti6ov , iXaS^e TiXt/öiaöag 
t(p k66povß^, Hai avtbv ixeivog Koi xovg 6vv avt(p 
ndvtag Iftnevöi 7eBpi6pa}xobv aTriKtetver. 6 6h rvatog 
ov6iv rt TtpojjLaS^oav ig tov a6eXq}6y inl (ftrov inBjXTtB 
örpaticatag, olg etepot Aißvoov övyrvxorteg ijidxorto. 
xal Ttv^ojjievog b Fraiog i5i6paßjL€v cog elxB /xetd rdov 
%v8fioyoov in^ avtovg. oV 6h tov^ re npotipovg dv^pi]' 
xeöav fj6rf, xal rbv Fvatoy i6iGoxov, ?cog igi6paji€v ^g 
rtra nvpyov. xal tov nvpyov iviTtpr^öav ol Aißveg, 
xal o 2xi7t{otfy xatexavS^ij ßietd t<2fv öwovtGov. Dafe 
Scipio geradezu verbrennt, scheint eine Stütze zu finden an 
dem belesenen Ammianus. Amm. Marc. XXXI 13, 7: Sci- 
pionem alterum cremata turri, in quam confugerat, absumptum 
incendio hostili comperimus. ülud tarnen certum est nee Sci- 
pioni nee Yalenti sepulturam . . . contigisse. Eine kleine 
Verschiedenheit wäre also zwischen Livius einerseits, Appian 
und Ammian andrerseits. Doch springt die enge Verwandt- 
schaft in die Augen. Das Wesentliche bei beiden Versionen 
ist, dafs die Feldherren nicht mit ihrem Heere in verzwei- 
feltem Kampfe, sondern nur mit einer kleinen Schar 



392 Vierter Abschnitt. 



und durch absonderliche Zufälle umkommen. Mit der 
Sagenbildung, welche an den Tod berühmter Männer anknüpft, 
hat also unser Fall nichts zu thun. 

Dafs ich mich in dieser Auffassung nicht irre, scheint 
mir auch Appian. Iber. 32 zu beweisen, wo die oben aus 
Livius mitgeteilte Notiz über lUiturgi in folgender Gestalt 
wiederkehrt: rj ^Poofialoav ^Iv ^v <piKr} xata tov itpo- 
tepor 2Ht7ticjva, avatpeS^irto^ 5' ixeivov Kpvq>a fiert- 
ti^Eito Koi ötpatiar vTtoöeSafÄivtf 'Pco/jLaicüv, dfg hi 
<plXr}y KapxtfSovioKS ixSedooHet. Mit dem Vemichtimgs- 
kampfe mufsten auch die Flüchtlinge beseitigt werden, und 
indem man eine Besatzung daraus machte, verstärkte man 
zugleich die Schuld der Stadt. 

Auch berichtet Eutrop. HI 14, hier selbständig von 
Livius: (ambo Scipiones) interficiuntur, exercitus tamen 
integer mansit casu enim magis erant quam virtute 
decepti (sie!). 

Flor. I 22, 36 stimmt hier ebenfalls einmal mit Appian, 
wie es scheint auch in betreff der Todesart des Qnaeus: 
Pimicae insidiae alter um ferro castra metantem, alterum, cum 
jam evasisset in turrem, cinctum facibus oppresserant 

Ich wiederhole, dafs wir es mit einer späten, ten- 
denziösen Fälschung zu thun haben, deren Kehrseite die 
Siege des Mardus sind. Da es nach einer späteren Angabe 
scheint, dafs livius in erster Linie den Annalisten Claudius 
benutzte, so liefse sich die Differenz betreffs der Todesart 
des Gnaeus hiermit erklären. Claudius hätte dann an der 
Fälschung den Löwenanteil, Valerius aber hätte den Feld- 
herm geradezu verbrennen lassen, weil er das für noch 
heroischer oder für wahrscheinlicher hielt, oder aus sonst 
einer nicht näher zu erkennenden (Jesohmacksverschiedenheit 



Die Heldenthaten des Morciiis. 393 

Die Thätigkeit des Marcius beginut Liv. c. 37: Castris 
citra Hiberum communitis wird er durch Abstimmung der 
Soldaten gewählt. Ob der geographische Sprung Livius oder 
der Quelle zur Last fällt, ist nicht zu sagen; die Wahl 
durch das Heer ist historisch und nicht etwa aus demo- 
kratischer Tendenz der Quelle abzuleiten. Es folgt nun ein 
glücklicher Ausfall auf den über den Ebro gegangenen und 
auf das Lager zu rückenden Hasdrubal Gisgos Sohn. Eine 
Verfolgung unterläfst Marcius absichtlich, überfallt aber in 
der Nacht den sicher gewordenen Feind im eignen Lager. 
Die Anzündung des numidischen Lagers unter Scipio Afri- 
canus hat dazu als Muster gedient, vgl. die Besorgnis vor 
einem terror noctumus, die Absperrung des Weges zu dem 
andern Heere durch Eeiterei und die Anzündung einiger 
Hütten. Schliefslich wird auch „das andere Lager", welches 
„die beiden Heere" des Mago und des Barkiden Hasdrubal 
umfafst, genommen. Die Rührungsszene, welche Marcius 
und sein Heer aufführen, postquam signum pugnae propo- 
situm ab novo duce milites viderunt, ist recht abgeschmackt, 
auch wenn man sich den Tod der Scipionen — und so war 
es in der Quelle — kurz vorher und so geschehen denkt, 
wie Livius in der Variante berichtet hat Livius hat hier- 
bei noch, wie er später angiebt, ein Mirakel gestrichen, 
welches auch Plinius aus Antias kennt N. H. H 241. Wich- 
tig sind nun die schon berührten Angaben über die Quel- 
len c. 39, 11 ff.: ita nocte ac die bina castra hostium ex- 
pugnata ductu L. Marcii. ad triginta Septem milia hostium 
caes^ auctor est Claudius, qui annales Acilianos ex Graeco 
in Latinum sermonem vertit, captos ad mllle octingentos 
triginta, praedam ingentem paratam. in ea fuisse clipeum 
argenteum pondo centum triginta Septem cum imagine Bar- 



394 Vierter Abschnitt. 



cmi Hasdnibalis. Yalerius Antias una castra Magonis capta 
tradit, Septem milia caesa hostium, altero proelio eruptione 
pugnatum cum Hasdrubale, deoem milia occisa, quattuor milia 
trecentos triginta captos. Piso qiünque milia hominum, cum 
Mago cedentes nostros effuse sequeretur, caesa ex insidiis 
scribit. apud omnes magnum nomen Marcii ducis est et 
verae gloriae eius etiam miracula addunt, flammam ei con- 
tionanti fusam e capite sine ipsius sensu cum magno pavore 
circumstantium militum, monumentumque victoriae eius de 
Foenis usque ad incensum Capitolium fuisse in templo dipeum 
Marcium appellatum cum imagine HasdrubaUs. Die Stelle 
beweist, dafs Livius dem Claudius gefolgt ist Was Valerius 
betrifft, so wären 10000 Tote gegen 4300 Gefangene etwas 
wenig; immerhin hat er einige Lorbeeren aus dem Kranze, 
den sein Yorgänger gewunden, herausgenommen. Dafs er 
sie nicht vielleicht anderswo verwendet hat, ist damit noch 
nicht bewiesen. Wenn es ganz sicher wäre, dafs der Aus- 
druck: una castra Magonis, beide Hasdrubale aussohliefsen 
soll — und auch Piso sprach ja von Mago allein — so 
könnte Yalerius, wenigstens hier, auch nicht von dem Schilde 
Hasdrubals erzählt haben, sondern nur Claudius.*) Das wäre 
dann ein Beweis, dafs dieser nach dem Brande des Kapitoles 
schrieb und spräche sehr für die auch von mir angenommene 
Identität mit Claudius Quadrigarius. 

Auch Yal. Max. I, 6, 2 berichtet die Thatsachen mit 
den Zahlen wie Claudius. Doch ist die nächste Annahme, 
dafs er aus Livius geschöpft hat 

Über die Folge und den Zusammenhang der Ereignisse 
des Jahres 211 v. Chr. läfst sich erst jetzt voUe Klarheit 

1) Überdies hatte eine ganz ähnliche Angabe nach Liv. XXXIH 
36, 13 ebenfalls der Annalist Claudius, nicht aber Antias. 



211 V. Chr. 395 

gewinnen. Oben wurde bewiesen, dafs der Untergang der 
Scipionen in das Frühjahr dieses Jahres gehört, ungefähr in 
die Zeit von Hannibals Marsch auf Eom. Also kann die 
Zeitbestimmung Liv. XXYI 2: Principio ejus anni cum de 
litteris L. Marcii referretur, nicht richtig sein. Höchst 
wahrscheinlich hat Livius den Bericht an den An- 
fang des Jahres gerückt, um seine fehlerhafte An- 
setzung des Todes der Scipionen einigermafsen zu 
verdecken, wozu wir bald einen entsprechenden Fall finden 
werden. Hiermit hangen wohl die übrigen Auffälligkeiten 
zusammen. Yon dem Untergang der Feldherren ist keine 
Eede, obwohl die Meldung offenbar die erste von Mardus 
ist. Yon wem und wann dieselbe überbracht ist, hören wir 
zunächst auch nicht Es heifst vielmehr nach den angeführ- 
ten Worten weiter: res gestae magnificae senatui visae, titu- 
lus honoris quod .... 'propraetor senatui' scripserat, magnam 
partem hominum offendebat; erst aus dem Beschlufs, zuvör- 
derst die Ritter, welche den Brief überbracht, zurückzu- 
senden mit der Antwort, für Getreide und Bekleidung würde 
gesorgt werden, erfahren wir wenigstens etwas Näheres. 
Alles deutet darauf hin, dafs Livius den Anfang des Kapitels 
notdürftig zurecht gemacht hat 

Nach Abgang der Antwort wird sogleich beschlossen § 5 : 
agendum cum tribunis plebis esse, primo quoque tempore 
ad plebem ferrent, quem cum imperio mitti pkceret in Hi- 
spaniam ad eum exercitum, cui Cn. Scipio (als der zuletzt 
Gefallene?) Imperator praefuisset ea res cum tribunis acta 
promulgataque est Es ist aber von Spanien bis c. 17 
nicht wieder die ßede, aufser in der bekannten Anekdote, 
dals während der Bedrohung der Hauptstadt durch Hannibal 
milites sub vexillis in supplementum Hispaniae profectos. 



396 Vierter Abschnitt. 



(bei welcher Anekdote übrigens auch, wie Weifsenborn rich- 
tig bemerkt, der Untergang der Scipionen als noch nicht 
geschehen oder bekannt zu denken ist). Erst c. 17 nach der 
Einnahme Capuas werden C. Claudius Nero vom Senat zu- 
sammen 12000 zu Fufs und 1100 zu Pferde bestimmt, mit 
denen er sich direkt von Puteoli nach Spanien einschiffen 
soll. Er zieht gegen Hasdrubal den Barkiden, offenbar über 
den Ebro — die Lokalangaben sind wirr, schwerlich blofs 
durch Schuld des Livius oder der Abschreiber — läfst jenen 
aber sich durch eine plumpe List aus dem Garne ziehn. 
C. 18: Inter haec Hispaniae populi nee, qui post cladem 
acceptam defecerant, redibant ad Romanos, nee ulli novi 
deficiebant, et Romae senatui populoque post receptam Ca- 
puam non Italiae iam maior quam Hispaniae cura erat, et 
exercitum augeri et imperatorem mitti placebat. Darauf die 
Wahl Scipios. 

Offenbar ist, dals man die Kluft zwischen c. 2 und c 17 
sich ganz oder fast ganz wegzudenken hat Ich gehe aber 
weiter und fasse die Wahl des jungen Scipio c. 18 
nur als Ausführung des Beschlusses c. 2, 5. Denn 
wir wissen ja, dafs der Untergang der Scipionen ins Früh- 
jahr 211 V. Chr. fallt, gleichzeitig mit Hannibals Marsch auf 
Rom oder noch etwas später. Die Wahl des jungen Scipio 
aber gehört auf jeden Fall in dasselbe Jahr, da er nicht 
bloüs nach Livius und Zonaras, sondern auch nach Appian 
damals 24 Jahr, beim Gefecht am Tessin aber wie bekannt 
17 Jahr alt war; sein Abgang nach Spanien hat sich dann 
freilich verzögert. Das Kommando des Proprätors Nero 
aber scheint mir nur ein interimistisches, ihm vom Senat*) 

1) Man könnte ja annehmen, da£s auch ein Volksbeschluls 
darüber erfolgt sei. Das wäre aber immer noch nicht die ErfüUong 



Angebliche Miltorfolge Keros. 397 

Übertragen, während die Bestellung des nenen Feldheim im 
Werke war, sei es gleich in der Sitzung in c 2, sei es 
bald darauf. 

Aber Livius motiviert doch die Sendung Scipios erst 
mit Neros ungeschickter Amtsführung! Nun, ich halte von 
der Erzählung nicht viel. In dieser Zeit vor Scipios Ein- 
treffen ist nach Pol. X 6 nichts Erhebliches unternommen 
worden, insbesondere der Ebro nicht überschritten. Und 
nach dem Unglück, wie wir es in seinem ganzen umfang 
ermessen haben, war das nicht anders möglich; den Um- 
ständen nach hat Nero seinen Posten sicherlich gut ver- 
sehen. Eben deshalb wählte man ihn zum Konsul, als Has- 
drubal in Italien erschien. 

Von Mifserfolgen Neros sollte also nicht die Rede sein. 
Aber Ldvius oder vielmehr seine spätannalistischen Quellen 
hatten allen Grund dergleichen zu erfinden. Sie hatten die 
Niederlagen von 211 v. Chr. nach Kräften ins Gegenteil 
verkehrt. Aber Lügen haben kurze Beine. Wenn nicht die 
Lorbeeren des nun auftretenden römischen Lieblingshelden 
sehr unansehnlich werden, seine Bewerbung den Glanz des 
Wunderbaren, Prophetischen einbüfsen sollte, so mufste ein 
Dämpfer aufgesetzt werden, versteht sich nicht gerade durch 
wirkliche karthagische Siege. Und gerade diesen Zweck er- 
füllt die Livianische Erzählung. 

Dio hatte beim Tod der Scipionen sich offenbar wieder 
Livius zugewendet. Denn Zonaras erwähnt das Ereignis zu 



dessen, was c. 2 in Aussicht gestellt ist; eine Inkongruenz zwischen 
diesem Kapitel und c. 18, wo die Neubesetzung des spanischen 
Kommandos von neuem motiviert wird, bestünde trotzdem. Der 
Schlufs auf eine ältere oder reinere Quelle in c. 2 liegt nahe, ist 
aber doch nicht unumgänglich. 



398 Viertor Abschnitt. 



212 und berichtet ausführlicher über Neros Thätigkeit und 
Scipios Wahl zu 211 v. Chr. Zu Livius stimmt ebenfalls 
der Inhalt; auch der letzte Satz xal dtaöcoS^elg ^oßepog 
av^ig r(p Nipcovi iyivero darf als ungefähre Wiedeiigabe 
des Livius gelten. 

Bemerkenswerter ist, dafs auch der von Livius unab- 
hängige Appian einen Rückgang der römischen Sache unter 
Nero und die Sendung Scipios erst als Folge davon kennt 
Übrigens ist er hier infolge starker Kürzung womöglich noch 
flüchtiger als vorher; er eilt sichtlich zum Auftreten 
des grofsen Scipio, auf den er schon c. 17 deutet, wenn 
er von Sehnsucht der Spanier nach dem gefallenen Brüder- 
paar spricht: xal avtovg iTreTto^rjöar ''Ißtfpsg , vgl. a 19: 
tcov SKiTttcovGav rffv apsrfp^ inino^ovöav. Da kommt 
das Zwischenliegende sehr zu kurz: Die Römer, betrübt über 
den Tod der Scipionen, schicken Maroellus (Verwechselung 
mit Marcius) und „mit ihm" (das verrät die willkürliche 
Verknüpfung) Claudius nach Spanien mit 10000 zu Fufs 
und 1000 zu Pferde. ovdByo<s Sh \aji7Cpov napa rojvöe 
ytyvoßiivov ta Aißvoov vTteprfvSavsro ual Ttdöav öx^- 
dbv 'ißrfpiav tlxov^ ig ßP^X^ 'Pooptaicov iv toig opeöt rotg 
UvpTfyaioig 6vyK€HXei6/iivGoy, TtaXiv ovv oi iv äötst 
TCvv^avojjLevot iiäXkov irapdööovto. Offenbar wesentlich 
derselbe Zusammenhang wie bei Livius; und ich vermute 
gerade deshalb, dafs Appian die Flut von Heldenthaten (des 
Marcius), worauf dies die Ebbe ist, eben nur zu Anfang des 
Kapitels übersprungen hat 

Hiermit stehen wir vor dem Auftreten Scipios. "Wie 
dessen Charakter und Handlungsweise von den Schriftstelloni 
aufgefafst wurde, ist eine so wichtige Frage, dafs es sich 
empfiehlt, sie vorweg zu erledigen. Es trifft sich gut, dafa 



Polybios über Scipioe Charakter. 399 

eine ausführliche Erörterung des Polybios über diesen Punkt 
uns aufbehalten ist. Er bekämpft X 2 — 5 die bisherigen 
Darsteller, tovg ißtfyov/iivovg VTthp avtov, welche fol- 
gendermalsen charakterisiert werden: ol /iiv ovv äXkot 
Tcavtsg avtbv iTtitvxv ttva, Ka\ to nXBiov aei itapa- 
Xoyoag xal tavto^dt(p xatop^ovvta ta<s iTttßO" 
Xäg Ttapeigayovöt' (6) vo/iiSiorteg , oogavsl ^etotipovg 
zlvat Ka\ ä^avjjLaötoripovg tovg rowvrovg ävöpag rdor 
xata Xoyov kr ixaiStoig npatrovtcov — sehr verkehrt, 
meint Polybios, da vielmehr die klug berechnenden Män- 
ner die wahren Götterlieblinge sind. Er stellt diesen Dar- 
stellungen gegenüber den Satz auf, dafs Scipio durch 
feine Berechnung und Verschlagenheit so Grofses 
erreicht habe. Ihm wie Lykurgos hätten die angeblichen 
Eingebungen nur zur Entflammung seiner Untergebenen ge- 
dient 

Zum Beweis seines Satzes führt Polybios hier vorläufig 
zwei Erzählungen des alten Laelius an. Erstens, in kriti- 
schen Lagen (sonst also nicht) immer seine Person einzu- 
setzen, habe Scipio zu seinem Grundsatz gemacht, als er 
seinem Vater am Tessin das Leben gerettet und ihm dies 
so groise Anerkennung eingebracht habe, omp lötov iötiv 
ov ty tvxxi ^t&revovtog, dXXa vovv Ix^^'^^*^ ffyeptorog. 
Die Erfindimg von Träumen femer habe er zum erstenmal 
mit Erfolg angewandt, als er die Einwilligung der Mutter 
zu seinem wohlüberlegten Plane, neben seinem Bruder als 
Kandidat für die Ädilität aufzutreten, gewinnen wollte; dar 
durch sei er zuerst in den Ruf gekommen, mit den Göttern 
im Verkehr zu stehen. Denn die nicht tiefer Blickenden 
führen den Ursprung dessen, was durch kluge Berechnung 
erreicht wird, zurück eig ^eovg xal tvxag. Polybios 



400 Vierter Abschnitt. 



schliefst mit einer Warnung vor der Ka^co/itXrjßiiv^ öoS^ 
7t€p\ avtov und geht dazu über, den Plan zu dem Unter- 
nehmen gegen Neukarthago auseinanderzusetzen c. 6. 

In diesem Unternehmen und der Übernahme des spani- 
schen Kommandos überhaupt findet er c. 7 — 9, 3 zwei wei- 
tere Beweise für seine Auffassung von Scipio. Den Oberbefehl 
übernahm er, wird ausgeführt, ov r^ '^vx^ ntötBvoov aXKa 
toi<s övXXoytö/ioi^. Zu dem Unternehmen gegen Neukar- 
thago hatte er schon in den Winterquartieren alles berechnet 
und die Lage der Stadt, insbesondere die Beschaffenheit des 
Sumpfes, durch den der Sturm ausgeführt wurde, durch 
Fischer sorgfältig erforscht Er verheimlichte sein Vorhaben 
aber, bis es Zeit wai* dasselbe zu enthüllen, allen aufser 
Laelius. Tovtoig öh toig ixXoytÖßjiolg o/ioXoyovvteg ot 
övyypatpsig , otav ini tb rMog ^X^coöt rrfg npaSeaxs, 
ovK ol8' onoDti OVH si^ rov ävöpa xal tfjv tovrov 7tp6- 
votav, eig ö^ tovg ä^eovg xal tffv tvxr/y ava<pipov6i 
to yeyovbg xatopS^cojiia. xal tavta x^P^^ '^^^ elxotatv 
xal rrfg tdav 6v/jLßsßicox6taav piaptvpiag, xal öia rrjg 
iTCtötoXrjg , rrfg npbg tbv ^iXinnoVy avtov rov UonXlov 
öatpd)^ ixteS^etxoto^y ort tovtotg toig ixXoyiößioi^ XPV' 
öajiisvo^, olg f}p>Bi<s avGotepoy i^eXoytödßS^a , xaS^oXov 
TS toig iv 'ißtfpia Ttpay^aötv irtißdXovtOy xal xatct 
}iipo<s rf/ tfffs KapxTjSovo^ noXiopxi^. 

So Polybios. Für die eine der Anekdoten des alten 
Laelius mm haben wir einen Prüfstein in den Nachrichten 
Liv. XXY 2 über die Ädüen des Jahres 213 v. Chr. (vergl. 
unsem fünften Abschnitt), welche beweisen, dafs P. Scipio 
mit einem Lentulus, nicht mit seinem Bruder zusam- 
men die Ädilität bekleidet hat. Nach dieser nicht anfecht- 
baren Stelle raufs jene Erzählung, -wie er sie giebt, als ein 



Polybios ttbor Scipios Charaktor. 401 

Phantasiebild bezeichnet werden, so detailliert es auch ist, 
und so bestimmt gerade die kurulische Ädilität als das Amt, 
um das es sich handelte, bezeichnet wird. 

Nicht viel besser steht es aber nach unsenn Befund 
im ersten Abschnitt dieses Buches mit der ersten Anekdote. 
DaTs der junge Scipio bei dem Eeitertreffen am Tessin sich 
die Sporen verdient hat, ist nicht zu bezweifeln. Aber die 
Yerflechtung seines tapferen Verhaltens mit der Gefahrdung 
des Vaters, die behauptete Anerkennung und Auszeichnung 
des Betters gleich auf dem Schlachtfelde sind aller Wahr- 
scheinlichkeit nach den früheren Berichterstattern, vielleicht 
noch Polybios, als er das dritte Buch schrieb, unbekannt 
gewesen und also Erfindung des Laelius. Übrigens hat die 
neue Version nicht etwa, wie es nach Livius Schemen mufs, 
fremdes Verdienst auf den jungen Helden übertragen; über- 
haupt darf man sie nicht einfach als Glorifikation auffassen. 
Die Geschichte, deren Angelpunkt die dem Helden gezollte 
Auszeichnung und Bewunderung ist, soDte im Sinne des 
Laelius den Schlüssel dazu geben, dafs der „berechnende" 
Scipio so manchmal sein Leben aufs Spiel gesetzt hat. 

Aber wenn wir wohl beide Anekdoten als aus Tiftelei 
hervorgegangene Hirngespinste bezeichnen müssen, so ist da- 
mit keineswegs über alle Aussagen des Laelius der Stab 
gebrochen. Seinen Berichten wird eben ein sehr verschie- 
dener Wert beigelegt werden müssen und den beiden aus 
frühster Zeit, die zugleich Exemplifikationen auf eine Theorie 
sind, natürlich bei weitem der geringste. Laelius ist jeden- 
falls noch etwas jünger gewesen als Scipio, und ich mache 
darauf aufmerksam, dafs er zur Zeit des Unternehmens gegen 
Neukarthago nicht gerade schon Scipios Vertrauter gewesen 
zu sein braucht. Polybios' Worte schliefsen die Auffassung 

Hesselbarth, histor. -krit Untersuch. 2G 



402 Vierter Abschnitt. 



nicht aus, doTs auch Laelius erst eingeweiht wurde, als er 
den Auftrag bekam, die Flotte gegen die Stadt zu fahren, 
dafs also die Bevorzugung nur scheinbar ist und dafs Laelius 
sie seinem Posten, nicht seinem Verhältnis zu Scipio ver^ 
dankte. 

Diese von der gemeinen und, wie ich zugebe, zunächst- 
liegenden etwas abweichende Auffassung, der zufolge Laelius 
zwar ein von Scipio sehr geschätzter Offizier, jedoch nicht 
oder doch noch nicht sein vertrauter Freund gewesen wäre, 
würde uns die ünzuverlässigkeit der beiden Jugendgeschich- 
ten viel erklärlicher machen. Laelius zählte dann zu den 
Leuten, welche durchaus als „Eingeweihte" erscheinen wol- 
len, auch wo sie es nicht sind. Bei solchem Streben ver- 
fällt jemand leicht, zumal wenn er Greis ist, in Tifteleien. 
Er entwirft, so gut wie das enthusiastische grofse Publikum, 
auch nur ein Idealbild der Geschichte; aber er hält darauf, 
demselben eine abweichende Zeichnung zu geben. Die Neu- 
heit und Eigenartigkeit des Gemäldes soll die bevorzugte 
Stellung des Urhebers dokumentieren. Die Gefahr für ihn 
ist weniger, historische Thatsachen zu verkehren, als die, 
auch Hirngespinste für Thatsachen zu geben. 

Über Laelius' Glaubwürdigkeit in bezug auf das, was 
er mit durchlebt hat, steht also das Urteil noch aus. 
Aber auch seine Auffassung von Scipios Charakter kann nicht 
grundfalsch sein. Scipio selbst hatte ja in dem Briefe an 
Philipp eine Skizze seines ersten und glänzendsten Erfolges, 
wie er ihn angesehen wissen wollte, entworfen, und alles 
spricht dafür, dafs das Gesamtbild seines Wesens und seiner 
Laufbahn von Laelius in gleichem Stile durchgeführt ist. 
Darin liegt aber für die Treue der Auffassung eine ziem- 
liche Bürgschaft. Wie ein grofser Staatsmann seine Tliatea 



Polybios über Scipios Charakter. 403 

selbst darstellt, nicht dem grofsen Haufen, sondern seines 
Gleichen, das wird für seine Denk- und Handlungsweise 
immer ein grundlegendes Zeugnis bleiben trotz der Eetouche 
im einzelnen, an der es Scipio und dann Laelius natürlich 
nicht haben fehlen lassen. 

Was speziell die Unternehmung gegen Neukarthago be- 
trifft, für deren Umrisse wenigstens Laelius als Bürge gelten 
mufs, so rechtfertigt sich die Darstellung des Polybios selbst, 
und nur in einem Punkte möchte ich glauben, dafs seine 
Quelle das Gras hat wachsen sehen. Sollte Scipio auch die 
Tiefenverhältnisse der Lagime imd den Einflufs der Ebbe 
wirklich schon in Tarraco von Fischern erforscht haben? Ein 
wesentlicher Bestandteil des Ganzen ist dies nicht. Auch 
wenn er sich erst an Ort und SteUe darüber unterrichtete, 
konnte er am Abend vor dem Sturme seine „im übrigen 
sachliche^' Bede mit der Prophezeiung ßchliefsen c. 11, 7: 
Poseidon würde im rechten Augenblick helfen, so dafs das 
ganze Heer seine Mitwirkimg erkennen würde. 

Bewiesen wäre diese Prolepsis (und zugleich die mangel- 
hafte Kenntnis des Urhebers und des Polybios von Ebbe und 
Flut), wenn c. 8, 7 der Text ganz in Ordnung wäre: diott 
HaSroXov fjiv iött rsyayoiötfg ff Xi^vt} xal ßatrf nata 
rb TtXsiörov, c&g d' inl to noXv xal yivetai ti^ to- 
öavtTf aTCoxcopriöi^ xa^ f/ßxipay inl SeiXtjv orplav. 
Allein die Stelle ist mir sehr bedenklich. Denn abgesehen 
von der Frage, ob man Polybios eine solche Unkenntnis*) 



1) Die Gezeiten sind nur an wenigen Punkten des Mittelmeeres 
deutUch wahrnehmbar, insbesondere natürlich an Lagunen, z. B. 
denen von Venedig, wie jeder Besucher dieser Stadt weife. Vergl. 
Pol. I 38, 3. Man sollte meinen, dafs der Aufenthalt an einem sol- 
chen Punkte, also z. B. in Neukarthago, oder auch in Gades, wo 

26* 



404 Viertor Abpchnitt. 



zutrauen dürfte, so trat die Ebbe bei der Erstilrmung gar 
nicht spät abends ein, sondern etwa um Mittag rrjg ff/iipag 
Ttpoßatvovöijg (Polybios), medium ferme diei erat (Livius), 
TTspl ßieörjßjLßpiav (Appian). Es könnte also jene Stelle gar 
nicht aus unrichtiger Generalisierung erklärt werden. Ferner 
das in unserm Text sinnlose roöavtt] hat Hultsch in ^a- 
Xarttf^ oder vöato^ zu ändern vorgeschlagen; es wird 
aber gestützt diu*ch die Livianische Übersetzung XXVI 25, 8: 
adeo nudaverat vada, ut alibi umbilico tenus aqua esset, 
alibi genua vix superaret. Diese Stelle führt vielmehr darauf, 
hinter xa^^^ f}/xipav eine Lücke anzunehmen, worauf dann 
vielleicht mit inl ßiiörfv xoiklav fortzufahren wäre. 

Nachdem wir so den Wert der Polybianischen Ausein- 
andersetzungen über Scipio zu bestimmen uns bemüht haben, 
suchen wir uns über die von ihm Kritisierten eine Meinung 
zu bilden. Polybios nennt keinen mit Namen und wirft die 
einschlägigen (römischen) Schriften in einen Topf; dies genügt 
aber m. E., um die Meinung zu stürzen, als habe Pictor, 
weil er Fabius Maximus pries, notwendig Scipio herabgesetzt 
Vielmehr müssen alle Vorgänger des Polybios unter dem 
Zauber der gewaltigen Persönlichkeit gestanden haben. Es ist 
aber auch gar nicht schlimm, was Polybios ihnen vorwirft. 



Polybios nach der Notiz XXXIV 9, 5 zu schliefsen gewesen ist, 
ihn notwendig über die tägliche Verschiebung der Flutzeit belehren 
mufste. Sehr gründhch war freilich seine Kenntnis von Neukarthago 
nicht, da er nach den Ausführungen von H. Droysen N. Rh. M. 
XXX S. 62 ff. falsch orientiert und in betreff der Insel vor dem 
Hafen ungenau ist. Übrigens hätte Droysen die Marschleistung von 
aclit geographischen Meilen den Tag (sieben Tage vom Ebro bis zur 
Stadt) bei den besonderen Umständen dieses Falles nicht für unmög- 
lich erklären dürfen. 



Soino Andoutungoii über andre Darstollnniron. 405 

Sdpios Erfolge erschienen bei ilinen als Geschenke des 
Glückes, das Eintreffen seiner Prophezeiungen als wunder- 
bare göttliche Fügung. Aufserdem kann man aus c. 13, 1 
in Verbindung mit c. 3 und aus c. 11, 5 noch folgern, dafs 
bei ihnen Scipio tollkühn auftrat. Wenn sie Scipio eine 
Rede an die Truppen vor dem Sturme halten liefsen, so lau- 
tete diese jedenfalls nicht, wie Polybios mit Nachdruck 
hervorhebt (bis auf die Prophezeiung am Schlufs), schlicht 
und sachlich c. 11, 5: ovx itipotg Xi6\ xpoi/Jisrog drtoXo- 
yz6/jLoi^ aXX^ olg irvyxocvB rnnBiKcb^ avtov = Liv. c. 43, 2 : 
ut consilii sui rationem nülitibus ostenderet. Endlich ist auch 
die c 11,4 scharf zurückgewiesene Übertreibung des Umfangs 
von Neukarthago bei „vielen" ein Zug, den wir dem Bilde 
der römischen Vorgänger des Polybios hinzufügen dürfen. 

Dafe aber jemand die Götter persönlich hätte auf- 
treten lassen, was ja bei dem Alpenübergang Polybios in 
hellen Zorn versetzte, das ist nach seinen Worten hier durch- 
aus nicht anzunehmen. Ja auch was die Eingebungen be- 
trifft, so wendet sich Polybios nicht ausdrücklich gegen die 
Schriftsteller, sondern gegen die Volksmeinung, und es 
steht nichts im Wege anzunehmen, dafs dies eine Ampli- 
fikation ist, durch welche Polybios seiner Polemik gegen die 
Schriftsteller gröfseren Nachdruck gegeben hat. 

Von der Scipio angedichteten göttlichen Abkunft vollends 
scheint Polybios noch gar nichts gewufst zu haben. Dafs 
„von der Auffassung Scipios als Göttersohn sich kein Autor 
frei hielt, weder Fabius noch Silenos", welcher letztere sogar 
die Schlange aus der Alexandersage eingeführt hätte, i) scheint 



1) Friedersdorff: Das 26. Buch des Livius, Progr. Marienburg, 
1874, 8. 28. 



406 Vierter Abschnitt. 



mir unhaltbar. Der Gegensatz zwischen Polybios und den 
von ihm Kritisierten ist nicht so ungeheuer, und letztere 
haben von ihrer romantischeren Auffassung gewifs nicht die 
vollen Eonsequenzen gezogen. 

Betrachte ich nun Appian, so finde ich auch da von 
dem Glauben an Scipios göttliche Abkunft nichts. C. 17 
„nennt er 2Hi7cicova rov SHiTrlojvog xara S'eov". Wirk- 
lich? Ich lese in meinem Texte nur, dafs sich bei den 
Spaniern das Gerücht verbreitete, ort örpatijybg avtoi^ 
ijKoi ^Kinldov 6 2Kinloovo^ xara ^eovl Ja, daJs 
Scipio an seine göttlichen Eingebungen auch nur selbst ge- 
glaubt habe, sagt Appian nur an einer Stelle und nicht sehr 
zuversichtlich, nämlich nach der Einnahme Neukarthagos a 23: 
Kai jiäWoy iöoxei xata S^eov hcaöta Spar, avto^ ts 
ovtao^ i(pp6vBi xa\ ovrcog iXoyoTtoiei xa\ tote xa\ i^ 
tov Intita ßiov dp^d/xBro^ iS ixslrov TtoXkdxig yovv 
ig tb KaTtttGoXiov i(s^ei fiovog xa\ tag ^vpag inixXBtev 
SgTCsp tt napd tov ä^eov /xavS^dycov. Vorher c. 19 sagt er 
ganz ausdrücklich: vnsxpiveto ndvta Ttoteiv nstSro/ievog 
3^£(p, und sogar später c. 26: tb ßKififia xa\ tb (fxW^ 
ötaS^elg ndXiv cognep ivä^ovg. Wären die Vorgänger des 
Polybios also die gläubigen Leute gewesen, für die sie 
Friedersdorff hält, so würde es um den Fabischoi Ursprung 
der Libyke erst recht schlecht bestellt sein. 

Damit man aber Appian auch nicht für vöUig rationa- 
listisch nehme, so führe ich gleich hier noch einige Züge 
seiner Erzählung an. Während bei Polybios Scipio seinen 
Plan von vornherein auf die Passierbarkeit der Lagune ge- 
baut hat, schweigt Appian nicht nur davon, sondern sagt 
eigentlich geradezu das Q^enteil c. 21: xal toig^Pojfialotg 
av^ig rfv o novog noXvg te xal x^^^^og, ig ov 2x1- 



Appian. — Livius. 407 



Tciafv b 6rpatrfyb(S Ttavtif Ttsptä^icov te Ka\ ßocav xal 
TtapaKaXcoy elös Ttepl /xeötf/jLßpiav, ^ to ßpaxv tsixo^ 
Tfv Koi to eXoiS TtpogixXv^e, tffv ^dXattav VTCoxcopov- 
6av . . . oTtBp 6 SxiTtiojy tote iöcor xal TCBpl rtf^ <pv- 
öeco^ avtov nv^ojxEvots , cog ^x^^ ''^^ Xoinoy rffg ff/jiipag 
Ttpiv inaveKäBiv to neXayoq, iS^ei Ttdvt^ ßodov Vöv 6 
xazpots, 00 ärdpsg, vvv 6 öv/i^x^^ M^^ 3'eog dtpixtai . . / 
Das Zurückweichen des Wassers ist also bei ihm nicht vor- 
her bekannt und nicht in Rechnung gezogen. Wie dies 
ganz dem entspricht, was wir über die von Polybios be- 
kämpfte Auffassung gesagt haben, so auch der folgende 
Zug, dals Sdpio allen voran sich angeschickt habe die 
Mauer zu ersteigen. Appian selbst fafst die Schilderung 
gut in den Worten c. 23 zusammen toXpi^ xal tvx^ . . . 
eXooY, Diese Woi-te würden auch auf Späteres, z. B. auf 
c. 26 passen, wo das Erscheinen der Vögel doch ein reiner 
GlücksfaU ist 

Zonaras hat bei zwei späteren Gelegenheiten — über 
Neukarthago ist er mehr als dürftig — stark hervorgehobene 
Prophezeiungen. Sonst bietet er nichts Besonderes. Wir 
werden wegen der chronologischen Vorfrage fhn erst gegen 
Ende dieses Abschnittes wieder heranziehen. 

Um die Stellung, welche Livius zu Scipio einnimmt, 
richtig zu beurteilen, mufs man davon ausgehen, dafs er 
den Zug gegen Neukarthago unzweifelhaft ganz überwiegend 
aus Polybios entlehnt. Betrachtet man von diesem Gesichts- 
punkte aus die Wahl und die Charakteristik Scipios XXVI 
18 f., so zeigt sich als Polybianisch die folgende Stelle, deren 
letzte Worte sichtlich durch den Vergleich mit Lykurgos ver- 
anlafst sind: fuit enim Scipio non veris tantum virtutibus 
mirabilis, sed arte quoque quadam ab iuventa in ostentatio- 



408 Vierter Abschnitt. 



nem earum compositus, pleraque apud multitudinem aut ut 
per noctumas visa spedes aut velut divinitus mente mo- 
nita agens, sive et ipse capti quadam superstitione animi, 
sive ut imperia consiliaque velut sorte oraculi missa 
sine cunctatione exsequerentur. Dem Einflufs des Prag- 
matikers ist es auch zuzuschreiben, dafs Livius zwar die 
Gewohnheit Scipios, in der Frühe aufs Kapitel zu gehen, 
nach seiner römischen Quelle erwähnt, aber die bekannte 
Angabe, dafs die Hunde ihn dort niemals angebellt hätten, 
wegläfst. 

Dabei erwähnt nun aber Livius auch die göttliche Ab- 
kunft Scipios, übrigens nur als die Überzeugung vieler 
Leute, und nichts führt darauf, dafs eine seiner Quellen die 
Geschichte als thatsächlich erzählt habe : hie mos seu consulto 
seu temere vulgatae opinioni fidem apud quosdam fecit, ut 
stirpis cum divinae virum esse crederent; rettulitque famam in 
Alexandro magno prius vulgatam, et vanitate et fabula parem, 
anguis inmanis concubitu oonceptum, et in cubiculo matris 
eins visam persaepe prodigii eins speciem, interventuque ho- 
minum evolutam repente atque ex oculis elapsam. Mit apud 
quosdam nämlich sind sicherlicli nicht gewisse Schriftsteller, 
sondern ein Teil des Publikums gemeint, wie auch fama 
hier nur eine unter den Zeitgenossen laufende Rede bezeich- 
nen kann. Vgl. die ganz ähnliche Stelle XXXITT 28. Auch 
die römische Quelle des Livius also (vielleicht Coelius, für 
welchen das inmanis allerdings nur ein schwacher Beweis ist) 
war keineswegs naiv gläubig in bezug auf Scipios göttliche 
Abstammung, zu welcher Höhe sich später Oppius und Hy- 
ginus nach Gellius N. A. VI 1, 2 freüich aufgeschwungen zu 
haben scheinen, sondern erwähnte nur den Yolksglauben , viel- 
leicht sogar schon mit Hinweis auf die Alexander- 



Scipios Ankunft, Livianisch 211 (Pol. 210) v. Chr. 409 



sage. Auf Effekt und Yerherrlichung berechnet ist dann die 
Schildening, dafs bei der Wahl niemand sich gemeldet habe, 
bis der junge Scipio hervortrat. Ich halte es wenigstens für 
richtiger, dies einfach fallen zu lassen, als die Möglichkeit 
mit Mommsen offen zu halten, der Senat habe keinen Be- 
werber auftreten lassen, um selbst das Volk auf Scipio hin- 
zuführen. 

Soviel über die Auffassung der Persönlichkeit Scipios 
in unseren Quellen. Was seine Wahl betrifft, so wurde 
schon festgestellt, dafs sie noch 211 v. Chr. stattfand. Die 
Altersangabe bei Livius, Zonaras, Appian (24 Jahr) in 
Yerbindung mit der anderen bei dem Gefecht am Tessin, 
welche nicht nur bei Polybios, sondern auch bei Zonaras 
steht (17 Jahr), stellt es aufser Zweifel, daJs Livius sie 
zum rechten Jahr erzählt hat Anderseits steht diux^h die 
Stellung des Polybianischen Bruchstückes im zehnten Buch 
fest, dafs die Einnahme Neukarthagos nicht, wie Livius 
thut und XXVn 7 zu recfitfertigen versucht, ins Frühjahr 
210 V. Chr., sondern 209 v. Chr. zu setzen ist. Zugleich 
Entnehmen wir aus Polybios, dafs es die erste Unternehmung 
Scipios war, dafs er gleich nach seiner Ankunft sie ins 
Auge fafste und in den Winterquartieren sich über die Lage 
der Stadt unterrichtete. Also mufs Scipios Überfahrt aus 
diesen oder jenen Gründen — man darf wohl auch auf die 
Bedenken gegen Scipios Person und die Verleihung des 
imperium pro praetore an Silanus hinweisen — sich um ein 
Jahr bis gegen den Winter 210 v. Chr. verzögert haben, 
wie ihn denn auch Liv. XXVI 19 offenbar um diese Jahres- 
zeit, nur ein Jahr zu früh, eintreffen läfst 

Dafs die Verfrühung aber nur die Fortsetzung des alten 
Fehlers ist, den Livius in der Benutzung des Polybios be- 



410 Vierter Abschnitt. 



ging, liegt wohl auf der Hand. Bei Scipios Vahl angelangt, 
sucht Livius Aufschluls bei Polybios und zwar, wie bisher, 
ein Jahr vorauseilend. Und er traf es glücklich. Die 
Wahl zählte Polybianisch gerechnet zum folgenden Jahr und 
fand sich offenbar, wie Polybios das zu halten pflegt, mit 
der Überfahrt zusammengefafst, zum Jahr 210 in der zwei- 
ten Hälfte des neunten Buches. 

Und allerdings scheint mir bei Livius auch die Über- 
fahrt, also der gröfsere Teil von c. 19, Polybianisch zu 
sein. Die 30 Schiffe nennt er -nicht einfach naves longae, 
sondern giebt an, dafs es lauter Fünfrudrer waren. Bei 
Emporiae wird bemerkt: oriundi et ipsi a Phocaea sunt 
Man hat vermutet, dafs von den Abschreibern eine 
ähnliche Notiz über Massilia ausgelassen ist. Yielleicht 
von Livius ein Polybianischer Exkurs über diese Stadt! 
Bemerkenswert ist, dafs vier massilische Dreinidrer er- 
wähnt werden, obwohl sie nichts thun als die Flotte bis 
Emporiae begleiten. Vgl. Pol. HI 95, 6. Die Winterquai^ 
tiere der Karthager, welche Livius nach Scipios ersten An- 
ordnungen c. 20, 6 nennt, sind freilich ganz anders, als 
Pol. X 7 sie nachträglich angiebt und als sie sein mufs- 
ten, wenn der Zug nach Neukarthago im Frühjahr mög- 
lich sein sollte. Aber gerade diese Ausnahme bestätigt den 
Polybianischen Ursprung des Übrigen. Livius hatte noch 
nicht bis o. 10 vorausgelesen und rückte aus den Annalen 
oder nach Coelius die Winterquartiere ein — von dem 
Jahr, in dem er, aber nicht Polybios steht, d. h. 
von 211/10 V. Chr., welche uns auf diese Weise bekannt 
werden. 

Die eigentümliche Anordnung der Fakta bei Polybios 
liefs also zu diesem Jahre Livius noch nicht seiner falschen 



Livianischer Bericht 210 (Fol. 209) v. Chr. 411 

Gleichung inne werden, ja bestärkte ihn eben deshalb in 
seinem Irrtum. Hören wir ihn nun selbst zum nächsten 
Jahre ^10 v. Chr., und zwar am Schlufs desselben, sich 
über die chronologische Differenz aussprechen, die er natür- 
lich inzwischen bemerkt hatte, als er für gewisse De- 
tails bei der Einnahme Neukarthagos die Annalen verglich, 
XXVn 7, 5 — 6: Carthaginis expugnationem in hunc annum 
contuli multis auctoribus, haud nescius quosdam esse, qui 
anno insequenti captam tradiderint, quod mihi minus si- 
mile veri visum est annum integrum Scipionem nihü ge- 
rundo in Hispania consumpsisse. Das Räsonnement setzt 
irrigerweise die Ankunft Scipios in Spanien 211 v. Chr. als 
feststehend voraus und zeigt also Livius völlig be- 
fangen in seiner falschen Gleichung. Nun beruft 
sich aber Livius, zwar nicht, wie so oft, auf die „meisten" 
oder „fast alle", immerhin aber auf „viele" Gewährsmänner. 
MulJ3 man wegen dieses multis auctoribus annehmen, dafs 
die falsche Datierung, welche Livius bei Polybios zu finden 
glaubte, aufserdem in Wahrheit von irgendwelcher römischen 
Quelle gegeben wurde? Was man auch zur Not für die Mög- 
lichkeit eines solchen bei dem annalistischen Charakter der 
römischen Überlieferung schwer begreiflichen Fehlers anführen 
könnte: es ist doch eigentlich evident, dafs man multis aucto- 
ribus nicht auf die Goldwage legen darf. Livius befindet sich 
in einer Notlage. Er dürfte, wie WölfFlin richtig bemerkt hat, 
— und die spätere kritisierende Nennung des Silenos hätte 
man ihm nicht entgegenhalten sollen — in reinrömischen Din- 
gen nicht leicht den Griechen gegen die nationalen Geschichts- 
schreiber anrufen. Zudem konnte er den Polybios, der den 
Laelius und einen Brief Scipios citierte, allenfalls als Be- 
präsentanten eines ganzen Zweiges der Tradition ansehen. 



412 Vierter Abschnitt. 



Dafs hinter dem multis auctoribus nichts weiter stectkt, 
scheint mir femer eine Priifung von c. 7, 1 — 4 zu ergeben. 
Hier steht ein Bericht über die Botschaft des Laelife, der 
folgendermafsen beginnt: Exitu anni hujus C. Liaelius die 
quarto et tricesimo quam a Tarraoone profectus erat Ro- 
mam venit. Nach PoL X 19 wurde aber Laelius mit den 
gefangenen vornehmen Karthagern sogleich von Neukarthago 
auf einem Schiffe nach Rom geschickt, um die gesunkene 
Hoffnung dort neu zu beleben. Er hatte sicherlich allen 
Anlafs, sich nicht unterwegs in Tarraco, sei es wenige, sei 
es mehrere Monate, aufzuhalten, sondern vielmehr zu eilen, 
und eben wegen der Wichtigkeit und Dringlichkeit der Bot- 
schaft ist uns die Dauer der Überfahrt, wenn dieselbe auch 
nicht besonders kurz ist, bei Livius (nach Polybios?) auf- 
behalten. Das exitu anni hujus stimmt also mit Poly- 
bios schlechterdings nicht. Es kann aber auch schon 
deshalb nicht wahr sein, weil in den nächsten Sätzen offenbar 
vorausgesetzt wird, dafs dies die erste Kunde des frohen Er- 
eignisses war. Man macht sich also hier wieder die Sache zu 
leicht, wenn man bei exitu anni hujus notiert, es liege „ein 
abweichender (zu verstehen: originaler) Bericht" zu gninde. 
Sollte ein solcher zeitgenössischer Berichterstatter zwar die 
Überfahrtszeit genau vermerkt, dabei aber das Ereignis um 
ein halbes Jahr zu früh unter ein falsches Konsulat gesetzt 
haben? Das exitu anni hujus mufs von zweiter Hand her- 
rühren. Und es sieht doch genau so aus wie ein Ver- 
such zwischen der falschen Ansetzung der Erobe- 
rung zum Jahr 210 und der richtigen 209 v. Chr. zu 
vermitteln. Nun spricht aber aufser dem analogen Fall 
oben S. 395 eins dafür, dafs Livius selbst das Stück, wel- 



Die Botschaft dos I^aelios. 413 



ches er zum Sommer 209 erzählt fand, seiner bisherigen 
DarsteUimg zuliebe an den Schlufs von 210 v. Chr. gerückt 
hat. Das ist nämlich die verzwickte Stellung desselben 
hinter den Notizen über die Todesfalle in den Priester- 
kollegien, Abhaltung der Spiele u. s. w., welche sonst immer 
den Abschlufs bilden. Die Yerschiebung ist mit schüchter- 
ner Halbheit ausgeführt, ihre Spur noch ganz un verwischt. 
Also hat wohl Livius selbst hier geändert, und dies 
ist wieder ein Hinweis darauf, dafs er allein, nicht seine 
multi auctores für die chronologische Verwirrung 
der spanischen Angelegenheiten verantwortlich zu 
machen ist. 

Ob Livius endlich seinen Bericht über des Laelius Bot- 
schaft (abzüglich also von: exitu anni hujus) aus römischen 
Quellen oder etwa aus Polybios entlehnt hat, der bei den 
Wahlen und Eüstungen in Eom, also allerdings am Schlufs 
seines Jahres, auf dieselbe zurückgekommen sein wird, ist 
eine Nebenfrage; selbst in letzterem Falle würde Livius sein 
exitu anni schwerlich ganz in gutem Glauben geschrieben 
haben. Inhaltlich ist einiges anstöfsig, was aber zum teil 
auf Livius' Conto kommt. Erstens die Meldung des Laelius 
heifst: captam Carthaginem receptasque aliquot urbes, 
quae defecissent, novasque in societatem accitas. Nun steht 
aus Polybios ganz fest, dafs Laelius direkt von Neukarthago 
aus nach Rom ging und dafs Scipio, wie wir sehen werden, 
von dort ebenfalls direkt über den Ebro zurückkehrte; in 
Wahrheit war also nichts Weiteres zu melden. Ich vermute 
aber, dafs Livius auch nicht einmal aus römischer Quelle 
dies hinzugethan hat, sondern aus eigner Erfindung, um die 
Pause zwischen der Erobenmg im Frühjahr und exitu anni 
zu tilgen, wobei er vergafs, dafs er über Laelius' Abfahrt 



414 Vierter Abschnitt. 



wie Polybios berichtet hatte. Zweitens befiehlt der Senat 
in Erwägung dieser Rüstungen, G. Laelium primo quoque 
tempore cum quibus venei-at navibus redire in Hispaniam. 
Dafs dies sogleich geschehen sei, sollte man lach Pol. X 
37, 6 nicht annehmen, bei dem es zum nächsten Frühjahr 
heilst: üoTrXtog Sh TCpogSe^a/ierog Faiov tov AalXtov 
Ka\ diaxovöag tcov TrapayyeXko/iivcov vno rrjg ^iryxXrj- 
tov TCpofjye tag Stjydßjietg avaXaßoov in rrfg Tcapaxei/ia- 
öiag. Freilich ist Polybios in solchen untergeordneten Dingen 
nicht immer chronologisch exakt, er erwähnt dergleichen 
manchmal erst, wo es auf den Gang der Dinge wirksam 
^wird. Ich möchte aber wieder glauben, dafs Livius auf 
eigne Faust zusetzte, um trotz seines exitu anni den Laelius 
wieder zum Frühjahr auf die Bühne zu bringen. Endlieh 
überrascht es uns, statt des einen Fünfrudrers PoL X 19 
= Liv. XXVI 51 plötzlich von „Schiffen" zu hören, in Über- 
einstimmung mit Appian. c. 23, wo Laelius von Neukarthago 
in\ tdbv eiXrf/ißiivcov recoy absegelt. Wer diese Überein- 
stimmung nicht für zufallig halten will, wird sich für anna- 
listischen Ursprung des Livianischen Berichts entscheiden 
müssen. 

Wir machen uns nun an die Analyse des Livianischen 
Berichts über die Wegnahme Neukarthagos. Dafs XXVI 
41 — 46, geringfügige Brocken ungerechnet, aus Polybios ge- 
flossen ist, bedarf keines Beweises. Die Übereinstimmung 
ist grofsenteils wörtlich und erstreckt sich auch auf die aus 
eigner Anschauung erwachsene Polybianische Schilderung der 
Lage der Stadt sowie auf solche Punkte, in denen Polybios 
die Auffassung seiner Vorgänger korrigiert hat Ich notiere 
die erheblicheren Abweichungen, die meistens, wie man sehen 
wird, individuell sind. 



Einnahme von Keukarthago. 415 

Die Winterquartiere der Karthager läfet Livius aus, da 
er sie schon anders (verkehrt) angegeben hatte. Dramatisiert 
hat er c. 42, 2, indem er aus der Alternative, die sich Scipio 
selbst stellt, eine Beratung mit andern macht. Dann soll 
aber doch blofs Laelius um Scipios EntschluTs wissen! So 
kurz übrigens anfangs Livius ist, so ausführlich und wort- 
reich wird er, wo der Kampf beginnt. Beim Eintreten der 
Ebbe trägt er nach c. 45, 7: quod per piscatores Tarraconen- 
ses nunc levibus cumbis nunc, nbi eae siderent, vadis perva- 
gatos stagnum corapertum habebat, facilem pedibus ad mumm 
transitum dari. Dafs die Fischer aus Tarraco gewesen sein 
sollen, ist ungeschickt. Die Ausmalung mit: nunc . . nunc, 
ist wohl daraus zu erklären, dafs Livius von Ebbe und Flut 
keine rechte Vorstellung hatte und dem zeitweise passier- 
baren Wasser ein stellenweise passierbares unterschob, 
wie er denn gleich darauf mit einem acer etiam septemtrio 
ortus nachhelfen zu müssen meint Dafs Livius aber hier 
eben nur aus dem Polybianischen Exkurs nachträgt, zeigt 
recht deutlich die Wendung: hoc cura ac ratione compertum 
in prodigium ac deos vertens. Was den gleichzeitigen zwei- 
ten Stiu'm auf der Landseite betrifft, so sagt Polybios, nach- 
dem er die Bestürzung geschildert, recht kurz: ov firfv aW 
r\}wvoyxo Swardog, Livius fand das nach dem breit ausge- 
führten Gemälde des ersten Sturmes zu kahl; so kam er zu dem 
von Weifsenbom sehr bemerkten Zusatz, der aber doch nichts 
weiter als ein schwächlicher Lückenbüfser ist: nee altitudine 
tantum moenium impediebantur, sed quod hostes ad ancipites 
utrimque ictus subiectos habebant Romanos, ut latera infestiora 
subeuntibus quam adversa corpora essent. Das Morden nach 
Öffnung des Thores auf Befehl des Feldherrn geschehen zu 
lassen hat Livius vermieden, es auch auf die puberes beschränkt. 



416 Vierter Absohnitt. 

Es bleibt nur zweierlei, was als wirkliche Einlage an- 
zusehen ist C. 44, 6 ersteigt Scipio einen Hügel des Mer- 
ciuius, um die Mauer zu überschauen. Sodann wird auch 
die Flotte von Livius mehrmals als eingreifend bezeichnet, 
wenn auch in sehr unbestimmten, sichtlich abschwächenden 
Wendungen. C. 43, 1 stellt Scipio sie auf: velut mantimam 
quoque ostentans obsidionem, und inspiziert sie. Zu Anfang 
von c. 44 gleich hinter der Lücke heilst es dajin wieder: 
cum terra marique instrui oppugnationem videret, und 
c. 44, 10: et ab navibus eodom tempore ea quae mari ad- 
luitur pars urbis oppugnari coepta est. Livius fügt aber 
gleich hinzu: ceterum tumultus inde major quam vis adhiberi 
poterat, und erwähnt bei dem zweiten Sturm die Flotte gar 
nicht Dafs es der Quelle ganz anders Ernst damit gewesen, 
wiixi sich bald bestätigen. 

Fanden wir bisher blofs Spuren einer fremden Quelle, 
so kommt es c. 47 zum vollständigen Wechsel. § 1 — 4 
sind noch aus Polybios gezogen, aber Livius hat mehrere s 
übergangen, nämlich aufser der Beschreibung einer regel- 
rechten römischen Plünderung die Geschichte von der 
schönen Gefangenen, um sie später nach andrer Quelle 
zu erzählen, und ebenso gleich zu Anfang die Verteilung 
der Truppen in der ersten Nacht Daher bei Livius 
ver^Äiinderlicherweise die zeitraubende Klassifizierung und 
Bestimmung der Gefangenen noch an demselben Tage vor- 
zugehen scheint, und in § 4 werden die Geiseln nur erst 
erwähnt, der weitere Bericht über sie wird noch ausgesetzt 
Yon § 5 an aber schöpft Livius nicht mehr aus Polybios, 
sondern aus einer römischen Quelle; aus welcher, wird spa- 
ter ermittelt werden. Grofse und kleine Katapulten, grofse 
und kleine BaUisten werden beziffert; hingegen: scorpioniun 



Einnahme von Xeukartha^o. 417 



majorum minonunque et armorum telorumque ingens numerus. 
Dann Feldzeichen wieder mit Zalil, ebenso goldene Schalen, 
Silber gemünzt und in Barren, aber unbestimmt: vasorum 
argenteorum magnus numerus. Dann Weizen und Gerste wie- 
der bestimmt angegeben; ebenso auch die Zahl der Lastschiffe. 
C. 48 lesen wir nun Scipios Anordnungen für die Nacht, 
aber ganz anders als bei Polybios. Die Legionen wer- 
den ganz, um sich von den Strapazen zu erholen, ins Lager 
zurückgezogen, und die socii navales unter Laelius bewachen 
die Stadt, was teils die Teilnahme der Flotte an der Erstürmung 
erhärten, teils das folgende vorbereiten soU. Während näm- 
lich Polybios nur erwähnt, dafs Scipio in der Ansprache vor 
dem Sturme den Ersten auf der Mauer (Plural) goldene Kranze 
versprochen hat (vgl. auch VI 39, 5: toi^ TtoX^ooi^ KataXapL- 
ßavofiiyr}<5 TTpaatotg iyrl rb tstxo<s draßäöi), findet sich hier 
eine dramatische Szene. Scipio heifst diejenigen sich melden, 
welche auf den Mauerkranz (Singular) Anspruch machen.^) 
Ein centurio der vierten 2) Legion und ein Flottensoldat 
melden sich. Beide Truppen ereifern sich für ihren Ge- 
nossen, und die Erhitzung nimmt nur zu, als Scipio ein 
Schiedsgericht in der Form des Recuperatorenprozesses ein- 
setzt. Endlich meldet das Schiedsgericht durch den Mund 
des Laelius dem Feldherm, wie grofses Unheil entstehen 



1) Das TJrsprünglioho ist natürlich ein Kranz für den Ersten 
auf der Mauer, auf dem Schiff. Mehrere bei einer Belagerung sind 
aber damals gewüs schon längst nichts Ungewöhnliches gewesen. 

2) Da die vier ersten Nummern dem jedesmaligen konsulari- 
schen Heere eignen, so ist diese Angabe nur möglich, wenn das 
spanische Heer damals für sich zählte. Es scheint aber in der That, 
dals dasselbe bei den Truppcnlisten an den Jahresanfängen nie mit- 
gcreclmet ist. 

Hossolbarth, histor. - krit. üntersach. 27 



418 Vierter Abschnitt. 



könnte, und Scipio erkennt beiden einen Eianz zu. Tum 
reliquos, prout cuiusque meritum aut virtus erat, donavit: 
ante omnis C. Laelium praefectum dassis et omni generc 
laudis sibimet ipsi aequavit, et oorona auiea ac triginta 
bubus donavit 

Wichtig wie kaum eine Stelle für die Erkenntnis der 
Komposition des Livianischen Werkes ist die erste Hälfte 
von c. 49: Tum obsides civitatium Hispaniae vocari iussit 
quorum quantus numerus fuerit piget scribere, quippe cum 
alibi trecentos forme, alibi tria milia septingentos viginti 
quattuor fuisse inveniam. aeque et alia inter auctores dis- 
crepant. praesidium Punicum alius decem, alius Septem, 
alius haud plus quam duum milium fuisse scribit. capta 
alibi decem milia capitum, alibi supra quinque et viginti 
invenio. soorpiones maiores minoresque ad sexaginta captos 
scripserim, si auctorem Graecum sequar Silenum; si Valerium 
Antiatem, maiorum scorpionum sex milia, minorum decem et 
tria milia. adeo nullus mentiendi modus est. ne de ducibus 
quidem convenit. plerique Laelium praefuisse clasai, sunt qui 
M. lunium Siknum dicant. Arinen^) praefuisse Punico prae- 
sidio deditumque Bomanis Antias Yalerius, Magonem aüi 
scriptores tradunt non de numero navium captarum, non de 
pondere auri atque argenti et redactae pecuniae convenit si 
aliquis adsentiri necesse est, media simillima veris sunt. 

Überblicken wir aber, bevor wir auf die Stelle ein- 
gehen, zunächst, was bei Livius folgt Der Rest des Ka- 
pitels gleicht Polybios, aufser dafs die Geiseln bedingungs- 



1) Luchs verzeichnet keine abweichende Lesart. Da der nur 
noch Cic. pro Scauro 2, 7 und 5, 9 vorkommende Name dort Ans, 
Arinis lautet, ist violleicht Arincm zu lesen. 



Belconstruklion von Ckielius und Antias. 419 

los an BevoUinächtigte ihrer Stämme ausgehändigt werden, 
während bei jenem blofs ihren Angehörigen, falls sie auf 
die Seite Eoms treten, die Freilassung verheiTsen wird. Weit 
mehr umgestaltet ins Eomantisch- märchenhafte ist c. 50 die 
Geschichte von der schönen Gefangenen. Bei^Polybios stellt 
Scipio sie dem Yater zu und ixiXeve 6x}voiKl?,Biy ^ not* 
äv Ttpoatpfjtai tcov noXvcwv, Hier aber ist sie schon 
verlobt an einen keltiberischen Fürsten, der alsbald herbei- 
geholt wird und als Mitgift von Scipio noch ein satis magnum 
auri pondus bekommt, welches die Eltern ihm als Lösegeld 
zugedacht haben. Die Grofsmut wird durch den Übertritt 
des Bräutigams mit 1400 Reitern prompt belohnt. C. 15 ist 
Übersetzung von Pol. c. 20, wobei XP^'*^^'^ A*^^ ttva mit 
paucos dies unpassend wiedergegeben ist; denn über der Be- 
festigung und Neuausrüstung der eroberten Stadt ist sicher 
der Sommer hing^angen, und bei der Rückkehr nach Tar- 
raco werden dort offenbar die "Winterquartiere bezogen, wenn 
dies Livius auch nicht ausdrücklich angiebt. Polybios hatte 
von denselben gesprochen vgl X 34; am Schlufs des Bruch- 
stücks ist also das blofs ausgefallen. 

Die Zahlenzusammenstellung in c. 49 ist von Früheren 
z. B. Friedersdorff schon wesentlich richtig aufgefafst worden, 
während ich über c. 47 andrer Ansicht bin. Sehr wahrschein- 
lich sind die vier höchsten Ziffern in c. 49 alle auf Yalerius 
zurückzuführen. Diesen ist nun dreimal die entsprechende 
Angabe des Polybios gegenübergestellt, i) Damach bleibt für 



1) Bei der Besatzung moTs dann Livius freilich nur an die 
2000 Milizen gedacht und die eigentliche Garnison von 1000 Mann 
vergessen haben, obgleich diese oder vielmehr die eine Hälfte davon 
noch c. 46, 8 erwähnt ist. Diese Irrung wird aber später wahr- 
scheinlich gemacht werden können. 

27* 



420 Viortor Abschnitt. 



die bisherige römische Quelle des Livius (Coeliiis) als Sonder- 
eigentum nur die mittlere Angabe für die Besatzung der 
Stadt übrig; auTserdem aber wird Livius dort die vereinzelte 
Ziffer des Silenos gefunden haben. Ob nach Friedersdorffs 
Vermutung Coelius diese Ziffer blofs als Dokument für die 
Paileilichkeit des Silenos angeführt, ist mir zweifelhaft; ich 
denke, er fügte sie in die römischen Beuteziffern 
ein, hielt es aber für nötig, die Quelle der seinen Lesern 
ungewohnten Angabe zu nennen. Wir können aber noch 
mehr über Coelius aus c. 47 entnehmen. 

Wenn der genannte Forscher nämlich meint, Livius 
habe die Zahlen römischen Ursprungs in c 47 aus Ya- 
1er ius geschöpft und habe dort nur die allzu ungeheuer- 
lichen Zalüen der Skorpionen unterdrückt, um sich darüber 
später auszulassen, so scheint diese Meinung zunächst zwar 
ansprechend, dürfte aber bei genauerer Beleuchtung nicht 
stichhalten. Erstlich erweisen sich die die dortigen Angaben, 
soweit sie einer eigentlichen Kontrolle zugänglich sind, als 
durchaus nicht wahrheitswidrig. 600 Talente kartha- 
gisches Staatsgut legte Scipio nach Polybios in seine Kriegs- 
kasse. Noch nicht die Hälfte dieser Summe machen die 
18300 Pfund Silber und ungefähr 276 Pfund Gold aus, 
und man mufs den Eiiös nicht nur des massenhaften Silber- 
geschirrs, sondern auch der übrigen erbeuteten Objekte hin- 
zudenken, um sie ganz zu erreichen. Wie stimmt das dazu, 
dafs Livius auch über das gefundene Silber und Gold imd 
den Gesamtgewinn schreiende Zahlen (bei Valerius) fand? 
Dem Anschein nach sind aber auch die unkontrollierbaren 
Angaben römischer QueUe in c. 47 keineswegs zu hoch, so 
die 74 Feldzeichen, die 120 — 281 Katapiüten, die 23 — 52 
Biüliston, von denen der Sprung zu 6000 — 13000 Skor- 



Rekonstraktion von Cooljas und Antias. 421 



pionen ungeheuer wäre. Es ist also durchaus ange- 
zeigt, c. 47 nicht Antias beizulegen, sondern der Quelle 
zu belassen, aus welcher Livius bis dahin nebenher und in 
c. 48 allein schöpft. 

Dafs er aber die Zahl der Skorpionen dort nicht gegeben 
liat, kann anders, ja besser erklärt werden als aus der Ab- 
sicht, später darüber sich auszulassen. Mehrmals macht ja 
Livius einen Anlauf zu einer Eeihe bestimmter Ziffern. Das 
eine Mal erlahmt sein Eifer bei den Skorpionen, und er 
begnügt sich für diese und die arma und tela mit ingens 
numerus; das andre Mal sind es die sübemen Gefafse, wo 
magnus munenis für die wohl noch längere (Elfenbein u. s. w.) 
Datenreihe der Quelle eintritt. 

Nehmen wir noch hinzu, dafs Yalerius Antias nach 
Gell. K A. Vn 8, 6 (fr. 25) der Geschichte von der schönen 
Gefangenen die pikante Wendung gab: eam puellam non red- 
ditam sed retentam a Scipione atque in deliciis usurpatam. 
so haben wir für die Eroberung Neukarthagos ein ungewöhn- 
lich reichliches Material. Es genügt, nicht nur Livius zu 
analysieren, sondern auch von seinen Vorgängern — ein 
einziger Glücksfall — wenigstens den einen, Goelius, in 
recht befriedigendem Mafse zu rekonstruieren. 

Livius hat bis in c. 47 hinein so gut wie ausschliefs- 
lich Polybios wiedergegeben. Yen da ab ist der bisher nur 
an zwei oder drei Punkten verwendete Coelius Quelle bis 
c. 50. Eingeschoben ist das Yerzeichnis von Yarianten, und 
Polybianisches mag auch sonst vereinzelt in diesen Kapiteln 
stecken. 1) Das Schlufskapitel gehört wieder Polybios. 



1) Z. B. in der Anrede Scipios an den Bräutigam das Bekennt- 
nis, auch er würde, wenn ihn sein Amt nicht in Anspruch nähme, 



422 Vierter Abschnitt 



Coelius (von dem wir bei dem Untergang der Scipionen 
gar keine Spur hatten) hat den Angriff nicht unwesentlich 
verändert, insofern er ihn auch von der See her stattfinden 
liefs, womit es zusammenhängt, dafs die Besatzung von ihm 
etwa (die Angabe des Livius könnte immerhin cum grano 
saJis zu verstehen sein) verdoppelt wurde. Zweck war dabei 
nicht blofs Steigerung und Ausschmückung, sondern auch 
Inszenienmg eines Rechtsstreites um den Mauerkranz, bei 
dem Scipios Weisheit und Gerechtigkeit (ein socius 
navalis gegen einen centurio!) recht leuchten konnte, so- 
wie er auch sein Verdienst hochherzig mit Laelius 
teilt. Das Hervortreten von dessen Person würde man, 
wenn die Widmung des bellum Punicum an seinen Sohn 
noch haltbar wäre, worüber unser Schlufsabschnitt sich aus- 
zusprechen haben wird, als persönliche Huldigimg auffassen; 
es kann ja aber auch blofses Accidens sein. Die Details 
über die Beute erwecken Yertrauen, und was die Zahl der 
Gefangenen und der Geiseln betrifft, so mag es an Sonder- 
angaben über Coelius eben deshalb fehlen, weil er mit Poly- 
bios stimmte. Ausführlich haben wir von Coelius aufser 
dem Eechtsstreit seine romantisch verschönerte Auflage der 
Anekdote von der Gefangenen. Beides hatte auch gerade 
Dio Cassius, Zonar. IX 8, P. 430 B und C = Dio fr. 57, 43, 
doch vielleicht aus Livius. 

Wenn Weifsenbom, der die Benutzung des Polybios 
durch Livius ausdrücklich anerkennt, in der dritten Auflage 
in betreff der kleinen Abweichungen bei dem Stiumie auf 



sich gern dem weibhohen Geschlechte widmen praesertim in recto 
et legitiino amore (!). Dies ist mutatis mutandis dasselbe, was Pol. 
c. 19, 4 Scipio den Soldaten, welche ihm die Gefangene bringen, 
antwortet. 



RekonstmlLtion von Coelins und Antias. 423 



Goelius hindeutet und dabei bemerkt, derselbe habe „den auch 
Polybios zu gründe liegenden Silenos benutzt und erweitert", 
so will er damit erklären, wieso Livius in die ausführliche 
Polybianische Beschreibung überhaupt so geringfügige Züge 
aus Goelius einfügen konnte. GewÜB aber liegt nicht Silenos, 
sondern ein Bericht aus dem römischen Hauptquartier Poly- 
bios zu gründe, und man müfste, statt wie Weifsenborn, 
vielmehr folgern entweder: Goelius hat dieselbe Dar- 
stellung aus Scipios Umgebung benutzt, oder aber: er 
hat Polybios selbst, natürlich in recht freier Weise, 
verarbeitet. Für die Annahme der QueUengemeinschaft 
läTst sich aus der Bestürmung, wo mir die Gölianischen Zu- 
thaten seltner und abweichender, Livius' Yerfahren freier, als 
Weifsenborn meint, scheinen, , eigentlich nur der Hügel des 
Mercurius geltend machen, sonst aber die Beuteangaben (mit 
Ausnahme der Ziffern für die Geschütze), welche mit der 
summarischen Angabe des Polybios übereinkommen; wiewohl 
es natürlich nicht ausgeschlossen ist, dafs GoeHus dieselben 
in den Annalen oder bei Pictor fand. Mehr für die andre 
Alternative würde die Geschichte von der schönen Gefangenen 
sprechen. Denn so gewilis dieser Roman wie auch der So- 
phonibaroman S. 171 Erfindung des Goelius ist, so ist er 
doch sichtlich herausgesponnen aus einer Wendung ganz so, 
wie wir sie bei Polybios finden: ixiXeve öwotHÜiety u. s. w. 
Yalerius Antias ist es offenbar, der Süanus als Kom- 
mandeur der Flotte nannte, und er hat auch einen Aris oder 
Arines — nur, denke ich, nicht gerade als Kommandanten, 
wie Livius sagt — auftreten lassen. Er hatte also seiner 
Gepflogenheit getreu bei dieser Hauptaktion die Rollen nament- 
lich aber ganz willkürlich verteilt. Vornehmlich aber hat 
er seiner Phantasie bei den Beuteangaben die Zügel schiefsen 



424 Yiorter Abschnitt 



lassen. In seiner Version Ober die schöne Gefangene, von 
der wir übrigens die Einzelheiten^) nicht kennen, darf man 
nach dem, was sonst von Antias bekannt, nicht eine beson- 
dere Bosheit gegen Scipio oder die Scipionen erblicken, son- 
dern blofse Klatschsucht im allgemeinen. Diese Züge des 
Yalerius entnehmen wir Livins. 

Indem wir, diesmal mit verdoppeltem Interesse, alles 
Bemerkenswerte bei Appian sammeln, notieren wir zunächst 
eins, was uns erinnert, dafs wir uns auf annalistischem 
Boden befinden, c. 19 die lustratio des vereinigten Heeres, 
welche Appian diesmal wohl wegen der dabei gehaltenen stol- 
zen Rede Scipios für er^'ähnenswert hielt. Statt von dreien 
ist von vier 2) getrennt liegenden Heeren die Rede. Der Kom- 
mandant der Stadt wird wiederholt und bestimmt 
Mago genannt, wozu also die Livianische Angabe über 
Antias nicht stimmen will. Hingegen ist die Ziffer der 
Besatzung wirklich 10000 wie die höchste (also 
Valerische) bei Livius. Dafs Scipio bei Appian in einer 
Nacht vom Ebro zur Stadt gelangt, dürfen wir der Quelle 
nicht zur Last legen, wohl aber eine andere chronologische 
Eigenheit. Der Tag des eigentlichen Sturmes ist nach c. 23 
— denn c. 20 ist weniger klar — der vierte nach der An- 
kunft. Drei Tage gebrauchte Appians Gewährsmann für 
Vorbereiümgen. Denn er arrangierte eine förmliche 
Belagerung mit Belagerungstürmen c. 20: Kkl^iaxotq 



1) Darf man annebmen, dafs Scipio auch boi ihm das Mädchen 
freigohen wollte, dieses aber tiefgerührt die Freiheit verschmähte? 

2) Die Besatzung von Neukarthago rechnet er dabei nicht ein; 
so hat sich aber Livius mit der Vierzahl abgefunden XXVÜI 38, 3 
und 43, 10 verglichen mit 42, 5, an welchen Stellen Antias benutzt 
ist vgl. meinen fünften Abschnitt. 



Appian. 425 

re Hai /jir/xava^ Ttavt^ Ttspttt^elg, ^co/ol^ ivog /lipov^y ^ 
rb pL£v teixog rjv ßpaxvtatoVy ?A,o^ 6' avt& xai ^akaööa 
TTpotsiHXvZe . . . Hai totg Xi^iiöt trjg TtoXecag vavg irtt- 
6rYi6ats .... Ttpo %(o rtjv öxpatiav aveßißaZev inl tag 
ptr/xocva^y rovg pLev avaa^sv iy^stpsiv HeXevGov totg 
TCoXs/jiioig , tovg ds natco tag /xr/xavag coS^siv ig to 
Ttpoöco. Nun geht der Kampf los, inaHOTtaStet Si ta tov 
^HiTciGtfvog, C. 21: da machen die 10000, die von Mago 
eTtl taig TtvXatg aufgestellt sind, einen Ausfall ig tovg 
ta /Äffxavi^ßjuxta coS^otJvtag nal TtoXXa ßxhv ISpoav ovx 
TföiSGo 6' avtinaöxoVy bis endlich die Römer siegen. Die 
Feinde eilen zurück und auf die Mauem; nal totg 'Pco- 
fuxioig av^ig rjy o novog noXvg ts nal x^^^^og, bis 
Scipio das Zurücktreten des Wassers gewahrt und dort mit 
Leitern vorgeht C. 22: aber auch jetzt ist die Sache noch nicht 
sogleich entschieden; ßoijg dh Hai opßiijg inatipoo^ev ye- 
voßiivffg Hai tcoihIXdov ^pycav nal na^dbVy inpattjöav 
opLGjg ol ^Poofiaioi Hoi nvpyoov tivwv inißr^öav oXiycav, 
von wo aus Scipio täuschende Signale geben läfst. Bei dem 
endlichen Eindringen sammelt Mago die 10000 auf dem 
Markt, taxv öe xal tovtoov HataHonivtaiyv — also noch- 
mals ein Kampf — flieht er mit wenigen auf die Burg, wo 
er sich ovSlv Iti öpäv 6vv ffttr/pLivotg te nal natSTttTj- 
Xoötv Uxcov ergiebt 

Lauter uns aus Appian auch sonst geläufige Züge. Vor 
allem ein endloses Ausspinnen und Aneinanderreihen von 
Kampfszenen. Hier erscheint der Ausfall, welcher bei Poly- 
bios gerade da unternommen wird, als Scipio das Zeichen 
zum Angriff giebt, als Episode; es ist um die dritte Sümde, 
nicht bei Tagesanbruch. Appian hat bei alledem noch sicher- 
lich sehr gekürzt. Li der Quelle ist gewifs auch der Schau- 



426 Vierter Abschnitt. 



platz viel ausgedehnter angenommen als etwa bei Polybios. 
Das Ttdvrrf /xtixava^ Ttspitiä^eig und Ttavt^ Ttepiäiotn^, 
wohl auch der Plural al nvkai (Polybios hier immer den 
Singular, den beispielsweise Lib. 113 auch Appian anwendet) 
weisen darauf hin, dafs in der Quelle auch für Szenen neben 
einander der Platz nicht fehlte, i) 

Bei Aufzählung der Beute c. 23 finden wir die Kate- 
gorien von Liv. c. 47 wieder: ßiXr/y pLTixocyr//iara , öirov 
Kai ayopav TTotKlXrfv, das Silber auch eingeteilt in ver- 
arbeitetes, gemünztes imd ungemünztes. 2) Anderes hat Li- 
vius eben nur übergangen: veoogoiKOvg iXiqfavta und — 
echt annalistisch — neben den Geiseln und den Gefangenen 
auch noch: xal oöa (seiet. aix/^aXcata) ^Pca/iaicoy avtioy 
TTpoeiXffTtro. Leider giebt Appian an dieser Stelle nur eine 
Zahl, die der Kriegsschiffe: 33, und ärgerlicherweise hat Livius 
in c. 49 gerade bei den Kriegsschiffen die Gegenüberstellung 
der Zalüen des Antias mit den Polybianischen und Cöliani- 
schen aufgegeben, sodafs wir von Livius her nur wissen, 
dals Yalerius auch in diesem Punkte übertrieb: non de 
numero navium captarum . . . convenit. Die Übertreibung 
bei Appian ist, in anbetracht dafs es nach Polybios nur 18 
waren, imd dafs Scipio selbst blofs 35 Schiffe hatte, recht 
erklecklich zu nennen. So wird es mit der Beute über- 
haupt bei Appians Quelle gewesen sein. Laelius führt, Po- 
lybios zuwider, die genommenen Schiffe mit dem Gold, Sil- 
ber und Elfenbein mit sich nach Rom, worauf es uns dann 



1) So könnte Laelius z. B. hier ein Spezialkommando gehabt 
haben und deshalb bei der Flotte durch Süanus ersetzt sein. 

2) Dies ddTJ/iavto^ hat, wiewohl die Art der Bezeichnung ja 
nicht kongruent ist, Liv. c. 47, 7 Gronov auf das Richtige geführt: 

nfecti (die Hdschrr. facti) signatique . . . vasorum argenteorum. 



Appian. 427 

auch nicht wundert, von einem dreitägigen, statt wie bei 
Livius von einem eintägigen Dankfeste zu lesen. 

Das wird jeder zugestehen, die ganze Darstellung ist 
verlogen und willkürlich wie nur irgend eine. Yon dem 
ursprünglichen Bau (also der Darstellung, die aus Scipios 
Umgebung herrühren mufs), an welchem Coelius schon ge- 
meistert hatte, ist kaum ein Stein auf dem andern geblieben. 
Fast nur in dem Beuteinventar ist das alte Fundament zu 
erkennen. Dem ganzen Charakter gemäfs müssen wir den 
Urheber im Kreise der späten Annalistik suchen. Yon die- 
ser Seite her wird meine Ansicht, dafs Appian auch in der 
Iberike Valerius darstellt, nur gestützt. Aber die bestimm- 
ten Daten, die uns gerade hier über diesen Anna- 
listen zu geböte stehen!! Hiermit steht es so. Erstlich 
die Geschichte von der schönen Gefangenen berührt Appian 
nicht. Femer nennt er weder Laeüus noch Silanus, und 
in dieser Beziehung läfst sich nur soviel sagen, dafs die 
ganze Aktion in seiner Quelle so umgestaltet und ausgedehnt 
war, dafs gerade bei ihr eine absonderliche Rollenverteilung 
an die römischen Offiziere vermutet werden kann. Mit den 
Zahlen, welche wir als Yalerianisch aus Livius kennen, be- 
rührt sich direkt leider nur eine bei Appian, und diese — 
10000 für die Besatzung — stimmt, während eine andre 
— 33 genommene Schiffe — wenigstens zu den Andeutungen 
des Livius gut pafst. Dagegen ist allerdings die noch übrig 
bleibende Anführung des Livius aus Yalerius, dafs der Kom- 
mandant, welcher den Römern in die Hände fiel, Arines 
geheifsen, mit Appian unvereinbar. Allein, wie die Frage 
nach Appians Quelle nach den sonstigen Indizien jetzt steht, 
natürlich nicht blofs hier in der Iberike, sondern auch in 
der Annibaike und Libyke, wage ich die Yermutung, 



428 Viortor Abschnitt. 



dafs Livius sich geirrt hat Und es sind doch einige 
Momente vorhanden, welche das Zeugnis des Livius wenig 
gewichtig machen. Natürlich, wenn ich frage, welchen 
Grund Antias gehabt haben könnte, den geläufigen Namen 
Mago mit einem so seltenen zu vertauschen, wird man mir 
die Willkürlichkeit entgegenhalten, welche dieser Annalist 
gerade nach meinen Ausführungen in den Schlachten von 
Cannae und Zama, ja auch bei der Eroberung Neukarthagos 
selbst in bezug auf den Oberbefehl über die Flotte, zeigt. In- 
dessen wenn er bei seinen ganz willkürlich umgemodelten 
Schlachtplänen die Unterführer andre Plätze einnehmen liefs, 
wenn er den Proprätor Octavius bei Zama einen Flügel^) an- 
füliren liefs an Stelle von Masinissa, wenn er hier bei einer 
vermutlich sehr reichen dramatischen Gliedenmg xmd grofsem 
Bedarf an Personal auf den in Wahrheit abwesenden Proprätor 
Silanus zurückgriff, so ist das doch noch etwas anderes, als 
wenn er den Obcrkommandeur auf karthagischer Seite, dessen 
Name auch in den römischen Annalen nicht gefehlt haben 
kann, so offenbar aufs Geratewohl umgetauft hätte. Die 
Hauptsache aber ist, dafs Livius ja den Valerius erst ganz 
zum Schlüsse eigens für die ZifFernangaben herangezogen 
hat. Wie leicht konnte er da bei nachträglichem Überfliegen 
des überhäuften, in immer neuen oder vielmehr wiederkehren- 
den Vorgängen sich ergehenden Berichtes, in dem gewifs auch 
eine stattliche Reihe punischer Führer vorkam, einen falschen 
Namen herausgreifen. Bei solchen, ich möchte sagen, excerp- 
torischen Angaben — das wird man zu gunsten meiner Annahme 
gelten lassen müssen — ist Livius' Verläfslichkeit gering. 



1) Wobei zu erwägen, dafs derselbe bei ihm auch römisches 
Fiifevolk einbegriff. 



Livianischer Bericht 209 (Pol. 208) v. Chr. 429 



Zum Jahre 208 v. Chr. berichtet uns Pol. X 34 f. den 
Übertritt spanischer Völker im allgemeinen und den des 
Edetanerfürsten Edeko im besondem — alles Folgen der 
Kückgabe der Geiseln — sodann wie Scipio von der Flotte, 
die nichts zu thun hatte, die brauchbarsten Leute in die 
Landarmee einreihte, und wie erst Andobales und Mandonios 
mit den Ihrigen, darauf auch der gröfste Teil der übrigen 
Spanier das karthagische Lager verliefsen. Eüeran schliefst 
sich c. 36 die Nutzanwendung aus diesem Vorfall. C. 37 
entschliefst sich Hasdrubal eine Schlacht zu wagen und im 
Fall einer Niederlage nach Gallien zu ziehen, um von dort 
mit angeworbenen Galliern in Italien einzufallen. Scipio 
zieht mit spanischem Zuzug über den Ebro, trifft bei wei- 
terem Vordringen auf Mandonios und Andobales, mit denen 
er c 38 ein Bündnis schliefst 

Ich breche hier vorläufig ab und wende mich zu Li- 
vius. Dieser macht — wieder ein Jahr zu früh, zu 209 
V. Chr. — das bisher Aufgeführte in einem Kapitel XX Vn 1 7 
ab. Zu seinem Unglück beginnt er: Aestatis ejus prin- 
cipio, mufs also alles, was in den Winter fäUt, nachträg- 
lich notieren. Dies hat ein Anakoluth im ersten Satze 
veranlafst Aestatis eins principio, qua haec agebantur, 
P. Scipio in Eüspania cum hiemem totam reoonciliandis 
barbarorum animis partim donis partim remissione obsidimi 
captivorumque absumpsisset, Edesco ad eum clanis inter 
duces Hispanos venu Livius knüpft daran gleich den Abfall 
der beiden andern Fürsten, stellt sich aber offenbar die ört- 
lichen Verhältnisse nicht richtig vor, wenn er sie abrücken 
läfst in inminentis castris ejus (Hasdrubals) tumulos, unde 
per continentia juga tntus receptus ad Romanos 
esset Polybios sagt nur eh tivats ipvjjLV0v<5 toTtovfs Kai 



430 Vierter Abschnitt. 



dwa/Äivovg avtoig trjy a6(pd\Biay 7tapa6KBva8,Eiv, 
Demnächst spricht Livius von den Absichten Hasdnibals, 
dann erst von der anderweitigen Verwendung der Flotten- 
mannschaften durch Scipio (wobei er zwischen Plusquam- 
perfektum auxerat und Perfektum addidit schwankt) imd 
dessen Yorrücken, das zur Yereinigung mit Indibilis und 
Mandonius führt. Cum iis copiis Scipio veris principio 
ab Tarracone egi-essus u. s. w. widerlegt eigentlich ebenso- 
wohl die frühere Zeitangabe als auch die fi*ühere geogra- 
phische Vorstellung. Wollte man also nicht Polybios selbst 
als Quelle annehmen, wofür doch so viel spricht, so könnte 
man sich auf die Abweichungen des Livius wenigstens in 
keiner Weise berufen. 

Nach Pol. X 38 lagert Hasdrubal in der Gegend von 
Castulo bei einer Stadt Baecula und nimmt bei Annähe- 
rung des Feindes eine sehr feste Position ein. Scipio 
wartet, nachdem er herangekommen, zwei Tage, entschliefst 
sich aber am dritten zum Angriff. Derselbe gelingt, weü 
Hasdrubal, der an einen solchen nicht glaubte, zu spät 
Stellung nimmt und zwar mit den Kemtruppen in der 
Front, während Scipio die Kerntruppen auf die Flügel ge- 
worfen hat. 

Livius giebt c. 18 zwar auch Hasdrubals Aufstellung 
prope urbem Baeculam an, schiebt aber dann aus andrer 
Quelle einen siegreichen Angriff der Leichtbewaffneten und 
der prima signa auf die feindlichen Eeiterposten ein und 
läfst nun erst Hasdrubal in der Nacht die feste Stellung 
beziehen. Polybios femer spricht nur von einem vor dem 
Lager sich ausdehnenden Plateau mit steilem Bande {o<ppvg), 
Livius trennt c. 18, 5 dies Plateau von dem Bücken, auf 
dem das Lager war, und erhält so eine doppelte Abstu- 



Livianiacher Bericht 209 (Pol. 208) v. Chr. — Schlacht von Baecula. 431 

fung;i) doch ist in der Schlachtbeschreibung von einem 
zweiten Yerteidigungsabschnitt gar keine Rede. Ich kann 
also hierin keinen originalen Zug erkenneh. Ebensowenig 
darin, dafs Livius die Vorposten an dem Abhang (i<psdpeiai) 
als equites Numidas leviumque armorum Baliaris et Afros 
spezialisiert; denn Afri = Libyes sind bekanntlich keine leich- 
ten Truppen. Jetzt wieder ein Einschiebsel, das zweite, aus • 
fremder Quelle. Scipio wartet nicht erst, sondern eröffnet 
am nächsten Tag mit einer sehr siegesgewissen Ansprache 
den Angriff, schneidet auch von vornherein durch Aus- 
sendung von je zwei Kohorten rechts und links, wobei die 
Stadt sehr nahe gedacht ist, dem Feinde den Rückzug ab. 
Im folgenden hingegen sehe ich wieder nur Willkiirlichkeiten 
des Livius. So ist das sehr breit ausgemalte Vordringen 
der expediti^) im Zentrum § 11 — 14 ganz ohne Folgen. 

Da Hasdrubal nach Polybios sehr bald den Kampf auf- 
gab und rettete was zu retten war, kann es Tote nicht viel 
gegeben haben; dafür wurden 10000 Fufsgänger und 2000 
Reiter gefangen. Bei Livius ist das Gemetzel in Konsequenz 
des Früheren natürlich bedeutend, 8000 werden getötet. 
Dagegen ist c. 19 in der ersten Hälfte Hasdrubals Abzug, 
die Behandlung der Gefangenen, die Ablehnung des Königs- 
titels diuxjh Scipio, die Beschenkung des Indibilis wieder in 
genauestem Einklang mit Polybios. Dafs ein Neffe Masi- 
nissas reich beschenkt seinem Oheim zugeschickt wurde, davon 
hat wohl auch Polybios gewufst; denn Liv. XXViLL 35, 8, 



1) Die untere wird nachher in der Schlacht einmal supercilium 
genannt, welches Wort man auch XXXIV 29, 11 in einer Polybiani- 
schen Partie findet. 

2) So übersetzt Livius "wohl ev^oDvov^ atTcavtaf, womit Poly- 
bios die sonst nicht erwähnten spanischen Hülfsvölker meinen muTs. 



432 Vierter Abschnitt. 



WO Polybios Quelle ist, erwähnt dies Masinissa gegen Scipio. 
Ob es aber schon hier gestanden und in dem Bruchstiick 
nur übergangen ist, will ich nicht entscheiden. Eine sicht- 
lich obei-flächliche Übersetzung von Pol. c. 39, 7 f.: rb ^hv 
ipvxo^axetv ^expi tr/g iöxiirTf<s i\7rlöo<s aTredoxipLaZe, 
Xaßcoy öh ra re xPW^'^^ ^^^ '^^ ä^tfpia ... ist der 
•Anfang von c. 19: Hasdrubal jam antequam dimicaret pe- 
cunia rapta elephantisque praemissis . . . Das Durcheinander 
der Elefanten hat eben noch bei der Flucht eine Rolle 
gespielt! 

Die Untersuchung des Livius ergiebt also nach Aus- 
scheidung der Ausmalungen immer noch eine hie und da 
hervortretende NebenqueUe; und zwei von den Besonderheiten, 
die Nähe der Stadt imd dafs Scipio sogleich am andern Tage 
angreift, finden wir nun bei Appian wieder. Bevor ich diesen 
untersuche, sei aber noch erwähnt, dafs das Ende des Feld- 
zuges Liv. c. 20 lediglich aus Polybios geschöpft scheint 
Sicher ist es niur eine der Livius geläufigen Dramatisierungen, 
wenn er aus den Erwägungen Scipios Pol. c. 39, 9: ÜOTrXiog 
dh rb fxkv ix Ttoöbg ETteÖ^at roi(S Tcepi tbv iiödpovßav 
ovx ffyeito 6v/j,<pipety, t<p öeöiivai tffv tcav äXXxiov 
öTpatTjyGoy %{po6oy und c. 40, 11: xai tb Xotnbv ffdi] 
jXBtaXaßobv tipr töov Kapxr^doviojv örparoTteösiav . . . ., 
iycl dh tag vnepßoXag röbv Uvprfyalcav opioav i&ani- 
ötetXe tovg trfpijöovtag rbv köSpovßav, einen Kriegsrat 
herstellt c. 20, 1: De hello inde consilium habitum. et 
auctoribus quibusdam, ut confestim Hasdrubalem consequere- 
tur, anceps id ratus, ne Mago atque Hasdrubal cum eo 
iungerent copias, praesidio tantum ad insidendum Pyrenaeum 
misso ipse reliquum aestatis recipiendis in fidem Hispaniae 
popiüis absuraj)sit. Der karthagische Kriegsrat, zu welcliem 



Livianischer Bericht 209 (Pol. 208) v. Chr. 433 



Hasdrubal Gisgos Sohn und Mago aus dem jenseitigen Spa- 
nien kommen, ist dagegen sicher nur in dem Bruchstück am 
Schlufs weggeblieben. Der Barkide soll seine Lücken zum 
Abzug nach Italien ergänzen, Mago auf den Balearen werben, 
Gisgos Sohn sich auf Lusitanien beschränken, Masinissa mit 
3000 Keitem im diesseitigen Spanien den kleinen Krieg führen. 
Appians Bericht, bis auf jene Berührungspunkte völlig 
imbrauchbar, aber umsomehr der Erklärung bedürftig, lautet 
c. 24: Kapxtfdoylcav 5' oi ötparrfyol diio orre [ovreg?] 
XotTtco xa\ ovo jiödpovßa, o ßihy rov jijilXxapog Ttoppco- 
ratco napa KeXrißr/pöiv i^svoXoyet, b di rov riöKom^oq 
ig fihv rag TtoXetg rag in ßeßaiovg 7repi€7tejÄ7rey, a&idav 
KapxtfSorioig ijXfjLiveiv cog örpartäg iXsvöo/Aivtjg avrixa 
aTteipov rb TrXff^og, Maycova ö^ erepov (im Gegensatz zu 
dem Kommandanten von Neukarthago) ig ra 7tXr}6ioy Tte- 
ptiTts/ÄTte SsvoXoyeiv OTCo^ev övvrf^sirf, xai avrbg ig 
rffv Kap7tijrdya>y (cj. Nipperdey, die Hdschrr. jiepöayr/y-- 
rcay) a<pi6rajjLiyooy iyißaXey, xai riya avrcoy noXiy 
i/ieXXs noXiopKtföBiv initpayiyrog ö' avr<p rov 2x1" 
Tclayyog ig Batrvxrjy vTcexdpBt xai npb rfjg TroXsaog 
i&rparoTtiöevöey iy^a rfjg iTtiovörjg ev^vg fjööaro xai 
rby ;|faparxöf avrov xai rr}y Bairvxrfy iXaßey b 2xi7tiooy, 
Mit 'O 6e rrjy örpartay rrjv Kapxv^oyicoy rffy in ovöay 
iy ^Jßrjpi^ öiryiXeye folgt c. 25 gleich die Vereinigung des 
Gisgoniden mit Mago und Masinissa und die Entscheidungs- 
schlacht von 206 V. Chr. Appian drängt offenbar zum Schlufs. 
Aber von den vier Heeren zu je 25000 — 2500 Mann, 
die er eben erwähnt, hielt er sich doch verpflichtet etwas 
zu sagen, freilich in seiner sehr ungenierten Weise. „Von 
den Feldherm der Karthager, zwei andern und zwei Hasdru- 
balen, warb der Barkide", beginnt er; und nachdem er so 

Hossolbarth, histor. - luit. üotorsach. 28 



434 Vierter Abschnitt. 



den einen General i) losgeworden, ordnet er den dritten 
(Masinissa? der Name scheint vor dem ersten TteptiTtejuTte 
ausgefallen) und vierten (den BarMden Mago) der Einfachheit 
halber Hasdrubal Gisgos Sohn unter. Auch 1^ er diesem 
letzteren kurzerhand die Niederlage von Baecula bei, 
indem er ihn an die Stelle seines Namensvetters setzt Des- 
halb, weil diese Vermischung unbestreitbar ist, ist auch Nipper- 
deys Yorschlag, an die Belagerung einer Karpetanerstadt zu den- 
ken, welche Pol. X 7, 8 von Hannibals Bruder berichtet wird, 
sachlich wohl empfohlen. Wer aber in dieser oder überhaupt 
in stark gekürzten Stellen Appians sein Evangelium findet, 
der hat sich die denkbar unzuverlässigste Grundlage gewählt 

Denjenigen, welche sich überzeugt haben oder noch über- 
zeugen werden, dais Appian und Diodor dieselbe Quelle reprä- 
sentieren, kann ich sogar den Beweis liefern, dafs die Über- 
tragung dieser Niederlage auf Hasdrubal Gisgos Sohn erst 
Appians Werk ist. Diod. XXVI 24 in der Würdigung des 
Barkiden: Ka\ sig tffv /ASÖoyetov aTtoötGox^B^? (vgl. unten 
über Dio) öiä trjv idiav aperrfv /AeyaXrfv tf^poiöB dvya/iiv. 

Den Abzug des Barkiden nach Gallien, wo er den Win- 
ter verbrachte, hatte Polybios gewils zum nächsten Jahre 
berichtet, Livius berührt ihn gar jiicht; ja er läfst zum 
Jahre 208 v. Chr. überhaupt kein Wort über Spanien fallen, 
offenbar weil dabei seine falsche Chronologie zur Sprache 
hätte kommen müssen. 2) Auf diese Weise kommt Livius 
mit dem nächsten Jahre ins rechte Geleis. 



1) Diesen läDst er dann recht harmlos nach der Eänmang 
Spaniens seinen Zug nach Italien antreten. 

3) Ganz verständig hat die Periocha den Bericht von 209 v. Chr. 
in dieses Jahr gesetzt, um daran Hasdrubals Niederlage in Itahen 
anzuknüpfen. 



207 V.Chr. 435 

207 V. Chr. Liv. XXVm a 1 — 2: Mago und Hanno, 
ein mit Truppen aus Afrika neuerdings angelangter Qeneral, 
welche vereinigt in Keltiberien geworben haben, werden von 
einem Korps unter Silanus ereilt. Magos nur aus Bekruten 
bestehendes Heer erliegt fast ganz, Mago selbst ist mit der 
Eeiterei und 2000 Mann gleich anfangs geflohen. Yon dem 
andern Heere wird aufser dem Feldherrn nur ein, wie es 
scheint, kleiner Teil in die Katastrophe verwickelt § 11 f.: 
Hanno alter Imperator cum eis, qui postremi jam profligato 
proelio advenerant, vivus capitur. Magonem fugientem equi- 
tatus forme omnis (des Hanno) et quod veterum peditum erat 
secuti decimo die in (Jaditanam provinciam ad Hasdrubalem 
pervenerunt Celtiberi, novus mües, in pix)ximas dilapsi Silvas 
inde domos diffugenmi Scipio belobt den Silanus und macht 
nun selbst einen Zug gegen HasdrubaL C. 3 f.: Als dieser 
aber bis an den Ozean zurückweicht und das Heer in die 
Städte verteilt, kehrt er um und läfst nur die Stadt Orongis 
durch seinen Bruder Lucius belagern. Nach der Eroberung 
ehrt er seinen Bruder auf alle Weise, schickt ihn mit Hanno 
imd andern vornehmen Gefangenen nach Rom und rückt selbst 
in die Winterquartiere. 

Prontin. Strat 13,5 erzählt das Manöver des Hasdru- 
bal wie Livius; nur nennt er sein Heer besiegt, ungewifs, 
ob nach eigner Quelle öder nur Livius verschärfend. 

Wir sahen, wie Appian mit kühnem Sprunge die beiden 
Schlachten von 208 und 206 v. Chr. verknüpft. Dennoch 
hält er es c. 31 (nach der Räumung Spaniens!) für 
gut, unter andern blutigen Vorfällen Silanus' Doppelsieg auf- 
zuführen. Wir hören mit Staimen, dafs r(p avrcp XP^'^V 
Mdyoovi riveq KsXtiß^poov xai 'ißrjpGov %xi i/AiöS^o<p6- 
povv, Gov al TtoXeig ig ^Pao/Aaiovg /^teteri^etvto. xal 6 

28* 



436 Viertar Abschnitt. 



Mapxiots (Verwechselung mit M. Sllanus, den er umgekehrt 
gleich darauf statt Marcius Castulo einnehmen läfst) avroiq 
iTtt^i^svog Xi^iov<s /ihv xal ytevtaxoöiovg dtitp^^etpsv, 
oi Sh XotTToi Sti<pvyoy ig rag noXetg. itipovg Sh iTcra- 
HOölovg inniag xa\ mZovg iSaxigxtXiovg , jiyycavog 
avtcov fjyovßiiyov , övvtfXaöBV ig \6q>oy, o^bv ano- 
povvXBg andvroov (natürlich!) iTtpeößevoyro Ttpog rov 
Mapxtov 7tep\ öTtovScoy, worauf eine Illustration zum spa- 
nischen Charakter, auf welche es Appian hauptsächlich bei 
der ganzen Geschichte ankommt: sie liefern Hanno aus und 
erfüllen der Eeihe nach alle römischen Forderungen, beginnen 
aber einen Verzweiflungskampf, als sie unter Niederlegung 
der "Waffen abziehen sollen, xal ro ßihv tf^iöv tdov KeXri- 
ßrfpGov noXXa dpaöavtcav xatBxont}, tb d^ ij/Atöv Ttpog 
Maycava öiböoo^t}. Darauf dann noch ein ganz wider- 
spruchsvoller und unverständlicher Satz, welcher die Ge- 
schichte in die Kriegslage von 206 v. Chr. — Mago auf die 
Insel Gades beschränkt — einpassen soll. Ich meine, die 
Identität mit der Doppelschlacht von 207 v. Chr. ist klar. 
Zwei Feldherm mit denselben Namen und Schicksalen wie 
dort, Mago genannt als Oberkommandierender, Hanno aber 
in dem Kampfe allein hervortretend; doppelter Kampf, dop- 
pelte Flucht. Die Zahlen freilich würde man nach Livius 
im umgekehrten Verhältnis erwarten. Dafs Appian Hannos 
afrikanisches Korps nicht erwähnt, liegt wohl an seinem Plan 
Spezialgeschichten zu schreiben und rrfv tcov iä^rcoy aö^i- 
vBtav Tf (pBpBTtoviav zu veranschaulichen. 

Von Polybios hat sich nichts über den ganzen Feldzug 
erhalten, und dieser Umstand erschwert uns das Urteil auch 
über Livius. Einen ungünstigen Eindruck macht dessen Be- 
richt nicht Es erinnert fast an Polybios, wie die Eigen- 



207 V. Chr. - 206 v. Chr. 437 



artigkeit des Terrains und der beiderseitigen Kampfarten 
hervorgehoben wird, und auch wohl: decimo die. Ander- 
seits fehlt es an eigentlichen Ortsangaben. Livius müfste 
femer mitten zwischen zwei falsch datierten makedonischen 
Abschnitten den Polybios hier richtig benutzt haben. Vor 
allem ist die Erzählung aber auch nicht ohne sachliche Be- 
denken. So scheint mir ein ernstlicher Anteil des Mago an 
der Niederlage — die Gefangennahme Hannos ist nicht zu be- 
zweifeln — sehr fraglich. Balearen, welche er doch nach dem 
letzten Polybianischen Abschnitt werben sollte, werden hier 
nicht genannt, wohl aber 206 v. Chr. Und die ebenda auf- 
tretenden neugeworbenen Scharen von über 50000 müfsten 
nach einer solchen Schlappe Wunder nehmen, wie denn auch 
Livius eine erklärende Bemerkung für nötig halt c. 12, 11. 
Man hat wohl römischerseits (Coelius?) eine besondere Nie- 
derlage Magos, wenn auch nicht durch Scipio persönlich, 
für wünschenswert erachtet. Wir hätten dann bei Livius 
und Appian zwei Bearbeitungen, von denen die eine Magos 
Anteil, die andre das Schicksal von Hanno und seiner Um- 
gebung aufgebauscht hat. Zum weiteren Yerlaufe des Feld- 
zuges sei noch bemerkt, dafs die Szene bei der Einnahme 
von Orongis, wo die Römer eine Anzahl Einwohner mifsver- 
ständlich töten, nichts Kompromittierendes für dieselben haben 
soll; sie sind durch die vorherige Ablehnung ihrer Anträge 
auf alle Fälle gedeckt. 

Die nicht unbedeutenden Bruchstücke aus Buch XI des 
Polybios gehören, wie schon die handschriftlich ganz ge- 
sicherte Stellung derselben zeigt, ausschliefslich dem Jahre 
206 V. Chr. an, zu welchem wir jetzt übergehen. PoL 
XI 20: Ol /i€V ovv Ttepl tbv ködpovßav a^poiöavtag 
rffv örpateiav ix rdov TroXecov, iv alg inotovvto rrfv 



438 Vierter Abschnitt. 



Ttapaxsi/Aaölar, npofiXäov u. s. w. Sie lagern unweit 
nipae an einem Höhenzug, vor sich eine z\\r Schlacht ge- 
eignete Ebene, mit 70000 zu Fufs 4000 zu Pferde 32 Ele- 
fanten. Es wird vorher von den veränderten Absichten und 
den Vorbereitungen der karthagischen Feldherren die Rede 
gewesen sein. Liv. XXVILL 12, 10 zuerst eine Bemerkung, 
dafs in Spanien leicht neue Heere aufgebracht werden konn- 
ten, dann § 13: ibi Gisgonis, maximus darissimusque eo 
hello secundum Barcinos dux, regressus ab Gadibus, rebel- 
landi spem adiuvante Magone Hamilcaris filio, dilectibus per 
ulteriorem Hispaniam habitis ad quinquaginta milia peditum 
quattuor milia et quingentos equites armavit. de equestribus 
copiis ferme inter auctores convenit, peditum septuaginta 
milia quidam adducta ad Silpiam urbem scribunt. Die letz- 
tere Angabe schliefst sich auch im Wortiaut aufs engste 
an Polybios an. Sie steht übrigens, da sie die Totalstärke 
betrifft, gar nicht mit dem Yorigen in "Widerspruch, wie 
Livius zu meinen scheint. Ja, wer weiis bei Livius' fahriger 
Art, Zahlenangaben auszuziehen, ob seine römische Quelle 
nicht schliefslich auf dieselbe Summe hinauslief? Giebt doch 
selbst Appian. Iber. 25: 70000 — 5000 — 36. 

Im folgenden sind die Abweichungen des Livius von 
Polybios sämtlich oder fast sämtlich willkürlich. Er nimmt 
recht unpassend die Erwägungen Scipios, wie er es mit der 
überwiegenden Menge spanischer Hülfsvölker zu halten habe, 
vorweg, um damit das Heranziehen von solchen zu moti- 
vieren. Von dem erklärenden Zusatz: Culcham duodetri- 
ginta oppidis regnantem läfst sich nicht entscheiden, ob 
er anderswoher oder aus einer früheren Stelle des Polybios 
stammt. Polybios nennt „Castulo und die Gegend von Bae- 
cula" als Sammelplatz, und dort macht Scipio seinen Plan 



206 V. Chr. Entscheidungsschlacht von Ilipae. 439 



und rückt vor, zu verstehen gegen Ilipae. Bei Livius gesellt 
sich :5U seiner Vorwegnahme eine Verwechselung. Ver- 
einigungspunkt ist Castulo, Ziel des Vormarsches Bae- 
cula; das Weitere setzt aber auch ein Schlachtfeld näher der 
BaetismOndung voraus. 

Bei beiden Schriftstellern machen Mago und Masinissa 
einen Eeiterangriff auf die Eömer, als diese unweit des Fein- 
des lagern wollen, werden aber von der verdeckt aufgestell- 
ten römischen Reiterei entschieden abgewiesen. Wenn hierbei 
nach Livius die Infanterie, die Waffen mit dem Spaten tau- 
schend, eingreift, so halte ich das für frei erfunden. Bei 
Appian nämlich ist, unter Beibehaltimg der Situation und 
sogar gewisser Details, die Sache zwar sehr aufgebauscht — 
Scipio imd Laelius selbst teilen sich in das Kommando — aber 
auf Beteiligung des Fufsvolkes deutet bei ihm kein Wort. 

Von der ausführlichen Schlachtbeschreibung des Polybios 
sei hier nur der Kern hervorgehoben. Scipios Idee war bis 
zu einem gewissen Punkte dieselbe, wie zwei Jahre zuvor 
bei der Schlacht von Baecula, und ganz ähnlich derjenigen 
Hannibals bei Cannae imd seines Oheims bei Ibera, nämlich 
durch Konzentrierung der Kemtruppen auf den Flügeln die 
Entscheidung herbeizuführen. Wie im vorigen Jahre bedient 
sich Scipio zur Ausführung dieser Idee der Überraschung 
und eines maskierenden Angriffs in der Front. Aber der 
Unterschied ist doch grofs. Bei Baecula liefs sich Hannibals 
Bruder vollständig überraschen, weil er bei seiner festen 
Stellung einen Angriff für ganz unmöglich gehalten und die 
Stellung war gleich verloren, weil er die Flanken derselben 
nicht besetzt hatte; diesmal hatten sich die Heere schon 
mehrmals gegenübergestanden, und Scipio erreichte zunächst 
nur den Vorteil, dafs er dem starken Zentrum des 



440 ViertBr Abschnitt. 



unvorbereitet ausgerückten Feindes gegenüber die 
Spanier, gegen die schwächeren Flügel aber die 
Legionen verwenden konnte. Ein weiteres Manöver, 
das er allerdings einem weniger kriegsgeübten Heere nicht 
hätte zumuten können, vervollständigte diesen Vorteil. Scipio, 
der die Reiterei (nebst velites) hinter die Legionen zurück- 
gezogen hatte (ebenfalls in drei Reihen, wie aus dem fol- 
genden hervorgeht), liefs beide Flügel in Manipeln und Ilen 
nach aufsen abschwenken, die so entstandene Kolonne aber 
mit der Spitze gegen den Feind schwenken. Die Front die- 
ser doppelten Kolonne betrug also tpfig JXarg iTtTriday tag 
ffyov/idvag xa\ npo rovrcov ypoö<poßidxov<s tov<s sl^t- 
ößiivovg xa\ tpeig ömlpag {rovto 6h xaXeitat ro öur- 
tayfia xöüv neZm^ napa ^Poofiaicov xoopttg).^) Mit dieser 
Front geschah also auf den äufsersten Flügeln der Einbruch, 
während durch die Spanier die feindliche Mitte eben nur 
bedroht wurde. Die beiden Kolonnen entwickelten sich dann, 
indem die Infanterie nach innen aufmarschierte, die Reiterei 
nebst den velites gegen die Regeln der Taktik (so dafs sie 
in Inversion kamen) nach aufsen. So wiuden die Flan- 
ken, wo die Elefanten standen, umfafst, während die Kem- 
tnippen im Zentrum zur Unthätigkeit verdammt waren. 
Dennoch dauerte der Kampf auf den Flügeln einige Zeit. 
Erst als die Hitze xata rffv ax^tfv (erg. rffg ff/iipag) den 
unvorbereitet Ausgerückten zusetzte, begann der Rückzug, 
der zur Flucht wimie. Ein Unwetter verhinderte die so- 
fortige Wegnahme des Lagers. Hier endigt das Bruchstück. 



1) Die Parenthese mit Domaszewsky, die Fahnen im röm. 
Ileere, Abhdlgn. des archäoL-epigraph. Seminars, Wien Gerold Sohn 
1885, S. 20 zu streichen verbietet der Vergleich mit Livius. 



Entscheidongsschlacht von Ilipae. 441 

Es lassen sich gewifs noch manche Fragen mit bezug auf 
Scipios Manöver aufwerfen, auf die Polybios nicht Antwort 
giebt. Ich kann aber durchaus nicht mit Droysen N. Eh. 
Mus. XXX S. 62 ff. finden, dafs die Schilderung unexakt 
imd wenig sachverständig sei. Wenn iTtayGoyrj Sektions- 
kolonne heifsen kann, so brauchte Polybios deshalb es sich 
doch noch nicht zu versagen, zwischen nottiö^ai rf/y itpo- 
öov und noiBiCßfai xrjv i7tayooyr/v zu wechseln. 'Ö/>S'iog 
ist freüich technisch „in Eeihen". Hier, wo von Schwen- 
ken, von der AngrifFsfront, von Aufmarschieren die Rede ist, 
kann doch keiner {totirovg) Ttporjyov op^lovg iTcl tovg 
TCoXe/Älovg anders auffassen, als „gerade, senkrecht gegen 
den Feind". Jedenfalls ist es gutes, verständliches Grie- 
chisch, und ich weifs nicht, ob man einen andern Ausdruck 
und welchen (Tcpbg op^äqT) man wünschen sollte.* 

Bei Livius ist die Schilderung natürlich verschlechtert, 
besonders die Beschreibung des Vorgehens der Flügel, doch 
so, dafs an der Benutzung des Polybios kein Zweifel sein 
kann. So wenn er, die technische Bedeutung von ÖTteipa 
verkennend, aus den „drei Manipeln, d. h. eine Kohorte", 
drei Kohorten macht c. 14, 17: ternis peditum cohortibus. 
Ebenso wenn er das Ermatten des Feindes durch die Hitze 
c. 15, 3 also glossiert: et ad id sedulo diem extraxerat 
Scipio, ut sera pugna esset, nam ab septima demum hora 
peditum signa comibus incucufrerunt, ad medias acies ali- 
quanto serius pervenit pugna, ut prius aestus a meridiano 
sole laborque standi sub armis et simul fames sitisque Cor- 
pora adficerent, quam manus cum hoste consererent. itaque 
steterunt scutis innixi. Die folgenden Worte hat Weifsen- 
bom, anschliefsend an das Polybianische ix 81 tfj<s rovroov 
ÖVßiTtXoxijg ta ^tjpia iL s. w. hergestellt: Jam (statt nam) 



442 Yiorter Abechnitt. 



super cetera elephanti etiam, wie umgekehrt nach c. 14, 13 
das unmögliche nepi öradtor Pol. XI 22, 11 von Hultsch 
vortrefflich in Ttspl ötdSia 6' verbessert worden ist. Was 
aber jene Glossierung des sol meridianus betrifft, so hätten 
danach sogar die Flügel erst um Mittag angefangen zu 
kämpfen. Und das wird erst mitten in der Schildenmg des 
Kampfes gesagt. Ich zweifle nicht, dafis wir es nur mit 
einer Verdrehung des Polybios zu thun haben; auch kehrt 
der Zug bei Zonaras und Appian nicht wieder. Auf ein 
Kennzeichen der Übersetzung aus Polybios hat Madvig Emend. 
Livianae* S. 406 treffend hingewiesen, dafs nämlich hier, wie 
Livius selbst bemerkt, unter socii nur die spanischen Hülfs- 
truppen zu verstehen, die italischen Bundesgenossen unter den 
Römern einbegriffen seien. Statt einfach AißvB<s aber setzt 
Livius, ^ei es dafs er sich ein karthagisches Heer nicht ohne 
Bürger denken kann, sei es dafs ihn der Ausdruck KapxfJ- 
dortoi, mit dem Polybios das Ganze, die Partei bezeichnet, 
irreführte: Carthaginienses mixti Afris, oder: Poeni Afrique. 
Appian nennt als Stützpunkt des karthagischen Heeres 
das nicht allzufem von llipae, doch links vom Baetis gelegene 
Carmo {KapfiGovrjv TtoXiv aus dem lateinischen Carmonem), 
benennt auch die Schlacht darnach. Was diese selbst betrifft 
— von dem Vorspiel war schon die Rede — so ist sie ins 
Wunderhafte gerückt. C. 26 f.: Scipio ist nach längerem 
Gegenüberstehen mit seinen Vorräten am Ende, da stellt er 
sich beim Opfern plötzlich gottbegeistert und reifst so das 
Heer zum sofortigen, überraschenden Angriff fort. Dafs die 
Feinde, ohne gegessen zu haben, alarmiert werden, ist ein 
echter Zug, vielleicht auch dafs die beiden Lager nur zehn 
Stadien von einander sind. Dagegen ist die Rollenverteilung 
auf römischer Seite wieder willkürlich. Siknus führt die 



ünterwerfting Spaniens. 443 



Reiter, Laelius und Marcius die FuTstnippen. Erstere schei- 
nen von Appians Quelle wieder sehr in Anspruch genommen 
zu sein. Es giebt eine iTtTto/xaxia , welche verläuft wie die 
vorherige. Die Fufstruppen dagegen kämpfen erfolglos den 
ganzen Tag über, bis Scipio persönlich in die Feinde ein- 
stürmt Ka\ 7toXv<s (xvroSy dt^ oXiyov tote q)6yo<s iyi- 
yvsro. 800 Römer, aber 15 000 Feinde bleiben. 

Dafs Livius sich bei dieser Schlacht ausschliefslich an 
Polybios gehalten, darauf deutet auch das vollständige Fehlen 
von VerluTstangaben, für die er sonst so oft mehrere Quellen 
vergleicht, ümsomehr liegt es nahe, auch den Rest von 
c. 16 auf ihn 'zurückzufuhren: Scipio verfolgt ayfs eifrigste, 
so dafs das feindliche Heer sich bis auf einen kleinen 
Rest, der sich notdürftig auf einem steilen Berge noch hält, 
auflöst und Hasdrubal und Mago zu Schiff nach Gades 
fliehen. Der römische Feldherr kehrt verhältnismäfsig lang- 
sam, nämlich in 70 Tagen, die Verhältnisse der Unter- 
worfenen regelnd, mit dem einen Teil des Heeres nach 
Tarraco zurück, wo dann auch der mit dem Rest zurück- 
gebliebene Silanus bald eintrifft debellatum referens (abge- 
sehen von Gades). 

"Wichtig ist die Zeitbestimmung: quarto decimo anno 
post bellum initum, quinto quam P. Scipio provinciam et 
exercitum accepit Beide Zahlen stimmen durchaus 
nur zu der Polybianischen Rechnungsweise und nur 
auf das Jahr 206 v. Chr. Da die Kriegserklärung im Kon- 
sulatsjahr 218 stattfand, so pflegen wir von diesem an zu 
datieren; ebenso Livius, beispielsweise nur wenige Kapitel 
nachher XXYIII 38, wo er 205 v. Chr. beginnt mit: Quarto 
decimo anno Punici belli. Polybios hingegen zählt die Be- 
lagerung Sagunts mit zum Kriege, der also 219 v. Chr. 



444 Vierter Abschnitt. 



beginnt. Da femer die Ankunft Scipios zwar in den Herbst 
des Konsulatsjahres 211 v. Chr. fallt, dieser Zeitpunkt aber 
bei Polybios schon zum folgenden Jahr zählte, so kommen wir 
auch mit der zweiten Datierung, die zunächst um eins zu 
niedrig, wie die andre zu hoch scheint, richtig auf 206 v. Chr. 
Ganz analog war die chronologische Bestimmung beim Unter- 
gang der Scipionen. 

C. 17 berichtet Livius kurz, dafs L. Scipio mit vielen 
vornehmen Gefangenen nach Rom geschickt wird, und schil- 
dert dann Scipios Pläne auf Afrika, was wir wieder durch 
Polybiosfragmente gedeckt finden werden. 

Appian schildert c. 28 die Unterwerfung des Landes 
durch Scipio und Silanus wesentlich richtig, worauf er erst 
Zeit findet, des Barkiden Hasdrubal Abzug zu notieren. C. 29 
fährt er fort, ohne je den Bruder Scipios erwähnt zu haben: 
AevxtO'S 5' aTtb ^Poi/xTf^ iTtaviabv ^(ppa^e rdS ^KiTtioovi 
ort avtov oi ir aötst 'Poo/xaiot Siaroovvrat ötpatrfyov 
ig Aißvrjv anoöriWetv, Appian spricht also, weil er 
einen Übergang zu den Yerhandlungen mit Syphax sucht, 
gleich von dem bei Livius gar nicht berührten Ergebnis der 
Botschaft. Nach Pol. XI 33, 7 scheint mir übrigens Lucius 
selbst nicht zurückgekehrt zu sein. 

Eine alte und herrschend gewordene Vermutung deutet 
den Einschnitt, welchen Scipios Rückkehr nach Tarraco und 
jene Botschaft bildet, sp, dafs hier Winterquartiere in die 
Livianische Darstellung einzuschieben seien. Mit dieser Ver- 
mutung sucht man zugleich ein Kriegsjahr zu gewinnen und 
das Fehlen eines spanischen Abschnittes zum Jahr 208 v. Chr. 
zu erklären. Wir wissen, dafs jene Lücke vielmehr in frühe- 
ren Irrungen des Livius begründet ist, und wissen auch, 
dafs der Vermutung die voUe Autorität des Polybios ent- 



Rechtfertigang der Polybianischon Datierung. 445 

gegensteht Denn dafs dieser hier absichtlich zwei Jahre 
zusammen behandele habe, davon kann keine Rede sein; 
Pol. XIY la, vorauf "Weifsenbom verweist, hat damit gar 
nicht das Geringste zu thun. Nach dem jetzigen Stand der 
Dinge könnte nur von einer Überweisung des bisher Be- 
sprochenen an das Yorjahr die Rede sein, und konnte es sich 
nur darum handeln, ob Polybios durch einen schwer 
begreiflichen Irrtum den Einschnitt vor statt hin- 
ter der Schlacht von Ilipae gemacht habe. 

Dafs das letzte Eriegsjahr ein äufserst thatenreiches ist, 
gebe ich zu, werde aber zeigen, dafs keine Unmöglichkeit 
vorliegt, alles, die Schlacht von Ilipae einb^riffen, unter- 
zubringen. Hier wiU ich zunächst erklären, weshalb in den 
früheren Jahren Scipio und sein kriegsgeübtes Heer wenig 
Gelegenheit hatten eine solche Schnelligkeit und Rastlosig- 
keit an den Tag zu legen. Die Eroberung von Neukarthago 
209 V. Chr., die Schlacht von Baecula 208 v. Chr. waren 
glückliche Streiche gegen einen einzelnen Punkt der feind- 
lichen Macht, nach welchen Scipio, wie auch Polybios bezw. 
Livius hervorheben, noch keineswegs in der Lage war, sich 
gleich gegen die übrigen Heere zu wenden. Nach dem Ab- 
zug Hasdrubals, 207 v. Chr., lagen die Verhältnisse wesent- 
lich anders. Jetzt hätte Scipio, den es drängte sich für ein 
Kommando in Afrika freizumachen, gern eine Entscheidungs- 
schlacht geliefert. Aber zunächst bot die kluge defensive Hal- 
tung des Feindes ihm statt dessen nur die Aussicht auf einen 
verlustreichen Festungskrieg. Erst 206 v. Chr. gelang es Sci- 
pio durch eine grosse Entscheidungsschlacht Herr des 
spanischen Festlandes zu werden. Alles folgende sind lokale, 
aussichtslose Erhebungen, bei deren Bewältigung die Schlag- 
fertigkeit des Feldherm wie der Armee sich glänzend bewährte. 



446 Vierter Abschnitt. 



Dafs Scipio den einen Teil des Heeres nach Tarraco 
mitnahm und auch den anderen dahin folgen liefs, was man 
als Rückzug in die Winterquartiere gedeutet hat, erklärt sich 
leicht aus dem Bestreben, zu dokumentieren, dass die Pro- 
vinz beruhigt sei. Und den Anordnungen, die er unterwegs 
traf, mufste er auch mit gewaffneter Hand Geltung verschaf- 
fen können. Die zweimalige Sendung des Lucius nach Kom, 
im vorigen Herbst und jetzt wieder, welche bei Annahme 
jener Vermutung als Dublette aufzufassen sein würde, findet 
ihre Erklärung eben durch den mittlerweile eingetretenen 
Umschwung der Dinge. Schon Ende 207 v. Chr. bat Scipio 
um einen Nachfolger, erhielt aber statt dessen Anweisung, 
Spanien erst völlig zu unterwerfen. Und siehe! wenige Monde 
später konnte der Liebling der Götter die Unterwerfung mel- 
den und sein Ansuchen an den Senat wiederholen. Diesmal 
offenbar mit Erfolg. Denn jedenfalls war ihm Ablösung 
schon in Aussicht gestellt, als er, um die Konsul wähl nicht 
zu verfehlen, Pol. XI 33, 7 die Provinz verliefs und das 
Kommando Silanus imd Mardus abgab. Liv. XXYIII 38 ist 
sogar von Übergabe an die beiden Nachfolger die Bede. Eine 
trotzige Stellung gegen den Senat nimmt Scipio erst als Kon- 
sul ein, wo er droht sich Afrika vom Volke geben zu lassen. 

Nach Liv. XXVIII 17 f. — es mag Juni sein — fährt 
erst Laelius zu Syphax, dann auf des Königs ausdrückliches 
Verlangen Scipio selbst, dignam rem ratus, quae, quoniam 
aliter non posset, magno periculo peteretur. Das ist ein 
durch und durch Polybianischer Gedanke, und zum Überflusa 
decken sich c. 17, 1—2 mit Pol. XI 24a, 1—3 und c. 18, 7 
mit 24 a, 4. Nach Livius, d. h. also Polybios, trifft Hasdru- 
bal pulsus Hispania mit seiner Flotte von sieben Dreirudrem 
auch gerade ein und macht Anstalten, die römischen Fünf- 



Anknüpfang mit Syphax. — Nachspiele des Krieges. 447 

rudrer vor dem Einlaufen zu fassen, wagt aber nichts weiter 
zu unternehmen, nachdem sie in den Hafen gelangt sind. 

"Was ist aber daraus Appian c. 29 f. geworden? Nicht 
einem feindlichen Feldherrn mit Flotte begegnet er bei 
Syphax, sondern Gesandten! Und diese Ttpiößet^ tdov Kap- 
XV^oviGoVy in ovrets Ttapa t<p 2v(paHtf vavdiv alg elxov 
piaxpatg, BTtayr/yorto XaSforrs^s tov ^vq)aHa, Nachher 
bei Scipios Rückkehr heilst es vom Könige rov<s Kapxrj- 
doviovg iipeSpevovtag av^ig avr<p KatelxBv, fo?^ iv 
ßeßai(p rr/^ ^aXdööt}^ yivotto 6 2xi7ti(av, Also statt 
eines in den Grenzen des Kriegsrechts sich haltenden Ver- 
suches ein doppeltes Attentat auf das Völkerrecht 
Vielleicht ist es selbst nicht von ungefähr, dafs Appian zwar 
von karthagischen Kriegsschiffen spricht, bei Scipio 
aber zweimal blois von zwei Schiffen schlechthin. Merk- 
würdig, dafs dann auch noch das Zusammentreffen mit Has- 
drubal angeführt wird {kiyBtai), Wenn nicht etwa ein 
Einschub aus Polybios vorliegt, so ist wohl nur an ein per- 
sönliches Herüberkommen desselben zu denken, wie ihn denn 
Appian nachher wieder in Gades erwähnt. 

Liv. XXVm 19—23, 5: Bezwingimg von Uliturgi imd 
Castulo, Spiele in Neukarthago, Zerstörung von Astapa durch 
Marcius; alles vermutlich ausschliefslich von Polybios, aus 
dessen elftem Buch die Namensform ^IXovpytta und ein auf 
die Zerstörung von Astapa bezüglicher Satz citiert werden 
frr. XI 24, 10 u. 11, welche aber hinter 24a stehen sollten. 
Wir finden in diesen Livianischen Kapiteln keine Beute- 
oder Verlustangaben. So lebhaft femer Livius bei der Be- 
lagerung von Uliturgi wird, sagt er doch summarisch: 
ut domitor ille totius Hispaniae exercitus .... saepe repul- 
sus . . trepidarit Das persönliche Eintreten Scipios erscheint 



448 Vierter Abschnitt. 



wieder durch die Überlegung diktiert: sibimet conandum . . . 
ratus. — Was die Zeit betrifft, so reicht Juli und August 
für alles aus. Scipios Eile ersieht man daraus, dafs er 
an dem näheren Castulo vorbei nach Illiturgi zog (in fünf 
Tagen von Neukarthago aus) und vor jene Stadt den Mar- 
cius von Tarraco herbeorderte. Die Spiele und die Zer- 
störung von Astapa werden ausdrücklich als gleichzeitig an- 



Der fehlgeschlagene Anschlag auf Gades c. 23, G — 8 
und das glückliche Seegefecht unter Liaelius c. 30 — 31, 4 
stammen gewifs auch aus Polybios. Drei- und Fünfruderer 
werden nicht nur unterschieden, sondern auch in ihrer 
eigentümlichen Wirksamkeit vortrefflich geschildert. Zona- 
ras und Appian berühren den Vorgang gar nicht. — Be- 
sondre Zeit braucht für denselben nicht angesetzt zu werden, 
da er mit dem folgenden Aufruhr gleichzeitig zu denken ist, 
bei welchem auch wirklich weder Laelius noch Marcius, 
wohl aber Silanus thätig ist 

Für die Meuterei im Lager bei Sucre, einige 20 Meilen 
nördlich von Neukarthago, c. 24 — 29 haben wir wieder ein 
Polybianisches Bruchstück XI 25 — 30. Dasselbe beginnt, die 
erste offenbar dem Excerptor angehörige Zeile abgerechnet, 
genau mit c. 25, 8 des Livius. Dieser wird gewiss schon 
das Yorhergehende aus Polybios entnommen haben. Höch- 
stens bei den Namen der beiden erwählten Führer C. Albius 
aus Cales und C. Atrius aus Umbrien könnte man zweifel- 
haft sein. Sodann begegnet auch ein Mifsverständnis. Wie 
wir bei der Rede Scipios finden werden, muss nach Polybios 
nur Sold aus der Zeit vor Scipios Kommando rückständig 
gewesen sein; Livius aber c. 24, 8 und 25, 6 spricht, freilich 
sehr unbestimmt, von Stipendium non datum ad diem. Von 



Nachspiele des Krieges. 440 



dem Punkt an, wo uns Polybios erhalten ist, kann 
kein Zweifel mehr sein, dafs wir es lediglich mit 
ihm bei Livius zu thun haben. Ende c. 25 ist eine 
psychologische Ausmalung des SchuldbewuTstseins eingefügt, 
welches die Soldaten ergriffen haben soll, als Mandonius und 
Indibilis ihren Aufstandsversuch wegen Scipios Genesung auf- 
gegeben hätten. (Über letzteres s. unten.) Die Rede Scipios 
an die Meuterer ist sehr breit getreten und mit vielen Ge- 
meinplätzen und historischen Parallelen ausstaffiert, und zwar 
in planloser Weise. Was soll z. B. die Phrase c. 27, 7: 
invitus ea tamquara vulnera attingo, sed nisi tacta tractata- 
que sauari non possunt, bei einer solchen Situation? Die 
einfache Disposition bei Polybios: a) was sie denn wohl für 
Beschwerden, b) was sie unter den von ihnen gewälilten 
Führern mit einem Mandonius im Bunde für Aussichten 
gehabt hätten, ist verwin-t. C. 27 entspricht zwar ungefähr 
dem ersten, c. 28 dem zweiten Teil. Aber mit c. 29: quam 
ob noxam patriae? wii-d wieder auf jenen zurückgegriffen. 
Der Satz ferner, mit welchem Livius den zweiten Teil er- 
öffnet, ähnelt auffallend dem Sclilufssatz des Polybianischen 
ersten Teils. 



ri ovY i&ciVj i<p Go 8vgap£' 
örovfisvoi naxoL xb Ttapbv rffiiv 
ras aTCoäräöets i7toi7Jdad^€ ; xovx 
TjÖTf ßovXoßxat nv^iö^at. 



Atque ego, quamquam nullum 
scelus rationem habet, tarnen, ut 
in ro nefaria, quae mens quod con- 
silium vestrum fuerit, scire volim. 



Offenbar hat Livius so ungenau gelesen, dafs er den 
Satz für den Übergang zu etwas Neuem hielt. C. 29, 2 
verhai-rt er bei dem oben gerügten Irrtum bezüglich des 
Soldes: stipendiumne diebus paucis imperatore aegro serius 
numeratum satis digna causa fuit . .? statt: i/xo\ örjXovdri 
Öv<;ape6rri6aö3^€ , ötoti raus öirapxlocg vfxlv ovh aTtsöi- 

Hessolbarth, Listor. - krit. Untersuch. 29 



4o0 Vierter AbachnitL 



öoin^. aXXa rouro ißwr ßihy ovx r[y iyxXtffux' xara 
yap tffv ißifiv apxfiv ovdir vßiiy kviXBinB t&nv hixavioor. 
Das Kläglichste ist, dafs Liviiis den schönen Vei^leich mit 
den Meereswogen, die je nach "Wind nnd Wetter friedlich 
oder gefahrlich sind, einen Yergleich, mit dem Scipio znletzt 
die Schuld von der grofsen Masse ab auf die RadelsHihrer 
wälzt, in c. 27, 11 untergebracht hat, wo Scipio den Sol- 
daten die Gröfse ihres Verbrechens klar macht! Die Über- 
einstimmung mit Polybios zeigt sich am Ende der Erzählung 
besonders darin, dals die Hinrichtung der 35 ruhig von stat- 
ten geht und die Sache damit erledigt ist. — Vierzehn Tage 
Zeit reichen für den Aufruhr vollkommen aus, und bleibt ein 
Teil des Septembers also wohl zu weiterer Verfügimg. 

Ausgedehnter und ziemlich ausgemalt ist das Strafge- 
richt bei Appian, welcher den Aiifiruhr c. 34 — 36 erzahlt 
Ich notiere aufserdem noch einen Zug, welcher wohl dem 
römischen Patriotismus die Meuterei erklären helfen solL 
Mago nämlich hat durch Abgesandte Geld unter die Auf- 
rührer verteilt 

Livius hatte oben einer psychologischen Schilderung 
zuliebe voreilig Mandonius und Indibilis von ihrem Versuch 
abstehen lassen. C. 31, 5 sind sie so gefällig, dieselben 
Truppen, wie vorher, zusammenzuziehen und ebenda Stellung 
zu nehmen, wo sie vorher gelegen hatten! Abgesehen von 
dieser Willkürlichkeit ist die Unterwerfung der Könige^) 
c. 31, 5 — 34 gleichfalls nach Polybios erzählt, wie wir in 
c. 32 f. durch das Bruchstück XI 31 — 33, 6 kontrollieren 



1) Dals Polybios bei dem Kampfe nur Andobales nennt, ist nicht 
zu betonen. In der eben besprochenen Rede Scipios sind auch erst 
beide, dann nur jener genannt. 



Xachspielo des Krieges. 451 



können, und wie c. 34, 7 zeigt: mos vetustus erat Ro- 
manis, wo auseinandergesetzt wird, dafs die Bömer von 
jedem Feind, der nicht zum foedus zugelassen wird, grund- 
sätzlich die deditio verlangten, Scipio in diesem Fall aber 
davon abgesehen hätte. 

Der Verlust der Spanier ist bei Polybios imd Livius 
danach zu berechnen, dafs von dem 20000 Fufsgänger 
2500 Reiter starken Heere die zwei Drittel, welche im Thal 
stehen, öxsSov anavtsq (Ldvius: ad unum omnes) nieder- 
gemacht werden, das andre Dritteil unversehrt entkommt 
Bei Appian ;i;iA/oyg Kai dtaxoöiovg ^Poo/xaicov dii<pSret- 
per, anoXofieyoov 6^ avto) SusfJLvpioov idetro TcpogTti/xipa^y 
ist er also etwas übertrieben. Nun fügt Livius c. 34, gerade 
wo das Bruchstück des Polybios schliefst, hinzu: castra 
codem die Hispanorum praeter ceteram praedam cum tribus 
forme milibus hominum capiuntur. Romani sociique ad mille 
ducenti eo proelio ceciderunt, vulnerata amplius tria milia 
hominum. Die Gefangennahme von 3000 Mann im Lager, 
welches auch bislang nicht erwähnt war, kommt nach dem 
Früheren mindestens sehr unerwartet Das Polybianische 
Bruchstück, aus dem ürbinas, hat gewifs nicht einen sol- 
chen Abschlufs weggelassen. Hingegen pflegen die Anna- 
listen einen rechten Sieg auch immer mit Erstürmung des 
feindlichen Lagers zu krönen. Und da die Zahl der römi- 
schen Toten stimmt, möchte ich glauben, dafs Livius hier 
Appians Quelle zu Rate gezogen, aber die Zahl der ge- 
fallenen Spanier, als dem Bericht vorher nicht entsprechend, 
ausgelassen hat. 

Nach der Schlacht, welche am 15. Tage nach dem Auf- 
bruch aus Neukarthago stattfand, schickte Scipio, selbst noch 
für einige Tage beschäftigt, den Marcius in die Nähe von 

29* 



452 Vierter AUchnitt. 



Gades, offenbar ohne ein eigentliches Truppenkorps, eilte 
dann selbst dorthin und hatte mit Masinissa eine längst ge- 
plante, vor dem Kommandierenden Mago geschickt geheim 
gehaltene Besprechung Liv. XXYIII 34, 12 u. 35. Wahr- 
scheinlich ist wieder Polybios Quelle. — Es hindert nichts 
anzunehmen, dafs es etwa Ende November war, als Scipio 
wieder nach Tarraco kam und Spanien verliefs. 

Die bei Gelegenheit der eben berührten Zusammenkunft 
von Dio und Appian eingeflochtene Begrilndung von Masinissas 
Parteiwechsel hat ims bereits im zweiten Abschnitt beschäftigt 

Mago segelte, nachdem seine Hoffnungen auf den Auf- 
ruhr und auf die aufständischen Ilergetenkönige sich als 
nichtig ei-wiesen, von Gades ab, um auf den Balearen zu 
werben und zu überwintern und dann nach Ligurien zu 
segeln, was auch Appian kurz erwähnt Bei Livius c. 36 f. 
ist die Fahrt nach den Balearen eigentümlich unterbrochen. 
Mago macht unterwegs eine Landung bei Neukarthago, dann 
einen sehr unglücklichen nächtlichen Anschlag auf die Stadt 
selbst, will nach Gades zurück imd landet, dort zurückge- 
w^iesen, ad Cimbios. Hierhin lockt er die suffetes und quae- 
stores von Gades und schlägt sie ans Kreuz. Dann segelt 
er weiter. Dies mag auf den ersten Blick geflickt erscheinen. 
Allein wirkliche Ungereimtheiten sind nicht nachzuweisen. In 
Gades gedachte Mago offenbar den Verlust besonders an Waf- 
fen (2000) zu ersetzen, was er dann auf Pityusa^) bewerk- 
stelligte. Ich leite auch diese Kapitel aus Polybios ab. 



1) Gemeint ist natürlich die gröfsere, XXII 20, 7 nach römi- 
scher Quelle Ebusus genannte Insel. Ich bemerke auch, dafs die 
Entfernung vom Festlande, wie auch dann wieder bei den Balearen, 
angegeben ist. Wer thut das sonst, wenn nicht Polybios? 



Dio Cassias. 453 



Wie die römische Quelle, aus welcher Scipios Rückkehr 
und Empfang c. 38 stammt, sich verrät, ist oben S. 424 ge- 
zeigt Dafs Scipio die Provinz nicht, wie Pol. XI 33 7 — 8 
steht, an Silaijus und Marcius, sondern seinen Nachfolgern 
übergiebt, ist staatsrechtliche Korrektur. Auch der Bericht 
über einige Kämpfe im nächsten Jahre Liv. XXIX 1, 19 — 3, 5 
trägt den Stempel gewöhnlicher annalistischer Mache an der 
Stirn und stimmt mit der zweiten Hälfte von Appian. Iber. 38, 
soweit man nachkommen kann, gänzlich überein. 

Zonaras habe ich seit langem zurückgestellt, weil er 
neben einigem Interessanten manches Rätsel bietet. Dio, 
obzwar im allgemeinen annalistisch von Jahr zu Jahr fort- 
schreitend, hatte offenbar den spanischen Krieg z. T. zu 
gröfseren Gruppen vereinigt, welches Verfahren auch in den 
erhaltenen Büchern seines gleichen hat. Nun finden wir 
bei Zonaras zwei Abschnitte, A von der Eroberung Neukar- 
thagos bis zur Schlacht von Ilipae und der (wie wir aus 
Livius wissen, zweiten) Sendung des L. Scipio, B von der 
Verhandlung mit Syphax bis zur Ablösung Scipios, folgender- 
raafsen eingereiht: 

Italien, 210 u. 209 v. Chr. 

Spanien A, 

Italien, 208. 

Griechenland, (Livianisch gerechnet) 208. 

Italien, 207. 

Spanien B, 

Griechenland, (Livianisch gerechnet) 207. 
Italien, 206 1), 205, 204. 

1) Es ist nur ein Satz = liv. XXVni 12. Über Griechenland 
vgl. meinen fonften Abschnitt. 



c. 


7 Mitte. 


c. 


8 


c. 


9 


c. 


lOf. 


c. 


11 Mitte. 



454 Vierter Abschnitt. 

Zuerst erhebt sich die Frage: Wie ist A und B in Dies 
Sinne chi-onologisch zu disponieren? Ich antworte: A=210 
bis 208, B = 207. Beweis: Bei seiner Rückkehr wird Scipio 
Dio fr. 57, 56 beschieden, er möge sich, da (Jie Wahlen zum 
nächsten Jahr schon vorbei waren, ig ro rpitov itog ums 
Konsulat bewerben; und zu Griechenland übergehend, drückt 
sich Zonaras so aus: xal o fikv ovroo rrfg ^PXV^ iTtavSfrf, 
b öi ye 2ov\7tiKtog fxeta rov jitrdXou xara rov 
avxov xpoyov . . . Grundsätzlich aber hat Dio immer nach 
vollen Jahren gruppiert, wie denn in den letzten Worten so- 
wohl von A als B Winterquartiere erwähnt werden. 

Die zweite Frage aber ist, wie Dio zu diesen Da- 
tierungen gekommen ist. Aus ging er jedenfalls von 
Livius, zumal er dessen falscher Ansetzung ja auch gefolgt 
ist bei den makedonischen Stücken und den spanischen von 
212 und 211. Er nahm aber an der Lücke von 208 mit 
Recht Anstofs und füllte sie nach Gutbefinden mit dem spar 
teren Überflufs aus. Die Schlacht und die Siegesbotschaft 
mufste seiner sehr freien Kritik der beste Haltepunkt er- 
scheinen. Auffallender ist, dafs^ Scipio (entgegen Livius) 
schon 207 abgelöst wird. Dio hatte allerdings mit seiner 
Vorwegnähme etwas viel gethan; allein der für B übrig- 
gelassene Stoff war äufserlich noch umfangreich genug, um 
zur Not für zwei Kriegsjahre zu gelten. Es liegt nahe zur 
Erklärung auf Coelius zurückzugreifen. Zwar diesem selbst 
eine solche chronologische Zustutzung aus Tendenz zuzu- 
trauen, möchte ich mich ungern entschliefsen. Wohl aber 
scheint es, dafs er schon bei der Bewerbung von Rei- 
bungen zwischen Senat und Feldherm, vielleicht von der 
Absicht sprach, Scipios Rückkehr über die Wahl zimi 
nächsten Jahre hinaus zu verzögern. Dadurch wurde es 



Dio Cassins. 455 



dann Dio nahe gelegt, sich mit its ro tphov hog über das 
Defizit hinwegzuhelfen. 

Mustern wir den Inhalt von A, so sind Zonaras' Worte 
über die Einnahme Neukarthagos dürftig, und die Schlacht 
von Baecula erscheint, vielleicht durch Schuld des Excerptors, 
unmittelbar daran geknüpft. Zwei Züge bei dieser Schlacht 
sind uns aus Appian schon bekannt, dafs Scipio gleich vom 
Marsche aus angreift, und dafs er nachher das eroberte Lager 
benutzt. Ja, letzterer Zug erhält erst seine Bedeutung da- 
dmxjh, dafs Scipio dies vorausgesagt haben soll, Dio fr. 57, 48. 
Ebenda ist, wie bei Diodor, von Hasdrubals Flucht i<s tffv 
fABÖoyaiav die Eede. Mit merkwürdiger Ausführlichkeit wird 
dargelegt, dafe Scipio weder ihm habe folgen, noch nach Italien 
oder gegen Karthago selbst segeln können; doch habe er — 
nascetur ridiculus mus! — durch Eilboten die Römer vor- 
bereitet. Nun bemerkt Livius, wo er die Rüstungen von 
207 V. Chr. angeführt hat, XXVII 38, 11: magni rpboris 
auxilia ex Hispania quoque a P. Scipione M. Livio 
missa quidam ad id bellum auctores sunt, octo milia Hispa- 
norum Gallorumque et duo müia de legione militum, equitum 
mille mixtos Numidas Hispanosque. M. Lucretium has copias 
navibus adduxisse. et sagittariorum funditorumque ad tria 
milia ex Sicilia C. Mamilium misisse. Da Livius die Nach- 
richt, so unglaubwürdig sie ihm offenbar vorkommt, nicht 
einmal ausdrücklich verwirft, so mufs er sie wohl bei einem 
geachteten Schriftsteller gefunden haben. Darf man also wohl 
mutmafsen, bei Coelius habe Dio dies gefunden, aber 
an der Hand von Livius gestrichen und nur die Meldung 
durch öpo/xoHTfpvHS^ beibehalten? Diese, sonst ziemlich 
überflüssig, mögen das Eintreffen des Zuzugs aus Sicilien zu 
ermöglichen bestimmt gewesen sein. 



45 G Vierter Abschnitt. 

An der Schlacht von Ilipae ist bemerkenswert, dafs die 
Siegesgewi fsheit des römischen Feldherm anders als bei 
Appian dokumentiert ist, nämlich durch eine drei Tage zuvor 
beim Ausgehen der Yorräte ausgesprochene Prophezeiung, 
cog xata ttfvös rffv ffpiipav roig rcov TroXe/xicov XPV^^- 
ßxe^a. Diese und die frühere prophetische Leistung sind 
so ähnlich, dafs man begreift, wie Appians Quelle eine Ab- 
wechselung i) für angezeigt hielt, und dafs man nicht recht 
weifs, welche von beiden in einer noch verschärften Form 
der Anekdote gemeint ist. GeU. Noct Att. YI 1 , 7 führt 
nämlich -noch zwei Anekdoten aus „C. Oppius et Julius Hy- 
ginus aliique, qui de vita et rebus Africani scripserunt" und, 
selir wahrscheinlich aus denselben Quellen, folgende dritte 
an: Scipio habe bei einer Gerichtssitzung während einer 
aussichtslosen Belagerung die Bürgenstellung auf den dritten 
Tag in der Burg der Stadt angesetzt. 

In B begegnen von den bei Appian kennen gelernten 
Besonderheiten die Verwundung Scipios vor lUiturgi und die 
strengere Bestrafung der Meuterei. Dagegen sind Zonaras 
imbekannt die Yölkerrechtsverletzung bei Scipios Besuch in 
Numidien und die mit der Fälschung vom Untergang der 
Scipionen zusammenhangende Entstellung betreffs Uliturgi; 
beides echt Yalerische Ausgeburten, wie anderseits jene ge- 
meinsamen Züge auf Coelius passen. In noch höherem 
Grade gilt dies letztere von der ganz alleinstehenden Dar- 
stellung Dies von der Ablösung Scipios. In unsrem zweiten 
Abschnitt fanden wir, dafs das schroffe Auftreten Scipios 
201 V. Chr. für Coelius der Anlafs war, von vorhergegangenen 



1) Dio allerdings nicht sehr geschmackvoll i&t und wieder an 
die Szene vor Noukarthago erinnert. 



Dio Cassins. 457 

Mifsgriffen des Senates zu erzählen. Ebenso hat nun dieser 
Schriftsteller, nach Dio-Zonaras zu schliefsen, auch den Zwi- 
stigkeiten bei der Yerhandlung von 205 v. Chr. über die Provin- 
zen (vgl. meinen fünften Abschnitt) eine Vorgeschichte gegeben. 

Wie es in Wahrheit mit den beiden Sendungen des 
L. Scipio an den Senat Ende 207 und Mitte 206 v. Chr. 
bestellt gewesen sein wird, habe ich oben gezeigt; die Ent- 
scheidung des Senats erscheint in beiden Fällen sachgemäfs. 
Wenn nun bei Zonaras nur das zweite Gesuch erwähnt wird 
und dies abschläglich beschieden wird, so tritt die Sache 
in eine ganz andere Beleuchtung. Nach der Entscheidungs- 
schlacht Scipio noch länger in Spanien belassen, hiefs nichts 
anders als dem ersten Feldherm ßoms einen Eäuberkrieg auf- 
tragen. Aber damit nicht genug! Der Spiefs wird auch noch 
umgedreht. Als man endlich Scipio ablöst, ist es eine von 
Neid und Furcht diktierte MafsregeL Dio fr. 57, 53 — 56 
=» Zonar. P. 436 B rüstet Scipio nach Gewinnimg von Sy- 
phax und Masinissa und Beruhigung von ganz Spanien zum 
Obersetzen nach Afrika, S^Ttep oi i<peiro' xal yap tovro 
xalrot TtoXXddv dvtiXeyovrcov iTrerpaTtt} rore^) xa\ top 
2v<paHi övyyeviö^at ixeXevöBrtf. Und nun wird aus- 
geführt, was er wohl dort alles erreicht haben würde, el 
/iff oi iv ohicp ^Pco/iaioi ta /ihr (p^ovco avtov ta Si 
xal <p6ß(p i/ÄTtodcov iyirovto u. s. w. 

Es sind wimderliche Sprunge, welche hier zur Ent- 
schuldigung von Scipios Auftreten gegen den Senat gemacht 
werden. Für uns sind sie der beste Beweis, dafs es der 
Entschuldigung sehr bedurfte. 



1) Bei der Ablehnung seiner Bitte als ein, wenig ernst gemein- 
tes, Zugeständnis I Zugleich eine Deckung für das eigenmächtige 
Verlassen der Provinz. 



458 Vierter Abschnitt. 



Eückblick über Livius. 

In den Partieen, welche in diesem Abschnitt untersucht 
worden sind, gestaltete sich das Verhältnis des Livius zu 
seinen Quellen ziemlich einfach, da naturgemäfe Polybios 
in bezug auf Spanien viel mehr hervortrat Er ist Grund- 
lage für das erste Kriegsjahr, wo Coelius, und für das 
zweite, wo ein späterer Annalist zur Aushülfe verwendet zu 
sein scheint. Ja, das dritte ist wohl ausschliefslich Poly- 
bianisch. Dabei hat Livius eine ünregelmäfsigkeit in der 
Disposition des Polybianischen Werkes, nämlich dafs infolge 
des eiligen Abschlusses von 216 v. Chr. in Buch HI der 
spanische Feldzug dieses Jahres mit dem von 215 zusammen 
in Buch YII erledigt wurde, nicht richtig beurteilt; statt den 
Bericht zu teilen, hat er ihn nur am Schluls etwas gekürzt. 
Den Übergriff kann er beim nächsten Jahr, wo er anna- 
listische Quellen wählt, nur oberflächlich verdecken. Im fünf- 
ten bleibt er diesen Quellen getreu, denen allerdings Polybios, 
wo es sich nicht um Hauptaktionen handelte, an Eeichhaltig- 
keit und trügerischer FüUe gewifs nicht entfernt gleichkam. 
Zum Jahre 213 v. Chr., wo afrikanische Verhältnisse zur 
Sprache kommen, scheint Livius wieder in der Hauptsache 
sich an Polybios zu halten. Dabei zeigt sich, daüs er dessen 
Berichte, durch den letztentlehnten irre geführt, 
um ein Jahr zurückzudatieren begonnen hat; Livius 
mufs Buch VII mit 216 — 215 v. Chr. statt mit 215 — 214 
geglichen haben und so fort. Dem Polybios entnimmt er 
zum folgenden Jahre den Untergang der Scipionen, knüpft 
aber daran die Thaten des Marcius aus annalistischen Lügen- 
berichten; es ist in erster Linie wohl Claudius, nebenbei ist 
Antias und auch Piso verglichen. 



RückbUck über Livius. 459 



Da Livius solchergestalt, die vermeintliche Polybianische 
Datierung unbedenklich auf die Annalen übertragend, den 
Hauptinhalt von 211 v. Chr. vorweggenommen hatte, so 
restierten für den nächsten Bericht aus den Annalen nur 
die Verhandlung im Senat über die Ereignisse in Spanien 
und die weiteren darauf bezüglichen Mafsnahmen bis zu Sci- 
pios Wahl. Nachträglich über die Chronologie seines letzten 
Berichtes eine Bemerkung zu machen, war Livius nicht auf- 
gelegt; er begnügt sich, die Kluft durch Verschiebung der 
Senatsverhandlung an den Anfang des Jahres in etwa zu 
verhüllen. Übrigens ist er -weit entfernt, seinen Irrtum 
in bezug auf Polybios zu erkennen; und der Umstand, 
dafs der Grieche seinem abweichenden Jahranfang zufolge 
die Wahl Scipios erst unter 210 v. Chr. mit seinem Amts- 
antritt zusammen brachte, setzt Livius in den Stand, trotz 
seiner falschen Gleichung ohne weiteres wieder zu Polybios 
überzugehen und nach ihm noch die Ankunft Scipios in 
Spanien zu erzählen. Das ist also wieder ein Übergriff, 
während die aus annalistischer QueUe eingefügten karthagi- 
schen Winterquartiere die richtigen sind. Die Polybianische 
Schilderung der Einnahme Neukarthagos (209 v. Chr.) rückt 
er nun unter 210 v. Chr. ein. Indem er aber aus Coelius 
Details zusetzt und auch Valerius vergleicht, wird ihm die 
Differenz natürlich wieder bemerklich. Ihretwegen schiebt 
er auch diesmal die entsprechende Senatsverhandlung vor, 
aus 211 an das Ende von 210 v. Chr. Er fühlt sich sogar 
sicher genug, XX Vn 7, 5 seine vermeintlich auf Polybios 
gestützte Datierung der Einnahme Neukarthagos gegen die 
der Annalen zu verteidigen (wiewohl es eine Art Konzession 
an letztere ist, dafs er die Verhandlung eben nur ans Ende 
von 210 vorrückt). 



460 Vierter Abschnitt. — Rückblicli über Lirius. 



Auch zum nächsten Jahre fahrt er mit der Benutzung 
des Polybios fort, dem er nur einige Kleinigkeiten aus römi- 
scher Quelle (Valerius?) beimengt. Über die Differenz, die 
ihm hier abermals fühlbar und deren Stätigkeit ihm nach- 
gerade mehr als auffällig werden mufste, spricht er sich 
diesmal aber gar nicht ^) aus. Er übergeht dann gänz- 
lich das Jahr 208 v. Chr., ohne auch nur den Abmarsch 
Hasdrubals aus Spanien zu berichten, und fährt 207 v. Ghr, 
foi-t, die Lücke mit keinem "Worte andeutend. 

Über die Herkunft dieses Kriegsjahres läfst sich nicht 
recht urteilen. Dagegen kann man den langen Kriegsbericht 
von 206 V. Chr., obwohl gegen den Schlufs das Material 
zur Yergleichung dürftig ist, als fast ausschliefslich Poly- 
bianisch bezeichnen; bis auf zwei oder drei Punkte hat Livius 
kaum einen Blick seitwärts gethan. Erst 205 v. Chr., wo 
Polybios wohl ziemlich versiegte, hat Livius sich wieder an 
Antias gewendet. 



1) Wie dies Schweigen aufzufassen ist, worden wir bei der 
"Wiedereroberung Tarents im fünften Abschnitt sehen. 



Fünfter AlMschnitt. 

Der Krieg nach der Schlacht von Cannae 

auf dem italischen, siciüschen, makedonisch -griechischen 

Schauplatz. 

Während Polybios auf dem sicilischen und makedoni- 
schen Schauplatz allerdings durch namhafte Bruchstücke ver- 
treten ist, versiegt er für den Hannibalischen Krieg fast 
ganz. Zugleich werden auch die übrigen Quellen und be- 
sonders Appian dürftiger, fast möchte ich sagen sporadischer; 
Appian greift aus den sich zersplitternden kriegerischen Vor- 
gängen willkürlich nur bald dies bald jenes heraus. Damit 
gehen uns wichtige Stützpunkte verloren. Dennoch lassen 
sich noch manche Beobachtungen über die römischen Quellen *) 
im allgemeinen und sogar über einzelne, zuweilen ohne dafs 
wir einen Namen nennen können, machen. Zudem dürfen 
•wir nach den Aufschlüssen, welche wir bei dem spanischen 
Kriege über das Verhältnis des Livius zu Polybios erhalten 



1) Deren Unglaubwüi'digkeit, besonders gegenüber der Aussage 
des Polybios, dafs Hannibal bis zur Schlacht von Zama unbesiegt 
dastand, ist von W. Streit: Zur Gesch. des zweiten pun. Krieges in 
Italien nach d. Schi. v. Cannae, Berlin Calvary & Comp. 1887, 
recht hübsch dargelegt. Gegen Streits Bemühen, die reinere Tra- 
dition in den QueUen zweiten Banges besonders Zonaras nachzuwei- 
sen, habe ich mich ausgesprochen N. Philol. Rundschau 1887 S. 236, 



462 Fünfter Abschnitt. 



haben, hoffen, nun auch hier ilber dies Yerhältnis uns eine 
Ansicht bilden zu können. Und in dieser Beziehung müfste 
zunächst der Grundsatz festgehalten werden, dafs bis XXVn 7, 
wo sich Livius in der falschen Gleichung noch befangen 
gezeigt hat, eine Benutzung des Polybios nur ausnahms- 
weise und besonders dann, wenn eine chronologische 
Verschiebung bemerkbar ist, angenommen werden darf. 

Liv. XXm 1 (216 V. Chr.) steht ein Yorstofs Hanni- 
bals auf Neapel, c. 2 — 10 nehmen dann die Ereignisse in 
Capua ein. Sie sind sehr ausführlich und wohl auf gnind 
lokaler Tradition erzählt. Sympathie für Pacuvius Calavius 
leuchtet hervor, während dieser Diod. XXVI 10 einfach als 
Schwachkopf erscheint C, 6, 8 führt Livius eine Variante 
an, weist sie aber ab, besonders weil Coelius und andere 
die Sache wohl nicht ohne Grund übergangen hätten. Unter 
alii könnte sich Polybios^) verstecken, bei dem die Ereig- 
nisse des Herbstes natürlich unter 215 v. Chr. standen und 
insofern die falsche chronologische Beziehung der Polybiani- 
schen Berichte durch Livius nicht Lügen straften. 

An Coel. fr. 26 findet sich ein ziemlich deutlicher An- 
klang bei dem Berichte des Barkiden Mago vor dem kartha- 
gischen Eat c. 11, f.; bald darauf an Ennius V. 485 ed. 
L. Müller: Qui vincit, non est victor, nisi victus fatetur. 

Die blutige Zurückweisung von Hannibals Versuch auf 
Nola durch MarceUus ist nebst der ähnlichen Geschichte 
im folgenden Jahre vielleicht der Punkt, welcher vonjeher 
kritischen Zweifeln am meisten unterworfen gewesen ist, 
und mit Recht, Eine solche Ruhraesthat, ausgeführt mit 



1) Baus er dio Hauptqaelle des Li\ius nicht ist, zeigt auCser 
anderem vielleicht c. 7, 1 verglichen mit Pol. frgm. ine. 171. 



216 V. Chr. — Kampf vor Nola. 463 



den Trümmem des cannensischen Heeres, über welche im 
näclisten Jahr eine exemplarisch herbe Strafversetzung vom 
Senat verhängt wird, ist undenkbar. Dazu werden wir von 
auffallend ähnlichen, nur nicht ganz so glänzenden Thaten 
des Konsuls Marcellus zum Jahre 214 y. Chr. hören, und 
es kann kein Zweifel sein, dafs diese das Muster unseres 
Berichtes gewesen sind, dessen Inhalt in der Hauptsache 
folgender ist. C. 14: Hannibal wendet sich nach einem 
abermaligen Anschlag auf Neapel, der- 214 v. Chr. nichts 
Auffälliges hat, wohl aber so bald nach dem eben erst ge- 
liörten, auf Nola zu und verhandelt mit den Führern der 
Yolkspartei. Der Senat ruft in der Stille Marcellus, der in 
einem Gewaltmarsch über den Yoltunius eintrifft. C. 16: Als 
nun nach der Kapitulation von Nuceria Hannibal sich abermals 
Nola nähert, wird er unter den Mauern in einer sehr kunst- 
voll arrangierten Schlacht von Marcellus geschlagen. Mit: 
vix equidem ausim adfirmare, quod quidam auctores sunt, 
entschuldigt Livius die Yerlustzahlen, 2800 Karthager tot 
gegen nur 500 Kömer. Er weifs also der von ihm selbst 
bezweifelten Angabe kein anderes Zeugnis entgegenzu- 
setzen, und das ist ein Zeichen, dafs nur in einer Quelle 
eine wirkliche Schlacht stand. Für diese eine aber hat 
Valerius, dessen Spur wir auch bald wieder finden, alle 
Ansprüche zu gelten. 

Die Einnahme der Städte Nuceria, Acerrae und Casi- 
linum bericttet Livius zwischen und hinter den Vorgängen 
bei Nola c. 15 und 17 — 18. Nuceria wird durch Kapitu- 
lation gewonnen; die Yei'teidiger ziehen cum singulis vesti- 
mentis ab, ohne dafs auch nur einer sich verlocken läfst, 
bei Hannibal zu bleiben; die Stadt wird geplündert und an- 
gezündet. Acerrae besetzt Hannibal, nachdem sich die Be- 



4G4 Fünfter Abschnitt. 



Satzung durchgeschlagen. Diejenige von Casilinum, meist 
Pränestiner unter einem Prätor Anicius,^) wird nach Er- 
legung eines bedeutenden Lösegeldes entlassen; eine darauf 
bezügliche Statue des Anicius mit Inschrift in Praeneste wird 
beschrieben. In keinem der drei Fälle berichtet uns 
Livius eine Treulosigkeit Hannibals. Im Gegenteil 
setzt er bei dem Abzug der Besatzung von Casilinum c. 19, 17 
liinzu: id verius est quam ab equite in abeuntis inmisso 
interfectos. Livius befolgt also eine reinere römische Quelle, 
welche auch auf ein pränestinisches Denkmal bezug nahm. 
Ich denke an Coelius, dessen frgm. 27 (unregelmä&iger Geni- 
tiv: nucerum) zeigt, dafs ihm die Anekdote c. 18 von der 
Yerproviantierung Casilinums durch in den YhiSs geworfene 
Nüsse nicht unbekannt war. Bei dieser Belagerung möchte 
ich, abgesehen von den archaistischen Ausdrücken: obnata 
ripis salicta, obarare, einen Zug als entscliieden Cölianisch 
bezeichnen; die ermattete Kampflust der Angreifer nimmt 
c. 18, 7 einen neuen Aufschwung, utique postquam corona 
aurea muralis proposita est Ygl. oben S. 52 und 142. 

Ferner beachte man die Stelle: ipse dux castelli piano loco 
positi segnem oppugnationem Sagunti expugnatoribus expro- 



1) Der Zusatz: scriba is ante fuerat, fallt nicht nur deshalb 
auf, weil er mit der Erzählung nichts zu schaffen hat und sicher- 
hch auch nichts mit der Inschrift; man wird überdies an die Ge- 
schichte von dem Ädüen Flavius Anni filius, welcher vorher Schreiber 
gewesen sein soll, erinnert Seeck S. 34 vermutet, eine unverständ- 
üch gewordene Dedikationsfonnel auf den Inschriften der beiden 
möge zu der Angabe Anlafs gegeben haben, woraus folgen würde, 
dafs es sich auch an unsrer Stelle um ein weit älteres Denkmal 
handelte. Einfacher ist wohl die Annahme, dals Livius ein Qui- 
proquo begangen, zumal mit jenem Flavius Anni filius zusammen 
ein Anicius die ÄdiÜtät bekleidet haben soll. 



Nuceria, Acerrae, Casiliniim. 40 5 



brabat Auch Reden nämlich, besonders ganz kurze, indirekt 
angeführte, haben wir oft nicht Livius selbst, sondern seiner 
Quelle zuzurechnen. Gilt das auch von diesen Worten, so 
werden wir am liebsten an Coelius denken, sicherlich nicht 
an Yalerius, bei dem Sagunt durch Hunger fiel. Überhaupt 
hat die Belagerung^) mit der Cölianischen von Sagunt ent- 
schiedene Ähnlichkeit, so darin, dafs erst ein regelrechter 
Angriff fehlschlägt, dann aber eine Pause eintritt, in wel- 
cher aus der oppugnatio eine obsidio wird. Zu einem aber- 
maligen förmlichen Angriff freilich kommt es, nachdem das 
Heer wieder vor die Stadt gerückt ist, nicht, da der Ort 
notorisch durch Kapitulation fiel. 

Von einem dem Hannibal angedichteten Treubruch spricht 
Livius, wie bemerkt, bei der Kapitulation von Casilinum. 
Ähnliches erwähnen nun auffälligerweise Appian und Zonaras 
zwar sonst, jedoch bei dieser Stadt gerade nicht. Erste- 
rer in dem Sündenregister der Punier Lib. 63 sagt in bezug 
auf diese Belagerungen: ovtoi Novxspiav vnr}HOvoy ff/ACoy 
inl 6vv^7)hi;i Xaßovteg xal ojÄOöavtsg övr ovo IjJLatioiq 
exaötov aTtoXvöetv, tfjv /jiev ßovXtjv avrdjv ig ta ßa- 
Xaveia öwinXetöav xal VTtoKalovteg ra ßaXaveia ani- 
nvi^avy tov 81 ^tfixov aniovra HarrfHortiöav, l4xBppa- 
vcay de rfjv ßovXtfv iv ÖTtovdaiq ig ra qypiata ivißaXov 
Ha\ ra (ppiara ivixoo^av. Es liegt nahe zu vermuten, 
dafs es gerade seine eignen Erfindungen sind, welche Antias 
wie sonst so auch bei dieser Gelegenheit zu rekapitulieren 
beflissen war. Daraus folgt dann, dafs auch Dio den Valerius 

1) Wenn das Vorkommen von Elefanten nicht der handschrift- 
lichen Üborliefening zur Last fällt, so ist es vollständig rätselhaft. In 
der Schlacht von Cannao liefs selbst Antias keine mehr auftreten , und 
von inzwischen erfolgtem Ersatz ist nirgends eine Spur zu entdecken. 
Hosseibarth, histor. - krit. Uii torsuch. 30 



46 G Fünfter Abschnitt. 



hier benutzt hat. Denn Zonaras sagt in bezug auf Nuceria, 
(nachdem er Einzelheiten aus der Belagerung mitgeteilt, welche 
bei Livius fehlen) IX c. 2, P. 421 B: /ieS'' ivog^) ijxariov 
iKXGoprfÖai tov äöteog cü^oX6yi]6ay, eTtel 5' iyKpatff^ 
avtdov iyiveto, tovg jäev ßovXevtag ig ßaXaveia nata- 
xXelöag aTriTtviSs, toig S^ äXXotg aTtsXSrelv Eincov 07ti;i 
ßovXoivto, noXXovg iv rff 6ö(p xaKeiroor itpovsvös. 
(Svxvoi 5' ovv avx^v Hoi Trepteyirorto elg vXag Ttpo- 
Kara(pvy6yteg,^) Dann, nach Erwähnung des abgeschlagenen 
Versuches auf Nola, fährt er fort: ^Kepavovg elXe Xifjup 
inl taig avraig toig NovKeplvoig ÖwS^rjxaig xal ta 
avta elpyd6aro xal avtovg. Anders dagegen endet die 
Belagerung von Casilinura, welche von Zonaras wieder mit 
mehi'erem*^) Detail erzählt wird: XPVM^'^^^^ anidoto 6<päg. 
iXvÖavto yap avtovg oi IB,go 'Paj/iaioi aö/iivoog, aXXa 
ßtjv xal itl}jLr]6av, 

Jetzt wird das Schweigen Appians von Casilinum be- 
deutsam. An die Einnahme dieser Stadt allein hat 
sich der Fälscher nicht gewagt, offenbar wegen des 



1) Auch Livius sagt: mit einer Garnitur. Appian hat aller- 
dings 6vy Svo ijuarloi^, doch hat dieser Unterschied wohl nicht viel 
auf sich. 

2) Egelhaaf, Histor. Zeitschr. N. F. XVII S. 453 ff., der diese 
Lügen nach Verdienst würdigt, macht darauf aufmerksam, dafs das 
Entkommen vieler erklären soll, wie später heimatlose Nuceriner in 
Atella angesiedelt wurden. Von Egelhaaf entnehme ich auch, daJs 
die sonderbare Prozedur des Ei-stickens im Bade ihr Vorbild in Liv. 
XXITT 7, 3 hat. 

3) Dafs die Belagerten einen Boten vermittelst eines Schlauches 
hinaussenden, kennt Livius nicht. Auch ziehen sie sich bei Zonaras 
erst nach einiger Zeit auf die eine Hälfte der vom Volturnus 
durchströmten Stadt zurück. 



PotoUa und Süditalien (Pol. 215 v. Chr.). 467 

Pränestiner Denkmals. Übrigens brauchte er nicht zu 
fürchten, dafs Hannibal um dieser Ausnahme willen in gün- 
stigerem Lichte erscheinen würde; sie war genug begründet 
durch das von den Römern für die tapferen Verteidiger erst 
noch zu zahlende Lösegeld, bestätigte also nur die Regel. 
Livius aber hat bei seiner kritischen Bemerkung 
gewifs Casilinum mit Nuceria verwechselt und den 
Antias also nur sehr flüchtig eingesehen. 

Yon Petelia weifs Appian nebst sonstigen Heldenthaten 
auch das zu berichten Annib. 29, dafs nicht wenige aus der 
Festung vor deren Einnahme durchgebrochen seien. Liv. 
XXm 20 steht nur, dafs ein solcher Plan von den Be- 
sonnenen verhindert wurde, und dafs darauf die Belagerung 
fortdauerte. Hier scheint also Livius wieder eine reinere^) 
Quelle zu haben. 

Nach dem spanischen Bericht c. 26 — 29 (wir wissen, 
es ist vorläufig der letzte aus Polybios geschöpfte) und vor 
dem Jahresschlufs schiebt Livius in der ersten Hälfte von c. 30 
die Einnahme von Petelia ein, die man erst zum nächsten 
Jahre erwartet, da die Belagenmg nach Pol. fr. YH 1 (aus 
Athenaios) und Frontin. Strat. IV 5, 18 elf Monate währte; 
femer Nachrichten über grofsgriechische Städte, welche, wie 
die Dublette XXIV 1 — 3 zeigt, sogar bestimmt dem näch- 
sten Jahr angehören. Diese Verschiebung, sowie die 
Nachbarschaft deuten auf Polybios als Quelle; und die Ver- 
gleichung mit jenem Fragment spricht, wenn man Athenaios 



1) Da£8 hier und c. 22, 4 irrtümHch der Stadtprätor des Vor- 
jahres M. Aemihus (c. 24 richtig M.' Pomponius Matho) genannt wird, 
kommt sicherHch auf Livius* Rechnung, der an jenen beiden Stellen 
eben nur den Titel praetor fand, an der letzteren aber, wo ein Senats- 
beschluJs angeführt wird, den vollen Namen. 

30* 



468 Fünfter Abschnitt. 



ein wenig Ungenanigkeit im Citieren oder Livius im Über- 
setzen zuti-aut, nicht dagegen. 



Pol. fr. Vn 1,3: 
^erot t6 narra fikv rä xara 
TTfv fCoXiv öip/jata xata(pa- 
yety, aTtdvTGov 8h tdsv xara 
TTfv TtoXtv divSpGoy rovs <pXoiov^ 
xal tovs cLTcaXovg ntop^ovs 
dvaXojöat . . . 



liv. 0. 30, 3: 
absumptis cnim frugam alimontis 
carnisquo omnis genciisquadioipe- 
dum suetae insuetaeque, postremo 
coriis herbisque et radicibus et 
coilicibus teneris strictisquo foliis 
vixere. 



Die Nachricht über einen nicht zu stände gekommenen 
Aufstand des Gelon gegen seinen Vater Hieron jedoch, welche 
an dies Polybianische Stück gereiht wird § 10: in Siciliam 
quoijue eadem inclinatio animorum perveuit . . ., mufs Livius 
sonst woher haben, da Pol. YII 9 (vgl. auch Liv. XXIV 5, 2) 
der von Gelon stets bewiesene Gehorsam gegen seinen Vater 
gerühmt wird. Unser clironologischer Prüfstein bewährt sich 
auch hier. Wäre dieser Satz noch aus Polybios \md also aus 
215 V. Chr., so würde der Tod Hierons nicht fehlen. Viel- 
leicht war der betreffende Polybianische Abschnitt über Sicilien 
Livius zu ausführlich. 

Hinter den stadtrömischen Kapiteln, wie sie alljährlich 
begegnen, begiimt das nächste Jahr 215 v. Chr. C. 38 — 34, 9 
und 38 — 30, 4 schliefst Philipp von Makedonien durch sei- 
nen Gesandten Xenophanes mit Hannibal ein Bündnis. Nach- 
dem jedoch dieser Gesandte auf der Rückkehr samt den 
Bevollmächtigten Hannibals der römischen Flotte in die 
Hände gefallen, wird erst durch fernere drei makedonische 
Gesandte das Bündnis ratifiziert. Insgesamt können diese 
Kapitel ihrem Inhalt nach nicht aus Polybios stammen; ob 
aber nicht Einzelheiten Polybianisch sind, wäre zu unter- 
suchen. Nun spricht das oben geltend gemachte Prinzip 
dagogon; denn unser Stück stellt offenbar am rechten Orte, 



215 V. Chr. — Hannibals Bündnis mit Philipp. 4G9 



und bei einer wirklichen Yergleichnng des Polybios 
müfste Livius die vermeintliche chronologische Differenz auf- 
gestofsen sein. Es ist auch nur der erste Satz: in hanc 
diraicationem duorum opulentissimorum in terris populorum 
omnes reges gentesque animos jptendorant, welcher Poly- 
bianischer Herkunft ist Ygl. Pol. Y 104, wo Agelaos ans 
Naupaktos auf dem Friedenstage Philipp auffordert Ttpb? 
rag dvöetg ßXineiv, und c. 105, 5 f.: oi5 yap fri ^iXtn- 

Ttog ov6^ ot tcüv ^EXXr/vGjy TrpoBötdoreg äpxovteg 

ovre rovg TtoXi/iovg ovte rag ötaXvöetg inotovvro Ttpbg 
dXXrjXovg aXX^ f/örf ndvreg npog rovg iv ^IraXla öho- 
Ttovg anißXBTtov raxicog 6h xa\ Trepl rovg rrjöiGorag 
xal rovg rrjy ^(fiav xaroiHovvrag ro TtapaTtXrjötov (Svv- 
ißj] yeviö^rat. Wir haben es offenbar nur mit einer Ee- 
miniszenz aus dieser Rede zu thun und nicht etwa das 
Yorkommen einer ähnlichen Stelle in dem nicht erhaltenen 
Bericht über das Bündnis in Buch YII zu vermuten. Schon 
im nächsten Satze ist der Beweggnmd Philipps zu seiner 
Einmischung ganz verzerrt; während bei Polybios der König 
selbst, von Demetrios von Pharos beraten, von Anfang an 
gar nicht im Zweifel ist, gegen wen er Partei zu nehmen 
hätte, jener Agelaos aber, das Übergewicht der Karthager 
ebenso sehr als der Römer fürchtend, ihm rät die Rolle 
des S<peSpog zu übernehmen, so läfst Livius den König 
umgekehrt nach längerem Schwanken infolge der grofsen 
Siege Hannibals ad fortunam inclinare. 

Überhaupt ist aufser dem Anfangssatz fast nichts für 
Polybios als Nebenquelle anzuführen. Dafs der erate Ab- 
gesandte Xenophanes hiefs, bestätigt allerdings der aus Poly- 
bios allein gerettete Text des Yertrages YII 9, und bei 
zweien von der zweiten Gesandtschaft wird nach griechischer 



470 Fünfter Abschnitt. 



Sitte das Vaterland dem Namen hinzugefügt. Doch will 
beides nichts sagen, und ebensowenig erheblich, weil allzu 
sachgemäfs, ist es, dafs zum Schlufs auf die grofse Wichtig- 
keit des zufälligen Mifsgeschicks hingewiesen wird, wie Po- 
lybios das bei ähnlichen Gelegenheiten öfter thut. Umgekehrt 
sind zwei entschieden nichtpolybianische Zöge wahrzunehmen. 
"Während Xenophanes, als er auch auf der Hinreise schon den 
Römern in die Hände gefallen ist, nach Justin. XXIX 4, 3 
(d. h. nach Polybios) vom Senat losgelassen wird, ne dubius 
adhuc indubitatus hostis redderetur, führt er bei Livius den 
betreffenden Prätor hinters Licht mit der Angabe, er sei 
unterwegs nach Rom, und schlägt sich bei erster Gelegen- 
heit seitwärts nach Capua. Polybios femer liebt es ja, be- 
stimmt von Dreirudrem, Fünfrudrem u. s. w. zu sprechen 
und hätte hier ganz gewifs die Schiffsklasse angegeben, wo 
die Jagd des Schnellseglers auf das „Schiff" beschrieben 
wird. Es steht aber bei Livius an dieser und den andern 
Stellen des Abschnittes immer nur navis. 

Also keine eigentliche Heranziehung des Poly- 
bios, sondern nur eine Reminiscenz an eine Livius in die 
Augen gefallene schöne Stelle zu Ende des fünften Buches. 
Und im übrigen was für eine Quelle? — Die Antwort ist 
nicht schwer. In der echten Vertragsiu-kunde ^) wurde nur 
allgemein nach Bedürfnis und Yerabredimg gegenseitige Hülfs- 
leistung ausgemacht, besonders aber Philipp für den Fall 
eines Friedens zwischen Rom und Karthago sicher gestellt 
Die Römer sollen in demselben ihre Erwerbungen jenseit 
des Jonischen Meeres aufgeben und sollen Philipp nicht be- 



1) Über sie und über die annalistische Fälschung urteilt rich- 
tig Egelhaaf a. a. 0. S. 456 ff. 



Hamübals Bündnis mit Philipp. 471 

kriegen dürfen; Tielmehr soll dann jeder Teil dem andern 
zu Hülfe kommen, wenn ihn die Römer angreifen, b}jLoiGo<s 
6s idv tive^ äWot, Statt dessen verspricht der König bei 
Livius bestimmt: mit seiner Flotte, die er auf 200 Schiffe 
zu bringen hofft, nach Italien überzusetzen und zu 
Wasser und zu Lande sich am Krieg zu beteiligen; ist 
derselbe beendigt, soU Italien mit Rom und alle Beute den 
Karthagern und Hannibal zufallen; diese werden dann nach 
Griechenland kommen, Krieg führen, mit wem der König 
wiU, und ihm alle benachbarten Länder und Inseln unter- 
werfen. Das ist mit nichten Phantasie des Livius. Vergl. 
Appian. Maked. fr. 1: avtog Se ^{XiTtTtog dpxV'S ^7ti^v}il^ 
pieiZovog, ovdir ti TtpoTta^obv inejjLne Ttpog yivvißav ig 
rtfv ^ItaXlav Ttpiößeig, cov fjyeito Sevogxiyrig, vttiöxvov- 
/xevog^) avrcp 0v/i/iaxr/6eiy ijtl t^y 'itaXiav, sl xaKSi- 
vog avtcp övv^oito Karepydöaö^at tfjv ^EXXdSa, Offen- 
bar dasselbe annalistische Gewebe; nur darin weicht Appian 
im folgenden ab, dafs es bei ihm ein römischer Dreirudrer 
ist, welcher den Fang ausführt. Verstand er cercurus viel- 
leicht nicht? 

Und auch aufser der Übereinstimmung mit Appian liegt 
ein ziemlich deutlicher Fingerzeig, welcher Annalist von 
Livius in der Geschichte der makedonischen Gesandtschaft 
verwendet sei, in dem Namen des Offiziers, der mit Über- 
führung der Gefangenen nach Rom betraut wird; er heifst 
L. Valerius Antias. Es läfst sich natürlich kein Beweis 
gegen diese Angabe führen. Aber gerade je weniger man 
dem fast zum Dogma gewordenen Satze zustimmt, dafs der 



1) Dafs an diese Worte Eutrop. m 12 anklingt, ist wohl 
zuMig. 



472 Fünitor Abschnitt. 



Annalist Valeriiis Antias die altpatrizischen Yalerier zu ver- 
herrlichen einen Drang verspürt habe, desto mifstraiiischer 
wird man gegen diesen Offizier Antias sein dürfen. 

Der diesjährige Feldzug inKampanien füllt c. 35 — 48,3. 
In dieser ganzen Partie begegnen bestimmte Verlust- 
ziffern in der Art, wie sie die Lügenannalisten und beson- 
ders Valerius Antias geliebt haben, in aufserordentlicher 
Menge, und nie läfst Livius Zweifel durchblicken oder führt 
abweichende Zeugnisse auf^). So c. 35, 19; 37, 6; 37, 11; 
40, 4; 40, 12 (c. 42 und 43 enthalten Reden); 44, 5; 4C, 4. 
Ijctztere beide Stellen sind aus Kämpfen vor Nolas Mauern, 
welche nebst anderen echt annalistischen Prachtstücten auch 
einen an c. 16 erinnernden Hinterhalt aufweisen. Das ist aber 
kein Grund, eine Dublette anzunehmen. Ich vermute viel- 
mehr hier wie dort als Quelle Valerius, eine Vermutung, 
auf die ich bei Betrachtung von Plutarchs Marcellus zurück- 
komme. Ungewöhnlich ausgedehnt sind die Anfeuerungs- 
reden beider Fülirer; diese veranstalten einen förmlichen 
historischen Repetitionskursus. In demjenigen des Hannibal 
wird eine von XXII 6 (Coelius) abweichende Vei-sion vom 
Tode des Flaminius vorausgesetzt. 

C. 47 finden wir endlich einmal wieder eine Variante. 
Nachdem ein Zweikampf zwischen dem römischen Ritter 
Claudius Asellus und dem Capuaner Taurea geschildert ist, 
dessen Entscheidung ßich aber letzterer, (obwohl: longe om- 
nium Campanorum fortissimus eques, genannt) feige entzieht, 



1) Mit Recht bemorkt Madvig, Emend. Liv.' S. 325, dafs die 
Lügenannalisten, insbesondre Valerius Antias, wo sie die genommenen 
Feldzeichen zählten, gewifs immer auch die Zalil der Gefangenen 
gewufst haben, und dafs Livius gerade in diesen Kapiteln ümcn treu 
gefolgt ist, während er sonst oft die Gefangenen ausgelassen hat 



Annalistischo Lü(?en. — Süditalien. 473 



heifst es § 8: huic pugnae equestri rem — quam vera sit, 
communis [eerte] existimatio est — mirabilem certe adiciunt 
quidam annales: cum refugientem ad urbem Taiu-eam Clau- 
dius sequerotiu', patenti hostium porta invectum per alteram 
stupentibus miraculo hostibus intactum evasisse. Gerade dies 
Durchreiten durch Capua werden wir bei Appian, der 215 
und 214 V. Chr. eigentlich ganz überfliegt, dennoch später, 
nach seiner Mode veretellt, wiederfinden. Auf Valerius lenkt 
sich also der Yerdacht, dafs er Urheber jenes Rittes und 
hier Quelle des Livius, allerdings wohl nur Nebenquello ist. 
Mit dem diesmal annalistischen Bericht über Spanien 
schliefst das Buch, nicht aber das Jahr. XXI Y 1 — 3 lesen 
wir ausführlich den Abfall von Lokri imd Kroton, also die 
Dublette zu denjenigen kürzeren Notizen am Schlüsse 
des Yorjahrs XXIII, 30, die wir auf Polybios zurück- 
führten. Die Quelle^) ist vortrefflich orientiert, die Be- 
schreibung des Heiligtums der Juno, das doch in der Erzäh- 
lung gar keine Rolle spielt, freilich ziemlich überschweng- 
lich. Denn wir hören von unbewachten Yiehherden, die 
kein Raubtier anfällt, kein Mensch raubt; magni igitur fructus 
ex eo pecore capti, columnaque inde aurea solida facta et 
sacrata est, inclutumque templum divitiis etiam, non tantum 
sanctitate fuit. ac miracula aliqua adfingunt, ut (die Hdschrr. 
adfinguntur) plerumque tam insignibus locis. fama est aram 



1) Aus der Bezeichnung tyrannus für den älteren Dionysios 
darf nicht auf Übersetzung aus dem Griechischen geschlossen worden. 
Man vorgleiche liv. XXIV 21, 2, wo sich auf denselben Hieronymos 
die Ausdrücke beziehen: nex tyranni — parentandum rogi; relata 
tjTanni foeda scelera — desiderati regis corpus; also nicht die staats- 
rechtliche, sondern die auch uns geläufige otliische Unterscheidung, 
welche übrigens selbst bei Polybios sich verfolgen läCst vgl. YII 13, 7. 



474 Fünfter Abschnitt. 



esse in vestibulo templi, cuius cinerem nullo umquam mo- 
veri vento. Der Satz: ac miracula u. s. w. macht mir ent- 
schieden den Eindruck, als kündigte Livius hier seinem Ge- 
währsmann, dem er bisher einfach gefolgt ist, den Glauben. 
Dafs Mensch und Tiere das Heiligtum respektierten, liefs er 
sich gefallen, bei dem Winde wurde es ihm zu arg. Der 
Gewährsmann also erzählte als wahr, was Livius — 
übrigens etwas ungeschickt — zweifelhaft läfst; ungeschickt 
— denn nicht die Existenz des Altars, sondern nur seine 
wunderbare Eigenschaft war zu bezweifeln. Nun haben wir 
Coel. fr. 34 (aus Cic. de div.) einen offenbar späteren wunder- 
baren Traum Hannibals, als er die columna aurea solida weg- 
führen wollte. Es liegt gewifs nahe, dafs die Quelle, welche 
schon hier die Säule erwähnte, ebenfalls Coelius ist 

Wichtig für die chronologische Bestimmung ist, dafs 
die Anwesenheit des Appius Claudius in Messana 
vorausgesetzt wird. Er war nach Sicilien gekommen 
noch nicht lange vorher, erst im Laufe seiner Prätur 215 
V. Chr., wobei das Liv. XXITT 41 Berichtete vorgefallen war. 
Übrigens war nach dieser Stelle Lokri zwar in der Lage, 
Appius die Thore zu schliefsen, also ohne römieche Besatzung, 
aber nicht schon in Feindes Hand, wie Weifsenbom meint; 
also kein Beweis gegen die VerfrQhung von XXm 30. 

Es bleibt von diesem Jahr noch Sicilien c. 4 — 7. Wir 
befinden uns, wie allseitig^) zugestanden wird, hier auf 
Polybianischem Boden. Sonderbarerweise wird jedoch noch 
immer an der Livianischen Datierung der Kapitel festgehalten, 
so unmöglich dieselbe ist. Die Sache verhält sich so. 



1) Dafs auch Weilsenborn sich von der Benutzung des Poly- 
bios ganz überzeugt hatte, zeigt die in der dritten Auflage veränderte 
FassuDg z. B. der Anmerkung zu c. 22, 8. 



Sicilien (Pol. 214 v. Cair.). 475 

Unserem Bericht entspricht später ein gleichfalls Poly- 
bianischer unter d. J. 214 v. Chr., diesem aber nach einer 
durch nichts gerechtfertigten Pause erst wieder ein gleicher 
unter 212 v. Chr. Nun ist auch das in neuester Zeit all- 
gemein i) anerkannt, dafs der von 214 v. Chr. in Wahrheit 
mit dem Herbst 213 v. Chr. schliefst, und dafs die ent- 
sprechenden Fragmente aus Pol. YEH alle dem letzteren Jahi-e 
angehören. Statt aber nun beide Berichte zu rücken, 
hat man sich teils durch ein später zu besprechendes Mifs- 
verständnis, teils durch den grofsen äufserlichen Umfang des 
zweiten zu einer Teilung desselben verleiten lassen, sodafs 
der von 215 v. Chr. an seiner Stelle bleiben würde. 

Allein Hieron kann nicht vor Sommer oder Herbst 215 
V. Chr. gestorben sein, da wir XXTTT 38 von einer durch 
den vorhin genannten Prätor Appius Claudius an ihn eigent- 
lich zu leistenden Zahlung hören, statt deren dann aber der 
König die Bömer noch mit Getreide unterstützt Unser Be- 
richt setzt aber gerade mit Hierons Tod ein und umfafst ein 
volles Jahr, nämlich "die 13 monatliche Kegierung seines 
Enkels Hieronymos. Wir haben also das Polybianischo 
Jahr 214 v. Chr. vor uns, und die Verschiebung der Po- 
lybianischen Abschnitte bestätigt sich abermals. 

Livius hat gew\fs schon c. 4 f. sehr gekürzt. C. 6 
allein entspricht dem ganzen ersten Polybianischen Bruch- 
stück YII 2 — 5, welches die Verhandlungen mit Appius 
Claudius enthält. Das Verhalten der Römer färbt Livius 
etwas würdevoller; die zweite, wohl von Rom selbst kom- 
mende Gesandtschaft, welche ein geradezu unverachämtes 
Ultimatum heimtrug, läfst er ganz aus. Polybios giebt 



1) Nissen: Zur Ökonomie des Polybios, N. Rh. M. XXVI S. 244 ff. 



47G Funftor Abschnitt. 

fr. Yn C eine Beschreibung von Leontini, wo Hieronymos er- 
mordet wurde, und führt Vn 7 einen Hieb gegen rivhg tobv 
\oyoypd<pGov rcov VTchp rfjg xataötpo^rjg tov 'Ispcovv- 
}xov yBypacporcoVy welche, ihren beschränkten Stoff durch 
Übertreibung aufputzend, den allerdings wilden Jüngling an 
grausamen Thaten über alle Tyrannen' stellen wollen. Li- 
vius hat begreiflicherweise statt jener Beschreibung nur eine 
kurze Lokalangabe und läfst sich nicht abhalten, die Grau- 
samkeit und HofFahrt des Königs, wenn auch durchaus 
nicht so wie jene zu übertreiben, doch in seiner Manier 
psychologisch auszumalen. Auf den zerrütteten Schlufssatz, 
dafs Appius Claudius nacli Benachrichtigung des Senates ipse 
adversus Syracusana consilia provinciam (vulgo: ad provinciae) 
regnique fines omnia convcrtit praesidia, komme ich noch 
zTu-ück. 

214 V. Chr. beginnt mit Liv. XXIV 10. Ich nehme 
jedoch den unter dies Jahr eingereihten sicilischen Bericht 

c. 21 — 39 vorweg. Gleich die ersten Wort^ verraten die 
iiichtrömische Quelle: Rom an i . . . M. Marcello alten con- 
sulura eam provinciam decernunt. Zugleich hätte man 
daraus schon entnehmen können, dafs wir uns im Herbste 
des Jahres 214 v. Chr., in welchem der Konsul Marcellus 
den Sommer über schon Hannibal in Kampanien gegenüber- 
gestanden und dann in Nola kitink gelegen hatte, befinden 

d. h. am Beginn des Potybianischen Jahres 213 v. Chr. 
Nachdem die Einführung der Republik und damit einer 
friedlicheren Politik in Syrakus, dann die Unruhen, durch 
welche Hannibals Wortführer wieder ans Ruder kamen, er- 
zählt sind, folgen c. 27, 4 die Verhandlungen mit den Rö- 
mern. Es war vor der letzten Wendung der Dinge bei 
Appius, der mit 100 Schiffen in der Nähe stand, ein zehn- 



214 V.Chr. Sicilion (Pol. 213 V. Chr.). 477 

tägiger Stillstand ausgewirkt worden und eine Gesandtschaft 
wegen Erneuerung des Bündnisses an ihn abgeschickt. Appius 
hatte dieselbe an den eben anlangenden Marcellus gewiesen, 
der ihr seinerseits nun Abgesandte nach Syrakus mitgab. 
Diese Verhandlungen jedoch wurden durch die Ränke der 
Machthaber gekreuzt. Darauf nun c. 33 f. machten Marcellus 
und Appius einen Versuch, die Stadt mit Sturm zu nehmen, 
der aber an den Künsten des Archimedes scheiterte. 

Alles Vorhergegangene nimmt zwar in der Erzählung 
ziemlich viel Platz, zeitlich jedoch sehr wenig Raum in 
Anspruch; und zu dem Sturmversuch haben wir bereits ein 
Bruchstück aus dem achten Buche des Polybios (213 — 212 
V. Chr.) fr. VIII 5 — 9 zur Vergleichung. Diese zeigt, dafs 
Livius sehr ungeduldig gearbeitet hat. Nach ihm handelt es 
sich ebenfalls um einen gewaltsamen Angriff: sicut Leontinos 
terrore ac primo impetu ceperant, non diffidebant vastam dis- 
jectamque spatio urbem parte aliqua se invasuros, und trotz- 
dem fährt er fort: omnem apparatum oppugnandarum urbium 
muris admovenint. Dieselbe Verwechselung des förmlichen 
mit dem gewaltsamen Angriff liegt c. 34 vor, wo Marcellus 
statt der von Polybios 6a}ißvKai genannten und das ganze 
sechste Kapitel hindurch beschriebenen Sorte schwebender ko- 
lossaler Sturmleitern: turres^) contabulatas machinamentaquo 
alia quatiendis muris, auf Schiffen heranführt! Auf gröfsere 
Entfernung läfst Livius den Archimedes gröfsere Geschosse 
verwenden statt gröfsere und stärkere Maschinen! Dafs man 
solche Verballhorungen gegenüber einer vortrefflich sachkun- 



1) Auf Türaie scheint Livius gokommcn zu sein, indom er, den 
letzton Teil des Kapitels übei-spriogend, den Anfang des folgenden 
ungenau las: IlXijv ovxot .... npo^dyttv Suvoovvto rots ifupyois. 






,J 



478 rx•L^Jer AWtiia. 

digen Schilderung früher dailiireh erklären wollte, dafs man 
l^ide Teile als verschiedene Gestaltungen eines rrberichtes 
liiastellte, war nicht vohlgethan. Kurzweg als Schnitzer zu 
bezeichnen ist: cubitalia cava, statt tprf^ctra naXai&ctaiet. 
Schlief>lich Ijeschlossen die Römer (oi Jtepl rov 'Anmov) 
PoL Vm 9, 5 = Liv. XXIY 34, 16 sich auf die Blockade 
zu beschranken und ein für allemal von einer xoXiopxia 
Abstand zu nehmen. Polybios fügt noch hinzu: ca^ xa\ 
teXog InoiTjöav' oxrco yap /irfva^ r§ ttoXsi xpo^xa- 
^tZo^iBvot rcay ßihr aXKcay 6tpatTjyTjßiarGoy tf roXjiTf- 
/ioroTK ovöerbg ayriötrföav tov de yroXiopxeiv ovSaTCore 
TCBipav in Xaßeiv i^dpprföav. Dies ist die Stelle, wo 
durch ein merkwürdiges Mifs Verständnis Weifsenbom, dem 
sich Nissen, H. J. Müller, Neumann n. a. angeschlossen haben 
und meines Wissens niemand widersprochen hat, einen Beweis 
zu finden glaubte, dafs Livius' Bericht zwei Jahre umfasse. 
Er meinte, Marcellus personlich habe acht Monate 
vor SyrakuB gestanden, so dafs die folgenden Züge des- 
selben erst hinter diesen Zeitraum fielen, aus dem uns also 
nichts als der gescheiterte Sturm erzählt wurde. Diese acht 
Monate, folgerte er ursprünglich, machten mit der Thatig- 
keit in Italien ein Jahr aus und hinter ihnen beginne ein 
zweites. In der dritten Auflage modifizierte er mit Rück- 
sicht auf die Buchteilung des Polybios diesen Schlufs dahin, 
die acht Monate füUten mit den folgenden Zügen allein ein 
Jahr, unmittelbar vor^) dem Sturmversuch sei der Ein- 
schnitt zu machen. So kam er der Wahrheit schon näher. 
Denn kurz und gut, mit den acht Monaten kann nur der 



1) c. 33, 9. H. J. Müllor schreibt denn auch von hier an das 
Jahr 213 v. Chr. über. 



SicUien (Pol. 213 v. Chr.). 479 



ganze Zeitraum vom Verzicht auf einen Sturm bis 
zur Überrumpelung der (äufseren) Stadt im Frühjahr 
212 gemeint sein; die Züge des Marcellus fallen dahinein, 
und nichts hindert, sie gleich nach dem gescheiterten Sturme 
beginnen zu lassen. Die Angabe beweist also blofs, was 
man auch ohnehin annehmen würde, dafs wir etwa die Hälfte 
des Polybianischen Jahres 213 v. Chr. bereits hinter uns 
haben. 

Das Polybianische Bruchstück endigt mit dem Satz, mit 
welchem Livius c. 35 beginnt, dafs Marcellus mit einem 
Drittel seiner Macht gegen die abgefallenen Städte des Binnen- 
landes zieht. Ohne Zweifel ist Livius die noch übrigen 
fünf Kapitel hindurch lediglich Polybios gefolgt. Der Kar- 
thager Himilko, der früher schon mit einer Flotte bei 
Pachynum sich gezeigt hatte, landete jetzt mit 25000 zu 
Fufs, 3000 zu Pferde, 12 Elefanten in dem westlichen 
Teil der Insel und nahm Agrigent weg, vor welchem Mar- 
cellus zu spät erschien. Dagegen vernichtete dieser auf 
dem Rückzug ein aus Syrakus ausgebrochenes Korps bis 
auf 500 Reiter, welche Hippokrates dem Himilko zuführte. 
Letzterer rückt nun vor Syrakus, sucht eine in Panormos 
gelandete Legion i) vergeblich vor ihrer Vereinigung mit 
Marcellus zu fassen und kehrt schliefslich nach Agrigent 
zurück. Zwischendurch wird eine brutale Qewaltthat des 
römischen Kommandanten gegen das Volk von Henna ge- 
schildert Dafs die principes vorher einen Streich gegen die 



1) Livius sagt: Romaua classis, triginta quinqueremes, Icgionem 
primam Panormi exposuere, was wohl nicht richtig überhefert ist, 
da Polybios keine Legionsnummem anzugeben pflegt. Dafe aus Po- 
lybios auch diese Nachricht geschöpft ist, dafür spricht schon, dafs 
man den Namen des Kommandierenden nicht eifährt. 



480 Fünftor Abschnitt. 



Besatzung geplant hatten, wie Livius berichtet, haben wir 
übrigens nicht Ursache zu bezweifeln. Marcellus bezieht 
endlich Winterquartiere, indessen Appius Claudius nach Rom 
geht ad consulatum petendum (für 212 v. Chr.). haec in 
Sicilia usquc ad principium hiemis gesta. 

Die Ei'kenntnis, dafs die beiden Livianischen Berichte, 
auch der unter 215 v. Chr., ein Jahr verfrüht sind, bringt 
auch erst volle Sicherheit in die Anordnung der Reste von 
Pol. Yn und YIII, die in der Hauptsache allerdings schon 
von Nissen a. a. 0. klargestellt ist. Schweighäuser, an der 
Livianischen Datiening und der in den excerpta antiqua 
überlieferten Reihenfolge einfach festhaltend, hatte angenom- 
men, dafs Vn den Rest des Konsulatsjahres i) 216 (wenn 
er nicht etwa in YI mit enthalten gewesen sei) und 215, 
Vin dagegen 214 — 212 v. Chr. umfafst habe. Das damals 
noch nicht vollständig bekannte Bruchstück YIII 1 f. glaubte 
er, statt auf 212, auf ein unbekanntes Ereignis aus 214 be- 
ziehen zu können. Nur letzteres hatte Hultsch geändert, ohne 
die nun zutage tretende Störung zu besprechen. Erst Nissen 
hat klar gestellt, dafs YI wie auch Xu die Erzählung nicht 
fortführte, sondern unterbrach, dafs YII die Olympiadenjahre-) 
215 (ich füge hinzu: etwas früh einsetzend und in bezug 
auf Spanien d«as Yorjahr nachholend) und 214, YIII nur 



1) Nach Schwoighäuscr hätte Polybios dos Olympiadenjahr dem 
Konsulat sjahro gleich gemacht und zwar denvjonigen, in desseu 
Ycrlauf es begann. 216 wäre dann also halbiert. 

2) "Welche jedoch Polybios erst mit dem Herbst und aufser- 
halb Griechenlands oft noch später beginnen läJst; Nissen meint, 
nach Timaios' Yorgang — mir scheint diese Modifikation der Olym- 
piadenrechnung überhaupt keine systematische, auf einen bestimmten 
Urheber zurückzuführende zu sein. 



Wioderherstellon^ des Polybianischen Berichts. 481 



213 und 212 behandelte. Denn Vm 3 f. sei aus der IJn- 
leitung des Buches und passe nur auf 213, welchem auch 
aUes folgende bis zur Eroberung Tarents ausschliefslich (ich 
sage: einschliefslich, s. unten S. 490) angehöre. Die Ver- 
stellung von VllI 1 — 2 erklärt er durch eine Blattverschie- 
bung im Archetypus, wie eine solche z. B. auch für XXTTT 
und XXIV anzunehmen sei. Von VH gehören nach Nissen 
2 — 8 (Sicilien) und 9 (Bündnis mit Hannibal) noch in 215, 
dagegen 15 (Asien) wegen des anknüpfenden Stückes im 
folgenden Buche in 214; betreffs der dazwischenliegenden 
Stücke über Philipp macht er wahrscheinlich, dafs sie auch 
schon zu 214 zu ziehen seien. Nach meinen Ergeb- 
nissen schiebt sich nun die Jahresgrenze noch wei- 
ter zurück, nämlich vor c. 2. Um die Stellung von c. 9 
zu erklären, kann man entweder annehmen, dafs Polybios 
das Bündnis erst 214 gebracht habe, wo es perfekt wurde, 
oder besser dafs es auf dem korrespondierenden Blatte zu 
Vin 1 gestanden habe. 

Weil Livius in den beiden Berichten über Sicilien aus 
keiner römischen Quelle, sondern lediglich aus Polybios, 
überdies mit Verkürzungen, schöpfte, sind auch seine Nach- 
richten über die römischen Streitkräfte und Heerführer etwas 
lückenhaft Appius Claudius sollte 214 v. Chr. in der Pro- 
vinz durch den Prätor Lentulus, im Kommando der Flotte 
durch Otacilius ersetzt werden, welcher diese schon kom- 
mandiert und sich eben vergeblich ums Konsulat beworben 
hatte. Otacilius sollte zugleich auch die von den Konsuln 
hergestellte und von ihm bemannte und eingeübte Flotte 
von 100 Schiffen nach Sicilien überführen, Liv. XXIV 11. 
Dafs er dies gethan und dafs Appius die Führung derselben 
erhalten habe, wird zu Beginn des zweiten Berichtes, also 

Hessolbarth, hiator. - krit. Untorsuch. 31 



482 Fanftor Abschnitt. 



Herbst 214 v. Chr., vorausgesetzt, aber nicht erzählt Femer 
vennifst man darüber genügende Auskunft, was Appius und 
dann Marcellus vor der c. 36 erwähnten Landung einer 
Logion für Landtruppen gehabt haben c. 30, 1: cum omni 
cxercitu, c. 35, 1: cum tertia fere parte exercitus. Die 
Besatzung der Provinz bestand seit dem Austausch von 
215 V. Chr. aus den beiden cannensischen Legionen, welche 
aber vor Syrakus nicht^) zur Verwendung gekommen 
sind, Liv. XXIH 25, 8 und XXVI 1, 10. Folglich ist die 
oben S. 476 angeführte Angabe über Appius, auch wenn 
man eine grofsere Verderbnis annehmen wollte, irrig und 
mangelhaft. Polybios erwähnte vermutlich schon hier, dafs 
der Konsul Marcellus für den Oberbefehl bestimmt worden 
sei, und ferner, dafs er (vorläufig) eine Legion dem 
Claudius geschickt habe. Das durfte dann Livius wegen 
seiner Verfrühung des Berichtes nicht sagen, und er half 
sich, wie öfter, wenn er ein Heer herbeizaubem wollte, mit 
den praesidia. Die Annalen, in denen über die militärischen 
Mafsnahmen ausführlich berichtet gewesen sein mufs, hat 
Livius nicht zu Rate gezogen. 

Über die Quellen zweiten Ranges trage ich hier nach, 
dafs Appian. Sikel. fr. 3 und 4, obwohl nicht recht klar, 
wenigstens offenbar von Polybios unabhängig sind, dafs in 
Zonar. P. 424 C ff. zum Jahre 214 v. Chr. Livius zwar be- 
nutzt ist (Erwähnung von Türmen auf den Schiffen), dais 
aber phantastische Kunststücke des Archimedes, z. B. die 
viel besprochene Anzündung der Flotte durch Bronnspiegel, 
liinzugethan sind, sowie auch Kämpfe von annalistischer 



1) Übor eiao spätere Stolle, welche "Woifsenbom in-e geführt 
hat, s. oben S. 161. 



Nola. 483 

Schablone. Denn von Himilko, welcher bei Livius nur 
Züge hin und her macht und welcher im folgenden Winter 
mit dem gröfsten Teil seines Heeres einer Seuche erliegt, 
heifst es: tftrri^r} rs xal dvteTtSKpdtrföe xat tov Map- 
xiWov i^aTtlrrfg avtcp npoq7ttö6vro(i av^iq iyiKr/3^tj, 

Jetzt endlich können wir uns dem Schauplatz in Italien 
für 214 V. Chr. zuwenden, der freilich geringe Ausbeute 
giebt. Stadtrömischen Inhalts ist aufser c. 10 f. auch noch 
c. 18 über den Census. Da in demselben die Fälschung 
über die Gefangenen von Cannae vorausgesetzt wird, so ist 
Yalerius oder Claudius als Quelle anzusehen. 

Die Ereignisse bei Nola c. 12 f. und 17 gleichen dem, 
was die Lügenannalen zu 216 v. Chr. erzählten, im Aufbau 
und teilweise im Detail so sehr, dafs man, wie seiner Zeit 
bemerkt, hier das Original zu jenen Fälschimgen ohne Mühe 
erkennt Es handelt sich in diesem FaU um eine wirkliche 
Dublette, d. h. das Vorhandensein zweier auf dieselbe Sache 
gehender und sich deshalb eigentlich ausschliefsender Berichte. 
Die Ähnlichkeit ist zu grofs, als dafs derselbe Annalist, der 
dort die falsche Münze — behufs prompterer Heimzahlimg 
von Cannae — in Kurs setzte imd zu 215 v. Chr. ähnliche 
Stücke anbrachte, jetzt wieder derjenige sein könnte, dem 
Livius folgt; anderseits ist die Differenzierung gerade grofs 
genug, dafs man begreift, wie Livius, obwohl sich an das 
Frühere erinnernd, nihig fortfährt, ohne hinter das Geheimnis 
zu kommen: Nach einem vergeblichen Anschlag auf Puteoli 
(wie damals auf Neapel) rückt Hannibal vor Nola und ver- 
handelt mit der Yolkspartei. Aber wie damals kommt ihm 
Marcellus mit einem Gewaltmarsch, bei dem er den Voltumus 
zu überschreiten hat (sonst ist die Eoute etwas anders), zu- 
vor und Hannibal entfernt sich. Wie dort die Belagerung 

31* 



484 Fünftor Abschnitt 



Nucerias, wird hier ein (sei es aus Vorliebe für den Feld- 
herm derselben Gracchus, sei es zur Erklärung des am 
Schlüsse beschriebenen Gemäldes im Tempel der Libertas) 
breit ausgesponnener Sieg der volones bei Benevent einge- 
schoben c. 14 — 16. Die Schlacht vor Nola ist dann ziem- 
lich kurz abgemacht und weniger glorreicli, als sie „fast 
geworden wäre". Die Zahlen sind denen von 216 v. Chr. 
ähnlich genug: „über 2000" getötete Feinde gegen 2800, 
und „nicht ganz 400" Römer gegen „nur 500". 

C. 19 Belagenmg Casilinums durch Fabius und Mar- 
cellus. Das treulose Verfahren des Marcellus, welcher den 
von seinem Kollegen offenbar gewährleisteten freien Abzug 
der Kampaner nicht respektierte, sondern auf dieselben ein- 
hieb, tritt auffallenderweise fast unverhüUt hervor. 

Nach dem langen bereits besprochenen sicilischen Be- 
richt folgt c. 40 ein makedonischer. Lebhaft wird beschrie- 
ben, wie Laevinus auf ein Hülfsgesuch kurz entschlossen 
nach Illyrien hinübersegelt, den König Philipp mit Schimpf 
und Schanden von Apollonia veijagt und in Oricum über- 
wintert. Nachdem anfangs die 120 Fahrzeuge des Königs 
als lembi biremes bezeichnet sind, werden sie später wie 
die römischen einfacli naves genannt Ebensosehr was er- 
zählt wird, als was nicht erzählt wird, charakterisiert die 
römische Quelle. Yen Philipp hören wir mu», was dem 
römischen Feldherm über ihn gemeldet wurde. Zudem um- 
fafst das Kapitel nur wenige Tage aus dem Herbste, vergl. 
c. 20, 12. Was vorher vorgefallen, z. B. bei Kerkyra vergl. 
Appian. Maked. fr. 1 und Zonar. P. 424 A , i) ist nicht berück- 
sichtigt. Dafs wir aber wirklich im Jahre 214 v. Chr. stehen 



1) Es sind liior 215 und 214 v. Clir. zusainmengefafst. 



Makedonien. — 213 v. Chr. Arpi. 485 

und also keine Yerschiebmig vorliegt, hat Nissen bereits aus 
Pol. Yn 19, 2 richtig gefolgert; 213 v. Chr. ermng Philipp 
vielmehr grofse Erfolge in Illyrien Pol. Vlll 15 f. Dafs auch 
der spanische Bericht c. 41 f. nichtpolybianisch ist, wissen 
wir bereits. 

213 V. Chr. beginnt Liv. XXIY 42 — 44 mit den ge- 
wöhnlichen Nachrichten aus der Hauptstadt. Zu der Anekdote 
von dem Konsul Fabius Maximus ist nur negativ zu bemerken, 
dafs der Annalist Claudius in fr. 57 bei GeU. Noct. Att. 11 2 
sie ein wenig anders berichtet. Die nächsten drei Kapitel 
betreffen den italischen Schauplatz, erwähnen aber Hannibal 
nicht und von dem andern Konsul Gracchus nur dies, dafs 
er in Lukanien stand. Livius eilt, wie mir scheint, das 
Buch mit einigen abgerundeten Kapiteln zu schliefsen, indem 
er sich Nachträge im Anfang des nächsten Buches vorbehält. 
C. 45 — 47 also werden fast ganz angefüllt diux5h die Erobe- 
rung der Stadt Arpi durch Fabius. Hier bietet sich Annib. 31 
zur Yergleichung, und da zeigt sich, dafs Appian tendenziöse 
Entstellungen hat, welche Livius nicht kennt * 

Bei Livius wird Dasius, der die Stadt früher den Fein- 
den in die Hände gespielt hat und jetzt den Kömem zu 
verraten sich erbietet, von dem Konsul als Yerräter gefangen 
gesetzt; Hannibal, welcher Yerdacht schöpft, läfst seine 
Angehörigen verbrennen. Bei Appian wird Dasius abgewie- 
sen, und zwar vom Senat selbst, irrt aus Furcht vor Hanni- 
bal umher und giebt so diesem Anlafs zu seinem grausamen 
Befehl. Es war Yalerius offenbar anstöfsig, dafs der römische 
Feldherr durch sein wenn auch ziemlich unanfechtbares Ein- 
schreiten gegen den Yerräter den schrecklichen Tod 
seiner Angehörigen verursachte. Die Ablehnung des ver- 
räterischen Anerbietens durch den Konsul aber gefiel 



486 Fünfter Abschnitt. 



ihm so, dafs er daraus einen Senatsbeschlufs machte. Der 
Schlufs heilst ta di jipyvpiTtna itipoor ivdovrcov el\s 
^dßiois MaSijid^ois vvKtoq Hoi Hteivag o6ov(S Bvpe Aißvoov 
(ppovpav iTtiörtjös t^ TtoXei, Bei der Kürze Appians — 
dafs es der Sohn Fabius ist, deutet er z. B. nicht an — ist 
wohl kein Gewicht darauf zu legen, dafs die Bürger nach 
Livius erst dann, als die Stadt halb eingenommen ist, zu 
den Römern übergehen. Nach Livius werden aber ferner die 
Punier gemäfs einer Übereinkunft mit den Spaniern, welche 
ebenfalls übergehen, entlassen. Antias, scheint es, konnte 
es nicht über sich gewinnen, sie so ungestört abziehen zu 
lassen; natürlich wird er dann die Übereinkunft ebenfalls 
verschwiegen haben. Was die Frage nach Livius' Quelle 
betrifft, so könnte man sich durch die Rolle, welche die 
Spanier spielen, versucht fühlen auf Coelius zu raten. 

Der spanische Bericht, welcher c. 48 f. das Buch schliefst, 
ist, wie ich wahrscheinlich gemacht habe, überwiegend aus 
Polj^bios und um ein Jahr zu früh eingesetzt. 

Buch XXV beginnt mit den oben erwähnten Nachträgen 
über die Kriegführung in Italien. Dann geht Livius zu den 
Prodigien, Wahlen u. s. w. über. Bei den Spielen angelangt, 
sagt er c. 2, 6: aedilis curulis fuit eo anno cum M. Cornelio 
Cethego P. Cornelius Scipio, cui post Africano fuit cogno- 
men. Darauf die Erzählung, wie er den Tribunen, welche 
ihn wegen seines jugendlichen Alters beanstandeten, gesagt 
habe: si me omnes Quirites aedilem facere volunt, satis 
annorum habeo. Erst § 8 kommt Livius mit den Worten: 
aedilicia largitio haec fuit, zur Sache. Denn immer nur 
bei Gelegenheit der Spiele und sonstiger Aufwendungen 
werden die curulischen Ädilen genannt und immer beide 
zusammen. 



Scipios ÄdüitÄt. — 212 v. Chr. 487 



Die stelle ist wichtig als PrOfstein für die Anekdote 
des Laelius Pol. X 4, nach welcher Africamis mit seinem 
älteren Bruder Lucius zusammen die Ädilität bekleidet 
hätte, da er, gerade um dessen zweifeDiafte Aussichten zu 
fördern, erst in letzter Stunde mit als Kandidat aufgetreten 
wäre. Das Zeugnis unsrer Stelle nun gegen diese Anekdote 
ist gänzlich unverdächtig; ja man könnte mit einiger Wahr- 
scheinlichkeit sogar durch blofse Rückberechnung auf den 
M. Cethegus kommen, welcher hier statt L. Scipio steht. 
Die Norm oder das Ideal bildet ja um diese Zeit sclion das 
Durchlaufen der Ämter mit einjährigem Intervall, vgl. Momm- 
sen Rom. Staatsr.2 I S. 506. Nun finden wir für 211 v. Chr. 
zwei patrizische Prätoren, nämlich aufser Cethegus einen 
C. Cornelius Lentulus. Dieser aber ist nicht der Gesuchte; 
sonst würde c. 2, 2, wo er zum decemvir sacrorum gewählt 
wird, der Zusatz nicht fehlen; qui tum aedilis curulis erat. 
Unsre Stelle steht also im besten Einklang mit anderweitigen 
Daten, ohne dafs man irgend denken könnte, dafs sie erst 
nach diesen zugeschnitten sei. 

212 V. Chr. Yen c. 3 an bespricht Livius den Antritt 
der Konsuln sowie verschiedene innere Angelegenheiten z. B. 
eine Senatsverhandlung über ein Schreiben des MarceUus, 
das aus den Winterquartieren 213 v. Chr. datiert ist (daher 
auch zum Schlufs richtig der Konsul Gracchus erwähnt wird). 
Dies Schreiben übermittelt nur dem Senat ein Bittgesuch 
der cannensischen Legionen^) um Verwendung im sicilischen 
Kriege. Ein merkwürdiges Beispiel für Livius' schlechtes 
Gedächtnis ist der grobe Yerstofs in den Anfangsworten des 



1) Es ersetzt also in keiner Weise den fehlenden sicilischen 
Abschnitt. 



488 Fünfter Abwhnitt. 



Gesuches c. 6, 2: consulem te, M. Marcelle, in Italia adis- 
semus, cum primum de nobis etsi non iniquum certe triste 
senatus consultum factum est, nisi hoc si^erassemus, 
in provinciam nos morte regum turbatam ad grave bellum 
adversus Siculos simul Poenosque mitti. Denn jener Senats- 
boschlufs und selbst seine Ausführung fallen in 216 v. Chr., 
während Livius sie mit dem Konsulat des Marcellus 214 v. Chr. 
in Beziehung setzt. Man irrt aber, wenn man meint, auch 
Livius denke richtig an 216 und bezeichne nur aus Ver- 
wechselung den Marcellus als Konsul statt als Prätor; morte 
regum turbatam, nämlich pafst auch nur zu 214 v. Chr. Und 
zu einer Eemonstration hätte sich eben dies Jahr geeignet, 
weil der frühere Chef der Cannenser gerade als Konsul sich 
ihrer hätte annehmen können. Es sollte also heifsen und 
hat in der Quelle gestanden: Wir hätten Dich als Konsul 
im vorigen Jahr gebeten, zur Aufhebung jenes Senats- 
bcschlusses zu wirken, wenn der beginnende Krieg in unsrer 
Nähe uns nicht hätte hoffen lassen, aus unsrer ünthätigkeit 
erlöst zu werden. Übrigens mufs ein späterer Annalist 
(Antias?) die Quelle sein; nicht nur anrüchige Erzählungen 
aus älterer Zeit werden erwähnt, sondern auch aus jüngster 
Zeit peditum equitum acies, Erfindungen, deren Spur wir 
bei Zonaras fanden. Auch der Hinweis auf Yarros Flucht 
mit 70 Eeitem stammt aus der Quelle, da Livius immer 
von 50 gesprochen hat. 

Das erste noch vor Aufbruch der Konsuln erzählte 
kriegerische Ereignis ist die Einnahme Tarents durch Hanni- 
bal c. 7, 10 bis c. 11. Ich stelle die chronologische Be- 
merkung am Schlufs voraus: hunc statum rerum Hannibal 
Tarenti relinquit regressus ipse in hiberna. ceterum defectio 
Tarentinorum utrum priore anno an hoc facta sit, in diver- 



Marcellus und die „Cannenser*'. Verlust von Taront. 489 



8um auctores trahunt. plures propioresque aetate me^ 
moriae rerum hoc anno factum tradunt. Yorläufig 
bemerke ich dazu blofs, dafs ein ernstlicher Zweifel an der 
Richtigkeit der Datierung nicht bestehen kann, da wir über 
Hannibals Yerhalten gegen Tarent XXIV 20 und XXV 1 zu- 
verlässige Nachrichten 1) gehabt haben. 

Was die Erzählung selbst betrifft, so haben wir zur 
Vergleichung das grofse Bruchstück Pol. Vm 26 — 36. Mit 
diesem stimmt Livius von c. 8, 4 an so vollständig überein, 
dafs seine direkte Abhängigkeit als erwiesen gelten 
darf. Im allgemeinen hat Livius natüi'lich gekürzt, doch 
ohne erhebliche ünzuträglichkeiten. Alles was Weifsenborn 
in dieser Hinsicht notiert, ist keineswegs stärker, als die in 
der vierten imd fünften Dekade konstatierten Mängel der 
Livianischen Übersetzung. Hinzuzufügen wäre, dafs c. 9, 3 
von Lageraufschlagen die Rede ist, wo es sich nur um ein 
gröfseres Rendezvous handelt. Zuthat des Livius, der an 
Schilderung von Verwirrungen viel Gefallen hat, ist die 
auch an sich unwahrscheinliche Bemerkung, die zum Blasen 
auf römischen Trompeten Angestellten hätten es verkehrt 
gemacht Auch malt er die Schlufsszene aus, wo die Ta- 
rentiner begeistert Hannibals gescheiten Einfall ausführen, 
die Sphiffe über den Isthmus zu ziehen. Dafs er nicht be- 
schreibt, wie der Kommandant Livius, durch die Verschwo- 
renen in Sicherheit gewiegt, sich einem Zechgelage nur 
allzusehr hingegeben hatte, und dafs er dabei auch den 
Namen desselben ausläfst, erklärt sich zur Genüge aus Stre- 
ben nach Kürze und aus patriotischem Zartgefühl Wenn 



1) 214/13 V. Chr. überwinterte Haanibal in Salapia, 20 Meilen 
in der Luftlinie von Tarent. 



490 Fünfter Abschnitt. 



Neumann S. 420, der (Avie auch Weifsenborn in der dritten 
Auflage und schon Nissen) die Benutzung des Polybios in 
diesem Fall zugiebt, dabei behauptet, Livius habe alles aus- 
gemerzt, was auf seinen Namensvetter ein ungünstiges 
Licht werfen konnte, so kann ich weder das Motiv noch 
selbst die Thatsache in diesem Umfang zugeben. Etwas 
Tadel bleibt auch bei Livius übrig c. 9, 6 f.: nihil ultra 
motus, und: adeo non ob id intenta cura est Wenn 
der Kommandant XXIY 20 und XXVI 39 umsichtig ge- 
nannt wird, so bedenke man, dafs dort gerade zwei glück- 
liche Streiche, die man dem Feinde gespielt, zu berichten 
waren. 

Wie erklären sich aber, die Abhängigkeit von 
Polybios vorausgesetzt, die chronologischen Zweifel 
des Livius? Anscheinend selu- leicht, als ein Streit um 
des Kaisers Bart. Polybios, wird man sagen und hat Nissen 
wirklich gesagt, erzählte das Ereignis, das zu Anfang des 
Winters fallen mochte, also annalistisch ins Jahr 213 ge- 
hörte, zu 212 V. Chr.; Livius folgt ihm in dieser Anord- 
nung, meint also mit: plures propioresque aetate memoriae, 
liauptsächlich oder besser nur ihn. Allein abgesehen da- 
von, ob man in diesem Falle eine solche Lizenz im Aus- 
druck dem Livius zutrauen dürfte, erheben sich gegen diese 
Annahme die gröfsten Bedenken. Livius hat erst beim letz- 
ten sicilischen Bericht den Polybianischen Herbsteinschnitt 
hervorgehoben und würde durch ihn also schwerlich iiTC- 
geführt worden sein. AuTserdem aber scheint Polybios gerade 
in diesem Fall den Abschnitt nicht vor, sondern hinter 
dem Unternehmen gemacht zu haben. Man vergleiche die 
letzten Worte bei Livius: regressus ipse in hibema, und 
besonders im Original: napeyivero rpttaiog i7t\ tbv iS 



Verlust von Tarent. 491 



apxV'S X^P^^^^) ^^^ '^^ XoiTcbv tov ^cryticövog ivtav^a 
SiarpißdDv l/ieve xata ^cöpörv. Der abweichende Poly- 
bianische Jahresschlufs erklärt nichts. 

Liviiis muJjs durchaus des Glaubens gewesen sein, es 
habe irgend jemand das Ereignis in den Winter vorher 
verlegt Bedenken wir aber, wie hartnäckig befangen Livius 
sich vor wie nach in seiner falschen Gleichung der Poly- 
bianischen Stücke zeigt, so schliefsen wir, dafs Livius 
gerade seine griechische Quelle meint und dafs die 
plures propioresque seine römischen Quellen sind. Da Livius 
unseres Wissens keine älteren römischen Quellen als Poly- 
bios hatte, so ist anzunehmen, dafs er, sei es nach einem 
argumentum ex silentio, sei es weü er Fabius gelegentlich 
citiert fand, die Urquellen als übereinstimmend mit seinen 
römischen Gewährsmännern ansah. Livius wirft also eine 
keineswegs gleichgültige chronologische Frage auf, aber aller- 
dings nur aus Mifsverstand. Es ist nicht sowohl ein Streit 
um des Kaisers Bart, als wieder einmal ein Kampf gegen 
Windmühlenflügel. Ob die römischen Quellen vor oder 
nach dem Amtsantritt — dann wohl in der Form der Vcr- 
lesimg eines Berichtes — über Tarent berichteten und wie, 
wissen wir nicht. 

Interessant ist nun die Yergleichung von Appian. Annib. 
32 ff. und Frontin. Strat. UI 3, 6. Bei beiden ist die Ein- 
nahme der Stadt das Werk eines Verräters, welcher Kovoo- 
vevg Cononeus heifst, und welcher, wie Philemenos bei Poly- 
bios, des Kommandanten Erlaubnis für nächtliche Jagdzüge 
gewinnt und so die Punier in die Stadt einläfst. Unbekannt 



1) d. h. das drei Tagemärsche von der Stadt entfernte Lager, 
in welchem die Verschworenen ihn zuerst getroffen hatten. 



492 Fünfter Abschnitt. 



ist beiden also die Yerschwöning und ihr Anlafs, nämlich 
die Tötung der auf einem Fluchtversuch ertappten Tarentiner 
und Thuriner Geiseln in Eom, ebenso die gleichzeitige Über- 
rumpelung eines zweiten Thores durch die Verschworenen. 
Ja, bei Appian ist der Abfall von Thurii, den er nebst einigen 
ähnlichen Ereignissen anknüpft, ausdrücklich andere einge- 
leitet Man sieht, Polybios weiTs manches besser; andereeits 
fehlt es auch bei Appian (vgl. noch Frontin. Strat HI 17, 3) 
nicht an brauchbaren Einzelheiten. Eins ist wieder sicher 
Erfindung seiner Quelle, dals der bei Polybios und Livius 
nur geplante, durch einen Ausfall aber vereitelte Angriff 
Hannibals auf die Burg mit dem üblichen Apparat in Szene 
geht und zurückgeschlagen wird. Davon abgesehen aber glaube 
ich hier aus Appian und Frontinus noch entnehmen zu kön- 
nen, wie das Ereignis sich bei Pictor etwa ausnahm, imd 
was Polybios den gegnerischen Quellen verdankt. Dafö auch 
bei Pictor schon der Kommandant in ungünstigem Lichte 
erachien, würde mit späteren Wahrnehmungen stimmen. 

Liv. XXV 12 beginnt mit dem diesmal datierten Auf- 
bruch der Konsuln, dreht sich aber sonst auch noch um 
innere Verhältnisse. Mit c. 13 beginnt die Belagerung Ca- 
puas, wohin sich beide Konsuln von Samnium aus wenden. 
Unterbrochen wird dieselbe eretens durch einige weitere 
Nachrichten über Tarent, Metapont und Thurii c. 15, von 
denen nicht zu bestimmen ist, ob sie aus andrer römischer 
Quelle, als die des Appian, oder etwa noch aus Polybios 
stammen, zweitens durch den Tod des Gracchus c. 16 f., 
welchen Appian, ehe er auf Capua zu sprechen kommt, 
c. 35 erzählt. 

Auch wir wollen den Tod des Gracchus vorwegnehmen, 
um dann die Belagerung zu betrachten. Gracchus stand seit 



Oracchos' Tod. 493 



zwei Jahren in Lukanien; jetzt erhielt er nach Livius den 
Befehl, unter Ziirücklassung der Legionen selbst mit der 
Keiterei und dem leichten Fufsvolk Benevent zu sichern 
c. 15, 18. Aber ehe er aufbricht, hat er beim Opfern ein 
sehr schlimmes Vorzeichen, das sich auch — jetzt gebraucht 
Livius vorsichtig tradunt — beim zweiten und dritten Mal 
wiederholt Hier tritt nun auch Appian ein Annib. c. 35: 
tov d' i^Tfg IVov^ xal AevKarcav tive^ aTtiötr/öav ano 
'PaopLaiGov ok ^ejiTtpcüviog Fpdxxog ayärv7tatO(5 iTceX- 
Bcov iTToXißei. Wir bemerken wieder, wie Appian nicht 
erkennen lälst oder vielmehr verdeckt, dafs dieser erste 
Satz Früheres enthält. Im folgenden erkennt man, obwohl 
Appian kürzer ist, doch die volle Übereinstimmung zwi- 
schen ihm und Livius. Gracchus wird von einem Lu- 
kaner Flavus, welcher das Haupt der römischen Partei, dazu 
Gastfreund des Gracchus ist, durch das Vorgeben, er habe 
die praetores = örparrjyoi der abgefallenen lukanischen Ge- 
meinden bearbeitet, verlockt, mit einer Schwadron Reiter 
(cum turma equitimi = /as^ iTtTcicov tpiaxorta) aus dem 
Lager aufzubrechen, um mit jenen abzuschlie&en. Da stür- 
men plötzlich die Feinde auf ihn ein, der Verräter sprengt 
zu ihnen hinüber. Gracchus, vom Pferde springend, wird 
nach heldenmütiger Gegenwehr, da man ihn nicht lebendig 
bekommen kann (vivum capere Poeni nituntur = TroWffv 
Ttotrfödßxsvog ÖTtovdffv Xaßeiv ^covra)^ getötet Exanimem 
cum Mago extemplo ad Hannibalem misit ponique cum captis 
simul fascibus ante tribunal imperatoris jussit; hier bricht 
Livius ab, um Varianten zu geben. Appian sagt kiu:z, dafs 
Hannibal ihn glänzend bestattet und die Beste den Römern 
zugeschickt. Dafs Appian sich hier eben nur etwas kurz 
gefafst hat und ebenso vorher, wo bei dem Überfall schon 



494 Fünfter Abschnitt. 



Hannibal selbst statt Magos thätig zu sein scheint, das zeigt 
Diod. fr. XXYI 16, vo es doch gewifs nach derselben Quelle 
heilst: ott ro öcopia tov SsfiTtpcoviov Maycovog ano&td- 
Xavtog Ttpo^ jivvißav ol jxbv Ötpatiöbtai ud/xerov opcDV" 
te^ ißocov xatati/AYSiv xal Karat ßJiipr} diaÖ<pEydoyTf6at' 
b de jivvißag . . noXtrCEXov^ ta<pijg ^^Icoöe tov rers- 
XsurrfKOta' avaXiSa^ ök ta tov Öaa/Aarog oötä xal 
^iXar^paoTtcog TcepiöreiXag aTtiöreiXev slg to rcov ^i\ö- 
IxaiGov örparoTteöov, Ähnlich ist auch Polyaen. VI 38, 1. 

Ich schreibe c. 16 des Livius mit Appian und Diodor dem 
Valerius zu wegen ihrer grofsen Übereinstimmung. Übrigens 
wird Pol. vm 1, 2 wesentlich derselbe Hergang vor- 
ausgesetzt: Xox^ iredpev^relg xal yervaicots VTroötag övv 
raig nepi avrov rov ßiov xatiötpstpev. Die nun folgende 
Ausführung, dafs solche FäUe verschieden zu beurteilen seien, 
je nachdem der Betroffene es an Vorsicht habe felilen lassen 
oder nicht, ist zwar nicht bis zur Nutzanwendung auf Grac- 
chus erhalten, zielt aber offenbar darauf hin, ihn freizu- 
sprechen. 

Um so überraschender ist es, dafs Livius noch andre 
Überliefeningen kennt. Ei- giebt an der Stelle, an welcher 
wir abbrachen, Varianten: haec si vera^) fama est (A), Grac- 
chus in Lucanis ad campos qui Veteres vocantur periit. 
C. 17: sunt qui (B) in agro Beneventano prope Calorem flu- 
vium contendant a castris cum lictoribus ac tribus servis 
lavandi causa progressum, cum forte inter salicta innata ripis 
laterent hostes, nudum atque inermem saxisque quae volvit 
amnis propugnantem interfectum. sunt qui (C) haruspicum 
monitu quingentos passus a castris progressiun, uti loco puro 



1) Nach Madvigs überzeugendem Vorschlag. 



Gracchus' Tod. 495 



ea qiiae ante dicta prodigia sunt procuraret, ab insi- 
dentibus forte locum duabus turmis Numidarum circumventum 
scribant adeo nee locus neo ratio mortis in viro tarn claro 
et insigni constat. funeris quoque Gracchi varia est fama. 
alii in castris Eomanis sepultum ab suis, alii (a) ab Kanni- 
bale — et ea vulgatior fama est — tradunt, in vestibulo 
Punicorum castrorum rogum extructimi esse, armatum exer- 
citum deoucumsse cum tripudiis Hispanonim motibusque 
armorum et corporum suae cuique genti adsuetis, ipso Hanni- 
bale omni rerum verborumque honore exequias celebranto. 
haec tradunt qui in Lucanis rei gestae auctores sunt, si 
illis (/3), qui ad Calorem fluvium interfectum. memorant, cre- 
dere velis, capitis tantum Gracchi hostes potiti sunt eo de- 
lato ad Hannibalem, missus ab eo confestim Carthalo, qui 
in castra Romana ad Cn. Comelium quaestorem deferret. is 
funus imperatoris in castris celebrantibus cum exercitu Bene- 
ventanis fecit. 

Die durch den Druck hervorgehobenen Worte zeigen, 
dafs die von Livius befolgte Lesart A mit C in bezug auf 
Ort, Zeit und Zusammenhang übereinstimmte. Folglich sind 
es auch diese beiden, nach welchen {a) Hannibal den Leich- 
nam bestattete. Niu* hinsichtlich der speziellen Umstände, 
imter welchen Gracchus fiel, näherte sich C der total ver- 
schiedenen Darstellung Bß, Diese letztere ist wohl nichts als 
eine Lokalsage, ^) welche den Untergang des Helden an den 
Schauplatz seiner berühmtesten That Liv. XXIV 16 knüpfte. 

Das Verfahren des Livus, der statt das Verwandte zu- 
sammen und das Abweichende entgegen zu stellen, zwischen 



1) Wodurch das handschriftUcho ostcndant für contendant aber 
wohl nicht zu retten ist. 



496 Fünfter Atechnitt. 



beidem hin und her springt, mufs als planlos bezeichnet 
werden. Ich möchte mir sein Yerfahren und das Auftreten 
der Lesarten C und Bß überhaupt am liebsten so erklären. 
Nachdem Livius bis dahin aus Antias Aar geschöpft, wandte 
er sich zu Coelius^) und bemerkte zimächst, dafs er der 
gangbaren Überlieferung eine von ihm aufgespürte Bene- 
ventaner Sage Bß gegenüberstellte. C ist dann wohl die 
Version, welche Coelius zur Yermittlung aufstellte pro in- 
quisita et sibi comperta. Ygl. unten das Ende des Marcellus. 

Dafs Yalerius den Untergang des Gracchus in der ur- 
sprünglichen, in der That würdigeren Fassung erzählte, ist 
nicht zu verwundern. Was aber die Bestattung durch Hanni- 
bal betrifft, so mögen die glänzenden Farben (Waffentänze 
der wilden Yölkerschaften) von Coelius aufgetragen und von 
Yalerius ihm entlehnt sein. 

Liv. XX Y 13 — 15, 3: Um Capua zu verproviantieren, 
dessen Bewohner an der Aussaat verhindert worden waren, 
und auf welches die Römer im Laufe des Jahres ihre Kräfte 
konzentrieren, wird Hanno aus Bruttium von Hannibal nacli 
Benevont beordert und bescheidet dortliin die Capuaner zur 
Empfangnahme. Da diese nicht genug Transportmittel mit- 
bringen, werden sie angewiesen noch einmal zu kommen. 
Diesen Yerzug benutzt der eine Konsul Fulvius, um von 
Bovianum her nachts in Benevent einzurücken und das Lager 
Hannos, der gerade mit einem Teil des Heeres abwesend 
ist, zu erstürmen. Der Sturm ist dramatisch in bekannter 
Annalistenmanier aufgeputzt Hanno retiriert nach Bruttium, 
Hannibal giebt den Capuanem, die ihn um Hülfe bitten, 
2000 Reiter mit. 



1) Auch die Drucntia „wälzte Steine" bei Coehus oben S. 20. 



Einschlieflsong von Capaa. 497 



C. 15, 18 — 20: Die Konsuln nicken vor die Stadt, in- 
dem sie das auf dem Halme stehende Getreide (schon ein 
kleiner Widerspruch zum Früheren) vernichten, erleiden aber 
c. 18 durch einen Ausfall der Reiterei unter Mago ziem- 
lichen Verlust. Ein glücklicher Zweikampf des römischen 
Ritters Crispinus stellt den Mut wieder her. C. 19 1 — 8: 
Hannibal ex agro Beneventano castra ad Capuam cum 
movisset . . Ein kaum begonnenes Treffen wird abgebrochen, 
weil das unter Führung des Quästors heranrückende Heer 
des Gracchus beide Teile besorgt macht. Den Beschlufs bil- 
det bei Livius die Notiz, dafs der Konsul Appius Claudius 
den Hannibal von Capua ablockt und auf anderem Wege 
dahin zurückkehrt. In c. 22 wird die ümwallung der Stadt 
berichtet Eine vom Senat angeordnete Aufforderung an die 
Einwohner, frei mit ihrer Habe abzuziehen, wird mit Hohn 
zurückgewiesen. Auch wenn man die XXTTT 7 berichtete 
Gewaltthat an römischen Bürgern in Zweifel ziehen wollte, 
ist diese Aufforderung wohl verdächtig; sie steht auch Diod. 
fr. XXYI 20, 1. Von einem Verweilen Hannibals auf Bene- 
ventaner Gebiet, kann nach dem Früheren keine Rede sein, 
wohl aber werden wir davon bei Appian lesen. Das Ab- 
brechen einer Schlacht wegen eines unvermutet herannahen- 
den Korps ist ein schon früher von Valerius verwendetes 
Motiv. S. oben S. 318. Endlich will mit c. 19 nicht stim- 
men, dafs nach c. 20, 4 die Freischarenlegionen des Gracchus 
nach dem Tode ihres Führers auseinanderliefen. Demnach 
mufs die Erzählung, wie sie da ist, beanstandet werden, was 
wohl nicht zum wenigsten auch von der Düpierung Hannibals 
am Schlufs gilt. 

Appian. Annib. 36 beginnt wieder chronologisch will- 
kürlich: Ka\ oLTCo rovSe avro^ fxkv (Hannibal) iv ^lanv- 

Hessolbarth, histor. - krit. Untorsach. 32 



498 Fünfter Abschnitt. 



^iv i^ipiZe Kai (fitov ttoXuv iöcopsvsv. . . Hannibal schickt 
einen Hanno vgl. Liv. XXVI 12 mit 1000 (?) zu Fufe und 
1000 zu Pferde in das bedrohte Capua, was zu Anfang des 
Sommers etwa geschehen sein mag. Die Römer begnügen 
sich infolge dessen, die Ernte in Eampanien vorwegzuneh- 
men. Hannibal tröstet die Capuaner mit seinen Vorräten 
und schlägt selbst bei Benevent am Calorflusse ein 
Lager auf, in welches jene mit allerlei Lasttieren, ja 
mit Weibern und Kindern^) zum Proviantempfang kommen. 
Öwißi] Sh jivvißav ixhv HaXoDvro^ avtov jivycavog i^ 
jdBvxavovg öieXä^eir, ra noWa rff^ xaraöHeurj^ iv t<p 
Ttepl BeveßBvtbv 6rpat07tiö(p /^er' oXiyijts <ppovpäq xara- 
XiTtovta, Svoiv Sh ^Pcojxaioi^ örpattjyouvroiy [vnatoiv 
0ovXoviov re ^XaKKov] xal KXavSiov jiTcnloVy tbv et€- 
pov avtoiv Ttv^ofJLBvov iTtidpa/ASiv röig KajxTtavoig dta- 
(pipovöi ra ^iprj nai ftoXXov^ fxev ola aTtapaöHBVovg 
Sia<p^Bipai Kai rov 6irov BevsßsvSevöt Sovvat, Xaßeir 
ÖS Hai to ÖtpatoTteSov jivvißov Kai rffv iv avxcp napa- 
ÖKSvffv apTtdöaiy Kai KaTCvtfv in ovtog iv jdevKavoig 
Avvißov 7tBptraq)pBv6ai tB Kai ini t^ td<pp(p nBpiXBixi- 
6ai Ttäöav iv kvkXw, Die Hast Appians verrät die An- 
einanderreihung so vieler Infinitive. Wirklich fällt die üm- 
wallung der Stadt erst in das Ende des Jahres. Seiner Quelle 
aber müssen wir zurechnen, dafs Hannibal selbst die 
unglückliche Rolle des Hanno übernommen hat, 
woraus zugleich folgt, dafs auch Livius in c. 19 Valerius 
vor sich hat. Appian spricht allgemein von vielen Zwei- 
kämpfen innerhalb der Umwallung und zieht er es vor. 



1) Diesen aus Livius nicht ereichtlichen Zug hat auch Diodor 
gehabt. Vgl. fr. XXVI 12, 4. 



Bolngoranj? und Eroberang von Syralcns. 499 



statt des hier zu berichtenden vielmehr den interessanteren 
des Asellus nachträglich anzubringen samt dem von Livius 
XXm 47 bezweifelten Ritt durch die Stadt. In den Worten 
c. 38: jivvlßa<5 81 tijg ;tpe/ar^ ipevö^sl^ itp^ r;v h ^€V- 
Havoi)^ fjLBtBKiKXr}ro aviörps^sv i^ KaTtvrjv, liegt Ver- 
mischung mit der Düpierung durch Appius vor; auch dieser 
Zug der beanstandeten Livianischen Partie ist also bei Appian 
nachweisbar. Wir stehen mit denselben dicht vor dem Marsch 
Hannibals auf Born aus dem folgenden Jahre. 

Was bei Livius noch in diesem Jahr in Italien vorfällt, 
übergehen wir als imergiebig für unsem Zweck. Denn die 
Vernichtung eines Fulvius Flaccus bei Herdonea c. 21^) für 
eine Dublette der zwei Jahre später einem Fulvius Centu- 
malus ebenda beigebrachten Schlappe zu erklären, heifst 
doch die Kritik allzu plump treiben. 

Livius wendet sich c. 23 — 31 zu dem im vorigen Jahre 
nicht weiter geführten sicilischen Kriege. Was hat ihn be- 
wogen, dies Stück aus Polybios bis jetzt zurückzustellen? 
— Der Zeitpunkt der Eroberung von Syrakus wird 
Livius aus seinen Fasten oder Hinweisungen seiner anna- 
listischen Quellen so bekannt gewesen sein, dafs er sie nicht 
auch ein Jahr zu früh erzählen konnte. Es ist wohl 
nicht von ungefähr, dafs er, was sonst nicht seine Art, 
dies Ereignis vorweg heraushebt und synchronistisch an das 
Letzterzählte anknüpft: Cum maxime Capua circumvallaretiu: 
(d. h. zu Ende dieses Feldzugs) Syracusarum oppugnatio ad 

finem venit namque Marcellus initio veris u. s. w. Im 

Winter scheint also nichts vorgefallen zu sein. Der Poly- 
bianische Ursprung liegt auf der Hand. Haben wir doch 



1) Dafe der Bericht schlecht ist, bin ich der letzte zu leugnen. 

32* 



500 Fünfter Abschnitt. 



an verschiedenen Stellen Polybios selbst zur Yergleichung. 
S. Pol. yin 37. Beim Tod des Archimedes femer giebt 
Livius keine Yarianten, bei Erwähnung der unvergleichlichen 
Beute gar kein Detail. Bei der Schilderung der Pest sind 
einige Entlehnungen aus Thukydides von Sieglin Coel. Ant 
S. 59 notiert; sie sind recht deplaciert, aber ganz im Ge- 
schmack des Livius. Wenn Ennius fr. YIII 19 ed. L. Müller: 
Nunc hostes vino domiti somnoque sepulti, wirklich hierher 
gehört, was ja annehmbar ist, so berührt es sich aber mit 
Liv. c. 24 eben nur sachlich. 

Mit der Eroberung von Syrakus und dem Plünderungs- 
zug des Otacilius c. 31 ist der Polybianische Jahresschlufs 
mit Wintersanfang erreicht; schon c. 26 war ja die Hitze 
des Herbstes erwähnt. Wenn nun Livius auf diesen aus- 
nahmsweise richtig datierten sicilischen Abschnitt dennoch 
einen, überwiegend Polybianischen, Bericht von Spanion wie- 
der verfrüht folgen läfst, imd wenn er dann c. 40 — 41, 7 
noch einen Abschnitt über Sicilien bringt, so ist es klar, 
dafs er, obwohl bei der Eroberung von Syrakus ad absurdum 
geführt, doch hartnäckig zu seiner falschen Gleichung 
zurückgekehrt ist. Der zweite sicilische Bericht, folgt 
weiter daraus, ist wieder Polybianisch und gehört ins 
folgende Jahr. 

Für ersteros spricht schon das Fehlen von Daten bei 
Besprechung der Syrakusaner Beute, letzteres bestätigt sich 
dadurch, dafs wir eine Parallelstelle im neunten Buch des 
Polybios finden. Pol. IX 10 wird der Beschlufs „der Römer", 
die Kunstwerke aus Syrakus fortzuführen, abfällig kritisiert. 
Diese Stelle lag Livius gewife vor, obwohl er c. 40, 2 seinen 
Tadel gegen Marcellus zu richten scheint imd anders moti- 
viert, nämlich damit, dafs dadiuxjh ein auch für die nationale 



Ein zweiter sicilischer Boridit (Pol. 211 v. Chr.). — 211 v. Chr. 501 



Religion nicht verlorenes Beispiel von Tempelberaubung ge- 
geben sei. Übrigens wiU Livius das Stück durchaus noch zu 
212 V. Chr. gerechnet wissen. Er mochte seine Bedenken 
damit beschwichtigen, dafs es ja nur zwei kurze Kapitel sind, 
und dafs er c. 31 erst bis Wintersanfang gekommen war. Er 
beginnt also: Dum haec in Hispania geruntur, Marcellus cap- 
tis Syracusis . . . und schliefst: haec ultima in Sicilia Mar- 
celli pugna fuit. victor inde Syracusas rediit, um mit: Jam 
fere in exitu annus erat, noch die Wahlen — die sonstigen 
annalistischen Angaben vermissen wir — anzuschliefsen. 

Mit Buch XXVI beginnt das Jahr 211 v. Chr. Aus 
c. 1 hebe ich nur hervor, dafs dem Marcellus das Kommando 
verlängert wird, ut reliqua belli conficeret, auch ein deut- 
liches Zeichen, dafs Livius den letzten Abschnitt über SiciHen 
eben wieder ein Jahr zu früh gebracht hat. 

Die Senatsverhandlung über die Meldung von dem Unter- 
gang der Scipionen c. 2 ist, wie früher dargethan worden, 
von Livius, um die Yerfrühung dieses Ereignisses einiger- 
mafsen zu verdecken, an den Anfang des Jahres gerückt. 
Dafs nun natürlich die Ausführung der Beschlüsse ungebühr- 
lich auf sich warten läfst, will Livius wohl entschuldigen, 
indem er mit: Sed aliud cei-tamen occupaverat animos, den 
Prozefs und das Exil des Cn. Fulvius anknüpft. 

Mit c. 4 beginnt die Belagerung Capuas. C. 5 kommt 
Hannibal in Eilmärschen zu einer gedeckten Aufstellung in 
der Nähe der Stadt, die er mit doppelten Yerschanzungen 
umgeben findet. Zur Yergleichung haben wir Pol. IX 3. 
Während aber nach diesem die Römer sich auf keine Weise 
zum Kampfe verlocken liefsen, macht bei Livius Hannibal 
mit den verständigten Capuanem einen überraschenden An- 
griff, doch so, dafs es zu einer regelrechten Schlacht 



502 Fünfter Abschnitt. 



mit verteilten Kommandos, die Reiterei auf den Flügeln, 
kommt. Ich hebe ans dem grofsen Drama die Szene hervor, 
wo ein Trupp Spanier mit drei Elefanten bis an den Wall 
vordringt, dort aber niedergemacht wird. Hannibal deckt 
durch die Reiterei seinen Rückzug, der von den Römern auf 
Anordnung des Flaocus nicht behelligt wird. Zum Schlufs 
die Verluste an Menschen und Feldzeichen nach der Quelle 
(qui hujus pugnae auctores sunt), daneben aber eine 
Variante in ganz andrer Tonart c. 6, 9: apud alios nequa- 
quam tantam molem pugnae invenio plusque pavoris quam 
certaminis fuisse; Numider und Spanier seien mit Elefanten 
unvermutet, wohl nachts, in das römische Lager eingebrochen, 
römisch Bewaffnete hätten ausgerufen, die Konsuln 
beföhlen auf dem nächsten Hügel sich zu sammeln; 
die List sei aber entdeckt, der Feind ziuückgeschlagen , die 
Elefanten durch Feuer verjagt 

Es liegt nahe, diese bescheidnere Darstellimg dem von 
Livius nicht viel später citierten Coelius, jene, welche doch 
im Grunde auf der andern fufst, Antias zuzuschreiben. Appian 
steht dieser Annahme wenigstens nicht im Wege; er erwähnt 
nur kurz einen vergeblichen Angriff auf die Verschanzungen 
c. 38: TtpogßaXcüv Sh t(p nepvtBixi^^citi xai /itföhv Swrf- 
3'ffe, ^Tfd^ inivoGov^) onoo^ av ig tr]v noXiv iiSTti^ip^iEV 
Tf öirov Jj örpatzav . . Gleich hier sei bemerkt, dafs Antias 
die vermutlich Cölianische Erfindimg sich nicht hat entgehen 
lassen, wenn er auch hier eine Aktion in gröfserem Mafs- 
stabe dafür einsetzte, sondern sie für später aufgespart hat. 



1) Dio Vermutung: inivoelv mit Beseitigung des Komma, be- 
friedigt nicht, denn es fehlte ja dann jede Andeutung über den 
Mifserfolg dos Angriffs, und ist in seiner Ausgabe von Mendelssohn 
mit Recht nicht aufgenommen worden. 



Hannibals Marech auf Rom bei Polybios. 503 

Der Marsch Hannibals auf Rom ist interessant besonders 
wegen der fürchterlichen Entstellung, in welcher er bei 
Livius erscheint. Nach Pol. EX 3 ff. zieht Hannibal, nach- 
dem er die Capuaner instruiert hat, nachts von Capua ab 
nach Samnium, wendet sich von da aber mit Gewaltmärschen 
gegen Rom und erscheint wie ein Blitz aus heiterem Him- 
mel am Anio. Er lagert 40 Stadien von der Stadt und 
zieht sogar einen Sturm in Erwägung. Allein der Zufall 
will es, dafs eine von den Konsuln Cn. Fulvius Centumalus 
und P. Sulpicius Galba ausgehobene Legion soeben in Waffen 
zusammengetreten ist und eine zweite noch ausgehoben wird. 
Mit diesen Leuten nehmen die Konsuln Aufstellung vor der 
Stadt Hannibal wendet sich nun zur Plünderung. C. 7: 
Als aber die Konsuln (nach mehreren Tagen?) nur zehn 
Stadien von ihm lagern, und weil überhaupt seine Hoffnung 
nunmehr ist, dafs die Heere oder ein Heer von Capua im 
Anzüge sei und gefafst werden könne, durchschreitet er den 
Anio, wobei er einigen Abbruch durch die Römer erleidet, 
und rückt nach Süden. Als ihm dann auch jene Hoffnung 
benommen ist, überfällt er die nachsetzenden Römer nachts 
in ihrem Lager; viele werden getötet, der Rest findet auf 
einem Hügel Zuflucht 

So allein, glaube ich, ist Polybios zu deuten und ist 
der Hergang verständlich. Insbesondere kann es sich in 
c. 7 nach den berichteten Einzelheiten nur um einen Über- 
gang imd Marsch in südlicher Richtung an Rom vorbei han- 
deln. Folglich ist Hannibal einen grofsen Bogen beschreibend 
nördlich des Anio aufgetaucht, ganz seinem Plane entspre- 
chend, der darauf basierte, dafs die Feldherrn vor Capua 
nicht weniger als Rom selbst von seinem Streiche überrascht 
würden. Eins nur müssen wir bei Polybios opfern: SXaS^e 



504 Fünftor Abschnitt. 



Staßag tov jiviaova rtotajiov, Polybios dachte sich den 
Anio wohl länger und glaubte, Hannibal habe ihn passieren 
müssen, \un auf dem nördlichen Ufer erscheinen zu können. 

Dafs Coelius den Anmarsch Hannibals ganz und gar 
anders erzählt habe als er selbst, entdeckt Livius gelegent- 
lich der Plünderung des Heiligtums der Feronia am Sorakte 
c. 11, 10 f.: hujus spoliatio (cj. Madvig statt populatio) templi 
haud dubia inter scriptores est Coelius Romam euntem 
ab Ereto devertisse eo Hannibalem tradit iterque eins ab 
Reate Cutiliisque et ab Amitemo orditur. ex Campania in 
Samnium, inde in Pelignos pervenisse, praeterque oppidum 
Sulmonem in Marrucinos transisse, inde Albensi agro in Mar- 
sos, hinc Amitemum Forulosque vicum venisse. neque ibi 
error est, quod tanti ducüs iantiquA exercitus vestigia intra 
tam brevis aevi memoriara potuerint confundi — isse enim 
ea constat — , tantum id interest, veneritne eo itinere ad 
lu-bem, an ab urbe in Campaniam redierit. Die Route des 
Coelius stimmt zu Polybios und scheint mir an- 
nehmbar. "Wenn die Angabe über die Plünderung des 
Tempels heifsen soll, dafs Hannibal seinen Anmarsch unter- 
brochen und persönlich von Eretum sich dorthin gewendet 
habe, so wäre sie freilich wenig sachgemäfs. 

Auch Yalerius mufs, nach Appian. Annib. 38 zu schlic- 
fsen, Hannibals Marsch in bezug auf Richtung und Zweck 
richtig aufgefafst haben. Das erkennt man aus: 6vvx6v(p 
Sk ÖTtovöfl dtsXS^cov US^vtf TtoXXa Ka\ TtoXi/iia und aus 
der Nennung von Alba Fucentia, von wo 2000 -nach Rom 
zur Hülfe eilen. Dafs Hannibal 32 Stadien von Rom lagert, 
erwähne ich, weil die Umsetzung aus dem römischen Mafs 
zu tage liegt. Jetzt aber eine Fälschung: Der eine Pro- 
konsul Qu. Fulvius Flaccus eilt von Capua herbei. 



Hannibals Marsch auf Rom bei Coelius und Yalerias, bei Livius. 505 



Er ist es, der das Lager am Anio Hannibal gegenüber auf- 
schlägt, ihm Verlust beibringt, als er über den Flufs nach 
Süden abrückt, und der nach einigen Tagen nachts überfallen 
wird. Der Überfall nimmt aber eine für die Römer günstige 
Wendung, und dabei spielt die Maschinerie, welche 
wir in dem wohl von Coelius erfundenen, anschei- 
nend ebenfalls nächtlichen Angriff auf das Lager 
vor Capua kennen gelernt haben. 

So hat die Sache einen rühmlichen Abschlufs. Aber auch 
das Heranrücken des Prokonsuls dient aufser zur Steigerung 
der Spannung wohl dem Zwecke, Rom nicht durch Zufall, 
sondern durch schnelles Handeln vor einem Sturm bewahrt 
sein zu lassen. Noch befriedigender wäre es ja gewesen, 
wenn man den Schrecken in Rom überhaupt abgeleugnet 
hättiB. Soweit hat sich aber der feurigste römische Patriotis- 
mus nicht verstiegen. Und wie man nun gar eine solche 
"Beschönigung dem Polybios nachsagen und dessen Bericht 
für eine Erdichtung römischer Eitelkeit erklären kann,i) 
begreife ich nicht. 

Appians Bericht ist aber noch sehr treu im Vergleich 
zu der Erzählung des Livius, welcher einem unbekannten, 
rücksichtslos fälschenden Annalisten gefolgt sein mufs. 
Die Kritik hat sich in gutgemeintem Eifer bemüht, ihm auch 
Widersprüche nachzuweisen. Mit Unrecht Einheitlich 
ist Livius' Bericht durchaus. Der Plan Hannibals ist 
schon vorher dem Prokonsul Fulvius durch Überläufer ver- 
raten und an den Senat berichtet worden. Dieser beschliefst 
nach einer detailliert angeführten Debatte, dafs der eine 



1) So Neumann Z. d. p. Kr. S. 440; auch Streit a. a. 0. S. 35 
findet seine Ansicht „unbegreiflich". 



506 Fünfter Abschnitt. 

Feldherr herbeieilen solle. Hannibal zieht auf der via Latina 
nach Eom, wobei er sich mit Plünderungen^) aufhält. Dafs 
der fregellanische Bote in Rom grofsen Schrecken hervorruft, 
ist nicht inkonsequent, da man erst später Gewifsheit erlangt, 
dafs Flaocus den Befehl des Senates rechtzeitig erhalten hat 
imd aufgebrochen ist. Alle Einzelheiten des Lügengewebes 
darzulegen, wäre zwecklos. Niu- das mufs hervorgehoben 
werden, dafs das Walten des Senates gegenüber der auf- 
geregt ängstlichen Menge überall hervortritt. Vgl. aufser 
der Senatssitzung c, 8 auch c. 9, 9 f.; c. 10, 2 und 9. Letz- 
tere Stelle kann nicht anders verstanden werden, als dafs 
der Senat allein 2) allen gewesenen Oberbeamten zur Aufrecht- 
erhaltung der Ordnung in der Stadt das imperium verleiht. 
Sollte hier wieder der namenlose Fälscher des Senatsbe- 
schlusses über die karthagischen Friedensanerbietungen von 
203 V. Chr. (oben S» 211) zu gründe liegen? 

Wie der Unbekannte den Rückzug Hannibals besclirieb, 
ist teils noch aus der Darstellimg des Livius, teils aus der 
oben berührten Variante c. 11, 10 zu entnehmen. Hannibal 
lagert erst 3000 Schritt von der Stadt am Anio, überschreitet 
diesen dann — in umgekehrter Richtung, als nach den übri- 
gen Quellen — und: ad Tutiam fluvium castra rettulit sex 



1) Das Mitnelimen von 10 Rationen ist deshalb eigentlich über- 
flüssig und vielleicht ein übergebliebener echter Zug. 

2) Willems, le Senat Rom. II S. 558 setzt die Mafsregel in 
Vergleich mit der BestcUmig der Legaten des Feldherm dm-ch den 
Senat. Mommsen Staatsr. I 8. 669 will sie nicht vom formellen 
Rechtsstandpunkt beurteüt wissen. Es liege hier der Notstand der 
Bedrohung Roms vor; unser Bericht sei der einzige zuverlässige 
über das in solchen Lagen beobachtete Verfahren. Indessen die 
Maferegeln zum Schutze der Stadt sind vorher geti'offen; diesen Be- 
schluTs faGst der Senat erst anläfisUch der Unordnungen in der Stadt. 



Hannibals Marsch auf Rom bei Liviiis. 507 



milia passuuin ab urbe; von da zieht er zum Heiligtum der 
Feronia am Sorakte imd plündert es. Und weiter liefs ihn 
(nach jener Yariante) Ldvius' Gewährsmann dieselbe Route 
zurückmarschieren, die er in Wahrheit auf dem Hinweg 
einhielt. 

Ich gestehe, dafs ich bis vor kurzem es für ausgemacht 
hielt, der Rückmarsch auf jener Route existiere nur in der 
Idee des Livius, weil sein Gewährsmann ein sehr gewis- 
senhafter Schelm hätte sein müssen, um so sonderbar 
zu erzählen. Allein das kann man von jenem Fälscher der 
Senatsverhandlung von 203 v. Chr. in der That sagen; auch 
dort hatte er etwas sehr Seltsames zu tage gefördert, weil er 
sich von seiner Vorlage nicht ganz losmachen konnte oder 
wollte. Und Livius behauptet nicht blols, eine solche 
Darstellung gefunden zu haben, sondern hat ja schon, dem 
Fälscher folgend, ein Stück des „Rückzuges" — man ver- 
setze sich in die Stadt Rom — berichtet. Ich nehme also 
an, dafs der Fälscher seine Eonstruktion mit ziemlich skla- 
vischer Benutzung des Materials, das Coelius bot, hergestellt 
hat. Neumann bekennt sich, wie überhaupt zu Livius' Dar- 
stellung, so auch zu* diesem Rückzug. Er meint, die Plün- 
derung des Tempels erkläre sich so besser, nämlich als 
Äufserung von Hannibals Grimm über das Mifslingen seines 
Planes. Das liefse sich ja hören, genügt aber zur Vertei- 
digung einer so schlechten Sache natürlich mit nichten. 

Dio Cassius oder vielmehr, da keine Fragmente vor- 
liegen, Zonar. P. 426 differiert von Livius gar nicht. Und 
dessen Erzählung hat viel Bestechendes. Dafs sie vor Dies 
Augen Gnade gefunden hat, wird uns nicht wundern, wenn 
wir bedenken, dafs selbst neuere Forscher sie vor der Poly- 
bianischen bevorzugt haben. 



508 Fünftor Abschnitt. 



Der Fall Capuas ist enthalten in Liv. a 12 — 16. 
Äufserst bedenklich ist, dafs nochmals den sich Unterwerfen- 
den bis zu einem gewissen Tage Straflosigkeit zugesichert 
wird, aber niemand Gebrauch davon macht, weil man solche 
Langmut für schier unglaublich hält. Sonst bietet der erste 
Teil keinen Anhaltspimkt für die Kritik. Eine Rede c 13 
enthält historische Rückblicke, aber ohne eigentliche Wider- 
sprüche mit Früherem. Die einst bei dem Abfall gemor- 
deten Römer erscheinen hier wohl blofs durch üngenauigkeit 
als praesidium. "Wenn es mit bezug auf den vor Hanni- 
bals Zug auf Rom stattgefundenen Kampf heifst, die Römer 
hätten fast ihr Lager eingebüTst, so pafst dies allerdings 
besser zu der (Cölianischen?) Variante, als der vermutlich 
aus Antias geschöpften Haupterzählung des Livius; aber Li- 
vius erlaubt sich in Reden oft mit Bewufstsein noch gröfsere 
Freiheiten. 

Erst c. 15 können wir an der Hand der im folgenden 
Kapitel von Livius gegebenen Varianten näher kritisieren. 
Während Appius, so berichtet Livius, über das Schicksal 
der in Ketten nach Teanum und Cales abgeführten Senatoren 
von Capua die Entscheidung des Senats abwarten will, eilt 
Flaccus in jene Städte, das Bluturteil zu vollziehen, und läfst 
sich durch ein eintreffendes Schreiben des Senats nicht ab- 
halten, indem er es erst nach der Vollziehung öffnet. Da 
drängt sich noch der Capuaner Vibellius Taurea heran und 
verlangt, dafs Flaccus ihn, den viel Tapferem, auch töte. Er 
durchbohrt sich selbst, da dieser sich dessen im Hinblick 
auf das eben erbrochene Senatsschreiben weigert. 
Letzteres klingt seltsam, und seltsamer noch ist es, dafs ein 
so hervorragender Mann wie Vibellius, vgl. XXm 8, nicht 
unter den Hingerichteten gewesen sein sollte. 



Drei Losarten von dem Strafgericht über die Capnaner. 509 

Reiner und besser war die zweite Quelle, die Livius 
jetzt zur Hand nimmt C. 16: Quia et quod ad supplicium 
attinet Campanorum et pleraque alia de Flaoci unius sen- 
tentia acta erant, mortuum Ap. Claudium sub deditionem 
Capuae quidam tradunt. hunc quoque ipsum Tauream neque 
sua sponte venisse Cales neque sua manu interfectum, sed 
cum inter ceteros ad palum deligatus quiritarety^) quia pa- 
rum inter strepitus exaudiri possent quae vociferabatur, Si- 
lentium fieri Flaccum iussisse. tum Tauream illa quae ante 
memorata sunt dixisse, vinim se fortissimum ab nequaquam 
pari ad virtutem occidi. sub haec dicta iussu proconsulis 
praeconem ita pronuntiasse „lictor, viro forti adde virgas, et 
in eum primum lege age". Wahrscheinlich hatte nach die- 
ser besseren Yersion der Senat gar nicht eingegriffen. 
Zweck der andern scheint mir weniger theatralischer Effekt 
als eine staatsrechtliche Exemplifikation gewesen zu 
sein (der zu liebe dann dem Claudius das Leben etwas ver- 
längert wiu'de): der Beamte, der die Befolgung des Senats- 
konsultes umgeht, wagt nicht gegen dasselbe zu handeln. 

Schwerlich aber wäre jemand auf diesen Einfall gekom- 
men, dem nicht schon folgende dritte Lesart vorgelegen hätte: 
lectum quoque senatus consultum, priusquam securi feriret, 
quidam auctores sunt sed quia adscriptum in senatus con- 
sulto fuerit, si ei videretur, integram rem ad senatum rei- 
oeret, interpretatum esse, quid magis e re publica duceret 
aestimationem sibi permissam. Diese Lesart enthielt aller- 
dings eine staatsgefährliche Theorie, gleichviel ob diese 
Theorie der Endzweck des Erfinders war oder blofs das 
Mittel, um den Senat von jeder Verantwortung für 



1) Oder: doligaretur, cj. Lutorbacher. 



510 Fünftor Abschnitt. 



die blutige That freizusprechen. Sicherlich aber wollte 
des Livius erste Quelle das so angetastete Staatsrecht retten, 
ja an diesem Beispiel gerade mit voller Schärfe klarstellen, 
und das wäre so recht im Sinne dessen, dem Livius soeben 
den Zug Hannibals auf Rom entlehnte. Freilich die Lesart, 
auf die er es hier gemünzt hatte, sieht nicht aus wie von 
Coelius, sondern eher wie von Yalerius. Ygl. dessen Cha- 
rakteristik in unserm Schlulsabschnitt 

Yon Dio Cassius läfst sich erkennen, dafs er in bezug auf 
Appius' Tod die richtige Überlieferung gehabt hat Schwer- 
lich wird er sie blofs aus der Yariante des Livius geschöpft 
haben. Livius übrigens hält c. 33, 4 und 7 in den De- 
batten über Capua fest an dem Tode des Appius erst nach 
der Kapitulation. Dagegen lautet das Plebiszit c. 33, 12: 
qui se dediderunt .... Fulvio proconsuli, wofür sich freilich 
auch eine andre Erklärung geben liefse. 

Über den spanischen Bericht, welchen Livius unter die- 
sem Jahre bringt c. 17 — 20, 6,* ist bereits gehandelt \md 
ermittelt worden, dafs er wesentlidi aus Polybios geschöpft 
ist und ins Jahr 210 v. Chr. vorausgreift, dafs aber zum 
Schlufs aus römischer Quelle die Winterquartiere von 211 
V. Chr. angegeben werden. 

Der Anknüpfimg an diese Winterquartiere wegen ist 
c. 20, 7 die Formel: Ejusdem aestatis exitu, variiert in: Aestatis 
ejus extreme, qua capta est Capua et Scipio in Hispaniam 
venit. Es wird nun berichtet, wie eine karthagische Flotte 
sich vor Tarent legt, um den Römern die Zufuhr abzu- 
schneiden, aber wieder abziehen mufs, weil sie selbst den 
Mangel in der Stadt zu sehr steigert. Ein Polybianisches 
Fragment (aus Hero) IX 9, 10 bespricht dasselbe Ereignis. 
Wollte man Benutzimg des Polybios annehmen, so müfste 



Römische Nachrichten über Tarent und Sicüien. 511 



man das Ereignis jedenfalls mit dem spanischen Bericht in 
210 V. Chr., das Fragment also ins zehnte Buch rücken; in 
dem Herbst dieses Jahres war aber nach Vernichtung dei* 
Flotte des Quinctius wenig Anlafs mehr, eine punische her- 
beizuholen. Anderseits hat man die Flotte, deren Komman- 
dant in dem Fragment allerdings auch Bomilkar heifst, mit 
der 212 v. Chr. nach Tarent gesegelten Liv. XXV 27, 12 
identifizieren wollen; doch müTste man dann unser Stück 
sogar umgekehrt für verspätet halten. 

Der Bericht über Marcellus' Eückkehr nach Rom und 
die sicilischen Verhältnisse nach seinem Abgang c. 21 sind 
aus guter römischer Quelle. "Weil Livius bei dem Vor- 
jahr vorgegriffen, setzt er ein mit: Ejusdem aestatis exitu. 
Nach c. 22, 13 scheint es in der That sogar schon nach 
den "Wahlen zu sein. Der Belohnung der Verräter von 
Syrakns — Polybios nannte überhaupt nur einen — wird 
nach annalistischer Art ausführlich gedacht Sachlich sei 
bemerkt, dafs der sicilische Prätor damals zu seinen Cannen- 
sischen Legionen natürlich noch die des Marcellus übernom- 
men hat Vergl. auch Liv. XXVI 28, 10 und 13. Eine 
Verwechselung beider Truppenkorper braucht man c. 21, 6 
dann nicht anzunehmen. Im Gegenteü imterscheidet Livius 
ganz deutlich beide Heere, welche gleich unzufrieden waren, 
aber aus verschiedenen Gründen: partim quod cum impera- 
tore non devectus ex provincia esset, partim quod in oppidis 
hibernare vetiti erant. 

Nach dem am JahresschluTs üblichen annalistischen Stück 
c. 22 f., in welchem unter anderm die Wahl des Valerius Lae- 
vinus ziun Konsul wegen seiner vortrefflichen Leistun- 
gen im Kriege gegen Philipp vorkommt, folgt noch ein 
Abschnitt über Makedonien a 24 — 26, 4: Per idem tem- 



512 Fünfter Abschnitt. 



pus u. s. w., der erste seit jenem annalistischen, aber gutea Be- 
richt von 2 14 V. Chr. Die Annalen mögen für die zwischen- 
liegenden Jahre nichts Ähnliches geboten haben, wie denn auch 
Zonaras nichts davon hat; aus Polybios aber (dem sich Livius 
von 213 V. Chr. an, auch was Spanien betrifft, wieder mehr zu- 
gewendet hatte) das wenige die Römer Angehende auszuziehen, 
würde gewifs mühsam gewesen sein. Laevinus, der noch 
immer Flotte und Legion befehligte, scheint sich abwartend 
verhalten zu haben; sogar in dem Bruchstück Pol. Vm 15 f., 
welches die gewaltigen Fortschritte des Königs Philipp in llly- 
rien schildert, wird er nicht erwähnt, und auch Justin, XXIX 
4, 5 wird die Zeit bis 211 v. Chr. übergangen. Anders wird 
es seit dem Herbst 211 v. Chr. Mit diesem, speziell der 
Herbstversammlung der Ätoler, in welcher unter anderem auf 
den Fall Capuas hingewiesen wird, setzt Livius ein, schon 
dadurch seine Quelle i) Polybios verratend, der den ereig- 
nisreichen Winter natürlich unter das folgende Jahr zog. 
Das Bündnis der Ätoler mit Rom, kaum geschlossen, wird, 
noch ehe sich Laevinus nach Kerkyra zu einer kurzen Win- 
tennihe zurückzieht, durch einige Unternehmungen bethätigt, 
z. B. eine gegen die Akamanen, auf welche sich PoL IX 
40, 4 — C = Liv. c. 25, 11 — 13 bezieht. Dies Fragment 
mufs demnach vorangestellt werden. Hier begegnet auch bei 
Livius zuerst der in den späteren Polybianischen Abschnitten 
so häufige chorographische Genetiv: Oeniadas Nasumque Acar- 
nanum (= !äKapvdvGov Olvtdöag xal NfföoVy wo die do- 
rische Form, wie auch in den sicilischen Stücken, durch 
spätere Redaktion beseitigt ist). Dann mehrere Züge Philipps 



1) Den Polybianischen Urspining dieses Abschnittes hatte in 
seiner dritten Auflage auch Weifsenbom festgestellt. 



Makedonien (Pol. 210 v. Chr.). — 210 v. Chr. 513 



von seinen Winterquartieren aus z. B. gegen eine thrakische 
Stadt Jamphorynna, wonach gewifs das Citat des Stephanos 
Pol. IX 45, 5: ^opowva TtoXi^ &p^xrf^ zu bessern ist. 
Nach kurzer Thätigkeit des Laevinus im Frühjahr wird er 
abberufen zum Konsulat, kommt aber diutumo morbo impli- 
cituß ungewöhnlich spät in Rom an. 

Mit dieser Nachricht bricht Livius ab. Bei Polybios 
aber folgten — und zwar nach den Hindeutungen c. 39, 2 f. 
gleich darauf — grofse Verhandlungen zu Sparta Pol. IX 
28 — 39, sodann kriegerische Ereignisse, wovon c. 40 — 42 
kleinere Bruchstücke handeln. Livius hat diese teils ihm 
uninteressanten, teils den Römern wenig ehrenvollen Yor- 
gänge weggelassen, zumal sie ihn tief in das nächste Jahr 
und in die Amtsführung des Sulpicius hineingezogen hätten. 
Der Inkongnienz der beiderseitigen Jahresrechnung mufste 
sich Livius hierbei mehr als bisher inne werden. Aber der 
ZufaU wollte es, dafs diesmal das für ihn Wichtigste trotz 
oder wegen der im allgemeinen falschen Gleichung aus- 
nahmsweise an die richtige Stelle geraten war, so dafs Livius 
in seinem bisherigen Verfahren fast noch bestärkt wurde. 

Zonar. P. 428 erwähnt an derselben Stelle wie 
Livius mit wenigen Worten die Thätigkeit des Laevinus. 

210 V. Chr. Die so interessanten, aber für unsere 
Zwecke nicht ergiebigen Verhandhmgen über des Marcellus 
und Fulvius Flaccus Amtsführang lassen Livius erst c. 37 
zum Kriege selbst kommen. Sollte man glauben, dafs Livius, 
der den letzten Bericht vom makedonischen Schauplatz aus 
der zweiten Hälfte des neunten Buches vorausgenommen 
hat und den nächsten Bericht vom spanischen ebenso vor- 
ausnimmt aus dem zehnten Buche und bei dem letzteren 
sich völlig befangen in seiner falschen Jahresgleichung zeigt, 

Hesselbarth, histor. - krit. Untersach. 33 



514 



Fünfter Abschnitt. 



jetzt zwischen diesen Stellen ein Polybianisches Stück ohne 
chronologische Differenz benutzt, also ein solches, welches 
vor jenem makedonischen Abschnitt, in der Mitte des 
neunten Buches stand? 

Die Bilance, welche XXVI 37 aus dem bisherigen Yerlauf 
des Krieges gezogen wird, ist bestimmt Polybianisch, 
vgl. PoL IX 21, 13 und 14, und offenbar die Einleitung 
zum Jahre 211 v. Chr. Polybios verdankt den Überblick 
auch gewifs lediglich sich selbst, wie er ihn denn auch zu 
einer Bemängelung der rag xata /xipog TtpdSeig Schrei- 
benden verwendet. Selbst das Dichterwort Odyss. XIX 471: 
a/ia x^PM^ ^^^ äXyog, aber in Übereinstimmimg mit der 
Polybianischen Umschreibung a/xa XvTttfv xai jjfo'pav, klingt 
bei Livius durch: luctum et laetitiam. Und auch die Unter- 
suchung über Hannibals Charakter c. 22 — 26 hat Livius 
sich zu nutze gemacht, natürlich ohne den von Polybios 
widerlegten Vorwurf der Grausamkeit Hannibal zu ersparen. 
An einer Stelle will ich beide Texte gegenübersetzen, weil 
hier die Spuren der Übersetzung mir recht deutlich scheinen. 



PoL IX 26, 2— 6: 
'kßia yap tos yeviö^at tifv 
Kaitvffv röis ^Poofiaiots VTCoxei- 
piov, Ev^ioos Tföav, onep eixo^f 
al TToA«? fxetioDpot xa\ jcepü- 
ßXenov dq>opfiaS xai TCpocpdöet^ 
rijs npbs ^Pooßiaiovs fiBxaßoXijg, 

(3) oxa 67f xai Boxet ßiaXiöta 
öv^XPV^'^V^^^^ 'Avvißas eis dito - 
piav ißiTteÖEiv vTthp tgov ive- 

ÖtGOftdOV, 

(4) ovte ydp Ttfpelv ras no- 
Xets ndöas noXv Bu^taoöas 



liv. XXVI38, 1-2: 
Hannibalem ante omnia an- 
gebat, quod Capua pertinacius 
oppugnata ab Romanis quam de- 
fensa ab se multorum Italiae 
populorum animos averterat, 



(2) quos neque omnes tenere 
praasidiis, 



Der Überblick über die Kriegslage. — Salapia. 



515 



eis h^a rojcov, rc5v leoXejLtiGov 
Mal TtXeioöt &cpaxoiti6ots avTi- 
TeapayovTGoy, 

ovte Statpetv eis xoXXä 
^iprf rrjv avtov övraßiiv olos 
t' rfv, (5) evxeipootos yoLp ijtieXXe 
töis ix^pdis vitdp^tv TiOLt 8ta 
t6 XelTteöSat toS leXTJ^et xal 8td 
t6 fiTf Svvaö^at näöiv avtos 
övßiitapeivatt. 



nisi vellet in mnltas parvas- 
que partes carpere exercitum, 
quod minime tum expediebat, 
poterat, 



nee deductis praesidiis spei libe- 
ram vel obnoxiain timori soeionun 
relinquere fidem. 

Die Polybianische Alternative hat Livius aus Mifsver- 
stand in eins gemengt und dann de suo ein zweites Glied 
hergestellt; und selbst in letzterem scheint mir die "Wahl 
des Ausdrucks obnoxius nicht imbeeinflufst durch das soeben 
gelesene evx^ipc^og. 

Daran knüpft Livius den Abfall von Salapia. Der 
Römerfreund Blattius sucht seinen Gegner Dasius für den 
Abfall von Hannibal zu gewinnen. Diesem angezeigt, weifs 
er der Anklage geschickt die Spitze abzubrechen, indem er 
beim Verhör selbst abermals seinem Feinde eine solche Zu- 
mutung zuraunt. Dieser verliert, indem er es augenblicks 
Hannibal meldet, eben weil die Sache so unglaublich ist, 
alles Gewicht Später wird er doch noch gewonnen, Salapia 
Marcellus übergeben. Die Besatzung von (500?) Numidem, 
longe fortissimi equitum toto Punico exercitu, fäUt tapfer 
kämpfend, und dieser Yerlust soll schlimmer gewesen sein 
als der der Stadt: neque deinde unquam Poenus, quo 
longe plurimum valuerat, equitatu superior fiiit. — Ob diese 

33* 



516 Fünfter Abschnitt. 



Geschichte Polybianisch ist, ist sehr zweifelhaft. Wie die 
AnlmüpfuDg an das Vorige dafür, so kann die sonderbar 
grofse Eolle, welche die Numider spielen, dagegen angeführt 
weiden. Zonar. P. 429 A stimmt sachlich mit Livius; die 
Namen lauten Plautius und Alinius, was vielleicht auf Yer- 
wechselung mit dem Dasius Altinius aus Arpi Liv. XXIV 45 
beruht. 

Appian. Annib. 45 — 47 ist die Sache merkwürdig aus- 
gesponnen. Nachdem Blatios der Anklage entgangen (wobei 
Appian recht breit tritt), überredet er seinen Feind nicht, 
sondern spielt folgenden Doppelstreich. Er macht Dasios 
glauben, dafs er zu einem befreundeten, aber sehr entfernten 
römischen Feldherm gegangen sei, um Truppen zu holen, 
worauf der andre 1000 Reiter von Hannibal holt. Blatios 
ist ihm aber zuvorgekommen, indem er vielmehr ig^Pcojxip^ 
oSbv iXdööova (sollte heifsen: zu Marcellus, den Appian 
aber noch nicht erwähnt hatte) geeilt war, hat die Besatzung 
von Libyern getötet und lockt nun die 1000 Reiter in einen 
Hinterhalt innerhalb des Thores, wozu ein späterer Vorgang, 
unten S. 545, das Muster gewesen ist 

Liv. XXVI 39: Per idem tempus wird eine römische 
Flotte von 20 Schiffen, die ein gewisser D. Quinctius in 
Rhegium gesammelt hatte, und welche jetzt der Burg von 
Tarent Proviant zuführen sollte, von tarentinischen Schiffen 
unter Nico, cui Perooni fuit cognomen, vernichtet Ander- 
seits soll in diesen Tagen durch einen Ausfall eine Menge 
von fouragierenden Tarentinem niedergemacht, die Stadt fast 
wiedergenommen sein. Das Detail über den durch seine 
Heftigkeit bemerkenswerten Kampf der Schiffe ist schön. 
Weniger motiviert sind die allzu detaillierten Daten über den 
Ursprung der einzelnen Schiffe des Quinctius. Das Ganze 



Snlnpia. — Sicilion. 517 



mag einer Aufzeichnung aus Hhegium entstammen. Auf 
Polybios als Quelle zu raten, welcher übrigens bei der Über- 
rumpelung Tarents dem andern Nico keinen Beinamen ge- 
geben hat, liegt kein Grund vor. 

C. 40: Der Konsul Laevinus kommt magna jam parte 
anni circumacta nach Sicilien, nimmt dank dem Verrat des 
durch Hannibals Schule gegangenen imd verdienten, jetzt 
vom Oberfeldherrn Hanno mit Undank belohnten Numiders 
Muttines Agrigent ein und beruhigt in kurzer Zeit die Insel. 
Eine Bande von 4000 Mann verpflanzt er von Agathyma 
nach Khegium, um sie gegen die Bruttier zu verwenden. 
Polybios hat, wie die Fragmente IX 27 zeigen, ebenfalls 
zum Jahre 210 v. Chr. sich über die Lage von Akragas ver- 
breitet, und auch die Überführung der Bande von Agathyma 
auf grund eines Yertrages (öovg niöteiq) berichtet. Für 
Polybios als Quelle des Livius Meh^ sich vielleicht anführen, 
dafs die Beute von Agrigent gar nicht spezialisiert wird. Es 
heifst blols, dafs der Erlös nach Kom geschickt ist. Unpoly- 
bianisch^) scheint mir § 14: prodita brevi sunt XX oppida, 
VI vi capta, voluntaria deditione in fidem venerunt ad XL 
«= Eutrop. ni 14: XL dvitates in deditionem accepit, XXVI 
expugnavit, wo aber auch noch die Nachricht steht, Hanno sei 
gefangen und mit den übrigen vornehmen Gefangenen nach 
Rom geschickt, während Livius sein Entkommen beschreibt. 

Nach Zonar. P. 429 C wäre Movriva<s (Pol. IX 22, 5: 
Sia Mvtrovov) schon von Hannibal aus Eifersucht nach 



1) Weim Polybios bei dem seinen Lesern so femliegenden 
Spanien einmal von 300 durch Gracchus zeratörten Städten sprach, 
so ist er ausnahmsweise in den Annalenstü verfallen und mufste 
sich gefallen lassen, von Poseidonios verspottet und der Parteilich- 
keit bezichtigt zu werden. Strabo III 13. 



518 Fünfter Abschnitt. 



Sioilien geschickt gewesen; dies ist wohl eine pragmatische 
Leistung von Dio. 

Im ganzen scheint mir die Benutzung des Polybios in 
c. 39 f. doch sehr zweifelhaft, während c. 37 — 38, 4 aller- 
dings, wie ich wiederholt hervorhebe, nicht blofs aus der 
Erinnerung, sondern unmittelbar nach Polybios geai'beitet ist 
Immerhin begreift es sich eher, dafs Livius ein Räsonne- 
ment aus einer ihm aufgestofsenen früheren Stelle nach- 
geholt, als dafs er von dorther allerlei Nachrichten geschöpft 
hätte, um unmittelbar darauf c. 41 mit den Worten: In Hi- 
spania principio veris, wieder nach falscher Gleichung das 
zehnte Buch zur Vorlage zu nehmen. Zu berücksichtigen ist 
allerdings, dafs Livius gewifs mit einem Vorleser arbeitete. 

Ob Livius aus bestimmten Gründen den zehn Kapitel 
umfassenden spanischen Bericht schon hier angeschlossen 
hat, etwa um das Buch nicht zu lang werden zu lassen 
und doch mit einem vollen Akkord zu schliefsen, lasse ich 
dahingestellt. 

Buch XXVn beginnt c. 1 mit der Schlappe von Her- 
donea. Das Beachtenswerte ist, dafs die von Livius gewählte 
und die bei Appian aufbewahrte Darstellung verschieden, 
übrigens ziemlich gleich schlechte annalistische Erzeug- 
nisse sind. Bei Livius nimmt der bei der Stadt lagernde 
Fulvius, als Hannibal in Gewaltmärschen heranrückt, die 
Schlacht an. Je eine Legion und eine Ala bilden die beiden 
Treffen. Ein Überfall der karthagischen Reiterei auf das 
römische Lager und den Rücken entscheidet die Schlacht 
§ 13: Romanonun sociorumque quot caesa in eo proeHo müia 
sint, quis pro certo adfirmet, cum tredecim milia alibi, alibi 
haud plus quam Septem inveniam. castris praedaque victor 
potitur ... (15) Romani, qui ex tanta clade evaserant, diver- 



Schlappe von Uerdonoa. 519 



sis itineribus semennes ad Marcellum consulem in Samnium 
perfugenint. Offenbar ist es die höhere Ziffer, welche Livius 
in seiner Hauptquelle fand. Bei Appian belagert Fulvius die 
Stadt bereits. Hannibal, unvermerkt in der Nacht heran- 
gekommen, läXst durch einen Scheinangriff der Eeiterei auf 
das Lager die Bomer herauslocken, indes er selbst mit dem 
Fuisvolk um die Stadt xataöxeTtto/jLSvo^^) afjia xal tovg 
ivöov iTteXTti^oav herumzieht, bis er — Appian zweifelt, 
sIte npdiSofjLBvoq eire xata öuvtvxioiv — auf die Römer 
vom Rücken her stöfst. Verlust 8000 Mann, oi Xotndi 
5' %<S ti x<^H'^ ^po tov örpatoniSov dvaS^opovteg avto 
t8 Stiöcaöav yervaico^ afiwofJLBVOi xal rbv Uvvißav 
ixGoXvöav Xaßeiv ro ötparoTtsöov. Frontin. Strat 11 5, 21 
liegt offenbar dieselbe Quelle zu gründe; auch er hat 8000, 
wonach ich die 7000 des Livius ändern möchte. 

Diese Darstellung macht gegen die schematische Liviar 
nische zunächst einen günstigeren Eindruck. Allein, was 
man vielleicht für individuell und thatsächlich halten möchte, 
ist doch wohl nur recht raffinierte Erfindung. Dabei scheint 
mir Appian noch einen gleichzeitigen Ausfall der Belagerten 
übergangen zu haben. Und dann liegt die patriotische Ten- 
denz gar zu sehr zu tage; sogar bei dem Scheinangriff 
kämpfen die Römer 6vv ^opvßcp jjikv . . . 6vv S^dpöst Se. 
Ygl. oben S. 334. Freilich wird man bei Livius für den 
viel übleren Verlauf der Schlacht entschädigt, indem c. 2 
Marcellus sehr zuversichtlich gegen Hannibal rückt und ihm 
bei Numistro ein zwar unentschiedenes, 2) aber sehr nihm- 



1) Man hat sich eine circumvallatio zu denken, dei'en Durch- 
brechung also in erster Linie Hannibals Absicht gewesen sein soll. 

2) Beide Teile haben nämlich sich für alle Fälle gesichert, 
Hannibal indem er einen Flügel an einen Hügel lehnt, oder was 



520 Fünfter Abschnitt. 

reiches Gefecht liefert. Dieses Nachspiel eingerechnet, dürfte 
die Wage zwischen dem von Livius bevorzugten Annalisten 
(vielleicht Claudius) und Appians Quelle ziemlich gleich sein. 
Jener hat das Ergebnis der Schlacht von Herdonea nicht 
wesentlich abgeschwächt und den Kampf nur nach bekann- 
tem annalistischen Rezept geschildert, hingegen für prompte 
Revanche Sorge getragen; Antias hat es vorgezogen, die 
Niederlage nur halb zuzugeben und mit vielem Aufwand von 
Phantasie ehrenvoll zu machen. Unmittelbar darauf bespricht 
Appian die Verpflanzungen, welche beide Parteien in diesem 
Jahre mit den allzu abgelegenen und feindlichen Angriffen 
ausgesetzten Anhängern vornahmen, wie auch Livius von 
solchen c. 1, 14 und c. 3, 6 f. zu berichten weifs. 

Übrigens will ich nicht sagen, dafs die Erfindung einer 
Revanche durch Marcellus bei Antias auf unfruchtbaren Boden 
gefallen ist. Denn ich glaube ihm die glänzenden Schlach- 
ten des nächsten Frühjahrs bei Livius zuschreiben zu können. 

209 V. Chr. c. 7 — 11 innere Angelegenheiten, darunter 
die Schätzung, dann erst c. 12, 1 — 6 Aufbruch der Konsuln 
Fabius und Fulvius. C. 12, 7 — 14 aber soll Marcellus, ubi 
primum in agris pabuli copia fiiit, ex hibemis profectus, bei 
Canusium in dreitägiger offener Schlacht Hannibal ent- 
gegengetreten sein. Das Ganze ist überreich an Knalleffekten 
und durchzogen von Aussprüchen und Reden beider Feldherrn, 



auf dasselbe hinausläuft, Frontin. Strat. n 26 an: cavas et praeruptas 
vias. Wenn es hier weiter heüst: ipsaque loci natura pro muni- 
mentis usus clarissimum ducem vicit, so hat Frontinus oder die 
benutzte Sammlung von Exempla nur den Mund etwas voll genom- 
men. Viel näher als Streits Vermutung einer römischen Nieder- 
lage liegt die Annahme, dafs das ganze Treffen von Numistro eine 
Erfindung ist. 



209 V.Chr. Erfandeno Thaten dos Sflorcellos. 521 



welche umsomehr der Quelle zuzueignen sind, als livius 
eelbst einmal die Weitläuftigkeit derselben bemerkt o. 12, 11: 
multis verbis adhortatus. Der SchluTs ist, dafs Hannibal 
nächtlicher Weile aufbricht; speculatores qui prosequerentiu: 
agmen missi wissen am nächsten Tage zu melden, dafs er 
nach Bruttiiun ziehe. Sein gleich zu erwähnender Zug nach 
Caulonia ist also, recht in Antias' Manier, als erzwungen hin- 
gestellt 

Nicht glaubhafter wird alles das durch den Prozefs, 
welchen ein Tribun demselben Marcellus im Laufe des Jahres 
macht, weil er den Sommer über unthätig in Venusia ge- 
legen! Welche Anklage er freilich so glänzend besteht, dafs 
sie ihm sein fünftes Konsulat einträgt 

Eins an jenen Kapiteln ist entschieden von Livius 
hinzugethan, nämlich'die Beziehung zu dem Anschlag 
des Fabius auf Tarent Um von dieser Stadt den Punier 
abzulocken, befahl nämlich Fabius der aus Überläufern und 
allerlei Gesindel bestehenden Garnison von Khegium, Caulonia 
zu belagern. Seine Yoraussicht, dafs Hannibal sich dorthin 
wenden würde, erfüllte sich; echt römisch erkaufte man 
durch Aufopferung dieses dem Staat gleichgültigen Korps den 
Wiedergewinn des wichtigsten Platzes, welchen Hannibal noch 
hatte. Eine unberechtigte Ausdehnung dieser Idee ist es aber, 
wenn nach Livius auch der Konsul in Lukanien und der Pro- 
konsul in Apulien dringend ersucht werden, Hannibal fest- 
zuhalten. Livius hat hier einmal zur Unzeit pragmatisiert. 
Fulvius verhält sich dann auch recht friedfertig, und was 
Marcellus betrifft, so jagt er ja Hannibal vielmehr auf, als 
dafs er ihn festhält 

Daus Appian von Marcellus' Auftreten schweigt, schreckt 
mich wenig. Man sehe sich nur diesen Teil der Annibaike 



522 Fünfter Abschnitt. 



einmal mit kritischem Blicke an. Nachdem das Bingen um 
Capua in die Kapitel 36 — 43 etwas Fluls gebracht, hat 
c. 44 das Aneinanderreihen herausgegriffener Einzelheiten 
wieder begonnen: Behauptung eines uns sonst selbst dem 
Namen nach unbekannten bruttischen Städtchens durch Hanni- 
bal, Verlust von Salapia, die Schlacht vor Herdonea und die 
beiderseits vorgenommenen Yerpflanzungen. Von römischen 
Führern wird dabei einzig joner Fulvius, irrtümlich als Kon- 
sul bezeichnet, genannt. Über alle Mafsen flüchtig wird 
aber Appian von 209 an. C. 49: fc? te tf/v jivvißov ht 
vTtffHoov i^ßaXovreg AvXßaviav rs slXov xal rffv Bpur- 
rioov inirpBxov (sollte vielmehr heifsen: liefsen Caulonia 
belagern durch die Freischaren, welche bisher das Eauben 
in Bruttium besorgt hatten!) xai Tdpavta (ppovpov/xivtfv 
VTto Kap^aXcovog ix yfj<s Kai ^a\a6ÖTf(s inoXiSpHOVY. 
Also, so scheint es, eine eigentliche Belagerung, wovon bei 
Livius, um das vorwegzunehmen, nicht viel zu spüren ist; 
sonst bieten die wenigen Worte über den Fall der Stadt nichts 
Abweichendes. Mit c. 50: jivvißag dh iTteiyo/jisvo^ ig 
avtffv TtapffXBev ax^ofiBvo^s h &ovpiov(S Kaxet^sv ig 
Ovevovöiav stehen wir bereits vor dem Untergang der 
Konsuln von 208 v. Chr. Bei einer so flüchtigen Auslese 
kommen natürlich die Feldschlachten zu kurz, zumal wenn 
man sich die Nennung der verschiedenen römischen 
Kommandeure geflissentlich zu sparen strebt. Denn 
man kann eher sagen: „die Römer" eroberten die und die 
Städte, als: „die Römer" siegten da oder dort über Hannibal. 
Marcellus' Namen insbesondre haben wir bereits bei Sala- 
pias Wiedereinnahme geradezu unterdrückt gefunden, und 
nicht ohne Ursache, da er ihn irrtümlich nach der Erobe- 
rung von Syrakus in seiner Iberike hatte auftreten lassen. 



Plutarchs Vita des Fabius. 523 



Also hat auch das Fehlen von Marcellus' Siegen zum Jahre 
209 V. Chr. nichts zu sagen. 

Ich muTs hier zunächst einiges über Plutarchs Yita des 
Fabius einschalten, da dieselbe für die nunmehr zu bespre- 
chende Eroberung Tai*ents Wichtigkeit besitzt. Nachdem, 
wohl nur an der Hand des Livius, die Beteiligung des Hel- 
den an den Senatsbeschlüssen nach dem Unglück von Cannae 
nach Kräften verherrlicht ist, werden c. 19 nach Poseidonios 
Fabius und Maroellus als Schild und Schwert Eoms gegen- 
übergestellt, dabei die Geschichte Liv. c. 16, 14 vorausge- 
nommen, jedoch vielleicht nach eigner Quelle {Sia vvKtog 
ist ungedeckt). 

Die beiden Anekdoten c. 20 kennt Livius gar nicht. 
Dagegen scheinen mir Frontin. IV 7, 36, De vir. ill. 43, 
VaL Max. YII 3, 7 aus derselben Quelle geschöpft zu haben. 
Die erste Anekdote ist lediglich eine zweite Auflage der 
Geschichte von dem nolanischen Parteiführer Bantius Liv. 
XXin 15 =» Plut. Marc. 10, welchen Marcellus, in Nola 
einrückend, von seinen verräterischen Absichten dadurch ab- 
bringt, dafs er sein Bedauern ausspricht, von dessen Lands- 
leuten nicht schon auf ihn aufmerksam gemacht zu sein, 
und dafs er ihn wegen früherer Heldenthaten mit einem 
Pferd und einer Anweisung auf den Quästor belohnt und 
zugleich den Liktoren befiehlt, ihn jederzeit vorzulassen. 
Hier ist es Marius Statilius, schon Liv. XXII 42 mit Führung 
einer lukanischen Schwadron betraut, welchen Fabius, um 
ihn von dem geplanten Abfall abzubringen, nach Plutarch 
mit einem Pferd imd sonstigen Auszeichnungen, nach Fron- 
tinus mit einem Pferd und Geld beschenkt. Ja bei letzterem 
beklagt Fabius noch ganz ähnlich, wie Marcellus in der vor- 
bildlichen Erzählung, den Neid der commilitones des Ritters. 



524 Fünftor Abschnitt. 

Eine andre Ähnlichkeit ist wiederum bei Plutarch aufbewahrt, 
nämlich die Aufforderung, sich künftig direkt an den Feld- 
lierm zu wenden. Wenn aber Plutarch den so Geehrten 
ötparicatTfv SvSpa Mdpöov, avdpei^ Kai yevsi tcov 
övfjLfjidxoov npcärov nennt, so hat er offenbar den Eigen- 
namen Marius verlesen als Yölkemamen Marsus und infolge 
dessen ihn zum Gemeinen degradiert Daher die bisherige 
Yemachlassigimg denn auch vom Feldherrn statt auf das 
neidische Schweigen der Genossen auf die Ungerechtigkeit 
der Vorgesetzten geschoben wird. Die zweite Anekdote hat 
Frontinus ausgelassen. Fabius läfst einem tapferen lukani- 
sehen Mann, welcher ihm vom Tribunen gemeldet worden 
ist, weil er nachts das Lager zu verlassen pfl^e, um zu 
seinem Mädchen zu gehen, das Mädchen ins Lager bringen 
und ermuntert ihn so zu ferneren kühnen Thaten. 

De. vir. ill. stimmt ganz mit Plutarch überein: Marium 
Statilium transfugere ad hostes volentem equo et armis dona- 
tis retinuit. et Lucano cuidam fortissimo ob amorem mulieris 
infrequenti eandem emtam dono dedit. Yalerius Maximus 
erzälüt ebenfalls die beiden Geschichten von Fabius Maximus, 
cum praecipuae fortitudinis Nolanum peditem dubia fide sus- 
pectum, et strenuae operae Lucanum equitem amore scorti 
deperditum in castris haberet, hat aber bei Nolanum offenbar 
die Originalgeschichte im Kopf gehabt und nebenbei pedes 
und eques verwechselt. 

Noch anders Dio fr. 57, 33 und 34. In dem ersten 
Bruchstück preist er des Marcellus kluges Verhalten gegen 
die zum Abfall geneigten Nolaner überhaupt. Dabei schwebt 
ihm die Geschichte von Bantius vor; vielleicht hat er sie 
mit jenem Satze nur eingeleitet. Wahrscheinlich kannte 
er aber auch die Übertragung derselben auf Fabius 



Plutarchs Vita dos Fabios. — "Wiedereinnähme von Tarent. 525 

und Statilius und die Zusammenstellung mit der 
zweiten Geschichte. So ist es wohl zu erklären, dafs 
er letztere seinerseits nun auf Marcellus überträgt: ort b 
avtb^ MdpxeXXog tcav iTtTtidov tiva rcov AevKavwv 
aiöS^ojxevog iv ipaott ywatnog bvta u. s. w. Dafs er 
ihn auch zum Ritter machte, konnte leicht passieren und 
ist eine zuföUige Ähnlichkeit mit Yalerius Maximus. 

Gemeinsame Quelle wird Nepos sein, der wohl mehr 
oder weniger Antias gefolgt ist; diesem letzteren könnte 
Statilius sogar überhaupt sein Dasein verdanken. 

Es folgen bei Plutarch c. 21 — 23 die Wiedereroberung 
Tarents, c. 24 zw^ei Geschichten wohl aus Liv. XXIV 44, 10 
und Cic. de sen. (vgl. oben S. 289), endlich c. 25 f. breit aus- 
geführt die Befeindung Scipios imd c. 27 Fabius' Tod. In 
diesem ganzen Teil ist Livius mit benutzt, am deutlichsten 
c. 26, wo sogar ein Übersetzungsfehler ist: ßapvtspov iv 
AißviTf npo KapxTföovog avtotg jivvißav i/jiTteöetöS^at 
xal ötpatov otTtavtriÖBiv ^Ktnioifyt noXkwv %tt ^sp/xbv 
avtoxpatopGov aifjiari xal Sixtaropcav xal VTtdtoov 
■= Liv. XXX 28, 2: graviorem in sua terra futurum hostem 
Hannibalem, und § 6: multos occursuros in acie, qui prae- 
tores, qui imperatores, qui consules Romanos sua manu 
occidissent. Hingegen ist bei der Wiedergewinnung Tarents, 
zu welcher wir nun übergehen, Livius nur nebensäch- 
lich am Schlufs, sonst aber dessen Quelle Polybios 
und nebenbei ein Annalist benutzt. 

Über den Hergang des Ereignisses kann kein Zweifel 
sein. Jene Hannibal schon längst in mehrfacher Hinsicht 
höchst unbequeme Besatzung von Rhegium lockt, indem sie 
auf des Fabius Befehl Caulonia belagert, Hannibal auf sich 
und wird wirklich von ihm gefangen. * Inzwischen belagert 



526 Fünftor Abschnitt. 



aber Fabius die Stadt und nimmt sie durch Verrat. Ein 
Tarentiner aus seinem Heere läuft scheinbar über, weifs einen 
bruttischen Offizier, der ein Verhältnis zu seiner Schwester 
hat, durch diese dahin zu bringen, dafs er an seinem Posten 
auf der östlichen Stadtseite die Homer nachts die Leiter 
anlegen läfst, während an der Burg und dem Hafen ein 
Scheinangriff stattfindet. Als Hannibal von der Gefahr Nach- 
richt erhalten, was bei einer Entfernung von nicht imter 
40 Meilen durch Eilboten oder zu Wasser zwei bis drei 
Tage erfordert haben wird, eilt er in Gewaltmärschen her- 
bei, kommt aber um ein Geringes zu kurz. 

Dafs nun Livius den Polybios zur Hand genommen, 
den er ja für Tarent schon früher zu seinem Führer erkoren, 
wird am klarsten bewiesen durch den Genetiv Caulonis 
c. 15, 8, ganz entsprechend der Namensform Pol. X 1, 4, 
wo KavXoovia erst diu'ch die Herausgeber hineinkorrigiert 
ist. Livius hat übrigens den in diesem Bruchstück enthal- 
tenen Nachweis der Wichtigkeit von Tarent weggelassen, und 
von seinem Standpunkt aus mit Recht. Auf Polybios als 
Quelle deutet auch, dafs Livius weifs, wo die punische Flotte 
war: bei Kerkyra, um Philipp gegen die Ätoler zu helfen. 
Nicht minder, dafs wir über das Schicksal sowohl des erst 
hier genannten Kommandanten Earthalo als der einzelnen 
tarentinischen Führer genauen Bescheid erhalten. Das In- 
teresse und die Kunde, welche Livius hier voraussetzt, hatten 
eher die Leser des Polybios als die seinigen. Er hebt her- 
vor, dafs Fabius die Zeit richtig bemessen habe, wie es PoL 
IX 12 vom Feldherm verlangt wird. Nachdem mit Hülfe 
der Bruttier die Mauer erstiegen, dann auf dem Markt gegen 
die Tarentiner gekämpft worden ist, heifst es im Anschlufs 
an die Schilderung des unter Tarentinem und Karthagern 



Wiedereiimahme von Tarent. 527 

angerichteten Blutbades: Bruttii quoque multi interfecti, seu 
per errorem sen vetere in eos insito odio seu ad prodi- 
tionis famam, ut vi potius atque armis captum Tarentum 
videretur, extinguendam. Ich meine, und die Yergleichung 
Plutarchs wird es bestätigen, die Quelle, welche die That- 
sache wufste, wird auch den Grund und die Umstände genau 
gewufst haben. 

Plutarch also scheint mir in einigen Punkten dieselbe 
Quelle vollständiger oder genauer wiederzugeben. Der Taren- 
tiner gewinnt den bruttischen Offizier doch nicht so schnell 
und einfach, als es bei Livius scheint, und seine Bückkehr 
zu Fabius erfolgt in der sechsten Nacht, der Sturm also 
gewifs in der siebenten, recht sachgemäfs. Polybios hat 
sicherlich die Tage genau angegeben, Livius aber das alles 
gestrichen, schon weil er, wie oben ausgeführt, die Züge 
dieses Sommers und ihre Zeit durcheinandergemengt hatte. 
Geradezu aber sagt Plutarch, der seine Helden wahrlich 
nicht schwärzer macht als sie sind, dafs Fabius sich bewufst 
gewesen sei die Besatzung von Rh^ium eben aufzuopfern, 
und dafs er befohlen habe die Bruttier gleich zuerst 
niederzuhauen oSg fJLt] npoSoöiqc rffv nokiv i^coy cparBpois 
yirotto. 

Beschönigt hat Livius auch im folgenden. Plutarch giebt 
die als Sklaven Verkauf ten auf 30000, den Gewinn 
der Staatskasse auf 3000 Talente an, gewifs noch nach Po- 
lybios. Livius: triginta milia servilium^) capitum dicun- 
tur capta; dann eine annalistische Notiz über die Beute, 



1) Ganz ebenso, wie er das Verfahren bei der Eroberung von 
Satiicum YII 27 zum Bessern gewandt hat, freilich unter Berufung 
auf einen ungenannten Gewährsmann (sunt qui . . . scribant, idque 
magis verisimile est . . .). 



528 Fünfter Abschnitt. 



leider unvollständig und verdorben; nur das Gold wird be- 
ziffert und, obwohl hier eine gröfsere Summe in Gold als in 
Silber gefunden sein wird,^) offenbar viel zu hoch auf 
83 000 Pfund. Wieder eine Beschönigung — darf man wohl 
annehmen: des Livius selbst? — ist es, dafs Fabius befiehlt: 
deos iratos Tarentinis relinquere. Wir wissen, dafs er viel- 
mehr von zwei Kollossen den einen, Herakles, aufs Kapitel 
brachte, den andern, den Zeus des Lysippos, nur zurück- 
liefs, weil er ihn nicht transportieren konnte Plin. N. H. 
XXXIV 7, 40. Yergl. auch Lucil. ed. L. MüUer XYI 9: 
Lysippi Juppiter ista Transibit quadraginta cubita altus Ta- 
rento. Bemerkenswert ist, dafs Plutarch zwar jenes Wort 
des Fabius und einiges Ähnliche Livius entlehnt, trotzdem 
aber die Aufstellung des einen Kollosses und eines den 
Fabius selbst darstellenden Reiterstandbildes in Eom er- 
wähnt, übereinstimmend mit De vir. ill. 43, 5 und einer 
Strabostelle. Dabei widerfahrt es Plutarch, dafs er, umge- 
kehrt wie Livius, ja eigentlich auch wie er selbst in der 
Vita des Marcellus, diesen dem Fabius als Muster entgegen- 
steUt.2) 

Ich habe übergangen, dafs Plutarch zu dem Berichte 
über die Gewinnung des bruttischen Offiziers hinzufügt: tavta 
jüihv ovv ol TtXsiörot ypd<pov6t nepi tovtGoy ivtoi Se 
trpr äv^poonovy v<p fjg o Bpitttog j^etr/x3^V> <pot6\v ov 
Tapavxivr\v aWa Bpettiav ro yivo(s ovöav t(p Se 



1) Deshalb halte ich die Ziffer 3080, welche Madvig durch 
Umstellung erzielt hat, für viel zu niedrig. 

2) Dazu haben die Handschrr. noch gar eine Verweisung: cSs* 
iv rdis nepi ineivov yiypanraty welche aber wie viele derartige 
interpohert ist. S. MichaeUs, de ordine vitarum paraUelarum Plu- 
tarchi, Diss. Borl. 1875, S. 12. 



Livios erkennt seinen chronologischen Irrtam. 529 

^aßicp TtaWaKavo/zivrfv y c&g ^ö^^eto noXirrjv xal yvah- 
pt/jLov ovra rov tdov Bperticav äpxovra, r^ ts ^aßitp 
(ppdöai Ha\ övvsXä^ovöay ei<s Xoyov^ vno tb tetxo^ 
ixTretöai xai xatepyäöaöSnxi tov av^poonov. Erfunden 
könnte diese schon wegen des hohen Alters des Konsuls 
höchst gewagte Erzählung allenfalls sein in der Absicht, 
keinen Taren tiner mitwirken zu lassen, damit dies nicht als 
mildernder umstand der Stadt zugerechnet werden könne. 
Allein recht einleucttend ist das nicht, und so mufs denn 
wohl in dem Genre der Erzählung der Beiz für den Er- 
finder gelegen haben. Woher Plutarch die Schnurre haben 
mag, ist nicht zu erraten. Sie aus Antias abzuleiten, dessen 
sie nicht unwürdig wäre, verbietet Appian, der die geläufige 
Fassung hat, es sei denn dafs man annähme, Yalerius habe 
sie als andre Lesart mitgeteilt Eine pikante Erfindung 
genügt es ja als ein „on dit" beizufügen, während man eine 
patriotische natürlich nicht neben die echte Überlieferung 
steUt 

Dafs c. 44 Fabius ntir durch böse Yogel- und Opfer- 
zeichen vor einer Falle bewahrt blieb, welche ihm im Verein 
mit Rinnibal die Metapontiner stellten, wird Livius (Au- 
tarch oben S. 523) nicht Polybios, sondern einer römischen, 
natürlich auf Pictor zurückgehenden Quelle verdanken. Zonar. 
P. 430 A soU statt göttlicher Einwirkung seine Schlauheit 
den Konsul gerettet haben; er vergleicht die Handschrift 
Hannibals in Briefen an die Tarentiner! 

Hat nun also Livius über Tarents Wiedereroberung 
hauptsächlich aus Polybios geschöpft, so mufs ihm bei 
der Gelegenheit seine chronologische Yerfrühnng 
der Polybianischen Stücke klar geworden sein, was 
bekanntlich bei dem spanischen Bericht zu 210 v. Chr. noch 

HoBselbarth, histor. - krit. TJntorsach. 34 



530 Fünfter Abschnitt. 



keineswegs der Fall gewesen ist Er mufste ja in seiner 
Vorlage zurückgreifen, denn Taren ts Fall stand natürlich und 
das damit zusammenhangende Bruchstück steht noch vor der 
Eroberung Neukarthagos, zu Beginn des Buches X. Wenn 
er nun dennoch bei Tarent keinerlei chronologische Bemer- 
kung macht, wenn er den spanischen Bericht von 208 v. Chr. 
nach alter Praxis schon jetzt c. 17 — 20, 8 einsetzt: Aesta- 
tis ejus principio — haec eo anno in Hispania acta, wieder 
ohne chronologische Kechtfertigung, so ist er diesmal der 
Verschiebung sich bewufst und hat die notwendige Kor- 
rektur eben nur vertagt. Damit hängt es wohl zusam- 
men, dass hier zuerst eine fortlaufende Nebeneinanderbe- 
nutzung des Polybios und einer römischen Quelle konstatiert 
wurde. Die weitere Vertagung wurde aber mit dem Ende 
dieses Berichtes wegen Hasdnibals Zug nach Italien unmög- 
lich. Livius entschlofs sich also zum nächsten Jahre über 
Spanien ganz zu schweigen. Wir werden aber sehen, dafs 
er, bei den griechischen Angelegenheiten angelangt, nicht 
die richtige Konsequenz davon gezogen und so einen neuen 
Fehler begangen hat 

• 208 V. Chr. beginnt c. 22. Zu c. 25, wo über Tarent 
vorläufig beschlossen wird, vermifst Weifsenbom Mitteilungen 
über den Triumph des Fabius. Allein ein solcher hat gewifs 
nicht stattgefunden; auf Plutarchs Wendung, dieser Triumph 
sei herrlicher als der erste gewesen, darf man sich nicht 
stützen. 

Noch in demselben Kapitel brechen die Konsuln auf, 
erst Crispinus, dann nach manchen religiösen Hindernissen 
Marcellus, und vereinigen sich zwischen Venusia und Bantia 
gegen HannibaL Über ihren Untergang haben wir die nahe- 
verwandten Berichte des Polybios und Livius, von welchen 



208 r. Chr. UnteTTpanp: des Marcellus. 531 



letzterer nach den Notizen am Schlufs aus Coelius geschöpft 
zu sein scheint, übrigens allerdings von Polybios beeinflufst 
sein könnte, und den ganz abweichenden Appians Annib. 15. 
Was diesen Schriftsteller betrifft, so ist zunächst wohl kein 
Gewicht darauf zu legen, dafs er zwar beide Konsuln Han- 
nibal gegenüber lagern läfst, jedoch bei dem Unglück selbst 
nur Marcellus nennt. Hingegen ist der Hergang sichtlich zur 
Erzielung einer heroischeren Szene zugeschnitten. Die Kon- 
suln verhalten sich, umgekehrt wie bei Livius, ruhig, bis 
Marcellus sieht, wie eine anscheinend kleine Abteilung Nu- 
mider Beute forttreibt Da verfolgt er mit 300 Reitern. 
Als aber plötzlich von allen Seiten Feinde auftauchen (a<pvco 
61 TtoXkoäv tdbv Atßvaov (pavivtoov)^ fliehen die hinter 
ihm. Er, es nicht bemerkend, stürmt immer weiter, bis 
ihn ein Speer durchbohrt. Hannibal besichtigt den Leich- 
nam, bestattet ihn ehrenvoll, nachdem er den Ring abge- 
nommen, und schickt die Überreste dem Sohn ins römische 
Lager. 

Dem gegenüber stimmen jene beiden Relationen darin 
überein, dafs die Konsuln auf einem Rekognoszierungsritt 
überfallen wurden. Aber während dieselben nach Pol. X 32 f. 
zur Begleitung nur zwei Ilen Reiter imd ypo6q)Ofidxov<; 
^eta rdav ßaßSoq>6poav si<s tptdxovta mitnahmen, sind 
es bei Livius 220 Reiter, davon 40 Fregellaner welche stand- 
halten, der Rest Etrusker die sogleich fliehen. Hier liegt 
die Absicht vor, die Unbedachtsamkeit der Feldherren abzu- 
schwächen. Eine andre Abänderung ist nicht so erheblich, 
als es zunächst scheinen könnte, und lag für jeden Erzähler, 
auch Livius selbst, nahe. Polybios bemerkt ausdrücklich, 
dafs die Numider auf dem zwischenliegenden Hügel auf 
eigne Faust, wie auch sonst, auf Beute lauerten, welche 

34* 



532 FOnfter Abschnitt. 



sich vorwagen möchten. Bei Livius ist es c. 26, 7^) Hanni- 
bal selbst, welcher den Hügel deshalb nicht zum Liager wählt, 
quia insidiis quam castris aptiorem eum crediderat, und wel- 
cher aliquot Numidarum turmas in den Hinterhalt legt Da 
Livius indessen c. 27, 3 von dem dieNumider benachrich- 
tigenden Späher sagt, er sei nequaquam in spem tantae rei 
positus, sed siquos vagos pabuli aut lignorum causa longius 
a castris progressos possent excipere, so ist wohl von der 
Quelle nicht anzunehmen, dafs sie von einem grölseren, 
eigens auf die Konsuln gemünzten Hinterhalt gespro- 
chen habe. Wenigstens dünkt mich annehmbarer, dafs Li- 
vius nur vorher den Mund etwas voll genommen, als dafs er 
nachträglich nach Einsicht des Polybios den Ton seiner Quelle 
herabgestimmt habe. Fernerhin giebt Livius genaue Details 
über die Verwundung des Crispinus und des jungen Mar- 
cellus und das Schicksal des Gefolges. Dann die alsbald zu 
besprechenden Quellenangaben. C. 25: Hannibal besetzt den 
Hügel in der Hoffnung auf einen Kampf; ibi inventuni 
Marcelli corpus sepelit; Crispinus gewinnt einen sicheren 
Lagerplatz. Alles das ist gewifs zuverlässig, obwohl die 
UnVollständigkeit des Polybianischen Fragmentes eine Kon- 
trolle nicht zuläfst. 

C. 27, 12 — 14 lautet: Multos circa unam rem ambitus 
fecerim, si, quae de Marcelli morte variant auctores, omnia 
exequi velim. ut omittam alios, Coelius triplicem gestae 
rei ordinem edit: unam traditam fama, alteram scriptam 
laudatione filii, qui rei gestae interfuerit, tertiam, quam 
ipse pro inquisita ac sibi comperta adfert ceterum ita fama 



1) c. 26, 2: insidiis locum quaerobat, hat Livius wohl die Über- 
iiimpolung oiues Kori^s bei Petolia im Auge. 



Platnrchs Vita dos Marcollus. 533 



variat, ut tarnen plerique loci speculandi causa castris egres- 
sum, oinnes insidiis drcumventum tradant. Da erhebliche 
Zweifel zumal gegenüber dem Zeugnis des Sohnes kaum 
Platz greifen konnten, so scheint mir auf der Hand zu lie- 
gen, daüs Coelius die Kritik hier etwas geräuschvoll, und 
zwar wohl mit eklektischer oder vermittelnder Tendenz hand- 
habte; obschon die Worte des Livius die Sache noch wich- 
tiger erscheinen lassen mögen, als sie in der Quelle war. 
Aufser auf Coelius deutet Livius auch auf Valerius, welchen 
omnes einschliefst, plerique ausschliefst. 

Nicht sachlich, aber für die Beurteilung der Tradition 
von gröfster Wichtigkeit ist hier Plutarchs Marcellus. Ich 
lasse c. 1 — 8, welche vor den zweiten punischen Krieg fal- 
len, und auch die sicilischen Angelegenheiten c. 14 — 20, 
für welche aufser Polybios Poseidonios und vielleicht sonst 
noch griechische Quellen in betracht kommen, beiseite. Was 
den Rest betrifft, so scheint mir absolut sicher, dafs Livius 
in erster Linie und direkt benutzt ist, nicht durch Ver- 
mittlung Jubas, wie Soltau ^) wollte. In c. 9 — 11 hat Sol- 
tau selbst einige minimale Differenzen als eigne Zuthaten 
Plutarchs bezeichnet. Sehr wichtig ist die fast wörtliche 
Wiedergabe der Stelle, wo Livius bei der ersten Schlacht 
vor Nola die Yerlustangaben seiner Quelle, des Yalerius, 
XXrn 15 vorträgt: vix equidem ausim adfirmare, quod 
quidam auctores sunt, duo milia et octingentos hostium 
caesos non plus quingentis Romanorum amissis, und sich 
mit dem Urteil begnügt: sed sive tanta sive minor victoria 



1) Eigentlich auch nur auf die Analogie des Fabius gestützt 
VoUgraff hat es, wie ich in der Einleitung bemerkte, vorgezogen, 
den Marcellus ganz unberücksichtigt zu lassen. 



534 Fünfter Abschnitt. 



fuit, ingens eo die res ac nescio an maxima iUo hello gesta 
Sit. non vinci enim ab Hannibale u. s. w. Plut c. 11 Schliils: 
Xiyovrai yap vnep TteyraxKsx^Xiovg aTtoS^aveiv (Yer- 
wechselung mit der folgenden Schlacht oder gewöhnliche 
Zahlendifferenz?) aTtoxtelvai ös^Pcj/iaiGJV ov nXeiova^ 
Tf TtevtaKOöiovg, b öh Aißio<s ovrco jxhr ov dtaße- 
ßaiovrat yeviö^ai jjieyaXrfy fftrar ovdh Tteöeir ve- 
Hpovg roöoirtovg rcov TtoXe/Äicov, xXio^ öh /xiya Map- 
KiXkxf) Ka\ 'Pofjxaiot^ ix xaxcov S^apöo? ano xtj<s pidxv^ 
ixeivTf(S VTtdpSat Sfavjjtaörov , ovx co^ npoq ä/jiaxov 
oödh dr/rrrjroVy aXXd tt xai TtaSfeiv övydßevov öia- 
ycoviS^o/jLivoKs TtoXißiiov. Erst c. 12 in der Mitte bei der 
zweiten Schlacht vor Nola notiert Soltau mit Recht als nicht- 
livianischen Bestandteil die Verteilung langer Spiefse an die 
Soldaten. Diese Eigentümlichkeit ist allerdings deshalb sehr 
bemerkenswert, weil sie mir in die Situation Liv. XXIII, 44 
vortrefflich zu passen^) scheint. Ein Teil der kartha- 
gischen Truppen, offenbar die leichten, sind nämlich auf 
Beute ausgezogen. Und deshalb offenbar sollen die Römer 
diesmal nicht wie sonst möglichst bald zum Schwertkampf 
übergehen. 

Es scheint sich also zu ergeben, dafs Plutarch nebenher, 
direkt oder indirekt, aus demselben Lügenannalisten 



1) Richtig erkannt hat dies und die Verquickung des Liviani- 
schen mit einem andern (wahrscheinlich nichtpolybianischen) Be- 
richte Egelhaaf, a. a. 0. S. 464 ff. Aber ich kann nicht finden, dafs 
Plutarchs Nebenquelle reiner als livius ist. Dafs bei livius ein 
Teil, bei Plutarch der gi-öfste Teil von Hannibals Truppen fortgeschickt 
ist, dafs Plutarch es übergeht, dafs einige davon herbeieüen, und es 
ausspricht, Hannibal sei überrascht worden, scheinen mir Zufällig- 
keiten, die ein solches Vrteil nicht begininden. 



Plutarchs Vitn dos Marcolius. 535 



(Antias) geschöpft hat, welchem Livius zwar auch gefolgt ist, 
aber nicht ohne ihm XXIII 16 ein so entschiedenes Mifs- 
trauensvotum zu erteilen. So begreift sich auch leicht, dafs 
bei Plutarch die Nebenquelle so sehr zurücktritt, und dafs 
er das reservierte, nichtssagende Yotum des Livius sich ein- 
fach zu eigen macht ohne Abweichung oder Zusatz. Unge- 
heuerlich aber ist die Annahme, so respektvoll und 
unselbständig s